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    <title type="text">Blog Luise Pusch</title>
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    <updated>2008-05-10T15:39:28Z</updated>
    <rights>Copyright (c) 2008, Luise F. Pusch</rights>
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      <title>Jubilate Deo</title>
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      <id>tag:fembio.org,2008:biographie.php/frau/blog/3.894</id>
      <published>2008-05-10T15:27:00Z</published>
      <updated>2008-05-10T15:39:28Z</updated>
      <author>
            <name>Luise F. Pusch</name>
            <email>luise.f.pusch@gmail.com</email>
            <uri>http://www.fembio.org</uri>      </author>

      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Aus <em>Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar.</em> Achtzehnte Lektion
</p>
<p>
Bei jenem Seminar mit Frauen der feministisch-matriarchalen <a href="http://www.alma-mater-akademie.de/" title="Akademie Alma Mater">Akademie Alma Mater</a>, von dem ich <a href="http://www.fembio.org/biographie.php/frau/comments/fraeude-schoener-goettin-funken/" title="hier neulich schon berichtet">hier neulich schon berichtet</a> habe, habe ich außer <em>fräuen</em> noch ein anderes schönes Wort gelernt. 
</p>
<p>
Während der Vorstellungsrunde erzählten die Teilnehmerinnen von ihren Berufen und Tätigkeiten. Eine sagte: “Ich bin Jubilate”. Merkwürdig, dachte ich, aber da die Runde das anscheinend ganz selbstverständlich fand, wollte ich nicht unterbrechen und beschloß, die Jubilate im Anschluß zu fragen, was das denn sei, eine Jubilate. 
</p>
<p>
Ich kannte <em>Jubilate</em> nur aus dem Lateinunterricht ("jubelt, jauchzt, frohlockt"), als komplizierten Kanon, den wir drei Kinder mit unserer Mutter beim Spülen und Abtrocknen sangen und als Bezeichnung für den dritten Sonntag nach Ostern, benannt nach dem Beginn des 66. Psalms, <em>Jubilate Deo</em> = <em>Lobet den Herrn</em> oder <em>Jauchzet dem Herrn</em> oder <em>Jauchzet Gott (in allen Landen)</em>. Ja, im christlichen Kulturgut wurde ich gründlich unterwiesen. Das Seminar fand übrigens direkt nach dem Sonntag Jubilate statt. 
</p>
<p>
Weiter ging es mit der Vorstellungsrunde, und alsbald erklärte eine zweite Frau: “Ich bin auch Jubilate”. Jetzt konnte ich meine Neugier nicht mehr bezähmen und fragte: “Und was heißt das?”
</p>
<p>
Das heißt &#8220;Rentnerin&#8221;, erklärten sie mir, und <em>Jubilate</em> gefiele ihnen viel besser als das olle <em>Rentnerin</em>. 
</p>
<p>
Klar, <em>Rentnerin</em> klingt kaum nach Jubel. 
</p>
<p>
Die Idee käme von <a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3833401818/wwwfembioorg-21" target="_blank"" title="Erni Kutter">Erni Kutter</a>, sagten sie, und es sei ein Import aus dem Spanischen. Dort heißt die Rentnerin <em>jubilada</em> und der Rentner <em>jubilado</em>.
</p>
<p>
Zu Hause dachte ich weiter über die Jubilaten nach. Mir fiel ein, daß eine Freundin sich <em>Freifrau</em> nannte, als sie „in Rente ging“ - aber dieses Wort benutzen auch schon geschiedene und sonstwie befreite Frauen. Statt “Ich bin geschieden/Witwe/ledig/kinderlos” oder “die Kinder sind aus dem Haus” heißt es einfach “Ich bin Freifrau”. 
</p>
<p>
Damit nun die Anzahl der Freifrauen nicht ins Uferlose wächst, nennen wir die Rentnerinnen Jubilaten. Sehr erfräulich!
</p>
<p>
Und was ist nun mit Jubilate Deo? Das ist ein besonders hautfreundliches Deo für die Jubilate. 
</p>
 
      ]]></content>
    </entry>

    <entry>
      <title>&#8220;Eigenartige Personen&#8221; &#45; Lesbos hat Probleme mit dem L&#45;Wort</title>
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      <id>tag:fembio.org,2008:biographie.php/frau/blog/3.885</id>
      <published>2008-05-02T18:46:00Z</published>
      <updated>2008-05-05T17:11:23Z</updated>
      <author>
            <name>Luise F. Pusch</name>
            <email>luise.f.pusch@gmail.com</email>
            <uri>http://www.fembio.org</uri>      </author>

      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Aus <em>Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar.</em> Siebzehnte Lektion
</p>
<p>
Ende April meldeten diverse Zeitungen <a href="http://news.bbc.co.uk/2/hi/europe/7376919.stm" title="Erregung aus Richtung Lesbos">Erregung aus Richtung Lesbos</a>: Dimitris Lambrou, Chefredakteur der konservativen Zeitschrift “O Davlou” und zwei Einwohnerinnen der Insel Lesbos wollen einer griechischen Organisation von Lesben und Schwulen verbieten, das Wort <em>lesbisch</em> zu benutzen: &#8220;Wir wenden uns gegen die willkürliche Nutzung des Namens unserer Heimat von Personen, die eigenartig sind&#8221;, heißt es unter anderem in der Klageschrift. “Sie empfänden es als ‘beschämend’, den Namen ihres Geburtsortes zu nennen, da er weltweit mittlerweile etwas völlig anderes bedeute. Der Antrag soll in Athen am 10. Juni behandelt werden.” (HAZ, 30.4.2008)
</p>
<p>
Wenn ihnen das Gericht in Athen Recht gibt, wollen sie weiter gegen die “eigenartigen Personen” prozessieren, erst EU-weit und dann mit Hilfe der EU weltweit. 
</p>
<p>
Ich denke, bald wird Sparta nachziehen und den Gebrauch des Wortes <em>spartanisch</em> im Sinne von “dürftig” verbieten. Spanien wird die <em>spanische</em> Grippe verbieten, England die <em>englische</em> Krankheit (Syphilis), Frankreich die <em>französische</em> Krankheit (Syphilis) und Paris den <em>Pariser</em>. 
</p>
<p>
Und dann die Berliner - höchste Zeit, daß sie den Bäckereien verbieten, ihre Schmalzkrapfen <em>Berliner</em> zu nennen. Ein US-Amerikaner fragte mich einmal, ob Kennedy damals tatsächlich (sinngemäß) verkündet hätte “Ich bin ein Schmalzkrapfen”. Ich konnte ihn beruhigen, das Wort <em>Berliner</em> hätte zwei Bedeutungen, und sein Präsident wäre schon richtig verstanden worden!
</p>
<p>
Hier haben Berlinerinnen definitiv einen Vorteil, genau wie Amerikanerinnen, die mit dem Zuckergußgebäck namens <em>Amerikaner</em> nicht verwechselbar sind. Auch die Frankfurterinnen, Wienerinnen und Pariserinnen können frohlocken, weil sie nicht an Frankfurter oder Wiener (Würstchen) oder gar an Kondome erinnern. Und wie <a href="http://www.fembio.org/biographie.php/frau/blog/der-hamburger-und-die-hamburgerin/" title="Helke Sander hier schon früher bündig festgestellt hat">Helke Sander hier schon früher bündig festgestellt hat</a>, ist auch die Hamburgerin im Gegensatz zum <em>Hamburger</em> keine Bulette oder Frikadelle! 
</p>
<p>
Seit <em>French fries</em> (= Pommes frites) wegen des französischen Widerstands gegen den Irakkrieg in den Kantinen US-amerikanischer Regierungsgebäude zu <em>freedom fries</em> wurden, habe ich nicht mehr eine so groteske Geschichte gehört wie die, die uns da aus Lesbos erreicht. 
</p>
<p>
Frau darf gespannt sein, wie der Streit entschieden wird. Für den Fall, daß wir uns bald umbenennen müssen, haben deutsche Lesben ja schon lange vorgesorgt:&nbsp; BürgerInnen der Insel Lesbos heißen auf Deutsch <em>Lesbier</em> und <em>Lesbierinnen</em>, nicht etwa <em>Lesben</em>. 
</p>
<p>
Wenn das nicht genügt, können wir die raffinierte Praxis von <a href="http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/daphne-du-maurier/" title="Daphne du Maurier">Daphne du Maurier</a> aufgreifen und erstmal <em>venezianisch</em> statt <em>lesbisch</em> sagen. Klingt auch viel schöner. 
</p>
<p>
<img src="http://www.fembio.org/images/uploads/SapphoErinna.jpg" alt="Frauenbild" title="Die Venezianerinnen Sappho &amp; Erinna" style="padding:5px; border:0px;" width="290" height="250" />
<br />
Wenn dann Venedig protestiert, sagen wir einfach <em>urnisch</em>, <em>Urninge</em> und <em>Urninden</em>, wie einst die Grünen, denen der Bundestag noch im Jahre 1988 den Gebrauch der “Gossenausdrücke” <em>Lesben</em> und <em>Schwule</em> untersagte! (1)
</p>
<p>
Das Eigentor aus Lesbos zeigt, daß dort einige nicht klar denken können. Gefühle der Scham werden nicht  durch Verbote neutralisiert, sondern durch offizielle Anerkennung und Aufwertung. Lesben sind nicht eigenartig, sondern großartig. Wirtschaftlich unvernünftig ist der Vorstoß allemal, denn viele zahlungskräftige Lesben zieht es nach Lesbos einzig wegen des Namens und der großartigen Tradition. Lesbos täte gut daran, die rückständige Clique um Lambrou zur Ordnung zu rufen und die von Sappho begründete Tradition stolz zu feiern statt sie zu schmähen. Zum Beispiel mit einem <a href="http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/sappho/" title="Sappho">Sappho</a>-Preis für lesbische Literatur oder für die Lesbe des Jahres. 
</p>
<p>
Sonst könnten Lesben und Schwule sich auf andere Traditionen besinnen und sich <em>griechisch</em> oder <em>katholisch</em> nennen. Dann wird es erstmal lustig!
</p>
<p>
•••••••••••••••
<br />
(1) Vgl. Luise F. Pusch. 1999 (1995). &#8220;Ein Streit um Worte? Eine Lesbe macht Skandal im Deutschen Bundestag&#8221;, in: Pusch, Luise F. 1999. <a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3518394215/wwwfembioorg-21" target="_blank"" title="Die Frau ist nicht der Rede wert: Aufsätze, Reden und Glossen. Frankfurt/M. Suhrkamp TB 2921"><em>Die Frau ist nicht der Rede wert: Aufsätze, Reden und Glossen.</em> Frankfurt/M. Suhrkamp TB 2921</a>. S. 37-67
<br />

</p> 
      ]]></content>
    </entry>

    <entry>
      <title>Fräude, schöner Göttin Funken</title>
      <link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.fembio.org/biographie.php/frau/blog/fraeude-schoener-goettin-funken/" />
      <id>tag:fembio.org,2008:biographie.php/frau/blog/3.877</id>
      <published>2008-04-20T09:39:01Z</published>
      <updated>2008-04-20T18:45:23Z</updated>
      <author>
            <name>Luise F. Pusch</name>
            <email>luise.f.pusch@gmail.com</email>
            <uri>http://www.fembio.org</uri>      </author>

      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Aus <em>Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar.</em> Sechzehnte Lektion
</p>
<p>
Am 18. April war ich in dem schönen <a href="http://www.altenbuecken.de/" title="FrauenBildungshaus Altenbücken">FrauenBildungshaus Altenbücken</a> an der Weser  für ein Seminar mit Frauen der feministisch-matriarchalen <a href="http://www.alma-mater-akademie.de/index.html" title="Akademie Alma Mater">Akademie Alma Mater</a>. Im Vorfeld hatte mir Astrid Wehmeyer geschrieben “Ich fräue mich”, und fräudig schrieb ich zurück, “ich fräue mich auch”. Schließlich sind <em>Fräude</em>, <em>erfräulich</em> und <em>fräuen</em> für die Silbe <em>fräu</em> ein viel hübscheres Ambiente als <em>Fräulein</em>! 
</p>
<p>
Im Laufe des Seminars erkundigte ich mich dann nach dieser Wortschöpfung und erfuhr, daß Dagmar Margotsdotter Fricke sie hervorgebracht hat, um daran zu erinnern, daß <em>Freude</em> von <em>Frau</em> kommt, was ja in der modernen Schreibweise gar nicht mehr zu erkennen und daher völlig in Vergessenheit geraten sei. 
</p>
<p>
Die meisten Teilnehmerinnen des Studiengangs benutzten die neue Schreibweise selbst eifrig und fräuten sich über Dagmars Erfindung. Andere lehnten sie ab, <em>Fräude</em> erinnere sie zu sehr an <em>Räude</em>. Ich sagte, mich erinnere diese Schreibweise auch an <em>Räude</em>, aber mir leuchte der Bezug von <em>Frau</em> zu <em>Fräude</em> unmittelbar ein, die Assoziation an <em>Räude</em> fände ich dagegen eher abwegig, etwa wie die von <em>Frau</em> an <em>rau</em>. 
</p>
<p>
Ich gestand dann, von einer etymologischen Verwandtschaft zwischen <em>Frau</em> und <em>Freude</em> hätte ich allerdings noch nie etwas gehört. Wieder zu Hause, las ich in einigen etymologischen Wörterbüchern nach - auch sie wollen nichts davon wissen, sondern meinen, <em>Freude</em> und das verwandte <em>froh</em> gingen eher auf <em>Frosch</em> zurück, wegen des Hüpfens! Also wirklich. 
</p>
<p>
Erfräulicher ist da wie immer das <a href="http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbuecher/dwb/wbgui?lemmode=lemmasearch&amp;mode=hierarchy&amp;textsize=600&amp;onlist=&amp;word=freuen&amp;lemid=GF09016&amp;query_start=1&amp;totalhits=0&amp;textword=&amp;locpattern=&amp;textpattern=&amp;lemmapattern=&amp;verspattern=#GF09016L0" title="Grimmsche Wörterbuch">Grimmsche Wörterbuch</a>; die famosen Brüder geben zu, “dies <em>freuen</em> gehört zu <em>froh</em>, <em>fravi</em> und <em>frauja</em>“  - verraten allerdings nicht, daß <em>frauja</em> und <em>fraujo</em> “hochgestellte Persönlichkeit” bedeuten, <em>frauja</em> die männliche und <em>fraujo</em> die weibliche. Wundert uns nicht, daß hochgestellte Persönlichkeiten auch hochgestimmt sind und sich fräuen! <em>Fraujo</em> wurde später zu <em>Frau</em> abgekürzt; für den hochgestellten Mann setzte sich <em>Herr</em> durch. 
</p>
<p>
Ich fand auch sonst noch viel Hübsches unter dem Stichwort <em>freuen</em> im Grimmschen Wörterbuch, aber darüber mehr in einer späteren Lektion. Einstweilen wollen wir uns einfach fräuen und mit Schillern die <em>Ode an die Fräude</em> singen, seit 1985 auch offizielle Europahymne: 
</p>
<blockquote><p>Fräude, schöner Göttin Funken,
<br />
Tochter aus Elysium,
<br />
Wir betreten feuertrunken,
<br />
Himmlische, dein Heiligthum.</p></blockquote>
<p>
Nebenbei liefern diese vier Zeilen auch ein brauchbares Argument gegen das angeblich geschlechtsneutrale “generische Maskulinum”. In der <em>Ode an die Fräude</em> redet Schiller die Fräude als “Tochter” an und preist sie als “Himmlische”. Obwohl <em>Fräude</em> ein Abstraktum ist, denkt der Dichter, weil es ein Femininum ist, nur an holde Weiblichkeit. Von uns, Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher, aber erwartet mann, daß wir bei maskulinen Personenbezeichnungen wie <em>jedermann</em> oder <em>König Kunde</em> an Frauen denken. Unsinnig und sehr unerfräulich!
</p> 
      ]]></content>
    </entry>

    <entry>
      <title>Schluß mit der Duldungsstarre</title>
      <link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.fembio.org/biographie.php/frau/blog/schluss-mit-der-duldungsstarre/" />
      <id>tag:fembio.org,2008:biographie.php/frau/blog/3.869</id>
      <published>2008-04-12T18:36:00Z</published>
      <updated>2008-04-13T12:01:00Z</updated>
      <author>
            <name>Luise F. Pusch</name>
            <email>luise.f.pusch@gmail.com</email>
            <uri>http://www.fembio.org</uri>      </author>

      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Berit, Angelika, Juanita und ich saßen kürzlich mal wieder gemütlich im Restaurant bei Flammkuchen und Bier; diesmal feierten wir das Erscheinen von <a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3835302809/wwwfembioorg-21" target="_blank"" title="Die Eier des Staatsoberhaupts"><em>Die Eier des Staatsoberhaupts</em></a>. Berit hatte mir Stoff für die nächste Glosse mitgebracht - ein verrücktes Wort, das sie eben erst kennengelernt hätte: <em>Duldungsstarre</em>. 
</p>
<p>
Uns schwante nichts Gutes, wir konnten uns schon allerlei Unschönes denken. Frau ist ja nicht weltfremd. Wir alle kennen den Rat “Augen zu und an England denken”, den viktorianische Mütter ihren Töchtern für die Hochzeitsnacht mitgaben. 
</p>
<p>
Berit zog einen Zettel aus der Tasche und las vor: “Die Duldungsstarre bezeichnet einen Zustand vor allem weiblicher Säugetiere ... während der Begattung durch das Männchen. Dabei verharrt das Weibchen in einer für die Penetration günstigen Stellung, bis der Geschlechtsakt vollzogen ist. Beim Schwein wird die völlige Apathie durch ein Duftdrüsen-Sekret des Ebers ausgelöst.” (aus Wikipedia)
</p>
<p>
Das erinnerte uns fatal an sogenannte &#8220;Date Rape Drugs&#8221; - “Drogen, mit denen die Opfer hilflos bzw. willenlos gemacht werden, sodass sie nicht imstande sind, sich einem Geschlechtsverkehr zu widersetzen. Oftmals können sie sich nicht mehr erinnern, was geschah. Die Drogen sind normalerweise farblos, ohne Geruch oder Geschmack und können somit leicht ohne das Wissen des Opfers in Getränke  gemischt werden.“ (zitiert nach <a href="http://www.drogen-wissen.de/DRUGS/DW_GE/date_rape.shtml" title="www.drogen-wissen.de">www.drogen-wissen.de</a>)
</p>
<p>
Also von den Ebern haben die Unholde sich das abgeschaut. 
</p>
<p>
Ich hatte auch ein neu gelerntes Wort beizusteuern, <em>Gattenekel</em>, geprägt von Thomas Mann und quasi das Pendant zur <em>Duldungsstarre</em>. Manns Schwester Julia war morphiumsüchtig, und sie brauchte die Droge anscheinend, um ihren <em>Gattenekel</em> zu überwinden und ihre <em>Duldungsstarre</em> selbst herbeizuführen. Als auch das nicht mehr half, brachte sie sich um. Dazu Thomas Manns Sohn Golo in seinen Erinnerungen: &#8220;Wenn [in dem Roman &#8216;Lotte in Weimar&#8217;] ... im inneren Monolog Goethes die Schwester Cornelia an &#8216;Gattenekel&#8217; leidet, so litt Julia auch daran, und wer den Hofrat Löhr kannte, mag es begreifen. Ihre Neigung zum Morphium ... kam von daher; was der Bankier nur zu oft von ihr wollte, konnte sie ohne das erlösende Gift nicht prästieren.&#8221;
</p>
<p>
Deutliche Worte, wie wir Frauen sie aus Männermund höchst selten vernehmen. Wahrscheinlich waren Mann Vater &amp; Sohn nur deshalb dazu fähig, weil sie als Schwule die „ehelichen Pflichten/Freuden“ selber skeptisch sahen. 
</p>
<p>
Arme Julia. Armes Schwein. Aber Julia noch mehr - anders als die arme Sau nahm sie dem Ekelgatten sogar noch die Arbeit der Narkotisierung ab. 
</p>
<p>
Also Mädels: Schluß mit der Duldungsstarre. Augen auf, und an uns selber denken! Und gegen Gattenekel hilft zuverlässig eine Scheidung. 
</p>
 
      ]]></content>
    </entry>

    <entry>
      <title>Geburtstag</title>
      <link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.fembio.org/biographie.php/frau/blog/geburtstag/" />
      <id>tag:fembio.org,2008:biographie.php/frau/blog/3.865</id>
      <published>2008-04-05T10:27:00Z</published>
      <updated>2008-04-05T20:50:02Z</updated>
      <author>
            <name>Luise F. Pusch</name>
            <email>luise.f.pusch@gmail.com</email>
            <uri>http://www.fembio.org</uri>      </author>

      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Aus <em>Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar</em>. Fünfzehnte Lektion
</p>
<p>
Vorgestern hatte Kate Geburtstag. Ich habe ihr gratuliert, aber nicht Joey, ihrer Mutter. Das fiel mir erst nachträglich ein. Als meine Mutter noch lebte, habe ich zu meinem Geburtstag immer ihr gratuliert. Wohl ist es ein Grund zum Feiern, daß ich vor Jahrzehnten mal “das Licht der Welt erblickte”, aber gratuliert wird doch meist zu einer Leistung, einer bestandenen Prüfung, einer überstandenen Operation. Sicher ist eine Geburt anstrengend auch für das Baby, aber die Mutter erlebt die Anstrengung bewußt und hat vorher monatelang Zeit, sich darauf gefaßt zu machen. Eine besonders ehrliche junge Mutter, Anke Sieber, gestand mir einmal: “Alle sagen immer, eine Geburt ist das Größte, was du erleben kannst. Wenn mir vorher jemand verraten hätte, wie grauenvoll das in Wirklichkeit ist, hätte ich mich nie darauf eingelassen. Aber dann steckst du fest und musst da durch, du kannst nicht mehr zurück.” 
</p>
<p>
Das Überleben einer solchen Tortur verdient jedes Jahr ein rauschendes Fest - für Mutter <strong>und</strong> Kind. 
</p>
<p>
“Ich bin in Gütersloh geboren.” Dieser Satz klingt ganz normal, dabei ist er grammatisch seltsam. Ich <strong>wurde</strong> in Gütersloh geboren, liebevoll erzogen, einige Male operiert, dann wurde ich eingeschult, später konfirmiert. Aber nie würde ich sagen: “Ich <em>bin</em> in Gütersloh erzogen, operiert, eingeschult und konfirmiert.”
</p>
<p>
“Ich bin in Gütersloh geboren” ist dagegen gängige Redeweise. Daß ich geboren <strong>wurde</strong>, von meiner Mutter unter großen Schmerzen und nach beschwerlicher Schwangerschaft - von dieser unwesentlichen Kleinigkeit ist in dem Satz nichts mehr übriggeblieben. Das so genannte Zustandspassiv wird mit <em>sein</em> statt <em>werden</em> gebaut und ergibt üblicherweise Sätze wie “Sie ist frisch operiert, gut versorgt und bestens untergebracht.” “Ich bin geboren”, paßt nicht in die Reihe. Geborensein ist, anders als Versorgtsein, kein Zustand. Nein, hier (und nur hier) dient die Konstruktion dem totalen Ausblenden der Mutter. 
</p>
<p>
Die Feministin Marianne Wex schrieb in ihrer Selbstdarstellung für das Buch <em>Feminismus: Inspektion der Herrenkultur</em>, das ich 1983 herausgab: “Meine Mutter Ingeborg Magdalena gebar mich 1937 in Hamburg am 13. Juli. Sie lebte in großem Elend, in einer Situation, die Familie genannt wurde.” Ja, so kühn und eigenwillig formulierte frau damals noch. 
</p>
<p>
Marianne Wex lenkt die Aufmerksamkeit von sich weg auf ihre Mutter, die sie gebar. Das ist eine sehr bewußte feministische Korrektur der allgemeinen Sehweise, die die Mutter eliminiert. 
</p>
<p>
Als Herausgeberin von Frauenbiographien bekomme ich täglich Sätze wie “Sie wurde in Bebra als Tochter eines Bierkutschers geboren” auf den Tisch, auch von frauenbewußten Frauen. Sie folgen einfach gedankenlos der Tradition, nach der nur der Beruf des Vaters aussagekräftig ist. Die Mutter - war ja eh bloß  Muttertier, völlig vorhersagbar. Feministinnen wie Marianne Wex sehen das anders. Vorhersagbar oder nicht - es geht einfach darum, weibliche Leistungen zu würdigen. 
</p>
<p>
Und was sollen wir von der Redeweise halten, daß meine Mutter mich am Tag meiner Geburt “zur Welt brachte”? Auf der Welt, nämlich im Bauch meiner Mutter, war ich da doch schon neun Monate lang gewesen. Oder gehörte meine Mutter während der Schwangerschaft etwa nicht zur Welt? 
</p>
<p>
Am Tag der Geburt ist das Kind zwar schon monatelang “auf der Welt”, aber erst an diesem Tag “erblickt es das Licht der Welt” - falls es Lust hat, die Augen zu öffnen. 
</p>
<p>
Wie all diese Beispiele zeigen, wird die Geburt eher aus der Sicht des Kindes gesehen. Ich nehme an, das liegt daran, daß Männer nicht gebären können - für die meisten eine fremde Welt, die praktisch nicht existiert. Für die Abtreibungsproblematik gilt dasselbe - wenn Männer sich auch mit der Mutter identifizieren könnten, gäbe es vermutlich viel weniger Streit. Aber sie können sich auf der kreatürlichen Ebene nur mit dem Kind identifizieren, deshalb sind die meisten instinktiv schon mal gegen die Abtreibung: Sehr beunruhigende Vorstellung, daß ausgerechnet das schwache Geschlecht am Hebel sitzt und dem Herrn der Schöpfung nicht nur “das Leben schenken”, sondern auch nehmen kann. 
</p>
<p>
Ist schon recht, wenn wir dem Geburtstagskind zu seiner Überlebensleistung gratulieren. Aber nicht die Mutter vergessen, die ihr “das Leben schenkte”. Etwas blumig, der Ausdruck, und ähnlich problematisch wie “zur Welt bringen”. Bleiben wir beim guten alten “gebären”. Paßt auch am besten zu <em>Geburtstag</em>.
</p> 
      ]]></content>
    </entry>

    <entry>
      <title>&#8220;Die fröhliche Landfrau&#8221; von Robert Schumann</title>
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      <id>tag:fembio.org,2008:biographie.php/frau/blog/3.864</id>
      <published>2008-03-31T11:23:00Z</published>
      <updated>2008-05-05T07:27:23Z</updated>
      <author>
            <name>Luise F. Pusch</name>
            <email>luise.f.pusch@gmail.com</email>
            <uri>http://www.fembio.org</uri>      </author>

      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Aus <em>Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar</em>. Vierzehnte Lektion
</p>
<p>
Über die neue Dating-Show der ARD “Ich weiß wer gut für dich ist” schreibt die <em>HörZu</em>: “Junges und Frisches genießt Priorität im Ersten, wie Ilka, einer von elf Singles …. 
</p>
<p>
“Ilka der Single” - klingt schon komisch. 
</p>
<p>
“Fragen Sie den Coach”, heißt eine Kolumne in der <em>FAZ</em> zum Wochenende, und der Coach heißt Sonja Streit. 
</p>
<p>
Diese Übernahmen aus dem Englischen sind im Original alle geschlechtsneutral, werden im Deutschen aber automatisch männlich, egal wie unsinnig das sein mag. <em><strong>Der</strong> Babysitter</em> z.B. - ist fast immer ein Mädchen oder eine Frau. Dito <em><strong>der</strong> Teenager</em> - daß Teenager Mädchen sind, ist so selbstverständlich, daß die weibliche Form “Teenagerin” nicht mal existiert, anders als etwa bei der <em>Managerin</em>. Auch <em>der Vamp</em> kommt mir eher weiblich vor, über <em>den Freak</em> und <em>den Nobody</em> ließe sich diskutieren…
</p>
<p>
Aus einem Podcast über Mikomoto, den japanischen Erfinder der Perlenzucht, erfuhr ich, daß &#8220;Perlentaucher&#8221; fast immer Perlentaucher<strong>innen</strong> sind - offenbar können Frauen unter Wasser viel länger die Luft anhalten. 
</p>
<p>
Frauen werden durch Vermännlichung unsichtbar gemacht, unsere Tätigkeiten, Leistungen und Fähigkeiten werden den Männern zugeschrieben und durch Metaphorisierung (wie im Falle des populären Web-Portals “Perlentaucher”) wird die feindliche Übernahme fortgesetzt: Männer produzieren einen Haufen Feuilletons, darunter gibt es sogar ein paar Perlen, und die bringt uns “der Perlentaucher” zuverlässig nach oben, zur Kenntnis. - Natürlich kennen wir das alles schon bis zum Abwinken; dennoch ist es wichtig, sich die Einzelfälle klar zu machen und dies und das parat zu haben, wenn wieder die alte Frage kommt “Habt Ihr nichts Wichtigeres zu tun als ewig an der Sprache rumzukritteln?!” 
</p>
<p>
Praktischer als kritisieren und diskutieren ist jedoch zügig feminisieren: Wenn wir <em>die/der Abgeordnete</em> haben, ist <em>die/der Coach</em>, <em>die/der Teenager</em>, <em>die/der Babysitter</em>, <em>die/der Single</em> nur logisch und eindeutig die bessere Entsprechung des Originals. 
</p>
<p>
Zum Abschluß eine schöne Anekdote von dieser Spielwiese. Bei einem unsere letzten Telefonate erzählte Joey, sie habe jetzt den Cellopart in einem Klaviertrio übernommen, und da sie alle sehr aus der Übung seien, spielten sie zum Aufwärmen erstmal “The Happy Farmer”. “Und was ist das?” fragte ich - dann dämmerte es mir: Sie spielen den “Fröhlichen Landmann” von Schumann (welche Klavierschülerin kennt nicht diesen Ohrwurm) in einer Bearbeitung für Klaviertrio.
</p>
<p>
Ich prustete los, verstand erst gar nicht wieso - aber irgendwie fand ich “The Happy Farmer” für den ehrwürdig-biederen “Fröhlichen Landmann” aus meinen Kindertagen unwiderstehlich komisch. 
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<p>
 “The Happy Farmer” ist aber nicht nur komisch, sondern vor allem schön englisch neutral, genau wie <em>coach</em>, <em>babysitter</em>, <em>single</em>, <em>teenager</em>, <em>pearl diver</em>. 
</p>
<p>
Gut möglich, daß englischsprachige Kinder sich eine fröhliche Landfrau vorstellen, wenn sie “The Happy Farmer” klimpern.&nbsp;
</p> 
      ]]></content>
    </entry>

    <entry>
      <title>Großmama packt aus, Großpapa kann einpacken</title>
      <link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.fembio.org/biographie.php/frau/blog/grossmama-packt-aus-grosspapa-kann-einpacken/" />
      <id>tag:fembio.org,2008:biographie.php/frau/blog/3.854</id>
      <published>2008-03-23T10:37:00Z</published>
      <updated>2008-03-23T16:44:04Z</updated>
      <author>
            <name>Luise F. Pusch</name>
            <email>luise.f.pusch@gmail.com</email>
            <uri>http://www.fembio.org</uri>      </author>

      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Während der letzten beiden Wochen habe ich mir bei der Hausarbeit und vor dem Schlafengehen zwei schöne Bücher vorlesen lassen: Erst <a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3596170656/wwwfembioorg-21" target="_blank"" title="Zeitlupe"><em>Zeitlupe</em></a> (Slow Man) von J.M. Coetzee (Sprecher: Christian Brückner), danach <a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3423135212/wwwfembioorg-21" target="_blank"" title="Großmama packt aus"><em>Großmama packt aus</em></a> von Irene Dische, gelesen von Hannelore Hoger. 
</p>
<p>
Diese beiden Bücher aus dem Jahre 2005 waren gerade in der Stadtbibliothek vorrätig - daß ich sie fast gleichzeitig kennenlernte, ist also reiner Zufall. Umso erstaunlicher, wie viele Parallelen die Bücher aufweisen. Beide AutorInnen singen - wenn auch in modern unterkühltem Ton - unbeirrt das Hohelied der Frau: Frauen schmeißen den Laden, behalten die Nerven, ohne sie geht alles schief. Kein Wunder, daß die Bücher mir gefielen. So viel entschlossenes Frauenlob sind wir bei “großer Literatur” gar nicht mehr gewöhnt. 
</p>
<p>
<a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3935125518/wwwfembioorg-21" target="_blank" /><img src="http://www.fembio.org/images/uploads/Zeitlupe.jpg" alt="Frauenbild" title="Coetzee, Zeitlupe (Hörbuch)" style="padding:5px; float:left; border:0px;" width="200" height="180" /></a>Von <em>Großmama packt aus</em> hatte ich schon viel Gutes gehört,  <em>Zeitlupe</em> hingegen war mir gänzlich unbekannt. Ich lieh mir das Hörbuch aus, weil mich Coetzees <a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3596150981/wwwfembioorg-21" target="_blank"" title="Schande"><em>Schande</em></a> (Disgrace) so tief beeindruckt hatte. 
</p>
<p>
In <em>Zeitlupe</em> nun begegnete ich demselben mürrischen, desillusionierten Ich-Erzähler wie in <em>Schande</em>; er heißt zwar anders, aber eigentlich ist es derselbe Typ: Ein lakonischer älterer Mann von schmerzhafter Ehrlichkeit und Intensität. Humor ist nicht seine Stärke. Er hat ein Problem mit Frauen - er braucht sie, aber er ist auch schwierig und bindungsscheu. Deshalb kauft er sich manchmal Sex oder läßt sich von Frauen sexuell bedienen, an denen ihm eigentlich nichts liegt. Er findet das nicht gut, aber er läßt es sich durchgehen. 
</p>
<p>
Ich mag diesen selbstkritischen, illusionslosen, “zersetzenden”  Coetzee-Sound, besonders in Zeiten betäubenden Festtagsrummels wie jetzt um Ostern. Da es in beiden Büchern, <em>Schande</em> wie <em>Zeitlupe</em>, exakt derselbe Sound ist, nehme ich an, daß wir hier den Autor selbst vernehmen. 
</p>
<p>
Auch Großmama erzählt in der Ich-Form, auch sie hat einen bald mürrischen, bald barschen Ton, ist lakonisch und unsentimental (diesen Ton trifft Hannelore Hoger perfekt). Das Grauen, das beiden ProtagonIstinnen zustößt, wird ohne Selbstmitleid abgehandelt. Coetzees Held hat durch einen Unfall ein Bein verloren; Disches Heldin mußte mit ihrer Familie vor den Nazis fliehen und sich in New York mühevoll eine neue Existenz aufbauen. Auch in Coetzees Buch spielt eine Emigrantin eine zentrale Rolle: Die Kroatin Marijana Jokic, Pflegerin des Helden, deren Familie nach der Auflösung Jugoslawiens ihr Glück in Australien sucht. 
</p>
<p>
Beide AutorInnen machen Ausflüge ins Magische; Coetzee gibt seinem Helden ein “übersinnliches” alter Ego namens Elizabeth Costello bei; Disches Großmama bringt noch aus dem Grab heraus ihre Familiengeschichte auf den letzten Stand. 
</p>
<p>
Soweit die Parallelen, nun einige Unterschiede:
<br />
<a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3455304591/wwwfembioorg-21" target="_blank" /><img src="http://www.fembio.org/images/uploads/Grossmama.jpg" alt="Frauenbild" title="Dische, Großmama packt aus (Hörbuch)" style="padding:5px; float:right; border:0px;" width="200" height="200" /></a>Coetzees Held Paul Rayment ist Atheist und voller Selbstkritik und Selbstzweifel, Großmama Elisabeth Rother dagegen ist gläubige Katholikin und herausfordernd selbstgerecht; sie sieht lieber andere kritisch als sich selbst, was viele komische Effekte ergibt. Während Rayment sein Leid stoisch erträgt und die Zähne zusammenbeißt, ist Großmama auf strategische Weise hypochondrisch und kündigt jedes Jahr aufs neue an, dies Jahr werde ihr letztes sein. Sie wird aber über neunzig und plaudert wie gesagt auch noch aus dem Grabe munter weiter. Rayment ist ein dünnlippiger Miesepeter; Großmama dagegen ist voller Saft und Kraft und sinnlichen Genüssen zugetan, die sexuellen ausgenommen. Denen zieht sie entschieden ihre Plätzchen vor. 
</p>
<p>
“Das Unaussprechliche”, wie sie es nennt, wollen die Männer, und frau gibt eher widerwillig nach. Für Rayment ist Sex das zentrale Thema; all seine Gedanken kreisen darum, wie er die viel jüngere und zudem katholische und verheiratete Marijana rumkriegen kann. Das geht selbst einer geduldigen und wohlmeinenden Hörerin bisweilen auf die Nerven, obwohl der Held sich diesmal ausnahmsweise seines hinderlichen Altersvorsprungs schmerzlich bewußt ist. 
</p>
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 ###
</p>
<p>
Plötzlich nistet sich Elizabeth Costello bei Rayment ein; sie ist ihm lästig, läßt sich aber nicht so leicht vertreiben. Sie scheint allwissend zu sein und drängt den mißmutigen, zögerlichen Rayment zu mehr Entschlossenheit und jugendfrischer Action. Ähnlich drängt auch Großmama ihren jüdischen Ehemann, Nazi-Deutschland frühzeitig zu verlassen, aber er bleibt unbeweglich, bis es fast zu spät ist. Ohne Großmamas Tatkraft und Flexibilität hätte die Familie nicht überlebt, auch nicht in der Emigration. Die Kroatin Marijana, nach der ihr Patient sich verzehrt, spielt für ihre Familie dieselbe Rolle - ohne sie ginge es in der Fremde keinen Schritt weiter. 
</p>
<p>
Elizabeth Costello (vor <em>Slow Man</em> widmete Coetzee ihr schon ein ganzes Buch), ist erkennbar das <em>alter ego</em> des Verfassers, sein “besseres” oder “ideales Selbst”. Daß er sein ideales Selbst als weiblich imaginiert, sagt viel über Coetzees einsame Klasse. 
</p>
<p>
Coetzees Helden können ohne Frauen nicht leben; die Frauen hingegen kommen gut ohne Mann aus. Dieselbe Botschaft schallt uns auch aus dem autobiographischen Familienroman von Irene Dische entgegen: die Männer  - hochintelligent, aber oft selbstbezogen, fast autistisch - sind allein kaum lebensfähig. Sie ähneln Rayment, der ohne seinen Plagegeist Elizabeth Costello “nicht aus sich herauskann”. Bei Dische kommt hinzu, daß auch die Frauen nicht ohne Frauen auskommen - deshalb macht ihr Roman auch viel mehr Spaß als Coetzees. 
</p>
<p>
Insofern gute Literatur eine hellsichtige Diagnose ihrer Zeit ist - was lernen wir aus diesen Büchern? Ohne Frauen geht die Welt zugrunde (der Mann, eher ein Klotz am Bein, wird gutmütig, bisweilen sogar zärtlich, mitgeschleift). Das wußten wir zwar schon, aber es tut gut, es nicht nur zu denken, sondern auch mal aus berufenem und öffentlich belobigtem Munde zu hören. 
</p>
<p>
Oder, um es mit der triumphalen Erkenntnis Großmamas zu sagen, mit der sie ihre Familiensaga beschließt:&nbsp; “Wirklich - es geht nichts über eine Tochter.” 
</p>
 
      ]]></content>
    </entry>

    <entry>
      <title>Ein liebendes Pferd</title>
      <link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.fembio.org/biographie.php/frau/blog/ein-liebendes-pferd/" />
      <id>tag:fembio.org,2008:biographie.php/frau/blog/3.851</id>
      <published>2008-03-15T21:04:00Z</published>
      <updated>2008-03-16T10:27:14Z</updated>
      <author>
            <name>Luise F. Pusch</name>
            <email>luise.f.pusch@gmail.com</email>
            <uri>http://www.fembio.org</uri>      </author>

      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Martin Walsers neuer Roman, <em>Ein liebendes Pferd</em>, bildet - nach <em>Ein springender Mann</em> und <em>Ein fliehender Brunnen</em> - den Abschluß seiner Partizipialtrilogie. Möglich, daß ich die Titel nicht ganz genau auf die Reihe gekriegt habe. Vielleicht baut er die Serie noch zu einer Heptalogie aus, um mit Grass’ <em>Tierleben</em> gleichzuziehen (<em>Katz und Maus</em>, <em>Hundejahre</em>, <em>Aus dem Tagebuch einer Schnecke</em>, <em>Der Butt</em>, <em>Die Rättin</em>, <em>Unkenrufe</em> und <em>Im Krebsgang</em>) - aber die Zeit wird knapp. 
</p>
<p>
Es geht in dem Roman um die Liebe des 73jährigen Goethe zu der 19jährigen <a href="http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/ulrike-von-levetzow/" title="Ulrike von Levetzow">Ulrike von Levetzow</a>. Sie lehnt seinen Heiratsantrag ab, und er ergießt seinen Schmerz in die Marienbader Elegie, ein Kleinod deutscher Dichtkunst. 
</p>
<p>
Viele Rezensenten und besonders Rezensentinnen fühlen sich von der derzeit grassierenden Thematik “Alter Mann mit junger Frau” zunehmend belästigt und sprechen von Altersgeilheit: 
</p>
<blockquote><p>Diese alten Männer. Weit jenseits der siebzig, müssen sie sich wohl alle in junge Mädchen verlieben. Warum muss das sein? Das weiß man nicht. Aber die alten Männer der Literatur schwelgen darin. Nach Martin Walser, dessen Thema ermüdender- und langweiligerweise in den letzten vier Romanen die &#8220;Altersgeilheit&#8221; ist, hat sich nun auch der 75-jährige Nobelpreiskandidat Philip Roth darauf besonnen. Und leider, wie bei Walsers Romanen, ist auch dieses Werk eher misslungen.</p></blockquote> <a href="http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=11761" title="(Georg Patzer in literaturkritik.de)">(Georg Patzer in literaturkritik.de)</a>

<p>
Ich finde, die alten Männer haben schon ein Recht darauf, dem Lesevolk von ihrem Altmännerleid, von Gebrechlichkeit, Impotenz und Inkontinenz zu künden - wir müssen es ja nicht lesen. 
</p>
<p>
Es ist ein ernstes und erzählenswertes Thema, wenn der Körper nicht mehr will. Was mich aber schon immer genervt hat, ist die Selbstverständlichkeit, die die Kombi “Alter Mann, junge Frau” für diese alten Herren hat, die sonst so sensibel alles und jedes problematisieren. 
</p>
<p>
Es fiel mir zuerst an der autobiographischen Erzählung <em>Montauk</em> (1975) von Max Frisch auf. Er ist über 60 und hat eine Affäre mit einer 30jährigen Frau. Über alles mögliche denkt er differenziert nach, aber nicht darüber, daß die umgekehrte Konstellation - alte Frau mit jungem Mann - skandalös und lachhaft wäre. Nein, lachhaft kommt er sich keinen Moment vor. 
</p>
<p>
Es ging mir wohl auch deshalb so auf den Geist, weil ich, als <em>Montauk</em> rauskam und ähnlich wie derzeit Walsers <em>liebender Mann</em> überall diskutiert wurde, von einem 30 Jahre älteren Schriftsteller umworben wurde. Es war mir besonders peinlich, in der Öffentlichkeit von ihm so verliebt umgurrt und gegen meinen Willen als “seine Trophäe” präsentiert  zu werden, die ihn wiederum zum “tollen Hecht” machte. Auf die Idee, daß mir das peinlich sein könnte, wäre auch dieser im übrigen hochsensible Mann nie gekommen. Er verschenkte seine Gunst schließlich nicht an jede und gewährte mir damit eine Auszeichnung, auf die ich stolz zu sein hatte. Zartere Zeichen meines Unmuts prallten an seiner Selbstgewißheit ab; schließlich mußte ich richtig grob werden.
</p>
<p>
Der Rezensent fragt: “Diese alten Männer.&nbsp; ... Warum muss das sein? Das weiß man nicht.”
</p>
<p>
Mann <em>will</em> es wohl nicht wissen, denn mit nur wenig Nachdenken ließe sich das “Rätsel” schon lösen. 
</p>
<p>
Der Schlüssel liegt genau in der obszönen Asymmetrie: 
<br />
<blockquote><p>Alter Mann &amp; junge Frau - ok. 
<br />
Alte Frau &amp; junger Mann - skandalös.</p></blockquote> 
<br />
Auf eine ältere Frau lassen sich nur “sozial benachteiligte” jüngere Männer ein, wie uns Männer mit Filmen wie <em>Angst essen Seele auf</em> (Faßbinder) oder <em>Die Mutter</em> (nach Kureishi) gerne einschärfen. Ein „richtiger“ Mann ist sich dafür nämlich zu schade. <em>Lieben Sie Brahms</em> ist eine absolute Ausnahme, und nicht zufällig stammt der Plot von einer Frau, Françoise Sagan. 

<p>
Dieselbe Asymmetrie herrscht in der Prostitution. Der Mann kann sich eine Frau kaufen, wenn ihm der Sinn nach Sex steht; die Frau kann das nicht; sie will es wohl auch nicht. - Die Welt durfte es ja gerade wieder mit Eliot Spitzer erleben, dem Governor des Staates New York, der jetzt zurücktreten mußte, nachdem seine Beziehung zu einem Call-Girl-Ring aufgeflogen war. Zwar haben wir immer mehr Frauen auch in höchsten politischen Ämtern - aber die müssen auf andere Weise Entspannung suchen. 
</p>
<p>
Die <em>Chicago Herald Tribune</em> hatte eine bedrückende Fotogalerie der bekanntesten Sexskandale zusammengestellt, in die „liebende Männer“ sich hineingeritten hatten (leider schon wieder aus dem Netz verschwunden). Ihre Ehefrauen sahen arg mitgenommen aus, die “Liebe” ihrer Männer ist ihnen nicht bekommen. Und den Prostituierten auch nicht, wie <a href="http://www.nytimes.com/2008/03/12/opinion/12farley.html?_r=1&amp;ref=opinion&amp;oref=slogin" title="Melissa Farley uns wütend und glasklar auseinandersetzt.">Melissa Farley uns wütend und glasklar auseinandersetzt. </a>
</p>
<p>
Wäre Ulrike von Levetzow, nach der sich der alte Goethe so verzehrte, eine Kammerzofe statt einer behüteten jungen Adligen gewesen - Goethe hätte sie sich einfach “genommen” und ihr womöglich trotz Altersschwäche “ein Kind gemacht”, wie es anderen Geistesriesen seiner Zeit beliebte, z.B. Schopenhauer, Hegel, Raimund. 
</p>
<p>
Auch Ulrikes Einwilligung sollte mit Geld gekauft werden: Goethes Freund und Gönner Carl August von Sachsen-Weimar stellte eine großzügige Witwenrente in Aussicht - Ulrike würde nicht unversorgt sein. 
</p>
<p>
Die alten Männer, die sich in junge Frauen vergucken, tun nichts Rätselhaftes. Sie fahren vielmehr einfach fort zu tun, was sie schon immer getan haben: Sie kaufen sich eine Frau, möglichst eine frische bitte, oder sie ködern sich eine mit ihrem Status. Das Alter des Käufers ist irrelevant. Nur wenn die Frau genug eigene Ressourcen hat, wie Ulrike von Levetzow, bekommt der alte Herr ein Problem. Dann reichen nicht mehr sein Ansehen und sein Geld, um ihn attraktiv erscheinen zu lassen. 
</p>
<p>
Meist treten aber solche ungünstigen Umstände nicht ein. Schließlich besitzen Männer die Macht und 99% des Weltvermögens.
</p>
 
      ]]></content>
    </entry>

    <entry>
      <title>Frauinnen, Stierinnen und Patriarchinnen</title>
      <link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.fembio.org/biographie.php/frau/blog/frauinnen-stierinnen-und-patriarchinnen/" />
      <id>tag:fembio.org,2008:biographie.php/frau/blog/3.848</id>
      <published>2008-03-09T18:49:01Z</published>
      <updated>2008-03-10T10:05:01Z</updated>
      <author>
            <name>Luise F. Pusch</name>
            <email>luise.f.pusch@gmail.com</email>
            <uri>http://www.fembio.org</uri>      </author>

      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Früher war ich Steinbock, meine Schwester Wassermann und mein Bruder Jungfrau. 
</p>
<p>
Heute bin ich Steinziege, meine Schwester Wasserfrau und mein Bruder noch immer Jungfrau. Die Männer sind in ihrer maskulistischen Sprachkritik etwas zurückgeblieben.
<br />
 
<br />
Eine meiner Freundinnen ist Stier. Kuh - nein, das will sie nicht sein. Lieber Stierin. Jedesmal, wenn sie stolz verkündet, sie sei Stierin, brüllen wir vor Lachen, wie die Stierinnen. 
</p>
<p>
Zum internationalen Tag der Frau war ich zu einer Tagung über Frauen, Sprache und Politik nach Magdeburg eingeladen. Das Ankündigungsplakat zierte ein Cartoon von Hogli (Amelie Glienke), auf dem ein Herr seine Zuhörerinnen anredet mit “Liebe Frauinnen”. Anscheinend braucht er noch etwas Nachhilfe in Sachen Frauensprache. 
</p>
<p>
Aber wie ist es mit <em>Matriarchin</em> - ist das ein sinnvolles Wort oder nicht? So wird meist die Leitkuh einer Elefantinnenherde genannt. Auf Englisch wäre das <em>matriarch</em>, ganz ok. Aber <em>Matriarchin</em> - ist das nicht in etwa so blöd wie <em>Frauin</em>?
</p>
<p>
Zum Tag der Frau brachte <em>arte</em> das Porträt “Suna - Die türkische Patriarchin” von Kadriye Acar (Wiederholungen am 16. und am 23. März). Der Film über die Politikerin, Clanchefin und Feudalherrin aus Südostanatolien ist sehr sehenswert und aufschlußreich. Suna Kepolu aus der Region Diyarbakar, letzte Überlebende der Herrscherfamilie, übernahm mit 23 Jahren sämtliche Funktionen eines “Aga” (Feudalherren). Würde sie allerdings heiraten, fiele das gesamte von ihr beherrschte Gebiet an den Ehemann. 
</p>
<p>
<strong>Der</strong> wesentliche Unterschied zwischen einem Patriarchen und einer “Patriarchin” ist also dieser: Ein Patriarch kann keinen Mann heiraten und muß daher auch nicht automatisch sämtliche Rechte an einen Ehemann abtreten. 
</p>
<p>
Dies ist ein Schulbeispiel dafür, inwiefern der Ehemann die Frau “zur Frau macht” (vgl. Beauvoir “wir werden dazu gemacht”): Nur solange sie unverheiratet ist, ist sie “herrenlos” = frei und wird von ihren UntertanInnen als “Patriarch”, quasi als Mann, angesehen und anerkannt. 
</p>
<p>
Mich interessiert hier aber vor allem das Wort <em>Patriarchin</em>. Eigentlich ein Widerspruch in sich, ähnlich wie <em>Stierin</em> und <em>Steinböckin</em>. Oder auch <em>Männin</em>, <em>Herrin</em> und ihre Ableitungen: 
</p>
<blockquote><p><em>Amtmännin</em>
<br />
<em>Staatsmännin</em>
<br />
<em>Landsmännin</em>
<br />
<em>Bauherrin</em>
<br />
<em>Hausherrin</em>
<br />
<em>Ratsherrin</em>
<br />
<em>Schirmherrin</em>
<br />
<em>Feudalherrin</em>
<br />
</p></blockquote>
<p>
Für die meisten dieser lachhaften Ausstülpungen unserer Männersprache Deutsch haben wir inzwischen neue Wörter gefunden und durchgesetzt: 
</p>
<p>
Da ist die Amtfrau, die Staatsfrau, die Landsfrau, die Ratsfrau und die Matrone (früher: <em>Schirmherrin</em>, vgl. <a href="http://www.fembio.org/biographie.php/frau/blog/merkel-uebernimmt-matronat-ueber-ausstellung-2000-jahre-varusschlacht/" title="meine Glosse über das Matronat von Angela Merkel">meine Glosse über das Matronat von Angela Merkel</a>). Dem Obmann wurde direkt die Obfrau beigesellt, ohne Umweg über eine “Obmännin”. Bei “Baufrau” fremdeln die meisten noch, auch sind <em>Hausfrau</em> und <em>Hausdame</em> keine Pendants für <em>Hausherrin</em>. Das braucht also noch ein wenig Tüftelei am Wortschätzchen. 
</p>
<p>
Und was tun wir nun mit der “Patriarchin”? 
</p>
<p>
Ich schlage vor, daß wir <em>Patriarchin</em> hier als Fehlübersetzung einordnen. <em>Clanchefin</em>, sogar <em>Feudalherrin</em> sind sinnvollere Entsprechungen für das türkische “aga”.&nbsp; 
</p>
<p>
Suna Kepolu ist schließlich keine Eva Herman, die sich Ehrentitel wie <em>Patriarchin</em> oder auch <em>Mackerin</em> redlich verdient hat. Rein bildlich gesprochen natürlich, wie bei meinem Bruder, der immer noch Jungfrau ist.
</p>
 
      ]]></content>
    </entry>

    <entry>
      <title>Die Wohlgesinnten, die Ausgebufften und andere seltsame Titel</title>
      <link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.fembio.org/biographie.php/frau/blog/die-wohlgesinnten-die-ausgebufften-und-andere-seltsame-titel/" />
      <id>tag:fembio.org,2008:biographie.php/frau/blog/3.846</id>
      <published>2008-03-01T15:50:00Z</published>
      <updated>2008-03-03T10:58:34Z</updated>
      <author>
            <name>Luise F. Pusch</name>
            <email>luise.f.pusch@gmail.com</email>
            <uri>http://www.fembio.org</uri>      </author>

      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Am 22. Februar, dem Vorabend des Erscheinens der <em>Wohlgesinnten</em>, brachte “3sat Kulturzeit” einen längeren Beitrag über den Schocker von John Littell. Ich hatte von dem Buch bis dahin nichts gehört, erfuhr nun aber, daß das französische Original ein rasender Bestseller sei und zudem den Prix Goncourt bekommen hätte. 
</p>
<p>
Den Titel fand ich für die fiktiven Bekenntnisse eines Nazischergen etwas verschroben, dachte aber nicht weiter darüber nach. Es ging in dem Bericht auch hauptsächlich um die literarische Kontroverse, die das Buch in Deutschland schon vor seinem Erscheinen ausgelöst hatte: Haben wir es mit einem genialen Jahrhundertwerk oder mit einem mönströs mißlungenen Machwerk zu tun? Interessanterweise vertreten Männer überwiegend die These vom Geniestreich (Cohn-Bendit, Schirrmacher, Lanzmann, Semprun), Frauen wie z.B. Deutschlands bekannteste Literaturkritikerinnen Sigrid Löffler und Iris Radisch hingegen finden das Buch total mißlungen. 
</p>
<p>
Ich kann zu der Debatte nichts beitragen, denn ich habe das Buch nicht gelesen, und wie ich mich kenne, werde ich es auch nicht lesen (wollen). Da vertraue ich gern dem Urteil der Expertinnen (“Landser-Kitsch”, “häufig ekelerregende, noch häufiger einfach langweilige Lektüre”). Und überhaupt: Es gibt so viele Bücher von Frauen, die ich noch nicht gelesen habe, <a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3896265598/wwwfembioorg-21" target="_blank"" title="Hedwig Dohm">Hedwig Dohm</a>, <a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3492050700/wwwfembioorg-21" target="_blank"" title="Annette Pehnt">Annette Pehnt</a>, <a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3100226003/wwwfembioorg-21" target="_blank"" title="Julia Franck">Julia Franck</a>, <a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3442153123/wwwfembioorg-21" target="_blank"" title="Naomi Klein">Naomi Klein</a>, <a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3932338316/wwwfembioorg-21" target="_blank"" title="Alice Rühle-Gerstel">Alice Rühle-Gerstel</a>, <a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/0374126518/wwwfembioorg-21" target="_blank"" title="Judith Thurman">Judith Thurman</a>, <a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/0007233442/wwwfembioorg-21" target="_blank"" title="Doris Lessing">Doris Lessing</a>, <a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/1900850923/wwwfembioorg-21" target="_blank"" title="Shere Hite">Shere Hite</a> - um nur acht von hunderten zu nennen. 
</p>
<p>
Mir geht es heute um meine Erlebnisse mit dem seltsamen Titel des Littell-Buchs. <em>Die Wohlgesinnten</em>, dachte ich zunächst, das ist eine bitter ironische Bezeichnung für die Nazimörder, die den “deutschen Volkskörper” wohlmeinend oder eben “wohlgesinnt” vom “jüdischen Ungeziefer” ein für alle Mal “befreien wollten”. Vage erinnerte mich der Titel auch an Goldhagens Buch <em>Hitlers willige Vollstrecker</em> (Hitler&#8217;s Willing Executioners). 
</p>
<p>
Im Original hieße das Buch <em>Les Bienveillantes</em>, erfuhr ich dann und mußte meine Assoziationen revidieren, denn <em>Bienveillantes</em> ist ein Femininum. Ein weiblicher Titel für diese Nazi-Männer-Saga? Was mochte das bedeuten?
</p>
<p>
Ich las mich durch die entsprechenden Internetseiten und erfuhr, daß <em>Die Wohlgesinnten</em> auf den dritten Teil der Orestie des Aischylos anspielt, der bei uns <em>Die Eumeniden</em> heißt, auf Französisch <em>Les Euménides</em>, auf Englisch <em>The Eumenides</em>. 
</p>
<p>
Warum also John Littell sein Buch <em>Les Bienveillantes</em> statt <em>Les Euménides</em> genannt hat, bleibt sein Geheimnis. Ich habe Latein und Griechisch studiert - mit <em>Die Eumeniden</em> hätte ich etwas anfangen können, <em>Die Wohlgesinnten</em> aber führte mich erstmal gründlich in die Irre. Vielleicht war das Absicht. 
</p>
<p>
Littell gibt seinen ÜbersetzerInnen Ratschläge, wie sie den Titel am besten in all die Sprachen übersetzen sollten, in die sein Werk voraussichtlich übersetzt werden wird, wenn sich der Hype fortsetzt: Direkt aus dem Griechischen. 
</p>
<p>
<em>Die Eumeniden</em>, zu deutsch “Die Wohlmeinenden, Wohlgesinnten, Gnädiggestimmten” sind in der griechischen Mythologie ursprünglich Rachegöttinnen, Erinnyen oder Erinyen. Auf Lateinisch <em>furiae</em>, die Furien. 
</p>
<p>
Im dritten Teil der Orestie werden die Erinnyen, die zuvor Orest wegen des Mordes an seiner Mutter Klytaimestra bis zum Wahnsinn verfolgten, von Göttin Athene umgestimmt; sie werden quasi domestiziert (hier könnten sich lange feministische Auslegungen der Mythologie anschließen). Die Umgestimmten und Umgepolten heißen nunmehr “Eumeniden” - aber wir durchschauen solche Augenwischerei und verstehen gemeinhin unter “Eumeniden” - Erinnyen, Rachegöttinnen, Furien. 
</p>
<p>
In ihrem <a href="http://www.zeit.de/2008/08/L-Littell-Radisch" title="Verriß in der Zeit findet Iris Radisch">Verriß in der Zeit findet Iris Radisch</a> kraftvolle Worte für die antike Verbrämung des Littell-Wälzers: 
<br />
<blockquote><p>Veredelt wird der Edelnazi auch durch das intertextuelle Spiel des Romans mit der Orestie des Aischylos, das noch viele Doktorarbeiten alimentieren wird. Aue [so heißt der “Held” des Romans] als Orest, die beiden Polizisten, die Aue als Muttermörder überführen, in der Rolle der Erinnyen (auf Deutsch der “Wohlgesinnten”) … all dies sind hochkulturelle Köder, nach denen die Interpreten schnappen wie der Fisch nach dem Wurm an der Angel. 
<br />
… Den Täter … intellektuell und mythologisch aufzurüschen und gleichzeitig für unschuldig - im antiken Sinn schuldunfähig - zu erklären, das ist Legendenbildung.</p></blockquote>
<p>
An dieser Legendenbildung will ich mich nun nicht länger beteiligen, auch nicht länger nach den “hochkulturellen Ködern schnappen”. 
</p>
<p>
Kommen wir zu ganz was Anderem und doch Einschlägigem. Ich dachte noch intensiv über französische Feminina nach, die grammatisch neutral ins Deutsche kommen und als männlich verstanden werden - da las ich über den Film <em>Die Ausgebufften</em> von Bertrand Blier aus dem Jahre 1974, mit Gérard Dépardieu, Patrick Dewaere, Miou-Miou und Jeanne Moreau - ein Roadmovie über zwei Gammler, die sich klauend herumtreiben und dabei möglichst viele Frauen “aufreißen”. 
</p>
<p>
Im Original heißt der Film “Les valseuses” - wieder eindeutig ein Femininum, zu Deutsch “Die Walzertänzerinnen”. Ist es möglich, fragte ich mich, daß eigentlich die beiden Frauen die Hauptfiguren des Films sind - zwei Frauen auf der Walz, sozusagen? 
</p>
<p>
Wieder ging ich der Sache im Internet nach und erfuhr schließlich: &#8221;<em>les valseuses</em> (the waltz dancers) ... is slang and a metaphor for the movement of the testicles...“
</p>
<p>
Das bringt mich zu einer Ankündigung in eigener Sache: In den nächsten Tagen erscheint meine neue Sammlung mit Glossen aus den Jahren 1999 bis 2007, Titel: <a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3835302809/wwwfembioorg-21" title="Die Eier des Staatsoberhaupts"><em>Die Eier des Staatsoberhaupts</em></a> (Wallstein Verlag, 9,90 EUR). 
</p>
<p>
Auch dieser Titel bedeutet ganz was anderes als Sie sich vielleicht gedacht haben ...
</p>


 
      ]]></content>
    </entry>

    <entry>
      <title>Papst sind wir nicht &#45; wir sind Impressionistin</title>
      <link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.fembio.org/biographie.php/frau/blog/papst-sind-wir-nicht-wir-sind-impressionistin/" />
      <id>tag:fembio.org,2008:biographie.php/frau/blog/3.837</id>
      <published>2008-02-23T14:53:00Z</published>
      <updated>2008-02-23T20:38:22Z</updated>
      <author>
            <name>Luise F. Pusch</name>
            <email>luise.f.pusch@gmail.com</email>
            <uri>http://www.fembio.org</uri>      </author>

      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Gestern wurde die <a href="http://www.schirn-kunsthalle.de/impressionistinnen/" title="Impressionistinnen-Ausstellung der Schirn-Kunsthalle">Impressionistinnen-Ausstellung der Schirn-Kunsthalle</a> in Frankfurt eröffnet. Ihr braucht jetzt nicht gleich alle hinzurennen, sie läuft noch bis Anfang Juni. 
</p>
<p>
Wenn frau nach “Impressionistinnen” googelt, fragt Google vorsichtshalber: “Did you mean: <em>Impressionisten</em>” - zeigt dann aber doch das Gewünschte. 
</p>
<p>
In der Hannoverschen Zeitung (HAZ) von heute berichtet Johanna di Blasi in dem Artikel “Der Impressionismus ist feminin” über die “große und großartige Ausstellung”. “Ohne feministisches Eiferertum” werde da das gängige Impressionismusbild  “anhand von rund 150 hochkarätigen Ölbildern und Pastellen aus bedeutenden Museen” korrigiert und ergänzt. 
</p>
<p>
Ich frage mich, während ich den Artikel lese, was die Autorin wohl mit dem “feministischen Eiferertum” meint. Vielleicht Äußerungen wie diese: »Ich glaube nicht, dass es jemals einen Mann gegeben hat, der eine Frau als absolut gleichgestellt behandelt hat und das war alles, was ich je verlangt habe – denn ich weiß, ich bin genauso gut wie die Männer.«
</p>
<p>
1890, als die Impressionistin Berthe Morisot sich dergestalt erdreistete und ereiferte, gab es den Feminismus noch gar nicht richtig. Und wenn doch - Feministin war sie bestimmt keine, und Eiferertum kommt ja auch in der Ausstellung nicht vor. 
</p>
<p>
Dergleichen kann also nicht gemeint sein. 
</p>
<p>
Auf die Frage, wieso Morisot “später derart in Vergessenheit” geriet, antwortet die Kuratorin Ingrid Pfeiffer, “die nachfolgende Kritikergeneration sei schuld daran… Gestalten wie der ‘Kunsthistorikerpapst’ Julius Meier-Graefe hätten einen von Frauen bereinigten Kanon aufgestellt, der das Bild des Impressionismus bis heute bestimme.” Und di Blasi fährt fort: “Die in den USA heute als Star angesehene <a href="http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/mary-cassatt/" title="Mary Cassatt (1844–1926)">Mary Cassatt (1844–1926)</a>, eine von etwa tausend damals in Paris malenden Amerikanerinnen, hat Meier-Graefe in seinen Überblicksdarstellungen ebenfalls unterschlagen.”
</p>
<p>
Auch diese für das männliche Kultur-Establishment doch peinlichen Enthüllungen über fiese Unterschlagungen und bedenkliche &#8220;Bereinigungen&#8221; sind wohl kein “feministisches Eiferertum”, denn die Impressionistinnen-Ausstellung und di Blasi sind ja lobenswerterweise frei davon. 
</p>
<p>
Über Marie Bracquemond, eine der vier ausgestellten Impressionistinnen, erfahre ich auf der Webseite der Ausstellung: “Marie hört auf Drängen ihres Ehemannes Felix Bracquemond nach und nach auf, zu malen. 1916 stirbt Marie zurückgezogen am 17. Januar in Sèvres.” Mit anderen Worten: Das letzte Drittel ihres Lebens durfte die einst so erfolgreiche Malerin nicht mehr malen, weil ihr Mann es so wollte. 
</p>
<p>
Also das ist doch wohl das Allerletzte, so möchte frau sich echauffieren angesichts all dieser Zumutungen, mit denen die Impressionistinnen zu kämpfen hatten und mit denen die Ausstellung uns konfrontiert. Und angesichts der Zumutung für uns Kunstfreundinnen, denen ein Verdikt von Papst Julius (Meier-Graefe) eine frohgemute Identifikation mit den großen Impressionistinnen bis heute versaut, pardon: verebert  hat. 
</p>
<p>
Hat sich da in den letzten Absatz vielleicht feministischen Eiferertum eingeschlichen? Kann nicht sein, ich bin doch kein Eiferer. Eiferin? - schon eher. Was bleibt uns auch übrig angesichts all der päpstlichen Unfehlbarkeit. 
</p>
<p>
(Dank an Anne Beck und Cornelia Heuer für die Infos über die Impressionistinnen-Ausstellung)
<br />
Nachtrag: <a href="http://www.mariannekruell.de/" title="Marianne Krüll">Marianne Krüll</a> schickte den Hinweis auf einen <a href="http://www.faz.net/s/RubEBED639C476B407798B1CE808F1F6632/Doc~EB9D2546EA18B445F9E1B5145934DCF98~ATpl~Ecommon~Sspezial.html" title="erfreulichen Artikel von Julia Voss">erfreulichen Artikel von Julia Voss</a> zu der Impressionistinnen-Ausstellung, im FAZ.Net. 
</p>
 
      ]]></content>
    </entry>

    <entry>
      <title>Helden der Liebe und Gnadenhochzeit</title>
      <link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.fembio.org/biographie.php/frau/blog/helden-der-liebe-und-gnadenhochzeit/" />
      <id>tag:fembio.org,2008:biographie.php/frau/blog/3.836</id>
      <published>2008-02-17T17:48:02Z</published>
      <updated>2008-02-17T17:57:28Z</updated>
      <author>
            <name>Luise F. Pusch</name>
            <email>luise.f.pusch@gmail.com</email>
            <uri>http://www.fembio.org</uri>      </author>

      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Dieses Wochenende beglückte uns das Hoch Friedrich mit heftiger Kälte und strahlender Sonne. 
</p>
<p>
Viele Frauen ärgern sich darüber, daß die Hochs bei uns männliche Vornamen bekommen, die Tiefs dagegen weibliche. Die Taufpraxis soll auf die Meteorologin Dr. Karla Wege zurückgehen, die sich als Studentin in den 50er Jahren an dem US-amerikanischen Brauch orientierte, den Hurrikanes weibliche Vornamen zu geben. 
</p>
<p>
In den 70er Jahren sorgte die amerikanische Frauenbewegung für Gerechtigkeit. Seitdem wechseln sich die Geschlechter ab: neben der verheerenden Katrina gab es die kaum weniger schrecklichen Hurrikanes Mitch und Andrew. 
</p>
<p>
Damit bei uns die wetterwirksamen Tiefdruckgebiete von den Hochdruckgebieten besser unterschieden werden können, schlug Karla Wege für Hochdruckgebiete männliche Namen vor.&nbsp; <a href="http://www.met.fu-berlin.de/~stefan/fax1.pdf" title="Alles hier schön nachzulesen.">Alles hier schön nachzulesen.</a>
</p>
<p>
Mir gefällt diese Unterscheidung. Was ist schon ein Hoch Friedrich gegen die Urgewalt der Tiefs Wiebke oder Vivian (manche mögen sich noch an diese Rackerinnen erinnern). 
</p>
<p>
Die meisten Frauen sehen das allerdings anders und fragen in meinen Vorträgen oft empört, warum nur die Hochs männliche Vornamen hätten. Dann flapse ich: “Vielleicht weil die Männer sonst kein Hoch kriegen?” 
</p>
<p>
Diese Männer heißen jetzt <a href="http://www.helden-der-liebe.de/" title="“Helden der Liebe”">“Helden der Liebe”</a>. Den Hinweis auf sie schickte mir Brigitta Huhnke. 
</p>
<p>
“Helden der Liebe” ist eine poesievolle Anzeige zum Frühling und zum Valentinstag betitelt, mit Anleitung zum Basteln einer Origami-Rose für die Liebste (die immer “der Partner” genannt wird - dabei ist alles strikt hetero) und Link auf eine Webseite mit Gedichten (“Frauen mögen Gedichte!”). Origami klingt schon fast so gut wie Orgasmus, und darum geht es auch bei den “Helden der Liebe”. Es ist eine Anzeige des Pharmakonzerns Lilly, und was sie an den Mann bzw. Liebeshelden bringen wollen, ist ihr Mittel gegen ED (erektile Dysfunktion; zu deutsch: wenn er kein Hoch kriegt). Die soften Blümchen und Gedichte waren nur Außendekoration, um von den knallharten Geschäftsinteressen abzulenken.
<br />
 
<br />
Jetzt weiß ich endlich, warum der angeblich schönste Tag im Leben “<em>Hoch</em>zeit” genannt wird. Je länger das Paar verheiratet ist, umso <em>härter</em> werden die Namen für die Jubelhochzeit: Silberne, Goldene, Diamantene, Eiserne, Steinerne Hochzeit. 
</p>
<p>
Vor diesen Helden der Liebe und ihren furchterregenden Hoch-Zeiten muß nachdrücklich gewarnt werden. Denn Gnade gibt es erst zur Gnadenhochzeit, nach 70 Jahren! Und wenn der Lilly-Konzern sich durchsetzt, nicht einmal dann. 
</p>
 
      ]]></content>
    </entry>

    <entry>
      <title>Simone, Hillary und die Schürzenjäger</title>
      <link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.fembio.org/biographie.php/frau/blog/simone-hillary-und-die-schuerzenjaeger/" />
      <id>tag:fembio.org,2008:biographie.php/frau/blog/3.832</id>
      <published>2008-02-10T18:26:02Z</published>
      <updated>2008-02-12T15:52:46Z</updated>
      <author>
            <name>Luise F. Pusch</name>
            <email>luise.f.pusch@gmail.com</email>
            <uri>http://www.fembio.org</uri>      </author>

      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Zum hundertsten Geburtstag <a href="http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/simone-de-beauvoir/" title="Simone de Beauvoirs">Simone de Beauvoirs</a> habe ich einige Sendungen über sie gehört und gesehen, auch die französische Filmbiographie <em>Der Liebespakt: Simone de Beauvoir und Sartre</em> von Ilan Duran Cohen. 
<br />
Zum Wahlkampf <a href="http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/hillary-rodham-clinton/" title="Hillary Clintons">Hillary Clintons</a> lese ich derzeit Carl Bernsteins Biographie <em>A Woman in Charge: The Life of Hillary Rodham Clinton</em> (deutsch: <em>Hillary Clinton - Die Macht einer Frau</em>, rund 1000 Seiten). 
</p>
<p>
Die Gemeinsamkeiten dieser für die Geschichte der Frauen vielleicht wichtigsten Frauen der letzten 60 Jahre sind verblüffend, wären mir aber wohl nie aufgegangen, wenn der Hundertste und die heiße Phase des US-Wahlkampfs Beauvoir und Clinton nicht gleichzeitig in mein Blickfeld gerückt hätten.
</p>
<p>
Hier nun die Parallelen, die mir auffielen. Sie betreffen zur Hälfte den egoistischen “Liebespakt”, der den Frauen aufgenötigt wurde:
</p>
<p>
• der unnahbare, ablehnende, gleichwohl fordernde Vater
</p>
<p>
• die intellektuelle und philosophische bzw. politische Hochbegabung
</p>
<p>
• die für eine Frau ganz unglaubliche Karriere, ermöglicht auch durch ein unglaubliches Maß an Mut, Arbeit und Eigensinn
</p>
<p>
• stoisches Ertragen endloser öffentlicher Schmähungen
</p>
<p>
• permanenter geistiger Austausch mit einem brillanten und als Mann berühmteren Gefährten, der seine Partnerin bewundert und unterstützt - und umgekehrt. Ohne Hillarys solidarisches TV-Interview zur Gennifer-Flowers-Affäre wäre Bill nicht Präsident geworden. Ohne Simone war Jean-Paul hilflos. 
</p>
<p>
• derselbe Mann ist ein zwanghafter Schürzenjäger, der die Partnerin permanent verletzt und demütigt
</p>
<p>
• statt den Mann zu verlassen, erträgt die Frau die Seitensprünge. Hillary verteidigt ihn auch noch, wieder und wieder, und rettet ihn vor dem politischen Aus.
</p>
<p>
Warum haben Simone und Hillary sich das gefallen lassen? Daß Jackie sich nach dem <em>womanizer</em> Kennedy auch noch Onassis antun mußte, war schon schwer nachvollziehbar - aber diese beiden hochemanzipierten Frauen? Was ist los mit ihnen?
</p>
<p>
Es verstört, wenn Frauen, die wir uns zum Vorbild nehmen und gern rückhaltlos bewundern wollen, emanzipatorische Schwachstellen aufweisen - und auch noch beide dieselbe! Wie hieß doch gleich Robin Norwoods Bestsellerin: <em>Wenn Frauen zu sehr lieben…</em> Auf unsereine mag das ja zutreffen, aber auch auf diese beiden Ikonen der Frauen-Emanzipation, ausgerechnet? 
</p>
<p>
Beim Nachdenken über die Gründe kam ich auf folgende Möglichkeiten: 
</p>
<p>
<em>Mütterliches Mitgefühl?</em> Immerhin kam Bill aus einer sehr kaputten Familie und Jean-Paul war ein Ausbund von Häßlichkeit. Vielleicht nahmen diese Frauen die sexuelle Inkontinenz ihrer Partner hin als männlichkeitsbedingte Hormonstörung, etwa so wie altersbedingten Gelenkverschleiß. 
</p>
<p>
<em>Pragmatismus?</em> Wie bei den Königinnen, die die vielen Mätressen dulden mußten und sich durch ihren Status als Hauptfrau entschädigt fühlen sollten. Teilhabe am Glanz, der anders für Frauen in der männerdominierten Gesellschaft nicht zu haben ist, nicht einmal für Frauen vom Format einer Simone de Beauvoir oder Hillary Clinton. 
</p>
<p>
<em>Härtetest, Überlebenstraining?</em> Nach dem Motto “Was mich nicht umbringt, macht mich stärker” erkannten sie vielleicht in dem aufgenötigten “Liebespakt” eine hervorragende Trainingsmöglichkeit für das Ertragen der unvermeidlichen Kränkungen in der weiteren Männerwelt - zumal ihr <em>personal trainer</em> sie nicht nur verletzte, sondern auch unterstützte. Diese Sicht würde erklären, warum gerade diese beiden dauergekränkten Frauen <em>so</em> stark wurden. 
</p>
<p>
Und die Männer? Die sehen/sahen ihre Partnerinnen wahrscheinlich als echte Partner, Kumpel, beste Freunde. Dem Freund steht mann bei in jeder Lebenslage - aber sexuelle Treue ist mann ihm nicht schuldig, wäre ja direkt pervers.
</p>
<p>
Bedeutende Männer, die brillante Frauen auch nur neben sich dulden, sind selten. Solche, die sie auch noch fördern und bewundern, sind an einer Hand abzuzählen. Clinton fällt mir ein, oder Sartre. 
<br />
Daneben vielleicht noch Rodin und Brecht, und deren brillante Partnerinnen zahlten dafür denselben Preis wie Beauvoir und Clinton. 
</p>
<p>
Zum Schluß noch eine weitere mögliche Parallele zwischen Simone und Hillary:
</p>
<p>
Sartre galt als der große Philosoph, Beauvoir als die bessere Schriftstellerin - entsprechend dem Gefälle zwischen diesen beiden Berufen. Die Forschung sieht es inzwischen eher umgekehrt: Den größeren und bleibenden Beitrag zur Philosophie hat sie geleistet, er war als Schriftsteller begabter. 
</p>
<p>
Vielleicht ist Hillary auch die bedeutendere Politikerin? Wir werden es nur erfahren, wenn das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und seine gehässigen Männermedien ihr eine Chance lassen. 
</p>
<p>
Nachtrag: <a href="http://www.womensmediacenter.com/ex/020108.html" title="Eine messerscharfe Analyse der frauenfeindlichen Praktiken der Männermedien">Eine messerscharfe Analyse der frauenfeindlichen Praktiken der Männermedien</a> veröffentlichte Robin Morgan, Feministin der ersten Stunde, im Women&#8217;s Media Center. Lesen, studieren, einprägen, rumschicken - die nächste Auseinandersetzung mit Obama-Fans und Hillary-MuffelInnen kommt bestimmt. 
<br />
 
</p>

 
      ]]></content>
    </entry>

    <entry>
      <title>Knut, Flocke, Mägdefrau</title>
      <link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.fembio.org/biographie.php/frau/blog/knut-flocke-maegdefrau/" />
      <id>tag:fembio.org,2008:biographie.php/frau/blog/3.829</id>
      <published>2008-02-03T14:14:00Z</published>
      <updated>2008-02-04T15:54:59Z</updated>
      <author>
            <name>Luise F. Pusch</name>
            <email>luise.f.pusch@gmail.com</email>
            <uri>http://www.fembio.org</uri>      </author>

      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Es geht um kultige kleine Eisbärinnen und Eisbären, Tierpflegerinnen und -pfleger und einen Vizedirektor. Vor allem aber geht es um Namen. 
</p>
<p>
“Knut” war eine rundum gelungene Namensgebung. Erstmal schön nordisch, wie es sich für ein Tier vom Nordpol gehört. Und alle fanden Knut zum Knuddeln und zum Knutschen. Auch international war “cute Knut” ein Hit. 
</p>
<p>
Nun ist er nicht mehr zum Knuddeln, aber “Knut” paßt bestens auch für das mittlerweile ausgewachsene und hochgefährliche Raubtier.
</p>
<p>
Knuts “Ziehvater” Thomas Dörflein hatte nicht nur einen zu Klein Knuti passenden, niedlichen Namen, sondern auch eine interessante Tätigkeitsbezeichnung. Das Wort “Ziehvater” hatten doch die meisten von uns noch nie gehört.&nbsp; 
</p>
<p>
Jetzt hat Nürnberg also eine “Knutine”, wie es neulich in der Zeitung hieß. Knut das Original, Knutine die Kopie?
</p>
<p>
Nein! - Aber auch der Nürnberger Tiergarten will natürlich mit dem kleinen Knuddeltier groß Kasse machen und startete eine publikumswirksame Tauf-Aktion, als die kleine “Weißwurst” (so Pflegerin Petra) noch winzig war wie ein Meerschweinchen. Zehntausende machten mit, auch ich. Meine Vorschläge: “Pippi”, “Ronja” und “Astrid”, zu Ehren von <a href="http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/astrid-lindgren/" title="Astrid Lindgren">Astrid Lindgren</a>, deren 100. Geburtstag wir letztes Jahr gefeiert haben - garantiert nordische und obendrein kinderfreundliche Anmutung! 
</p>
<p>
Pflegerin Petra (ihr Nachname wurde nicht verraten) erzählte in einer TV-Reportage, jede Stunde erfände sie mindestens fünf Namen für die Kleine. Außer “Weißwurst” gestand sie auch noch “Stinkbombe” - offenbar läßt sie sich von dem Rummel nicht beeindrucken und sieht die Sache sehr nüchtern. 
</p>
<p>
Nun hat aber, unter zigtausenden von Vorschlägen, “Flocke” gesiegt. Ich vermute, der Vorschlag stammt von einer Marketingfirma, die der Tiergarten dafür bezahlt hat. Wir anderen Vorschlagenden wurden manipuliert zur Verstärkung des Eisbärmädchen-Hypes. Aus werbetechnischen und -rechtlichen Gründen brauchte der Tiergarten einen unverbrauchten Namen, der sich von daher zur Marke eignet, Stichwort &#8220;Branding&#8221;. Dafür ist <em>Flocke</em> sehr geeignet, niemand heißt so. Solche geschäftlichen Erwägungen waren wohl den meisten fremd, die da mitgemacht haben. 
</p>
<p>
<em>Flocke</em> ist kein Mädchenname - könnte aber bald einer werden. Vorerst erlauben deutsche Standesämter allerdings nicht, Kindern Phantasienamen wie Vanille, Flocke, Dollar oder Souvenir zu geben, wie das z.B. in den USA gang und gäbe ist. Hier muß alles seine namentliche und geschlechtsmäßige Ordnung haben. 
</p>
<p>
Wenigstens heißt die Kleine nicht “Flöckchen” wie in “Schneeflöckchen, Weißröckchen”. 
</p>
<p>
Bei Knut hatte alles seine Richtigkeit. Er hatte einen Jungennamen, war erst <em>der</em> Eisbärjunge Knut, jetzt ist er <em>der</em> Eisbär Knut. Alles durch und durch maskulin, genau wie die BärInnen für die Kinderstube, vom Teddybär (benannt nach Teddy Roosevelt) bis zu Pu der Bär. 
</p>
<p>
Flocke dagegen hat keinen richtigen Mädchennnamen, und nichtmal das Wort “Eisbärmädchen”, das für sie am häufigsten verwendet wird, hat irgendeine Richtigkeit. Es setzt sich zusammen aus <em>der Eisbär</em> und <em>das Mädchen</em> - kein Femininum weit und breit. Die Bezeichnungen für Flocke sind Patchwork, wie das eben für Frauen üblich ist. Die Pfleger nennen sie auch gerne “kleiner Kerl”. 
</p>
<p>
Von Flocke hörte ich zum ersten Mal durch <a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3203775298/wwwfembioorg-21" target="_blank"" title="Silke Gyadu">Silke Gyadu</a> geb. Hoffmann, die mir folgende Email schrieb: &#8220;Bei dem derzeitigen Medienrummel um die süße Baby-Eisbärin im Nürnberger Tiergarten fällt der ungewöhnliche Name des Vizedirektors auf: Der Mann heißt mit Nachnamen Mägdefrau - vielleicht ein kleiner Trost für die weiblichen Bach-, Berg-, Heine-, Neu- und sonstigen -männer.”
</p>
<p>
Wir leben in einer Kultur, in der Frauen nicht nur <em>Bachmann</em> etc. heißen, sondern sogar <em>Larsson</em> (= Sohn des Lars) oder <em>Angelou</em>. Maya Angelou, die große amerikanische Dichterin, wörtlich “die Maya des Angelos”, heißt so nach einem Herrn Angelos, mit dem sie mal eine Weile verheiratet war. 
</p>
<p>
Kein Wunder, daß wir uns da freuen, wenn wir mal auf einen Helmut Mägdefrau (Vizedirektor des Nürnberger Tiergartens), Karl-Heinz Jungfer (Froschzüchter) oder Horst Sitta (Sprachwissenschaftler) treffen. Vielleicht kennen Sie noch mehr solcher Raritäten, dann können Sie uns unten im Kommentarfeld davon erzählen. 
</p>
<p>
“Ursula” wäre auch noch ein hübscher Name für Flocke gewesen, es bedeutet schließlich “kleine Bärin”.
</p>
<p>
<a href="http://www.astronomie-luebeck.de/polaris/archive/articles/46_uma.htm" title="Das Sternbild der Großen Bärin">Das Sternbild der Großen Bärin</a> (<em>Ursa Maior</em>) wurde  zum Großen Bären vermännlicht, obwohl nach der griechischen Sage diese Bärin ursprünglich eine arkadische Göttin oder die Nymphe Kallisto war und zu den Gefährtinnen der Artemis gehörte. Göttervater Zeus vergewaltigte und schwängerte sie, daraufhin wurde sie von seiner Gattin Hera oder von Artemis zur Strafe in eine Bärin verwandelt und von Zeus als Sternbild an den Himmel versetzt, als ihr gemeinsamer Sohn, inzwischen zum Jäger herangewachsen, seine Mutter unwissentlich erlegen wollte. 
</p>
<p>
Merke: Ob am Himmel oder auf Erden, in der Wildnis, im Zoo oder im Kinderzimmer, als Göttin, Nymphe, Tier oder Spielzeug, die Bärin muß weg, schon rein sprachlich ist sie mühsam, als Bär kommt sie einfach besser an: Flocke hat schon ihre eigene Webseite; sie heißt <a href="http://www.flocke-eisbaer.de/" title="www.flocke-eisbaer.de. ">www.flocke-eisbaer.de. </a>
</p>
<p>
Und so leuchtet sie am Himmel als Großer Bär, wird geknuddelt und geliebt als Teddybär und als Eisbär Flocke, der kleine Kerl, oder gefürchtet als Eisbär, König der Arktis. <em>Arktis</em> bedeutet “Land unter dem Sternbild der Großen Bärin”, von griech. <em>Arkte</em> “Bärin”. Ist auch bald weg, die Arktis. Und damit auch der Eisbär. Aber uns bleibt ja noch der Zoo. Und der Teddybär. 
<br />

</p> 
      ]]></content>
    </entry>

    <entry>
      <title>Beauvoir, Busch und böse Buben</title>
      <link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.fembio.org/biographie.php/frau/blog/beauvoir-busch-und-boese-buben/" />
      <id>tag:fembio.org,2008:biographie.php/frau/blog/3.824</id>
      <published>2008-01-29T03:48:00Z</published>
      <updated>2008-01-29T22:01:48Z</updated>
      <author>
            <name>Luise F. Pusch</name>
            <email>luise.f.pusch@gmail.com</email>
            <uri>http://www.fembio.org</uri>      </author>

      <content type="html"><![CDATA[
        <p>Aus <em>Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar</em>. Dreizehnte Lektion
</p>
<p>
Vor hundert Jahren, am 9. Januar, wurde Simone de Beauvoir geboren. Am selben Tag starb Wilhelm Busch. Beauvoir gilt als Begründerin des modernen Feminismus, Busch als der Erfinder der Comics. Jede von ihnen schuf ein Werk, das weltbekannt wurde, <em>Das andere Geschlecht</em> bzw. <em>Max und Moritz</em>. 
</p>
<p>
Ich kam zufällig auf diese Koinzidenz und diese Parallelen, als ich über das Wort <em>Jugendgewalt</em> nachdachte, passend zu den Wahlen in Hessen und der von Roland Koch hochge<em>koch</em>ten öffentlichen Diskussion darüber. 
</p>
<p>
Frauen kritisieren die Begriffe “Jugendgewalt” und “Jugendkriminalität” seit langem. “Jugendgewalt” wird - wie Gewalt überhaupt - zu rund 85 Prozent männlichen Tatverdächtigen zugeschrieben (Polizeiliche Kriminalstatistik 2006). Es müßte deshalb <em>Jungengewalt</em> und <em>Jungmännergewalt</em> heißen. 
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Früher war die Sprache genauer und entschiedener. Sie kennt viele Ausdrücke, die “Jugendstraftaten” unmißverständlich bösen Buben zuordnen: <em>Dummejungenstreiche, Spitzbube, Lausbube, Lausebengel,  Lausejunge, Lausekerl, Lauselümmel, Rotzbengel, Rotzjunge, Rotzlöffel.</em> Weibliche Pendants für diese ein- und ausdruckvolle Reihe scheint es nicht zu geben. Hier brave Mädchen, dort böse Buben und schwere Jungs. Die Ausdrücke zeigen aber auch, daß die verlausten “Lausejungen” und die “Rotzjungen”, die kein Taschentuch für ihren Rotz haben, verwahrloste, im Stich gelassene Kinder sind. Wo sind die Eltern von Max und Moritz? Anscheinend haben sie keine. 
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“Max und Moritz” ist “eine Bubengeschichte in Sieben Streichen”. Keine Mädchengeschichte. Manche Streiche waren eher harmlos (Maikäfer im Bett), andere lebensgefährlich (angesägte Brücke, Schießpulver in der Pfeife). Typisch für die Streiche ist ihre Mutwilligkeit, oft erfüllen sie keinen anderen Zweck als den, Schaden anzurichten und Schrecken auszulösen. Meist legen Max und Moritz nicht selbst Hand an, sondern lassen ihre Opfer in Fallen tappen, so daß sie deren Unglück in aller Ruhe und schadenfreudig als Voyeure genießen können. Schadenfreude gilt als typisch deutsches Hobby: Andere Sprachen kennen den Begriff gar nicht und haben ihn aus der deutschen Sprache übernommen. Buschs Bildergeschichten verkauften sich umso besser, je grausamer sie waren, und so lieferte er Grausames, was das Zeug hielt.
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 Ob “Streiche”, “Jugendgewalt” oder “Jungengewalt” - am Ende ereilt die beiden Buben die &#8220;gerechte Strafe&#8221;: Erst werden sie im Ofen gebacken - das überleben sie noch. Danach werden sie von Bauer Mecke in der Mühle zu Schrot gemahlen: „Gott sei Dank! Nun ist&#8217;s vorbei mit der Übeltäterei!“ Bauer Mecke wird nicht bestraft. 
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Todesstrafe für Jungengewalt? Ist das vielleicht die Lösung? Offenbar nicht. Keineswegs ist’s vorbei mit der Übeltäterei. Die haben wir immer noch. Manche meinen, gewalttätiger denn je. 
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Und was hat das alles mit Beauvoir zu tun? - Von ihr stammt der berühmte Satz: Wir werden nicht als Frauen geboren, wir werden dazu gemacht. 
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Der Satz gilt natürlich auch für Männer, und auch für “Lausbuben” bzw. jugendliche Gewalttäter. Aber wenn wir die bösen Buben weiter mit den braven Mädchen in einen Topf werfen und das Problem als “Jugendgewalt” verunklaren, bekommen wir es nicht in den Griff. 
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Nachtrag: Anne Beck schickte den Link zu Jürgen Neffes Artikel <a href="http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&amp;dig=2003/03/08/a0321" title=""Risikofaktor Mann" (taz, 2003)">&#8220;Risikofaktor Mann&#8221; (taz, 2003)</a> mit Kernsätzen wie diesen: 
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&#8220;Wer der Gewalt Einhalt gebieten will, muss ran an den Mann. Und zwar möglichst früh. - Als Kriminologe wird man zum Feministen.&#8221; (Christian Pfeiffer, Prof. für Kriminologie, Ex-Justizminister Niedersachsen)
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&#8220;Verbrechen ist männlich. Nicht Gewalt und Kriminalität bedrohen unsere Gesellschaftsordnung, sondern Männer.&#8221; (Dieter Otten, Prof für Soziologie). 
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