Charlotte Heidenreich-von Siebold

geboren am 12. September 1788 in Heiligenstadt
gestorben am 8. Juli 1859 in Darmstadt

deutsche Hebamme, Ärztin für Geburtshilfe
155. Todestag am 8. Juli 2014


BiografieLiteratur & Quellen


Biografie

Die “Großherzoglich Hessische Zeitung” in Darmstadt meldete am 29. März 1817: “Wir hatten heute einen feierlichen Akt der Doktorpromotion, den ersten seiner Art in den Annalen unserer und jeder anderen deutschen Universität. Fräulein Charlotte … von Siebold, … nachdem sie als Geburtshelferin auf eine ehrenvolle Weise in der Residenz Darmstadt privilegiert worden war, unterwarf sich dem Fakultätsexamen, und betrat darauf das Katheder, um ihre Thesen öffentlich zu verteidigen. Sie zeigte dabei einen solchen Umfang von gründlich wissenschaftlichen Kenntnissen, solche Ruhe und Besonnenheit, daß sie sich den allgemeinen Beifall der Sachverständigen und eines Auditoriums von Tausenden erwarb. Nach Beendigung der Disputation wurde sie … öffentlich und mit den herkömmlichen Formalitäten zur Doktorin der Geburtshilfe ernannt und proklamiert.”

Die Zeitung irrt - schon 73 Jahre zuvor, am 12. Juni 1744, war die erste deutsche Frau, nämlich Christiane Dorothea Erxleben, an der Universität Halle zur Dr. med. promoviert worden. Charlotte war “nur” die zweite - drei Generationen hatte es gebraucht, um deutschen Männer-Universitäten diese Gnade ein zweites Mal abzuringen. Und die Herren Professoren taten sich zuerst recht schwer damit. Frau sollte zwar meinen, die Geburtshilfe gehöre zu den Gebieten, für die eine Frau zuständiger ist als jeder Mann - aber ein Professor fand “eine öffentliche Disputation, wegen der Materie, für ein Frauenzimmer ,contra decorem’”.

Charlotte von Siebolds Dissertation trug den Titel: “Über eine Schwangerschaft außerhalb der Gebärmutter und über eine Bauchhöhlenschwangerschaft insbesondere”.

Zwei Jahre nach Charlottes Promotion erhielt ihre Mutter, Regina Josepha von Siebold, die ihre Tochter gemeinsam mit Charlottes Stiefvater ausgebildet hatte, die Ehrendoktorwürde für das Fach Geburtshilfe, ebenfalls von der Landesuniversität Gießen.

Charlotte von Siebold entfaltete nun in Darmstadt eine rege Tätigkeit; sie wird weithin bekannt; häufig wird sie an Fürstenhäuser des In- und Auslands gerufen. 1819 kommt mit ihrem Beistand die spätere Queen Victoria zur Welt. 1829 heiratet sie, mit 41 Jahren “uralt” für die damalige Zeit, einen dreizehn Jahre jüngeren Mann, den Oberstabsarzt Dr. Heidenreich.

Obwohl sie immer berühmter und gefragter wurde, kümmerte sich Charlotte Heidenreich-von Siebold zeitlebens besonders um die in Armut lebenden Wöchnerinnen. Sie erkannte, daß hier medizinische Hilfe bei weitem nicht ausreichte, daß es vielmehr vor allem darauf ankam, der materiellen Not entgegenzuwirken.

Nach ihrem Tod 1859 begründeten deshalb Darmstadts Frauen zu ihrem Andenken die “Heidenreich-von-Siebold-Stiftung” für arme, insbesondere “verschämt-arme” Wöchnerinnen.

Luise F. Pusch und Ursula Reis

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Literatur & Quellen

Dierks, Margarete, Gabriele Käfer-Dittmar & Gerda Vöge.  o.J. Sie gingen voran: Vier bedeutende Darmstädter Frauen des 19. Jahrhunderts. Regina Josepha von Siebold, Charlotte Heidenreich von Siebold, Louise Dittmar, Luise Büchner. Darmstadt. Schlapp.

Klein, Dagmar. 1997. Frauen in der Gießener Geschichte: 52 Biographien und sozio-kulturelle Hintergründe. Hg. Ursula Passarge, Frauenbeauftragte beim Oberbürgermeisteramt der Stadt Gießen. Gießen.

Schönfeld, Walther. 1947. Frauen in der abendländischen Heilkunde vom klassischen Altertum bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts. Stuttgart. Enke.

Weber-Reich, Traudel. Hg. 1993. “Des Kennenlernens werth”: Bedeutende Frauen Göttingens. Göttingen. Wallstein.

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Hedwig Dohm