Claire Waldoff

(Clara Wortmann (Geburtsname))

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geboren am 21. Oktober 1884 in Gelsenkirchen
gestorben am 22. Januar 1957 in Bad Reichenhall

deutsche Kabarettistin und Sängerin
55. Todestag am 22. JAnuar 2012


BiografieWeblinksLiteratur & Quellen


Biografie

Berlin 1913, Linden-Cabaret. Den Kopf mit den flammendroten Haaren leicht in den Nacken gelegt, eine Augenbraue leicht spöttisch hochgezogen, zur schlichten Bluse vielleicht den geliebten Herrenschlips – Claire Waldoff singt das Lied, das ihr meistgesungenes, ihr Erkennungslied wird. Kurt Tucholsky hat ihren Auftritt beschrieben: “Buttrig, quäkend und tugendsam singt sie erst eine Menge Dinge, ob und wie und wo – und auf einmal, über die bewegten Köpfe der lachenden Zuschauer und durch den Zigarrenrauch und den Lärm brüllt ihre Stimme andante: ‘Hermann heest a…’ Und noch einmal, leiser: ‘Hermann-heest-a…’ Und verhallend: ‘Hermann-heest-a…’ Und gleich wieder weiter, wie er tanzt und schnarcht und ‘selbst noch im Traume nach mir quäst er… Hermann heest a…!’ Und dieses Piano ist so ulkig angelernt, so wenig adäquat der Brüllstimme, daß man fassungslos ist. Wie ringt sie sich dieses Piano, jenen Sopran ab? Einen Sopran, der so hoch ist, daß sie gleich kippeln wird, g, gis, a, b… Gottseidank, gerettet! Sie singet, wie der berliner Spatz singt, unbekümmert, frech – und dann (Stimme, von innen, verhallend): ‘Hermann heest a…’”

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Claire Waldoff, die so sehr als Ur-Berlinerin gilt, als kesse “Bolle” mit Schnauze und Herz, an der Spree ist sie nicht geboren. Erst 1906 ist sie in die wirbelige Metropole gekommen. “Dann sah ich zum erstenmal die Riesenstadt Berlin und war überwältigt. Ich empfand gleich das Besondere dieser Stadt, das unerhörte Tempo, das Temperament, das unglaubliche Brio”, schreibt sie in ihren Erinnerungen.

Vergessen ist Gelsenkirchen – dort hat die Bergmannstochter ihre Kindheit verlebt, vergessen ist Hannover - dort hat sie Hedwig Kettlers Gymnasialkurse für Mädchen besucht, Ärztin wollte sie werden. Und vergessen ist Kattowitz – nach der Scheidung der Eltern war an ein teures Studium nicht mehr zu denken, aber warum nicht aus der Liebe zum Theater, der Musik einen Beruf machen? Die Provinzbühne und die Tingelei mit einer Wanderbühne – für einen Hungerlohn spielt sie die jugendliche Naive und die komische Alte, an einem Tag ein Stück von Hauptmann, am nächsten eine derbe Posse oder eine rührselige Operette – verläßt sie nach zwei Jahren; es lockt Berlin mit seinen Theatern und Kleinkunstbühnen, den in Mode gekommenen Kabaretts.

FrauenbildKein Theater ist es, nur ein paar kleine Rollen, nur Stückverträge hat es für die Anfängerin gegeben, oft müssen Freunde mit dem Nötigsten aushelfen. Aber das Kabarett “Roland von Berlin” läßt nach ihrem ersten Auftritt über Nacht neue Plakate drucken: “Claire Waldoff, der Stern von Berlin”. Drei harmlose Liedchen nur hat sie gesungen – im auf Pump gekauften Kleid statt im feschen Anzug (die Zensur verbot den Damen nach elf Uhr abends das Auftreten in Herrenkleidung) -, aber ihr kesser komischer Ton, ihr Augenzwinkern auch bei sentimentalen Texten macht Claire Waldoff von nun an zum unverwechselbaren Star der Kabaretts. Die feinen und die kleinen Leute lieben ihre Claire Berolina, amüsieren sich bei Liedern wie “Ach Jott, wat sind die Männer dumm”, bei “Wer schmeißt denn da mit Lehm” oder “Raus mit den Männern aus dem Reichstag”, sind angerührt von Liedern wie “Mutterns Hände” oder “Das war sein Milljöh”.

Aus dem Radio, von Schallplatten ertönt ihre rauhe unverwechselbare Stimme, Couplets, Berliner Gassenhauer, Volkslieder, Operettenmelodien, literarische Chansons gehören zu ihrem großen Repertoire. In drei Jahrzehnten ist sie eine wahre Volkssängerin geworden.

Den Nationalsozialisten ist Claire Waldoff ein Dorn im Auge: viele Lieder zu frech, viele ihrer Komponisten und Textdichter Juden, befreundet mit vielen, die wie sie den Nationalsozialismus ablehnen. Und es ist kein Geheimnis, daß sie mit einer Frau lebt… Viele FrauenbildKabaretts werden geschlossen, viele Freunde gehen ins Exil. Claire Waldoff bekommt immer weniger Engagements, wird für den Rundfunk fast gänzlich gesperrt. Dieses Berlin ist nicht mehr ihre Stadt, selten hat sie dort noch Auftritte, den ständigen Kontrollen versucht sie sich durch Gastspiele in anderen Städten zu entziehen. Mit ihrer Lebenspartnerin Olly von Roeder erlebt Claire Waldoff das Kriegsende in ihrem kleinen bayrischen Ferienhaus. 1950 – schon herzkrank – kommt sie noch ein mal, das letzte Mal in ihr geliebtes Berlin, noch einmal singt sie ihre alten Lieder, den Kopf mit den flammendroten Haaren leicht in den Nacken gelegt…

Brigitte Warkus

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Nachtrag über Claire Waldoffs Schulbesuch in Hannover:
Claire Waldoff / Clara Wortmann war eine Schülerin des ersten Jahrgangs der gymnasialen Kurse für Mädchen, die von Hedwig Kettler ins Leben gerufen wurden. Er begann 1899; zuvor hatte Kettler in Zeitungsanzeigen für die Kurse geworben. Das Mädchen schrieb am 8. Februar 1899 an Frau Prof. Kettler: “Durch eine Annonce wurde ich auf Ihr Gymnasium aufmerksam. Ich beabsichtige Medizin zu studieren. Wollen Sie mir gütigst Mitteilung über die dortigen Verhältnisse und Bedingungen machen. Ich bin 14 Jahre alt, evangelisch, und werde…am 12. März dieses Jahres konfirmiert. Ich habe die hiesige paritätische Mädchenschule Ostern dieses Jahres absolviert und bin gern bereit meine Schulzeugnisse einzuschicken. Wollen Sie mir gütigst mitteilen, ob ich Aussicht habe, in dem Gymnasium aufgenommen zu werden, alsdann wird mein Herr Vater das nötige veranlassen”.
In Hannover wohnte Clara Wortmann bei den Eltern von Theo Lingen, einer Familie Schmitz. Sie zog vermutlich gleich 1899 dorthin.

Quelle: Ehrich, Karin: “‘Wie vieler Augen waren auf sie gerichtet.’ Die ersten Abiturientinnen in Hannover.” In: Adlige, Arbeiterinnen und ...: Frauenleben in Stadt und Region Hannover vom 17. bis zum 20. Jahrhundert. Hg. Karin Ehrich und Christiane Schröder. Bielefeld 1999. Verlag für Regionalgeschichte. S. 131-157.

Barbara Fleischer

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Links

wiss. Bio-, Disko- und Bibliographie (MUGI)

Wikipedia (mit kompletter? Liste der Waldoff-Songs)

Bio aus lesbengeschichtlicher Sicht von Claudia Schoppmann

Hintergrund: Lesben unterm Hakenkreuz (EMMA 2006)

Texte und Noten von 5 Songs

Kurzbio und Liedtexte

Ausführliche Biographie

Tondokumente

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Literatur & Quellen

Bemmann, Helga. 1994. Claire Waldoff: “Wer schmeißt denn da mit Lehm?” Frankfurt/M; Berlin. Ullstein TB 35430.

FrauenbildClaire Waldoff: Perlen der Kleinkunst [Doppel-CD]. Label: Documents (H’ART), 2004.

Koreen, Maegie. 1997. Immer feste druff: Das freche Leben der Kabarettkönigin Claire Waldoff. Düsseldorf. Droste.

Schaub, Ute. 2000. Verrückt nach Leben: Berliner Szenen in den zwanziger Jahren. Reinbek bei Hamburg. rororo 22679. 

Waldoff, Claire. 1997. Weeste noch…? Erinnerungen und Dokumente. Hg. von Volker Kühn. Berlin. Parthas.

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Hedwig Dohm