Edith Stein

deutsche Philosophin, christliche Märtyrerin, Heilige

geboren am 12. Oktober 1891 in Breslau
ermordet am 9. August 1942 in Auschwitz

70. Todestag am 9. August 2012


BiografieWeblinksLiteratur & Quellen


Biografie

“Was Heilige kennzeichnet, ist eine ausgeprägte Persönlichkeit” (Régine Pernoud). Dies trifft besonders auf die 1998 kanonisierte jüdische Philosophin und Karmelitin Edith Stein zu. Ihr Leben stand unter der Spannung von Gegensätzen, galt dem Bemühen um eine Synthese zwischen Judentum und Christentum, zwischen Philosophie und Religion, mystisch erlebtem Glauben und tätiger Nächstenliebe.

Als Jüngste wuchs Edith Stein mit sechs Geschwistern in einer jüdischen Familie auf. Nach dem Tod des Vaters führte die Mutter den verschuldeten Holzhandel allein weiter und ermöglichte allen Kindern eine gute Ausbildung. Sie war eine fromme Jüdin, während ihr Lieblingskind, die eigenwillige, hochbegabte Edith, schon früh und bewußt den jüdischen Glauben aufgab und sich selbst als Atheistin bezeichnete.

Nach dem Abitur gab die Mutter ihre Einwilligung für ein Studium der Geschichte und Germanistik in Breslau, das Edith 1915 mit dem Staatsexamen abschloß. Doch ihr Interesse galt vorwiegend der Philosophie. Sie wechselte zur Universität Göttingen, um Vorlesungen über Phänomenologie bei dem berühmten Philosophen Edmund Husserl zu hören, dessen Meisterschülerin und Assistentin sie wurde. Bei ihm promovierte sie auch, doch blieb ihr als Frau die Habilitation und damit die wissenschaftliche Laufbahn verwehrt. Diese bittere Erfahrung trug dazu bei, daß sie sich für Frauenrechte einsetzte. Von 1922 bis 1933 arbeitete sie als Lehrerin und Dozentin. Mit FreundInnen diskutierte sie, machte auch gern Wanderungen mit ihnen, doch gab sie wenig von sich preis; sie galt als verschlossen.

Ihre leidenschaftliche Suche nach Wahrheit führte sie auch zu Religionsfragen, auf die sie schließlich im Christentum endgültige Antwort fand. Die Werke von Thomas von Aquin und Teresa von Avila faszinerten und beeinflußten sie, so daß sie sich 1922 zur Taufe entschloß, zum großen Kummer ihrer Mutter. Von da an war es ihr sehnlicher Wunsch, in den strengen Orden des Karmel aufgenommen zu werden, den sie sich zunächst aus Rücksicht auf die Mutter versagte und weil geistliche Berater sie zu weiterer wissenschaftlicher Arbeit verpflichteten. Ab 1933, dem Jahr der NS-Machtergreifung, durfte sie nicht mehr veröffentlichen; auch ihre Tätigkeit als Dozentin wurde verboten. Nun schien ihr die Zeit gekommen, nur noch ihrem Glauben zu leben und als Ordensfrau in den Kölner Karmel einzutreten. 1935 legte sie die ersten Gelübde ab und empfing den selbstgewählten Namen Teresia Benedicta a Cruce. Ihre Familie war entsetzt und fühlte sich verraten in dieser Zeit der Verfolgung und Vernichtung. In Wahrheit hatte Edith nie aufgehört, sich dem jüdischen Volk zugehörig zu fühlen. Sie versuchte – vergeblich – den Papst zu einer Enzyklika gegen die Judenverfolgung zu bewegen.

Als ihr Aufenthalt zu einer Gefährdung des Kölner Klosters wurde, flüchtete sie in den Echter Karmel in Holland. Auch dort war sie ihres Lebens nicht mehr sicher. Nachdem tapfere holländische Bischöfe einen Hirtenbrief gegen die Verfolgung der Juden von den Kanzeln hatten verlesen lassen, wurde sie mit vielen anderen holländischen JüdInnen von der Gestapo verhaftet, nach Auschwitz verschleppt und in der Gaskammer ermordet.

Bis zuletzt stand sie ihren verzweifelten Mitgefangenen bei. Ihren gelassen erwarteten Tod nannte sie selbst ein Sühnopfer für ihr Volk.

Zitate:

Wenn der Verstand sein Äußerstes wagt, dann kommt er an seine eigenen Grenzen. Er zieht aus, um die höchste und letzte Wahrheit zu finden, und entdeckt, daß all unser Wissen Stückwerk ist.

Wer die Wahrheit sucht, der sucht Gott, ob es ihm klar ist oder nicht.

Es ist ein weiter Weg von der Selbstzufriedenheit eines “guten Katholiken”, der “seine Pflichten erfüllt”, eine “gute Zeitung” liest, “richtig wählt” usw., bis zu einem Leben an Gottes Hand, in der Einfalt des Kindes und der Demut des Zöllners. Aber wer ihn einmal gegangen ist, wird ihn nicht wieder zurückgehen.

Ursula Schweers

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Links

www.edith-stein.de

Wikipedia

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Literatur & Quellen

Edith Stein in der Deutschen Nationalbibliothek

Carroll, James. 1999. “The Saint and the Holocaust: In canonizing Edith Stein, has the Church misrepresented her life, and history?”, The New Yorker 7.6.1999, S. 52-57.

Endres, Elisabeth. 1987. Edith Stein: Christliche Philosophin und jüdische Märtyrerin. Erweiterte TB-Ausgabe 1998. Freiburg. Herder.

Feldmann, Christian. 1998. Edith Stein: Jüdin, Atheistin, Ordensfrau. Freiburg. Herder.

Hahn, Barbara. Hg. 1994. Frauen in den Kulturwissenschaften: Von Lou Andreas-Salomé bis Hannah Arendt. München. Beck

Herbstrith, Waltraud. Hg. 1987 [1983]. Edith Stein: Ein neues Lebensbild in Zeugnissen und Selbstzeugnissen. 4. Aufl. Freiburg. Herder TB 1035.

Koepcke, Cordula. 1985. Edith Stein: Philosophin und Ordensfrau. Hg. Victor Conzemius & Andreas Lindt. Hamburg. Friedrich Vlg.

Müller, Andreas Uwe & Maria Amata Meyer. 1998. Edith Stein: Das Leben einer ungewöhnlichen Frau. Solothurn; Düsseldorf. Benziger.

Stein, Edith. 1960. Briefe an Hedwig Conrad-Martius. Hg. Hedwig Conrad-Martius. München. Kösel.

Stein, Edith. 1987. Aus meinem Leben. [Sonderausgabe von “Aus dem Leben einer jüdischen Familie”, Edith Steins Werke Band VII, Herder Vlg 1985]. Freiburg. Herder.

Wimmer, Reiner. 1990. Vier jüdische Philosophinnen. [Weil, Luxemburg, Stein, Arendt]. Tübingen. Attempto. Studium Generale Universität Tübingen.

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Hedwig Dohm