Jacqueline du Pré

geboren am 26. Januar 1945 in Purley, Oxford
gestorben am 19. Oktober 1987 in London

englische Cellistin
20. Todestag am 19. Oktober 2007


Etwa vor 40 Jahren, ein Cellokonzert im Radio: Ein blühender, gesanglicher Ton von unerhörter Intensität und eine leidenschaftliche Interpretation, die ganz anders war als alles, was ich bis jetzt aus dem Konzertsaal, z.B. von dem noblen Pierre Fournier, gewohnt war: Jacqueline du Pré! Kaum über zwanzig war sie. Als Vierjährige bekam sie den ersten Cellounterricht, gewann mit elf das renommierte Suggia-Stipendium, war Meisterschülerin von Casals, Tortelier und Rostropowitsch – ein “Wunderkind”. Sie musizierte mit den besten Dirigenten und Orchestern sowie, auch kammermusikalisch, einer Anzahl nur wenig älterer aber ebenso bekannter Solisten. Und wer je ein Konzert mit ihr hörte, war überwältigt von ihrer schieren Musikalität, ihrer Sinnenhaftigkeit und Spontaneität.

Gerade die unmittelbare Natürlichkeit und das Feuer ihrer musikalischen Präsenz überdeckte jedoch ihr Lebensschicksal, und über dem immer strahlenden Star geriet die Frau Jacqueline du Pré bald in Vergessenheit. Die erst 26jährige muß eine Einspielung abbrechen – es wird ihre letzte bleiben. Nach zwei Jahren sich immer weiter verschlechternder Gesundheit gibt sie am 25. Januar 1973, einen Tag vor ihrem 28. Geburtstag, in New York das letzte Konzert mit ihrem Mann Daniel Barenboim. Das Brahms-Doppelkonzert mit Pinchas Zukerman unter Bernstein im Februar wird zum katastrophalen Ende ihrer Karriere. Sieben verzweifelte Monate noch, mit ständig sich steigernden Selbstvorwürfen, bis zur Diagnose: nicht Stress und weibliche Hysterie sondern – Multiple Sklerose! Es ist ein mühsames Sich-Aufraffen, sich ab 1975 – nun im Rollstuhl – für die Bekämpfung der MS einzusetzen. Drei Jahre kann sie noch - nicht mehr spielend, nur mühsam sprechend – Meisterklassen geben; 1980 ist auch das vorbei. Zwar bleiben ihr Lebenswille und ihr Witz ungebrochen, doch sind die letzten sieben Jahre ein quälender und nie gelungener Abschied vom eigentlichen Sinn und der einzigen Möglichkeit, dem buchstäblich eigensten “Instrument” ihres Lebens – dem geliebten Cello.

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Nachtrag 2002 von Luise F. Pusch

In ihrer 1997 veröffentlichten Doppelbiographie “A Genius in the Family” (deutsch: “Hilary und Jackie”, so auch der Titel der  Verfilmung mit Emily Watson) machen uns Jacquelines Geschwister, die Flötistin Hilary du Pré und ihr Bruder Piers, mit einigen bis dahin unbekannten Zügen des ungestümen Genies vertraut. Wenn man den Geschwistern und dem Film glauben darf, war die sich rückhaltlos verausgabende Künstlerin liebebedürftig bis zur Zerstörung ihrer engsten Bindungen und schreckte auch nicht davor zurück, “der Schwester den Mann wegzunehmen”. In dem  jüngsten, fünften du-Pré-Film von Christopher Nupen (Who Was Jacqueline du Pré?), der im September 2002 auch im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde (Jaqueline du Prè: Wie war sie wirklich?), wird diese dunkle Seite keiner Silbe gewürdigt; das Porträt ist auch als Antwort auf die “Verleumdungen” der Geschwister gegen eine, die sich nicht mehr wehren kann, gemeint. Es ist noch verehrungsvoller als alle vorhergegangenen du-Pré-Filme von Nupen (’Jacqueline du Pré and the Elgar cello Concerto’ 1967, Neufassung 1980; ‘The Trout’ 1969; ‘The Ghost’ 1970 und ’ Remembering Jacqueline du Pré‘ 1995 ). Die von Nupen interviewten FreundInnen und KollegInnen (u.a. Zubin Mehta, Pinchas Zukerman, Itzhak Perlman, Toby Perlman, Dietrich Fischer-Dieskau, die Herzogin von Kent, Lady Evelyn Barbirolli, Vladimir Ashkenazy, Fou Ts’ong sowie Jackies Freundin und Biographin, die Cellistin Elizabeth Wilson) bezeugen einstimmig: Jacqueline du Pré strahlte musikalisch und menschlich einen ungeheuren Zauber aus, dem alle erlagen.

Swantje Koch-Kanz

du pre barenboim

Burgess, Patricia. Hg. 1990. “Jacqueline du Pré”, The annual obituary 1987. Chicago; London. St. James Press.  S. 612-4.

du Pre, Hilary & Piers du Pré. 1999 [1997]. Hilary und Jackie. Berlin. Ullstein.

Easton, Carol. 1991. Jacqueline du Pré oder Musik war ihr Leben: Eine Biographie. Wien. Zsolnay.

Wilson, Elizabeth. 1999. Jacqueline du Pré: Her Life, Her Music, Her Legend. Arcade.

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Hedwig Dohm