Karin Michaelis

geboren am 20. März 1872 in Randers, Jütland
gestorben am 11. Januar 1950 in Kopenhagen

dänische Schriftstellerin
140. Geburtstag am 20. März 2012


BiografieLiteratur & Quellen


Biografie

Eine 38jährige Dänin veröffentlicht 1910 einen Roman. Nicht verwunderlich, der Name ist bekannt; sie ist seit Jahren journalistisch für in- und ausländische Zeitungen tätig. Studiert hatte sie Musik und Literatur in Kopenhagen. Eine lebhafte kleine Person mit unorthodoxen Ansichten. Die bis zu diesem Zeitpunkt erschienenen Romane und Erzählungen waren viel - überwiegend von Frauen - gelesen und in mehrere Sprachen übersetzt worden. Doch was sich so leicht und eingängig las, war überzeugtes frauenpolitisches Engagement.

1910 aber ging “der kleine Kobold”, wie Karin Michaelis seit ihrer Kindheit genannt wurde, vielen zu weit. Diese Frau, seit 1895 mit dem Schriftsteller Sophus M. verheiratet, ließ ein Tabu zum Tagesgespräch werden. Mit dem nur 182 Seiten dicken Buch Das gefährliche Alter  gelang ihr eine für ihre Zeit so emotionale und ehrliche Auseinandersetzung mit dem Klimakterium der Frau, daß ein Sturm der Entrüstung, besonders von bürgerlichen Frauen und verschreckten Männern, losbrach. Da wagte es diese Frau Michaelis über die weibliche Sehnsucht nach sexueller Befriedigung, über die selbstbestimmte Trennung vom Ehemann und den ewigen Kampf um persönliche Freiheit zu schreiben. “Die letzten Intimitäten hat sie entblößt”, empörten sich Leserinnen, nachdem der Roman im selben Jahr in Deutschland erschienen war. Karin Michaelis, die selbst schon an der Schwelle zum Alter stand, denn mit 40 hatte eine ordentliche Frau um die Jahrhundertwende ohne Ausbrüche und sexuelle Bedürfnisse zu leben, prägte für eine ganze Generation den Begriff des “gefährlichen Alters” und setzte die Diskussion um weibliche Sexualität und Alter in Gang. Eine Million Exemplare des Buchs wurden verkauft. In der ersten der drei Verfilmungen spielte Asta Nielsen die Hauptrolle.

Bezeichnend für diese Frau, die in der Welt herumreiste, zweimal heiratete und sich immer wieder neu verliebte ist, daß sie im Detail beobachtet und darstellt. Sie behandelt die nicht mehr vorhandene Liebe zwischen Ehepaaren, die Gehässigkeiten von Müttern ihren heranwachsenden Töchtern gegenüber, die psychische Gewalt alter Ehemänner gegen ihre jungen Frauen. Und all dies vor Woolf und Joyce mit dem Mittel des inneren Monologs.

Ein Grundsatz bestimmte das Leben dieser humorvollen und lebendigen Frau: Ungerechtigkeiten müssen benannt werden. Sie schrieb vehemente Aufrufe, in denen sie die Freilassung von Sacco und Vanzetti in den USA forderte. Sie trat gegen Hitler und Mussolini auf; ihre Bücher wurden in Deutschland und Italien verboten. 1934 nahm sie Helene Weigel und Bertolt Brecht auf; 1940 floh sie nach Amerika.

Selbst kinderlos, schrieb sie sowohl pädagogische Betrachtungen zur Kindererziehung als auch sechs Bücher über das freche, neugierige und liebenswerte Mädchen Bibi. Mit der Illustratorin dieser Bände, Hedwig Collin, reiste sie durch die Lande und versetzte “Bibi” in das Leben außerhalb der eigenen vier Wände. Achtundsiebzigjährig starb Karin Michaelis in Kopenhagen.

Melitta Walter

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Literatur & Quellen

Literatur:

Karin Michaelis in der Deutschen Nationalbibliothek

Fischer- Dückelmann, Anna. 1911. “Vorwort”, in: Ärztlich-literarische Besprechung des Klimakteriums. Berlin. Hesperus.

Fuegi, John. 1997. Brecht & Co. Biographie [=The Life and Lies of of Bertolt Brecht]. Autorisierte, erweiterte und berichtigte dt. Fassg. von Sebastian Wohlfeil. Hamburg. Europ. Verlagsanstalt.

Karin Michaëlis. 2005 [1910]. Das gefährliche Alter: Tagebuchaufzeichnungen und Briefe einer vierzigjährigen Frau. Frankfurt/M. suhrkamp taschenbuch 3710


Michaelis, Karin. 1948. Der kleine Kobold: Die Lebenserinnerungen der Dichterin. Aus dem Engl. von Felix Horst. Wien. Humboldt.

Michaelis, Karin. 1950 [1948-9]. Die wunderbare Welt. Autobiographie.

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Hedwig Dohm