Kathrine Switzer

(Kathrine Virgina Switzer)

geboren am 5. Januar 1947 in Amberg

US-amerikanische Marathonläuferin und Journalistin
65. Geburtstag am 5. Januar 2012


BiografieLiteratur & Quellen


Biografie

Kathrine Switzers herausragendster Charakterzug ist Unerschrockenheit. Unerschrocken war auch Switzers Mutter, die, mit ihrem zweijährigen Sohn und im achten Monat mit Kathrine schwanger, 1946 mit dem Schiff von New York in das völlig zerstörte Deutschland reiste, um sich mit ihrem dort stationierten Mann wieder zu vereinen. Virginia Switzer geht nach ihrer Ankunft im fremden Land sofort daran, eine Infrastruktur für ihre Familie aufzubauen und engagiert aus dem Lager für “Displaced Persons”, das ihr Mann leitet, ein Kindermädchen. Bald werden diverse Geschwister und Freunde des Kindermädchens als Koch, Schneider und Klavierlehrer in den Switzerschen Haushalt integriert. 1949 kehrt die Familie in die USA zurück.

Die Switzers praktizieren eine für die damalige Zeit ungewöhnliche, das Geschlecht außer Acht lassende Erziehung ihrer Kinder. Virginia ist berufstätig, und die kleine Kathrine klettert auf Bäume, rennt bei “Cowboy und Indianer” mit den Nachbarjungs um die Wette, liebt Rüschenkleider und spielt mit Puppen. Sie sieht keinen Widerspruch darin, stark, entschlossen, selbstbewußt und gleichzeitig feminin zu sein.

Als Kathrine in der Highschool Cheerleaderin werden will, sagt ihr Vater “Du solltest nicht am Rand stehen und den Spielern zujubeln. Die sollten Dir zujubeln. Du bist eine gute Athletin. Das Leben ist zum Mitmachen da, nicht zum Zuschauen.” Er ermutigt sie dazu, der Mädchen-Hockey-Mannschaft ihrer Schule beizutreten. Um dafür fit zu werden, müsse sie nur eins tun: pro Tag eine Meile laufen, d. h. siebenmal durch den elterlichen Hof joggen. Bereits da macht sie die Erfahrung, daß ihre Mitmenschen Frauen und Sport für unvereinbar halten. Ihre Freundinnen warnen sie, daß sie vom Laufen dicke Beine und Haare im Gesicht bekäme. Kathrine stellt fest, daß sie durch ihr Laufpensum beim Hockey besser durchhält. Sie merkt, daß Laufen ihr gut tut und nennt es ihre “magische Waffe”. Sie übernimmt die Redaktion des Sportteils der Schülerzeitung und beginnt so ihre Karriere als Sportjournalistin. Nach dem Wechsel an die Universität absolviert sie ihr tägliches Laufpensum auf der Tartanbahn des Campus, unbeeindruckt von den Pfiffen und süffisanten Bemerkungen der männlichen Studenten. Der Trainer der Jungen-Leichtathletik-Mannschaft spricht sie an. Ihm fehlt ein männlicher Kandidat für einen 1500m-Wettkampf mit einem anderen College. Ob Kathrine einspringen würde. Am Tag nach dem Rennen erscheint ein Artikel in der Lokalpresse, daß eine Frau in einem männlichen Team mitlief und auch noch die unglaubliche Distanz von 1500 m schaffte. Kathrine erhält eine Flut von Briefen: Leute, die sie beglückwünschen, Bitten um Brieffreundschaften, Heiratsanträge – und Haßbriefe, daß sie für ihr unweibliches Verhalten büßen wird.

Nach einem Universitätswechsel nach Syracuse sucht sie das “Men’s Athletic Department” auf (ein Women’s Athletic Department gibt es nicht) und fragt, ob sie mit den Männern laufen kann. Der Trainer hat nichts dagegen. In dieser Männergruppe trifft sie Arnie Briggs, einen Marathonläufer, der 15 mal den berühmten Boston-Marathon absolviert hat, aber nun verletzungsbedingt auf niedrigerem Niveau trainieren muß. Kathrine ist als Anfängerin, die langsam läuft, eine willkommene Laufpartnerin für ihn. Die beiden bilden bald ein Team. Daraus entwickelt sich die Idee, den Boston-Marathon zu laufen. Arnie studiert die Statuten des Marathon-Komitees, in dem von einem Laufverbot für Frauen keine Rede ist. Vermutlich, weil keiner der Organisatoren auch nur daran dachte, daß eine Frau auf die Idee kommen könnte, mitlaufen zu wollen. Sie meldet sich also nun mit ihren Initialen K.V. Switzer an und trainiert täglich mit Arnie. Zum Marathon am 19. April 1967 startet sie mit Arnie und ihrem Freund Tom, einem Hammerwerfer. Als einer der Organisatoren, Jock Semple, erfährt, daß eine Frau an “seinem” Marathon teilnimmt, rastet er aus, springt von einem vorbeifahrenden Pressewagen, beschimpft Kathrine und versucht, ihr die Startnummer runterzureißen. Tom setzt ihn mit einem gezielten Schlag außer Gefecht. Ein Fotograf hält die Szene fest, die Bilder gehen später um die Welt. Nach 4 Stunden und 20 Minuten überquert Kathrine die Ziellinie. Damit beweist sie, daß Frauen in der Lage sind, einen Marathon zu laufen, daß sie dadurch weder unfruchtbar noch lesbisch noch unattraktiv werden, und dass sich auch ihre Gebärmutter nicht löst und herausfällt (das waren damals allen Ernstes die vorherrschenden Meinungen). Von nun an besteht Kathrines persönliches und berufliches Ziel darin, den Marathon allen Frauen zugänglich zu machen und das auch auf olympischer Ebene. Sie gibt unzählige Interviews, schreibt für Zeitungen und tritt in Talkshows auf. Sie findet Unterstützung und Mitstreiter beim “RRCA” (Road Runners Club of America). Die “AAU” (Amateur Athletic Union), Organisatorin der meisten Läufe, hingegen disqualifiziert Kathrine nach ihrem Erfolg in Boston, weil sie eine Frau ist. Die Kosmetik-Firma Avon bietet Kathrine eine Stelle als Koordinatorin von Frauenläufen weltweit an. Avon verbreitet auf diese Weise seine Produkte und Kathrine begeistert Frauen für Sport. Die AAU muß schließlich nachgeben.

Kathrine startet 1971 ein weiteres Mal in Boston. Sie bereitet ihr Aussehen sorgfältigst vor – sie weiß, daß sie keinerlei Schwächen zeigen darf “ein gestresser männlicher Läufer ist auch, wenn er gestresst ist, ein Held. Eine gestresste Läuferin hingegen beweist wieder einmal, daß Frauen physisch ungeeignet sind, Marathon zu laufen.” Sie weiß auch, daß sie versuchen muß, den Marathon in weniger als 4 Stunden zu schaffen, um zu beweisen, daß sie als Frau tatsächlich schneller laufen kann als ein Mann. Und sie schafft diesmal eine Zeit von 3:28.
1974 gewinnt sie den New York Marathon und geht 1975 wieder beim Boston Marathon als Zweite mit einer Zeit von 2:51 durchs Ziel.
Im Februar 1981 erreicht sie ihren größten Sieg: das Internationale Olympische Komitee beschließt, bei den Spielen 1984 Frauen beim Marathon zuzulassen.

Karin Müller

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Hedwig Dohm