Theresia Sauter-Bailliet

(Dr. Theresia Sauter-Bailliet, geb. Sauter)

geboren am 19. Juni 1932 in Weingarten
Amerikanistin, Germanistin, Romanistin, vor allem Feministin
80. Geburtstag am 19. Juni 2012


BiografieLiteratur & Quellen


Biografie

Kindheit, Lehr- und Wanderjahre
Theresia Sauter ist in den Kriegsjahren in Deutschland aufgewachsen. Nach den Erfahrungen dieser Zeit war es für sie selbstverständlich, dass sie ihr Leben selbst gestalten würde. Als sie mit 20 Jahren den Entschluss fasste, nach England zu gehen, verweigerten die Eltern ihr jede Unterstützung. Sprachdiplom und Lebensunterhalt musste sie sich als Haushaltshilfe verdienen; im Grunde war sie Dienstmagd. Wieder zurück in Deutschland sprang sie 1953 auf einen Flüchtlingszug aus dem Osten und kam auf diese Weise kostenlos nach Paris. Wieder musste sie sich das Sprachdiplom – Französisch – mit schwerer Hausarbeit verdienen. Das noch fehlende Spanischdiplom erwarb sie mit dem angesparten Geld – diesmal war noch größere Armut der Preis.

In der Oberschule war ihr Traum ein Chemiestudium gewesen. Die unausgesprochene Suggestion, Sprachen seien passender für eine Frau, hatte bei ihr jedoch gewirkt. So geriet sie beinahe unmerklich in traditionell weibliches Gebiet: sie wurde Dolmetscherin. Nie hielt sie es lange an einem Ort aus; die Abenteuerlust trieb sie in die USA, die sie 1958 per Schiff, dem damals üblichen Transportmittel, erreichte. Mit dem Bus fuhr sie quer über den Kontinent von New York nach Seattle. Zwei Tage später hatte sie bereits eine Arbeitsstelle, was mit nurmehr zwanzig Dollar in der Tasche auch bitter nötig war. 1960 begann sie mit dem Literaturstudium an der University of Washington/Seattle, wo sie 1969 promovierte. Sie studierte mit Begeisterung. Dass die literarische Tradition fast ausschließlich eine männliche war, erkannte sie noch nicht als Ergebnis patriarchaler Einflussnahme. Es mussten andere Erfahrungen hinzukommen. 1968 heiratete sie den Franzosen Claude Bailliet. Dass man(n) von ihr erwarten würde, dem Ehemann ohne Rücksicht auf die eigene Arbeit zu folgen und damit auf Studium und Karriere zu verzichten, hatte sie nicht erwartet. Der eigentliche Bewusstseinsschock und das feministische Erwachen kamen erst jetzt.

Handelt es sich nicht um eine typische Frauenbiographie? Frauen glauben, sich selbst zu verwirklichen und bleiben doch im patriarchalen Netz gefangen. Doch für Theresia Sauter-Bailliet gab es nach ihrem schockartigen Erwachen kein Zurück mehr. Es war die Zeit des Aufbruchs der Neuen Frauenbewegung. Als Professorin am Allegheny College in Pennsylvania traf sie sich mit den am Herd gebliebenen hochbegabten Ehefrauen von erfolgreichen jungen Professoren zum Consciousness-Raising. Auch die Women’s Studies entstanden in jener Zeit. Politisches Engagement und akademisches Studium gingen noch Hand in Hand. Ein Höhepunkt war 1970 der Besuch von Gloria Steinem, Herausgeberin der damals tonangebenden feministischen Zeitschrift MS, die mit rhetorischer Brillanz emanzipatorische Aufbruchstimmung verbreitete. “Noch hatten wir den aufklärerischen Glauben, wie im 18. Jahrhundert Mary Wollstonecraft, die Welt mit eindeutigen Beweisen von der Unterdrückung des Frauengeschlechts überzeugen zu können. Dies spornte uns an. Kein Lebensbereich, keine Disziplin, blieb undurchforscht. Es fehlt heute nicht an Beweisen, doch der patriarchale Mythos lässt sich nicht von Fakten beeindrucken”, so Theresia Sauter-Bailliet.

Weiterer Werdegang, Publikationen und Interventionen
1973 gab sie ihre Professur an der Loyola University in Chicago auf und kehrte zurück nach Deutschland an die Technische Hochschule Aachen. Zum Thema “Modern Trends in America: Black Studies and Women Studies” hat sie das erste Frauenseminar in Literatur an dieser Universität gehalten. Die feministische Pionierinnenarbeit führte sie mit einem breiten Spektrum von Themen bis 1997 kontinuierlich weiter. Die Vorträge auf der ersten Berliner Frauenuniversität 1976 waren der Auftakt zu weiteren Veröffentlichungen und Interventionen. Sie trat auf vielen Jahrestagungen der Modern Language Association in den USA auf, veröffentlichte sowohl in den USA als auch in Frankreich. 1974 gründete sie in Paris mit anderen Französinnen die kurzlebige Parti Féministe, die auch zu Wahlen antrat. Die Abtreibungsdebatte war damals auf dem Höhepunkt. Gemeinsam mit der Rechtsanwältin Gisèle Halimi engagierte sie sich in der Organisation CHOISIR für die Entkriminalisierung der Abtreibung (wie bereits bei NARAL in den USA). Der internationale Kongress Choisir de Donner la Vie 1979, auf dem sie Deutschland vertrat, gab eine Bilanz der Liberalisierung dieses frauenverachtenden Gesetzes.

Seit 1982 begeistert sie sich für die feministische Science Fiction US-amerikanischer Schriftstellerinnen. Ausgehend von der Frage “was wäre wenn . . .”, kann feministische Science Fiction Zukunftsszenarien entwerfen, die Frauen über eine entmutigende Realität hinweghelfen. Es begann eine produktive Schaffensperiode mit Seminaren, zahlreichen Vorträgen und Veröffentlichungen zu diesem Thema. Wegweisend waren SF-Autorinnen wie Marge Piercy, Joanna Russ, Ursula LeGuin, und viele andere.

In realistischer Einschätzung der Zählebigkeit des Patriarchats und auf der Suche nach positiven Erfahrungen wandte sich Theresia Sauter-Bailliet der Matriarchatsforschung zu und besuchte 2007 den matriarchalen Stamm der Mosuo in China. Mit der Entdeckung des Labyrinths im Jahr 2000 auf dem Fest der 2000 Frauen in Frankfurt, wo sie ihre Lieblingsschriftstellerin James Tiptree vorstellte, öffnete sich ihr ein weiteres Feld persönlicher Erfahrung und historischer Erforschung. Am Labyrinth kann sie beispielhaft den historischen Wandel vom Matriarchat zum Patriarchat in all seinen Facetten bis in die Neuzeit ablesen. In der Begehung des Labyrinths – was ihr schon an vielen verschiedenen Orten möglich war – findet sie innere Ruhe. Noch immer durchreist sie alleine ferne Länder und Kontinente, um sich mit dem Leben der Frauen dort zu beschäftigen; Reiseberichte und Vorträge halten dieses Interesse fest.

Bettina Schmitz

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Literatur & Quellen

Schriften von Theresia Sauter-Bailliet:
A. Bücher:
Die Frauen im Werk Eichendorffs: Verkörperungen heidnischen und christlichen Geistes. Bonn 1972.
Frauen in Bewegung. Zur Geschichte, Bedeutung und Aktualität der Frauenemanzipation in den USA und Frankreich. Wiesbaden 1982.

B. Aufsätze (Auswahl):
“Die Gretchen-Episode in Goethes Faust.” In: Frauen und Wissenschaft. Berlin, 1977.
Féminisme – Féministe: une Définition.” In: Bulletin de Liaison du Parti Féministe, Nr. 3 (1977).
“Macht und Ohnmacht im häuslichen Bereich. Eine sozio- und psycholinguistische Literaturanalyse von Sue Kaufmans Diary of a Mad Housewife.” In: Frauen als bezahlte und unbezahlte Arbeitskräfte. Hg. Dokumentationsgruppe der Sommeruniversität. Berlin, 1978. Ebf. in: Wissenschaft und Zärtlichkeit, Nr. 2, (1978).
“Sexismus in der Sprache: Am Beispiel des Englisch-Amerikanischen.” In: Vorgänge, Nr. 32 (1978).
“Donner la vie: Législation à travers le monde: R.F.A.”  In: Choisir de donner la vie. Paris, 1979.
“Vom Studium für Frauen zu Frauenstudien: Women’s Studies in den USA.” In: Englisch-Amerikanische Studien, Nr. 2 (1980).
“The Feminist Movement in France.” In: Women’s Studies International Quarterly, 4, Nr. 4 (1981). Ebf. in: The Women’s Liberation Movement: Europe and North America. Hg. Jan Bradshaw. Oxford: 1982.
“Marge Piercy: Woman on the Edge of Time.” In: Die Utopie in der angloamerikanischen Literatur. Hg. Hartmut Heuermann et al. Düsseldorf, 1984.
“Kämpfende Frauen in der Literatur. Am Beispiel Kamilla und Brünhild.” In: Feministische Studien, 3, Nr. 2 (1984).
“‘Remember the Ladies.’ Emancipation Efforts of American Women from Independence to Seneca Falls.” In: The Early Republic. The Making of a Nation, the making of a Culture. Hg. Steve Ickringill. Amsterdam: 1988.
“Hat die Raumfahrt ein Geschlecht?” Hg. Anne Schlüter et al. In: Was eine Frau umtreibt. Pfaffenweiler, 1990.
“Tiptree immortalized in Germany’s Frauen-Gedenk-Labyrinth.” In: Extrapolation, 44, Nr. 1 (2003).

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Hedwig Dohm