31.03.2007

Von Schildkröterichen und beschnittenen Kindern

Gästinglosse von Andrea Schweers

Nach längerem Aufenthalt im kühl-grauen Norddeutschland bin ich in dieser Woche mal wieder auf Mayotte zu Besuch, wo die eine Hälfte unserer Frauenfamilie zur Zeit lebt und arbeitet. Wie es sich für eine richtige Tropeninsel im Indischen Ozean mitten in der Regenzeit gehört, ist es höllisch heiß, 35 Grad im Schatten bei fast 100prozentiger Luftfeuchtigkeit, aber ansonsten wunderbar: ein strahlend blauer Himmel über dichter grüner Tropenvegetation, ein ebenso strahlend blaues Meer, aus dem alle paar Minuten der dinosaurierartige Kopf einer Meeresschildkröte zum Luftholen auftaucht – eine immer wieder reizende Begegnung der ganz besonderen Art.

Meeresschildkröten gehören ja zu den nettesten Tieren überhaupt – absolut friedfertig, geräuschlos (wenn sie nicht gerade unter der Anstrengung ins Schnaufen geraten, die es bedeutet, mit dicken, etwas steifen und eigentlich zum Schwimmen gemachten Flossen einen breiten Strand hinauf zu kriechen, um dort dann an einem möglichst geschützten Ort ein Loch für die Ablage von etwa 100 Eiern zu graben). Und Meeresschildkröten sind so schön feministisch – Frauenbilduralt, weise, mit einem phantastischen Gedächtnis ausgestattet (zur Eiablage kehren sie regelmäßig an den Strand ihrer Geburt zurück), und von einem Schildkröterich hat auch noch nie jemand was gehört. Es muß sie aber geben, denn wenn man großes Glück hat, kann man ab und an im warmen ufernahen Wasser ein Schildkrötenpaar in stundenlangem Liebesspiel beobachten – und dabei ist dann vermutlich eine der beiden Kröten ein Kröterich. Nachgeprüft haben wir es allerdings nicht.

Außer den Freuden solcher Naturbegegnungen hat das französische Überseeterritorium Mayotte auch sonst einiges zu bieten, die allabendlichen lokalen Fernsehnachrichten zum Beispiel: Da mischen sich auf unnachahmliche Weise die großen Weltereignisse (im Moment v.a. die bevorstehenden französischen Präsidentschaftswahlen, bei denen mit Ségolène Royal zum ersten Mal eine Frau auf aussichtsreichem Platz kandidiert), mit ebenso aufregenden örtlichen Angelegenheiten, wie der Beseitigung von Schlaglöchern in einer vom Regen ausgewaschenen Dorfstraße, oder, so wie heute Abend, eine Vorschau auf ein Ereignis, das offensichtlich besonders die Frauen betrifft, jedenfalls werden nur sie dazu interviewt – es geht um die Vorbereitung der Beschneidungsfeierlichkeiten, von denen in den nächsten Wochen (es ist der Geburtsmonat des Propheten Mohammed) besonders viele stattfinden werden.

Gruppen zumeist ziemlich voluminöser, in die ortsüblichen farbenfrohen Salouvas gehüllter Frauen versammeln sich zum Tanzen und Singen vor den Hauseingängen der Festfamilien. Doch was und v.a. wer wird da eigentlich so fröhlich gefeiert? Dies sei ein großer Tag im Leben jedes Kindes, betont der Nachrichtensprecher eingangs, es – das Kind – würde auf die Erwachsenenwelt vorbereitet. Nur so könne es seine Sexualität entwickeln, fügt eine der interviewten Frauen aus der Gruppe der Tänzerinnen, verschmitzt lächelnd, hinzu. Und als Geschenk wären Gold und Silber besonders beliebt.

Mehrere bange Fernsehminuten lang bleiben wir im Ungewissen über das Geschlecht der gefeierten Kinder. Erst der letzte Satz des Beitrags läßt uns aufatmen: Nur beschnitten könne sich das Kind in seinem zukünftigen Erwachsenenleben den Mädchen nähern. Da wir mit ziemlicher Sicherheit annehmen dürfen, daß auch auf dieser für ihren toleranten Islam bekannten Insel nicht öffentlich über lesbische Liebe gesprochen wird, stellen wir – in diesem Fall erleichtert – fest: Ein Kind ist ein Junge, solange das Gegenteil nicht ausdrücklich erwähnt wird.


# | Luise F. Pusch am 31.03.2007 um 02:34 PM • Permalink

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Hedwig Dohm