07.06.2008
Friseuse oder Friseurin?
Letzte Woche war meine Freundin Katrin Lunde aus Norwegen zu Besuch. Als Germanistin betrachtet sie die deutsche Sprache mit wissenschaftlichem Interesse, und so fragte sie mich: “Wie sagt ihr jetzt, Friseurin oder Friseuse? Da gab es doch einen Film, Der Mann der Friseuse, aber eben hast du gesagt, du mußt zur Friseurin.”
“Im Deutschen hat die Endung -euse inzwischen einen negativen Beigeschmack”, sagte ich, “wahrscheinlich alles wegen der Masseuse. Seit Massagesalon als Euphemismus für Bordell und entsprechend Masseuse für Prostituierte verwendet wird, besteht die Masseurin auf Masseurin, weil sie nicht mit der Masseuse verwechselt werden möchte. Insgesamt hat der Ruf von -euse in weiblichen Berufsbezeichnungen durch diese Assoziation und das entsprechende Abgrenzungsbedürfnis stark gelitten. Inzwischen gelten Masseurin und Friseurin als “seriöser”, anspruchsvoller als Masseuse und Friseuse. - Vielleicht mag eine Friseurin, die auf sich hält, auch wegen der Friteuse nicht Friseuse genannt werden.”
Ich erinnere mich noch an Nicole Heesters Ende der 70er Jahre als allererste Tatort-Kommissarin. Von ihren gehässigen Kollegen wurde sie mit “Frau Kommisseuse” angeredet, das sollte witzig sein. Und wenn Hillary Präsidentin wird, nächstes Jahr oder in 5 oder 9 Jahren, werden sicher einige sie “Kommandeuse-in-chief” nennen.
Helke Sander erzählt ähnliches aus der Anfangszeit ihrer Karriere als Filmregisseurin: “Ganz schlimm war es jahrelang bei Regisseurin. Das kam niemandem über die Lippen. Zuerst sprach man widerwillg vom weiblichen Regisseur (mit Anführungsstrichen gewissermassen). Dann von der Regisseuse, und erst in den letzten Jahren ist Regisseurin akzeptabel geworden.” (Email vom 8.4.07)
Weitere Beispiele will ich hier nicht diskutieren, sonst kommen mannche noch auf dumme Gedanken. Nur für die Auslandsgermanistik, die solche Feinheiten bzw. Unfeinheiten der deutschen Sprachentwicklung nicht so direkt mitkriegt, sei hier festgehalten:
Dass -euse heute lächerlich wirkt, hat wohl mit drei Faktoren zu tun:
a) der bereits erwähnte semantische Abstieg des Wortes Masseuse. Semantischer Abstieg ist übrigens ein Prozess, der im Patriarchat die meisten Bezeichnungen für Frauen irgendwann trifft (mehr darüber ein andermal).
b) -euse reimt sich auf Möse, -öse sieht auch noch aus wie Möse
c) das Französische hat gegenüber dem Englischen eine Abwertung erlebt; Wörter aus dem Französischen, die einmal sehr “chic” waren, wirken daher heute leicht verstaubt: der Kommandeur ist heute eher ein Commander, der Ingenieur eher ein Engineer.
Das -in ist sprachsystematisch schlimm genug, aber wenigstens besitzt es eine ernsthafte, sozusagen “seriöse” Ausstrahlung. -euse dagegen wird heutzutage oft in der Absicht gewählt, sich über eine Frau lustig zu machen und ihr herrisch zu verstehen zu geben, sie sei leider nur ein lächerlicher Abklatsch des Originals.
Dabei wissen wir doch schon lange:
Dem Ingeniör ist das zu schwör,
die Ingeniöse wird gleich böse.
# | Luise F. Pusch am 07.06.2008 um 02:14 PM •
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