»Laut & Luise«
24.01.2009
Bei unserem Weihnachtstreffen fragte ich meinen Bruder und meine Schwägerin: “Und, was wißt Ihr über Obamas Mutter?” “Sein Vater war schwarz und kam aus Kenya, und sie war weiß und starb an Krebs”, sagten sie, sinngemäß. “Warum fragst du?”
“Obamas Mutter, Stanley Ann Dunham Soetoro, war Anthropologin und hat eine 800 Seiten starke Dissertation verfaßt. Außerdem war sie eine der ganz frühen Kämpferinnen für Mikrokredite für Frauen.” Davon hatten sie bis dahin nichts gehört, immer nur die traurige Geschichte von ihrem Kampf gegen amerikanische Krankenversicherungen vor ihrem frühen Krebstod - und wie das Obama motivierte, sich für die Reform des Gesundheitswesens stark zu machen.
Ich hatte es auch nur zufällig erfahren von einem befreundeten Professor der Anthropologie, der sich im Wahlkampf intensiv für Obama eingesetzt hatte, während Joey und ich natürlich für Hillary waren. Um uns darüber hinwegzutrösten, daß sie nicht nominiert worden war und zugleich um für sein Fach Reklame zu machen, schickte er uns einen Aufsatz seiner Kollegin Behar über die anthropologischen Ursprünge der Lichtgestalt Obama - angelegt von seiner Mutter, der Anthropologin.
Obama über seine Mutter: “Sie war der wichtigste Mensch in meinen Entwicklungsjahren. Die Werte, die sie mir beibrachte, sind für mich noch immer der Prüfstein, wenn es um politisches Handeln geht.”
Im vergangenen Jahr habe ich mich intensiv mit den Anfängen der Anthropologie beschäftigt, insbesondere mit dem Liebespaar Ruth Benedict (1887-1948) und Margaret Mead (1901-1978). Ihre fruchtbare Zusammenarbeit bescherte uns in den 30er und 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts nichts Geringeres als die theoretischen Grundlagen für die Überwindung von Rassismus, Homophobie (Benedict) und Sexismus (Mead).
Ganz im Geiste dieser schönen Überzeugungen tat Obamas Mutter in den 60er Jahren etwas für die damalige Zeit und die US-amerikanische Mittelschichtskultur Ungeheuerliches: Sie heiratete einen Schwarzafrikaner, und nachdem der die kleine Familie verlassen hatte, einen Indonesier, den Vater von Obamas Halbschwester Maya Soetoro-Ng.
Der akademische Lehrer und Mentor von Benedict und Mead war Franz Boas, der Vater der modernen Anthropologie. Der deutsche Jude Boas (1858-1942) kehrte schon in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts dem Antisemitismus im deutschen Kaiserreich angewidert den Rücken, und als Hitler an die Macht kam, setzte der 75jährige alles daran, um die Welt über Hitlers mörderische Absichten aufzuklären und seinen verfolgten jüdischen Landsleuten beizustehen.
Ich fasse zusammen: Boas, Benedict und Mead begründeten die moderne Kultur-Anthropologie, Obamas Mutter erzog ihren Sohn im Geiste dieser Kultur-Anthropologie: Sie lehrte ihn Respekt vor anderen Kulturen, Einsatzbereitschaft für die Schwachen, Empathie, Zuhörenkönnen, Neugier, Offenheit für das Fremde und das - für Obama so typische - Bemühen, Gegensätze zu transzendieren statt zu zementieren. Somit geht also das weltumarmende und völkerverbindende Charisma Obamas letztlich auf einen deutschen Juden im Exil und seine genialen Schülerinnen Benedict und Mead zurück, zwei amerikanische Lesben.
Jüdisch, schwarz, weiblich, lesbisch - alle Makel der Welt stehen Pate an der Wiege des Hoffnungsträgers Obama. Friedlich vereint und stolz liefern sie sein geistig-moralisches Fundament.
Wie alle Welt sehen konnte, hat Amerika soeben einen Riesenschritt zur Überwindung des Rassismus geschafft. Bleibt noch die Überwindung von Homophobie und Sexismus, damit das Vermächtnis von Boas, Benedict und Mead, zugleich das Vermächtnis der Mutter Obamas, ganz erfüllt werde. Da ist noch einiges zu tun: Zum Kabinett Obama gehören 4 Frauen und 20 Männer (16 Prozent); im Kabinett Merkel sind es immerhin 7 Frauen und 10 Männer (41 Prozent). Offene Lesben oder Schwule gibt’s weder in Obamas noch in Merkels Kabinett.
# | Luise F. Pusch am 24.01.2009 um 03:05 AM •
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10.01.2009
Anfang der Woche bekam ich zwei empörte Zuschriften zum Spiegel-Titel dieser Woche. Zuerst schrieb meine Freundin Evelyn Thriene:
Hast Du das Titelblatt des neuen Spiegel schon gesehen?
Da ist Obama mit seiner Frau Michelle drauf zu sehen, als Paar, und darüber prangen die Lettern: “Obamas bester Mann”.
Offenbar soll der “beste Mann” Michelle sein, das legt jedenfalls das Titelblatt nahe. Und das im Jahr 2009!
Einen Tag später schrieb meine Schwester, Mechthild Winkler-Jordan:
Der neueste Spiegeltitel: Ehepaar Obama, mit der Titelzeile:“Obamas bester Mann”. Da kam mir doch glatt und immer noch die Galle hoch.
Eine Schlagzeile soll Aufmerksamkeit erregen. Dafür nimmt der Spiegel offenbar immer noch gern in Kauf, daß den Leserinnen, und vielleicht auch sensibleren Lesern “die Galle hochkommt”.
Manche werden sich fragen: Worüber regen die sich denn auf? Der Spiegel sagt damit doch etwas sehr Nettes über Michelle Obama. Sie ist sein bester Mann, also besser als alle Männer in seinem Kabinett/Team und sogar besser als sein Vize Joe Biden. Aber nicht besser als Hillary und die anderen Frauen in seinem Kabinett/Team. Ist doch richtig frauenfreundlich vom Spiegel!
Uns Frauen wird “männliche Qualität” bescheinigt, wenn wir etwas besonders gut machen - paradoxerweise besonders gern dann, wenn wir etwas besser als die zuständigen Männer machen. Beliebt ist die Floskel vom “einzigen Mann im Kabinett” - dieses fragwürdige Kompliment mußte sich zuletzt Condoleezza Rice gefallen lassen, vor ihr schon Thatcher, Indira Gandhi, Golda Meir und viele andere. Und der Spiegel serviert uns dieses “Kompliment” noch heute, nachdem Männer Wirtschaft und Finanzen gerade weltweit komplett in den Sand gesetzt haben!
Stellen Sie sich einmal vor, Hillary hätte den Wahlkampf gewonnen und würde US-Präsidentin. Wäre ein Spiegeltitel mit dem Paar Hillary und Bill Clinton denkbar, betitelt ”Hillarys beste Frau”? Niemals.
Und warum nicht? Weil in unserer Kultur das Weibliche zweitrangig ist und als zweitrangig gilt. Wird einer Frau Männlichkeit bescheinigt, soll sie stolz sein, sie ist (fast) in die erste Liga aufgestiegen. Wird einem Mann Weiblichkeit bescheinigt, ist er nicht nur in die zweite Liga abgestiegen. Er hat sich vielmehr unmöglich gemacht.
Die pauschale Abwertung der Frau ist also der semantische Rahmen, den wir abrufen müssen, wenn wir die Titelschlagzeile des Spiegels, “Obamas bester Mann”, auch nur verstehen wollen.
Das Pendant “Hillarys beste Frau” bleibt in unserer Kultur unverständlich; es gibt dafür keinen semantischen Rahmen, den wir zur Interpretation heranziehen könnten.
Was hätte der Spiegel als Titel wählen können - ohne die Frauen in ihrer Gesamtheit zu beleidigen?
Obamas rechte Hand
Obamas Trumpfkarte
Obamas Geheimwaffe
Ist Obamas Geheimwaffe schon problematisch, wäre “Obamas Wunderwaffe” unmöglich wegen des Bezugs auf “Hitlers Wunderwaffe”.
Unakzeptabel wäre auch jegliche Anspielung auf die Hautfarbe (“Obamas braune/schwarze Eminenz”) oder gar die Sklaverei (“Obamas Mastermind”).
Hätte sich der Spiegel derartiges erlaubt, wäre ein Aufschrei durchs Land gegangen. Nicht aber bei “Obamas bester Mann”. Das ist nur Sexismus, und darüber regen sich nur ein paar Feministinnen auf. Den andern fällt es gar nicht auf, da die pauschale Abwertung der Frau die Grundlage unserer Kultur ist. Und noch anderen gefällt es, z.B. den Spiegelmännern, die sich den Titel ausgedacht haben.
Aber Obama und seine rechte Hand und Hillary und die demokratische Partei - alle haben ja “Change” auf ihre Fahnen geschrieben. Noch vor dem Amtsantritt Obamas war davon nachhaltig etwas zu spüren: Dem Sexismus in der Sprache des Kongresses wurde einfach der Garaus gemacht: “Chairman” wird zu “chair”, statt “he”, “him” und “his” sind geschlechtsneutrale Formen zu verwenden. Nachzulesen hier.
Vielleicht greift dieser Wandel irgendwann auch mal auf den Spiegel über.
Bis dahin gilt für mich weiter: Den Spiegel lese ich höchstens im Wartezimmer.
# | Luise F. Pusch am 10.01.2009 um 12:06 AM •
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04.01.2009
Doodah, eine Schweizer Ladenkette, die auf Skateboards spezialisiert ist, hat jetzt ganz was Neues zu bieten: Nackte Frauen zum Draufrumtrampeln. Sie bewerben es folgendermaßen:
Supermodel Skateboard
...eine Skateboardserie, welche nicht nur Männern den Atem verschlagen wird.
Das Fotografen-Duo Claudia Knoepfel und Stefan Indlekofer scheuten keine Mühe, die schönsten Frauen der Welt stilgerecht auf die Skateboards zu bannen …. darunter Isabeli Fontana, Lara Stone, Toni Garrn und Edita.
Die daraus resultierenden Bilder sind nun als eine limitierte Skateboardserie im doodah erhältlich. Wer würde sich nicht gerne mit einer dieser Schönheiten auf der Strasse sehen lassen?
Das Schlüsselwort ist “sich-sehen-lassen”. Denkbar wären ja auch Bilder nackter Frauen auf Einlegesohlen - könnte mann mit den Schweißfüßen auch schön drauf rumtrampeln. Aber da das niemand sieht, kann mann sich damit auch nicht sehen lassen.
Auf dem Skateboard hingegen trägt der sportliche Jüngling seine nackte Schöne lässig und gut sichtbar unterm Arm, dann lässt er sie auf die Straße fallen und bespringt sie wild, dass es anderen Männern (eher wohl: Jungs) den Atem verschlägt.
Ohne Zuschauer macht das keinen Spaß. Nackte Frauen auf den Bizeps tätowiert, deren Busen und Po mann an- und abschwellen lassen kann, sind ohne Zuschauer auch nur halb so lustig, zumal ja das Tätowieren langwierig, gefährlich und schmerzhaft ist.
Wo trägt mann sonst noch nackte Frauen zur Schau? Manchmal auf der Krawatte, oder auf dem Zifferblatt der Uhr. Zum Brüllen.
Es macht nur Spaß, wenn mann sich damit sehen lassen kann, aber das kann mann nicht überall, im Gegenteil. Die nackte Frau als Accessoire wirkt einfach nur geschmacklos und prollig; sie lässt sich nur der unreifen männlichen Jugend und unbedarften männlichen Erwachsenen aufschwatzen. Wer nicht zu diesen Gruppen gezählt werden möchte, lässt besser die Finger davon. Mit nackter Frau auf der Krawatte oder der Uhr ins Büro oder ins Amt? Keine gute Idee. Der Vorgesetzten würde es tatsächlich den Atem verschlagen, mit absehbaren Konsequenzen.
Da bleiben wohl nur die Einlegesohlen …
[Dass zu dem “Fotografen”-Duo auch eine Fotografin gehört, übergehe ich hier mal missmutig, nachdem ich mich neulich schon über Annie Leibovitz’ stilsichere Lavazza-Serie ausgelassen habe.]
(Dank an Swantje Koch-Kanz für den Hinweis auf die Doodah-Skateboards.)
# | Luise F. Pusch am 04.01.2009 um 12:31 AM •
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