09.05.2009
Unser TV-Dinner nehmen wir meist zu den heute-Nachrichten plus Kulturzeit ein. Vorgestern moderierte die coole Andrea Meier. U.a. ging es um Judith Hermanns neues Buch Alice, zu dem als Expertin Iris Radisch interviewt wurde. Radisch resümierte zunächst vergnügt, dieser “Erzählkranz” sei “wirklich ein großes Männersterben”, und auf die abschließende Frage “Nehmen Sie denn dieser Figur Alice die 40 Jahre ab?” erläuterte sie:
“In den beiden früheren Büchern waren das ja immer Frauen, die eigentlich so vor dem Leben standen, die sind noch nicht richtig rübergesprungen und haben noch nicht teilgenommen, die schnupperten an allem nur, aber im Grunde hatten sie keine Männer, hatten keine Familie, die standen wirklich eben wie die schönen Engel davor, in ner gewissen Weise Jungfern. Und jetzt haben wir es, fast übergangslos, mit Witwen zu tun, und diese Witwen sind dann wieder - also eigentlich auch wieder so ne Art Jungfern, indem sie eben auch außen vor sind, männerlos, eigentlich auch allen Lebensballast loswerden wollen, es ist so ne Leichtigkeit des Seins, die eben einerseits vor dem Leben, in der Jungfernschaft, und dann in der Witwenschaft nochmal da ist. Das ist eben schon so, diese Zuschauerrolle, dieses Engelsgleiche, dies Sich-nicht-Einlassen, Sich-nicht-Berührenlassen vom Leben, das ist das Thema, das hält sie durch, und da diese Heldinnen nun älter geworden sind, haben sie ihre Männer auch schon wieder hinter sich. Vorher hatten sie erst gar keine, aber das Ergebnis ist irgendwie das Gleiche.”
Meier: “Iris Radisch, ich danke Ihnen ganz herzlich für dieses Gespräch.”
Radisch: “Ja vielen Dank, gerne. War mir ein Vergnügen.”
Wie lieb sie miteinander umgehen! Unter Männern verläuft das Abschiedsritual meist ruck-zuck und zack-zack.
“Darüber muss ich eine Glosse schreiben”, sagte ich zu Joey. “Das Leben, so behauptet Radisch, verdient diesen Namen nur mit Männern. Ohne Männer, ob als ‘Jungfer’ oder Witwe, ist es kein Leben, sondern ‘außen vor’. Ist das zu fassen?”
Joey blieb ganz gelassen. “Ich habe da ganz was anderes rausgehört: Die Leichtigkeit des Seins gibt es nur ohne Männer. Männer sind Lebensballast.”
“Ok”, sagte ich, “ich nehme die Sendung nachher noch mal auf, die Kulturzeit wird ja dreimal wiederholt. Dann sehe ich mir das noch mal genauer an.”
Ich tat es; das Protokoll lesen Sie oben.
Mir scheint, wir haben beide recht. Radisch meint, das Leben ohne Männer sei zwar nicht das eigentliche, wirkliche, wahre und richtige Leben, dafür aber leichter.
Jetzt braucht sie nur noch den einen kleinen Denkschritt zu machen: Wieso, bitteschön, soll denn das leichtere Leben nicht das eigentliche Leben sein?
# | Luise F. Pusch am 09.05.2009 um 11:41 AM •
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03.05.2009
Vom 24. bis 28. April verbrachten wir ein verlängertes Wochenende im Ruppiner Land und in Berlin. Freitag bis Sonntag wohnten wir in einem Hotel am Beetzer See in der Nähe von Kremmen. Kremmen erinnerte mich an Hohen Kremmen aus Fontanes “Effi Briest”, auch sah ich auf der Karte, dass es nicht weit von Fontanes Geburtsort Neuruppin entfernt liegt. Also packte ich eine handliche Auswahl von Fontanes “Wanderungen durch die Mark Brandenburg” ein. Darin fand ich folgende Ausführungen über Mathilde von Rohrs literarischen Salon:
So waren die Abende bei Fräulein von Rohr, deren ich … zahllose verlebte. Der Charakter war immer derselbe, immer sechs, acht Personen, immer Mustertee, immer “Götterspeise”, immer Dichtungen vor einem Publikum, das durch deren Vortrag grenzenlos gelangweilt wurde. Nur Fräulein von Rohr strahlte.
Nach diesem liebevollen Spott kommt aber des Dichters echte Begeisterung für das adelige “Fräulein” (sie ist 9 Jahre älter als er) zum Ausdruck:
Sie war … ein wahres Anekdotenbuch und eine brillante Erzählerin alter Geschichten aus Mark Brandenburg, besonders in Bezug auf adlige Familien aus Havelland, Prignitz und Ruppin. Den Stoff zu meinem kleinen Roman “Schach von Wuthenow” habe ich mit allen Details von ihr erhalten.
Die mit ihr … verplauderten Stunden zählen zu meinen glücklichsten.
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Auch Rheinsberg war ganz in der Nähe. Auf diesen geschichts- und literaturträchtigen Ort hatten wir uns mit Hilfe des gleichnamigen Films von Kurt Hoffmann aus den 60er Jahren einstimmen wollen, in den Hauptrollen Cornelia Froboess und Christian Wolff.
Der Film war so unsäglich, dass Joey vorzeitig entfloh. Ich entschuldigte mich: “Kurt Hoffmann hat sonst ganz nette Filme gemacht, er galt als einer der besten deutschen Lustspielregisseure, armes Deutschland. Naja - Lubitsch haben die Nazis eben aus dem Land geekelt.”
Ebenfalls aus dem Land geekelt, und in den Tod getrieben, haben sie Tucholsky. Sicher war doch seine Erzählung besser als der Film? Leider fast gar nicht, musste ich nachts im Hotel feststellen, als ich sie wegen Schlaflosigkeit komplett per Ipod hörte, schön gelesen von Helene Grass, aber das machte das angestrengt humorvolle Buch nicht besser. Es handelt von einem verliebten Pärchen aus Berlin, sie studiert Medizin, er arbeitet in einem Verlag oder bei einer Zeitung. Sie blödeln die ganze Zeit herum - nein, die Claire blödelt, und Wolf oder Wölfchen, wie sie ihn nennt, macht brav alle ihre Eskapaden mit, um sie baldmöglichst ins Bett zu kriegen. Kapriziös und kess sei sie, voller Übermut und Esprit, heißt es. Bei Wikipedia lese ich dazu:
Mit “Rheinsberg – ein Bilderbuch für Verliebte” veröffentlichte Tucholsky 1912 eine Erzählung, in der er einen für die damalige Zeit ungewohnt frischen, verspielt-erotischen Ton anschlug.
Die frische Verspieltheit hört sich ungefähr so an:
»Wölfchen, eß man Suppens mitm Messer?«
»Wa –?«
»Na, ich hab mal einen gesehen, der hat mitm Messer geessen.«
»Suppe?«
»Neieinn ... « Aber da kam eine alte Dame an ihrem Tisch vorübergeschlurcht, schielte krumm und murmelte etwas von »unerhört« und »Person« und so.
»Wölfchen, die meint mir. Konnste ihr nicht gefordert gehabt habs? – Söh mal, ich bin doch ‘ne Feine, nich wahr? oder glaubsu, ich bin eine Prostitierte? Nei–n. Ich ja nich. Ich nich. Hä?«
Für eine heutige Leserin ist das alles unerträglich maniriert und verstaubt. Die “verspielte” Claire ist einfach eine alberne Turteltaube.
Und der junge Tucholsky, der dieses Zerrbild holder Weiblichkeit in die Welt gesetzt hat, nervt uns obendrein mit folgender Erkenntnis über den Zusammenhang zwischen Dichtung und Liebe:
Was war, von oben betrachtet, ein Liebender? – Ein Narr. Wenn sich ihm das geliebte Herz eröffnete, schwieg er, satt und zufrieden. Ganze Literaturen wären nicht, riegelten die Mädchen ihre Türen auf ... Ein Amoroso war zu befriedigen, gebt ihm das Weib, das er begehrt, und der tönende Mund schweigt.
Wir lernen nebenbei, dass “ganze Literaturen” nur von (brünftigen) Heteromännern produziert werden, denn es ist ja nicht anzunehmen, dass Tucho auch an Lesben gedacht hat, die sich frustriert in Literatur ergießen, wann immer “die Mädchen ihnen ihre Türen” nicht aufriegeln.
Da war der alte Fontane mit seinem Loblied auf Mathilde von Rohr schon ein gutes Stück weiter als Tucholsky. Wir ließen Rheinsberg links liegen und fuhren stattdessen nach Neuruppin…
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Unser Mietauto war am Berliner Hauptbahnhof wieder abzuliefern, und wir hatten große Mühe, den Eingang zur Tiefgarage zu finden. Die nervenzerrende Suche wurde aber gemildert durch die schönen Namen der Straßen, durch die wir kurvten: “Ella-Trebe-Straße, Rahel-Hirsch-Straße, Clara-Jaschke-Straße” las ich Joey begeistert vor, die davon im Verkehrsgetümmel durchaus nichts hören wollte.
Zu Hause studierten wir dann in Ruhe die Straßennamen der wundersamen Gegend um den Berliner Hauptbahnhof und konnten es nicht glauben:
Adele Schreiber-Krieger-Straße
Alice-Berend-Straße
Berta Benz-Straße
Clara Jaschke-Straße
Claire-Waldoff-Promenade
Ella Trebe-Straße
Elisabeth-Abegg-Straße
Emma-Herwegh-Straße
Ingeborg-Drewitz-Allee
Käthe-Paulus-Straße
Margarete Steffin-Straße
Marie-Elisabeth-Lüders-Steg
Minna-Cauer-Straße
Rahel Hirsch-Straße
Die Geschichte und auch diese kleine Geschichte bewegt sich in Wellen. Erst der nette Fontane, dann abwärts mit Tucholsky, dann wieder aufwärts mit - dem Berliner Hauptbahnhof, wer hätte das gedacht.