»Laut & Luise«
29.12.2009
Als Anfang Dezember die Nachricht über die Gleichstellung lediger Väter mit verheirateten Vätern durch die Medien ging, wunderte ich mich vor allem über diesen Ausdruck “ledige Väter”. Früher gab es doch nur ledige Mütter, und die Väter dazu blieben sprachlich unsichtbar. Im Zuge der Frauenbewegung organisierten sich die damals noch brutal geächteten “ledigen Mütter”, nannten sich fortan “alleinerziehend” statt “ledig” und gründeten den Verband alleinerziehender Mütter. Bald begehrten auch Männer Einlass (ähnlich wie beim Hausfrauenbund) und schwupps hieß der Verband “Verband alleinerziehender Mütter und Väter”, VAMV. Das neue Wort betonte den Aspekt des Erziehens und Betreuens im Alleingang und vernachlässigte den Aspekt des “Zivilstands”. Alleinerziehend können Geschiedene, Verwitwete, Unverheiratete, Getrenntlebende, Sitzengelassene und auch Verheiratete sein.
Nun kommt das erledigte Wort “ledig” also wieder und verbindet sich mit “Vater” zu einer fragwürdigen neuen Einheit - wie kommt das? Auch früher schon gab es ja zu jeder “ledigen Mutter” auch einen Vater ihres “unehelichen” Kindes. Bloß war der Vater meist nicht ledig, sondern verheiratet und hielt es schon deshalb für wenig ratsam, lautstark irgendwelche väterlichen Rechte geltend zu machen. Er hatte mit der ledigen Mutter ein uneheliches oder außereheliches Kind gezeugt und sie dann “mit ihrem Kind sitzengelassen”.
Warum es sitzen- und nicht stehen- oder liegenlassen heißt, wäre auch mal interessant zu ergründen. Ich denke mir, weil das Kind, wie das Jesuskind bei der Jungfrau Maria, meist auf dem Schoß sitzend dargestellt wird, was eine runde, optisch ansprechende Anmutung von Zusammenhalt, Geborgenheit und Wärme ergibt. “Mutter und Kind” eben. Wenn Mutter steht oder geht oder liegt, ist es nichts mit dieser Art Schoß, den gibt es nur im Sitzen.
Das Jesuskind ist Gottes uneheliches und Marias außereheliches Kind. Das sind göttliche, übermenschliche Verhältnisse. Bei den Menschen ist es in der Regel genau umgekehrt. Ihr Kind ist unehelich, und dasselbe Kind ist, von ihm aus betrachtet, außerehelich. Seine außerehelichen Kinder wurden erst vor kurzem mit seinen ehelichen gleichgestellt, z.B. im Erbrecht. Für die Mutter aber macht diese Unterscheidung in Kinder erster und zweiter Klasse in der Regel keinen Sinn, schließlich verlangen alle ihre Kinder extremen körperlichen Einsatz (Schwangerschaft, Geburt, Stillen), bevor sie auch nur Piep sagen können. Mutter kann einem Kind zwar “das Leben schenken”, zu vererben hat sie aber meist nicht viel.
Wenn die Frau durch außerehelichen Geschlechtsverkehr ein Kind bekommt, ist das Kind weder “unehelich” noch “außerehelich”, sondern es gilt als ehelich, sofern die Mutter nichts anderes vermeldet. Gesteht die Mutter ihren “Fehltritt”, kann der “gehörnte Ehemann” das “Kuckuckskind” als seines anerkennen oder sich scheiden lassen. Interessant, diese Tiermetaphern. In Goethes Drama heißt die uneheliche oder außereheliche Tochter noch “natürliche Tochter”. Und in der Tat hat Mutter Natur keinen Bedarf für die Ehe - die “Fortpflanzung” funktioniert sogar ohne diese besonders gut.
Nun zum Vater des “Kuckuckskindes” - ist es sein uneheliches Kind? Nur wenn er ledig ist, sonst eher sein außereheliches Kind. Der Vater ist mal kurz aus seiner Ehe ausgetreten. Die Ehe ist ihm wie ein Gehege, und er geht schon mal gerne außerhalb etwas wildern.
Das war früher die Ordnung der Dinge, die Sorge für das Kind überließ mann gern der Mutter - und fairerweise dann auch das Sorgerecht.
Seit aber Frauen für ihren Unterhalt nicht mehr auf Ehemänner angewiesen sind und selbst über die Anzahl ihrer Kinder entscheiden können, werden sowohl Kinder als auch ehewillige Frauen immer seltener und daher kostbarer. Und deshalb beanspruchen die neuen “ledigen Väter” ihren fairen Anteil vom Mutter-Kuchen.
Mag der verheiratete Vater dem ledigen Vater gleichgestellt werden, das sollen die Männer unter sich ausmachen. Sie sollen auch die Frage klären, wie mit dem verheirateten Vater zweiter Klasse zu verfahren ist - dem, der verheiratet ist, aber nicht mit der Mutter seines Kindes. Wichtig ist, dass die Mutter ihre Vorrechte behält. Denn sie sitzt da mit dem Kind auf dem Schoß, aus dem es kam. Der Vater, ob ledig oder nicht, hat hingegen keinen Schoß, mit dem er gebären könnte, wohl aber einen, auf dem ein Kind sitzen kann. Nur hat er dort meist lieber seinen Laptop. Oder beim Lapdance ein “leichtes Mädchen”.
Auf die eigentliche sozialpolitische und rechtliche Problematik des Themas - Stichwort “Vaterrechtsbewegung” - bin ich hier gar nicht eingegangen, da gibt es viel kompetentere Frauen, z.B. meine Freundin Anita Heiliger. Sie kennt sich aus, und sie wird immer zorniger. Besorgen Sie sich ihre Bücher und/oder gehen Sie auf Heiligers Webseite zu den Downloads und lesen Sie ihre Analysen zum Sorge- und Umgangsrecht, z.B “In Nomine Patris. Die Interessen und Praxen der Vaterrechtsbewegung (2008)” und “Vater um jeden Preis? (2008)”
# | Luise F. Pusch am 29.12.2009 um 12:53 PM •
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23.12.2009
“Fröhlich” heißt auf Englisch “gay” und “gay” heißt - “lesbisch” oder “schwul”. Also frei heraus damit. Es wird Zeit, daß auch unser braves altes Weihnachtslied mal sein Coming Out macht.
Fröhliches Thema heute: Der Freudentanz in der Community nach dem Coming Out von Anne Will und Miriam Meckel vor einem Monat.
Begeistert schlug der Lesben-und-Schwulen-Verband in Deutschland (LSVD) vor, den denkwürdigen Tag ihres Coming Out (17. November) zum Lesben-Feiertag zu erklären. Gute Idee, finde ich. Früher haben wir bei den Schwulen am CSD (Christopher-Street-Day) mitgefeiert, jetzt können wir sie zum AMCOT (Anne-&-Miriam-Coming-Out-Tag) einladen.
Am Ausmaß des Jubels läßt sich das Ausmaß der Unterdrückung ziemlich direkt ablesen. Endlich können alle sehen: Auch wir sind wer, und was für welche! Mit Anne Will und Miriam Meckel sind “zwei von uns” ganz da oben, sie sind bekannt, erfolgreich, jung, schön, sympathisch, brillant und anscheinend auch glücklich. An ihrem strahlenden Glanz können wir uns alle erbauen, das offen Lesbische zieht uns hinan, sozusagen. Das Paar besteht nicht nur aus einer Promi und einer Super-Promi, sondern ist auch noch mehr als fesch - und widerlegt damit das Klischee, alle Lesben sähen aus wie die gewaltige Gertrude Stein mit 60.
Überall war zu lesen, die beiden hätten sich zu “ihrer Liebe” oder “ihrer Homosexualität” bekannt, gerne wurden sie auch “bekennende Lesben” genannt. Haben wir schon mal irgendwo gelesen, zwei Menschen hätten sich “zu ihrer Verlobung” bekannt, oder sie hätten “bekannt”, daß sie verheiratet sind? “Ich bekenne, daß ich zwei Kinder habe” - ist so ein Satz vorstellbar? Ob Anne und Miriam in die Rubrik “relig. Bekenntnis” lesbisch eintragen?
“Bekennen” sollen wir unsere Sünden oder was die Gesellschaft sonst gerade nicht mag, zur Zeit der MärtyrerInnen beispielsweise den christlichen Glauben. Die Wortwahl verrät ziemlich deutlich, daß Liebe zwischen Frauen und Liebe zwischen Männern erst seit kurzem und bei weitem nicht überall geduldet wird. Als ich so alt war wie das holde Paar jetzt, wurde Günter Kießling, ein Vier-Sterne-General der Bundeswehr, von dem gemunkelt wurde, er sei schwul (er war es nicht), von seinem Dienstherrn Manfred Wörner (von dem das ebenfalls gemunkelt wurde) als “Sicherheitsrisiko” des Dienstes enthoben. Es war die Zeit vor der Aids-Katastrophe, die Botschaft wurde verstanden, und alles wurde nach dem fröhlichen Aufbruch der siebziger Jahre erstmal wieder mucksmäuschenstill.
Sprachsensiblere Zeitungen schrieben, Meckel und Will hätten “bekanntgegeben”, sie seien ein Paar. Eine schrieb, sie hätten es “enthüllt”.
Es ist Weihnachtszeit, da hätte vielleicht auch das “Auspacken” nahegelegen: Sie haben endlich mal so richtig ausgepackt, die beiden Glücklichen.
Haben sie aber nicht, vielmehr soll es bei dem einen, strategisch plazierten Satz bleiben “Wir sind ein Paar.”
Ein schöner und stolzer Satz zwar, aber hat die darbende lesbische Community nicht vielleicht mehr verdient? Nein, heißt es, alles weitere sei privat und solle es auch bleiben. Anne Wills Chef, die Medien und die Blogosphäre akzeptierten die Erklärung, denn natürlich: Die Privatsphäre ist uns allen heilig.
Aber haben wir nicht gelernt, das Private sei politisch? Das Privatleben von Will und Meckel ist sogar derart hochpolitisch, daß sie andernorts deswegen hingerichtet oder gesteinigt würden.
Überhaupt sind hier erstmal ein paar Begriffe zu klären, bevor wir verstehen, was los ist. Nehmen wir Helmut Kohls Privatleben. Er hatte, wie so viele Männer in öffentlicher Stellung, deren zwei: ein offizielles zum Vorzeigen (mit Hannelore Kohl) und ein weiteres mit Juliane Weber, das “privat” bleiben mußte. Anne Will und Miriam Meckel hatten nicht das gesellschaftlich vorgeschriebene heterosexuelle Privatleben zum Vorzeigen. Sie traten die Flucht nach vorn an, um eine gewisse Kontrolle über das Outing zu behalten. Die zivilisierte Gesellschaft gestattet ihnen nun, nach dem “Bekenntnis”, auch dieses eigentlich unerwünschte Privatleben öffentlich vorzuführen.
Mit anderen Worten: Das heterosexuelle Privatleben ist zu großen Teilen öffentlich, insofern die Gesellschaft es vorschreibt. Das lesbische Privatleben ist dagegen notgedrungen wirklich privat, weil es öffentlich überhaupt nicht zugelassen ist. (Hier und im folgenden benutze ich lesbisch statt des häßlichen Wortes homosexuell; Schwule sind natürlich immer herzlich mitgemeint!)
Erst nach dem Kraftakt des Coming Out, dessen Ausgang oft ungewiß ist, darf das lesbische Privatleben sich an die frische Luft wagen. Üblicherweise aber schmusen Schwule und Lesben nicht hemmungslos in der Öffentlichkeit herum, wie Heterosexuelle das gewohnt sind. Tun sie es doch, so auf eigene Gefahr. Oft genug werden sie dafür angepöbelt oder Schlimmeres.
Der Status des heterosexuellen Privatlebens unterscheidet sich von dem des lesbischen wie der Tag von der Nacht. Je mehr Will und Meckel die Erlaubnis zum Öffentlichsein klug nutzen, umso besser für sie selbst und für andere Lesben, besonders da sie als öffentliche Figuren und Sympathieträgerinnen fabelhafte Multiplikatorinnen lesbischer Normalität sein könnten. Ziel ist natürlich eine emanzipierte Gesellschaft, in der das lesbische Privatleben öffentlich genau so frei dargestellt werden darf wie das heterosexuelle. Erreicht wird das Ziel mit Hilfe der Normativität des Faktischen, durch selbstbewußte öffentliche Darstellung des lesbischen Privatlebens nach dem schönen Motto: We’re queer, we’re here, get used to it!
Deshalb ist die Mitteilung, mit dem “Bekenntnis” Wir sind ein Paar habe sich die Sache und der Rest sei privat, so enttäuschend und auch ein wenig kurzschlüssig. Mühsam erkämpftes Terrain wird ohne Not aufgegeben, statt nun zügig weiter ausgebaut zu werden. Da ist Wowi doch schon ein gutes Stück weiter.
Sicher haben die Polit-Talkerin Will und die Kommunikationswissenschaftlerin Meckel über all dies auch schon viel nachgedacht. Ich bin gespannt auf ihren nächsten kühnen Schritt.
Bis dahin freuen wir uns einfach an dem schönen Geschenk, das da endlich ausgepackt wurde und führen weitere Freudentänze auf zu Carolina Brauckmanns wunderbarem Song “Sie sind ein Paar!”, der hier runtergeladen werden kann.
05.12.2009
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Einundvierzigste Lektion.
Morgen ist schon wieder Nikolaus, und die FeministInnen unter den Müttern und Vätern fragen sich, wie sie den Männerrummel um dieses Fest ein wenig feminisieren können, damit die Kleinen ein gendermäßig ausgewogenes Weltbild entwickeln.
Früher bekam ich regelmäßig Mails von Müttern, die die “Heilige Nikoläusin” feierten und den Kleinen nicht nur “Stutenkerle”, sondern auch “Stutenfrauen” buken. Die zwittrige Bezeichnung “Stutenkerl” kommt daher, dass der Stutenkerl ein Hefegebäck ist und Hefe und Hefegebäck in manchen Gegenden “Stute” oder “Stuten” heißen.
Ziemlich zwittrig ist auch “Santa Claus”. Ein erster und entscheidender Schritt in die richtige Richtung ist da schon geschafft, denn “Santa” passt eigentlich nur zu Frauen.* Wir kennen Santa Maria, Santa Margherita, Santa Lucia, Santa Monica, Santa Barbara usw. Aber Santa Claus?? Eigentlich müsste er San Claus heißen, wie San Francisco nach dem Heiligen (“San”) Franziskus oder San Diego nach dem Heiligen Diego de Alcalá oder Sant Iago (Santiago) nach dem Heiligen Jakob, der kürzlich - nachdem Hape Kerkeling auf dem Sankt-Jakobs-Weg nach Santiago de Compostela dann mal weg war - ein strahlendes Comeback hatte.
Entsprechend ihrer Transgender-Natur sollte Santa Claus abwechselnd als Frau oder als Mann auftreten, mit Rudolph oder Ruth, dem rotnäsigen Rentier.
Und die Heilige Nikoläusin? Finde ich nicht sehr gelungen. Viel besser und naheliegender ist doch “Die Heilige Nikolaus”. Viele Kinder haben heute ja eh genug leidvolle Erfahrungen mit Läusen, und es kann nicht schaden, ihnen die Tierchen in freundlicherem Gewande nahezubrigen.
Alle Geschichten um den Nikolaustag mit Knecht Ruprecht und seiner Rute, Rudolph, dem Rentier undsoweiter sind ja sowieso reine Erfindung, bloß wir Frauen haben dazu nicht genügend beigetragen. Höchste Zeit, dass wir unsere eigenen Mythen basteln.
Wie wäre es für den Anfang mit dieser Version:
Die Heilige Nikolaus ist eine besonders liebe und machtvolle Laus, die fürstinlich durch die Lande reist im Rauschebart des Heiligen Nikolaus: Er ist nach ihr benannt und eigentlich nur ihr Transportvehikel. Sie leitet und lenkt ihn, und wenn er nicht spurt und den Kindern nicht genug Geschenke bringt oder ihnen gar mit der Rute kommen will, beißt sie ihn mal kräftig.
Heilige Nikolaus, gutes Tier! Wie konnten wir nur so lange ohne dich leben!
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* Für diejenigen, denen die Transgendernatur von Santa Claus nicht einleuchtet: “Santa Claus” soll sich vom niederländischen “Sinterklaas” herleiten.
# | Luise F. Pusch am 05.12.2009 um 02:06 PM •
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