24.04.2010

Goethe und sein lesbisches Veilchen

Letzte Woche unterhielt ich mich mit Berit und Angelika über Pascals Pensées, die ich gerade lese. In der handlichen Reclam-Ausgabe passen sie gut in jede Hand- und sogar Jackentasche und sind so immer zur Hand, ob in der Warteschlange, im Zug oder im Wartezimmer. Da sie ein relativ ungeordneter Haufen kurzer Gedanken sind, kann frau überall einsteigen und sich en passant geniale Einsichten zu Gemüte führen.

Pensées heißen im Französischen auch die Stiefmütterchen”, erzählte Angelika, ihrerzeit Französischlehrerin. “Oh”, sagte ich, “daher kommt dann wohl das englische pansy ‘Stiefmütterchen’, das wusste ich gar nicht.”

Über den lateinischen Namen des Stiefmütterchens, “Viola Tricolor”, landeten wir bei Storm und schließlich bei Goethes Veilchen, bestrickend vertont von Mozart, wie Sie hier bei YouTube nachprüfen können. Über diese kühne Eingebung Goethes, das lesbische Veilchen und seinen Liebeswahn, wollte ich doch schon immer mal eine Glosse schreiben:

Ein Veilchen auf der Wiese stand,
Gebückt in sich und unbekannt;
Es war ein herzig’s Veilchen.
Da kam eine junge Schäferin
Mit leichtem Schritt und munterm Sinn
Daher, daher,
Die Wiese her, und sang.

Ach! denkt das Veilchen, wär‘ ich nur
Die schönste Blume der Natur,
Ach, nur ein kleines Weilchen,
Bis mich das Liebchen abgepflückt
Und an dem Busen matt gedrückt!
Ach nur, ach nur
Ein Viertelstündchen lang!

Ach! aber ach! das Mädchen kam
Und nicht in Acht das Veilchen nahm,
Ertrat das arme Veilchen.
Es sank und starb und freut‘ sich noch:
Und sterb‘ ich denn, so sterb‘ ich doch
Durch sie, durch sie,
Zu ihren Füssen doch!
[Und der weichherzige Mozart fügte noch hinzu:]
Das arme Veilchen! Es war ein herzig’s Vei-eilchen.

Hans Schill, Lehrer für Literatur- und Kulturkunde, schreibt über Goethes Veilchen im Pegasus 92 von 2008/9 (hier als Pdf zum Runterladen)

Ein traditionelles Frauenschicksal in eine Blumenmetapher gekleidet, ein Frauenschicksal also, wie man es in der Literatur zuhauf findet? Ein Frauenschicksal, wie es jahrhundertelang Realität war, einmal mehr literarisch verbrämt und überhöht? Mitnichten! Der Clou dieser Ballade ist natürlich, dass das Veilchen ein Mann ist – schliesslich ist es «eine junge Schäferin», die mit «leichtem Schritt und munterm Sinn» daherkommt und vom Veilchen als «Liebchen» benannt wird, der «Busen» hat hier also eindeutig weibliche Qualität. Goethe stellt sämtliche Erwartungen auf den Kopf: Nicht nur, dass hinter Blümchenmetaphorik Begehren und Tod lauern, auch das übliche Geschlechterverhältnis ist ins Gegenteil verkehrt.

Natürlich sahen wir das völlig anders. Der schönen Erkenntnis, dass “der Busen eindeutig weibliche Qualität hat”, stimmten wir fräudig zu, aber dass ausgerechnet das “herzige Veilchen” ein Mann sein soll, nur weil es die junge Schäferin anhimmelt, ist doch wohl mehr als verschroben.

Hier nun die korrekte Interpretation des Gedichts, abgesegnet von drei Lehrerinnen, Berit, Angelika und mir (interessante Gedanken hatte nicht nur Pascal): Das Veilchen ist ein Mädchen, das für die junge Schäferin schwärmt und von ihr abgepflückt werden möchte, damit es an ihrem Busen ruhen und matt gedrückt, um nicht zu sagen plattgedrückt werden kann - eine todessüchtige, rührende und ziemlich pubertäre Vorstellung. Zwar glaubt es durch den “Tritt” (die Nichtbeachtung) der Schäferin zu sterben, aber davon wird es sich erholen, schließlich ging diese “mit leichtem Schritt”. Richtig tödlich wäre es geworden, wenn die Schäferin den schwärmerischen Wunsch des Veilchens erfüllt und es abgepflückt hätte - wie einst der wilde Knabe das arme Heideröslein.

Lehrer Schill aber macht lieber ein Veilchen zum Manne, als die Liebe eines Mädchens zu einer Frau oder einem Mädchen (“das Mädchen kam”) in Betracht zu ziehen. Dabei kommt sie doch an Schulen dauernd vor: Schülerinnen schwärmen für ihre Lehrerinnen und Mitschülerinnen und würden nur zu gerne “an ihrem Busen matt gedrückt”. Wir drei Lehrerinnen und ehemaligen Schülerinnen können ein Lied davon singen!

Bei Lehrer Schill haben solche Mädchen keine Chance zu einer Spiegelung ihrer Gefühle durch unseren Dichterfürsten und im Unterrichtsgespräch. Er bleibt lieber bei seinem heteronormativen Modell, das doch an unseren Schulen nun allmählich genug Schaden angerichtet hat.

Wir hoffen, ihm mit Goethes Hilfe einen möglichen Ausweg aus der schulischen und sonstigen Misere aufgezeigt zu haben.


# | Luise F. Pusch am 24.04.2010 um 06:19 PM • Permalink

18.04.2010

Herr im Haus ist die Natur

“Das war endlich mal ein strahlend schöner Frühlingstag über fast ganz Deutschland, kaum eine Wolke am Himmel - und doch hat uns die Natur heute gezeigt, wer auf unserem Planeten der Herr im Hause ist - nämlich sie.”

Also sprach Klaus Kleber im heute-Journal am Freitag, 16. April 2010, einen Tag nach dem Ausbruch des Eyjafjallajökull auf Island.

FrauenbildEr kniff dabei das linke Auge zu. Ob er einen Scherz darüber machen wollte, dass Mutter Natur, gar nicht ladylike, mal so richtig furchtbar Gewalt ausübte, wie es eigentlich nur dem Herrn im Hause zukommt? Dabei - furchtbar hat sie eigentlich nicht gehandelt, noch ist niemand gestorben. Da schwebt nur diese Wolke über ganz Europa, mit bloßem Auge nicht erkennbar, und beschert uns wunderbare Stille, sonniges Wetter und bildschöne Sonnenuntergänge (heißt es, ich habe noch keinen gesehen).

Ob die Natur weiblich ist, wissen wir nicht. Aber der Kleber-Ausspruch macht uns wieder deutlich, dass uns weibliche Bilder und Vergleiche für absolute Macht fehlen.

In meinen Seminaren versuche ich diesem Mangel abzuhelfen und übe bspw. mit den Teilnehmerinnen, neue Bilder und Begriffe für die Vagina und die Vulva zu finden. Zur Einstimmung lesen wir aus Eve Enslers starken Vagina-Monologen vor. Trotzdem kommen die Frauen immer wieder mit ihren sanften Blumenbildern à la Rose, Blüte, Knospe, etc.

Wenn ich dann vorschlage, statt Vulva / Vagina doch lieber Vulkan (aber bitte die Vulkan) zu sagen, ist frau erstaunt, ja fast erschreckt. Die Verbindung von Weiblichkeit mit Vulkanausbrüchen ist uns fremd.

Aber schließlich kommen doch aus diesem Schlund nicht nur gewaltige Lavaströme, sondern kommt überhaupt Gewaltiges hervor. Courbet sah in der Vulva zu Recht den “Ursprung der Welt”, wie er sein Gemälde nannte. Sogar der “Herr der Schöpfung” flutscht daraus hervor.

Frauenbild
Frauenbild
Ich schließe meine Betrachtung über Naturgewalten mit einem weiteren Beispiel für krude Vermännlichung weiblicher Größe und Übermacht. “Mount Everest eine Frau” - so betitelte ein befreundeter Psychotherapeut und Feminist seine Email an mich:

Mehr durch Zufall und weil ich mich für die Geschichte der Alpinistik ein wenig interessiere, stöberte ich im Netz über den höchsten Berg der Welt, den Mount Everest (8842m). Ich wollte wissen, wie er zu seinem heutigen Namen kam usw.
Überall auf der Welt haben die verschiedenen Kulturen auf den Bergen um sie herum den Sitz ihrer Götter ( ! ) vermutet, sie gleichsam dort oben hingesetzt, damit sie auf die Erdenbewohner besser aufpassen sollten und auch, um von da oben den Kontakt zwischen Erde und Himmel herzustellen, zu pflegen etc. Wir könnten nun, um das gute alte männerschematische Denkmuster wissend, annehmen, dass die höchsten Berge der Welt so zum Sitz und Zuhause der mächtigsten und großartigsten Göttern geworden seien. Aber gefehlt !

Zu meiner Überraschung nämlich teilen nach alter tibetanischer Überzeugung fünf Frauen diese höchsten Gipfel als Paläste unter sich auf, die “Feen des langen Lebens”. Der ursprüngliche Name des Mt. Everest z.B. ist in tibetischer Sprache “Chomo Lungma”, was so viel wie “Mutter des Universums” bedeutet oder einen ähnlich gewichtigen Sinn hat. Das könnte Dich doch sicher freuen, hab ich mir gedacht.

Der Geodät Sir George Everest hatte um die Mitte des 19. Jh. für die englische Krone Landvermessung in der indischen Kolonie betrieben und 1848 auch diesen Berg vermessen. Nach seinem Tod benannten die neuen Landesherren ( ! ) den bisherigen Sitz einer Göttin im Jahre 1865 schlicht nach diesem sicher ehrenwerten Mann.
All das ist nachzulesen in Wikipedia unter “Everest”, und über die Gipfelfeen in http://www.emmet.de, heilige Berge.

Danke, Wolfgang - und Dank auch an Susanne Bauer für den Hinweis auf den Kleber-Spruch.


# | Luise F. Pusch am 18.04.2010 um 06:00 PM • Permalink

02.04.2010

Merkel bekennt Ostereierfarbe und mehr

Vor zwei Wochen saßen wir zu sechst gemütlich beim Wein - und landeten schnell bei der Mutter aller Frauenthemen: dem Outfit.

Mechthild war früher Lehrerin in einer Realschule in Hamburg-Barmbek und unterrichtete in diesem “sozialen Brennpunkt” überwiegend SchülerInnen “mit Migrationshintergrund”. Ihre krankheitsbedingte Frühpensionierung brach ihr fast das Herz. Was sie aber jeden Tag aufs Neue genießt, ist die Freiheit von der Kleiderfrage. Stunden hätte sie während ihrer Berufszeit vor dem Spiegel ihres Kleiderschranks verbracht, um sich für die Schularena und die kritischen Blicke ihrer SchülerInnen angemessen auszustaffieren.

Wir alle nickten voller Einverständnis - wie wir das Elend doch kennen! Ich selbst habe den Kampf schon lange aufgegeben und trage die Sachen, die sich einmal bei öffentlichen Auftritten bewährt haben, wieder und wieder. Die anderen in der Runde sind nicht so faul oder resigniert, aber bis auf Iris, die noch voll im Beruf ist, konzentrieren sie sich in Sachen Kleidung hauptsächlich auf das eigene Vergnügen.

Männer haben ihr Outfit-Problem schon lange gelöst. Der - meist dunkle - Anzug ist ihre Berufsuniform, damit sehen sie immer korrekt aus. Ein paar geschickt ausgewählte Accessoires, vor allem die Krawatte, setzen die Glanzlichter.

Schon lange bewundere ich unsere Kanzlerin dafür, wie sie ihr Klamotten-Problem gelöst hat. Diejenigen Frauen, die ebenfalls an Wichtigeres zu denken haben als an ihr Outfit, sollten es ihr nachmachen - und tun es auch mehr und mehr.

Die Kanzlerin trägt immer dasselbe: einen Hosenanzug, das Jackett geschlossen durch drei bis vier große Knöpfe. Da, wo die Männer ihre Krawatte hängen haben, hat sie ihre drei, vier Knöpfe sitzen.

Vermutlich hat sie von diesem Outfit 50-100 Stück im Schrank, in vielen frohen Farben, wie hier dokumentiert. Sie greift in den Schrank hinein, angelt sich irgendein Teil, und schon ist sie korrekt angezogen für die Gespräche mit den Mächtigen dieser Welt.

Frauenbild

Die frohen Farben unterstreichen dabei ihre Weiblichkeit; nie könnte ein Sarkozy oder Obama sich in sowas Buntem sehen lassen.

Raffiniert schlägt sie zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Uniform, der immergleiche Schnitt, spart Zeit und Energie für die eigentlichen Aufgaben. Die Ostereierfarben künden von ihrer Weiblichkeit, zerstreuen jeglichen Verdacht, dass die mächtigste Frau der Welt ein Kerl ist wie einst Maggie Thatcher.

Für diejenigen, die trotzdem noch skeptisch sind, hat sie zwei weitere Beweise parat. Einmal das große Dekolleté für die große Oper mit dem Gatten. Zum anderen diese subversive Merkelgeste, die Ihnen außer den Ostereierfarben in der obigen Collage bestimmt sofort aufgefallen ist. FrauenbildDie zart einander berührenden Hände suggerieren weibliche Behutsamkeit und Feinsinnigkeit - und noch viel mehr: Frauenkundige erkennen darin das Frauenzeichen, Insiderinnen das Lesbenzeichen, passend zu den Regenbogenfarben der Garderobe.

Frauenbild Die Merkelsche Körpersprache der sanften Macht findet Anklang und wird gern - bewusst oder unbewusst - nachgeahmt. Jüngstes Beispiel: der britische Premier Gordon Brown beim gestrigen deutsch-britischen Gipfeltreffen zur Bankenregulierung.

[Dank an Sabine Pinkepank für die Zusendung der wunderbaren Merkel-Collage].


# | Luise F. Pusch am 02.04.2010 um 03:27 PM • Permalink

Seite 1 von 1

Seitenanfang

Hedwig Dohm