26.06.2010

Gleichstellung besser andersrum: Ohne Bindestrich ist hübscher

In Österreich dürfen Lesben und Schwule sich seit Januar verpartnern, ein gemeinsamer Familienname bleibt ihnen allerdings verwehrt. Der bleibt den “richtigen” Eheleuten vorbehalten, die als Frau und Mann eine herrkömmliche Ehe eingehen.

Der kleine Unterschied ist diesmal wahrhaftig klein: Es geht um einen Bindestrich!
Für Verehelichte gilt:

§ 93 Abs. 2 ABGB:
(2) Derjenige Verlobte, der nach Abs. 1 als Ehegatte den Familiennamen des anderen als gemeinsamen Familiennamen zu führen hat, kann dem Standesbeamten gegenüber vor oder bei der Eheschließung in öffentlicher oder öffentlich beglaubigter Urkunde erklären, bei der Führung des gemeinsamen Familiennamens diesem seinen bisherigen Familiennamen unter Setzung eines Bindestrichs zwischen den beiden Namen voran- oder nachzustellen. [...]

Für bloß Verpartnerte gilt hingegen:

§ 2 Abs. 2 Zif. 7a des Namensänderungsgesetzes:
[Ein Grund für die Änderung des Familiennamens liegt vor, wenn] der Antragsteller einen Nachnamen erhalten will, der gleich lautet wie der seines eingetragenen Partners und dies gemeinsam mit der Begründung der eingetragenen Partnerschaft beantragt; damit kann auch der Antrag verbunden sein, als höchstpersönliches, nicht ableitbares Recht seinen bisherigen Nachnamen voran- oder nachzustellen;

Die maskuline Diktion der Gesetze ist grotesk und genau so hinterwäldlerisch wie ihr Inhalt - aber konzentrieren wir uns hier nun mal auf den erlaubten oder nicht erlaubten Bindestrich.

Mich erinnert die ganze Sache an eine Schlagzeile der TAZ vom 19.7.2001 - das Bundesverfassungsgericht hatte soeben eine Normenkontrollklage aus Bayern und Sachsen gegen die geplante “Lebenspartnerschaft” abgeschmettert - und die Taz titelte frech: “Homos droht der Eheknast”.

War das Lebenspartnerschaftsgesetz, das die Lesben und Schwulen mühsam erstritten hatten, denn gar nichts wert? So weit würde ich nicht gehen - aber auch ich war und bin eher für eine Gleichstellung in umgekehrter Richtung: Abschaffung der Ehe: Auch Heterosexuelle dürfen nicht heiraten.

Und den Bindestrich finde ich auch nicht besonders erstrebenswert, sondern eher provinziell. Lange Zeit war es in Deutschland für Frauen die einzige Möglichkeit, ihren Geburtsnamen beizubehalten - was bis zu dieser halbherzigen Lösung auch undenkbar war. Deshalb nannte sich Thea Nolte nach der Heirat mit Herrn Bähnisch einfach Theanolte Bähnisch - sehr kreative und eigenwillige Lösung!

Auch der Name der Frau kann als “Familienname” gewählt werden, und der Gatte darf seinen Geburtsnamen mit Bindestrich anhängen oder voranstellen. Nur geschieht das natürlich so gut wie nie: Ein Name wie “Fritz Meyer-Mansfeld, geborener Meyer” - das ist doch dem Manne nicht zuzumuten.

Über die Pionierinnen der Namensemanzipation wurde natürlich immerfort gewitzelt, am meisten wohl über Leutheusser-Schnarrenberger und Däubler-Gmelin. An “Hamm-Brücher” hingegen hatten sich die meisten schon seit den Fünfzigern gewöhnt.

Der Bindestrich verbindet die zwei Namen zu einem “Familiennamen” - ohne Bindestrich hingegen kein “Familienname”, sondern nur ein “Nachname”.

Lesben und Schwule sind empört über die Ungleichbehandlung. Aus einem Jörg Kaiser wurde nicht ein Jörg Eipper-Kaiser, sondern nur ein Jörg Eipper Kaiser - Gemeinheit! Persönlich finde ich die Lösung mit dem Mittelnamen ehrlich gesagt eleganter. Und diese ist anscheinend den Heteros und Heteras verwehrt, wenn ich das feingesponnene Kuddelmuddel-Gesetzwerk richtig verstanden habe.

Elizabeth Barrett Browning, Charlotte Perkins Gilman, Jacqueline Bouvier Kennedy Onassis, John Fitzgerald Kennedy - sind das nicht schöne klangvolle Namen? Dasselbe mit Binde- oder Minus-Strich? Nee!

Und so erwarte ich jetzt einen Antrag der Heiratswilligen auf Gleichstellung mit den Verpartnerungswilligen, auch aus ästhetischen Gründen.

(Dank an Karin Schoenpflug für die Infromationen über die Bindestrich-Kontroverse in Österreich)
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# | Luise F. Pusch am 26.06.2010 um 10:41 PM • Permalink

19.06.2010

Der geschlechtsneutrale Schweizer

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Siebenundundvierzigste Lektion.

[Dieser Text erschien am 13. Juni 2010 in der NZZ am Sonntag, Rubrik “Der Externe Standpunkt”. Er wurde von der Redaktion der NZZ leicht verändert. Hier lesen Sie das Original.]

Was stellen Sie sich vor, wenn Sie Wörter wie ‚Schauspieler’, ‚Dichter’, Fußgänger’, ‚Leser’, ‚Schweizer’ hören oder lesen? Diese Wörter, so versichert uns die patriarchale Grammatik, sind geschlechtsneutral. Stellen Sie sich also einen geschlechtsneutralen Schweizer vor? Versuchen Sie es doch einmal. Sie sehen, es geht nicht - allerdings versichern mir manche Frauen, bei Schweizern ginge es vielleicht noch am ehesten.

Wenn ich diesen Text von 1995 vorlese, lacht das Publikum herzlich über “die eher geschlechtsneutralen Schweizer”. Die Debatte über (geschlechter)gerechten Sprachgebrauch war damals schon fast 30 Jahre im Gange. Inzwischen sind weitere 15 Jahre ins Land gegangen, der faire Sprachgebrauch hat sich weiter ausgebreitet, das Maskulinum steht beschämt in der Ecke und beweint den Verlust seiner Fähigkeit, selbstverständlich für beide Geschlechter zu stehen. Bis heute reizt das die Konservativen zu wütenden Attacken. Der rechte Schweizer will offenbar lieber geschlechtsneutral bleiben - selbst wenn er dafür ausgelacht wird.

Der jüngste Erfolg der feministischen Sprachpolitik ist der Leitfaden der Stadt Bern, über den sich derzeit im Internet zahlreiche Schweizer und ein paar Schweizerinnen in ausufernden Kommentaren ereifern. Dazu angestiftet werden sie von hämischen Zeitungsartikeln, die die lobenswerte Berner Initiative als typisch rotgrüne Hirnrissigkeit hinstellen. Sie werden der hechelnden Jagdmeute hingeworfen, und schon hetzt sie los.

Das Thema sprachliche Gerechtigkeit - auch noch für Frauen! - war schon immer ein Garant für massive Proteste von Männern, heute bevorzugt im Internet - somit Garant für erhöhte Besucherzahlen und mehr Profit durch Anzeigen. Vor einem Jahr generierte ein Interview mit mir - “Längerfristig bin ich für die Abschaffung des ‘in’” - über 700 gehässige Kommentare bei der österreichischen “dieStandard”, der feministischen Ablegerin von “Der Standard”. Die normale Anzahl der Kommentare dort ist 10-20. Beim Tagesanzeiger bekam der Artikel “Keine Fussgängerstreifen mehr in Bern” bisher 428 Kommentare, und “Blick” mit seinem irreführend betitelten “Weder Vater noch Mutter - Beamte sollen künftig ‘das Elter’ sagen” 250 Kommentare. Die Blätter frohlocken: “So viele Kommentare hatten wir selten / noch nie!”

Um das Sommerloch vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft (das Maskulinim “Meister” passt) zu stopfen, kam den Schweizer Medien die Berner Initiative anscheinend wie gerufen.

Der Berner Leitfaden ist in freundlichem Ton abgefaßt und macht sehr vernünftige Vorschläge. Wiederholungen treten nicht auf.

Die Kommentare bei “Blick” und “Tagesanzeiger” sind dagegen extrem aggressiv und wiederholen sich gebetsmühlenartig. Kein Kommentator scheint auch nur die letzten drei Kommentare vor ihm - geschweige denn den Leitfaden selbst, der auch nicht verlinkt wird - gelesen zu haben. Die Anwürfe sind vorhersagbar; Marlis Hellinger hat sie schon vor Jahrzehnten analysiert und den Begriff “Diskurs der Verzerrung” dafür geprägt:

• Haben die nichts Wichtigeres zu tun?
• Sinnlose Verschwendung unserer Steuergelder
• Typische Beamten-Pedanterie
• Als Mann fühle ich mich diskriminiert, weil es “DIE Schweiz” und “DIE Schweizer” heißt (und anderes in dieser Art von Scherzbolden)
• Ich bin eine Frau und habe mich noch nie durch Sprache diskriminiert gefühlt.

Das letzte Argument erinnert an die Raucher, die behaupten, Rauchen schade ihnen nicht. Wenn sie den Schaden ignorieren, bedeutet das ja nicht, dass sie verschont bleiben. Die Raucher dienen den Interessen anderer (Tabakkonzerne). Genau das tun auch diese Streiterinnen für das mannhafte Deutsch. Sie dienen den Interessen der Männer.

Denn das mannhafte Deutsch - das ist wissenschaftlich einwandfrei bewiesen - ist eine gigantische und völlig kostenlose Werbemaschinerie für den Mann. Mit fast jedem Satz, in dem von Personen die Rede ist, erzeugt sie die Vorstellung einer männlichen Person. Wenn Sie es nicht glauben, fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

Warum aber beteiligen sich die Frauen nicht an der Debatte und verteidigen das faire Deutsch gegen die Ignoranten? Nun, wir wissen eben seit Zsa Zsa Gabor: “Any publicity is good publicity” - die Jungs erledigen das hervorragend für uns, und wir können Energie sparen. Zudem haben wir ja bereits gesiegt. Der Leitfaden ist beschlossene Sache. In den Verlautbarungen der Stadt Bern wird es demnächst “Zebrastreifen” statt “Fußgängerstreifen”, “Team” statt “Mannschaft”, “Fahrausweis” statt “Führerausweis” und “lesefreundlich” statt “leserfreudlich” heißen. Sehr elegante Lösungen allesamt - alle vorgeschlagenen Wörter sind kürzer als die zu ersetzenden. Mir gefällt besonders der “Fahrausweis” - als Deutsche kann ich das Wort “Führer” einfach nicht mehr hören.

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# | Luise F. Pusch am 19.06.2010 um 10:34 AM • Permalink

13.06.2010

Lichtgestalt Franz Beckenbauer in ihrem Element

“König Fußball”, “Kaiser Franz” - diese majestätischen Titel reichen anscheinend immer noch nicht, um auszudrücken, was die Fußballfans empfinden sollen.
Da derzeit keine an dem Thema vorbeikommt, stieß ich in der letzten Woche zweimal mit dem Wort “Lichtgestalt” zusammen, beide Male war Franz Beckenbauer der Leuchter.

“Lichtgestalt” - das ist nicht mehr zu überbieten! Früher wurde er wohl auch “Fußballgott” genannt, aber da gibt es ja noch viele andere Götter neben ihm, Pelé, Maradona, Beckham, Ballack und wie sie alle heißen. “Lichtgestalt” hingegen scheint Franz Beckenbauer ganz für sich gepachtet zu haben.

Mir soll es recht sein - “Lichtgestalt” ist immerhin ein Femininum und lässt sich, wenn eine es nur richtig anfängt, sehr hübsch einsetzen:

• Unsere Lichtgestalt kümmert sich rührend um ihre Schäfchen, die natürlich vor dem Spiel gegen Australien sehr aufgeregt sind.
• Lichtgestalt Beckenbauer weiß zwar auch nicht, wie das Spiel ausgehen wird, aber ihrer Meinung nach wird es schon klappen.
• Schaun mer mal, sagte unsere Lichtgestalt. Ja, sie bleibt immer total cool.
• Der Lichtgestalt gefiel das Spiel nicht, aber sie ließ sich nichts anmerken. Schließlich ist ihr auch nicht immer alles gelungen.
• Unsere Lichtgestalt, die sensibler ist als sie aussieht, musste wegen der Tinnitusgefahr dem ohrenbetäubenden Spiel fernbleiben.

Nun sind Sie dran. Und übrigens: Auch “Koryphäe” oder “Leuchte der Wissenschaft” eignen sich prächtig zum Aufhübschen langweilig-männlicher Idole.


# | Luise F. Pusch am 13.06.2010 um 07:03 PM • Permalink

05.06.2010

Ganz oder gar nicht: Über das “Amt der First Lady”

Nachdem Hannover letzten November mit Robert Enkes Selbstmord sehr negativ in die Schlagzeilen gekommen war, hat sich das letzte Woche mit Lena Meyer-Landrut, Ursula von der Leyen und Christian Wulff schlagartig gebessert. Menschen aus Hannover waren die strahlenden Themen der Woche. Weniger schön ist, dass sie sich gegenseitig Konkurrenz machten:

Unsere Freude über von der Leyens mögliche Kandidatur währte nur kurz. Schwupps machte Christian Wulff - aus Hannover! - ihr den Rang streitig und siegte auch noch. Er hätte sich an Lena, die er nach ihrem Sieg so artig begrüßte, ein Beispiel nehmen sollen. Nicht im Traum fiel es Lena ein, sich auch noch um das Amt der Bundespräsidentin zu bewerben!

Die Presse hatte auch schon heftig mitgearbeitet an der Demontage der “Zensursula” bzw. des “Röschens”. Gegen Christian Wulff kam kein hämischer oder verniedlichender Spitzname zum Einsatz.

Meine Freundinnen und Verwandten schrieben mir Trostbriefe, sie fühlten mit mir und litten selbst darunter, dass wir nun doch keine weibliche Doppelspitze bekommen. Ich schrieb jeweils zurück, ich sähe das nicht so tragisch, das Bundespräsidialamt sei doch eher ein Abstellgleis für vielleicht verdiente, auf jeden Fall aber ausgediente Politiker. Während doch uns Ursula sich als Ministerin auf jedem Posten im Handumdrehen als unverzichtbar erweist. Ich sehe sie eher als Nachfolgerin von Merkel, die zwar keinerlei Ermüdungserscheinungen zeigt und im Volk weiterhin sehr beliebt ist, aber irgendwann möchte vielleicht auch sie sich wieder mehr der Oper und dem Gatten widmen. Und dann hätten sie Ursula von der Leyen als prima Ersatz in der Hinterhand. Das wäre dann mal eine wirkliche Doppelspitze, allerdings nicht im Quer-, sondern im Längsschnitt.

Trotzdem - eine Weile fand ich auch die Idee einer Bundespräsidentin von der Leyen schick. Der klangvolle Adelsname, wiewohl nur angeheiratet, passt doch auch viel besser zum Schloss Bellevue als “Köhler”. Und erst die gewaltige Kinderschar, fast wie bei Maria-Theresia! Das im Volk noch immer beliebte dynastische Prinzip Landesmutter verkörpert die Tochter des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht sehr eindrucksvoll!

Betrübte Gedanken machte ich mir über Eva Luise Köhler, die nun mit dem Gatten von der Bildfläche verschwindet. Sicher hätte sie noch gerne weiter mit präsidiert und repräsentiert, aber der Gatte ist eben recht empfindlich und musste nicht nur sich selbst, sondern auch die Frau an seiner Seite seinem verletzten Stolz opfern.

Wo bleibt da die Nachhaltigkeit? Für Eva Luise hätte es doch noch vielfältige Verwendung gegeben, denn bekanntlich lehnen die Gatten unserer Spitzenpolitikerinnen die Rolle des “Mannes an ihrer Seite” strikt ab, Kanzleringatte Sauer genauso wie Ministeringatte von der Leyen.

Da wäre doch Ex-First-Lady Eva Luise für eine Bundespräsidentin von der Leyen eine schon bestens eingearbeitete Stütze gewesen. Überhaupt sollten wir überlegen, ob wir als Mittel gegen den vorzeitigen Verschleiß unserer weiblichen Spitzenkräfte zusammen mit dem Schloss Bellevue nicht auch gleich eine standesgemäße Begleitung mitliefern sollten.

Über Indien lesen wir mit Schaudern von den Witwenverbrennungen: Stirbt der Gatte, hat auch die Gattin ihr Recht auf Leben verwirkt. Haben wir da nicht soeben etwas ähnlich Unerträgliches mit ansehen müssen? Tritt der Bundespräsi zurück, hat es mit der First Lady auch ein Ende, die sich aber auch rein gar nichts hat zuschulden kommen lassen. Ich finde, so geht das nicht.

Die Schirmherrschaft, besser gesagt das Matronat, des Müttergenesungswerks wurde ihr entzogen; die Unicef entschied sich weniger rückständig und lässt sie weiter matronieren. Die Bundesrepublik sollte sich ein Beispiel nehmen und Eva Luise als First Lady weiter ihres Amtes walten lassen, wenn sie noch Lust dazu hat. Die Ehefrauen von Wulff oder Gauck können zu Hause bleiben und sich ihren eigenen beruflichen Interessen widmen, wie es sich heute für eine emanzipierte Frau gehört.
Und wenn Eva Luise irgendwann auch mal die Nase voll hat und abdankt, ist eben mit ihr dieser peinliche Anachronismus “First Lady” endgültig ausgestanden.


# | Luise F. Pusch am 05.06.2010 um 03:19 PM • Permalink

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Hedwig Dohm