»Laut & Luise«
30.07.2010

Mein Buch “Das Deutsche als Männersprache” gibt es nun schon seit 26 Jahren. Obwohl es viel gekauft wurde und wird, hat es anscheinend wenig bewirkt. Dass die Frauensprache in diesen 26 Jahren nicht recht vorangekommen ist, erkenne ich deutlich an dem Amazon-Kurztext über mein Buch:
Kurzbeschreibung
Die feministische Linguistik entlarvt die Geschichte und Struktur der Sprachen als Männergeschichte und Männerstruktur. Die feministische Linguistik fundiert und dokumentiert die sprachkritische, sprachschöpferische und sprachpolitische Arbeit der Frauen. Speziell zum Deutschen gibt es bislang nur die wissenschaftlichen und journalistischen Arbeiten der Konstanzer Linguistin Luise F.Pusch, die hier erstmals gesammelt vorgelegt werden.
Über den Autor
Luise F. Pusch, geb. 1944, Professorin für Sprachwissenschaft und freie Publizistin.
Viele erboste Leserinnen haben mich schon auf diese coole Unverschämtheit aufmerksam gemacht, und beschwert habe ich mich auch schon bei Amazon:
Dear Amazon,
FemBio.org ist eine feministische Website und hat viele Links zu Amazon. Wir bekommen häufig Beschwerden, dass Sie bei den Angaben zu den Büchern immer schreiben: “Über den Autor”, obwohl es sich meist eindeutig um Autorinnen handelt. Das stößt potentielle Kundinnen förmlich ab. Heute schrieb mir eine Benutzerin, sie würde mein Buch “Frauengeschichten” erst dann kaufen, wenn darunter geschrieben stünde “Über die Herausgeberinnen” - denn tatsächlich sind es zwei Frauen, die das Buch herausgegeben haben.
Bitte geben Sie den Verlagen für das Einstellen ihrer Bücher zusätzliche Optionen wie “Über die Autorin / Autorinnen / Herausgeberin / Herausgeberinnen”.
Ein Herr von Amazon antwortete mir:
Guten Tag,
vielen Dank für Ihre Anfrage …..
Ich habe eine Kopie Ihrer E-Mail Im Hinblick Ihres Wunsches bezüglich des Hinweises “Über die Autorin / Autorinnen / Herausgeberin / Herausgeberinnen” an die zuständigen Kollegen weitergeleitet.
Wir hören gerne wieder von Ihnen.
Konnte ich Ihr Problem lösen?
Wenn ja, klicken Sie bitte hier:
Wenn nein, klicken Sie bitte hier:
David Winter, Amazon.de Partnerprogramm
Ich habe “nein” angeklickt und nie wieder etwas zu meinem Anliegen gehört.
Wie frau an David Winters gedrechselter Schreibe (“Kopie Ihrer E-Mail Im Hinblick Ihres Wunsches bezüglich des Hinweises” undsofort) unschwer erkennen kann, beherrscht er die deutsche Sprache nicht besonders gut. Mein Anlauf prallte vielleicht nicht nur an seiner kaltschnäuzigen Gleichgültigkeit ab.
Mein erster Verlag, der mit “Deutsch als Männersprache” noch immer recht gut verdient, hat auch niemals seine Vertragsformulare geändert, auf denen steht:
Vertrag zwischen dem Verlag und Luise F. Pusch, im folgenden “der Autor” genannt.
Als ich mich mal darüber beschwerte, wurde ein Satz eingefügt, wonach mit “Autor” auch “Autorin” gemeint sei, der Rest blieb unverändert - wir kennen das.
Mein zweiter Verlag war da entgegenkommender. In meinen Verträgen werde ich höflich als Autorin bezeichnet - das bedarf wirklich keiner Mühe und sollte heute eine Selbstverständlichkeit sein.
Weniger einfach ist eine gerechte und zugleich stimmige und elegante Lösung im folgenden Fall zu ermitteln - das Deutsche ist halt immer noch eine Männersprache. In diesem Monat hat mein Verleger ein Buch herausgegeben mit dem Titel: “Seiltanz: Der Autor und der Lektor”.
Ich war ehrlich gesagt ziemlich erschüttert. Ich bin eine Autorin dieses Verlags und habe seit drei Jahren immer nur mit meiner Lektorin zu tun. Die Verlagsankündigung beschwichtigt allzu düstere Vorahnungen mit der Formulierung:
“Deutsche Autorinnen und Autoren schreiben in diesem Band über ihre Arbeit mit dem Lektor.” Mehr hier.
Die namentliche Aufzählung der Mitwirkenden ergibt, dass auf je drei Autoren eine Autorin kommt.
Wie hätte der Verleger sein Buch denn sonst noch betiteln können? Ich hätte folgendes vorgeschlagen:
Nicht was viele jetzt denken mögen. Nein - nicht “AutorInnen und LektorInnen”. Erstens mögen Liebhaber der deutschen Sprache das große I nicht - das ist nur was für den schnelllebigen Journalismus, nichts für die Ewigkeit, die für ein Buch erhofft wird. Außerdem soll ja eine Beziehung zwischen “Autor” und “Lektor” angedeutet werden, und sei es auch nur die Arbeitsbeziehung. Dieser Aspekt geht bei der Pluralformulierung irgendwie verloren.
Auch hätte ich einfühlsam auf kühne Vorschläge wie “Das Autor und das Lektor” verzichtet - das mögen die Sprachliebhaber erst recht nicht. Und das umfassende Femininum “Die Autorin und die Lektorin” ist zwar unbeschreiblich weiblich, kommt aber auch nicht überall gut an, obwohl alle Männer immer herzlich mitgemeint sind.
Keine radikalen Vorschläge also diesmal, sondern nur: Immer schön abwechseln, und zwar im Singular, und wir bekommen dieses:
Die Autorin und der Lektor
Oder meinetwegen auch
Der Autor und die Lektorin
Ich finde, das klingt viel interessanter als das “geschlechtsneutrale” Der Autor und der Lektor. Da ist doch Musik und erotische Spannung drin - und alle werden fragen: “Wieso denn Autorin?” Oder “Wieso denn Lektorin?” Und der Herausgeber braucht nur noch vielsagend zu lächeln und die reichlich fließenden Gelder einzustreichen.
Und zum traurigen Ende: Was soll frau davon halten, wenn Christa Wolf ein Buch mit dem Titel “Die Dimension des Autors” veröffentlicht? 1986 haben wir Feministinnen uns heftig darüber aufgeregt, dass “unsere Christa” sich diesen Fauxpas geleistet hat. Aber inzwischen ist es für reuige Einkehr vermutlich zu spät. “Die Dimension der Autorin” ist ihr vielleicht zu leibhaftig.
# | Luise F. Pusch am 30.07.2010 um 11:29 PM •
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23.07.2010
Gestern waren wir mit zwei Freundinnen im Kino und haben uns den Film “The Kids are all right” angesehen. Er ist hier in den USA zur Zeit total in und wird heiß diskutiert, hat doch die Regisseurin Lisa Cholodenko erstmals das Tabu “lesbische Mütter mit Kindern von der Spermabank” angepackt. Die gesamte Presse ist des Lobes voll, das Einspielergebnis ist stattlich, mit bisher 1,8 Millionen Dollar rangiert der Film auf Platz 12. Im Februar bekam er bei den Berliner Filmfestspielen den Teddy Award, beim Sundance Film Festival soll er der meistdiskutierte Beitrag gewesen sein.
Alles sehr erfreulich für einen Lesbenfilm, wir können uns nicht erinnern, dergleichen jemals gehört zu haben. Aber: Ist das überhaupt ein Lesbenfilm, fragten wir uns verstört, als wir dem Ausgang zustrebten.
Der Film wird vermarktet als “echter Familienfilm”, aber eben ein moderner, die Familie besteht nicht aus Mom und Dad und zwei Kids sondern, wow, aus zwei Moms mit Kids. Dann stößt auf Wunsch der Kids der bis dahin anonyme Spender-Papa (“Donor-Dad”) hinzu und sorgt für Dramatik und Spannung im Alltagstrott.
Der Film versucht es allen recht zu machen, sogar den Lesben, vor allem aber den Männern, seien sie schwul oder hetero. Der massige Mann, der vor mir saß, kam aus dem Brüllen gar nicht mehr raus! Ist aber auch zum Brüllen, wie sich die beiden lesbischen Moms schwule Pornos ansehen, um sich anzutörnen. Einen rosa Dildo haben sie auch in der Schublade.
Also ich weiß nicht, vielleicht bin ich altmodisch - aber beides würde mich garantiert abtörnen. Wir verbuchten diesen eigenartigen Regieeinfall auf das Konto von Stuart Blumberg, der das Drehbuch zusammen mit Lisa Cholodenko verfasst hat. Frau lernt etwas fürs Leben aus dieser kurzen Szene, und zwar: Lesbischer Sex ist äußerst mühsam. Während sich Jules (Julianne Moore) unsichtbar unter der leicht wogenden Bettdecke an Nic (Annette Bening) abarbeitet, bis sie kurz vor dem Ersticken wieder auftaucht, guckt diese ihren Porno, verzieht aber keine Miene, anscheinend verhilft ihr beides nicht zum Orgasmus.
Dem Publikum wird das anstrengende und peinliche Sexualleben der beiden Frauen nur einmal kurz zugemutet; entschädigt wird es dafür durch reichlichen Heterosex mit dem Samenspender als unerschöpflichem Kraftzentrum. Zuerst treibt er es wild und lange mit einer schönen jungen Äthioperin, dann läßt er sich mit Jules ein, die seinem selbstgebackenen Apfelkuchen nicht widerstehen konnte und sich ihm aufdrängt. Warum die lesbische Mom Jules so versessen auf Sex mit Paul ist, weiß sie selbst nicht (wohl aber die Marketingstrategen). Es tut ihr nach mehrmaligen Leibesübungen dann auch richtig leid. Zuvor aber muß lesbe zusehen, wie sie angesichts seines erigierten Glieds (das wir nicht zu sehen kriegen) vor andächtiger Begeisterung fast in Ohnmacht fällt, während er die hysterische Huldigung milde, fast schüchtern lächelnd entgegennimmt. Die Szene - eine klassische Männerphantasie - verdanken wir vermutlich auch dem Drehbuchautor, der damit sicher entscheidend zum Kassenerfolg beigetragen hat.
Paul, der Samenspender (Mark Ruffalo), ist also ein Sympathikus - er gefiel sogar mir. Während Nic zickig und dominant ist und obendrein trinkt, und Jules vor Gier nach Paul fast außer sich gerät, zeigt er sich in jeder Situation gelassen und liebevoll - der Sympathieträger schlechthin. Nichtmal den Einbruch in die glückliche Lesbenehe kann frau ihm anlasten: wie soll ein normal gebauter Mann auch anders reagieren, wenn eine schöne Frau sich ihm schmachtend an den Hals wirft.
Unseren Heterofreundinnen gefiel der Film nicht: Zu viele Sexszenen mit dem Kerl, unecht, zu viele Klischees, zu viel blödes Männergröhlen im Publikum - das war in etwa ihr Urteil. Sie hatten schließlich mal einen ”anderen” Film sehen wollen und fanden sich stattdessen belästigt mit dem gewöhnlichen Heterosexgestrampel in Großaufnahme. Gar nicht schön!
Joey und ich waren gnädiger. Die schauspielerischen Leistungen sind durchweg exzellent, schon deswegen lohnt sich der Film durchaus. Es gibt viele lustige, bewegende, intelligente Szenen und Momente, die - so hoffen wir - auf das Konto der Regisseurin und Drehbuchautorin gehen.
Aber die Kernbotschaft des Films, dass Lesbensex mühsam ist und Heterosex das Gelbe vom Ei, ist einfach abwegig.
Vielmehr gilt weiterhin die tiefe Erkenntnis Erma Bombecks: “I haven’t trusted polls since I read that 62% of women had affairs during their lunch hour. I’ve never met a woman in my life who would give up lunch for sex.”
Und damit meinte sie nicht Lesbensex.
(Dank an Joey Horsley für das Bombeck-Zitat!)
# | Luise F. Pusch am 23.07.2010 um 08:26 PM •
Filmkritik •
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17.07.2010
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Achtundvierzigste Lektion.
Wenn Sie schon immer mal Diplomhexe oder Hexenmeister werden wollten, gibt es jetzt eine angenehme Ausbildungsstätte für Sie, entweder vor Ort in der Nähe von Klagenfurt oder hier online. Andreas Starchels Hexenschule macht’s möglich. Mit der bis zu sieben Jahre währenden anspruchsvollen Ausbildung können Sie in Österreich beruflich nicht viel anfangen, aber in Deutschland könnte es eine passende Zusatzqualifikation für HeilpraktikerInnen sein.
Ich sah letzte Woche auf BR-Alpha einen Film von Martin Betz (2007) über die Hexenschule; er hat mir gut gefallen. Der Leiter ist aufgeklärt und sympathisch und möchte altes Wissen, das er sich aus vielen alten Quellen angeeignet hat, auf der Grundlage modernen psychologischen und naturwissenschaftlichen Wissens aufbereiten und zugänglich machen. “Rituale”, so lehrt er seine Hexenschülerinnen und -schüler beispielsweise, “sind psychologische Tricks, mit denen man, durch den größeren Aufwand, bestimmte Vorstellungen besser ins Unterbewusstsein pflanzen kann.” Recht hat er; die katholische Kirche hat das besonders gut begriffen und ist auf diesem Gebiet seit Jahrhunderten erfolgreich tätig.
Und der Hexenbesen? Der wurde weniger zum Reiten benutzt, erläutert er, sondern zum Reinigen der Ritualplätze. Und wir sehen ihn, wie er mit dem Reisigbesen sorgfältig die Wiese fegt. Der Chatroom auf der Webseite der Hexenschule heißt sinnigerweise “Besenkammer”.
Also alles in allem eine nette und lehrreiche Sache, wenn Sie dafür Zeit und Geld haben.
Wie meine geneigten LeserInnen bereits vermuten werden, interessiert mich an der Hexenschule vor allem der sprachliche Aspekt. Immerhin ist “Hexe” neben “Witwe”, “Braut” und “Geschwister” eins der ganz wenigen (genau gesagt: fünf) deutschen Wörter, bei denen das Femininum den Ursprung und Oberbegriff bildet. Wir haben neben der “Hexe” den “Hexer”, neben der “Witwe” den “Witwer”, neben der “Braut” den “Bräutigam”, und die “Geschwister” stehen für Schwestern und Brüder. Und dann gibt es noch das “Gestüt”, das auch für Hengste da ist.
In der TV-Sendung über die Hexenschule bekamen wir nur einen Schüler zu sehen und drei Schülerinnen. Die Schülerinnen sagten, sie wollten Hexe werden, der Schüler wollte dagegen Hexenmeister werden. Nicht Hexer oder Hexerich.
Das Grimmsche Wörterbuch klärte mich dann weiter auf: Eine männliche Hexe wird “Hexer” oder “Hexenmeister” genannt. So steht’s auch bei Wikipedia.
Stellen Sie sich vor, wir würden den Enterich Entenmeister nennen, den Täuberich Taubenmeister, den Mäuserich Mäusemeister, und so weiter bis zum Gänsemeister und Krötenmeister.
Für männliche Kröten und Mäuse scheint eine derartige Sprachkosmetik überflüssig, aber die männliche Hexe findet das wohl standesgemäßer als “Hexer”, die schlichte Ableitung aus dem femininen Grundwort. Der umgekehrte Fall ist eine Degradierung, die Frauen mit jeder -in-Ableitung gewohnheitsmäßig zugemutet wird.
Vermutlich verdankt sich auch der “Wachtmeister” dem Veredelungsdrang. “Die Wache”, “die Schildwache” - alles zu feminin für einen gestandenen Mann. Aber wie schon Mary Daly uns riet: Nehmen wir doch dieses männliche Imponiergehabe als Anregung zum egozentrischen bzw. frauenzentrierten Denken:
Eine Frau und ein Mann besuchen eine Kochschule. Er wird Koch, sie wird Kochsachverständige (Kochmeisterin ist nicht so geeignet, weil von -meister abgeleitet).
Er und sie studieren an der Musikhochschule. Er wird Musiker, sie wird Musikgelehrte.
Und unsere Politiker? Sind eben Politiker, die Frauen dagegen Politikprofis, was Kraft und Löhrmann - sicher zum Bedauern unserer Ober-Politprofi Merkel - gerade sinnfällig vorgeführt haben.
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Zum Weiterlesen empfiehlt FemBio:
Joey Horsley. “Weise Frauen, Hebammen und die europäische Hexenverfolgung.” In Tönnies-Forum 3/92 1. Jg. (1992): 26-42 (PDF-Datei)
(aktualisierte, aber auf Vortragslänge gekürzte deutsche Fassung von “On the Trail of the ‘Witches’” siehe unten.)
Ritta Jo Horsley and Richard A. Horsley. “On the Trail of the ‘Witches’: Wise Women, Midwives and the European Witch Craze.” Women in German Yearbook 3. Marianne Burkhard and Edith Waldstein, eds. University Press of America, 1986. 1-28.
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# | Luise F. Pusch am 17.07.2010 um 08:49 PM •
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11.07.2010
Das Fußballspiel verleitet anscheinend zum Wortspiel. Vor vier Jahren schon wurde aus Heines bitterem Versepos “Deutschland - ein Wintermärchen” über unser “hölzern pedantisches Volk” ein “Sommermärchen” und schließlich Sönke Wortmanns “Deutschland - ein Sommermärchen”. Mit Recht wurde der Kuschelfilm bald umgetauft in “Im Bett mit Ballack” oder “…mit Poldi” - Madonna lässt grüßen.
In diesem Sommer nun kamen wir aus der Wortspielerei gar nicht mehr raus. Es fing an mit der australischen Fußballmannschaft, den “Socceroos”, wie Kangaroos. “Serbien muss sterbien” hieß es vor dem Spiel gegen Serbien, ein böser Spruch aus dem ersten Weltkrieg - und damals wie heute ein Eigentor.
Laut Spiegel werden “wir” nun “Integrationsweltmeister” statt Fußballweltmeister - was auch total daneben ist, denn die Mannschaft aus Schland ist trotz der Spieler mit Migrationshintergrund weder deukisch noch deukanisch.
“Schland”, die Kurzform für “Deutschland”, verbreitet sich derzeit rasant. Die krude Mischung aus “Schlamm” und “Schmand” scheint das deutsche Gemüt zu überzeugen und passt auch zu “Germs” (Keime), der Kurzform für “Germans”. Der Song “Schland o Schland” wurde auf Youtube über eine Million mal angeklickt, und schon gibt es eine Webseite schland.de, die Schland-T-Shirts mit den schländischen Farben Schwarz-Rot-Sonnig verkauft.
Auf die Frage, wie es zu “Schland” kommen konnte, erfährt frau, dass das Wort auf Stefan Raab zurückgeht, der schon 2002 aus dem Gebrüll in den Fußballstadien nur “Schland! Schland!” heraushören konnte.
Plausibler scheint mir die Erklärung dieses bloggenden Sprachbeobachters: “Der durchschnittliche Fußballfan ist stark alkoholisert und benutzt Geheimsprache. “Flur” steht für “Wieviel Uhr ist es?” “Eishockey?” steht für “Alles okay?” und “schland” für “Deutschland”.
Wir sollten die Anregungen der Alkis dankbar aufnehmen und andere lästige, überlange Wörter ebenfalls gesundschrumpfen bzw. gesupfen:
Bereits gut etabliert sind:
AlkoholikerInnen > Alkis
AmerikanerInnen > Amis
Auszubildende > Azubis
Deutsch-Englisch > Denglisch
Deutschtürkisch > deukisch
Hartz-IV-EmpfängerInnen > Hartzis
Öffentliche Verkehrsmittel > Öffis
Ostdeutsche > Ossis
Professionelle > Profis
ProfessorInnen > Profs
Rehabilitation > Reha
Studierende > Studis
Weblog > Blog
Westdeutsche > Wessis
Neuschöpfungen:
Bundespräsident > Bupräsent
BürgerInnensteig > Bürsteig > Bürste
Deutschafrikanisch > deukanisch
Evangelisch > evisch (währt am längsten)
FußballspielerInnen > Fubis
FußgängerInnen > Fugis
FußgängerInnenzone > Fugizone
GästInnenzimmer > Gäzi
Homo-Ehe > Ho-Ehe > Höhe
Katholisch > kalisch
Die überbordende “Vulvazela” fällt dagegen völlig aus dem Rahmen, aber das raumgreifende Pendant zu den verschämten Vagina-Monologen sollte hier nicht übergangen werden.
Eigene Kreationen bzw. Kreonen bitte unten im Kommentarfeld (Komfel) eintragen.
# | Luise F. Pusch am 11.07.2010 um 02:57 PM •
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04.07.2010
An zwei Tagen im Juni erlebten wir den sprachlichen Ausnahmezustand. Die Medien zeigten, dass sie doch geschlechtergerecht formulieren können.
Nie habe ich so oft das Wort “Staatsoberhaupt” gehört wie an den ersten beiden Junitagen, an denen Ursula von der Leyen als Nachfolgerin von Horst Köhler noch im Gespräch war.
“Suche nach dem Staatsoberhaupt” - so wurde vielfach getitelt. Das “Staatsoberhaupt”, grammatisch neutral, machte sich einfach besser, solange eine Frau, noch dazu eine mächtige, als Favoritin für das Bundespräsidialamt galt - das sonst nur das “Bundespräsidentenamt” oder “Amt des Bundespräsidenten” genannt wird.
Wörter wie “Person” und erst recht “Persönlichkeit” hatten Hochkonjunktur. Auch wurde andauernd gewissenhaft die Doppelform eingesetzt.
Hier ein paar Kostproben:
Für Angela Merkel (CDU) und Guido Westerwelle (FDP) gilt: Anders als Köhler soll der Nachfolger oder die Nachfolgerin parteipolitisch erfahren sein und möglichst auf breite Zustimmung stoßen.
....wollen CDU/CSU und FDP auf jeden Fall einen eigenen Personalvorschlag machen [statt: “Kandidatenvorschlag machen” oder “einen eigenen Kandidaten vorschlagen”].(dpa newsticker 1.6.2010)
“Wir glauben, dass wir jemanden [immerhin besser als “einen Mann”] mit politischer Erfahrung brauchen”, sagte Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU). “Wir werden in den nächsten Tagen eine qualifizierte Persönlichkeit suchen.” Die Koalition stehe nicht unter Zeitdruck, wolle aber “relativ rasch” die Personalfrage [nicht: “die Kandidatenfrage”] klären.”
n-tv konnte sich noch nicht so recht an die neue Wirklichkeit gewöhnen und verhaspelte sich im Dschender-Dschungel:
Die Opposition fordert eine Persönlichkeit, der von allen unterstützt werden könnte.
Wenn ich noch an der Uni feministische Linguistik unterrichten würde, würde ich sofort eine sprachliche Analyse der Zeitungsartikel und TV-Sendungen des 1. und 2. Juni 2010 zum Thema “Neues Staatsoberhaupt gesucht” als Seminar- oder Abschlussarbeit vergeben.
Am 3. Juni war der schöne Spuk vorbei, war das geschlechtsneutrale “Staatsoberhaupt” schon wieder aus dem allgemeinen Diskurs verschwunden. Zwei Männer kämpften nun um das Amt (ab 3. Juni), Luc Jochimsen wurde von der Linken erst eine Woche später als Kandidatin aufgestellt. Und eine chancenlose Frau gegen zwei Männer, da braucht mann nun wirklich keine sprachliche Rücksicht mehr zu nehmen, wie schon ein Jahr zuvor bei der Wahl zwischen Horst Köhler und Gesine Schwan, die in Wahrheit keineswegs chancenlos war; Köhler siegte mit nur einer Stimme Mehrheit. Aber die Kandidatin hatte keine Macht. Wie auch die Sprache dazu beitrug, habe ich in der Glosse “Bundespräsident oder Bundespräsent” analysiert.
So etwas wie sprachliche Gerechtigkeit ergab sich dann erst am 30. Juni wieder, und zwar als Nebenprodukt der Twittersprache, die wie das Simsen von Abkürzungen lebt. Da ich am Wahltag in Boston war, wo sich natürlich kein Aas für die deutsche Staatsoberhaupt-Wahl interessiert, verfolgte ich den Wahl-Dreiteiler per Twitter-Live-Ticker auf Spiegel-Online. Unsäglicher Flachsinn wurde da am laufenden Band dargeboten. Ein interessantes Phänomen konnte ich trotzdem ausmachen:
Aus der “Wahl zum Bundespräsidenten” oder “Bundespräsidentenwahl” wurde die “BP-Wahl”. Ob Bundespräsidentin, Bundespräsident oder Bundespräsent - alles BP, one size fits all, kurz, bündig und garantiert geschlechtsneutral.
Und das, obwohl BP ja weiterhin vor allem für die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko steht. Aber die ölige Assoziation störte niemanden, gefiel vielleicht sogar den meisten. Die Twitternden waren überwiegend Wulff-GegnerInnen.
Was lernen wir daraus?
Erstens: Es geht. Anscheinend sogar mühelos.
Zweitens: Es geht nur, wenn eine real existierende Frau mit erheblichem Einfluss reale Chancen auf ein hohes Amt hat oder es bereits innehat, wie die Bundeskanzlerin, die seit ihrem Amtsantritt sprachlich meistens als Frau behandelt wird und damit unsere Sprache bereits sehr positiv beeinflusst hat.
Die real existierende Ärztin oder Apothekerin, die uns aus dem Blickfeld gerät, weil wir immerfort nur unseren Arzt oder Apotheker fragen sollen - solche Personen werden dagegen weiterhin folgenlos missachtet.
Was folgt daraus? Die bis dato frech ignorierte Ärztin oder Apothekerin muss ein wahrnehmbarer Machtfaktor werden, indem sie sich mit Frauen zusammentut, die gegen ihre sprachliche Ausmerzung protestieren.
# | Luise F. Pusch am 04.07.2010 um 09:32 PM •
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