»Laut & Luise«
17.10.2010
Frühstück bei Tiffany oder Déjeuner sur l’herbe, das war einmal. Heute träumt die Frau von einem Frühstück bei Tchibo oder mit Tchibo. Das jedenfalls schrieb mir mein Tchibo.de-Team in einer ihrer poetisch abgefassten Newslettas, die gestern kam:
Liebe Frau Pusch,
versüßen Sie sich das Aufstehen und starten Sie genussvoll in den Tag. Bei Tchibo finden Sie jetzt alles für die perfekte Küche: Entdecken Sie hochwertiges Geschirr, stilvolles Zubehör und dekorative Accessoires und freuen Sie sich auf erstklassiges Design zu günstigen Preisen.
Schöner kann ein Tag kaum beginnen.
Ihr Tchibo.de-Team
Neu und liebenswert an der Tchibo-Anzeige ist die Idee, dass zu dem perfekten Morgen und dem genussvollen Start in den Tag nicht nur das hochwertige Geschirr, das stilvolle Zubehör und die dekorativen Accessoires von Tchibo gehören, sondern vor allem eine nette Gefährtin, mit der wir uns lebhaft unterhalten können:

Ein absolutes Novum in der Welt der Frühstücksanzeigen: Das Frühstück, wohl die intimste Mahlzeit, wird hier nicht von einer Frau und einem Mann zelebriert, sondern von zwei Frauen. Vielleicht leben sie zusammen? Vielleicht haben sie sich gerade kennengelernt, und am Vorabend die spannende Frage “Frühstück bei mir oder bei dir?” zufriedenstellend geklärt. Sie haben eine glückliche Nacht verbracht, frau sieht es ihnen an.
Truman Capotes “Frühstück bei Tiffany” transponiert eine schwule Liebesgeschichte ins Heteromilieu - auch in den angeblich “Swinging Sixties” viel akzeptabler. Hundert Jahre früher zeigt uns Manet mit seinem “Dejeuner sur l’herbe” ebenfalls die Welt aus Männersicht: Die Männer diskutieren lässig und genießen warm verpackt den Anblick der nackten Schönen, die sie schon vor dem Frühstück vernascht haben. Die nackte Frau ist preisgegeben, auf dem Präsentierteller, und sie friert vermutlich.

Die Geschichte des Frühstücksmotivs in der Kunst zeigt uns: Ein Frühstück unter Frauen ist einfach gemütlicher.
Und nun hat sich dies uralte Geheimwissen der Frauen so weit herumgesprochen, dass sogar Tchibo es mitbekommen hat. Wie schön.
# | Luise F. Pusch am 17.10.2010 um 10:47 AM •
Permalink
10.10.2010
Am 6. Oktober brachte Kulturzeit einen Beitrag über die Dreier-Shortlist für das geplante Denkmal der deutschen Einheit, kurz Einheitsdenkmal. Wenige Stunden zuvor hatte Zeit online unter der Schlagzeile “Deutschland, knie dich nieder” gemeldet:
Zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung, […], nach einer zweiten Runde mit 386 Bewerbungen, hat sich die Jury nunmehr einstimmig gegen einen ersten Preis, aber für drei preiswürdige Projekte entschieden – und sie zur Überarbeitung zurückgegeben.
“Deutschland, knie dich nieder” bezieht sich auf den Entwurf des Bildhauers Balkenhol, der von den “Kunstexperten” in der Jury (Expertinnen gab’s da anscheinend nicht) favorisiert wurde. Zeit online aber mäkelte:
Stephan Balkenhols fünf Meter großer kniender Mann ist eine unbefriedigende …Lösung, die viele wegen des Warschauer Kniefalls für ein Willy-Brandt-Denkmal halten werden – und um Demut allein kann es jedenfalls bei einem Freiheits- und Einheitsdenkmal nicht gehen.
Kein Kommentar dazu, dass DIE Einheit von einem Mann symbolisiert werden soll. Dass Balkenhol für seine Skulpturen meist nur Männer einfallen, ist ja bekannt - aber warum soll das glücklich vereinte Volk sich ausgerechnet in einem Mann wiedererkennen, der auch kniend noch 5 Meter hoch ist?

Kulturzeit-Moderatorin Andrea Meier zeigte auch keinerlei Missvergnügen, nicht einmal Befremden. Lächelnd erklärte sie uns, er sei “ein abstrakter Jedermann, der seinen Blick nach Osten richtet, aber keinesfalls in Demut, wie der Künstler beteuert.”
Ich bekam sofort nach der Sendung wütende Kommentare von erbosten Leserinnen, die mich baten, doch zu dem Einheitsmann Stellung zu nehmen. Und vor allem auch dazu, dass das, was nicht bewusstlosen Frauen sofort aufstößt, unseren KulturverwalterInnen einfach nicht aufzufallen scheint. Wo lebe ich denn, fragt frau sich in so herben Momenten der Erkenntnis. “Mitten im Malestream” (Helke Sander).
Schon immer waren sämtliche Denkmäler für Herren reserviert - mit einer Ausnahme: Die meist weiblichen Abstrakta, wie DIE Freiheit (Libertas, Liberté, Libertà, Liberty) oder DIE Gerechtigkeit (Justitia) wurden durch weibliche Figuren (Allegorien) symbolisiert. Berühmteste Beispiele: Die New Yorker Freiheitstatue (Lady Liberty) und Delacroix’ Gemälde “Die Freiheit führt das Volk”. Auf Deutsch heißt es zwar der Sieg, aber die Siegesdenkmäler richten sich doch allenthalben nach der femininen griechisch-lateinischen Tradition (griech. nike, lat. victoria), vgl. die Nike von Samothrake im Louvre (damals noch ohne Turnschuh-Connection) oder die Siegessäule (Goldelse) in Berlin.
Nun also sollen die Abstrakta auch noch von den Herren übernommen werden. Den unrühmlichen Anfang macht Balkenhol mit seinem Kniephall. Was mag in ihm vorgegangen sein, als er sich diesen Entwurf ausdachte, und was in der Jury, als sie ihn akzeptierte? Ich denke, folgendes ist abgelaufen:
Schon im Einheitsjahr 1990 wurde die Vereinigung häufig als Hetero-Ehe zwischen Ost und West versinnbildlicht. Immer war der starke Westen der Mann und der arme Osten die Frau, besonders widerwärtig auf einem Spiegeltitel, den ich noch nicht wiedergefunden habe.
Balkenhols Entwurf erinnerte mich an diese Vereinigungs- und Ehe-Symbolik, speziell an den Bibelspruch
Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden zu einem Fleisch werden. (1. Mose 2:24).
Dass dieses eine Fleisch oder diese eine Person, zu der sie werden, nur der Mann sein kann, liegt auf der Hand und wurde offenbar auch von Balkenhol klar erfasst. Im 19. Jahrhundert verlor die Frau bei der Eheschließung nicht nur ihren Namen (wie die DDR), sondern auch sämtliche bürgerlichen Rechte. Der Mann trat buchstäblich “an ihre Stelle”.
Balkenhol ist ein Mann und ein Wessi. Was der Wessimann da in seiner Skulptur mit den realen Frauen und der symbolischen Frau DDR macht, ist eigentlich ganz logisch: Sie wird inkorporiert und geschluckt. Er hat sie sich einverleibt. Herr Wessi geblieben, Frau Ossi geschluckt - das ist die deutsche Einheit.
Irgendwie scheint die Jury das erfasst und richtig gut gefunden zu haben.
Ich hoffe nun mit den erbosten Frauen, die mir geschrieben haben oder auch nicht (frau hat immer so viel zu tun), dass das Parlament in einem Moment der Erleuchtung den besten Entwurf der drei wählt, nicht zufällig wohl der einzige, an dem eine Frau mitgewirkt hat: Die Choreographin Sasha Waltz:
# | Luise F. Pusch am 10.10.2010 um 05:00 PM •
Permalink
02.10.2010
Noch fast drei Monate sind es bis Weihnachten, doch in den Supermärkten sind die Regale schon voll mit Dominosteinen, Marzipankartoffeln und Nürnburger Lebkuchen (die leckeren mit den Oblaten untendrunter). An die musste ich heute denken, als in einer Sendung über Benedikt von Nursia eine Frau von ihrem Leben als “Benediktiner-Oblatin” erzählte. Sie sei verheiratet und habe fünf Kinder, lebe aber nach der Ordensregel des heiligen Benedikt. Gerne wäre sie ins Koster gegangen, aber sie wäre ja nun mal verheiratet. Lachend fügte sie hinzu, irgendjemand hätte mal zu ihr gesagt: “Wenn Sie in einen besonders strengen Orden eintreten wollen, müssen Sie heiraten.”
Wohl wahr. Ob Kloster oder Ehe, die Regeln wurden von Männern aufgestellt.
Das Wort “Oblatin” machte mich neugierig. Ich kannte bis dahin nur “die Oblate” von den Lebkuchen und als jenes geschmackfreie Gebäck, das der Priester oder die Pfarrerin den Gläubigen beim Abendmahl auf die Zunge legt.
Nach katholischem und lutherischem Glauben verwandelt sich die Oblate durch das Sakrament in den Leib Christi, nach protestantisch-reformiertem Glauben symbolisiert sie den Leib Christi bloß. Wie auch immer, das Gebäck ist nicht ohne und löst bis heute heftigste Kirchenkrisen aus.
Da kann also eine schlichte Oblate, ein Gebäck, noch dazu ein feminines, sich in den Leib Christi verwandeln. Aber eine Frau kann nicht “Stellvertreter Christi” sein, das können nach katholischer Auffassung nur Männer. Offenbar ist dieses Denken vom Wurm angefressen, und was der Wurm symbolisiert, wissen wir ja.
Um mehr über die Oblatin herauszufinden, recherchierte ich im Internet und fand neben “die Oblate” (Gebäck) noch “der Oblate” und “die Oblatin”:
Benediktineroblaten gehen diesen Weg der Nachfolge in bewusster Bindung an ein Benediktinerkloster und lassen sich dabei von der Benediktregel führen und prägen. Hier mehr
Lassen wir die Oblaten der Benediktregel folgen und kümmern uns um die Frage, weshalb das Gebäck “die Oblate” heißt, die Light-BenediktinerInnen hingegen “der Oblate” und “die Oblatin”.
Alle drei - “die Oblate”, “der Oblate” und “die Oblatin” - kommen von derselben Wurzel, dem lateinischen “offerre” darbieten, offerieren (offerre, obtuli, oblatum - so die Formen des unregelmäßigen Verbs).
Quelle des Wortes “die Oblate” ist “oblata (hostia)” als Opfer dargebrachtes Abendmahlsbrot. Die Benediktineroblatinnen und -oblaten bringen quasi sich selbst als Opfer dar.
Die Nähe der menschlichen Oblaten zu den Gebäck-Oblaten kommt vor allem in dem -e am Ende zum Ausdruck. Denn ein “Prälat” z.B. denkt nicht daran, sich “Prälate” zu nennen. Und eine Prälatin ist erst recht nicht in Sicht.
Am besten stellen wir unsere eigenen Regeln auf: Wie wär’s mit diesen:
Mag sich die Oblate dem Lebkuchen unterordnen.
Ansonsten aber gilt: Lieber Salate als Oblate. Und das Wort “Oblatin” wollen wir mal überhört haben.
# | Luise F. Pusch am 02.10.2010 um 10:00 PM •
Permalink
Seite 1 von 1
Seitenanfang