28.11.2010

Kleiner Mann

Zum ersten Advent gab es ein Familientreffen bei meinen Geschwistern in Gütersloh. Außer Joey und mir waren die beiden Töchter meiner Schwester angereist, die eine aus München mit ihrer Tochter Lisa, 12 Jahre, die andere aus Lübeck mit ihrem Sohn Jonathan, 15 Monate. Zuletzt gesehen hatte ich ihn vor über einem halben Jahr; inzwischen toddelte er schon mutig durch die Gegend, setzte sich zwischendurch auf den Hosenboden, rappelte sich hoch und toddelte weiter, breitbeinig und mit seitlich ausgestreckten Armen wegen der Balance.

Ich ertappte mich dabei, dass ich ihn öfter mit „Na, kleiner Mann?“ ansprach, worauf er mich anstrahlte und weitertoddelte.

Wieder zu Hause, machte ich mir Gedanken über diese merkwürdige Anrede, die mir mehrfach rausgerutscht war. Hatte ich nicht in meiner Glosse “Das Hemdchen” vor einiger Zeit gemäkelt:

Ein Hemdchen macht die Frau zum Baby, zur Kindfrau. “Kindmann”? Gibt es nicht. Stattdessen haben wir den Sohnemann. “Tochterfrau?” Gibt es nicht. Die Lücken in unserem Wortschatz zeigen froh die Richtung an: Der Sohnemann soll sich schon als Hemdenmatz stark fühlen wie ein Mann, das Töchterchen aber soll am besten ewig Kind bleiben und noch als erwachsene Frau im “Hemdchen” ihre “atemberaubende Schönheit” zu Markte tragen.

Soweit die gängige feministische Interpretation dieser Lücke in unserem Wortschatz. Es gibt aber auch noch eine andere Sicht der Dinge.

Als Lisa noch klein war, waren wir natürlich hingerissen von ihr, und obwohl sie viel Ernst und Würde ausstrahlte, fiel es mir nicht ein, sie mit „Na, kleine Frau?“ anzureden.

Inzwischen dämmert es mir, weshalb wir da diese Barriere haben. Eine Frau ist einfach etwas völlig anderes als ein noch so würdevolles kleines Mädchen, Stichwort „Echte Frauen haben Kurven“. Ein ausgewachsener, glattrasierter Mann hingegen unterscheidet sich von einem „kleinen Mann“ tatsächlich nur durch die Größe, mal rein optisch-gestaltmäßig gesehen.

Mit der Anrede „kleiner Mann“ habe ich also nur der Ähnlichkeit zwischen erwachsenen Männern und kleinen Jungs Rechnung getragen. Zum Verwechseln ähnlich sind sie, wie auch die Rede vom „Kind im Manne“ bezeugt. Das „Kind in der Frau“ ist von grundsätzlich anderer Art, es flutscht alsbald heraus, während das „Kind im Manne“ verharrt.

Diese feministisch-linguistische Betrachtung hat mich wieder mit mir ausgesöhnt. Oder meinetwegen auch ausgetöchtert.


# | Luise F. Pusch am 28.11.2010 um 08:09 PM • Permalink

21.11.2010

Wenn der Partner stirbt: Gedanken zum Totensonntag

Was hat das Altenheim mit dem Totensonntag zu tun? Nicht, was viele jetzt vielleicht denken.

Nein, wie üblich geht es mir nur um sprachliche Besonderheiten und Gemeinsamkeiten: Totensonntag und Altenheim sind geschlechtsneutrale Ausdrücke. Anders als etwa im Seniorenstift und mit dem Seniorenteller werden nicht wie üblich die Frauen übersehen oder ungemütlich hinzugequetscht (Seniorinnen- und Seniorenstift).

Also liebe Frauen: Besser ins Altenheim als ins Seniorenstift, ist schon sprachlich schicker. Noch schicker ist natürlich “Aging in Place”, was besser nicht mit “auf der Stelle altern” übersetzt wird, sondern eher mit “zu Hause alt werden”.

Für das nächtliche Fernsehprogramm nach dem Totensonntag wird im WDR eine Sendung aus der Reihe “hier und heute” angekündigt mit dem Titel “Plötzlich ohne sie - Weiterleben wenn der Partner stirbt”. In den Erläuterungen des Senders erfahren wir, dass der Film von einem trauernden Witwer handelt und von einer Frau gedreht wurde:

Siegrid, das war Wolfgang Wenzels große Liebe. Sie war seine zweite Frau. Manchmal denkt er … daran, ob es jemanden gäbe, der diese unendliche Leere wieder füllen kann und wagt einen Blick ins Internet, denn als seine Frau ihre Diagnose erfahren hatte und wusste, dass sie sterben würde, hat sie immer wieder zu ihm gesagt: ‘Wolfgang, bleib nicht lang allein.’ hier und heute-Reporterin Tanja Reinhard hat den Witwer in dieser schweren Zeit über zehn Monate begleitet und traurige, schmerzhafte, aber auch Momente der Lebenslust und Freiheit erlebt. (Senderinfo).


Warum Siegrid im Titel der Sendung “der Partner” genannt wird, weiß niemand. Vielleicht haben die leitenden Herren des Senders das so verfügt. Vielleicht hat die Regisseurin in vorauseilendem Gehorsam und weil unsere Männersprache klares Denken erschwert, sich den seltsamen Titel selbst ausgedacht.

Vielleicht ist “Weiterleben, wenn der Partner stirbt” der Titel einer Serie, die notgedrungen überwiegend von Frauen handelt, weil Frauen länger leben und daher der Verlust des Partners häufiger ist als der Verlust der Partnerin. Da das aber wiederum so alltäglich ist und die meisten Frauen mit dem Verlust auch tapfer zurechtkommen (Stichwort” Momente der Lebenslust und der Freiheit”, wobei zu vermuten ist, dass das bei Frauen mehr als nur Momente sind …), ist ein trauernder Mann schon eher gut für eine aufwühlende, bewegende Story.

So könnten wir lange grübeln über die Gründe eines verpatzten Titels. Immerhin hat er uns wieder darauf aufmerksam gemacht, dass wir nicht der Rede wert sind. Der Witwer hat seinen Partner verloren. Oder seine Partnerin? Ist eh egal. Hin ist hin.

Und jetzt sucht er jemanden, der diese Leere wieder füllen kann. Na, da kann er lange suchen, denn in seinem Alter sind mögliche Partner rar. Eher könnte es klappen mit einer Partnerin. Aber wirklich selig sind erst die Toten, denn sie kennen kein Geschlecht.

In diesem Sinne: Noch einen fröhlichen Totensonntag!


# | Luise F. Pusch am 21.11.2010 um 06:26 PM • Permalink

15.11.2010

Florida!

Vom 12. bis zum 14. November trafen wir uns zum vierten “Lesbischen Herbst” für Lesben ab 49. Wir feierten Wiedersehen mit alten Freundinnen, hörten interessante Vorträge über Lesben einst und jetzt und ließen es uns gut gehen.

Eine Gruppe diskutierte über das Wort “Lesbe” - ob wir es denn heute überhaupt noch brauchen, ob wir uns immer noch so nennen wollen, uns überhaupt in eine Schublade stecken lassen wollen. Diese Frage wurde vor kurzem erstmals von Eva Rieger in der Emma aufgeworfen; natürlich ist sie bis heute nicht entschieden.

Mich beschäftigte diesmal weniger der Begriff “Lesbe” als der Begriff “Lesbischer Herbst”. Er ist inzwischen gut eingeführt; diejenigen, die es angeht, wissen, was er bedeutet: Ein Treffen im Herbst für Lesben über 49.

Aber ist der Herbst deswegen schon lesbisch? Das ist wohl eine kleinkarierte Feststellung, ähnlich wie die immer wiederkehrende Kritik an Begriffen wie “lesbische Literatur”. Nicht die Literatur ist lesbisch, wird dann gesagt, sondern die, für die sie in erster Linie gedacht ist.

Also diese Krittelei lassen wir jetzt mal. Eigentlich geht es mir auch mehr um den Herbst. Er ist so männlich, wie alle Jahreszeiten (der Frühling, der Sommer, der Herbst und der Winter) - und passt dass denn etwa zu uns?

Und außerdem: Sind denn Menschen ab fünfzig im Herbst ihres Lebens angekommen? Und die Zeit ab 75 wäre dann der Winter? Wie kalt und schrecklich.

Dabei sind Herbst und Winter ja zyklische Erscheinungen, der kalte Winter geht über in den Frühling, während das für die Lesben wie für alle Menschen, die im “Herbst des Lebens” stehen, ja nicht gilt. Auf den Herbst folgt, wenn alles gut geht, noch der Winter, aber dann ist Schluss. Ein Frühling ist nicht zu erwarten.

Und damit wird dieser “Lesbische Herbst” zu einer Lüge, die nicht einmal besonders freundlich ist. Denn der Herbst, wie golden und farbenprächtig wir ihn uns auch schönreden, steht in unserer Kultur für Abstieg und Verfall.

Als ich dem freundlichen Herrn am Empfang erklären musste, ich gehörte zur Gruppe “Lesbischer Herbst”, hatte ich damit auch so meine Mühe. Wollte ich ihm gegenüber unbedingt mein Coming out machen? Eigentlich nicht.

Müssen wir in unserer Selbstbezeichnung ein Stigma auf das andere häufen? “Lesben” gilt als schlimm, “alte Lesben im Herbst” als noch schlimmer, schlimmer geht’s nimmer. Zumal die meisten von uns nicht einmal Früchte tragen, jedenfalls nicht die, die die angeblich aussterbende deutsche Gesellschaft von uns erwartet.

Und was soll das mit dem “letzten Lebensdrittel”, mit dem wir auch des öfteren erschreckt wurden? Der Herbst ist doch das dritte Lebensviertel! Sollen wir Lesben alle nicht älter als 75 werden?

Die amerikanische lesbische “Alt"philologin Edith Hamilton machte ihrer Berufsbezeichnung alle Ehre: Sie wurde 96 Jahre alt. In ihrem letzten Lebensdrittel, vom 62. Lebensjahr an, wurde sie immer produktiver und schließlich weltberühmt.

Nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen habe, finde ich nun den Namen Florida sehr passend. Warum?

FLA - das ist die frühere Abkürzung für Florida. Florida ist garantiert weiblich, es bedeutet “die blühende (Halbinsel)”. FLA steht aber intern für Feministisch-lesbische Avantgarde.

Avantgarde - das ist ein positiv besetzter Begriff. Wenn ich manchmal gefragt werde, ob mein Beruf mit dem vielen Herumtingeln durch die Städte und über die Dörfer nicht sehr anstrengend sei, pflege ich zu sagen: “Ja, sicher - aber dafür treffe ich auch jeweils die Avantgarde der Stadt.” Die intellektuelle und politische Avantgarde meine ich damit, denn das sind die Feministinnen und die Lesben, meistens treten sie ja in Personalunion auf.

“Avantgarde” ist auch ein sehr viel besseres Bild für “Alter” als “Herbst”: die Älteren sind immer die, die schon ein Stück weiter sind als die, die nach ihnen kommen.

Beim “Lesbischen Herbst” bekamen wir alle einen leuchtenden orangefarbenen Armreifen aus Gummi als Erkennungszeichen, damit wir uns in dem Hotel, in dem auch nicht so lesbisch-herbstliche Gäste übernachteten, gleich erkennen könnten. Aber so ein rätselhaftes Erkennungszeichen zeigt ja vor allem, dass wir etwas verbergen wollen.

Ich erinnere mich an den Film “Manche mögen’s heiß”. Darin tagte die Mafia in einem Hotel, und zwar unter dem Namen “Freunde der italienischen Oper”. Sehr schlau - und witzig. Und so schlau und witzig wie die Mafia sind wir doch wohl allemal.

Beim nächsten Treffen sollten wir alle schöne Namensschilder zum Anheften bekommen mit dem Logo “FLA 2011” drauf. Wenn uns dann Hotelgäste fragen, wofür das denn stehe, sagen wir: “Florida, wie blühend - das ist ein Verein für reiche, unabhängige Frauen, wissen Sie.”

Viele von uns sind nicht reich im herrkömmlichen Sinn, sondern eher reich an Jahren und Erfahrungen. Aber warum sollen wir die nichtlesbische Umwelt immer über alles aufklären?


# | Luise F. Pusch am 15.11.2010 um 09:41 AM • Permalink

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Hedwig Dohm