»Laut & Luise«
18.03.2012
Im November hat gegenüber meiner Wohnung ein Laden der Bio-Kette Alnatura aufgemacht - ach was Laden: ein Super Natur Markt! Seitdem fällt Joey morgens vorzeitig aus dem Bett, wenn die dicken Alnatura-Brummis ihre Waren anliefern und sich in den kleinen Gässchen in die Quere kommen und unter lautem Getöse mühevoll rangieren müssen oder sonstwie den Motor nicht abgestellt bekommen. An gesunden Bioschlaf ist für alle, die in der Nähe von Alnatura wohnen, nicht mehr zu denken.
Der Name „Alnatura“ klingt wie eine Kreuzung aus Al Jazeera und Mutter Natur. Schön, dachte ich zuerst, ein tapferer Integrationsversuch, Orient und Okzident traulich vereint im Biostreben. Aber der Name „Alnatura“ (seit 1985) ist älter als die Namen Al Qaida (1993) und Al Jazeera (1996). Was sich der Gründer bei dem Namen gedacht hat, habe ich noch nicht rausbekommen. Ob er sich an den Erfolg von Aldi anhängen wollte? Joey meinte, es solle wohl klingen wie: „Alles Natur!“ Auf diese naheliegende Idee wäre ich als Deutsche nie gekommen.
Obwohl das volle Bioleben nunmehr zum Greifen nahe ist, kaufe ich doch nur selten bei Alnatura ein, weil der Super Natur Markt ungesunde Löcher in mein Budget reißt. Aber eben ging ich rüber in den Laden, um noch ein wenig für diese Glosse zu recherchieren. Ich erstand dabei für meinen Salat aus Möhren, Paprika, Avocado, Reis und Forelle (alles von Aldi) eine Tikka-Masala-Soße im Glas, „mild, original indisch, hefefrei, vegetarisch, glutenfrei“. Mit der Soße schmeckte der Reis mal grade so lala. Erst nachdem ich den Soßengeschmack durch zwei Esslöffel Tzatziki von Edeka neutralisiert hatte, stellte sich Wohlgeschmack & -befinden ein. Auf meinem Salatteller sind die erbitterten Konkurrenten Aldi, Alnatura und Edeka voll integriert.
Zwar überzeugen mich die Eßwaren von Aldi und Edeka insgesamt mehr, dafür ist aber die Kosmetikabteilung von Alnatura mit ihrer eigenwilligen Ordnung der Dinge viel amüsanter: Da gibt es das Regal für Zahnpflege, daneben das Regal für Herrenpflege, und das für Haarpflege ist auch nicht weit. Ein Regal für Damenpflege gibt es nicht. Damen sind anscheinend schon gepflegt genug.

Aber da ich keine Herren pflege und für meine paar Haare und Zähne noch genug Zahnpasta und Shampoo habe, geht auch dieses Angebot des Super Natur Markts an mir vorbei…
•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••
Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:



11.03.2012
Letzte Woche war ich mal wieder auf dem Bauernmarkt, der samstags auf dem Moltkeplatz stattfindet. Ich erstand ein Stück Käse Marke „Prinz von Eilte“ und einen „Bauernstrauß“ aus Weidenkätzchen, Grünzeug und Tulpen. An dem Stand für den Bauernkäse aus Eilte wurde als besondere Spezialität des Hauses Büffelkäse angeboten, Käse aus Büffelmilch.
Ich hätte lieber „Prinzessin von Eilte“ und einen „Bäuerinnenstrauß“ auf dem „Bäuerinnenmarkt“ am Hedwig-Dohm-Platz gekauft, aber ich nahm es hin wie so vieles Hässliche in unserer Männerwelt. Aber Büffelmilch - das war zu viel. Seit wann geben denn Büffel Milch?
Bei „Büffel“ denke ich an riesige Büffelherden wie sie früher die amerikanische Prärie zertrampelten, und an die „Ewigen Jagdgründe“, in der Indianer sich auf ewig der Büffeljagd hingeben. Kurz, ich denke an die mannhaften Bücher von Karl May, die mein Bruder mir aus dem Gymnasium (nur für Jungen) mitbrachte und die ich als kleines Mädchen mitlesen durfte. Sein Gymnasium hieß „Gymnasium“, meins „Mädchengymnasium“. Ich durfte dann, als seine „Squaw“ (gesprochen Squaff), auch bei seinen Indianerspielen mitmachen. Diese Rolle war so beschränkt, dass die Jungs bald ohne Squaff auskommen mussten.
Die Büffel aus dem Wilden Westen Winnetous und Old Shatterhands gaben sicher keine Milch, lächerlich! Eigentlich sind das ja auch Bisons.
Noch nie hatte ich über „Büffelmilch“ nachgedacht, obwohl ich wohl schon gehört hatte, dass echter Mozzarella aus „Büffelmilch“ hergestellt wird. Mozzarella aus Kuhmilch gibt es auch, ist auch viel billiger, aber das Wahre ist das nicht.
Wenn wir von Milch sprechen, meinen wir Kuhmilch. „Kuhmilch“ ist ein komisches Wort, genau wie „Herrenwahl“ - beim klassischen Gesellschaftstanz die Norm und daher nicht extra benannt. Ziegenmilch und Schafsmilch sind normale Wörter, weil sie die nicht normale Milch bezeichnen, ähnlich wie „Mädchengymnasium“ das nicht normale Gymnasium.
Ziegen- und Schafböcke geben keine Milch. Woher nun aber die Büffelmilch, dies seltsame Gesöff?
Der echte Mozzarella aus Büffelmilch heißt Mozzarella di Bufala da Campana = Mozzarella von der Bufala aus der Campana. Büffelmilch ist also eine Fehlübersetzung. Weil wir für das weibliche Büffeltier kein richtiges Wort haben. Büffelinnenmilch? Das klingt irgendwie nach Ziegenböckinnenmilch.
Und was schreibt die Eilter Bauernkäserei über die Bufala?
Trixie ist die Größte, aber auch die Sanftmütigste, Elisabeth ist am zickigsten, Emilia eher schüchtern, Capri hingegen sehr anlehnungsbedürftig, Chianti ganz normal und Hexe frech. Amanda spielt gerne Chefin, aber immerhin gibt sie auch die meiste Milch. Milch?? Wer nun dachte, es ginge um eine Schulmädchenbande, hat nicht gerade einen Volltreffer gelandet - hier ist die Rede von Wasserbüffeln. Diese schwergewichtigen Damen gehören zur 40-köpfigen Herde des Biohof Eilte und liefern die Milch für den Bio-Mozzarella, der seit 2005 in der hofeigenen Käserei gefertigt wird. Diesen und weitere Leckereien der Eilter Käserei zu kosten und obendrein die Wasserbüffel zu besichtigen - das bieten wir in unserer „Büffeltour“ an: dabei geht es zünftig auf die Büffelweide zu einer unsere Herden, bei der allerdings nicht Amanda, sondern der 1000kg-schwere Zuchtbulle souverän das Sagen hat. … Achso, ob der Bulle auch einen Namen hat? Natürlich: Artur, der ist übrigens am friedlichsten…
Quelle: hier.
39 “Büffeldamen” und ein Büffelzuchtbulle ergeben zusammen eine “Büffelherde”. Irgendwie kommt mir diese Sprachregelung bekannt vor ...
Dass der Zuchtbulle das Sagen hat, bezweifle ich. Denn „der Büffel“ lebt wie „der Elefant“ in matriarchalisch organisierten Gruppen:
Da es in Asien fast nur noch domestizierte Wasserbüffel gibt, hat man das Verhalten dieser Tiere vor allem bei ausgewilderten Büffeln im Norden Australiens studiert. […] Wasserbüffel leben hier in Familiengruppen von dreißig Individuen, die von einer alten Kuh angeführt werden. Die Herden bestehen aus Weibchen und ihren Jungen. Junge Weibchen bleiben für gewöhnlich bei der Herde; jüngere Männchen werden dagegen im Alter von zwei Jahren aus der Herde vertrieben. Die Bullen werden nach einer Übergangszeit in Junggesellenverbänden, die jeweils etwa zehn Individuen umfassen, zu temporären Einzelgängern, schließen sich aber alljährlich zur Paarungszeit … einer Herde an. Die dominante Kuh behält auch in dieser Zeit die Führung der Gruppe und jagt nach dem Ende der Paarungszeit die Bullen davon. (Wikipedia)
Allmählich klärt sich das patriarchal verzerrte Bild. Es gibt verschiedene Rinderrassen, dazu gehören der nordamerikanische Bison, der asiatische Wasserbüffel und unser Hausrind, das vom Auerochsen abstammen soll. Bei den Rindern heißen die weiblichen Tiere Kühe, die männlichen Bullen. Beim Hausrind verzichten wir auf den Vorspann „Rinder-„ und sagen nicht Rinderkuh, sondern einfach Kuh. Und statt „Rinder“ sagen wir auch schon mal ganz einfach „Kühe“, die Bullen sind dann herzlich mitgemeint. Bei den „exotischeren“ Rassen wie „Wasserbüffel“ und „Bison“ sprechen wir von Büffelkuh und Bisonbulle. Und wie es halt so üblich ist in der männlichen Weltordnung, werden die Rassen, je größer und wilder sie sind, umso lieber als männlich bezeichnet - egal, ob ihre eigene Rangordnung genau entgegengesetzt ist, wie bei den Rindern und Elefanten. Und so kommt es dann zu der ominösen Büffelmilch, die uns zwar fatal an Ziegenbockmilch erinnert, aber trotzdem die Grundlage zu sehr wohlschmeckendem Käse ist.
Frauen werden ja oft als „Kühe“ beschimpft. Tatsächlich haben wir mehr mit Kühen gemeinsam, als die meisten von uns wissen wollen. Das hat schon Charlotte Perkins Gilman vor über hundert Jahren ein für allemal bündig festgestellt. In ihrem Buch „Frauen und Wirtschaft“ verglich sie 1898 die Stellung der Frau mit der von Kühen:
Die wilde Kuh ist weiblich. Sie hat gesunde Kälber und genügend Milch für sie. Und mehr Weiblichkeit braucht sie nicht. Abgesehen davon ist sie eher rindlich als weiblich. Sie ist ein schlankes, starkes, schnelles Tier, fähig zu rennen, zu springen und wenn nötig zu kämpfen. Wir haben, aus ökonomischen Gründen, die Fähigkeit der Kuh, Milch zu produzieren, künstlich weiterentwickelt. Sie ist zur lebenden Milchmaschine geworden, gezüchtet und gehalten nur zu diesem Zweck; ihr Wert wird in Litern gemessen.
Wird aber die Kuh ausgewildert, wie in Australien geschehen, zeigt sich ihre wahre Natur. Sie wird zur Domina: “Die dominante Kuh behält auch in [der Paarungszeit] die Führung der Gruppe und jagt nach dem Ende der Paarungszeit die Bullen davon.” Brava, bufala!!
Hier gibt’s eine schöne Fotoserie von den Bufalas in Eilte.
•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••
Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:



04.03.2012
Ich ging im Walde so für mich hin, da kam mir das Stiefmütterchen in den Sinn. Das Wetter war so frühlingshaft, und Stiefmütterchen sind doch „die ersten Frühlingsboten“. Sehen tat ich allerdings keine. Sie kamen mir nur in den Sinn.
Die liebliche Frühlingsbotin heißt „Stiefmütterchen“, weil „die Blüte aussieht wie ein böses, eben stiefmütterliches Gesicht“. Oder weil die Blütenblätter ungerecht auf die Kelchblätter verteilt sind. Das oberste Blütenblatt sitzt auf zwei Kelchblättern, es wird Stiefmutter genannt. Die beiden Blätter unter ihr, die Töchter, sitzen auf je einem Kelchblatt. Und die beiden untersten Blütenblätter, Stieftöchter genannt, müssen sich ein Kelchblatt teilen und sind außerdem nur einfarbig, während Stiefmutter und Töchter mit zwei Farben geschmückt sind.
Spätestens seit Mutti uns zum ersten Mal „Aschenputtel“, „Schneewittchen“ und „Hänsel und Gretel“ vorlas, wissen wir, was für selbstsüchtige, geradezu teuflische Personen Stiefmütter sind.
Auch vor der eigenen Mutter sind Kinder niemals sicher, das lehrt uns schon der Begriff „Rabenmutter“! Oder die Urfassung von „Hänsel und Gretel“, in der die Kinder noch von der eigenen Mutter ins Verderben geschickt wurden!
Und erst die Schwiegermutter. Haben wir je von einer „lieben Schwiegermutter“ gehört? Nein, sie sind allesamt böse, böse Schwiegermütter, regelrechte Schwiegermonster - so der deutsche Titel einer bekannten Filmklamotte. Auf Englisch heißt der Film „Monster-in-Law“. Mother-Blaming ist ein internationales Projekt.
Woher kommt dieser anscheinend uralte, bis in mythische Vergangenheit zurückreichende Hass auf die Mütter? Wo doch die eigentlichen Monster die Väter sind, von den gewöhnlichen brutalen Schlägern, den Urhebern der sogenannten “häuslichen Gewalt”, über die Missbrauchsväter bis hin zu den katholischen Patres?
Ich vermute, es liegt daran, dass von den Vätern seit jeher nichts Gutes erwartet wird. Wenn sie sich also mies verhalten, so ist das einfach normal, und für das Normale braucht es kein eigenes Wort, frau denke nur an die fehlenden Pendants zu „Damenwahl“ und „Herrenschokolade“. Aber wehe, die Mutter ist nicht lieb, selbstlos, beschützend und nährend, wie sie sein soll - dann ist sie gleich ein Monster.
Während ich dies aufschreibe, treten vor meinem inneren Auge schon die VerteidigerInnen der Väter auf den Plan und werfen mir unzulässige Verallgemeinerung vor. Ihnen empfehle ich die Lektüre der jüngsten Studie zur sogenannten Elternzeit, über die das nicht eben als feministisch verschrieene Wall Street Journal am 29. Februar unter dem Titel “Does paternity leave hurt women?” berichtete. Frauen, das ergab diese Studie, kümmern sich in der Mutterschaftszeit liebevoll um ihre Kinder. Männer dagegen nutzen die Zeit, um gezielt ihre Karriere voranzubringen. Mütter, warnt das Wall Street Journal, geraten im beruflichen Wettbewerb umso mehr ins Hintertreffen, je mehr Männer Vaterschaftszeit nehmen und - zweckentfremden.
Inzwischen brüten die angeschmierten Kinder, vernachlässigt wie sie sich fühlen, schon mal neue Märchen über selbstsüchtige Mütter aus. Denn die Mutter ist schließlich für ihr Wohl zuständig.
•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••
Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:



Seite 1 von 1
Seitenanfang