22.04.2012

Wenn Frauen eine Reise tun: Amrum aus feministischer Sicht

In der vergangenen Woche waren wir mit Berit und Angelika auf Amrum und genossen die balsamische Luft und lange Spaziergänge am Watt, durch die Dünen und am Strand. Weibliche Paare begegneten uns auf Schritt und Tritt; wir erkannten einander und grüßten uns im Vorübergehen mit einem wissenden Lächeln. Hin und wieder gab es auch gemischte Paare, aber sie störten nicht weiter und fügten sich gut ein ins friedliche Landschaftsbild.

FrauenbildAngelika erklärte uns alles Wissenswerte über die vielfältige und zahlreiche Vogelwelt, wodurch ich besonders die Gänse liebgewann: Weibchen und Männchen bleiben lebenslang zusammen, sehen einander zum Verwechseln ähnlich und teilen sich das Brutgeschäft. Abends spielten wir Topwords und - unter Frauen besonders beliebt - Doppelkopf, denn spielentscheidend sind nicht wie sonst Buben oder Könige, sondern die Kreuz-Damen. Obwohl wir jeden Abend beschlossen, zu spielen „bis der Arzt kommt“, kam er zum Glück nie, auch die Ärztin nicht.

FrauenbildDie leiblichen Genüsse waren deftig und wohlschmeckend; wir schafften sogar eine der mächtigen Friesenwaffeln im Friesen-Café.

Und erst die geistigen Genüsse! Die örtliche Amrum-Kapazität, Georg Quedens, erklärte uns die Flora und Fauna der Insel in einem anregenden Dia-Vortrag in dem ihm eigenen aparten Singsang, und der Ehemann der Pfarrerin erklärte uns die Geschichte, die Architektur und die Kunstschätze der Kirche St. Clemens in Nebel. FrauenbildEr holte sehr weit aus; wir hatten den Eindruck, dass er halt gern auch mal predigen wollte. Was er predigte, war schön und interessant und sogar feministisch. Immer wieder gab es erfrischende Seitenhiebe auf das kirchliche Patriarchat, und seine Sprache war streng inklusiv, wie es auf Evangelisch heißt, da gab es selbst für eine pingelige feministische Linguistin nix zu meckern. „Jede und jeder“, „Konfirmandinnen und Konfirmanden“ - das kam ihm alles wie selbstverständlich von den Lippen, und die Gemeinde der wissensdurstigen Urlauberinnen und Urlauber ließ es sich gerne gefallen. Wir verließen die Kirche angeregt und reich an neuem Wissen. Ich wollte dem Pfarrerinnengatten und der Pfarrerin persönlich danken für ihre gepflegte Sprache und herzhafte feministische Gesinnung; ihr Haus war gleich um die Ecke, aber vor lauter Wandern, Watt und Doppelkopf kam es nicht dazu. Auch las ich im durchgehend inklusiv abgefassten Gemeindeblatt, dass die Pfarrerin grade ein Sabbat-Vierteljahr genießt und zur Zeit in einem Schweigekloster ist. Also schicke ich ihnen einen Link zu dieser Glosse.

Gestern morgen traten wir die Rückreise an; die lange Strecke zwischen Dagebüll und Hamburg vertrieben wir uns mit emsigem Doppelkopf-Spiel. Der rauhe antifeministische Alltag erwischte mich in Form meiner Wasserflasche, die ich mal aus Boston mitgebracht und immer nur zum Trinken, nie zum Lesen benutzt hatte. Was las ich nun aber? „From the islands of Fiji: Untouched by man. Until you drink it.“

Getrunken hatte ich, wie gesagt, schon oft daraus - eine Geschlechtsumwandlung war noch nicht eingetreten. Und so nahm ich auch diesmal beherzt, wenn auch verstimmt, einige Schlucke.


# | Luise F. Pusch am 22.04.2012 um 04:34 PM • 0 TrackbacksPermalink

08.04.2012

Johannespassion oder Braucht die Muttergottes einen Vormund?

Am Vorabend zu Karfreitag waren wir in der Marktkirche und erlebten Bachs Johannespassion in einer wunderbaren Aufführung mit dem Bachchor und Bachorchester Hannover unter Leitung von Jörg Straube.

Ich habe die beiden großen Bach-Passionen schon oft gehört - früher aus dem Radio, von der LP oder Musicassette, seit 2002 von meinem iPod. Die Musik kenne ich also recht gut, aber um den Text habe ich mich nie gekümmert. Was der Evangelist singt, verstehen wir meist recht gut, weniger die anderen SolistInnen oder den Chor. Dazu müssen wir den Text kennen oder mitlesen.

Zum Mitlesen hatte ich am Gründonnerstagabend zum ersten Mal Lust und Gelegenheit. Vieles wirkte auf mich grausig bis unfreiwillig komisch, von der „Marterstraße“ bis zu den „Lasterbeulen“, aber solche Drastik kennen wir ja schon aus den Kantaten: Meine Lieblingsstelle handelt vom Osterlamm, das „hoch an des Kreuzes Stamm in heißer Lieb gebraten“ wird (Kantate „Christ lag in Todesbanden“, BWV 4).
Eine Stelle fand ich pragmalinguistisch sehr spannend und hätte Lust, sie mir mal vorzunehmen:

Pilatus aber schrieb eine Überschrift und satzte sie auf das Kreuz, und war geschrieben “Jesus von Nazareth, der Jüden König”. Diese Überschrift lasen viele Juden, denn die Stätte war nahe bei der Stadt, da Jesus gekreuziget ist. Und es war geschrieben auf hebräische, griechische und lateinische Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Jüden zu Pilato: Schreibe nicht: der Jüden König, sondern dass er gesaget habe: Ich bin der Jüden König.
Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.


Kein Wunder, dass die Hohenpriester sich über Pilatus’ Überschrift auf dem Kreuz aufregten, bestätigt und anerkennt sie doch genau das - noch dazu vielsprachig und für alle sichtbar, wie mit einer breit angelegten Werbekampagne - was die Hohenpriester auf die Palme bringt und weswegen sie Jesus beseitigen lassen wollen. Auf ihren Protest antwortet Pilatus - ähnlich kryptisch wie Jahwe mit seinem „Ich bin, der ich bin“ - „Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben“. Mit anderen Worten: „Erklärungen sind unter meiner Würde.“

Die Textstelle aber, die feministisch-linguistisch am interessantesten ist, betrifft Jesu Anweisungen an seine Mutter - „Weib, siehe, das ist dein Sohn!“  - und an seinen Jünger Johannes: „Siehe, das ist deine Mutter!“

Derartige neue Verwandtschaften kreieren sonst nur Standesbeamte und Geistliche, wenn sie Mann und Weib und neuerdings auch gleichgeschlechtliche Paare durch die Zeremonie der Trauung zu Eheleuten erklären „bis dass der Tod euch scheidet!“

Man versteht, dass der Gekreuzigte sich kurz fassen muss, dennoch wirken seine Anweisungen etwas barsch, und vor allem ziemlich plötzlich.

Im Passionstext folgt danach ein Choral, der uns Jesu Worte auslegt:

Er nahm alles wohl in acht
In der letzten Stunde
Seine Mutter noch bedacht,
Setzt ihr ein’ Vormunde.
O Mensch, mache Richtigkeit,
Gott und Menschen liebe,
Stirb darauf ohn alles Leid
Und dich nicht betrübe!

Maria hat noch schnell einen Vormund verpasst bekommen, da der eigene Sohn dieser Aufgabe nun nicht mehr nachkommen kann.

Als ich das im Textheft las, war ich völlig platt. So hatte ich diese bekannte Geschichte noch nie gehört. Die heilige Muttergottes, verehrt von der ganzen Christenheit und seit Urzeiten um Hilfe angefleht von den Elenden dieser Welt - sie braucht einen männlichen Vormund?

In der Bibel ist von Vormundschaft auch nirgends die Rede. Dort heißt es nur: „Und von Stund an nahm sie der Jünger zu sich.“ (Joh 19,27). Die Vormundschaft des Jüngers über die Muttergottes ist also eine fromme Zutat des zeitgenössischen Textdichters, vielleicht sogar Bachs selbst.

Über Bachs Umgang mit seinen beiden Ehefrauen und vor allem seinen neun Töchtern habe ich vor bald 25 Jahren mit Swantje Koch-Kanz eine längere Abhandlung verfasst. (1) Anna Magdalena Bach, seine zweite Frau, gebar zwischen 1723 und 1733 zehn Kinder, von denen sieben starben. Zwischen seinen musikalischen Großtaten (die Johannespassion wurde 1724 uraufgeführt) fand Bach also noch die Zeit, seine Frau pausenlos zu schwängern. Sie kam aus den Schwangerschaften und der Trauer um die so bald versterbenden Kleinen einfach nicht mehr heraus.

Es passt zu diesen brutalen Tatsachen, dass in den Augen Bachs und seiner Zeitgenossen die Frau, selbst wenn sie als Mutter Gottes den höchsten Status erreicht hat, den eine Frau in diesem System erreichen kann, doch von Natur unmündig ist, so dass sie von der Wiege bis zur Bahre einen männlichen Vormund braucht.

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(1) Koch-Kanz, Swantje & Luise F. Pusch. 1988. “Die Töchter von Johann Sebastian Bach”, in: Pusch, Luise F. Hg. 1988. Töchter berühmter Männer: Neun biographische Portraits. Frankfurt/M. Insel TB 979.  S. 117-154.
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# | Luise F. Pusch am 08.04.2012 um 04:46 PM • 2 TrackbacksPermalink

01.04.2012

Über Paare und Pärchen

Zwei meiner Freundinnen versorgten mich letzte Woche mit Glossenstoff, ganz unabhängig voneinander, aber in meinem Kopf verbanden sich beide Geschichten bald zu einem einzigen Thema, nämlich: sprachliche Diskriminierung von Lesben und Schwulen, einst und jetzt, grob und subtil.

Berit hatte einen alten Ullstein Krimi von 1970 mitgebracht, Keine Schonzeit für Widder, geschrieben von einem Tucker Coe (eins der Pseudonyme des kürzlich verstorbenen Donald E. Westlake). Sie habe ihn von einer Freundin geschickt bekommen, mit dem Kommentar, der Krimi gehöre in den Müll, sei aber auch ein interessantes Beispiel für eine Art von Diskriminierung, die so unverhohlen wohl heute nicht mehr vorkäme. Also ein klarer Beleg dafür, dass sich doch was zum Positiven verändert hat.

Ich las die ersten Seiten des Buchs und stellte fest, bei der Diskriminierung handelte es sich nicht um Sexismus, wie ich sofort gedacht hatte, sondern um Heterosexismus, genauer: Hass auf Schwule. Da finden wir Bemerkungen wie diese:

Sein … Jackett war aus einem weichen cashmereähnlichen Material. Es war sehr tailliert geschnitten und machte deshalb breite Hüften.
Auf dem Holzgeländer der Kellertreppe erschien jetzt eine Hand. Wie alles an meinem Besucher wirkte auch sie auffallend feminin; die Finger glichen kleinen, rosigen Würstchen. […] Und schlagartig begriff ich wer - beziehungsweise was - er war. … In meinen achtzehn Dienstjahren … war ich zwar niemals dem Sittendezernat zugeteilt gewesen, hatte aber ganz unvermeidlich oft genug mit Homosexuellen zu tun gehabt und eine gute Nase für sie entwickelt.

Der Detektiv und Held des Romans kann also Homosexuelle regelrecht riechen, und ähnlich geht es munter fort mit den toxischen Stereotypen.

Dennoch sollte der Autor nicht mit den Ansichten seines Helden identifiziert werden. Es handelt sich um Rollenprosa, und der Held des Krimis gibt nur die gängigen Vorurteile seiner Zeit zum besten. Das Anliegen des Romans mag dabei ein ganz anderes, vielleicht sogar emanzipatorisches sein. Um das herauszufinden, hätte ich weiterlesen müssen, aber dazu hatte ich keine Lust. (Inzwischen habe ich doch noch ein bisschen weitergelesen, und meine Vermutung hat sich bestätigt. Der Roman zeigt ungewöhnliche Empathie für die Opfer der Homophobie; die mitfühlende Ehefrau des Detektivs bringt ihren Mann dazu, sich für den verfolgten und geschundenen Schwulen einzusetzen.)

Julia schickte mir einen Artikel aus „Das Magazin“ (Beilage einiger Schweizer Zeitungen) von Sven Behrisch über Masha Gessen, die russische Journalistin und Putin-Gegnerin, deren Buch “Der Mann ohne Gesicht: Wladimir Putin — Eine Enthüllung“ soeben im Piper-Verlag und zeitgleich in 16 Sprachen bei 16 anderen Verlagen erschienen ist. Ich lese mit Interesse den informativen Bericht über diese todesmutige Journalistin, von der ich zuvor noch nie gehört hatte. Gessen ist Lesbe (Behrisch schreibt „Lesbierin“ und zeigt damit, dass er sich nicht auskennt) und lebt mit ihrer Partnerin und deren drei Kindern in einer Eigentumswohnung im Moskauer Stadtzentrum. Behrisch äußert Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Engagements der, wie er uns glauben machen will, in westlich-dekadentem Luxus schwelgenden Journalistin Masha Gessen:

Man fragt sich: Ein Lokal wie dieses, der Ober in Livree, der den Café au Lait serviert, wahlweise mit braunem oder weissem Zucker; danach der tägliche Gang ins Fitnessstudio und mit dem eigenen Auto über breite, schlaglochfreie Straßen ins Büro, wo viel Arbeit wartet, aber auch ein sehr gutes Gehalt; die Tatsache, dass sie - unvorstellbar zu Sowjetzeiten - mit ihrer Partnerin als lesbisches Pärchen unbehelligt leben und arbeiten kann, wie passt das zu einem Despoten an der Spitze des Staates?

Und Behrisch erfährt von Gessen: „Das alles gibt es trotz, nicht wegen Putin. Und wenn es so weitergeht, dann nicht mehr lange.”

Dies ist nun keine Rollenprosa, hier spricht der Autor persönlich. Und was er spricht, gibt mir einen Stich. Wieso erdreistet er sich, Gessen und ihre Partnerin als „lesbisches Pärchen“ zu bezeichnen? Offensichtlich sind die beiden ein Paar, kein Pärchen. Behrisch aber wählt diese herablassende Bezeichnung ohne ersichtlichen Grund. Entweder hat er sie absichtlich platziert, um seine Distanz zu Lesben zum Ausdruck zu bringen, oder sie ist ihm „unterlaufen“. Wenn sie ihm „nur unterlaufen“ ist, so bedeutet das auch nichts Gutes. Würde er Wowereit und seinen Partner oder Westerwelle und seinen Partner als „schwules Pärchen“ bezeichnen oder Barack und Michelle Obama als „schwarzes Pärchen“? Wohl kaum. Aber gegenüber einer lesbischen Putingegnerin kann mann sich das erlauben. Denn Lesben gehören auf ihren Platz verwiesen. Nicht laut und aufdringlich wie die Schwulen in dem Krimi von Tucker Coe, das ist passé. Sondern unauffällig und ganz nebenbei setzt es was.

Ich finde diese Art von cooler Herablassung unangenehmer als das diskriminierende Geschwafel des Detektivs in dem Krimi. Sie zeigt mir und allen anderen lesbischen Leserinnen solcher Seitenhiebe, dass es in unserer Gesellschaft weiterhin seriöse “Paare” gibt und daneben „Pärchen“, Möchtegernpaare. Sie mögen es zwar weit gebracht haben in punkto gesellschaftliche Anerkennung, sogar in Russland, aber das bedeutet noch lange nicht, dass nicht jeder beliebige Journalist, ganz nebenbei, ungestraft über uns herziehen könnte. Weil fast niemandem etwas auffällt, außer uns - vielleicht.

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# | Luise F. Pusch am 01.04.2012 um 06:09 PM • 0 TrackbacksPermalink

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Hedwig Dohm