»Laut & Luise«
25.08.2012
In meiner vorletzten Glosse bedauerte ich, dass die Republikaner in ihren Hasstiraden die Sprache gekonnter einsetzen als die DemokratInnen. Ich freue mich, heute über zwei Beispiele berichten zu können, die zeigen, dass die Democrats aufholen, nicht zuletzt, weil manche Republicans sich bös verplappern.
In der vergangenen Woche lösten einige sehr verräterische Bemerkungen des Republikaners Todd Akin aus Missouri landesweite Entrüstungsstürme sogar unter seinen Parteifreunden aus. Mitt Romney und sein vorgesehener Vize Paul Ryan distanzierten sich sofort von seinen kruden Ideen über „rechtmäßige Vergewaltigung“ (legitimate rape), wonach Mutter Natur bei einer solchen ohnehin dafür Sorge trage, dass keine Schwangerschaft dabei herauskomme. Gemeint war, dass das totale Abtreibungsverbot, das die immer weiter nach rechts abrutschende Partei der Republikaner durchsetzen will, auch für Fälle von „regelrechter Vergewaltigung“ (das hatte Akon eigentlich sagen wollen) keine Ausnahme vorzusehen brauche, weil Mutter Natur es bei denen gar nicht zu einer Schwangerschaft kommen lassen würde.
Obama bemerkte dazu nur: „Vergewaltigung ist Vergewaltigung.“ Spitzfindige Unterteilungen zwecks Aushöhlung der Gesetze seien absurd.
Akin bewirbt sich auf einen Senatssitz, aber diese Bewerbung dürfte nach seinen Auslassungen nun wohl ziemlich aussichtslos sein. Die demokratische Gegenkandidatin Claire McCaskill kann frohlocken und ihre Partei mit ihr, denn es kommt auf jeden einzelnen Sitz im Senat an, sollen demokratische Gesetzesvorlagen durchkommen bzw. republikanische blockiert werden, wie z.B. Im letzten Jahr der „Let-her-die“-Entwurf, s.u..
Akins Parteifreunde haben ihm nahegelegt, auf seine Kandidatur zu verzichten, aber er bleibt stur, und ich freue mich darüber mit Claire McCaskill und den Democrats. Akin hat sich verplappert und dadurch die Öffentlichkeit in einen Abgrund von ignoranter republikanischer Frauenverachtung blicken lassen, und da die Frauen die kommende Wahl wahrscheinlich entscheiden werden, sind die Republikaner nun echt besorgt und um Schadensbegrenzung bemüht.
Insbesondere Paul Ryans Abrücken von Akin ist allerdings rein opportunistisch, denn tatsächlich tritt auch er für ein totales Abtreibungsverbot ohne Ausnahmen ein. Eleanor Smeal, Präsidentin der Organisation Feminist Majority, redete in ihrem letzten Newsletter Klartext:
Paul Ryan und Todd Akin sind führend im Kampf für die Abschaffung der Abtreibung, selbst wenn als Folge davon Frauen oder Mädchen sterben müssten. Noch im letzten Jahr machten Ryan und Akin sich für das sogenannte Lebensschutzgesetz stark (auch bekannt unter dem Namen „Soll sie doch sterben“-Gesetz), das das von Republikanern beherrschte Abgeordnetenhaus mit 251 zu 172 Stimmen befürwortete, aber vom Senat blockiert wurde. Es erlaubt es den Krankenhäusern, eine Behandlung „aus Gewissensgründen“ abzulehnen selbst wenn eine Frau im Sterben liegt und eine Abtreibung ihr Leben retten würde. (Übs. von mir)
(Paul Ryan and Todd Akin have been leading the fight to prevent all abortions, even if their policies would result in a woman or girl dying. Just last year, Ryan and Akin sponsored the so-called “Protect Life Act” (also known as the “Let Her Die Bill”), which the Republican controlled House passed 251-172, but the Senate blocked. It permits a hospital to refuse treatment on the basis of “conscience” if a woman is dying and an abortion would be required to save her life.)
Wie sagte doch Max Liebermann seinerzeit über die Nazis? „Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte.“ Es gibt in diesem Wahlkampf so viele Anlässe zur Entrüstung, dass ich schon ganz erschöpft bin. Ich leide an Entrüstungsmüdigkeit (indignation fatigue) - ein brauchbares neues Wort, dass ich gestern in einem Kommentar von David Brooks hörte. Brooks ist moderater Republikaner - eine Spezies, die vom Aussterben bedroht ist.
12.08.2012
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Siebenundfünfzigste Lektion.
Heute früh, ich lag noch im Halbschlaf, fiel mir Martin Luther ein. Wegen seiner Bibelübersetzung. Wir hatten nämlich vor ein paar Tagen mal wieder den „Letter to Dr. Laura [Schlessinger]“ zugeschickt bekommen, der seit dem Jahr 2000 im Internet kursiert. Darin stellt ein „Fan“ der homophobischen Laura Schlessinger, die wie viele ihresgleichen mit der Bibel argumentiert, eine Reihe interessanter Fragen, ebenfalls gestützt auf die Bibel. Zum Beispiel möchte er (oder sie), im Einklang mit der Bibel (Exodus 21:7), eine Tochter als Sklavin verkaufen und fragt, was heutzutage wohl ein angemessener Preis für sie wäre, undsoweiter. Im „Brief an Dr. Laura“ wird Homophobie, die sich auf die Bibel beruft, höchst vergnüglich ad absurdum geführt. Viel Spaß damit: http://www.snopes.com/politics/religion/drlaura.asp
Was fällt einer Deutschen beim Stichwort Bibel ein? Luthers Bibelübersetzung. Luther übersetzte die Bibel auf der Wartburg, wo er sich vor seinen Feinden versteckte. Er lebte und arbeitete dort incognito unter einem Decknamen. Wie war doch gleich sein Deckname, dachte ich im Halbschlaf vor mich hin. Mir fiel nur „Jungfer Jörg“ ein - aber das konnte ja wohl nicht stimmen. Ach ja - „Junker Jörg“ nannte er sich.
Junker geht zurück auf Jungherr und ist heute ähnlich veraltet wie Jungfer.
Aber noch immer lebendig, wenngleich überflüssig, sind die Wörter „entjungfern“, „Entjungferung“, “Jungfernhäutchen” und “alte Jungfer”. Sie alle gehören eigentlich abgeschafft. Solange sie aber noch herumgeistern, brauchen sie männliche Pendants - und die habe ich heute früh im Halbschlaf gefunden.
Manchmal ist wegen dieser Lücke in unserem Wortschatz die Rede von einer „männlichen Jungfrau“ - wäre da nicht Junker das passendere Wort? Und solange Frauen noch „entjungfert“ werden können, brauchen wir auch das Pendant „entjunkern“: Ein Mann bzw. Junker wird entjunkert, wenn er das erste Mal Geschlechtsverkehr hat. Entjunkerungen sind - logischerweise - genau so häufig wie Entjungferungen. Aber bisher gab es kein Wort für sie, und das liegt an unserer patriarchalen Kultur. Dass eine Frau - in der Regel werden Junker ja durch Frauen entjunkert - am Status eines Mannes irgendetwas bewirken könnte, ist in dieser Kultur undenkbar und wird entsprechend behandelt: Es kommt gar nicht erst zur Sprache, und damit existiert es nicht.
Ob wir neben der „alten Jungfer“ auch den „alten Junker“ brauchen? Ich bin eher für die endgültige Abschaffung der „alten Jungfer“, aber für historische Romane und zu Verteidigungszwecken sollten wir den Begriff parat haben.
Früher oblag die Entjunkerung in der Regel dem weiblichen Dienstpersonal und den Prostituierten. Sie sollten die Junker „in die Geheimnisse der körperlichen Liebe einführen“. Natürlich konnte von Liebe keine Rede sein, gemeint war Sexualität.
Der Status „Jungfrau“ war im Westen früher von ungeheurer Bedeutung, in vielen nichtwestlichen Gesellschaften ist er es bis heute. Die Frau soll „jungfräulich“ in die Ehe gehen. Will sagen, der Ehemann soll sichergehen können, dass er der Erstbenutzer seiner Braut ist. Das Patriarchat unternimmt unglaubliche Anstrengungen, um diese Doppelmoral aufrechtzuerhalten. Nicht mehr intakte „Jungfernhäutchen“ werden von Spezialisten aufwendig wieder repariert oder eingenäht, damit der Eheherr sie wieder durchstoßen kann. Mann geht nicht selten über Leichen, vgl. die sogenannten „Ehrenmorde“, die eigentlich „Schwesternmorde“ heißen sollten.
Schon um die Waage zu unseren Gunsten ein wenig ins Gleichgewicht zu bringen, sollten wir bei jedem Vorkommen des Wortes „Entjungferung“ die Pendants „Junker“ und „Entjunkerung“ ins Gespräch bringen und zur Not darauf bestehen, dass der Mann „junkerlich“ in die Ehe zu gehen hat.
Die Frage, ob „Junker Jörg“ wirklich noch ein Junker war und vier Jahre später von seiner Ehefrau entjunkert wurde, ließ sich bisher nicht klären. Da er bis 1524, ein Jahr vor der Eheschließung, Mönch war, ist das aber nicht unwahrscheinlich. Wenn ja, heiratete die 26jährige Jungfer Katharina von Bora einen mit 41 Jahren schon fast uralten Junker. Dass die Entjunkerung trotzdem erfolgreich war, bezeugt die große Kinderschar des Ehepaars Luther.
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06.08.2012
In den USA tobt der Wahlkampf; es geht dabei nicht nur um die Präsidentschaft, sondern auch um das Repräsentantenhaus und um ein Drittel der Sitze des Senats. Einer der meistbeachteten Teilkämpfe geht um einen der beiden Senatssitze von Massachusetts. Der Demokrat Ted Kennedy hatte ihn bis zu seinem Tod fast ein halbes Jahrhundert inne, dann fiel er dank massiver Wahlhilfe der Wirtschaft an den Republikaner Scott Brown. Und jetzt wollen die DemokratInnen „ihren“ Senatssitz wiederhaben und schicken eine beliebte, geachtete und hochqualifizierte Bewerberin ins Rennen: Elizabeth Warren, Jura-Professorin an der Harvard-Universität, Finanzexpertin und schärfste Kritikerin der Machenschaften der Finanzindustrie. 2010-2011 war Warren Sonderberaterin beim Consumer Financial Protection Bureau (Amt für Verbraucherschutz, Abtlg. Finanzen), das sie initiiert hatte.
Es verwundert nicht, dass fast niemand bei den Republikanern unbeliebter ist als Elizabeth Warren; sie kommt auf der Abschussliste gleich nach Obama. Wie schon bei der Lancierung Scott Browns werden massive Finanzmittel gegen sie eingesetzt, daneben aber auch das Mittel der Verunglimpfung und des systematischen Rufmords, das schon bei der Verhinderung der Präsidentschaft John Kerrys (2004) so gut geholfen und Bush die zweite Amtszeit beschert hat.
Für mich als Linguistin ist hier interessant, wie die Häme gegen Elizabeth Warren gestrickt ist.
Die 63jährige Warren ist geschieden und wiederverheiratet; sie hat zwei Kinder und drei Enkelkinder. Folglich redet die republikanische Seite nur noch von „Granny Warren“ (Oma Warren).
Zum Vergleich: Mitt Romney ist 65 Jahre alt, hat fünf Söhne und 18 Enkelkinder. Deswegen wird er aber von niemandem „Grampa Romney“ (Opa Romney) genannt. Er fühlt sich als Mann in den besten Jahren und nicht als Greis, und so wird er auch dargestellt. Vielleicht sollten die DemokratInnen die Häme endlich mit gleicher Münze heimzahlen und nur noch von „Opa Romney“ sprechen, solange die Gegenseite „Granny Warren“ sagt.
Leider aber tun sich die DemokratInnen schwer mit mit dem Einsatz sprachlich-rhetorischer Mittel zur Verteidigung ihrer Interessen. Das hat schon George Lakoff in seinem spannenden Buch Moral Politics: What Conservatives Know That Liberals Don’t (1997) nachgewiesen und heftig bedauert. Die Republikaner hingegen sind Virtuosen der sprachlichen Verunglimpfung:
Das Ergebnis der Gesundheitsreform heißt bei ihnen nur höhnisch „Obamacare“. Die Erbschaftssteuer heißt “Todessteuer” (death tax), ihre Anti-Abtreibungsbewegung nennen sie „pro life“ undsoweiter. Die Tea Party, der rechtsradikale Flügel der RepublikanerInnen, lehnt den Staat als solchen ab und diffamiert staatliche Regulierungen prinzipiell als Bevormundung durch einen „nanny-state“ (Kindermädchen-Staat). In ihren Augen braucht „der mündige Bürger“ überhaupt keinen Staat. Dass sie damit ihrer eigenen Abschaffung das Wort reden, scheint ihnen nicht aufzufallen.
„Granny“ und „nanny“ - es wundert nicht, dass zwei Bezeichnungen für Frauen, die mit unserer angeblich „ureigensten“ Aufgabe des Kinderkriegens und -betreuens zu tun haben, von republikanischer Seite als abstoßende Schreckgespenster aufgebaut werden, die das Wahlvolk davon abhalten sollen, demokratisch zu wählen. Grannies und Nannies in allen Ehren - aber Politik ist Männersache! Auf diese krude Formel läuft ihre Sprachartistik letztlich hinaus.
Um endlich zum Schluß zu kommen: Grampa Romney ist gut sieben Monate älter als Hillary Clinton. Falls er gewinnt, was die gute Göttin verhüten möge, wird sich der rüstige Greis mit 69 Jahren um eine zweite Amtszeit bewerben. Dann wird hoffentlich Jung-Hillary gegen ihn antreten, auf die wir dann lange genug gewartet haben, nämlich 20 Jahre lang, hieß es doch schon 1992: „Hillary in 96!“. Wenn Obama gewinnt, wird Hillary ihn hoffentlich in vier Jahren ablösen. Denn auch die US-AmerikanerInnen brauchen eine Mutti! Da sie Angie nicht haben können, ist Hillary doch ein prima Ersatz. Und wenn Chelsea mitmacht, könnte Hillary bis dahin sogar auch Granny sein und mit den Supergrannies Pelosi und Warren in einem wunderschönen Granny-State allerlei Nützliches bewerkstelligen!
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