Filmkritik

14.05.2011

Die Hebamme - der Film und das Wort

FrauenbildAm vergangenen Montag zeigte das ZDF den Film „Die Hebamme - Auf Leben und Tod“ von Dagmar Hirtz. Dass das deutsche Fernsehen überhaupt imstande ist, einen so radikal feministischen und künstlerisch so hinreißenden Film hervorzubringen, hätte ich nie für möglich gehalten. Regie, Fotografie, Drehbuch, alles stimmte. Und die SchauspielerInnen! Allen voran Brigitte Hobmeier in der Titelrolle - eine Offenbarung. Wie überhaupt dieser ganze, unglaubliche Film.

FrauenbildDagmar Hirtz wird Ende Mai 70 Jahre alt -  möge sie jetzt schnell viele Preise einheimsen und noch viele großartige Filme wie ihren jüngsten finanziert bekommen. Denn die Finanzierung ist, wie wir wissen, wie eh und je das Haupthindernis für anspruchsvolle Projekte guter Regisseurinnen (vgl. hierzu die Biografische Zwiesprache der Regisseurinnen Iris Gusner & Helke Sander, 2009).

Der Film beschreibt eine dramatische Zeit (vor zweihundert Jahren) im Leben der Tiroler Hebamme Rosa Koelbl (Brigitte Hobmeier), die mit Talent, Erfahrung, Intelligenz und Mut versucht, “ihre” Schwangeren vor den unermüdlichen Anfeindungen der Kirche, der Medizin und der Gockelgesellschaft zu retten.

In einer Zeit, in der Ärzte das Kindbettfieber von der Pathologie in die Kreißsäle schleppten, in der die Kirche bei Gefahr für das Kind auf einer „Nottaufe“ im Mutterleib mittels der sogenannten Taufspritze und (meist verkeimtem) Weihwasser bestand und in der die Männer Gehorsam bis in den Tod von den Frauen verlangten, war das keine leichte Aufgabe.
(So urteilt eine Rezensentin namens Jury bei Amazon - mit Ergänzungen und Korrekturen von mir)

Kaufen Sie sich die DVD oder sehen Sie sich den Film an, wenn er in Ihrer Stadt oder im Fernsehen gezeigt wird. Er hat sämtliche Oscars verdient und alle Grimme-Preise sowieso.

Die Hebammen (Englisch midwives) und „weisen Frauen“ wussten viel von alters her. Wie an den sehr alten Bezeichnungen ablesbar, sind das sehr alte Berufe, sicher viel älter als das sogenannte „älteste Gewerbe“. „Hebamme“ hat nichts mit „Amme“ zu tun, sondern geht zurück auf das althochdeutsche hev(i)anna (Hebe-Ahnin): ältere, erfahrene Verwandte, die das Kind auffängt oder greift. „Midwife“ hat nichts mit „wife“ (Ehefrau) oder mit „mid“ wie in „midnight“ zu tun. Die midwife ist eine Frau, die der Gebärenden beisteht (she is with (mid) her). Das lateinische Wort für Hebamme bzw. midwife ist obstetrix. Dazu meldet etymonline.com:

obstetrics
1819, from obstetric (adj.), 1742, from Mod.L. obstetricus “pertaining to a midwife,” from obstetrix (gen. obstetricis) “midwife,” lit. “one who stands opposite (the woman giving birth),” from obstare “stand opposite to” (see obstacle). The true adjective would be obstetricic, “but only pedantry would take exception to obstetric at this stage of its career.” [Fowler]

Wie so oft, ist auch hier die Sprache ein getreues Abbild der Machtverhältnisse. Das Wort obstetrics “Geburtshilfe als Fachdisziplin der Medizin” ist seit 1819 belegt; der Film spielt um 1813 und zeigt genau die Übergangszeit, als die Männer sich der Hebammenkunst bemächtigten: Ein Medicus führt ohne Not einen Kaiserschnitt durch, nur zum Ruhme der Wissenschaft bzw. zu seinem eigenen Ruhm. Die Hebamme versucht verzweifelt, es zu verhindern, denn sie weiß: noch jede Frau, die einen Kaiserschnitt durchlitt, ist daran gestorben. So auch diese. Mengele lässt grüßen.

Als die Männer die Hebammenkunst besetzten, übernahmen sie nicht die weibliche Bezeichnung. Eine männliche Hebamme ist auf Deutsch weder Hebamme noch Hebammer noch Hebammerich, sondern Geburtshelfer, auf Englisch ist die männliche Hebamme keine midwife, erst recht kein midman, natürlich auch keine obstetrix, sondern ein obstetrician. Die lateinische weibliche Endung -trix ist nur noch für Eingeweihte erkennbar. Sie wurde für den Mann tragbar gemacht durch die Anhängung von -ian.

In ihrem berühmten Buch Gyn/Ökologie behandelt Mary Daly die US-amerikanische Gynäkologie als einen Teil des „Sado-Rituellen Syndroms“ und als nahtlose Fortsetzung der Nazimedizin und wirft ihr „Frauenmord durch die heiligen Geister der Medizin und Therapie vor“. Wer ihrer radikalen Analyse nicht folgen mag, braucht sich nur den Film „Die Hebamme“ anzusehen. Dort werden Folter und Frauenmord im Dienste des „Heiligen Geists der Medizin“ vorgeführt, wie sie schon 120 Jahre vor den Nazis stattfanden.

Was neu ist, ist die Tatsache, dass diese grauenvolle Wahrheit inzwischen in einem Mainstream-Medium wie dem ZDF zur besten Sendezeit verkündet, dokumentiert und millionenfach verbreitet wird. Das lässt wirklich hoffen.

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Schönes Interview mit Dagmar Hirtz über ihren Film, die histor. Vorlage, die Drehorte, die SchauspielerInnen, den Kameramann… Mit vielen weiteren Links zu Gesprächen mit Brigitte Hobmeier, anderen SchauspielerInnen, einer Medizinhistorikerin, dem Drehbuchautor ...


# | Luise F. Pusch am 14.05.2011 um 09:08 PM • Filmkritik11 Kommentare1 TrackbacksPermalink

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23.07.2010

“The kids are all right” - but the film isn’t

Gestern waren wir mit zwei Freundinnen im Kino und haben uns den Film “The Kids are all right” angesehen. Er ist hier in den USA zur Zeit total in und wird heiß diskutiert, hat doch die Regisseurin Lisa Cholodenko erstmals das Tabu “lesbische Mütter mit Kindern von der Spermabank” angepackt. Die gesamte Presse ist des Lobes voll, das Einspielergebnis ist stattlich, mit bisher 1,8 Millionen Dollar rangiert der Film auf Platz 12. Im Februar bekam er bei den Berliner Filmfestspielen den Teddy Award, beim Sundance Film Festival soll er der meistdiskutierte Beitrag gewesen sein.

Alles sehr erfreulich für einen Lesbenfilm, wir können uns nicht erinnern, dergleichen jemals gehört zu haben. Aber: Ist das überhaupt ein Lesbenfilm, fragten wir uns verstört, als wir dem Ausgang zustrebten.

Der Film wird vermarktet als “echter Familienfilm”, aber eben ein moderner, die Familie besteht nicht aus Mom und Dad und zwei Kids sondern, wow, aus zwei Moms mit Kids. Dann stößt auf Wunsch der Kids der bis dahin anonyme Spender-Papa (“Donor-Dad”) hinzu und sorgt für Dramatik und Spannung im Alltagstrott.

Der Film versucht es allen recht zu machen, sogar den Lesben, vor allem aber den Männern, seien sie schwul oder hetero. Der massige Mann, der vor mir saß, kam aus dem Brüllen gar nicht mehr raus! Ist aber auch zum Brüllen, wie sich die beiden lesbischen Moms schwule Pornos ansehen, um sich anzutörnen. Einen rosa Dildo haben sie auch in der Schublade.

Also ich weiß nicht, vielleicht bin ich altmodisch - aber beides würde mich garantiert abtörnen. Wir verbuchten diesen eigenartigen Regieeinfall auf das Konto von Stuart Blumberg, der das Drehbuch zusammen mit Lisa Cholodenko verfasst hat. Frau lernt etwas fürs Leben aus dieser kurzen Szene, und zwar: Lesbischer Sex ist äußerst mühsam. Während sich Jules (Julianne Moore) unsichtbar unter der leicht wogenden Bettdecke an Nic (Annette Bening) abarbeitet, bis sie kurz vor dem Ersticken wieder auftaucht, guckt diese ihren Porno, verzieht aber keine Miene, anscheinend verhilft ihr beides nicht zum Orgasmus.

Dem Publikum wird das anstrengende und peinliche Sexualleben der beiden Frauen nur einmal kurz zugemutet; entschädigt wird es dafür durch reichlichen Heterosex mit dem Samenspender als unerschöpflichem Kraftzentrum. Zuerst treibt er es wild und lange mit einer schönen jungen Äthioperin, dann läßt er sich mit Jules ein, die seinem selbstgebackenen Apfelkuchen nicht widerstehen konnte und sich ihm aufdrängt. Warum die lesbische Mom Jules so versessen auf Sex mit Paul ist, weiß sie selbst nicht (wohl aber die Marketingstrategen). Es tut ihr nach mehrmaligen Leibesübungen dann auch richtig leid. Zuvor aber muß lesbe zusehen, wie sie angesichts seines erigierten Glieds (das wir nicht zu sehen kriegen) vor andächtiger Begeisterung fast in Ohnmacht fällt, während er die hysterische Huldigung milde, fast schüchtern lächelnd entgegennimmt. Die Szene - eine klassische Männerphantasie - verdanken wir vermutlich auch dem Drehbuchautor, der damit sicher entscheidend zum Kassenerfolg beigetragen hat.

Paul, der Samenspender (Mark Ruffalo), ist also ein Sympathikus - er gefiel sogar mir. Während Nic zickig und dominant ist und obendrein trinkt, und Jules vor Gier nach Paul fast außer sich gerät, zeigt er sich in jeder Situation gelassen und liebevoll - der Sympathieträger schlechthin. Nichtmal den Einbruch in die glückliche Lesbenehe kann frau ihm anlasten: wie soll ein normal gebauter Mann auch anders reagieren, wenn eine schöne Frau sich ihm schmachtend an den Hals wirft.

Unseren Heterofreundinnen gefiel der Film nicht: Zu viele Sexszenen mit dem Kerl, unecht, zu viele Klischees, zu viel blödes Männergröhlen im Publikum - das war in etwa ihr Urteil. Sie hatten schließlich mal einen ”anderen” Film sehen wollen und fanden sich stattdessen belästigt mit dem gewöhnlichen Heterosexgestrampel in Großaufnahme. Gar nicht schön!

Joey und ich waren gnädiger. Die schauspielerischen Leistungen sind durchweg exzellent, schon deswegen lohnt sich der Film durchaus. Es gibt viele lustige, bewegende, intelligente Szenen und Momente, die - so hoffen wir -  auf das Konto der Regisseurin und Drehbuchautorin gehen.

Aber die Kernbotschaft des Films, dass Lesbensex mühsam ist und Heterosex das Gelbe vom Ei, ist einfach abwegig.

Vielmehr gilt weiterhin die tiefe Erkenntnis Erma Bombecks: “I haven’t trusted polls since I read that 62% of women had affairs during their lunch hour. I’ve never met a woman in my life who would give up lunch for sex.”

Und damit meinte sie nicht Lesbensex.

(Dank an Joey Horsley für das Bombeck-Zitat!)


# | Luise F. Pusch am 23.07.2010 um 08:26 PM • FilmkritikPermalink

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Hedwig Dohm