18.09.2011
Warum Frauen keine Leute von Format sind
„[Er war] ein notorischer Frauenheld, in dessen Büro man als Dame besser nicht ohne Begleitung ging“ …
Von wem ist da die Rede? Vielleicht DSK? Aber als „Frauenheld“, wenn auch als „notorischen“, würden wir ja solche miesen Belästiger heute nicht mehr bezeichnen. Auch Absurditäten wie „man als Dame“ unterlaufen heutzutage nicht mehr vielen Schreiberinnen.
Es handelt sich um die 50er Jahre und den RAI-Korrespondenten Sandro Paternostro, erwähnt in dem Erinnerungsbuch „Vom Brahmsee bis Shanghai: Begegnungen mit Leuten von Format“ der Bonner ZDF-Fernsehkorrespondentin und Wirtschaftsexpertin Fides Krause-Brewer (92). In den 60er und 70er Jahren sahen wir sie oft im Fernsehen. Sie war, wie Carola Stern, eine der ganz wenigen Frauen, die damals im TV-Journalismus Karriere machen durften.
Krause-Brewer veröffentlichte das Buch im Jahre 1987; sie hat dafür ihre Tagebuchnotizen ab 1949 ausgewertet, aus 1000 Seiten destillierte sie 250. Das erklärt vielleicht den fremdartigen Stil, wie aus lang vergangenen und überwundenen Zeiten.
Ich las das Buch aus zwei Gründen: Erstens interessieren mich die Erfahrungen einsamer Pionierinnen in Männerdomänen, zweitens besteht das Buch überwiegend aus Porträts, für die ich mich ebenfalls interessiere. Es enthält sogar einige wenige Frauenporträts: Helene Weber, Katharina Focke und Helga Steeg, letztere offenbar eine unendlich einflussreiche Ministerialdirigentin im Wirtschaftsministerium, von der ich jedoch noch nie gehört hatte. Auch bei Wikipedia fahndete ich vergeblich nach ihr.
Die „Leute von Format“, wie Krause-Brewer sie im Untertitel nennt, sind zwar fast ausschließlich Männer, aber auch aus Männerporträts der Vergangenheit kann feministin viel lernen - und sei es nur, mit freudigem Schock: „Damit immerhin hat die Frauenbewegung inzwischen aufgeräumt.“
Krause-Brewers munterer, affirmativer statt kritischer Stil zeigt, wieso sie sich in der Männerdomäne so gut halten konnte: Einige, wenn nicht sogar viele ihrer Werte hatte sie offenbar verinnerlicht:
Krause-Brewer über „die Gattinnen“:
• „Die hübsche und ehrgeizige Frau des F.D.P.-Politikers Erich Mende, Margot“ (S. 11)
•“Die Idylle im Bundeshaus fand ihr Ende durch zwei Umstände: Einmal kamen langsam, aber sicher, die Gattinnen, die teuren, nach Bonn, so dass stundenlange und sehr alkoholische Sitzungen der Männer am Pressetisch zu Hause sehr ungern gesehen wurden.“ (S. 12)
• „Meine Rolle besteht bei solchen Reisen in ferne Länder besonders gegen Ende der Reise in weiblicher Beratung, was denn nun für die teure Gattin und die Kinder eingekauft werden könnte. Das geht von der Plüsch-Mickymaus über Perserteppiche bis zu einem kostbaren antiken Reiher aus chinesischem Cloisonné. Was meinst du, soll ich, soll ich nicht? Würde sich ‚mein Fräulein Gattin‘, wie einer meiner Kollegen seine Ehehälfte gern tituliert, darüber freuen?“
- Ob die Plüsch-Mickymaus für das Fräulein Gattin oder die Kinder gedacht ist, lässt sich kaum ausmachen.
• „Frau von Eckardt - sehr elegant und sehr gepflegt - war eine rechte Augenweide. Sie hatte in Bonn für weißhaarige Damen die lila Tönung gesellschaftsfähig gemacht.“ (S. 38)
- Großartige Leistung!
• „[Paul Lücke] bewegte Abend für Abend trotz seiner Beinprothese standfest etliche Damen.“
- Selbst bewegen konnten sie sich wohl nicht?
• „Im Plenum [der Welthandelskonferenz 1979] saß übrigens als Delegierte der Philippinen die Frau des Präsidenten, Imelda Marcos, eine bildschöne Erscheinung in immer wechselnder Aufmachung, etwa in einem Traum von Nationalkostüm aus rosa Organza.“ (S. 155)
- Mehr gab es über die korrupte Imelda Marcos nicht zu sagen?
Krause-Brewer spricht über diese „Damen“ genau so herablassend wie sie es von ihren Kollegen und den “Leuten von Format” gelernt hat, vermute ich mal. Sie macht sich über sie lustig, ganz wie die Herren selber, und kann sich so der Zustimmung, ja des Beifalls sicher sein. Deshalb auch wurde sie - fast - als ihresgleichen akzeptiert, genau so, wie sie es über Helga Steeg berichtet: „Helga Steeg ist also mit allen Wassern gewaschen und tanzt auf allen Hochzeiten, auf denen es um Handelsbeziehungen und Wirtschaftspolitik geht. War es schwierig, als Frau in eine solche Position zu gelangen? Diese dumme Frage kennt Frau Steeg zur Genüge: „Ich hatte von vornherein keine Probleme. Nach dem ersten Aha-Erlebnis vergessen die Männer meist schnell, dass man eine Frau ist.“ Aber sie gibt es zu: „Wer hübsch ist, hat’s leichter.“” (S. 183f.)
Den Gipfel der frauenfeindlichen Berichterstattung erreicht Krause-Brewer anlässlich der Weltfrauenkonferenz der UNO 1975: „Das ZDF hatte dieses Ereignis bislang gar nicht als berichtenswert eingeplant“ - aber Familienministerin Katharina Focke will sie dabeihaben. O-Ton Krause-Brewer: „Zeitweilig beherrschten in Haufen aus den nahen USA angereiste Frauenrechtlerinnen die Szene. Sie wurden angeführt von der militanten Betty Friedan, einer ergrauten Mänade mit wirrer Mähne und Hakennase, die in immer neuen Reden Emanzipation, Befreiung von der männlichen Sexualherrschaft und Selbstverwirklichung forderte. Bei vielen Frauen aus den Entwicklungsländern traf sie damit auf völliges Unverständnis. … [Eine von ihnen zeigte] auf die unterhalb des Podiums auf dem Boden lagernde Betty Friedan und die ihren; und dann sagte sie mit der unvergleichlichen Überlegenheit der in Liebesdingen erfahrenen Asiatin: „If you have sexual problems - we have none!“ Sprach’s, warf mit Grandezza das Ende ihres Saris über die Schulter und verschwand.“
Fazit: Bei Krause-Brewer erscheinen die meisten Frauen als lächerliche „Damen“, an denen höchstens ihre Aufmachung bemerkenswert ist. Schwingen Frauen sich aber mal auf zu eigenständigen politischen Kundgebungen - sind sie erst recht lächerlich: „ergraute Mänaden“ mit sexuellen Problemen. Nur diejenigen Frauen, bei denen die Männer - wie bei Krause-Brewer selbst oder Helga Steeg - „schnell vergessen, dass man eine Frau ist“, können „Leute von Format“ werden.
Uff. Was für eine Lektion bekommen wir da verabreicht, anscheinend „in aller Unschuld“! Das war eben früher die prägende Auffassung der „gebildeten, tonangebenden Kreise“. Dass einige kühne Denkerinnen wie Beauvoir, von Roten, Friedan, Daly, Millett, Sander und Schwarzer sich aus diesem tödlichen Korsett herauswinden konnten und uns einen anderen Weg aufgezeigt haben, dafür sei ihnen ewig Dank.
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# | Luise F. Pusch am 18.09.2011 um 05:32 PM •
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