Etymologie

13.05.2013

Die Epigone oder: Frauen in der Kunst

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Achtundfünfzigste Lektion.

In ihrer Kurzbiografie zum 150. Geburtstag von Camille Claudel für den Kalender „Berühmte Frauen 2014“ schreibt Andrea Schweers:

Den lobenden Kunstkritikern galt sie als begabte Schülerin des großen Bildhauers, den Gegnern Rodins als nicht ernst zu nehmende Epigone.

Ich stutzte. „Die Epigone“ - das gefiel mir, ich fand es natürlich sehr passend, aber so richtig korrektes Deutsch war es wohl nicht? Sagen wir nicht ausschließlich „der Epigone“?

Der Duden bestätigt diese Vermutung mit folgendem Eintrag:

Epigone
Wortart: Substantiv, maskulin
Gebrauch: bildungssprachlich
Bedeutung: jemand, der in seinen Werken schon vorhandene Vorbilder verwendet oder im Stil nachahmt, ohne selbst schöpferisch, stilbildend zu sein
Herkunft: griechisch epígonos = Nachgeborener

Für weibliche Personen, die in ihren „Werken schon vorhandene Vorbilder verwenden“, sieht der Duden die abgeleitete Form „Epigonin“ vor.

Soll ich - als Herausgeberin des Kalenders - Andrea Schweers’ schöne Eingebung korrigieren und aus ihrer „Epigone“ eine „Epigonin“ machen?

Nicht doch!
Wenn griech. epigonos “Nachgeborener” bedeutet, dann bedeutet epigone “Nachgeborene” - so viel weiß ich noch von meinem Graecum, das ich vor rund 50 Jahren ablegen musste. Weibliche Nachgeborene soll es ja auch geben. Epigonin wäre also etwa so sinnvoll wie „Nachgeborenin“.

Es ist überraschend, dass es im Deutschen statt „die Epigone“ für die Vorstellung der bloß nachahmenden, nicht selbst schöpferischen Künstlerin nur ein aus dem Maskulinum abgeleitetes Wort gibt. Wo doch der männliche Kunstbetrieb traditionell davon ausgeht, dass eine künstlerisch tätige Frau genau das typischerweise ist: Epigonal.

Aber noch vor dieser misogynen Vorstellung rangiert die Idee, dass eine Frau in der Kunst gar nichts zu suchen hat und auch nicht vorkommt bzw. vorzukommen hat. Nicht einmal als „bloß Nachahmende“. Dass - ob für Nachahmer oder Originalgenies - die Kunst ein rein männlicher Spielplatz ist.

Welche Abgründe an Erkenntnissen sich doch auftun, wenn wir unseren Wörtern, die wir dauernd arglos benutzen, auch nur mal ein kleines bisschen auf den Grund gehen…
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# | Luise F. Pusch am 13.05.2013 um 09:55 AM • Laut & LuiseEtymologieKunst4 KommentarePermalink

04.03.2012

Mother-Blaming - Rabenmütter, Schwiegermonster und Stiefmütterchen

Ich ging im Walde so für mich hin, da kam mir das Stiefmütterchen in den Sinn. Das Wetter war so frühlingshaft, und Stiefmütterchen sind doch „die ersten Frühlingsboten“. Sehen tat ich allerdings keine. Sie kamen mir nur in den Sinn.

FrauenbildDie liebliche Frühlingsbotin heißt „Stiefmütterchen“, weil „die Blüte aussieht wie ein böses, eben stiefmütterliches Gesicht“. Oder weil die Blütenblätter ungerecht auf die Kelchblätter verteilt sind. Das oberste Blütenblatt sitzt auf zwei Kelchblättern, es wird Stiefmutter genannt. Die beiden Blätter unter ihr, die Töchter, sitzen auf je einem Kelchblatt. Und die beiden untersten Blütenblätter, Stieftöchter genannt, müssen sich ein Kelchblatt teilen und sind außerdem nur einfarbig, während Stiefmutter und Töchter mit zwei Farben geschmückt sind.

Spätestens seit Mutti uns zum ersten Mal „Aschenputtel“, „Schneewittchen“ und „Hänsel und Gretel“ vorlas, wissen wir, was für selbstsüchtige, geradezu teuflische Personen Stiefmütter sind.

Auch vor der eigenen Mutter sind Kinder niemals sicher, das lehrt uns schon der Begriff „Rabenmutter“! Oder die Urfassung von „Hänsel und Gretel“, in der die Kinder noch von der eigenen Mutter ins Verderben geschickt wurden!

Und erst die Schwiegermutter. Haben wir je von einer „lieben Schwiegermutter“ gehört? Nein, sie sind allesamt böse, böse Schwiegermütter, regelrechte Schwiegermonster - so der deutsche Titel einer bekannten Filmklamotte. Auf Englisch heißt der Film „Monster-in-Law“. Mother-Blaming ist ein internationales Projekt.

Woher kommt dieser anscheinend uralte, bis in mythische Vergangenheit zurückreichende Hass auf die Mütter? Wo doch die eigentlichen Monster die Väter sind, von den gewöhnlichen brutalen Schlägern, den Urhebern der sogenannten “häuslichen Gewalt”, über die Missbrauchsväter bis hin zu den katholischen Patres?

Ich vermute, es liegt daran, dass von den Vätern seit jeher nichts Gutes erwartet wird. Wenn sie sich also mies verhalten, so ist das einfach normal, und für das Normale braucht es kein eigenes Wort, frau denke nur an die fehlenden Pendants zu „Damenwahl“ und „Herrenschokolade“. Aber wehe, die Mutter ist nicht lieb, selbstlos, beschützend und nährend, wie sie sein soll - dann ist sie gleich ein Monster.

Während ich dies aufschreibe, treten vor meinem inneren Auge schon die VerteidigerInnen der Väter auf den Plan und werfen mir unzulässige Verallgemeinerung vor. Ihnen empfehle ich die Lektüre der jüngsten Studie zur sogenannten Elternzeit, über die das nicht eben als feministisch verschrieene Wall Street Journal am 29. Februar unter dem Titel “Does paternity leave hurt women?” berichtete. Frauen, das ergab diese Studie, kümmern sich in der Mutterschaftszeit liebevoll um ihre Kinder. Männer dagegen nutzen die Zeit, um gezielt ihre Karriere voranzubringen. Mütter, warnt das Wall Street Journal, geraten im beruflichen Wettbewerb umso mehr ins Hintertreffen, je mehr Männer Vaterschaftszeit nehmen und - zweckentfremden.

Inzwischen brüten die angeschmierten Kinder, vernachlässigt wie sie sich fühlen, schon mal neue Märchen über selbstsüchtige Mütter aus. Denn die Mutter ist schließlich für ihr Wohl zuständig.

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# | Luise F. Pusch am 04.03.2012 um 01:42 PM • Laut & LuiseEtymologieFlora & FaunaJahreszeitenKomische WörterMänner!Permalink

24.09.2011

Der Papst im Altweibersommer

Was für einen fraulichen Altweibersommer haben wir dies Jahr! Oder würde „altweiblich“ besser passen? Meine 86jährige Nachbarin rief mir im Treppenhaus zu:  „Herrliches Wetter heute! Diese schöne klare Luft! Ich war draußen, Sonne tanken.“ Also meinetwegen auch „herrlich“. Ich sagte zu ihr: „Ja, schöner Altweibersommer, das passt zu uns!“ Darauf sie: „Aber Sie sind doch noch so jung!“ Ich lachte und ging dann auch nach draußen, Altweibersonne tanken.

Warum heißt eine der schönsten Zeiten im Jahr „Altweibersommer“ - als wären alte Weiber in unserer Kultur nicht das Allerletzte? Dazu Wikipedia: 

[Ein] Zeitabschnitt gleichmäßiger Witterung im Spätjahr, oft im September, welcher sich durch ein Hochdruckgebiet, stabiles Wetter und ein warmes Ausklingen des Sommers auszeichnet. Das kurzzeitig trockenere Wetter erlaubt eine gute Fernsicht und intensiviert den Laubfall und die Laubverfärbung.
Der Name leitet sich von Spinnfäden her, mit denen junge Baldachinspinnen im Herbst durch die Luft segeln. Mit „weiben“ wurde im Althochdeutschen das Knüpfen der Spinnweben bezeichnet.

Wiktionary hält noch mehr Ideen zur Herkunft des Wortes parat: Folgende Möglichkeiten werden erwogen:

Das Wort wird seit dem 17. Jh. verwendet, die genaue Herkunft ist unklar.
Eine Möglichkeit ist, als Grundlage der Bezeichnung weiben = weben anzusehen und somit die Spinnweben in den Mittelpunkt zu stellen. Daran wäre schlicht die Jahreszeitbezeichnung Sommer angehängt und das ganze mit dem Adjektiv alt verbunden, um auszudrücken, dass es sich um einen späten, gewissermaßen alten Sommer handelt, der bald in den Herbst übergeht. Das Wort würde sich auf diese Weise als „alter Spinnweb-Sommer“ erklären.
Eine andere Möglichkeit ist, dass der Bestandteil -sommer hier nicht die Jahreszeit meint, sondern mit engl. gossamer verwandt ist, welches „Spinnweben“ bedeutet.
Eine dritte Möglichkeit besteht darin, an eine Übertragung von der (schlecht belegten) Bedeutung „zweite Jugend bei Frauen“ zu denken. So, wie diese „zweite Jugend“ verächtlich als kurzlebig und unzeitig gesehen wird, so ist auch der Spätsommer nicht von langer Dauer.

Das klang vor 35 Jahren im „Großen Wörterbuch der deutschen Sprache“ des Duden-Verlags aber noch GANZ anders: Dort finden wir nach Altweibergeschwätz, Altweibergewäsch (törichtes, albernes Gerede), Altweiberklatsch (törichte, üble Nachrede), Altweiberknoten (laienhaft geknüpfter, nicht belastbarer Knoten), Altweibermärchen (unglaubwürdige, alberne Geschichte) schließlich auch den Altweibersommer mit folgender Definition: “(vielleicht nach dem Vergleich einer späten Liebe älterer Frauen): sonnige, warme Nachsommertage”.

Kein Wunder bei dermaßen gehässigen Definitionen des Wortbestandteils “Altweiber-”, dass eine 78jährige Bürgerin sich über den Ausdruck „Altweibersommer“ aufregte und den Deutschen Wetterdienst aufforderte, ihn nicht mehr zu verwenden. Aber ihre Klage wurde 1989 abgewiesen.

Heute würde ihr das Wort vielleicht sogar gefallen, wenn sie das freundliche, aufgeklärte Wiktionary heranziehen würde. Immerhin ist der Altweibersommer, wie gesagt, wohl die schönste Zeit des Jahres, und dass sie benannt ist nach der Gruppe mit dem schlechtesten Image, finde ich gut.

Bleibt noch die Frage zu klären, warum der Papst für seine Reise nach Deutschland den Altweibersommer wählte. Der Begriff passt gut zum fortgeschrittenen Alter des Papstes und anderer katholischer Würdenträger und zu ihren weiblichen Outfits - bei der Vigil in Freiburg saßen sie da alle aufgereiht wie alte Bäuerinnen im schönsten Sonntagsstaat. Aber Wikipedia verweist auf eine noch schlüssigere Antwort:

Da das Wetter im Altweibersommer für Freiluftveranstaltungen besonders günstig ist, wurde das Oktoberfest in München im Laufe der Zeit vom Anfangstermin Mitte Oktober zum Septemberende hin vorverschoben.

Als waschechter Bayer kennt Ratzinger sich aus. Und was fürs Oktoberfest gilt, gilt auch für seine Massen-Gottesdienste im Freien. Warum nicht beim nächsten Besuch beides einfach zusammenlegen? Statt des Messweins und der Oblaten zur Abwechslung mal eine Maß Bier und eine Brezn, der Papst im Papamobil auf dem Autoscooter, dann die Predigt hoch oben von der Achterbahn oder vom Riesenrad - das könnte eine Riesengaudi werden. Ein echt zeitgemäßes und supergeiles Crossover-Event, wenn schon die Ökumene nicht klappen will. 

Keine gute Idee? Macht ja nix. Ist eh nur Altweibergewäsch.

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# | Luise F. Pusch am 24.09.2011 um 08:19 PM • Laut & LuiseEtymologieJahreszeitenKircheKomische WörterWetter4 Kommentare1 TrackbacksPermalink

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Hedwig Dohm