Laut & Luise

18.09.2011

Warum Frauen keine Leute von Format sind

„[Er war] ein notorischer Frauenheld, in dessen Büro man als Dame besser nicht ohne Begleitung ging“ …

Von wem ist da die Rede? Vielleicht DSK? Aber als „Frauenheld“, wenn auch als „notorischen“, würden wir ja solche miesen Belästiger heute nicht mehr bezeichnen. Auch Absurditäten wie „man als Dame“ unterlaufen heutzutage nicht mehr vielen Schreiberinnen.

FrauenbildEs handelt sich um die 50er Jahre und den RAI-Korrespondenten Sandro Paternostro, erwähnt in dem Erinnerungsbuch „Vom Brahmsee bis Shanghai: Begegnungen mit Leuten von Format“ der Bonner ZDF-Fernsehkorrespondentin und Wirtschaftsexpertin Fides Krause-Brewer (92). In den 60er und 70er Jahren sahen wir sie oft im Fernsehen. Sie war, wie Carola Stern, eine der ganz wenigen Frauen, die damals im TV-Journalismus Karriere machen durften.

Krause-Brewer veröffentlichte das Buch im Jahre 1987; sie hat dafür ihre Tagebuchnotizen ab 1949 ausgewertet, aus 1000 Seiten destillierte sie 250. Das erklärt vielleicht den fremdartigen Stil, wie aus lang vergangenen und überwundenen Zeiten.

Ich las das Buch aus zwei Gründen: Erstens interessieren mich die Erfahrungen einsamer Pionierinnen in Männerdomänen, zweitens besteht das Buch überwiegend aus Porträts, für die ich mich ebenfalls interessiere. Es enthält sogar einige wenige Frauenporträts: Helene Weber, Katharina Focke und Helga Steeg, letztere offenbar eine unendlich einflussreiche Ministerialdirigentin im Wirtschaftsministerium, von der ich jedoch noch nie gehört hatte. Auch bei Wikipedia fahndete ich vergeblich nach ihr.

Die „Leute von Format“, wie Krause-Brewer sie im Untertitel nennt, sind zwar fast ausschließlich Männer, aber auch aus Männerporträts der Vergangenheit kann feministin viel lernen - und sei es nur, mit freudigem Schock: „Damit immerhin hat die Frauenbewegung inzwischen aufgeräumt.“

Krause-Brewers munterer, affirmativer statt kritischer Stil zeigt, wieso sie sich in der Männerdomäne so gut halten konnte: Einige, wenn nicht sogar viele ihrer Werte hatte sie offenbar verinnerlicht:

Krause-Brewer über „die Gattinnen“:

• „Die hübsche und ehrgeizige Frau des F.D.P.-Politikers Erich Mende, Margot“ (S. 11)

•“Die Idylle im Bundeshaus fand ihr Ende durch zwei Umstände: Einmal kamen langsam, aber sicher, die Gattinnen, die teuren, nach Bonn, so dass stundenlange und sehr alkoholische Sitzungen der Männer am Pressetisch zu Hause sehr ungern gesehen wurden.“ (S. 12)

• „Meine Rolle besteht bei solchen Reisen in ferne Länder besonders gegen Ende der Reise in weiblicher Beratung, was denn nun für die teure Gattin und die Kinder eingekauft werden könnte. Das geht von der Plüsch-Mickymaus über Perserteppiche bis zu einem kostbaren antiken Reiher aus chinesischem Cloisonné. Was meinst du, soll ich, soll ich nicht? Würde sich ‚mein Fräulein Gattin‘, wie einer meiner Kollegen seine Ehehälfte gern tituliert, darüber freuen?“
- Ob die Plüsch-Mickymaus für das Fräulein Gattin oder die Kinder gedacht ist, lässt sich kaum ausmachen.

• „Frau von Eckardt - sehr elegant und sehr gepflegt - war eine rechte Augenweide. Sie hatte in Bonn für weißhaarige Damen die lila Tönung gesellschaftsfähig gemacht.“ (S. 38)
- Großartige Leistung!

• „[Paul Lücke] bewegte Abend für Abend trotz seiner Beinprothese standfest etliche Damen.“
- Selbst bewegen konnten sie sich wohl nicht?

• „Im Plenum [der Welthandelskonferenz 1979] saß übrigens als Delegierte der Philippinen die Frau des Präsidenten, Imelda Marcos, eine bildschöne Erscheinung in immer wechselnder Aufmachung, etwa in einem Traum von Nationalkostüm aus rosa Organza.“ (S. 155)
- Mehr gab es über die korrupte Imelda Marcos nicht zu sagen?

Krause-Brewer spricht über diese „Damen“ genau so herablassend wie sie es von ihren Kollegen und den “Leuten von Format” gelernt hat, vermute ich mal. Sie macht sich über sie lustig, ganz wie die Herren selber, und kann sich so der Zustimmung, ja des Beifalls sicher sein. Deshalb auch wurde sie - fast - als ihresgleichen akzeptiert, genau so, wie sie es über Helga Steeg berichtet: „Helga Steeg ist also mit allen Wassern gewaschen und tanzt auf allen Hochzeiten, auf denen es um Handelsbeziehungen und Wirtschaftspolitik geht. War es schwierig, als Frau in eine solche Position zu gelangen? Diese dumme Frage kennt Frau Steeg zur Genüge: „Ich hatte von vornherein keine Probleme. Nach dem ersten Aha-Erlebnis vergessen die Männer meist schnell, dass man eine Frau ist.“ Aber sie gibt es zu: „Wer hübsch ist, hat’s leichter.“” (S. 183f.)

Den Gipfel der frauenfeindlichen Berichterstattung erreicht Krause-Brewer anlässlich der Weltfrauenkonferenz der UNO 1975: „Das ZDF hatte dieses Ereignis bislang gar nicht als berichtenswert eingeplant“ - aber Familienministerin Katharina Focke will sie dabeihaben. O-Ton Krause-Brewer: „Zeitweilig beherrschten in Haufen aus den nahen USA angereiste Frauenrechtlerinnen die Szene. Sie wurden angeführt von der militanten Betty Friedan, einer ergrauten Mänade mit wirrer Mähne und Hakennase, die in immer neuen Reden Emanzipation, Befreiung von der männlichen Sexualherrschaft und Selbstverwirklichung forderte. Bei vielen Frauen aus den Entwicklungsländern traf sie damit auf völliges Unverständnis. … [Eine von ihnen zeigte] auf die unterhalb des Podiums auf dem Boden lagernde Betty Friedan und die ihren; und dann sagte sie mit der unvergleichlichen Überlegenheit der in Liebesdingen erfahrenen Asiatin: „If you have sexual problems - we have none!“ Sprach’s, warf mit Grandezza das Ende ihres Saris über die Schulter und verschwand.“

Fazit: Bei Krause-Brewer erscheinen die meisten Frauen als lächerliche „Damen“, an denen höchstens ihre Aufmachung bemerkenswert ist. Schwingen Frauen sich aber mal auf zu eigenständigen politischen Kundgebungen - sind sie erst recht lächerlich: „ergraute Mänaden“ mit sexuellen Problemen. Nur diejenigen Frauen, bei denen die Männer - wie bei Krause-Brewer selbst oder Helga Steeg - „schnell vergessen, dass man eine Frau ist“, können „Leute von Format“ werden.

Uff. Was für eine Lektion bekommen wir da verabreicht, anscheinend „in aller Unschuld“! Das war eben früher die prägende Auffassung der „gebildeten, tonangebenden Kreise“. Dass einige kühne Denkerinnen wie Beauvoir, von Roten, Friedan, Daly, Millett, Sander und Schwarzer sich aus diesem tödlichen Korsett herauswinden konnten und uns einen anderen Weg aufgezeigt haben, dafür sei ihnen ewig Dank.

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# | Luise F. Pusch am 18.09.2011 um 05:32 PM • Laut & LuiseBuchkritikEs war einmal...Frauen!12 Kommentare0 TrackbacksPermalink

09.09.2011

9/11: Überlegungen zum „sexuellen Missbrauch“ und zum „Krieg gegen den Terror“

Gestern geriet ich in die zweite Hälfte der Sendung über „sexuellen Missbrauch“ von Gert Scobel, Titel: “System Missbrauch
Wie Verschweigen und Verharmlosen funktioniert”. Wiederholt wird sie leider nicht, so dass ich hier nur aus dem Gedächtnis schildern kann, was mir dabei auffiel.

An der Gesprächsrunde nahmen zwei Frauen und zwei Männer teil: Christine Bergmann, unabhängige Beauftragte zur Aufklärung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Kathrin Radke, Sprecherin der “Bundesinitiative der Betroffenen von sexualisierter Gewalt und Missbrauch im Kindesalter”, Michael Osterheider, Experte auf dem Gebiet der Pädokriminalität und Mitglied beim “Runden Tisch sexueller Kindesmissbrauch” der Bundesregierung. Und Gert Scobel als Moderator der Sendung. Mehr über die Beteiligten der Gesprächsrunde hier.

Was mir auffiel, war, dass Scobel, Osterheider und Radke das Thema „TäterINNEN“ über Gebühr betonten und Christine Bergmann immer wieder dazu zwangen, die Proportionen zurechtzurücken. Tatsache ist, dass 90 Prozent der sexuellen Missbrauchstaten von Männern begangen werden. Das betonte Bergmann tapfer wieder und wieder, bei jedem erneuten Infragestellen. Besonders Scobel wollte wissen, ob nicht die Vorstellung des sexuellen Missbrauchs durch die Mutter so unfassbar und daher tabuisiert sei, dass die Untaten der Mütter eben im Dunkeln blieben, die Dunkelziffer mithin gewaltig sein müsse. Nein, konterte Bergmann, da sei, nach dem gesamten Aufbrechen der Thematik vor zwei Jahren, inzwischen eigentlich nichts mehr tabu, alles käme auf den Tisch. Und da sei es nun einmal so, dass Frauen an dem Delikt nur verschwindend wenig beteiligt seien. Ihr Anteil fiele eigentlich kaum ins Gewicht. Die drei anderen machten immer wieder Anläufe, diese Aussage zu relativieren - Bergmann blieb jedoch standhaft.

Warum diese heftigen Bemühungen, die Frauen als Schuldige mit ins Boot zu holen? Der Grund liegt auf der Hand: Wenn beide Geschlechter sich an diesen Verbrechen beteiligen, dann haben wir es nicht mit einem Massenverbrechen von Männern gegen Schwächere zu tun, sondern mit einer gesellschaftlichen Pathologie. Die Männer wären, um es platt zu sagen, aus dem Schneider. Und alles Augenmerk könnte sich wieder beruhigt den Opfern zuwenden, so wie es immer war, bevor die Schandtaten der katholischen Priester an die Öffentlichkeit kamen. Diesen saftigen Skandal und Quotenbringer konnten sich die Medien natürlich nicht entgehen lassen, und plötzlich waren die Täter das Thema, eben weil es prominente und unwahrscheinliche Täter waren. Bis dahin, solange es „nur“ Väter, Brüder, Großväter und Onkel waren, blieben die Täter öffentlich-medial weitgehend unbehelligt, wurden kaum mal zum Thema. Denn schließlich sind Medienmänner ebenfalls Väter, Brüder, Großväter und Onkel, gehören also zur Gruppe der prinzipiell Tatverdächtigen. Da empfahl sich also eher Stillschweigen. Das geht nun nicht mehr, und so wird die zweite Strategie der Ent-Schuldigung herangezogen: Nicht das übliche „Die anderen waren es“ - das wäre denn doch zu abenteuerlich, die Taten den Frauen zur Last zu legen. Wohl aber kann mann die Strategie „Wir alle waren es“ zwecks Nivellierung einsetzen, und das taten die Beteiligten gestern Abend auch, mit Ausnahme von Bergmann. Warum Radke auch diese Strategie wählte, ist mir nicht ganz klar. Aber die Entlastung der Männer durch Frauen ist ja durchaus nichts Ungewöhnliches, sie wird ja auch oft belohnt.

Apropos Täter: Da kommen uns zum zehnten Jahrestag von 9/11 natürlich jene anderen Täter in den Sinn und Bushs Versuch, sie und ihr Netzwerk mit seinem „Krieg gegen den Terror“ auszumerzen. Zehn Jahre krankt die ganze Welt schon an diesem Wahnsinn. Hier wurde ganz auf die Strategie: „Die anderen waren es!“ gesetzt. Und so gab es denn auch keinerlei Hemmungen, die Gruppe der Täter auf „die Muslime“ auszuweiten und bewusstlos zu verfolgen. Verbrecherische Regimes, endlich hinweggefegt im „arabischen Frühling“, wurden viel zu lange hofiert, weil sie Verbündete im „Krieg gegen den Terror“ waren.

Auffällig für die feministische Beobachterin ist der so typisch unterschiedliche Umgang mit den Tätern. Samthandschuhe und, immer noch, Versuch der Abwälzung der Schuld auf „die Gesellschaft“ beim “Kampf gegen den sexuellen Kindesmißbrauch”. Folter und Auslöschung des „Gegners“ im „Krieg gegen den Terror“. Wobei Al Qaeda mit Sicherheit ungefährlicher ist und viel weniger Opfer zu verantworten hat als das globale männliche Terrornetzwerk der Kinderschänder, Vergewaltiger, Lustmörder, Triebtäter, Frauenhändler, Pornografiehersteller, etc. etc.

Was können wir also tun? Einfach die Täter unbeirrt benennen ist von zentraler Wichtigkeit gegen die Taktiken des “Verharmlosens und Verschleierns”, um die es in der Sendung angeblich ging. Dank an Christine Bergmann für ihr großartiges Beispiel.


# | Luise F. Pusch am 09.09.2011 um 03:56 PM • Laut & LuiseMänner!TV-KritikPermalink

03.09.2011

Friends/Freunde: Facebookspeak & Gender, Teil 2

Facebook ist ein „Tool“, das „Freunde“ miteinander verbindet und vernetzt. Wie schön! Aber da gibt es zwei Probleme:
1) Was ist mit den Freundinnen?
2) Wird die Bedeutung von „Freund“ nicht völlig verwässert, wenn jedeR Hunderte davon haben kann?

Zu 1) Ich bin erst gut drei Wochen bei Facebook und habe schon 144 “Freunde” gefunden. D.h., die meisten von ihnen haben mich gefunden. Ich bekam laufend Emails von Facebook: „xy möchte mit dir auf Facebook befreundet sein“ bzw. „xy wants to be friends on Facebook“. Ich klickte jeweils hin zum Profil der Anfragenden, und wenn ich feststellte, dass sie mit Frauen, die ich kannte, auf Facebook befreundet war, habe ich sie „als FreundIn hinzugefügt“. FrauenbildSo die entsprechende Formel auf Facebook, mit dem großen I schon fast feministisch. Ganz feministisch wäre es ohne großes I gewesen, einfach „Freundin“ hätte ja genügt. Denn Facebook weiß wahrscheinlich, ob eine Person weiblich ist, weil wir das ja beim Ausfüllen unseres Profils meist mitteilen. (Zu der von Facebook vorgesehenen Wahl zwischen “weiblich” und “männlich” gab es neulich heftigen und berechtigten Protest der Transgender Community, die sich bezüglich des Geschlechts nicht festlegen wollen. Erweiterungen wie “transgender”, “intersex” etc. wären also sinnvoll.)

FreundIn hin oder her: Meine sog. 144 „Freunde“ sind zu 99 Prozent Freundinnen. Statt „Freunde“ also „FreundInnen“ zu sagen, dazu konnte Facebook sich anscheinend noch nicht durchringen. Aber ich denke, das wird noch kommen, je mehr Frauen bei Facebook mitmachen und sich beschweren, dass ihre Freundinnen zu Freunden verunkenntlicht werden. Und je mehr Hetero-Männer nicht als Schwule verkannt werden und mit Mega-Zahlen von Freundinnen prahlen wollen.

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Eben meldete Facebook: „Jenny möchte Deine Freundin sein.“ Nummer 145. Ich habe freudig zugestimmt und bekam prompt die Bestätigung: „Jenny und du seid jetzt Freunde.“ Nicht mehr Freundinnen? Wie schade! Aber ich bin überzeugt, das kriegen die bei Facebook auch noch hin.

Kommen wir von den grammatischen Fragen zu den inhaltlichen: Droht der Begriff der Freundschaft durch inflationären Gebrauch zu verwässern?

Die Facebook-Konventionen haben zur Folge, dass ich mich jetzt mit Frauen duze, die ich nur per Facebook kenne, schließlich sind wir ja alle Freundinnen. Dafür sieze ich mich weiter mit vielen Menschen, die ich schon lange und besser kenne, z.B. beruflich. Mit manchen verkehre ich auf Facebook per Du und in Emails per Sie. Verkehrte Welt. Oder: anglisierte/amerikanisierte Welt. Das Englische kennt als Anredeform nur you, Nähe und Distanz werden durch den Gebrauch des Vornamens oder Nachnamens geregelt. Aber selbst wenn eine Elektrikerin ins Haus kommt, die ich noch nie gesehen habe, sind wir doch umgehend per „Peggy“, „Joey“ und „Luise“ statt „Ms Gonzales“, „Ms Horsley“ und „Ms Pusch“. Letzteres käme allen Beteiligten steif und lächerlich vor.

US-amerikanische Hemdsärmeligkeit (die maskuline Anmutung ist intendiert) überrennt deutsche Förmlichkeit - nicht schlecht!
Die Facebook-Software lädt mich ein, mit Hilfe ihres „automatischen Freundefinders“ noch mehr „Freunde“ zu finden, d.h. sie wollen meine Email-AdressatInnen daraufhin beäugen, ob die eine oder der andere unter ihnen schon bei Facebook ist, um mir dann vorzuschlagen, sie zu „meinen Freunden hinzuzufügen“. Bisher habe ich die Erlaubnis zur Durchschnüffelung meiner Email-Adress-Datei noch nicht erteilt. Facebook aber scheint zu denken: Man kann doch gar nicht genug Freunde haben!

„Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt“, sangen die Comedian Harmonists. Und jetzt? Mit 145 Freunden? Sind 145 Freunde noch das Beste, was es gibt auf der Welt? Oder ist auch hier weniger mal wieder mehr?
Zu der sentimental-heroisch-innigen deutschen Vorstellung von Freundschaft hat vor allem Schiller mit seiner „Ode an die Freude“ und der „Bürgschaft“-Ballade beigetragen. In der Ode heißt es:

Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
muß ein lieber Vater wohnen.

Wem der große Wurf gelungen
eines Freundes Freund zu seyn;
wer ein holdes Weib errungen,
mische seinen Jubel ein!
Ja – wer auch nur eine Seele
sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
weinend sich aus diesem Bund!

Auf der einen Seite Schillers hohes Männer-Freundschaftspathos, wonach der Freund noch über dem Bruder steht, etwa auf derselben Stufe und einzigartig wie das holde Weib -
Auf der anderen Seite Facebooks „automatischer Freundefinder“. Dazwischen liegen Welten. Und was ist nun besser?

FrauenbildIch votiere entschlossen für die Verwässerung des Freundschaftsbegriffs, oder nennen wir es freundlicher Ausweitung, Demokratisierung - Amerikanisierung halt. “Freund oder Feind?” - so lautet die wichtigste Frage in Zeiten der Bedrohung. Freund ist alles, was nicht Feind ist - ja warum eigentlich nicht?

Durch die Hintertür können wir den exklusiven Schillerschen Freundschaftsbegriff ja auch bei Facebook wieder einschmuggeln. Es gibt da unter „Konto“ die Funktion „Freunde bearbeiten“. Dort kann ich meine “Freunde” in Gruppen einteilen. Ich habe derzeit folgende Gruppen: Kontakte, Bekannte, Business, Kolleginnen, Freundinnen, gute Freundinnen, Familie. Die „guten Freundinnen“ wären wohl Freundinnen im klassisch-Schillerschen Sinne? Nicht unbedingt - denn Schiller sieht den Menschen nur als Mann unter Brüdern mit liebem Vater droben, ausgestattet mit einem Freund und einem holden Weib. Von einer Freundin - oder gar Freundinnen - ist keine Rede. Auch da ist Facebook, obwohl insgesamt noch etwas unbeholfen im Deutschen, doch mit „Jenny will deine Freundin sein“ schon ein gutes Stück weiter. 

 


# | Luise F. Pusch am 03.09.2011 um 06:01 PM • Laut & LuiseGenderSocial MediaPermalink

28.08.2011

Share/Teilen: Facebookspeak & Gender, Teil 1

Unter jeder Facebook-Nachricht finde ich drei Schaltflächen, die ich anklicken kann:
„Gefällt mir“, „Kommentieren“ und „Teilen“ - auf Englisch: „like“, „comment“ und „share“.

Wenn ich dergestalt eine Nachricht, Fotos oder Web-Fundstücke mit anderen „teile“, geht mir nicht die Hälfte davon flöten, anders als einst dem heiligen Martin, der seinen Mantel mit einem Bettler teilte. Er schnitt ihn mit seinem Schwert in zwei Teile, so die Sage, und gab dem Bettler die eine Hälfte und behielt die andere. Nicht besonders selbstlos, und nicht mal praktisch gedacht, was soll ein halber Mantel schon nützen? Aber doch irgendwie edel, und die Tat machte ihn denn auch zum Heiligen, nach dem die Martinsgans, Martin Luther und schließlich auch Martin Luther King benannt sind.

„Share“ ist verwandt mit „Schar“ und mit „Schere“. „Schere“ leuchtet sofort ein, denken wir nur an die XXL-Schere des heiligen Martin. Und „Schar“ auch, haben doch die meisten Facebook-NutzerInnen ganze Heerscharen von „Freunden“ (das Wort kommt natürlich auch bald dran), denen sie ihre Einfälle, Gefühle, Meinungen usw. mitteilen können und mit denen sie ihre Webfundstücke teilen können.

Wenn ich solcherart meine Unmengen von „friends“ an den Wechselfällen meines Lebens beteilige, betreibe ich Propaganda für mich selbst und/oder mein Geschäft (beides oft kaum voneinander zu unterscheiden) in einer Weise, die bis zum Aufkommen von Facebook unmöglich war. Jeder sein eigener PR-Agent (das Maskulinum ist intendiert). Und „share“ wäre für diese Tätigkeit am besten mit „verbreiten“, „unters Volk bringen“ übersetzt.

Der Shareholder ist ein Aktionär bzw. Anteilseigner, und wir wollen von ihm nichts wissen, es sei denn, wir sind selber Shareholder. Aber hat schon mal eine von „einer Shareholder“ gehört? Eben.

Apropos „share“ = „Anteil“. Wir haben den schönen Ausdruck „jemand Anteil nehmen lassen“, und das ist wohl in etwa das „sharing“ auf Facebook, jedenfalls soweit es meine „Statusmeldungen“ betrifft. Ich melde etwa: „War grad beim Zahnarzt, und es geht mir sowas von beschissen!“. Ich lasse meine Freunde Anteil nehmen an meinem Leid, und ja, sie nehmen Anteil, meiden den „Gefällt-mir-Knopf“, den jetzt zu drücken einfach herzlos wäre, und kommentieren in Scharen  :-((. Und das tut gut, denn:

Geteiltes Leid ist halbes Leid, 
Geteilte Freude ist doppelte Freude.

Dieser altmodische Spruch, diese Lebensweisheit ist übrigens das einzige deutschsprachige Beispiel, in dem „teilen“ mit „sharing“ voll übereinstimmt. Ein eher sehr weibliches Sharing/Teilen, denn unsere Kultur gewöhnt den armen Männern ja frühzeitig und rigoros ab, Freud und Leid mit anderen zu teilen.

Deshalb bin ich mit der „Fehlübersetzung“ des „share“ mit „teilen“ durchaus einverstanden. Möge es den Shareholders nahelegen, nicht nur mehr Anteile zu kaufen und ihre message flächendeckend zu verbreiten, sondern auch mehr Anteil zu nehmen, an sich selbst und an anderen. 


# | Luise F. Pusch am 28.08.2011 um 09:15 PM • Laut & LuiseGenderSocial Media9 Kommentare0 TrackbacksPermalink

21.08.2011

Follower: Twitterspeak und Gender, Teil 1

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Sechsundfünfzigste Lektion.

Vorgestern habe ich meine zweite Twitter-Seite (nach @luisepusch) eröffnet. Sie heißt @Hexikon und soll ein Sammelbecken für Wortschöpfungen, Wortspiele und Neudefinitionen der Frauenbewegung werden. Gerade habe ich meine 97. Tweet (Zwitsch?, Nachricht, Eintrag) getweetet: Mary Dalys Wortspiel dicktionary (von dick „Penis“ und dictionary „Wörterbuch“).
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Das Hexikon hat auch schon 29 Follower. Für diejenigen unter euch, die keinen Twitter-Account haben: Follower sind Leute, die sich für eine Twitterseite (in diesem Falle: @Hexikon) interessieren und sie abonnieren (sich als Follower anmelden), um jeweils sofort die neuen Hexikon-Tweets auf ihre eigene Twitter-Seite serviert zu bekommen.

Kaum hatte ich den Eintrag zum EMMA-Wortspiel „PorNO“ gezwitschert, hatte ich als Follower eine Pornoseite am Hals. Zum Glück kann frau Follower/Stalker auch blockieren.

Das Wort Follower gehört übrigens höchstens zwecks Reparatur ins Hexikon. Es ist ein Ausdruck der Männersprache, der es in sich hat.

Eigentlich müsste es ja followers heißen: „Ich habe 29 followers“ sagen wir als gebildete und des Englischen kundige Deutsche. Aber das Deutsch, das meine Seite ziert, haben sich andere ausgedacht, und so heißt es da eben „29 Follower“. Meine Follower sind natürlich fast ausschließlich Followerinnen. Aber das kümmert die Macher des Twitterdeutsch nicht.

Die „Follower“ sind eigentlich AbonnentInnen oder LeserInnen. „Folger“ gibt’s im Deutschen nicht, wir kennen höchstens „Verfolger“ und „Nachfolger“. „Folgende“ wäre gegangen und noch dazu wie aus dem feministischen Lehrbuch (vgl. Studierende statt Studenten). „Gefolge“ wäre sowohl geschlechtsneutral als auch noch witzig gewesen. “Gefolgschaft” hätte ich aus demselben Grund nett gefunden, zumal Gefolgschaft gerne mal aufgekündigt wird, was im Zusammenhang mit dem Folgenden (Wortspiel beabsichtigt) nicht unwichtig scheint:

Im Dritten Reich sagten Hitlers Follower: „Führer befiehl, wir folgen dir“. Sie wurden aber nicht Folger genannt oder gar Follower, sondern Anhänger. Männer mit Sendungsbewusstsein versammeln Anhänger um sich, oder Jünger, oder Gläubige bis hin zu den Fanatikern (abgekürzt: Fans). Diese sind “folgsam” und „folgen“ ihnen aufs Wort. Aber wehe, sie folgen noch jemand anderem als dem Führer. Im Übrigen geht das auch gar nicht: Wenn ich einem Führer folge, kann ich nicht zugleich einem anderen Messias folgen, es ist physisch unmöglich, ich kann mich nicht in zwei Hälften teilen. „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“, heißt es gleich im ersten der Zehn Gebote. Wenn die Herde dem Hirten folgt, folgt sie nicht zugleich einem anderen Führer. Sollte es einem schwarzen Schaf doch einfallen, auszuscheren, wird es in die Herde zurückgepfiffen. Falls das nicht reicht, kommen Hütehund, Gestapo oder Inquisition zum Einsatz.

FrauenbildBei Twitter ist es aber so, dass die meisten ebenso vielen Personen folgen, wie sie Follower haben. @DailyEngHelp, ein Lehrer, der über die englische Sprache zwitschert, hat 5.932 Follower und folgt 4.530 Personen. Was kann bei diesen Zahlen das „Folgen“ noch bedeuten?

Es ist eigentlich mehr eine Art Sichten, Beobachten -  und kann auch zum Überwachen dienen: „Mal sehen, was die Konkurrenz treibt.“ Eine Überwachungskamera kann sehr viele Menschen gleichzeitig ver“folgen“. Diese Einsatzweise des „Following“ erinnert ungut an die Teilnahme von Männern an feministischen Veranstaltungen. Was da gesagt wird, interessiert sie meist nicht. Aber durch offizielle Teilnahmerlaubnis behalten sie die Kontrolle über das Gesagte à la „Feind hört mit“.

Und warum heißt es nun Follower statt AnhängerInnen, AbonnentInnen, LeserInnen, InteressentInnen oder BeobachterInnen? Das weiß Twitter allein. Vielleicht erinnert Anhänger sie zu sehr an Schmuck oder Wohnwagen, Trailer - und signalisiert überdies eher Passivität als Dynamik.

Wie dem auch sei - ich werde mir das Wort „Follower“ für die LeserInnen meines Twitter-Hexikons gar nicht erst angewöhnen und lieber von AbonnentInnen sprechen, kurz von Abonnen (im Singular die/der Abonne). Erinnern sie nicht an die guten Bonnen, die unsere Urgroßmütter beim Spielen liebevoll im Auge behielten, als diese noch klein waren? Die Kategorie „Following“ (Seiten, die ich abonniert habe), würde entsprechend durch Abos ersetzt.

Diese kleidsamen Kreationen muss ich gleich mal ins Hexikon eintragen und in die Welt hinauszwitschern.
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Dank an Joey Horsley für prima Ideen und anregende Diskussionen zum Thema.


# | Luise F. Pusch am 21.08.2011 um 11:40 PM • Laut & LuiseGenderSocial Media15 Kommentare0 TrackbacksPermalink

10.04.2011

Hilde Domin und ihr Bremsklotz

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In der letzten Woche habe ich Marion Tauschwitzs Hilde-Domin-Biographie gelesen, die den vielsagenden Untertitel trägt: „Dass ich sein kann, wie ich bin“.

Das Buch ist inkl. Anhang über 600 Seiten stark - dass ich es trotzdem fast in einem Zug durchlas, liegt einerseits an der Kunst der Biographin, andererseits an dem aufwühlenden Stoff: dem „Jahrhundertleben“ der Hilde Domin von 1909 bis 2006. Die Langlebigkeit war auch nötig, möchte frau - nur scheinbar unsinnigerweise - hinzufügen, denn Domin wurde von ihrem tyrannischen Gatten, dem Kunsthistoriker und verhinderten Dichter Erwin Walter Palm, dermaßen ausgebeutet und aktiv behindert, dass sie ihren ersten Gedichtband erst 1959, mit fünfzig Jahren, veröffentlichen konnte. In dem Alter hatten andere große deutsche Dichterinnen - Bachmann, Droste, Kolmar - ihr Lebenswerk bereits vollbracht. Sie hatten nicht geheiratet.

Domins Verleger fand, es sei marketingtechnisch ungünstig, ein Erstlingswerk als Fünfzigjährige herauszubringen, deshalb machte mann die Dichterin kurzerhand drei Jahre jünger. Sie wurde dann ja allmählich doch noch berühmt und im Alter immer berühmter, so dass die gewaltigen Ehrungen zu ihren runden Geburtstagen immer einer Frau galten, die in Wirklichkeit schon drei Jahre älter war. Der Irrtum wurde erst zu ihrem 90. Geburtstag aufgeklärt.

Was die Lektüre der Tauschwitz-Biographie so faszinierend, aber auch schwer erträglich macht, ist die Geschichte der 56jährigen Ehe zwischen Hilde Domin und Erwin Walter Palm, der der Meinung war, seine Ehefrau habe nicht zu dichten, sondern ihm zu dienen, nicht nur als Bettgefährtin und Haushälterin, sondern auch als wissenschaftliche Assistentin und Agentin. Zeit seines Lebens setzte sie sich für ihn ein, aber als sie einmal ihn brauchte, nach dem Tod ihrer geliebten Mutter, blieb er lieber auf Reisen. In der Situation, als Jüdin im Exil, vom Mann im Stich gelassen, entdeckte sie endlich ihre wahre Heimat, das Wort.

Als Erwin Walter Palm ihre Gedichte erstmals sah, war er klug genug, deren Rang zu erkennen, auch zu erkennen, dass seine Frau ihm überlegen war - und dafür musste sie bestraft werden.

Der erbitterte Kampf darum, wer in dieser Ehe schöpferisch tätig und erfolgreich sein durfte und wer zu dienen hatte, prägte die Zeit von 1950 bis zu Palms Tod 1988: „Erwin Walter Palm ertrug es nicht, dass seine Frau Gedichte schrieb - ‚als ob die Katze auf einmal Eier legte.‘ Wollte sie schreiben, so sollte sie das in einer ‚Menstruationshütte‘ tun; ihr Wunsch zu schreiben, galt ihm als ‚unrein‘, die Dichtkunst sollte Männerdomäne bleiben.“ (S. 221)

Die Frage, warum Hilde Domin sich das alles und obendrein die zahlreichen Seitensprünge und Bordellbesuche ihres Gatten bieten ließ, beschäftigt die Leserin beständig, wird aber nicht zufriedenstellend beantwortet. Vielleicht kann sie nicht beantwortet werden. Oft genug wollte Erwin Walter Palm aus der Ehe aussteigen, oft genug blieb er monatelang auf sogenannten Forschungsreisen. Aber Hilde Domin ließ ihn nicht los; sie klammerte. Einmal heißt es: „‚Erwin ist einer der zehn gebildetsten Menschen auf der Welt‘, pflegte Hilde Domin zu sagen, ‘das Leben mit ihm war nie langweilig.‘ Und das schätzte sie.“ Ein andermal erfahren wir: „Die Schlüsselerkenntnis hatte sie bereits 1952 formuliert - und sie schien weiterhin Bestand zu haben: ‚Die Crux besteht darin, zum Teil, dass wir aus dem Quälen und Gequältwerden Gefühle beziehen, die zwar terribel, aber erotisch ergiebig sind. Die Angst, die wir voreinander haben, ist eine wahre Plage, aber irgendwo deliziös.‘“ (S. 408)

Hilde Palms Pseudonym Domin wird meist auf ihr Exilland, die Dominikanische Republik, und deren Hauptstadt Santo Domingo zurückgeführt. Tauschwitz vermutet überdies eine Anspielung an den Schauspieler Friedrich Domin, den Hilde Domin in München, wo sie längere Zeit lebte, kennengelernt haben dürfte. Nicht erwähnt wird die in die Augen springende Identität mit dem lateinischen Wortstamm domin-, wie in domina, dominus und dominare (dominieren).

„Pauvre petit [armer Kleiner]“, so beginnt eine der erschütterndsten Notizen Hilde Domins an ihren Mann, „bitte, bitte: Die Frage ist doch verkehrt. Es gibt doch keine Wahl zwischen meinem Werk und Dir. Mein Werk, alles was ich tun muss, das bin doch ich. Du sagst doch auch nicht: ‚Komm zum Frühstück ohne Arme. Entscheide Dich zwischen mir und Deinen Armen.‘ Du weißt doch, dass dies so ist. Sei nicht traurig, es gibt ja keine Wahl. Jeder ist, der er ist. Ein Dichter zu sein ist nichts Schlechtes. Du weißt es doch. H.“ (S. 375f)

Er wird ihr zugestimmt haben, dass ein Dichter zu sein nichts Schlechtes ist. Aber sie ist eine Dichterin! Als sie einmal Lust äußert, ein Theaterstück zu schreiben, sagt er: „Dann werf ich dich endgültig raus.“ Sie hat keins geschrieben.

Die Unterwürfige mag sich unterwerfen so viel sie will, sie ist die Stärkere, sie dominiert trotzdem, nicht nur ihren schwächlichen Tyrannen, sondern am Ende sogar die extrem frauenfeindliche, intrigante bundesdeutsche Literaturszene.

Es sollte einmal eine Geschichte der Ehefrauen im Exil geschrieben werden, die ihre Männer, monströse Bremsklötze, durchfütterten, ja buchstäblich am Leben erhielten und dafür ihre eigenen Projekte aufgaben oder hintanstellten. Sie nahmen jegliche Art von Arbeit an, um dem Göttergatten seine intellektuelle Arbeit weiter zu ermöglichen, da er sich für alles andere zu schade war. Für Erwin Walter Palm waren sogar Umzugsarbeiten unter seiner Würde. Er zog jeweils ins Hotel, bis seine zierliche Frau alles zu seiner Zufriedenheit erledigt hatte!

In so einer Sammlung über Frauen im Exil, die den Laden schmissen, und ihre Männer, die einfach nur schmissen, dürften z.B. die Gatten von Katia Mann, Mascha Kaleko, Helene Weigel und Karola Bloch nicht fehlen. Aber die Palme hat sich eindeutig Erwin Walter Palm verdient.

Marion Tauschwitz. 2010. Hilde Domin. Dass ich sein kann, wie ich bin. Biografie. Mainz. VAT Verlag André Thiele.


# | Luise F. Pusch am 10.04.2011 um 03:02 PM • Laut & LuiseBuchkritikFrauen!Männer!0 TrackbacksPermalink

03.04.2011

Equal Pay Day: 23 oder 30 Prozent Unterschied?

Der März hatte es in sich in Sachen Frauenpolitik. Wir feierten 100 Jahre internationaler Tag der Frau, begingen den „Equal Pay Day “, und zum Schluss gab es noch das Spitzengespräch zur Frauenquote zwischen den Ministerinnen von der Leyen, Schröder und Leutheusser-Schnarrenberger auf der einen und Vertretern der DAX-Unternehmen auf der anderen Seite.

Bei allen drei Events, die uns an und für sich ja hoffen lassen, gab es die üblichen weiblichen Probleme mit der Mathematik - gut, dass wir jetzt die Förderpläne für die MINT-Fächer entwickeln (MINT = Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik).

Hundert Jahre Tag der Frau hatten wir schon letztes Jahr gefeiert - was stimmt denn nun?

Bei der Debatte zur Frauenquote tönte Ministerin Schröder, sie wolle eine Verdreifachung des Frauenanteils in den Führungsgremien bis 2013. Das klingt ja enorm. Was sie in dem Zusammenhang weniger breittrat, war die Tatsache, dass wir nach Erreichung des schwindelerregenden Zuwachses grade mal bei 6 Prozent angekommen sind, denn derzeit gibt es 2 Prozent (in Worten: zwei!) Frauen in den Führungsetagen. Das klingt ja nun echt mickrig. Nennen wir es doch lieber „Verdreifachung!“

Am interessantesten aber ist der Equal Pay Day. Da geht es nämlich um die Frage, ob der Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern nun 23 Prozent oder 30 Prozent beträgt. Ist ja nicht grade unerheblich. Bezogen auf 23 Prozent wären 30 Prozent über ein Drittel mehr Differenz.

Des Rätsels Lösung: Es kommt auf die Bezugsgröße an - welchen Wert setze ich an als 100 Prozent? Den Männerlohn oder den Frauenlohn? In meinen Seminaren behandle ich solche Fragen unter der Überschrift „Frauenzentriertes Denken“. Das fällt uns Frauen noch schwerer als Mathematik ;-). Es ist keine Fertigkeit, sondern eine Kunst, aber sie lässt sich lernen.

Sagen wir mal, die Männer verdienen pro Stunde im Schnitt 20 EUR und die Frauen 15. Dann verdienen die Frauen ein Viertel oder 25 Prozent weniger als die Männer; der Lohnunterschied beträgt 25 Prozent.
Genau so wahr ist aber, dass die Männer ein ganzes Drittel, also 33 Prozent mehr verdienen als die Frauen, der Lohnunterschied beträgt also satte 33 Prozent.
Und damit die Frau dasselbe bekommt wie der Mann in einer Stunde, muss sie nicht nur eine Viertelstunde, sondern 20 Minuten länger arbeiten. Für das Jahr gilt entsprechend: Nicht nur ein Vierteljahr, sondern 4 Monate länger!

Auf der Seite http://www.equalpayday.de der BPW (Business and Professional Women) lese ich:

Nach der Veröffentlichung des Statistischen Bundesamtes (Destatis) vom 12. November 2009 „haben Frauen in Deutschland im Jahr 2008 mit durchschnittlich 14,51 Euro pro Stunde 4,39 Euro weniger als ihre männlichen Kollegen verdient. Damit lag der Gender Pay Gap, das heißt der prozentuale Unterschied im durchschnittlichen Bruttostundenverdienst von Frauen und Männern, wie bereits in den Vorjahren konstant bei 23%.

Ich nehme mal an, dass im Statistischen Bundesamt überwiegend Männer wirken. Sie fanden es sicher optisch hübscher, den Lohnunterschied mit 23 Prozent zu beziffern als mit 30 Prozent. Geschickte Wortkosmetik, wie bei Kristina Schröders “Verdreifachung”.

Ich rechne mal vor, wie die unterschiedlichen Zahlen zustande kommen:
14,51 (Frauenlohn) + 4,39 = 18,90 (Männerlohn)
14,51: 18,9% = 76,77 (14,51 (Frauenlohn) sind 76,77 Prozent von 18,9 (Männerlohn))
100%-76,77% = 23,23% Differenz
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18,9: 14,51% = 130,25 (18,9 (Männerlohn) sind 130,25 Prozent von 14,51 (Frauenlohn) )
130,25%-100% = 30,25% Differenz

Setzen wir unseren Lohn als Vergleichsgröße von 100 Prozent an (denken wir frauenzentriert!), so ergibt sich der stattliche Lohnunterschied von fast einem Drittel: 30,25 Prozent!

Auf der http://www.equalpayday.de Seite lese ich weiter:

Der Aktionstag „Equal Pay Day“ findet jährlich statt und markiert den Entgeltunterschied zwischen den Geschlechtern in Deutschland als den Zeitraum, den Frauen über den Jahreswechsel hinaus arbeiten müssten, um auf das durchschnittliche Vorjahresgehalt von Männern zu kommen.
Das Datum des Aktionstages „Equal Pay Day“ errechnet sich in Deutschland nach der Formel: 52 Wochen/Jahr x 5 Arbeitstage/Woche = 260 Arbeitstage/Jahr x statistisch aktuell ermittelter Entgeltunterschied in Prozent.

Dies Jahr war der Equal Pay Day am 25. März: 60 Tage länger musste die Frau angeblich arbeiten, um auf den Lohn des Mannes zu kommen.

Tatsächlich muss sie aber 78 Tage länger arbeiten, nämlich bis zum 20. April. Dann hat sie die 30 Prozent aufgeholt, die der Mann im letzten Jahr mehr verdient hat als sie.

Also liebe Frauen, begehen wir auch den Equal Pay Day gleich noch mal. Doppelt hält besser, das sahen wir ja schon bei der der zweiten 100-Jahr-Feier des Internationalen Tags der Frau.

 


05.09.2002

Verbrechen oder Kriegshandlung?

Der 11. September und das Definitionsmonopol

Kaum hatte George W. Bush im fernen Florida, wo er gerade einen Besuch in einer Schulklasse machte, von den Anschlägen auf die Türme des World Trade Center und auf das Pentagon gehört, da wußte er nach eigenem Bekunden, daß Amerika sich im Krieg befand und mit geballter Kraft zurückschlagen müßte und würde. Nur – gegen wen?? Den Schuldigen hatte er auch schon bald im Visier, ohne eine nähere Untersuchung der Umstände: Osama Bin Laden und sein Al-Qaeda-Netzwerk. Und Osama wollte er in die Hände kriegen, “tot oder lebendig”, wie einst im Wilden Westen.
  Beim nächsten Anschlag war die Bush-Administration sich nicht mehr so sicher. Die auf dem Postwege strategisch an die Machtzentralen von Politik und Medien verschickten Milzbrand-Erreger, die knapp drei Wochen nach dem 11. September eine neue Panik auslösten, wurden nicht sogleich Osama bin Laden zur Last gelegt. Zu peinlich war die Erinnerung an den Bombenanschlag in Oklahoma City, der sich, nachdem zuerst arabische Terroristen verdächtigt worden waren, als “hausgemacht” erwies.
  Die Terror-Anschläge der 90er Jahre lösten keinen “Krieg gegen den Terror” aus – die Nation lebte damals auch noch in vergleichsweise friedlich-vernünftigen Clinton-Zeiten, deren auffälligste Erregungen sexueller und börsenfiebriger Art waren.
  Der Anschlag auf die Twin Towers und das Pentagon forderte um 3000 Todesopfer, also etwa 17 mal so viele Opfer wie der “hausgemachte” Terror von Oklahoma City. Es wird vermutet, daß die Täter des 11. September von dem schrecklichen “Erfolg” ihres Anschlags selbst überrascht waren – mit anderen Worten, daß sie (wie übrigens auch die New Yorker Feuerwehr) nicht damit gerechnet hatten, daß die tragende Stahlkonstruktion der Türme schmelzen und alles unter sich begraben würde.
  Bushs Definition der Lage als “Krieg” hat sich sofort durchgesetzt, wahrscheinlich weil die Nation und die Welt unter Schock standen und er der mächtigste Mann der Welt an der Spitze der mächtigsten Nation der Welt ist. Denn natürlich haben Definitionen mit Macht zu tun. In der Regel hat der Stärkere (das Maskulinum ist beabsichtigt) das Definitionsmonopol. Deswegen gelten Frauen zum Beispiel als humorlos, weil wir die Witze, die Männer über uns machen, nicht komisch finden.
  Früher waren die Aufständischen in Tschetschenien für den Westen “Rebellen”, wenn nicht gar “Freiheitskämpfer”. Inzwischen wurden sie zu “Terroristen” degradiert, weil die Bush-Regierung Putins Beistand im Kampf gegen die Taliban brauchte und sich deshalb höflich seiner Definition anschloß. Putin und Bush haben jetzt ein gemeinsames Problem: Den Krieg gegen den Terror.

Aber befanden sich die USA wirklich in einem Krieg mit einem Gegner, der tückisch aus dem Hinterhalt operierte und das Territorium der USA ohne Kriegserklärung angegriffen hatte? Waren die Terroranschläge des 11. September nicht eher als als Verbrechen einzustufen?
  Die Antwort auf die Frage geht die Verbündeten der USA ganz direkt an. Haben wir es mit einem Verbrechen zu tun, kümmern sich die für Kapitalverbrechen zuständigen US-Behörden um den Fall, wie etwa geschehen beim ersten Anschlag auf das World Trade Center im Jahre 1993. Wurden hingegen die USA von einem Gegner kriegerisch angegriffen, sind die Nato-Verbündeten zur Hilfeleistung verpflichtet und befinden sich ebenfalls im Krieg.
  Während die islamische Welt, besonders Pakistan und Afghanistan, noch von einem Verbrechen ausgingen und Beweise forderten, bevor losgebombt würde, begann der “Krieg gegen den Terror” mit allen Konsequenzen, die eine Regierung, die sich im Krieg befindet, dem Volk abverlangen und von den Verbündeten erwarten kann. Justizminister Ashcroft schränkte sofort die Bürgerrechte ein; Verdächtige können jetzt ohne Verhandlung monatelang in Gewahrsam gehalten werden. Und verdächtig war so gut wie jeder arabisch aussehende Mann, verdächtig waren Menschen, die mit den Terrorpiloten Kontakt gehabt hatten, wie zufällig auch immer. Der Krieg in Afghanistan und die Sicherheitsmaßnahmen für die “Homeland Security” kosten Unsummen; für die Alters- und Gesundheitsversicherung der Bevölkerung bleibt wenig übrig.
  Bundeskanzler Schröder versicherte die Bush-Regierung der “uneingeschränkten” Solidarität Deutschlands – welche Zusicherung über die Köpfe der Betroffenen hinweg nicht nur die Regisseurin Helke Sander verfassungswidrig fand. Inzwischen ist Schröder von bedingungsloser Gefolgschaft auch wieder so weit wie möglich abgerückt und erklärt, für “militärische Abenteuer” (Bushs geplanter Angriff gegen den Irak) sei er nicht zu haben.
  Nach einem Jahr Krieg ist Osama Bin Laden noch immer nicht gefaßt, weder tot noch lebendig. Jetzt soll dafür Saddam Hussein dran glauben. Es wirkt fast wie eine Ersatzbefriedigung.

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Ich verbringe etwa die Hälfte des Jahres in den USA, und zwar in Boston, Massachusetts. Meine Amerikanisierung geht so weit, daß sich mir für den Notruf eher die – jetzt so unheimliche – Nummer 911 als die 110 eingeprägt hat, und ich hoffe, daß sich das nicht einmal fatal auswirkt.
  In Boston verkehre ich fast ausschließlich in feministischen Universitätskreisen (ja, sowas gibt es da). Keine meiner amerikanischen Freundinnen (die paar Freunde sind herzlich mitgemeint) hat George W. Bush und die Republikaner gewählt. Die meisten schütteln sich in ohnmächtigem Zorn, in Scham und Ekel, wenn sie in den Nachrichten hören, was sich die Bush-Administration – auch in ihrem Namen – alles leistet, von der peinlichen und gefährlichen Schwarzweißmalerei seit “9-11” über die Verstrickung in die Bilanzfälschungsskandale, die Mißachtung des Internationalen Strafgerichtshofs und des UN-Umweltgipfels bis hin zu dem Plan, den Irak ohne UN-Mandat anzugreifen, sozusagen als erste Etappe im Kampf gegen die “Achse des Bösen” Nordkorea, Iran und Irak.
  Mit Clintons Oral-Office-Geschichten hatten meine Freundinnen auch ihre Mühe, aber bei Bush hört für sie der Spaß auf. Einige politisch besonders Versierte finden ihn allerdings harmlos im Vergleich zu Cheney, den sie für die eigentliche Gefahr halten.
Das amerikanische Volk hat ja seinen obersten Kriegsherrn Bush gar nicht gewählt.  Bush hat Gore, der die Stimmenmehrheit (die sog. “popular vote”) bekam, aufgrund eines in Europa kaum verständlichen Wahlsystems und unglaublicher Pannen mit veralteten Wahlmaschinen zwar um ein paar Stimmen überrundet, aber die ganze Geschichte riecht insgesamt weniger nach Pannen als vielmehr nach einem Schurkenstück. Ich konnte mich nie des Eindrucks erwehren, daß Bush an die Macht kam durch Betrug, Verrat und Intrigen – mit Hilfe des Bruders Jeb Bush, der in Florida an der Macht ist und viele Gore-Stimmen der schwarzen und der jüdischen Bevölkerung schon im Vorfeld auszuschalten verstand. Als das noch nicht reichte, half der von Vater Bush und Vorgänger Reagan schön rechtslastig besetzte oberste Gerichtshof und sprach ein Machtwort. Und Gore ließ die Nation, die ihn gewählt hatte, im Stich und riet ihr, sich dem Spruch des Obersten Gerichtshofes zu beugen, damit wieder Ruhe und Ordnung einkehre.
  Bush machte als Präsident keine gute Figur – bis zum 11. September. Seitdem hat er seine “Mission Impossible” gefunden, und die geschockte Nation versammelt sich fahnenschwingend hinter ihm, wie es halt so geht in Krisenzeiten. Von der Opposition hören wir hier wenig, aber es gibt sie. Wenn Sie sich über das “andere Amerika” - FeministInnen und PazifistInnen - informieren wollen, besuchen Sie folgende Seiten im Internet:

  http://www.unitedforpeace.org (hier werden die alternativen Gedenkveranstaltungen zum 11. September koordiniert)
  http://www.feminist.org – immer eine nützliche Adresse!
  http://www.wellesley.edu/WomensReview/printpet.html (der Artikel von Rosalind P. Petchesky ist das Beste, was ich bisher zum Thema 11. September gelesen habe)

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In Deutschland kämpfen wir auch gerade gegen die Folgen einer nationalen Katastrophe, die Hochwasserkatastrophe. Beispiellos war und ist die Hilfsbereitschaft und Einsatzfreude der Bevölkerung. “Der Feind” war sichtbar und die nächstliegende Aufgabe so einfach wie ermüdend: Sandsäcke füllen, schleppen, anhäufen und wieder abräumen.
  Der Kanzler und die Koalition, vorher auf dem absteigenden Ast, ergriffen die Chance und sind im Aufwärtstrend.
  Merke: Eine nationale Krise versammelt das verängstigte Volk hinter der Regierung. Es möchte unbedingt helfen – wo es keine Sandsäcke schleppen kann, läßt es sich leicht zu “patriotischen” Taten aller Art verführen, vom Fahnenschwingen bis zum Bombenwerfen.
  Bush hat seine Chance klar erkannt. Nach seiner Definition befinden sich die USA in einem Krieg wie es noch keinen gab und dessen Ende nicht abzusehen ist.
Bush hat von seinem Vater gelernt. Der führte einen relativ kurzen Krieg in Absprache mit seinen Verbündeten, siegte und verlor die nächste Wahl.
Bush junior wird sich dies Schicksal ersparen wollen.

© 2002 Luise F. Pusch


# | Luise F. Pusch am 05.09.2002 um 02:58 AM • Laut & LuisePermalink

30.05.1998

Viagra: Wer braucht all die Erektionen?

Das zweite Jahrtausend neigt sich müde dem Ende zu, die Verweiblichung des Mannes durch östrogenähnliche Chemikalien in der Umwelt schreitet voran - da erlebt die Männlichkeit einen überraschenden Aufschwung. Im Frühling 1998 kam “die Pille für den Mann” auf den Markt, auf daß auch er endlich an der sexuellen Befreiung teilhaben könne, wie die Medien sich ausdrückten. Daß die sogenannte Pille für den Mann verhütungsmäßig das genaue Gegenteil der “Antibabypille” ist, kann mann vernachlässigen. Verhütung ist schließlich Sache der Frau. Und die wird nun mehr zu verhüten haben denn je, nicht nur Schwangerschaften, sondern auch Aids.

Die neue Pille heißt Viagra. Das läßt sich in den meisten Sprachen gut aussprechen - wichtige Voraussetzung für die globale Vermarktung. Allerdings klingt der Name eher weiblich - wäre nicht sowas wie Victor, Maxim oder Collum mannhafter gewesen? Möglicherweise soll der feminine Name die sexmuffelige Ehefrau einlullen und besänftigen, die schließlich den Großteil der zu erwartenden Spermaspringflut zu verkraften hat. Oder soll sie schon mal eingestimmt werden, die Erektionspille selber zu nehmen? Wie wir hören, wird “Viagra für die Frau” derzeit an 400 Europäerinnen getestet. Schließlich leben wir im Zeitalter der Gleichberechtigung. Und die enormen Entwicklungskosten wollen auch wieder reinverdient werden.

Viagra reimt sich im Englischen auf Niagara [“Naiägra” mit Betonung auf dem ä]. Nun haben die Niagarafälle zwar naturgemäß und wie der Name schon sagt eine eher fallende als steigende Tendenz, aber zweifellos sind sie ein gewaltiges Naturschauspiel tosender Fluten, es schäumt und spritzt, daß es eine Freude ist. Außerdem sind die Niagarafälle beliebt für Hochzeitsfeiern, Flitterwochen und ähnlich erektionsfreudige Seifenopern. Das ist es wohl, was die Namengeber im Sinn hatten.

Die Frauen verhielten sich in all dem Jubelgeschrei merkwürdig, ja geradezu unheimlich still. In den vielen Radio-Talkshows, die ich in den USA zum Thema Viagra gehört habe, redeten fast nur männliche Experten, riefen auch fast nur Männer an. Männer schäumten über vor Begeisterung und produzierten täglich neue TV- und Radio-Talkshows, Artikel, Glossen, Kommentare und wissenschaftliche Betrachtungen. Aber die mutmaßlichen Empfängerinnen [um inhumane Wörter wie Auffangbecken oder Samenklo zu umgehen] all der angestauten und nun ungestüm hervordrängenden Samenflüssigkeit schienen wenig interessiert geschweige denn begeistert. Eine Umfrage unter Ehefrauen brachte das ernüchternde Ergebnis, daß sich nur 15 Prozent für einen eventuellen Viagrakonsum ihrer Männer erwärmen konnten. Gründe für die lustlose Reaktion wurden nicht verraten, auch wurde die Nachricht nur ein einziges Mal gesendet.

Es scheint also, daß hier mal wieder ein Produkt - Sperma - kraß an der Hauptzielgruppe vorbeiproduziert wird. Ich finde es ok, daß schwule, bisexuelle und masturbationsfreudige Männer nun so viele Erektionen haben können wie sie wollen und bezahlen können [US-amerikanische Krankenversicherungen sind bereit, sechs Erektionen pro Monat zu finanzieren]. Aber was ist mit der zu erwartenden gewaltigen Restmenge an Erektionen und Samenflüssigkeit, die der Frau zugedacht sind? Wer braucht denn all diese Erektionen?

Bis zum Auftauchen von Viagra war Impotenz kein Thema. Nun es eine Kur gibt, wird ein Theater gemacht, als sei ein Mittel gegen Krebs gefunden worden. Plötzlich scheint es, daß ganze Heerscharen von Männern an Impotenz gelitten haben - ohne daß es weiteren Kreisen aufgefallen wäre. Die betroffenen Männer haben darüber verschämt geschwiegen, und die Frauen haben offenbar nix vermißt, im Gegenteil. Für diese These spricht auch der Verkaufserfolg von Büchern wie “Suche impotenten Mann fürs Leben” und Songs wie “Sperma ist ekelhaft”, mit dem das gemischte Duo “Herrchens Frauchen” vor ein paar Jahren einen Superhit landete.

Viagra muß eine Stunde “vorher” eingenommen werden. In dieser einstündigen Zwangs-Besinnungspause zwischen Planung und Durchführung der Orgie sehe ich den einzigen wirklichen Vorteil für die Frau. Der Mann muß sich in Stimmung bringen, sonst nützt ihm auch Viagra nichts. Es steht zu befürchten, daß er das mittels Pornos tun wird. Aber es besteht ja - mal rein theoretisch gesehen - auch die Möglichkeit, sich der Partnerin (oder dem Partner) liebevoll-erotisch zuzuwenden, eine ganze Stunde lang, WOW! Genau diese liebevolle Zuwendung ist es ja, was Frauen an Sexualität, wie Männer sie verstehen, gewöhnlich vermissen. Die 85% der Ehefrauen, die nichts von Viagra wissen wollen, haben diesbezüglich ihre Gatten vermutlich schon lange aufgegeben. Sex bedeutet für sie Unlust, und mehr Sex bedeutet noch mehr Unlust - weil es nicht ihr Sex ist, sondern seiner: Rein, umrühren, raus, umdrehen, einschlafen.

Ansonsten heißt es wachsam bleiben. Die Erektionen mehren sich, 6 pro Monat sind genehmigt und vorgesehen. Zugleich werden weltweit die Abtreibungsgesetze verschärft. Kein Wunder, daß Frauen keine Lust haben. Aber weil wir keine Spielverderberinnen sein wollen, protestieren wir weder lautstark, noch rufen wir zum Boykott auf. Noch nicht.


# | Luise F. Pusch am 30.05.1998 um 03:02 AM • Laut & LuisePermalink

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Hedwig Dohm