Feministische Sprachkritik

07.04.2007

Titelei

Passend zu Ostern kommt heute ein Ei bzw. eine Titelei.

Mit Titeln hatten wir es hier ja schön öfter. Die “Frau Bundeskanzlerin” geht uns, nach nur kurzer Einarbeitungszeit, inzwischen allen locker von den Lippen.
Nicht so die “Frau Doktorin” oder “Frau Professorin”. Eine Freundin schrieb mir neulich empört, die Bahn hätte aus ihrer “Dr.in” auf der Bahncard einen “Dr. Ing.” gemacht. Ebenso empört meldete eine andere Freundin, ihr Word-Rechtschreibprogramm hätte das Wort “Linkshänderin” nicht akzeptiert und stattdessen “Linkschänderin” angeboten.
Da sage noch einer, wir schändeten die deutsche Sprache mit unseren Feminisierungen. Wir schänden lediglich Links.

Eine Frau, die vor etwa 20 Jahren an der Uni Salzburg promovierte und statt des “Doktortitels” den Titel “Doktorin” haben wollte, belehrten die Beamten süffisant, die weibliche Form von “Doktor” laute “doctrix” – “Doktorin” sei als Titel leider nicht vertretbar, schon aus sprachlichen Gründen.
Die ItalienerInnen, immerhin die legitimen ErbInnen der hier an den Haaren herbeigezogenen lateinischen Sprache, sind da nicht so pingelig. Eine Doktorin bekommt den titel “dottoressa”; “dottore” fänden die ItalienerInnen für eine Frau wohl grotesk.

Vor vielen Jahren wurde die unverwüstliche Dauerfrage deutscher Stammtischbrüder “Wie rufe ich bloß nach der Kellnerin? Auf Frollein hören die ja heutzutage nicht mehr” von der Gesellschaft für Deutsche Sprache aufgegriffen für eine ihrer Preisfragen. Den ersten Preis bekam der Vorschlag: “Frau Ober”. Dann doch lieber “Mutter Oberin”, gell?

Die Begründung für die seltsame Preisverleihung lautete: “Ober” sei die Abkürzung von “Oberkellner” – und selbstverständlich auch für “Oberkellnerin”. Nach dieser Sichtweise wäre “Prof.” die Abkürzung sowohl für “Professor” als auch für “Professorin”. Aber “Dr.” funktioniert anders, es besteht aus Onkel Doktors erstem und letztem Buchstaben. Dementsprechend müßte Tante Doktorin (wir sagten als Kinder natürlich “Tante Doktor") mit “Dn.” oder “Drn” abgekürzt werden. Und die Behörden würden das wieder berichtigen zu “Dirne”, “Dämon”, “Domina” oder was ihnen sonst so einfällt.

Ein Leser schickte mir neulich den Hinweis auf Dr. Robin Herbert. Ja wer mag das sein? Wir denken an Robin Hood oder Robin Williams, schreibt er – käme irgendjemand auf die Idee, daß Dr. Robin Herbert eine Frau ist? Nein! Da Dr. Herbert zur Frau des Jahres ernannt wurde, habe sich die Tatsache ihrer Weiblichkeit vielleicht herumgesprochen. Sicher sei man aber nie, findet er – wenn ein Mann Frauenminister werden könne wie seinerzeit Herbert Haupt in Österreich, wäre es den Jungs auch zuzutrauen, daß sie einen Mann zur Frau des Jahres ernennen. Und deshalb, so argumentiert er völlig zu Recht, muß es heißen: Doktorin Robin Herbert.

Falls es uns aber alles zu lästig wird mit der Feminisierung der Titel, sollten wir uns einfach mit “Hoheit”, “Exzellenz”, “Eminenz”, “Spektabilität”, “Magnifizenz” oder “Majestät” anreden lassen - garantiert weiblich und schön weit oben angesiedelt, wie es uns zukommt. Für jeden Tag ließe sich leicht ein passender weiblicher Titel finden. Am Sonntag z.B. ist doch die Anrede “Ihre Heiligkeit” sehr schicklich und kleidsam!

Ich entnehme diese Anregung zur Selbsthilfe aus Wikipedia. Dort finde ich unter dem Stichwort “Titel” bzw. “Namenszusatz” natürlich keine Frauen:
Frauenbild

Aber eben doch eine sehr nette Anregung: “Städte können sich einen Namenszusatz verleihen” – warum also nicht auch wir?
Frauenbild

10.03.2007

Gästinnen willkommen, auch mit Adlerin

Während meiner Lesereise zum 8. März wurde ich gleich zweimal - in Mainz und in Linz an der Donau - gefragt, ob es das Wort “Gästin” wirklich nicht gebe. Die Fragerinnen waren von Männern belehrt worden, ihr Wunsch, außer “Gästen” auch noch “Gästinnen” einzuladen, sei nicht nur blöd und total überflüssig, sondern zeuge überdies von Unkenntnis der deutschen Sprache und Grammatik.

Ich sagte ihnen, erstens könnten sie im Prinzip sowieso reden wie sie wollten, das sei ja gerade das Lustige und Kreative an der feministischen Sprachkritik. Ihr Wunsch zeuge von einem schön empfindsamen Sprachgefühl, denn die feministische Grundregel lautet: “Eine Frau wird nicht mit einem Maskulinum bezeichnet.”

Und da der Mond eine Frau ist, heißt sie auf Feministisch und in allen anderen zivilisierten Sprachen eben die Mondin, La lune, la luna usw.

Mein Lieblingsbeispiel ist folgender Ausspruch einer Freundin über ihre Frau: “Beatrix ist meine ruhende Polin.”

Aber selbst wenn wir mal die Grammatik als Argument gelten lassen wollen, lagen bezüglich der “Gästin” eher die Frauen richtig als die vorlauten Männer: Das Wort ist keine feministische Verirrung, sondern gehört sozusagen zum Urgestein der deutschen Sprache – schon im Grimmschen Wörterbuch wird es ausführlich behandelt, mitsamt vielen Belegen aus dem Mittel- und sogar Althochdeutschen. Hier eine polizeiliche Verlautbarung aus Alt-Nürnberg:

das kein burger oder burgerin, gast oder gestin in diser stat Nuremberg .. peteln sol.

Sehr schön ist dieser Beleg auch wg. seiner fleißigen Anwendung der Doppelform (wie aus dem feministischen Lehrbuch – wenn es sich auch leider nur um ein Verbot handelt. Bei Verboten machen die Herren schon gerne deutlich, daß auch die Frauen gemeint sind.)

Und was ist nun mit den Adlerinnen?
Die gehören inhaltlich auch hierhin; ich wurde auf der Lesereise auch nach ihnen gefragt, und nach Falkinnen. Da das aber eine längere Geschichte ist, behandle ich sie beim nächsten Mal. Für heute möchte ich nur noch einmal bekräftigen: Benutzen Sie so viele Feminina wie Sie können. Die Mondinnen, Adlerinnen und Gästinnen werden sich geehrt und respektiert fühlen. Gar nicht zu reden von den ruhenden Polinnen!

23.08.2006

Lücken im deutschen Wortschatz

1) Gesucht: der jugendliche Naive und der komische Alte …

Daß es für die “Wöchnerin” im deutschen Wortschatz kein männliches Pendant gibt, ist verständlich, denn bisher hat die moderne Medizin es noch nicht geschafft, daß auch der Mann mal Pause macht und in die Wochen kommt. Daß aber auch die “jugendliche Naive” und die “komische Alte” auf der deutschen Bühne und in der deutschen Sprache keine adäquaten Partner finden, bleibt erstaunlich. Denn in der kruden Wirklichkeit treffen wir doch dauernd auf den jugendlich naiven Radaubruder und die komischen alten Politiker.

Die Reihe wird unbeirrt fortgesetzt.

25.06.2006

Der Kaiser sagt Ja

Ein Kernsatz der feministischen Sprach- und Gesprächsanalyse besagt, daß Herrschaft nicht einfach vom Himmel fällt, sondern hergestellt wird und immer wieder, durch zahllose kleine Einzelhandlungen, hergestellt werden muß, um sich zu halten.

In dem unten abgebildeten Artikel aus der Neuen Westfälischen vom 23. Juni 2006 wird vorgeführt, wie es gemacht wird. Ein Lehrstück, hervorragend geeignet zu Demonstrations- und Studienzwecken in Schule und Universität, denn der Text versammelt auf kleinstem Raum fast alle sprachlichen Mittel, mit denen männliche Dominanz etabliert wird.

Frauenbild
Es geht um eine Heirat. Für diesen Vorgang hält die deutsche Sprache verschiedene Ausdrucksformeln bereit:
1. Franz heiratet Heidi oder
2. Heidi heiratet Franz oder
3a) Heidi und Franz heiraten oder
3b) Franz und Heidi heiraten
Die dritte Formulierung ist sprachlich gerecht, durch Erstnennung kann mann der Dame sogar sogar galant den Vortritt lassen.

Keine dieser Möglichkeiten wählt der Text für die Überschrift, sondern: “Der Kaiser sagt Ja” - eine eigentümliche Abwandlung der etwas altbackenen Formel “Sie gab ihm ihr Jawort”. Hier gab er also ihr sein Jawort, so als habe sie, in Umkehrung der Tradition, um seine Hand anhalten, ja geradezu darum betteln müssen, und als habe der begehrte Preisbulle schließlich ihrem Drängen nachgegeben. Von Heidi Burmester ist in der Überschrift schon gar nicht die Rede, der Kaiser tritt alleine auf und sagt alleine Ja. Ob sie Ja oder Nein oder überhapt was zu sagen hatte, erfahren wir nicht.

Auch in der Unterzeile erfahren wir nur, daß Franz Beckenbauer, der mit vollem Namen auftreten darf, “seine Heidi”, die hier nur per Vornamen vorgeführt wird wie eine Kuh (die haben auch keine Nachnamen) geheiratet hat.

Heidi Burmester wird ja in ihrem Leben vielleicht auch etwas anderes getan haben als um die Hand des Kaisers zu betteln, aber wir erfahren es nicht. Er dagegen wird uns vorgestellt - als ob wir es nicht wüßten - als “der Kaiser” und “Chef des Organisationskomitees”. Höher gehts nimmer.

Das Bild unterstreicht diese Verhältnisse noch einmal nachdrücklich: Wer hier oben und wer unten ist, wird niemandem verborgen bleiben.

# | Luise F. Pusch am 25.06.2006 um 10:58 AM | Druckversion
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24.06.2006

Jürgen Flimm über erwachsene Knaben, die Leute und ihre Mädels

Gestern wurde der Regisseur Jürgen Flimm im Deutschland-Radio zur Fußball-WM und zu seiner neuen Lucio-Silla-Inszenierung für Venedig und Salzburg befragt. Mozart komponierte die Oper mit 16 Jahren. Ob das dann ein Kinder- oder Jugendwerk sei, wollte der Interviewer wissen und bekam zur Antwort, nein nein, das sei schon sehr erwachsene Musik. Wer wird auch eine Oper, die er grade inszeniert, als kindisch abtun!

Zum Fußball meinte Flimm, Argentinien käme ins Finale, Deutschland wohl eher nicht. Und was er denn von diesem allgemeinen Fahnengeschwinge halte, diesem heiteren neuen deutschen Nationalstolz? Der sei doch gar nicht neu, meinte er, und außerdem auch nichts besonderes, schon gar nicht etwa besorgniserregend. Das sei einfach eine riesige Party, ganz wunderbar. Die Menschen hätten eben so ihre Grundbedürfnisse, dazu gehöre neben dem Essen auch das Feiern.

Die Leute hätten schon immer für ihre Helden lautstark geschwärmt. Damals hießen sie Fritz Walter, Uwe Seeler und Franz Beckenbauer, heute eben Michael Ballack und Miroslav Klose. Alles gar nicht neu. Die Leute wären schon immer laut hupend und fahnenschwingend durch ihre Städte gefahren und hätten auf den Dächern gefeiert, mit ihren Mädels.

Anscheinend zählt Jürgen Flimm “Mädels” (gemeint sind hoffentlich junge Frauen) nicht zu den Leuten. Sie sind für ihn mehr so eine Art Zubehör, das zum Feiern einfach dazugehört. Mann hat da eben so seine Grundbedürfnisse. Außer Bier braucht es auch noch Mädels.

# | Luise F. Pusch am 24.06.2006 um 02:33 PM | Druckversion
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21.06.2006

Landsfrau Maxima

Heute im Spiel Holland gegen Argentinien in Frankfurt, zweite Halbzeit. Reporter Béla Réthy kommentiert einen Schwenk der Kamera auf Diego Maradona, der umringt von seinen Bodyguards auf eine Frau zusteuert. “Ist ja nicht viel zu sehen wegen seiner Körpergrüße, aber es passiert nichts Schlimmes”, stellt Réthy beruhigend fest, “nur Küßchen Küßchen mit seiner Landsfrau, Prinzessin Maxima aus Argentinien.”

Früher gab es auf der einen Seite Landfrauen, also Bäuerinnen, Gutsbesitzerinnen usw., und auf der anderen Seite Landsmänninnen. Prinzessin Maxima wäre noch vor wenigen Jahren eine “Landsmännin” Maradonas gewesen. Dies Wort aber scheint Réthy gar nicht mehr zu kennen oder aber wegen Verschrobenheit abzulehnen, wie wir es unter lautem Gezeter der Sprachwächter schon vor 30 Jahren taten. Eine Frau ist keine Männin, weder eine Amtmännin noch eine Landsmännin. Und Réthy führt uns vor, ganz nebenbei, denn natürlich ist sein eigentliches Thema der Fußball, wie der coole Typ von heute das handelt.

# | Luise F. Pusch am 21.06.2006 um 09:27 PM | Druckversion
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19.05.2006

Berliner

In der Mai-Nummer des Magazins der Deutschen Bahn, genannt mobil, erfahren wir auf S. 33, daß Berliner Männer sind und eine kleine Frau haben: großbusig, barbusig und geschmückt mit einer langen blonden Mähne. Die Frau des Berliners ist noch kleiner als seine beiden Kinder. Klicken Sie auf das Bild, dann erscheint der Berliner à la DB in seiner ganzen Schönheit, inklusive Winzfrauchen auf dem Arm.
Frauenbild Der Begleittext verrät auch keinerlei Einsicht darüber, daß “die Berliner” zu 52 Prozent weiblich sind (jedenfalls sagt mann uns das doch immer, wenn wir verlangen, daß die Doppelform “Berlinerinnen und Berliner” benutzt werden soll). “Der Berliner”, wie die Deutsche Bahn ihn sieht, wird den Bahnreisenden nähergebracht auf “Kanal 4 - Literatur im Zug”. An Literaturschaffenden fanden die Bahn, der Hörverlag und die Kulturwelle des Hessischen Rundfunks, die für das Programm verantwortlich sind, ebenfalls nur Männer. Ihre Namen will ich hier nicht nennen, dies ist ja kein Reklame-Blog für Männer. 

16.05.2006

Knutschfreundinnen

Gestern nacht strahlte MDR den düsteren dänischen Film Schwarze Ernte von Anders Refn nach einer Novelle von Gustav Wied aus. Falls Sie nicht gerade selbst in düsterer Stimmung sind, sollten Sie sich den Film unbedingt ansehen, wenn er mal wiederholt wird.

Ich habe durch den Film nicht nur einen tiefen Einblick in die Abgründe patriarchalen Familienterrors tun können, sondern auch ein neues Wort kennengelernt. Eine der vier Töchter des despotischen Gutsbesitzers Nils Uldahl-Ege (glänzend, widerlich: Ole Ernst) ist lesbisch; sie knutscht manchmal verstohlen mit ihrer Schwester, dann mit einer Freundin. Die Freundin heiratet einen Nachbarn. Das Gesinde zerreißt sich das Maul über die verlassene Anna in ihrem Liebeskummer: “Sie kommt nicht drüber weg, daß ihre Knutschfreundin weggeheiratet hat. - Klar, die beiden waren Knutschfreundinnen, wußtet ihr das nicht? Männer haben da nichts zu melden.”

Ich hatte das Wort Knutschfreundin noch nie gehört und gebe es hiermit weiter, zu gefälligem Gebrauch. Viele Lesben mögen ja das Wort Lesbe nicht, sagen z.B. lieber frauenliebende Frau, was ich ein bißchen langatmig und anämisch finde. Knutschfreundin ist saftig, deftig und lustig. FrauenbildJoey Horsley und ich haben ja letztes Jahr ein Buch über berühmte Knutschfreundinnen veröffentlicht. Leider kannten wir das Wort Knutschfreundin aber noch nicht, als wir nach einem passenden Titel suchten. Deshalb heißt es schlicht Berühmte Frauenpaare. Paßt vielleicht auch besser; nicht alle porträtierten Frauen waren knutschfreudig. Vielleicht nennen wir den zweiten Band Berühmte Knutschfreundinnen. Aber ich fürchte, der Verlag wird das nicht akzeptieren. Deshalb mache ich hier schon mal ein bißchen Reklame für den netten Ausdruck. Merke: Es knutschen nicht nur Elche, sondern auch Elchinnen!

# | Luise F. Pusch am 16.05.2006 um 02:58 PM | Druckversion
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13.05.2006

Bravo Michael Ostrowski!

Gestern abend brachte 3sat die Eröffnung der Wiener Festwochen, das Große Finale des 13. Eurovisionswettbewerbs für “junge Musiker” (sic). Zehntausende hatten sich auf dem Wiener Rathausplatz versammelt, um dem Mega-Event beizuwohnen. Ihnen und den ZuschauerInnen in aller Welt gab der charmante und witzige Moderator Michael Ostrowski eine gründliche Lektion in frauenfreundlicher Sprache. Konsequent redete er von den sieben Finalistinnen.

“Na sowas”, fragten wir uns, “sind da wirklich nur Frauen ins Finale gekommen?” Wir wissen ja, daß Frauen oft besser sind, aber daß das auch mal erkannt und anerkannt wird, ist doch eher selten. Nach zwei, drei Finalistinnen trat dann aber überraschend ein Finalist auf; er spielte die Oboe. Der unerschrockene Sprachpionier redete weiter nur von Finalistinnen, Musikerinnen und den Zuschauerinnen auf dem Platze, den “lieben Freundinnen hier und an den Bildschirmen in aller Welt”, die er zum Schluß aufforderte, mit ihren Partnerinnen den Abschlußwalzer zu walzen.

Eine Sternstunde des Fernsehens. Wir möchten mehr von Michael Ostrowski sehen und hören!

# | Luise F. Pusch am 13.05.2006 um 09:53 AM | Druckversion
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06.05.2006

Die seltsame Vormund

Neulich schickte mir eine Beamtin vom Jugendamt eine Anfrage:
“Ich möchte gerne die richtige weibliche, feministische Form von Vormund benutzen, können Sie mir helfen? Lautet sie Vormundin wie im Duden? Und die Pluralform?”
Meine Antwort: “Am besten kreieren Sie sich die richtige feministische Version selber, das mußten wir ja schon öfter tun (vgl. Hausmann, Ratsfrau, die erst belacht wurden und inzwischen gängig sind).

Das Grimmsche Wörterbuch meldet zu Mund (auch oft munt geschrieben):
“MUND, f. schutz, schirm, gewalt, ahd. mhd. munt, ... als einzelnes wort im nhd. nicht mehr lebend, in einigen ...zusammensetzungen der älteren rechtssprache erhalten; vgl. auch mündel, mündig und vormund.”

Mund in diesem Sinne ist also ein Femininum; es heißt die Mund. Entsprechend müßte es korrekterweise auch die Vormund heißen, aber auch diesen Begriff haben die Männer an sich gerissen, wie alles andere. Ich plädiere also für die Vormund neben der Vormund, ähnlich wie bei die/der Angestellte.

Das Grimmsche Wörterbuch meldet des weiteren: “VORMUNDIN, f., in älterer sprache neben dem häufigeren vormünderin

Es gibt auch der Mundherr; die entspr. Mundfrau müßten wir ebenfalls kreieren. - Ich rate Ihnen entschieden zu die Vormund, falls Sie nicht Mundfrau/Mundherr vorziehen, was sich eleganter in den Plural setzen läßt: Mundfrauen und Mundherren (statt fragwürdiger Vormunde oder Vormünder).

Die Beamtin schrieb zurück: “Herzlichen Dank für die Beantwortung meiner Anfrage. Die Vormund klingt etwas seltsam, ich werde aber einen Versuch starten und bin auf die Reaktion gespannt.”

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Hedwig Dohm