»Laut & Luise«
22.10.2011
Seit einiger Zeit benutzen manche SchreiberInnen, die sich um sprachliche Gerechtigkeit bemühen, nicht mehr das große I, auch Binnen-I genannt, sondern den Unterstrich, auch Gender_Gap genannt. Statt „SchreiberInnen“, „KollegInnen“ also „Schreiber_innen“, „Kolleg_innen“, undsofort. (Mehr dazu hier)
Die Schreibweise mit dem Unterstrich entstand im Diskurs der Queer Theory; sie wurde vorgeschlagen von Steffen Kitty Herrmann in dem Artikel „Performing the Gap - Queere Gestalten und geschlechtliche Aneignung“, nachzulesen hier.
Ich werde oft gefragt, was ich von dem Unterstrich halte. Hier eine meiner Antworten aus dem Jahr 2008, Quelle: dieStandard
Luise F. Pusch, Verfasserin mehrerer Klassiker rund um geschlechtergerechte Sprache […] findet den Unterstrich zwar interessant, zeigt sich gegenüber dieStandard.at aber nicht ganz überzeugt. “Er erinnert ja sehr an den Aufbau von Email-Adressen. Besser als der Schrägstrich (Leser/innen) ist er allemal, aber nicht so gut wie das große I in der Mitte, das auf schlaue Weise eine feminine Lesart suggeriert, die trotzdem auch für Männer akzeptabel sein sollte, da sie sich ja von der rein femininen Form ‘Leserinnen’ graphisch deutlich unterscheidet.” Die Idee des Unterstriches, als Leerstelle Raum für Menschen zu schaffen, die sich geschlechtsmäßig nicht festlegen wollen oder können, findet sie im Ansatz gut, “die Lösung scheint mir jedoch nicht überzeugend.” Pusch spricht sich hingegen für ein konsequentes Hinarbeiten auf neutrale Formen aus, ähnlich dem “the” im Englischen. Sie plädiert für “eine rigorose Abschaffung der im Kern diskriminierenden Ableitungen ‘nebensächlicher’ Formen aus den ‘Hauptformen’. Alle Geschlechter einschließlich der nicht Festgelegten haben Anspruch auf die Grundform und sollten nicht mit irgendwelchen Wurmfortsatzbildungen in Ecken abgeschoben werden”, so Pusch.
Die Sprache ist für die Menschen da, und sie können mit ihr machen, was sie wollen. Sie können alsdann versuchen, andere Menschen von ihren Ideen zu überzeugen. Die Idee des Unterstrichs hat anscheinend schon viele Menschen überzeugt; jedenfalls begegne ich dieser Schreibweise immer öfter. Befreundete Germanistinnen aus den USA fragen an: Weißt Du, was es mit diesem Unterstrich auf sich hat?“ In „Feminismus schreiben lernen“ (Brandes & Apsel 2011) wurde der Unterstrich weiterentwickelt zu einem „dynamischen Unterstrich“: Um Lese- und Denkgewohnheiten zu irritieren, lassen die Autorinnen den Unterstrich nun auftauchen, wo sie wollen. Das sieht dann so aus: Doze_ntinnen, Ver_Ant_W_Ortungen, Freun_dykes/innen, Ver_Suche, Geschichte_N.
Es tut sich was in Sachen gerechte Sprache. Anscheinend wird sie immer gerechter. Besser gesagt: Das ist die Absicht der Anhänger_innen des Unterstrichs.
Als Veteranin des Kampfes für eine gerechte Sprache glaube ich allerdings nicht, dass der Unterstrich das beste Mittel zur Erreichung des Ziels sprachlicher Gerechtigkeit ist. Ich glaube auch nicht, dass die Wörter immer weiter zerstückelt werden müssen, damit sich zwischen den Bruchstücken neue Räume für die bis dato unterdrückten Kategorien auftun können. Sprache funktioniert nicht so.
Im heutigen ersten Teil meiner Stellungnahme möchte ich erläutern, warum andere Lösungen besser geeignet sind, die „geschlechtlich nicht Festgelegten“ sprachlich sichtbar zu machen. Im zweiten Teil werde ich nächste Woche an dieser Stelle aufschreiben, warum die von der Queer Theory inspirierte Technik, Wörter aufzubrechen, um Freiräume für Unterdrückte zu schaffen, eher zu Unverständlichkeit und Leseverdruß als zum Ziel führt. Wie gesagt: Sprache funktioniert anders, als Queer-TheoretikerInnen sich das vorstellen. „Die altbewährten feministischen Strategien tun es auch. Allerdings wurden diese nicht von Männern entworfen oder abgesegnet und genießen deshalb kein akademisches Ansehen. Aber darauf kommt es ja letztlich auch nicht an, oder?“ (Selbstzitat aus “Homophobische Diskurse, Dekonstruktion, Queer Theory: Eine feministisch–linguistische Kritik”, in: Pusch, Luise F. 1999. Die Frau ist nicht der Rede wert: Aufsätze, Reden und Glossen. Frankfurt/M. Suhrkamp TB 2921. S. 68-86)
Kritik des Unterstrichs:
Der Unterstrich macht aus einem umfassenden (generischen) Femininum bzw. aus der Abkürzung für die Doppelform (LeserInnen, zu sprechen als Leserinnen und Leser) ein Gebilde aus Maskulinum plus Unterstrich plus Femininum-Suffix.
Menschen, die sich dem weiblichen oder männlichen Geschlecht nicht zurechnen können oder wollen, sollen sich durch den Unterstrich repräsentiert sehen, Frauen durch das Suffix. Als Frau finde ich es mehr als unbefriedigend, mich nach 30 Jahren Einsatz für eine gerechte Sprache auf ein Suffix reduziert zu sehen. Das ist eigentlich noch schlimmer als Mitgemeintsein. Und als Transsexuelle, Intersexuelle oder Transgenderperson würde ich den mir als Platz zugewiesenen Unterstrich vermutlich ebenso als entwürdigend einordnen.
Mit anderen Worten: Die Absicht ist edel und verständlich, die Ausführung macht die Sache aber noch schlimmer als vorher.
Was eigentlich gebraucht wird, ist eine Desexualisierung der Personenbezeichnungen, ähnlich wie wir sie im Englischen und in anderen Sprachen ohne grammatisches Genus vorfinden. Nicht umsonst fragen die US-amerikanischen Germanistinnen, was es mit dem Unterstrich nun auf sich habe. Sie kennen das Problem in ihrer Sprache nur bei den Pronomina und plädieren infolgedessen für Neutralisierung statt weitere Differenzierung, d.h. für geschlechtsneutrale Pronomina: ze, hir. Mehr dazu hier.
Steffen Kitty Herrmanns Vorschlag basiert auf linguistisch falschen Voraussetzungen. Herrmann schreibt: „Um die Illusion zweier sauber geschiedener Geschlechter aufrecht zu erhalten, kennt unsere Sprache nur die zwei Artikel “sie” und “er”, sowie die zwei darauf bezogenen Wortendungen, zumeist das weibliche “...in” und das männliche „…er“.
„Sie” und „er“ sind keine Artikel, sondern Pronomina. Außerdem kennt die deutsche Sprache nicht nur zwei, sondern drei Artikel: die, der und das. „-in“ ist zwar eine weibliche Endung, aber „-er“ ist keine männliche Endung. Wenn dem so wäre, hätten wir Wortpaare wie Arbeiter und Arbeitin, Schuster und Schustin. Was stattdessen im Deutschen vorliegt, ist eine Palette maskuliner Personenbezeichnungen, von denen viele mittels der Endung -er aus Verben abgeleitet sind. Aber diese Endung tragen auch viele Gerätenamen. Neben dem Schornsteinfeger haben wir den Büchsenöffner und den Staubsauger. Und viele maskuline Personenbezeichnungen enden nicht auf -er, z.B. Student, Anwalt, Arzt. Was aber alle maskulinen Personenbezeichnungen auszeichnet, soweit sie nicht substantivierte Adjektive oder Partizipien sind (der Geistliche, der Abgeordnete), ist die Möglichkeit der Movierung (Ableitung eines Femininums) durch Anhängung von -in: Arzt > Ärztin, Schornsteinfeger > Schornsteinfegerin. Ebenfalls ordnet die Männergrammatik an, dass nur Maskulina für gemischtgeschlechtliche Gruppen und für hypothetische Personen verwendet werden können. Beispiel: Ein guter Arzt lässt seine Patienten nicht im Stich. Das Femininum hingegen kann nie für beide Geschlechter stehen.
Das ist also eine völlig andere Problematik als die Unsichtbarkeit der Intersexuellen, Transsexuellen und TransgenderPersonen. Frauen sind in der Männersprache nicht unsichtbar, sondern untergeordnet. Wie Eva aus Adams Rippe wird die weibliche Bezeichnung aus der männlichen abgeleitet. Ein einziges Maskulinum bringt automatisch Tausende von Feminina zum Verschwinden. Soll die Transgender und Genderqueer Community grammatisch im deutschen Sprachsystem sichtbar gemacht werden, bräuchte es eine weitere Endung. Sollte das Gesamtsystem gerecht sein, bräuchte es überdies eine eigene Endung für das Maskulinum, ähnlich wie es Matthias Behlert vorgeschlagen hat. Wir hätten dann etwa Freundin (Frau), Freundis (Mann) und Freundil (Intersexuelle, Transsexuelle, Transgender), Plural Freundinne, Freundisse, Freundille. Wenn das Geschlecht (welches auch immer) keine Rolle spielen soll, entfällt die Endung: Beispiel: Fragen Sie ihre Freund, Arzt oder Apotheker.
Warum „ihre Arzt“? Weil in dem entpatrifizierten Deutsch nach Behlert das Genus abgeschafft ist; es gibt nur noch einen Artikel, und zwar „die“.
Eine alternative Lösung wäre die Abschaffung der Endung -in plus Aktivierung des Neutrums (ne-utrum = keins von beiden): Bsp.: Die, der, das Neugeborene. Schon vor 31 Jahren habe ich vorgeschlagen, das Neutrum zu aktivieren für all jene Mitteilungszusammenhänge, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt. Beispiel: Gesucht wird ein Professor, das sich in feministischer Theorie auskennt. Das Neutrum könnte außerdem die Funktion des Unterstrichs übernehmen - falls es jenen gefällt, die jetzt auf dem Unterstrich Platz finden sollen.
Soweit meine feministisch-linguistische Beurteilung des Unterstrichs. Nächste Woche folgen einige kritische Bemerkungen über den Kampf der Genderforschung und der Queer Theory gegen binäre Kategorien, die angeblich den Zwischenstufen keinen Platz lassen. Wenn wir die aristotelische Kategorienlehre hinter uns lassen, was die Linguistik längst getan hat, gibt es für diese düstere Diagnose keinen Anlass.
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Anmerkung der FemBio-Redaktion zur Kommentarfunktion am 26.10.2011:
Übermäßig aggressive Äußerungen, besonders Diffamierungen von Personen und Gruppen, werden redigiert oder ganz gelöscht.
Bisherige Äußerungen dieser Art wurden geschlossen. Dadurch mag die Diskussion bisweilen etwas löcherig wirken, aber da müssen wir durch.
09.10.2011
Drohnen sind männliche Bienen, deren einziger Lebenszweck die Begattung von Bienenköniginnen ist. Sie werden im Bienenstock von den emsigen weiblichen Arbeitsbienen durchgefüttert, bis sie zu ihrem „Hochzeitsflug“ aufbrechen, bei dem sie ihr Leben verlieren, wenn es ihnen gelingt, eine Königin zu „begatten“. Trotz ihrer tragischen Anmutung habe Drohnen einen schlechten Ruf:
Die männlichen Drohnen sind eigentlich für das Bienenvolk zu nichts zu gebrauchen. Sie sind genetisch halbe Portionen, plump gebaut und etwa 13 bis 16 Millimeter lang mit großen Facettenaugen. Drohnen lungern mit ihren großen Augen und Antennen dröge im Bienenstock herum, übernehmen keine Arbeit und lassen sich füttern. Drohnen dienen eigentlich nur zur sexuellen Befriedigung junger und jungfräulicher Königinnen. Bis zu 20 Drohnen begatten eine Königin beim Hochzeitsflug – dann sterben die Drohnen sofort; eigentlich ist das Drohnenleben doch ein kleiner schwarz-gelb gestreifter Männertraum. (Quelle: hier)
Die zweite Bedeutung von „Drohne“ - Nichtstuer und „faule Nesthocker“ - leitet sich ab von dieser abschätzigen Beurteilung des Drohnenlebens.
Nicht geklärt ist, warum die männliche Biene mit dem exklusiv männlichen Lebenszweck ausgerechnet „die“ Drohne heißt - nach männlichem Normalempfinden doch eine ehrenrührige Einordnung. Vermutet wird, dass es einfach eine Angleichung an das Femininum „die Biene“ sei. Die Fachsprache der Imkerei bevorzugt „der Drohn“. Drohne/Drohn ist also ein interessantes Pendant zu der feministischen Erfindung Matrone/Matron.
Die dritte Bedeutung von „Drohne“ ist: unbemannter Flugkörper, der zu Überwachungs- und anderen militärischen Zwecken eingesetzt wird. Militärische Drohnen sind ein rasanter Wachstumsmarkt, die Anzahl der Drohnen und der dafür ausgegebenen Summen wächst seit 9/11 exponentiell.
In Wörterbüchern, die älter als zehn Jahre sind, gibt es die militärische Bedeutung noch nicht. Nur in Online-Wörterbüchern finden sich alle drei Bedeutungen.
Mich interessiert die Frage, wieso die unbemannten Flugkörper, auch UAVs (unmanned aerial vehicles) oder RPVs (remotely piloted vehicles) genannt, nach den männlichen Bienen benannt wurden. Darüber habe ich - außer in Gunhild Simons Blog - nirgends etwas finden können. Sie schreibt:
Drohnen sind im Bienenstaat die einzigen, die keinen Stechapparat haben. Das heißt, sie sind unbewaffnet und wehrlos. Jede Arbeiterin kann sie totstechen.
Drohne klingt deshalb weniger bedrohlich als bewaffneter Roboter für einen unbemannten, bodengesteuerten Waffenträger.
In diesem Zusammenhang ist Drohne ein Euphemismus.
Drohnen heißen die unbemannten Flugkörper offenbar wegen ihrer Objekthaftigkeit, fehlenden Entscheidungsfähigkeit und Fremdgesteuertheit. (Quelle: hier)
Das klingt einleuchtend, aber es gibt noch eine bessere Erklärung: Die ersten Drohnen waren in den 30er Jahren die ferngesteuerten Modellflugzeuge des US-Amerikaners Reginald Denny; er taufte sie „Dennymites“. Sie dienten der Flugabwehr als mobile Ziele zum Training. Ihr Daseinszweck erfüllte sich im Abgeschossenwerden. Außerdem summten sie (engl. to drone) wie Insekten. Was lag also näher, als sie drones zu nennen nach den ebenfalls bei Erfolg todgeweihten männlichen Bienen, den „drones“?
Inzwischen wurde die Drohne mächtig aufgerüstet. Ferngesteuert wird sie weiterhin, z.B. von Nevada aus, während sie in Afghanistan versehentlich Zivilisten oder im Jemen Al-Kaida-Führer tötet. Aus dem alten heroischen Kampf Mann gegen Mann ist also ein ziemlich heimtückisches und für den Angreifer risikoloses Morden geworden. Der Unterschied zu den Massenmorden mit Giftgas im ersten und den Massenmorden mit Bombenteppichen und Atombomben im zweiten Weltkrieg ist der, dass die mit High-Tech-Instrumenten und -Waffen bestückte Drohne ihr Ziel präziser einkreist, ortet, erkennt und trifft. Außerdem kann sie bis zur Unsichtbarkeit miniaturisiert werden.
Kurz, die plumpe, todgeweihte Drohne, der „faule Nesthocker“, ist zum Ungeheuer mutiert, das auf dem besten Weg ist, der Fluch des 21. Jahrhunderts zu werden.
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Zum Weiterlesen: P.W. Singer. 2009. Wired for War: The Robotics Revolution and Conflict in the 21st Century.
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30.09.2011
Vor ein paar Tagen präsentierte Google Mail mir in der rechten Spalte eine Anzeige, die ich nicht nur wahrnahm, sondern sogar im Gedächtnis behielt. Sie lautete: „Taubenabwehr / Vergrämung“. Ich klickte nicht, aber ich bekam die „Vergrämung“ nicht aus dem Kopf, forschte schließlich im Internet und erfuhr, dass es ein Ausdruck der Jägersprache ist. Er bezeichnet laut Wikipedia
das dauerhafte Vertreiben (Verscheuchen) oder Fernhalten von Wild – entweder unfreiwillig (z. B. durch Lärmen oder weiße Kleidung im Revier) oder als gewollte, möglichst nichttödliche Methode, um Wildtiere zu einer entsprechenden Verhaltensänderung zu bewegen. Vor allem Kormorane, Tauben, Marder, Maulwürfe und Wildkatzen werden gezielt vergrämt. Dabei spielt das Ausnutzen angeborener Verhaltensweisen…, z. B. durch Vortäuschen natürlicher Feinde, eine zunehmende Rolle. […] Verstänkerungsmittel werden eingesetzt um Wildschweine zu vergrämen.
Ist ja alles gut und schön, aber unser eigentliches Problem ist doch weniger die Belästigung durch Wildschweine als vielmehr die konstante Belästigung durch Männer bis hin zur Vergewaltigung. Die Frage lautet also: Wie lassen sich Männer nachhaltig und umweltschonend vergrämen? Lärmen und das Tragen weißer Kleidung im Revier bewirkt ja nichts, und Verstänkerung ist unpraktisch, weil es uns selbst auch vergrämt.
Was nottut ist eine liebevolle Rückbesinnung auf die natürlichen Mittel, die Mutter Natur uns zur Vergrämung der Männer geschenkt hat:
Da ist als erstes das Altern zu nennen. Je älter ich werde, umso vergrämter reagieren die Männer auf mich. Gut so! Es fing an, als ich etwa 35 war. Richtig gemütlich wurde es ab Mitte vierzig. Und nach dem 50. Lebensjahr hast du deine Ruhe.
Als Teenager hatte ich bereits die meisten Männer erfolgreich vergrämt, einfach weil ich eine Brille trug. Dies Mittel kommt auch immer wieder in Filmkomödien vor. Die Frau mit Brille vergrämt die Männer weit besser als die ohne Brille. Warum die Brille die Männer so gründlich vergrämt, ist noch nicht erforscht. Ich vermute mal, dass die Brille fortgeschrittenes Alter oder Intellekt oder sogar beides signalisiert, und das können die Männer bei Frauen nicht verknusen.
Es hilft auch, mehr zu wiegen als der weibliche Durchschnitt. Damit hatte ich auch keine Mühe.
Im Studentenheim hatte ich die meisten Männer aus Nordeuropa baldigst vergrämt. Sie warfen einen Blick auf mich und zogen vergrämt ab, auf Nimmerwiedersehen. Bei Männern aus Südeuropa, Afrika und dem mittleren Osten wirkten meine Vergrämungsmittel nicht. In meiner Jugend fühlte sich jeder Italiener verpflichtet, einer Frau nachzustellen, selbst wenn sie rundlich war und eine Brille trug. Dass ich blond war, half auch nicht grade. Meine blonden Haare waren das Signal, auf das überwiegend Afrikaner, Syrer und Ägypter reagierten, Brille hin oder her. Ich musste ein stärkeres Vergrämungsmittel einsetzen: Vortäuschen natürlicher Feinde. Ich erfand einen kräftigen Verlobten, der sich die vergrämungsresistenten Belästiger demnächst mal vornehmen würde.
Jetzt bin ich 67, immer noch mit Brille und übergewichtig - und habe alle brünstigen Männer so erfolgreich vergrämt, dass ich ein gänzlich unbeschwertes Leben führen kann, frei von jeder unliebsamen Belästigung. Ich weiß natürlich, dass selbst hohes Alter nicht vor Vergewaltigung schützt. Für diesen Extremfall müssen wir uns also noch was ausdenken, die ultimative Vergrämung sozusagen. Habt Ihr Ideen, was am besten wirkt? Pfefferspray? Wen-Do? Tranchiermesser? Verstänkerung? Gegen Marder soll „Marder weg“ helfen:
Neu: Marder weg!
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Sofort wirkendes Vergrämungsmittel gegen Marder.
Rein natürliche Vergrämungsmittel. Die Gewohnheit bestimmte Bereich aufzusuchen, Gegenstände zu beschädigen oder zu markieren wird nachhaltig durchbrochen, da der Geruchs- und Geschmackssinn der Tiere durch Wabe Vergrämungsmittel gestört wird. Die Tiere meiden die zu behandelnden Bereiche.
• Langzeitwirkung
• Keine Gefährdung der Tiere
• Umweltfreundliches Pumpsprühsystem
Vielleicht lässt sich „Marder weg“ zu „Mörder weg“ fortentwickeln???
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24.09.2011
Was für einen fraulichen Altweibersommer haben wir dies Jahr! Oder würde „altweiblich“ besser passen? Meine 86jährige Nachbarin rief mir im Treppenhaus zu: „Herrliches Wetter heute! Diese schöne klare Luft! Ich war draußen, Sonne tanken.“ Also meinetwegen auch „herrlich“. Ich sagte zu ihr: „Ja, schöner Altweibersommer, das passt zu uns!“ Darauf sie: „Aber Sie sind doch noch so jung!“ Ich lachte und ging dann auch nach draußen, Altweibersonne tanken.
Warum heißt eine der schönsten Zeiten im Jahr „Altweibersommer“ - als wären alte Weiber in unserer Kultur nicht das Allerletzte? Dazu Wikipedia:
[Ein] Zeitabschnitt gleichmäßiger Witterung im Spätjahr, oft im September, welcher sich durch ein Hochdruckgebiet, stabiles Wetter und ein warmes Ausklingen des Sommers auszeichnet. Das kurzzeitig trockenere Wetter erlaubt eine gute Fernsicht und intensiviert den Laubfall und die Laubverfärbung.
Der Name leitet sich von Spinnfäden her, mit denen junge Baldachinspinnen im Herbst durch die Luft segeln. Mit „weiben“ wurde im Althochdeutschen das Knüpfen der Spinnweben bezeichnet.
Wiktionary hält noch mehr Ideen zur Herkunft des Wortes parat: Folgende Möglichkeiten werden erwogen:
Das Wort wird seit dem 17. Jh. verwendet, die genaue Herkunft ist unklar.
Eine Möglichkeit ist, als Grundlage der Bezeichnung weiben = weben anzusehen und somit die Spinnweben in den Mittelpunkt zu stellen. Daran wäre schlicht die Jahreszeitbezeichnung Sommer angehängt und das ganze mit dem Adjektiv alt verbunden, um auszudrücken, dass es sich um einen späten, gewissermaßen alten Sommer handelt, der bald in den Herbst übergeht. Das Wort würde sich auf diese Weise als „alter Spinnweb-Sommer“ erklären.
Eine andere Möglichkeit ist, dass der Bestandteil -sommer hier nicht die Jahreszeit meint, sondern mit engl. gossamer verwandt ist, welches „Spinnweben“ bedeutet.
Eine dritte Möglichkeit besteht darin, an eine Übertragung von der (schlecht belegten) Bedeutung „zweite Jugend bei Frauen“ zu denken. So, wie diese „zweite Jugend“ verächtlich als kurzlebig und unzeitig gesehen wird, so ist auch der Spätsommer nicht von langer Dauer.
Das klang vor 35 Jahren im „Großen Wörterbuch der deutschen Sprache“ des Duden-Verlags aber noch GANZ anders: Dort finden wir nach Altweibergeschwätz, Altweibergewäsch (törichtes, albernes Gerede), Altweiberklatsch (törichte, üble Nachrede), Altweiberknoten (laienhaft geknüpfter, nicht belastbarer Knoten), Altweibermärchen (unglaubwürdige, alberne Geschichte) schließlich auch den Altweibersommer mit folgender Definition: “(vielleicht nach dem Vergleich einer späten Liebe älterer Frauen): sonnige, warme Nachsommertage”.
Kein Wunder bei dermaßen gehässigen Definitionen des Wortbestandteils “Altweiber-”, dass eine 78jährige Bürgerin sich über den Ausdruck „Altweibersommer“ aufregte und den Deutschen Wetterdienst aufforderte, ihn nicht mehr zu verwenden. Aber ihre Klage wurde 1989 abgewiesen.
Heute würde ihr das Wort vielleicht sogar gefallen, wenn sie das freundliche, aufgeklärte Wiktionary heranziehen würde. Immerhin ist der Altweibersommer, wie gesagt, wohl die schönste Zeit des Jahres, und dass sie benannt ist nach der Gruppe mit dem schlechtesten Image, finde ich gut.
Bleibt noch die Frage zu klären, warum der Papst für seine Reise nach Deutschland den Altweibersommer wählte. Der Begriff passt gut zum fortgeschrittenen Alter des Papstes und anderer katholischer Würdenträger und zu ihren weiblichen Outfits - bei der Vigil in Freiburg saßen sie da alle aufgereiht wie alte Bäuerinnen im schönsten Sonntagsstaat. Aber Wikipedia verweist auf eine noch schlüssigere Antwort:
Da das Wetter im Altweibersommer für Freiluftveranstaltungen besonders günstig ist, wurde das Oktoberfest in München im Laufe der Zeit vom Anfangstermin Mitte Oktober zum Septemberende hin vorverschoben.
Als waschechter Bayer kennt Ratzinger sich aus. Und was fürs Oktoberfest gilt, gilt auch für seine Massen-Gottesdienste im Freien. Warum nicht beim nächsten Besuch beides einfach zusammenlegen? Statt des Messweins und der Oblaten zur Abwechslung mal eine Maß Bier und eine Brezn, der Papst im Papamobil auf dem Autoscooter, dann die Predigt hoch oben von der Achterbahn oder vom Riesenrad - das könnte eine Riesengaudi werden. Ein echt zeitgemäßes und supergeiles Crossover-Event, wenn schon die Ökumene nicht klappen will.
Keine gute Idee? Macht ja nix. Ist eh nur Altweibergewäsch.
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18.09.2011
„[Er war] ein notorischer Frauenheld, in dessen Büro man als Dame besser nicht ohne Begleitung ging“ …
Von wem ist da die Rede? Vielleicht DSK? Aber als „Frauenheld“, wenn auch als „notorischen“, würden wir ja solche miesen Belästiger heute nicht mehr bezeichnen. Auch Absurditäten wie „man als Dame“ unterlaufen heutzutage nicht mehr vielen Schreiberinnen.
Es handelt sich um die 50er Jahre und den RAI-Korrespondenten Sandro Paternostro, erwähnt in dem Erinnerungsbuch „Vom Brahmsee bis Shanghai: Begegnungen mit Leuten von Format“ der Bonner ZDF-Fernsehkorrespondentin und Wirtschaftsexpertin Fides Krause-Brewer (92). In den 60er und 70er Jahren sahen wir sie oft im Fernsehen. Sie war, wie Carola Stern, eine der ganz wenigen Frauen, die damals im TV-Journalismus Karriere machen durften.
Krause-Brewer veröffentlichte das Buch im Jahre 1987; sie hat dafür ihre Tagebuchnotizen ab 1949 ausgewertet, aus 1000 Seiten destillierte sie 250. Das erklärt vielleicht den fremdartigen Stil, wie aus lang vergangenen und überwundenen Zeiten.
Ich las das Buch aus zwei Gründen: Erstens interessieren mich die Erfahrungen einsamer Pionierinnen in Männerdomänen, zweitens besteht das Buch überwiegend aus Porträts, für die ich mich ebenfalls interessiere. Es enthält sogar einige wenige Frauenporträts: Helene Weber, Katharina Focke und Helga Steeg, letztere offenbar eine unendlich einflussreiche Ministerialdirigentin im Wirtschaftsministerium, von der ich jedoch noch nie gehört hatte. Auch bei Wikipedia fahndete ich vergeblich nach ihr.
Die „Leute von Format“, wie Krause-Brewer sie im Untertitel nennt, sind zwar fast ausschließlich Männer, aber auch aus Männerporträts der Vergangenheit kann feministin viel lernen - und sei es nur, mit freudigem Schock: „Damit immerhin hat die Frauenbewegung inzwischen aufgeräumt.“
Krause-Brewers munterer, affirmativer statt kritischer Stil zeigt, wieso sie sich in der Männerdomäne so gut halten konnte: Einige, wenn nicht sogar viele ihrer Werte hatte sie offenbar verinnerlicht:
Krause-Brewer über „die Gattinnen“:
• „Die hübsche und ehrgeizige Frau des F.D.P.-Politikers Erich Mende, Margot“ (S. 11)
•“Die Idylle im Bundeshaus fand ihr Ende durch zwei Umstände: Einmal kamen langsam, aber sicher, die Gattinnen, die teuren, nach Bonn, so dass stundenlange und sehr alkoholische Sitzungen der Männer am Pressetisch zu Hause sehr ungern gesehen wurden.“ (S. 12)
• „Meine Rolle besteht bei solchen Reisen in ferne Länder besonders gegen Ende der Reise in weiblicher Beratung, was denn nun für die teure Gattin und die Kinder eingekauft werden könnte. Das geht von der Plüsch-Mickymaus über Perserteppiche bis zu einem kostbaren antiken Reiher aus chinesischem Cloisonné. Was meinst du, soll ich, soll ich nicht? Würde sich ‚mein Fräulein Gattin‘, wie einer meiner Kollegen seine Ehehälfte gern tituliert, darüber freuen?“
- Ob die Plüsch-Mickymaus für das Fräulein Gattin oder die Kinder gedacht ist, lässt sich kaum ausmachen.
• „Frau von Eckardt - sehr elegant und sehr gepflegt - war eine rechte Augenweide. Sie hatte in Bonn für weißhaarige Damen die lila Tönung gesellschaftsfähig gemacht.“ (S. 38)
- Großartige Leistung!
• „[Paul Lücke] bewegte Abend für Abend trotz seiner Beinprothese standfest etliche Damen.“
- Selbst bewegen konnten sie sich wohl nicht?
• „Im Plenum [der Welthandelskonferenz 1979] saß übrigens als Delegierte der Philippinen die Frau des Präsidenten, Imelda Marcos, eine bildschöne Erscheinung in immer wechselnder Aufmachung, etwa in einem Traum von Nationalkostüm aus rosa Organza.“ (S. 155)
- Mehr gab es über die korrupte Imelda Marcos nicht zu sagen?
Krause-Brewer spricht über diese „Damen“ genau so herablassend wie sie es von ihren Kollegen und den “Leuten von Format” gelernt hat, vermute ich mal. Sie macht sich über sie lustig, ganz wie die Herren selber, und kann sich so der Zustimmung, ja des Beifalls sicher sein. Deshalb auch wurde sie - fast - als ihresgleichen akzeptiert, genau so, wie sie es über Helga Steeg berichtet: „Helga Steeg ist also mit allen Wassern gewaschen und tanzt auf allen Hochzeiten, auf denen es um Handelsbeziehungen und Wirtschaftspolitik geht. War es schwierig, als Frau in eine solche Position zu gelangen? Diese dumme Frage kennt Frau Steeg zur Genüge: „Ich hatte von vornherein keine Probleme. Nach dem ersten Aha-Erlebnis vergessen die Männer meist schnell, dass man eine Frau ist.“ Aber sie gibt es zu: „Wer hübsch ist, hat’s leichter.“” (S. 183f.)
Den Gipfel der frauenfeindlichen Berichterstattung erreicht Krause-Brewer anlässlich der Weltfrauenkonferenz der UNO 1975: „Das ZDF hatte dieses Ereignis bislang gar nicht als berichtenswert eingeplant“ - aber Familienministerin Katharina Focke will sie dabeihaben. O-Ton Krause-Brewer: „Zeitweilig beherrschten in Haufen aus den nahen USA angereiste Frauenrechtlerinnen die Szene. Sie wurden angeführt von der militanten Betty Friedan, einer ergrauten Mänade mit wirrer Mähne und Hakennase, die in immer neuen Reden Emanzipation, Befreiung von der männlichen Sexualherrschaft und Selbstverwirklichung forderte. Bei vielen Frauen aus den Entwicklungsländern traf sie damit auf völliges Unverständnis. … [Eine von ihnen zeigte] auf die unterhalb des Podiums auf dem Boden lagernde Betty Friedan und die ihren; und dann sagte sie mit der unvergleichlichen Überlegenheit der in Liebesdingen erfahrenen Asiatin: „If you have sexual problems - we have none!“ Sprach’s, warf mit Grandezza das Ende ihres Saris über die Schulter und verschwand.“
Fazit: Bei Krause-Brewer erscheinen die meisten Frauen als lächerliche „Damen“, an denen höchstens ihre Aufmachung bemerkenswert ist. Schwingen Frauen sich aber mal auf zu eigenständigen politischen Kundgebungen - sind sie erst recht lächerlich: „ergraute Mänaden“ mit sexuellen Problemen. Nur diejenigen Frauen, bei denen die Männer - wie bei Krause-Brewer selbst oder Helga Steeg - „schnell vergessen, dass man eine Frau ist“, können „Leute von Format“ werden.
Uff. Was für eine Lektion bekommen wir da verabreicht, anscheinend „in aller Unschuld“! Das war eben früher die prägende Auffassung der „gebildeten, tonangebenden Kreise“. Dass einige kühne Denkerinnen wie Beauvoir, von Roten, Friedan, Daly, Millett, Sander und Schwarzer sich aus diesem tödlichen Korsett herauswinden konnten und uns einen anderen Weg aufgezeigt haben, dafür sei ihnen ewig Dank.
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09.09.2011
Gestern geriet ich in die zweite Hälfte der Sendung über „sexuellen Missbrauch“ von Gert Scobel, Titel: “System Missbrauch
Wie Verschweigen und Verharmlosen funktioniert”. Wiederholt wird sie leider nicht, so dass ich hier nur aus dem Gedächtnis schildern kann, was mir dabei auffiel.
An der Gesprächsrunde nahmen zwei Frauen und zwei Männer teil: Christine Bergmann, unabhängige Beauftragte zur Aufklärung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Kathrin Radke, Sprecherin der “Bundesinitiative der Betroffenen von sexualisierter Gewalt und Missbrauch im Kindesalter”, Michael Osterheider, Experte auf dem Gebiet der Pädokriminalität und Mitglied beim “Runden Tisch sexueller Kindesmissbrauch” der Bundesregierung. Und Gert Scobel als Moderator der Sendung. Mehr über die Beteiligten der Gesprächsrunde hier.
Was mir auffiel, war, dass Scobel, Osterheider und Radke das Thema „TäterINNEN“ über Gebühr betonten und Christine Bergmann immer wieder dazu zwangen, die Proportionen zurechtzurücken. Tatsache ist, dass 90 Prozent der sexuellen Missbrauchstaten von Männern begangen werden. Das betonte Bergmann tapfer wieder und wieder, bei jedem erneuten Infragestellen. Besonders Scobel wollte wissen, ob nicht die Vorstellung des sexuellen Missbrauchs durch die Mutter so unfassbar und daher tabuisiert sei, dass die Untaten der Mütter eben im Dunkeln blieben, die Dunkelziffer mithin gewaltig sein müsse. Nein, konterte Bergmann, da sei, nach dem gesamten Aufbrechen der Thematik vor zwei Jahren, inzwischen eigentlich nichts mehr tabu, alles käme auf den Tisch. Und da sei es nun einmal so, dass Frauen an dem Delikt nur verschwindend wenig beteiligt seien. Ihr Anteil fiele eigentlich kaum ins Gewicht. Die drei anderen machten immer wieder Anläufe, diese Aussage zu relativieren - Bergmann blieb jedoch standhaft.
Warum diese heftigen Bemühungen, die Frauen als Schuldige mit ins Boot zu holen? Der Grund liegt auf der Hand: Wenn beide Geschlechter sich an diesen Verbrechen beteiligen, dann haben wir es nicht mit einem Massenverbrechen von Männern gegen Schwächere zu tun, sondern mit einer gesellschaftlichen Pathologie. Die Männer wären, um es platt zu sagen, aus dem Schneider. Und alles Augenmerk könnte sich wieder beruhigt den Opfern zuwenden, so wie es immer war, bevor die Schandtaten der katholischen Priester an die Öffentlichkeit kamen. Diesen saftigen Skandal und Quotenbringer konnten sich die Medien natürlich nicht entgehen lassen, und plötzlich waren die Täter das Thema, eben weil es prominente und unwahrscheinliche Täter waren. Bis dahin, solange es „nur“ Väter, Brüder, Großväter und Onkel waren, blieben die Täter öffentlich-medial weitgehend unbehelligt, wurden kaum mal zum Thema. Denn schließlich sind Medienmänner ebenfalls Väter, Brüder, Großväter und Onkel, gehören also zur Gruppe der prinzipiell Tatverdächtigen. Da empfahl sich also eher Stillschweigen. Das geht nun nicht mehr, und so wird die zweite Strategie der Ent-Schuldigung herangezogen: Nicht das übliche „Die anderen waren es“ - das wäre denn doch zu abenteuerlich, die Taten den Frauen zur Last zu legen. Wohl aber kann mann die Strategie „Wir alle waren es“ zwecks Nivellierung einsetzen, und das taten die Beteiligten gestern Abend auch, mit Ausnahme von Bergmann. Warum Radke auch diese Strategie wählte, ist mir nicht ganz klar. Aber die Entlastung der Männer durch Frauen ist ja durchaus nichts Ungewöhnliches, sie wird ja auch oft belohnt.
Apropos Täter: Da kommen uns zum zehnten Jahrestag von 9/11 natürlich jene anderen Täter in den Sinn und Bushs Versuch, sie und ihr Netzwerk mit seinem „Krieg gegen den Terror“ auszumerzen. Zehn Jahre krankt die ganze Welt schon an diesem Wahnsinn. Hier wurde ganz auf die Strategie: „Die anderen waren es!“ gesetzt. Und so gab es denn auch keinerlei Hemmungen, die Gruppe der Täter auf „die Muslime“ auszuweiten und bewusstlos zu verfolgen. Verbrecherische Regimes, endlich hinweggefegt im „arabischen Frühling“, wurden viel zu lange hofiert, weil sie Verbündete im „Krieg gegen den Terror“ waren.
Auffällig für die feministische Beobachterin ist der so typisch unterschiedliche Umgang mit den Tätern. Samthandschuhe und, immer noch, Versuch der Abwälzung der Schuld auf „die Gesellschaft“ beim “Kampf gegen den sexuellen Kindesmißbrauch”. Folter und Auslöschung des „Gegners“ im „Krieg gegen den Terror“. Wobei Al Qaeda mit Sicherheit ungefährlicher ist und viel weniger Opfer zu verantworten hat als das globale männliche Terrornetzwerk der Kinderschänder, Vergewaltiger, Lustmörder, Triebtäter, Frauenhändler, Pornografiehersteller, etc. etc.
Was können wir also tun? Einfach die Täter unbeirrt benennen ist von zentraler Wichtigkeit gegen die Taktiken des “Verharmlosens und Verschleierns”, um die es in der Sendung angeblich ging. Dank an Christine Bergmann für ihr großartiges Beispiel.
03.09.2011
Facebook ist ein „Tool“, das „Freunde“ miteinander verbindet und vernetzt. Wie schön! Aber da gibt es zwei Probleme:
1) Was ist mit den Freundinnen?
2) Wird die Bedeutung von „Freund“ nicht völlig verwässert, wenn jedeR Hunderte davon haben kann?
Zu 1) Ich bin erst gut drei Wochen bei Facebook und habe schon 144 “Freunde” gefunden. D.h., die meisten von ihnen haben mich gefunden. Ich bekam laufend Emails von Facebook: „xy möchte mit dir auf Facebook befreundet sein“ bzw. „xy wants to be friends on Facebook“. Ich klickte jeweils hin zum Profil der Anfragenden, und wenn ich feststellte, dass sie mit Frauen, die ich kannte, auf Facebook befreundet war, habe ich sie „als FreundIn hinzugefügt“.
So die entsprechende Formel auf Facebook, mit dem großen I schon fast feministisch. Ganz feministisch wäre es ohne großes I gewesen, einfach „Freundin“ hätte ja genügt. Denn Facebook weiß wahrscheinlich, ob eine Person weiblich ist, weil wir das ja beim Ausfüllen unseres Profils meist mitteilen. (Zu der von Facebook vorgesehenen Wahl zwischen “weiblich” und “männlich” gab es neulich heftigen und berechtigten Protest der Transgender Community, die sich bezüglich des Geschlechts nicht festlegen wollen. Erweiterungen wie “transgender”, “intersex” etc. wären also sinnvoll.)
FreundIn hin oder her: Meine sog. 144 „Freunde“ sind zu 99 Prozent Freundinnen. Statt „Freunde“ also „FreundInnen“ zu sagen, dazu konnte Facebook sich anscheinend noch nicht durchringen. Aber ich denke, das wird noch kommen, je mehr Frauen bei Facebook mitmachen und sich beschweren, dass ihre Freundinnen zu Freunden verunkenntlicht werden. Und je mehr Hetero-Männer nicht als Schwule verkannt werden und mit Mega-Zahlen von Freundinnen prahlen wollen.

Eben meldete Facebook: „Jenny möchte Deine Freundin sein.“ Nummer 145. Ich habe freudig zugestimmt und bekam prompt die Bestätigung: „Jenny und du seid jetzt Freunde.“ Nicht mehr Freundinnen? Wie schade! Aber ich bin überzeugt, das kriegen die bei Facebook auch noch hin.
Kommen wir von den grammatischen Fragen zu den inhaltlichen: Droht der Begriff der Freundschaft durch inflationären Gebrauch zu verwässern?
Die Facebook-Konventionen haben zur Folge, dass ich mich jetzt mit Frauen duze, die ich nur per Facebook kenne, schließlich sind wir ja alle Freundinnen. Dafür sieze ich mich weiter mit vielen Menschen, die ich schon lange und besser kenne, z.B. beruflich. Mit manchen verkehre ich auf Facebook per Du und in Emails per Sie. Verkehrte Welt. Oder: anglisierte/amerikanisierte Welt. Das Englische kennt als Anredeform nur you, Nähe und Distanz werden durch den Gebrauch des Vornamens oder Nachnamens geregelt. Aber selbst wenn eine Elektrikerin ins Haus kommt, die ich noch nie gesehen habe, sind wir doch umgehend per „Peggy“, „Joey“ und „Luise“ statt „Ms Gonzales“, „Ms Horsley“ und „Ms Pusch“. Letzteres käme allen Beteiligten steif und lächerlich vor.
US-amerikanische Hemdsärmeligkeit (die maskuline Anmutung ist intendiert) überrennt deutsche Förmlichkeit - nicht schlecht!
Die Facebook-Software lädt mich ein, mit Hilfe ihres „automatischen Freundefinders“ noch mehr „Freunde“ zu finden, d.h. sie wollen meine Email-AdressatInnen daraufhin beäugen, ob die eine oder der andere unter ihnen schon bei Facebook ist, um mir dann vorzuschlagen, sie zu „meinen Freunden hinzuzufügen“. Bisher habe ich die Erlaubnis zur Durchschnüffelung meiner Email-Adress-Datei noch nicht erteilt. Facebook aber scheint zu denken: Man kann doch gar nicht genug Freunde haben!
„Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt“, sangen die Comedian Harmonists. Und jetzt? Mit 145 Freunden? Sind 145 Freunde noch das Beste, was es gibt auf der Welt? Oder ist auch hier weniger mal wieder mehr?
Zu der sentimental-heroisch-innigen deutschen Vorstellung von Freundschaft hat vor allem Schiller mit seiner „Ode an die Freude“ und der „Bürgschaft“-Ballade beigetragen. In der Ode heißt es:
Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
muß ein lieber Vater wohnen.
Wem der große Wurf gelungen
eines Freundes Freund zu seyn;
wer ein holdes Weib errungen,
mische seinen Jubel ein!
Ja – wer auch nur eine Seele
sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
weinend sich aus diesem Bund!
Auf der einen Seite Schillers hohes Männer-Freundschaftspathos, wonach der Freund noch über dem Bruder steht, etwa auf derselben Stufe und einzigartig wie das holde Weib -
Auf der anderen Seite Facebooks „automatischer Freundefinder“. Dazwischen liegen Welten. Und was ist nun besser?
Ich votiere entschlossen für die Verwässerung des Freundschaftsbegriffs, oder nennen wir es freundlicher Ausweitung, Demokratisierung - Amerikanisierung halt. “Freund oder Feind?” - so lautet die wichtigste Frage in Zeiten der Bedrohung. Freund ist alles, was nicht Feind ist - ja warum eigentlich nicht?
Durch die Hintertür können wir den exklusiven Schillerschen Freundschaftsbegriff ja auch bei Facebook wieder einschmuggeln. Es gibt da unter „Konto“ die Funktion „Freunde bearbeiten“. Dort kann ich meine “Freunde” in Gruppen einteilen. Ich habe derzeit folgende Gruppen: Kontakte, Bekannte, Business, Kolleginnen, Freundinnen, gute Freundinnen, Familie. Die „guten Freundinnen“ wären wohl Freundinnen im klassisch-Schillerschen Sinne? Nicht unbedingt - denn Schiller sieht den Menschen nur als Mann unter Brüdern mit liebem Vater droben, ausgestattet mit einem Freund und einem holden Weib. Von einer Freundin - oder gar Freundinnen - ist keine Rede. Auch da ist Facebook, obwohl insgesamt noch etwas unbeholfen im Deutschen, doch mit „Jenny will deine Freundin sein“ schon ein gutes Stück weiter.
28.08.2011
Unter jeder Facebook-Nachricht finde ich drei Schaltflächen, die ich anklicken kann:
„Gefällt mir“, „Kommentieren“ und „Teilen“ - auf Englisch: „like“, „comment“ und „share“.
Wenn ich dergestalt eine Nachricht, Fotos oder Web-Fundstücke mit anderen „teile“, geht mir nicht die Hälfte davon flöten, anders als einst dem heiligen Martin, der seinen Mantel mit einem Bettler teilte. Er schnitt ihn mit seinem Schwert in zwei Teile, so die Sage, und gab dem Bettler die eine Hälfte und behielt die andere. Nicht besonders selbstlos, und nicht mal praktisch gedacht, was soll ein halber Mantel schon nützen? Aber doch irgendwie edel, und die Tat machte ihn denn auch zum Heiligen, nach dem die Martinsgans, Martin Luther und schließlich auch Martin Luther King benannt sind.
„Share“ ist verwandt mit „Schar“ und mit „Schere“. „Schere“ leuchtet sofort ein, denken wir nur an die XXL-Schere des heiligen Martin. Und „Schar“ auch, haben doch die meisten Facebook-NutzerInnen ganze Heerscharen von „Freunden“ (das Wort kommt natürlich auch bald dran), denen sie ihre Einfälle, Gefühle, Meinungen usw. mitteilen können und mit denen sie ihre Webfundstücke teilen können.
Wenn ich solcherart meine Unmengen von „friends“ an den Wechselfällen meines Lebens beteilige, betreibe ich Propaganda für mich selbst und/oder mein Geschäft (beides oft kaum voneinander zu unterscheiden) in einer Weise, die bis zum Aufkommen von Facebook unmöglich war. Jeder sein eigener PR-Agent (das Maskulinum ist intendiert). Und „share“ wäre für diese Tätigkeit am besten mit „verbreiten“, „unters Volk bringen“ übersetzt.
Der Shareholder ist ein Aktionär bzw. Anteilseigner, und wir wollen von ihm nichts wissen, es sei denn, wir sind selber Shareholder. Aber hat schon mal eine von „einer Shareholder“ gehört? Eben.
Apropos „share“ = „Anteil“. Wir haben den schönen Ausdruck „jemand Anteil nehmen lassen“, und das ist wohl in etwa das „sharing“ auf Facebook, jedenfalls soweit es meine „Statusmeldungen“ betrifft. Ich melde etwa: „War grad beim Zahnarzt, und es geht mir sowas von beschissen!“. Ich lasse meine Freunde Anteil nehmen an meinem Leid, und ja, sie nehmen Anteil, meiden den „Gefällt-mir-Knopf“, den jetzt zu drücken einfach herzlos wäre, und kommentieren in Scharen :-((. Und das tut gut, denn:
Geteiltes Leid ist halbes Leid,
Geteilte Freude ist doppelte Freude.
Dieser altmodische Spruch, diese Lebensweisheit ist übrigens das einzige deutschsprachige Beispiel, in dem „teilen“ mit „sharing“ voll übereinstimmt. Ein eher sehr weibliches Sharing/Teilen, denn unsere Kultur gewöhnt den armen Männern ja frühzeitig und rigoros ab, Freud und Leid mit anderen zu teilen.
Deshalb bin ich mit der „Fehlübersetzung“ des „share“ mit „teilen“ durchaus einverstanden. Möge es den Shareholders nahelegen, nicht nur mehr Anteile zu kaufen und ihre message flächendeckend zu verbreiten, sondern auch mehr Anteil zu nehmen, an sich selbst und an anderen.
21.08.2011
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Sechsundfünfzigste Lektion.
Vorgestern habe ich meine zweite Twitter-Seite (nach @luisepusch) eröffnet. Sie heißt @Hexikon und soll ein Sammelbecken für Wortschöpfungen, Wortspiele und Neudefinitionen der Frauenbewegung werden. Gerade habe ich meine 97. Tweet (Zwitsch?, Nachricht, Eintrag) getweetet: Mary Dalys Wortspiel dicktionary (von dick „Penis“ und dictionary „Wörterbuch“).

Das Hexikon hat auch schon 29 Follower. Für diejenigen unter euch, die keinen Twitter-Account haben: Follower sind Leute, die sich für eine Twitterseite (in diesem Falle: @Hexikon) interessieren und sie abonnieren (sich als Follower anmelden), um jeweils sofort die neuen Hexikon-Tweets auf ihre eigene Twitter-Seite serviert zu bekommen.
Kaum hatte ich den Eintrag zum EMMA-Wortspiel „PorNO“ gezwitschert, hatte ich als Follower eine Pornoseite am Hals. Zum Glück kann frau Follower/Stalker auch blockieren.
Das Wort Follower gehört übrigens höchstens zwecks Reparatur ins Hexikon. Es ist ein Ausdruck der Männersprache, der es in sich hat.
Eigentlich müsste es ja followers heißen: „Ich habe 29 followers“ sagen wir als gebildete und des Englischen kundige Deutsche. Aber das Deutsch, das meine Seite ziert, haben sich andere ausgedacht, und so heißt es da eben „29 Follower“. Meine Follower sind natürlich fast ausschließlich Followerinnen. Aber das kümmert die Macher des Twitterdeutsch nicht.
Die „Follower“ sind eigentlich AbonnentInnen oder LeserInnen. „Folger“ gibt’s im Deutschen nicht, wir kennen höchstens „Verfolger“ und „Nachfolger“. „Folgende“ wäre gegangen und noch dazu wie aus dem feministischen Lehrbuch (vgl. Studierende statt Studenten). „Gefolge“ wäre sowohl geschlechtsneutral als auch noch witzig gewesen. “Gefolgschaft” hätte ich aus demselben Grund nett gefunden, zumal Gefolgschaft gerne mal aufgekündigt wird, was im Zusammenhang mit dem Folgenden (Wortspiel beabsichtigt) nicht unwichtig scheint:
Im Dritten Reich sagten Hitlers Follower: „Führer befiehl, wir folgen dir“. Sie wurden aber nicht Folger genannt oder gar Follower, sondern Anhänger. Männer mit Sendungsbewusstsein versammeln Anhänger um sich, oder Jünger, oder Gläubige bis hin zu den Fanatikern (abgekürzt: Fans). Diese sind “folgsam” und „folgen“ ihnen aufs Wort. Aber wehe, sie folgen noch jemand anderem als dem Führer. Im Übrigen geht das auch gar nicht: Wenn ich einem Führer folge, kann ich nicht zugleich einem anderen Messias folgen, es ist physisch unmöglich, ich kann mich nicht in zwei Hälften teilen. „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“, heißt es gleich im ersten der Zehn Gebote. Wenn die Herde dem Hirten folgt, folgt sie nicht zugleich einem anderen Führer. Sollte es einem schwarzen Schaf doch einfallen, auszuscheren, wird es in die Herde zurückgepfiffen. Falls das nicht reicht, kommen Hütehund, Gestapo oder Inquisition zum Einsatz.
Bei Twitter ist es aber so, dass die meisten ebenso vielen Personen folgen, wie sie Follower haben. @DailyEngHelp, ein Lehrer, der über die englische Sprache zwitschert, hat 5.932 Follower und folgt 4.530 Personen. Was kann bei diesen Zahlen das „Folgen“ noch bedeuten?
Es ist eigentlich mehr eine Art Sichten, Beobachten - und kann auch zum Überwachen dienen: „Mal sehen, was die Konkurrenz treibt.“ Eine Überwachungskamera kann sehr viele Menschen gleichzeitig ver“folgen“. Diese Einsatzweise des „Following“ erinnert ungut an die Teilnahme von Männern an feministischen Veranstaltungen. Was da gesagt wird, interessiert sie meist nicht. Aber durch offizielle Teilnahmerlaubnis behalten sie die Kontrolle über das Gesagte à la „Feind hört mit“.
Und warum heißt es nun Follower statt AnhängerInnen, AbonnentInnen, LeserInnen, InteressentInnen oder BeobachterInnen? Das weiß Twitter allein. Vielleicht erinnert Anhänger sie zu sehr an Schmuck oder Wohnwagen, Trailer - und signalisiert überdies eher Passivität als Dynamik.
Wie dem auch sei - ich werde mir das Wort „Follower“ für die LeserInnen meines Twitter-Hexikons gar nicht erst angewöhnen und lieber von AbonnentInnen sprechen, kurz von Abonnen (im Singular die/der Abonne). Erinnern sie nicht an die guten Bonnen, die unsere Urgroßmütter beim Spielen liebevoll im Auge behielten, als diese noch klein waren? Die Kategorie „Following“ (Seiten, die ich abonniert habe), würde entsprechend durch Abos ersetzt.
Diese kleidsamen Kreationen muss ich gleich mal ins Hexikon eintragen und in die Welt hinauszwitschern.
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Dank an Joey Horsley für prima Ideen und anregende Diskussionen zum Thema.
11.08.2011
Slutwalks überall, hier im Boston fand schon im Mai einer statt, und übermorgen, am 13. August, geht es mit deutscher Gründlichkeit deutschlandweit los, in Hamburg, Köln, Hannover, Berlin, Leipzig, Frankfurt, Freiburg, München, Passau und im Ruhrgebiet. Mehr Infos hier. Und hier noch ausführlicher, für alle Slutworks morgen, deutschlandweit!
Ich bin begeistert, dass wir Frauen uns wieder bewegen, an die frische Luft kommen und ordentlich Vitamin D machen für den Winter - je weniger wir anhaben, umso mehr! Toll, dass wir endlich mal wieder für ein ureigenes Anliegen auf die Straße gehen, zuhauf, in Scharen: gegen den unerträglichen männlichen Sexualterror. Dass wir dafür eine Methode gefunden haben, die die Medien umso magischer anzieht, je mehr wir uns ausziehen, finde ich genial. Wir schlagen sie mit ihren eigenen Waffen, bzw. fangen sie in ihren eigenen Netzen.
Ich bin dafür, wenn auch nicht dabei, denn ich bin in Boston, und als hier der Slutwalk abging, war ich in Hannover und hatte von Slutwalk noch nie was gehört.
Dabei ist so ein Slutwalk im Sommer genau das Richtige. Joey und ich machten früher unseren täglichen Powerwalk in der Eilenriede (Hannover) oder im Franklin Park (Boston) - jetzt nennen wir es lieber Slutwalk. Ist kürzer und zeitgemäßer und passt besser zu unserem Alter (powerwalken ist zu anstrengend) und zu unserer legeren, um nicht zu sagen schlampigen Kleidung. „Komm, Sluttie“, sagte Joey gestern zu mir, und ich, einst eine stolze Prüde, habe nur gelacht und bin mitgewalkt.
Mit diesem hybriden Ausdruck bin ich bei meinem eigentlichen Thema, denn dies hier ist ja ein Sprachblog. Das Wort Schlampenmarsch ist zwar eine Fehlübersetzung, aber eine wirkungsvolle. Slut wäre wohl besser mit Fotze wiedergegeben. Schlampe ist viel weniger aggressiv als slut. Slut klingt nach slit (Schlitz, aufschlitzen), “Fotze”. Daher auch die widerstrebende Reaktion vieler gestandener Feministinnen in den USA, sich diesen verhassten Ausdruck “anzuziehen”.
Und ein Walk ist nun wirklich kein Marsch, sondern ein Gang. Aber unser Wort Gang ist im Gebrauch sehr eingeschränkt. Zwar kennen wir die Fußgängerin und den Fußgänger - aber keinen Fußgang.
Der Slut Walk ist vermutlich dem Perp Walk nachgebildet, dem vor einiger Zeit Strauss-Kahn unterzogen wurde. Eine Art Spießrutenlauf für den Perp(etrator), den Täter. Aber Schlampenlauf ginge auch nicht, denn es wird ja nicht gerannt, sondern gegangen. Aber nicht spazierengegangen, deshalb fällt auch die gängige Übersetzung Spaziergang für walk aus. Wäre auch viel zu lang.
Widmen wir uns nun den Vorzügen der Fehlübersetzung: Die Verkopplung der unordentlichen Schlampe mit dem militärischen Marsch ist so apart wir attraktiv. Die Schlampe wird dadurch ordentlicher und der Marsch schlampiger - beide Seiten können das gut vertragen.
Wahrscheinlich wird es bei dem Wort Slutwalk auch für die deutschen Ablegerinnen bleiben, und der Schlampenmarsch fristet daneben ein sprachliches Schattendasein.
Aber wenn der Original-Slutwalk immer mehr Varianten hervorbringt, wird sicher auf die Schlampen zurückgegriffen. Z.B. könnte ich mir gut eine Schlampenprozession zu Ehren der Urschlampe Maria Magdalena vorstellen. Oder einen BlumenSchlampenKorso - gibt es Schlampigeres als Blumen, die ihre Geschlechtsteile herausfordernd zur Schau stellen?
Männer dürfen als Schlampi mitmachen (Plural von Schlampus). Und den Schampus nicht vergessen für die durstigen Schlampen. Damit alle gemeinsam schlampampen können.
Und Schlumpi, der Hund mit dem schlumpigen Geschlechts- und Ausscheidungsgebaren, darf auch mitschlumpen. Dann brauchen wir abends nicht mehr mit ihm Gassi zu gehen (engl. slutwalk the dog).
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Dank an Helke Sander für die Erinnerung an FEMEN. Ich hatte die feministische Bewegung/Organisation aus der Ukraine längst vergessen. Die mutigen Frauen aus Kiew waren schon vor drei Jahren überzeugt, feministische Forderungen erführen nur dann Aufmerksamkeit, wenn frau sie barbusig verkündet. Es scheint leider, dass sie recht haben. Hier ein Video über ihren Aktivismus.
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