»Laut & Luise«
19.12.2009
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Zweiundvierzigste Lektion.
Vor kurzem schrieb mir meine Freundin Eva: “Hast Du noch keinen Kindle für die Reisen? Du bist doch sonst so fortschrittlich, was Technik betrifft!”
Ich schrieb zurück: “Warum sagen wir eigentlich ‘der Kindle’? Jedenfalls - das Kindel ist mir noch nicht fortschrittlich genug, weil es noch keinen Zugriff auf deutsche Bücher und Zeitschriften hat. Wenn sie das geschafft haben, werde ich wohl zuschlagen.”
Ich habe eben das Christkindl beauftragt, Joey zum Fest eine Kindle vorbeizubringen, sie ist Amerikanerin und gehört damit zur ersten Zielgruppe dieses Lesegeräts bzw. e-Book-Readers. Außerdem klagt sie oft über die vielen Bücher, mit denen ich nicht nur meine Wohnung, sondern auch ihr Haus vollstopfe. Mit der neuen Kindle kann sie schon mal entschlossen gegensteuern, und ich werde mit einem eigenen Kindel, das auch Deutsch kann, dann ebenfalls meine Neigung bekämpfen, das Haus mit Büchern zu vermüllen.
Sie merken, ich bin im Umzugsstress, und die Frage, welche Bücher mitziehen sollen und welche nicht, bricht mir das Herz. Mit einem Kindel wäre das alles gar kein Problem mehr: Alle Bücher ziehen überallhin mit, denn sie beanspruchen keinen Platz und wiegen fast gar nichts.
Nochmal zum Christkind - auch da ist die Frage nach dem Geschlecht irgendwie ungeklärt. Auf Abbildungen sieht es aus wie ein Mädchen, aber das Jesuskind war ja doch wohl eher ein Junge.
Die Verweiblichung hängt sicher mit der Kindlichkeit zusammen. Auch das Münchner Kindl fing ja mal als gestandener Mönch im Wappen von München an und hat sich über die Jahre zu einem stattlichen Mädel entwickelt, weil das Volk die Mönchskutte als Kleid interpretierte. Und Jungs tragen schließlich keine Kleider.
Viele von uns kennen aus dem Familienalbum diese Bilder von VorfahrInnen um die Wende zum 20. Jahrhundert, auf denen Mädchen und Jungen dieselben hübschen Kleidchen tragen.
Die Jungen wurden nicht als Mädchen verkleidet, sondern beide Geschlechter trugen Kindlkleidung bzw. Windlkleidung. Wenn die Kleinen noch in die Windeln machten, war das Windelwechseln einfacher, wenn sie darüber ein Kleidchen trugen. Hosen bekamen die Jungs, wenn sie sauber waren.
Und die Mädchen? Sie blieben in der Kinderkleidung stecken bis ins hohe Alter, weil der Mann die Frau erstens eher kindlich und zweitens am liebsten rundum leicht zugänglich mag.
Die Kanzlerin, Hillary und andere mächtige Frauen haben das erkannt und tragen grundsätzlich keine Windelkleidung. Das handliche Kindel tragen sie in der Hosentasche oder im Jackett.
05.12.2009
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Einundvierzigste Lektion.
Morgen ist schon wieder Nikolaus, und die FeministInnen unter den Müttern und Vätern fragen sich, wie sie den Männerrummel um dieses Fest ein wenig feminisieren können, damit die Kleinen ein gendermäßig ausgewogenes Weltbild entwickeln.
Früher bekam ich regelmäßig Mails von Müttern, die die “Heilige Nikoläusin” feierten und den Kleinen nicht nur “Stutenkerle”, sondern auch “Stutenfrauen” buken. Die zwittrige Bezeichnung “Stutenkerl” kommt daher, dass der Stutenkerl ein Hefegebäck ist und Hefe und Hefegebäck in manchen Gegenden “Stute” oder “Stuten” heißen.
Ziemlich zwittrig ist auch “Santa Claus”. Ein erster und entscheidender Schritt in die richtige Richtung ist da schon geschafft, denn “Santa” passt eigentlich nur zu Frauen.* Wir kennen Santa Maria, Santa Margherita, Santa Lucia, Santa Monica, Santa Barbara usw. Aber Santa Claus?? Eigentlich müsste er San Claus heißen, wie San Francisco nach dem Heiligen (“San”) Franziskus oder San Diego nach dem Heiligen Diego de Alcalá oder Sant Iago (Santiago) nach dem Heiligen Jakob, der kürzlich - nachdem Hape Kerkeling auf dem Sankt-Jakobs-Weg nach Santiago de Compostela dann mal weg war - ein strahlendes Comeback hatte.
Entsprechend ihrer Transgender-Natur sollte Santa Claus abwechselnd als Frau oder als Mann auftreten, mit Rudolph oder Ruth, dem rotnäsigen Rentier.
Und die Heilige Nikoläusin? Finde ich nicht sehr gelungen. Viel besser und naheliegender ist doch “Die Heilige Nikolaus”. Viele Kinder haben heute ja eh genug leidvolle Erfahrungen mit Läusen, und es kann nicht schaden, ihnen die Tierchen in freundlicherem Gewande nahezubrigen.
Alle Geschichten um den Nikolaustag mit Knecht Ruprecht und seiner Rute, Rudolph, dem Rentier undsoweiter sind ja sowieso reine Erfindung, bloß wir Frauen haben dazu nicht genügend beigetragen. Höchste Zeit, dass wir unsere eigenen Mythen basteln.
Wie wäre es für den Anfang mit dieser Version:
Die Heilige Nikolaus ist eine besonders liebe und machtvolle Laus, die fürstinlich durch die Lande reist im Rauschebart des Heiligen Nikolaus: Er ist nach ihr benannt und eigentlich nur ihr Transportvehikel. Sie leitet und lenkt ihn, und wenn er nicht spurt und den Kindern nicht genug Geschenke bringt oder ihnen gar mit der Rute kommen will, beißt sie ihn mal kräftig.
Heilige Nikolaus, gutes Tier! Wie konnten wir nur so lange ohne dich leben!
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* Für diejenigen, denen die Transgendernatur von Santa Claus nicht einleuchtet: “Santa Claus” soll sich vom niederländischen “Sinterklaas” herleiten.
29.11.2009
Vor einer Woche hat sich der Deutsche Hausfrauenbund umbenannt und teilt dazu mit:
Nach über 90 Jahren orientiert sich der Deutsche Hausfrauen-Bund (DHB) neu. Seit dem 23.9.2009 heißt der Verband nun »DHB – Netzwerk Haushalt, Berufsverband der Haushaltsführenden e.V.«.
Die Begründung ist geradezu klassisch:
Die veränderten Familienstrukturen, die stärkere Einbindung der Väter in die Kindererziehung und die Hausarbeit waren ein Anlass zur Namensänderung. Frauen und Männer empfinden sich als Haushaltsführende, der Begriff Hausfrau ist geschlechtsspezifisch. Der DHB verzeichnet jedoch seit Jahren eine steigende Zahl von männlichen Mitgliedern. (meine Hervorhebungen)
Mit anderen Worten: Die paar Männer finden es genierlich, Mitglieder des Hausfrauenbundes zu sein. Ich selbst bin Mitglied des Berufsverbands “Women in German” (Studierende und Lehrende des Fachs Germanistik), dem auch etliche Männer angehören. So viel ich weiß, sind sie als echte Feministen stolz auf diese Bezeichnung, sehen sich sozusagen als “Frauen ehrenhalber”.
“Hausfrau” ist nett und kurz und knapp - etwas, was die feministische Sprachkritik ja angeblich zu untergraben sucht mit ihren dämlichen Doppelformen à la Bürgerinnen und Bürger oder ihren komischen geschlechtsneutralen Partizipien à la Studierende statt Studenten.
Nun aber bekommen wir statt der handlichen Hausfrau das Wortungetüm Haushaltsführende/r aufgebrummt. Es ist mit 18 Buchstaben fast doppelt so lang wie Hausfrau und mit der kaum aussprechbaren Konsonantenfolge l-t-s-f ein extra fieser Zungenbrecher.
“Berufsverband der Haushaltsführenden” besteht aus zehn Silben und hat 37 Buchstaben. “Hausfrauenbund” hat 4 Silben und besteht aus 16 Buchstaben.
Und das alles nur, weil die paar Hausmänner die Bezeichnung Hausfrau nicht vertragen? Und schon wird der altehrwürdige Verband weich in den Knien und gibt nach?
Die Frauenbewegung hat die Bezeichnung Hausmann als männliches Pendant für Hausfrau durchgesetzt. Nach den bewährten Beispielen
Ehemann - Ehefrau - Eheleute
Fachmann - Fachfrau - Fachleute
Geschäftsmann - Geschäftsfrau - Geschäftsleute
Gewährsmann - Gewährsfrau - Gewährsleute
Kaufmann - Kauffrau - Kaufleute
Obmann - Obfrau - Obleute
Ombudsmann - Ombudsfrau - Ombudsleute
Putzmann - Putzfrau - Putzleute
Vertrauensmann - Vertrauensfrau - Vertrauensleute
hätte also als zweitbeste Lösung des Scheinproblems die Bezeichnung Hausleute nahegelegen: Deutscher Hausleutebund. Klar und knapp, noch knapper als Hausfrauenbund. Die eleganteste Lösung wäre natürlich die Null-Lösung, Beibehaltung des traditionsreichen Namens, wobei die paar Hausmänner sich herzlich mitgemeint fühlen dürfen - so wie sonst immer wir Frauen.
Wir haben keinen Einblick in den Prozess der Namensfindung im Deutschen Hausfrauenbund. Ich denke mir, es war so:
Zum einen gibt es maulende Männer, die sich in der Bezeichnung “Hausfrau” nicht wiederfinden wollen - während wir Frauen bis heute eine kaufmännische Ausbildung machen müssen, Bauherren und Patentanten sind und alle möglichen Patronate und Schirmherrschaften übernehmen.
Zum andern die Klage der Frauen über den niedrigen bis überhaupt fragwürdigen Status ihres “Berufs”, dem alle Charakteristika eines Berufs fehlen, vom Gehalt über geregelte Arbeits- und Urlaubszeiten bis hin zu Kranken- und Rentenversicherung. Statt nun den undankbaren “Beruf” endlich abzuschaffen, wird Wortkosmetik betrieben wie damals bei der Putzfrau, die erst zur Raumpflegerin wurde und dann - weitgehend unter männlicher Regie - zur Gebäudereinigerin, die ein kostspieliges Produkt herstellt, nämlich Sauberkeit. Das sind dann aber schon überwiegend Männer, zu deren guter Bezahlung eine Bezeichnung wie Putze oder Putzerich einfach nicht passt. Denn männliche Beteiligung bringt einem Beruf Würde und Status und verlangt nach einer entsprechenden würdevollen Bezeichnung.
Eben so etwas wie Haushaltsführende/r. Kann gar nicht lang und getragen genug sein. Haushaltsführender ist mit 18 Buchstaben schon fast so lang und silbenreich wie Obersturmbannführer.
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Noch mehr zum Thema in meiner (langen) Glosse “Hausfrau und Haustier: Das Sprachbild der Haus- und Familienarbeit”, abgedruckt in Die Eier des Staatsoberhaupts und andere Glossen. Wallstein Verlag Göttingen 2008. S. 66-72.
[Dank an Anne Beck für den Hinweis auf den neuen Namen des Hausfrauenbunds.]
21.11.2009
(auch ein Beitrag zu Schillers 250. Geburtstag)
Am Donnerstag, mal wieder mit der DB unterwegs, blätterte ich im Novemberheft des mobil-Magazins der Deutschen Bahn. In einem Interview über Computerspiele äußerte Ralf Wirsing (40), Deutschland-Chef des Spieleherstellers Ubisoft, folgendes:
Mit dem Wii System von Nintendo … kann man das Geschehen auf dem Fernseher steuern, was zu einer Welle von neuen Sport- und Simulationsspielen geführt hat. Anders als der Computer, an dem man oft noch Einstellungen vornehmen muss, sind die Konsolen auch ohne Vorkenntnisse leicht zu bedienen. Damit erreicht man auch weibliche und ältere Zielgruppen.
Obwohl ich als ältere und weibliche Person beiden Zielgruppen angehöre, ist es mir bisher gelungen, für Ralf Wirsing und Ubisoft unerreichbar zu bleiben.
Sonst wurden und werden wir Frauen ja meist mit den Kindern in einen Topf geworfen. “Frauen und Kinder zuerst” heißt es bekanntlich oder “Frauen und Kinder die Hälfte”. Für Wirsing aber sind die körperlich, geistig und finanziell Schwachen, die zu uns passen, nicht mehr die Kinder, sondern ältere Männer. In Sachen Computer und vor allem Computerspiele sind männliche Kids nicht mehr die Schwachen, sondern die Experten.
Wirsing scheint davon auszugehen, dass Mädchen, Frauen und ältere Männer von den Computerspielen bisher nicht “erreicht” wurden, weil uns die Vorkenntnisse fehlen, um am Computer “Einstellungen vorzunehmen”.
Also bei mir trifft das nicht zu, auch in meinem weitläufigen Bekanntenkreis von weiblichen und älteren Personen kenne ich kein Mädchen, das nicht computerkundig ist und keine einzige Frau, die nicht seit Jahrzehnten “Einstellungen an ihrem Computer” vornimmt. Lediglich ein paar inzwischen ältere Männer tun und taten sich schwer mit dem Ding. Was uns Frauen von den Spielen vor allem abhält, ist die Tatsache, dass sie uns inhaltlich nicht ansprechen und wir unsere Zeit lieber mit etwas anderem verbringen, vor allem lieber mit anderen Frauen, mit einem Buch oder an der frischen Luft als vor einem Bildschirm, vor dem wir schon den ganzen Tag verbracht haben.
Ja der Homo ludens, der spielende Mensch, ist wohl doch eher ein spielender Mann. Für Schiller, der in seiner Abhandlung über die ästhetische Erziehung des Menschen zu dem Schluss kam, dass “der Mensch nur da ganz Mensch ist, wo er spielt”, ist der Mensch eindeutig ein Mann. Unser Jubilar, mit 250 Jahren auch nicht mehr der Jüngste, versteht unter dem Menschen z.B. den “Natursohn” oder den “Weltmann”, auch träumt er davon, wie “sich die Jugend der Phantasie mit der Männlichkeit der Vernunft in einer herrlichen Menschheit vereinigt.” Herrlich fürwahr.
Doch zurück in die raue Gegenwart. Frage des Interviewers an Ralf Wirsing: “Im Zusammenhang mit Amokläufen an Schulen geht es immer wieder um den Einfluss von Ego-Shooter-Spielen auf Jugendliche - sehen Sie sich als Spielehersteller hier in der Verantwortung?”
Darauf der smarte Deutschlandchef: “Die Frage stellt sich nicht. Shooter sind zumeist ab 18 Jahren freigegeben und somit reine Erwachsenenunterhaltung. Wir stellen aber leider immer wieder fehlerhaftes Wissen über Spiele und ihre Auswirkungen fest.”
“Fehlerhaftes Wissen” stelle ich vor allem bei Ralf Wirsing fest. Einmal über die “weiblichen und älteren Zielgruppen”, die er für zu doof hält, um mit einem Computer umzugehen. Zum anderen über die Ego-Shooter. Dass sie erst ab 18 freigegeben sind, hat doch jüngere Spieler noch nie vom Zugang dazu abgehalten, im Gegenteil.
***
Als ich noch klein war, bekam ich eine große Mamapuppe geschenkt. Sie hatte pechschwarze, etwas kratzige Locken, konnte “Mama” sagen, wenn ich auf ihren Bauch drückte, und mit den Augenlidern klappern. Ich gab die Puppe meiner kleinen Schwester, denn ich interessierte mich mehr für Lege- und Steckspiele. Später ließ mich mein älterer Bruder bei seinen Indianerspielen mitmachen, aber nur als namenlose “Squaw”, während er der große Held Chingachgook war. Diese Spiele fesselten mich auch nicht lange, und endlich entdeckte ich die Wunderwelt der Bücher.
Die Wunderwelt der Bücher ist bei den Knaben durch die Computerspiele völlig aus der Mode gekommen, während viele Mädchen diese Welt noch unbeschadet erreichen, bevor die Computerspiele - “Fesselnder als Kino” (Wirsing) - sie erreichen. Wie die jüngste Pisastudie gezeigt hat, stärken die Mädchen dadurch ihre Vorstellungs- und Urteilskraft, erreichen dadurch mehr in der Schule und sind vor Spielsucht, Verdummung und Verrohung besser geschützt als die Jungs.
Was Ralf Wirsing uns gern als Vorsprung der computerkundigen Jungmännerwelt verkaufen möchte, ist in Wirklichkeit eine beängstigende Schwäche, die sie jetzt schon teuer bezahlen müssen - wie viel mehr, wenn sie älter sind.
Anders als das Buch, für das man außer der Lesefähigkeit Geduld, Konzentration, Vorstellungskraft, ein gutes Gedächtnis und vieles mehr mitbringen muss, sind Computer auch ohne diese Begabungen leicht zu bedienen. Damit erreicht man auch männliche Zielgruppen inklusive Analphabeten. (Ralf Wirsing, redigiert von Luise F. Pusch)
15.11.2009
Das Thema in der vergangenen Woche war der Selbstmord des Nationaltorwarts Robert Enke von Hannover 96. Wir erfuhren, dass er seit sechs Jahren an Depressionen litt, aber den Verlust seines Jobs, der lukrativen Werbeeinnahmen und vielleicht sogar seiner Adoptivtochter fürchtete, wenn seine Krankheit publik würde. Aus diesem Grund begab er sich auch nicht in klinische Behandlung. Ein Teufelskreis.
Das Volk war erschüttert und ging zu Tausenden auf die Straße, um seine Betroffenheit zu bekunden. Abends gab es eine Trauerandacht in der Marktkirche, mit viel Fußball- und Kirchenprominenz von Ballack bis Käßmann.
Obwohl ich seit 25 Jahren in Hannover wohne, hatte ich von Robert Enke noch nie etwas gehört. Anscheinend lebe ich in einem fußballmuffeligen Parallel-Universum, in dem frau nur dann mal hinschaut, wenn unsere Fußballerinen aufspielen.
Nun ich aber aus so traurigem Anlass auf Enke gestoßen wurde, sah ich zwischen ihm und den Spielerinnen viele Parallelen. Vielleicht sollten wir uns um sie Sorgen machen. Enke versuchte seinem Publikum den makellosen Helden vorzuspielen, den es haben wollte. Aber es ist sehr anstrengend und manchmal tödlich, ständig eine Scheinwirklichkeit darzustellen.
Als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Männer 2006 auf den dritten Platz kam, bereiteten die Fans den Spielern und ihren Frauen oder Freundinnen einen grandiosen Empfang auf dem Frankfurter Römer. Drei Jahre zuvor waren die deutschen Fußballfrauen Weltmeisterin geworden, waren auch frenetisch auf dem Römer gefeiert worden, allerdings ganz ohne Anhang. Kein Ehemann oder Freund war zu sehen. Auch keine Ehefrau oder Freundin. 2007 wurden sie wieder Weltmeisterin, und das Feiern ohne Anhang wiederholte sich. Ob sie alle lesbisch sind und die Freundin hier nicht vorzeigen wollen, schon wegen der gefährdeten Werbeverträge, fragte ich mich beide Male. Nicht mal als Weltmeisterinnen können sie sich das leisten? Vielleicht sind sie nicht alle lesbisch, haben aber solidarisch beschlossen, dass der Anhang zu Hause bleibt, weil die Lesben unter ihnen die Partnerin nicht öffentlich vorzeigen können.
In den neunziger Jahren sah ich das Weltmeisterschafts-Endspiel zwischen den US-Amerikanerinnen und den deutschen Spielerinnen im Fernsehen. Die Deutschen sahen sportlich-herb aus, kurze Haare, stramme Beine. Die Amerikanerinnen dagegen alle so “feminin” wie möglich, die obligatorischen langen Haare hatten sie zu einem feschen Pferdeschwanz gebunden. Der Unterschied in der Aufmachung lag wohl wieder an den Werbeverträgen. Für die Deutschen gab es damals noch keine nennenswerten, während die Amerikanerinnen schon voll im Geschäft waren. Und die Voraussetzung des Geschäfts ist: feminines Aussehen. Der Verdacht des Lesbischseins muss mit überzeugenden Signalen fortlaufend abgewehrt werden.
Die Fußball-Oberen und der Sportjournalismus sind angesichts des Falles Enke in reuiges Nachdenken verfallen. Es muss sich etwas ändern in der Fußballwelt und im Profisport ganz allgemein, fordern sie nun mit Nachdruck. Die Idole der Nation sollen ab sofort auch mal menschliche Schwächen zeigen dürfen.
Oder menschliche Stärken wie das Lesbischsein, wäre da noch zu ergänzen.
08.11.2009
Joey und ich geben gerade unser zweites Buch über berühmte Frauen* und ihre Freundinnen/Geliebten heraus (erscheint im März bei Wallstein unter dem Titel “Frauengeschichten”). Hier schon mal der Cover-Entwurf als kleiner Vorgeschmack:
Bei der beschwingten Arbeit an dem Buch stießen wir regelmäßig auf die Kultur des Smashing an amerikanischen Frauencolleges zwischen 1870 und 1920. Wir wissen ja, dass Mädchen und junge Frauen gerne für Mitschülerinnen und Lehrerinnen schwärmen, bevor unsere “heteronormative Kultur” (früher nannten wir es kurz und kräftig Heterror) es ihnen unerbittlich austreibt. Was aber an diesen amerikanischen Frauencolleges betrieben wurde, hatte Methode, Stil und großes Format. In der Studentenzeitung von Yale stand 1873 darüber zu lesen:
Wenn eine Vassar-Studentin für eine andere schwärmt, beginnt sie umgehend, ihr regelmäßig Blumensträuße zu schicken, zwischendurch pastellfarbene Briefchen, geheimnisvolle Päckchen von „Ridleys vermischten Süßigkeiten“, vielleicht Haarlocken, und viele andere zärtliche Angebinde, bis das Objekt ihrer Aufmerksamkeit eingefangen ist, die beiden unzertrennlich sind und die Angreiferin von ihrem Kreis als „smashed“ angesehen wird.
Manche Lehrerinnen waren von der Smashing-Kultur nicht eben begeistert: „Es hielt die Mädchen vom Studieren ab, manchmal geriet ein Mädchen dadurch Jahr um Jahr in Rückstand. [...] Wenn die Schwärmerei gegenseitig ist, monopolisieren sie einander und ‚löffeln’ andauernd, schlafen zusammen und liegen die ganze Nacht wach und sprechen miteinander, statt schlafen zu gehen.“ (Alice Stone Blackwell (1857-1950), Schriftstellerin und Feministin, im Jahre 1882. “Löffeln” (spooning) bedeutet, eng aneinandergeschmiegt auf der Seite zu liegen, ähnlich wie Löffel in einem Besteckkasten.)
Wo ist die Smashing-Kultur geblieben? Die Schwärmerei junger Mädchen und Frauen wird heute beizeiten in die rechten Bahnen gezwängt. Der Film Mädchen in Uniform zeigte 1931 und im Remake 1957 mit Romy Schneider und Lilli Palmer, wohin das “ungesunde Schwärmen” für die Geschlechtsgenossinnen führt: Geradewegs in den Selbstmord.
Mädchen und Frauen sollen gefälligst für Jungen und Männer schwärmen. Inbegriff des heutigen Mädchenschwarms sind Boy Groups wie Tokio Hotel. Und “Frauenschwarm” ist eine Bezeichnung für Männer wie Brad Pitt, George Clooney oder Richard Gere, früher Gary Cooper und Cary Grant, noch früher der Urtyp Rudolph Valentino, sozusagen die Mutter aller Frauenschwärme. Viele Frauen schwärmten auch für Greta Garbo - deshalb ist diese aber noch lange kein Frauenschwarm. Es heißt ja schließlich auch der und nicht die Schwarm.
Ist Garbo dann vielleicht ein Männerschwarm? Nein, dies Wort bezeichnet seltsamerweise auch eher Männer: Männer, für die Männer schwärmen. Echte Männer schwärmen natürlich nicht (das überlassen sie den Frauen), schwule Männer dafür umso mehr. Sie schwärmen nicht nur für Opernsängerinnen, sondern auch für andere Männer. Jedenfalls legt das der Name der fast schon alteingesessenen schwulen Buchhandlung Männerschwarm in Hamburg nahe.
Und wie ist das mit Marlene und ihrem Song “Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt”. Darin heißt es doch “Männer umschwirr’n mich wie Motten das Licht” - demnach wäre sie bzw. “die fesche Lola” doch das Urbild eines Männerschwarms. Ja - aber das war in den goldenen zwanziger Jahren, und danach wurde es bekanntlich finster in Deutschland.
Spuren dieser veralteten Bedeutung des Wortes Männerschwarm haben sich bis heute erhalten, z.B. finde ich mit Hilfe von Google schnell auf die Seite, wo die Testperson in 10 Testschritten erfahren kann, ob sie ein “Männerschwarm” ist. Der Test richtet sich eher an Frauen, wie ich aus Frage 4 entnehme:
Welche Schuhe tragen Sie?
o Meine ausgelatschten, alten Lieblingsturnschuhe!
o Meistens Sneakers aber auch schon mal etwas schickeres!
o Am liebsten Sneakers.
o Alles mögliche! Kommt auf meine Laune an.
o Immer High-Heels!
Für mich gab es da nichts zum Ankreuzen, ich trage immer meine ausgelatschten alten Birkenstockschuhe. Ich kreuzte dann doch als Notbehelf die “Lieblingsturnschuhe” an, und die Strafe folgte sozusagen auf dem Fuße. Meine Auswertung ergab:
Die Männer laufen an Ihnen vorbei ohne Sie zu registrieren!
Ändern Sie etwas an sich!
So können Sie nicht glücklich werden.
Dieses Profil hatten 6.6442 % der 21071 Quizteilnehmer!
Das Wort “Quizteilnehmer” war nun wieder verwirrend. Richtete sich das Quiz doch an Männer? Die mit den High Heels?
Wir fassen zusammen: In Sachen Frauen, Männer und Bienen bleibt die deutsche Sprache verwirrend wie eh und je. Auf die Frage, ob ich ein Frauenschwarm, ein Männerschwarm oder ein Bienenschwarm bin, kann ich ehrlich nur antworten: Ich bin ein Mückenschwarm. Mir ist noch keine Mücke begegnet, die mich nicht umgehend gestochen hätte.
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* Das erste Buch, Berühmte Frauenpaare (2005), findet Ihr hier:
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(Dank an Anne Beck für eine frühe Anregung zum Thema Frauenschwarm / Männerschwarm)
31.10.2009
Zum heutigen Reformationstag wachte ich mit vermischten Ideen für meine nächste Glosse auf. Ich dachte an “das Vaterunser” und “den Paternoster” - beides Wörter, die auch bald mal eine Glosse verdienen. Ich dachte an Doktor Martin Luther, den inzwischen vermutlich verstorbenen Dackel von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Und ich dachte an Margot Käßmann, die erste Ratspräsidentin der EKD (ev. Kirche in Deutschland).
Da hat die Reformation den Frauen schließlich doch noch was gebracht. Allerdings hat es 450 Jahre gedauert bis zur ersten Pfarrerin, 475 Jahre bis zur ersten Bischöfin und fast ein halbes Jahrtausend bis zur ersten Ratspräsidentin, Käßmann.
Interessant übrigens, dass die beiden Frauen, die in Deutschland derzeit die höchsten politischen Ämter bekleiden, beide Pfarrerstöchter sind. Die neue Ministerpräsidentin Thüringens, Christine Lieberknecht, ist außerdem selber Pfarrerin und mit einem Pfarrer verheiratet. Das deutsche evangelische Pfarrhaus soll ja so viele männliche Genies hervorgebracht haben; die fehlenden weiblichen Genies und Talente hingegen wurden wohl bis vor kurzem erfolgreich behindert. Jetzt aber kommen sie anscheinend flott zum Zuge …
Was hat die Reformation den Frauen sonst noch gebracht?
Das Mönchtum und das Nonnenwesen wurden abgeschafft. Der Exmönch Luther und die Exnonne Katharina von Bora heirateten und wurden damit Vorbilder für alle kinderreichen Pfarrfamilien nach ihnen. War bis dahin die Ehelosigkeit der würdigste christliche Zivilstand, erreichbar nur für auserwählte Seelen, die dafür später selig- oder heiliggesprochen wurden, traten mit den Luthers die “family values” ihren bedenklichen Siegeszug an. Vornehmste Aufgabe der Frau war fortan die Pflege des Gatten, der Kinder und des Haushalts, und da sie die Kinder zum rechten Glauben erziehen sollte, durfte sie auch ein bißchen studieren, und zwar die Bibel. Von imponierenden Frauen wie Roswitha von Gandersheim, Hildegard von Bingen, Caterina von Siena oder Teresa von Avila ist in der protestantischen Kirche nichts bekannt.
Der evangelische Pfarrer hat wie der Reformator seine evangelische Pfarrfrau zur Seite. Viele meiner Vorfahrinnen haben sich in diesem undankbaren, äußerst arbeitsintensiven und unbezahlten Amt verbraucht. Die evangelische Pfarrerin von heute (30 Prozent aller Pfarrstellen sind inzwischen mit Frauen besetzt) hat in der Regel keinen Pfarr- bzw. Hausmann zur Seite, nicht mal einen Haushälter entsprechend der Haushälterin des katholischen Pfarrers.
Das Wort Haushälter ist so ungebräuchlich, dass es in den meisten Lexika fehlt. Mag es immerhin fehlen - zum Ausgleich haben wir den Zuhälter, dem das weibliche Pendant fehlt.
Das Duden Herkunftswörterbuch, 3. Aufl. meldet über Zuhälter:
“Zuhälter” bedeutet … eigentlich “Geliebte[r], außerehelicher Geschlechtspartner”, beachte das veraltete “Zuhälterin”, “Dirne” (15. Jh.). Daraus entwickelte sich die Bedeutung “Dirnenbeschützer”.
Wie wir wissen, ist der “Dirnenbeschützer” alles andere als ein Beschützer.
Der fehlende Haushälter benachteiligt die vielen schwulen Priester, die - anders als ihre heterosexuellen Kollegen die Partnerin-“Haushälterin” - den Partner nicht als “Haushälter” tarnen können. Aber um dies hausgemachte Problem soll sich die katholische Kirche selber kümmern.
Lücken im Wortschatz wie der fehlende Haushälter und die fehlende Zuhälterin sind meist sehr aufschlussreich. Das Beispiel Haushälterin - Zuhälter bestätigt akkurat die feministische Analyse der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung: Der Mann dient dem Herrn (als Priester oder evangelischer Pfarrer) oder auch dem Gott Mammon (als Zuhälter), die Frau aber dient dem Mann, z.B. als Haushälterin, als “Dirne” oder als Kombi (Pfarrfrau). Der Mann dient nicht der Frau, da sei Gott vor! Wenn also die Frau sich anmaßt, als Pfarrerin dem Herrn zu dienen, als Bundeskanzlerin dem Volk oder als Ministerpräsidentin dem Land Thüringen, muss sie zusehen, wie sie zurechtkommt. Sie kann mitnichten auf einen Mann rechnen, der dann ihr dient. Denn es gibt keinen Haushälter, keinen Dirnerich, keinen Pfarrmann, keinen Ministerpräsidentingatten und keinen Kanzleringatten - weder sprachlich noch sonstwo.
Besser hatten und haben es da die Nonnen: Die Bräute Christi dienen zwar dem Herrn unter Aufsicht eines Priesters, aber sie dienen nicht Männern, sondern versorgen einander.
24.10.2009
Letzte Woche lief im Fernsehen spätnachts der Film Die Ex bin ich von Katrin Rothe. Er handelt von drei jungen Frauen, die nacheinander mit demselben jungen Mann eine Beziehung hatten. Brit noch während der Schulzeit, Sandra war die mittlere, Anne die letzte - bevor Bert Selbstmord beging. Nun gehen sie gemeinsam seine Sachen durch und versuchen dabei herauszufinden, warum er das getan hat.
Was mich an dem Titel faszinierte, war der Ausdruck “die Ex”. Joey hatte schon öfter von “ihrem Ex” gesprochen - wie sie heute erzählte, weil sie nicht wusste, ob “Dick” hier gleich verstanden würde (Dick Cheney war Mitte der achtziger Jahre noch keine bekannte Größe), ob die Leute vielleicht denken würden, sie hätte “der Dicke” gesagt. Außerdem bedeutet Dick auf Englisch auch “Schwanz” - all das war ihr ungemütlich, und “mein ehemaliger Ehemann”, das brachte sie auch nicht über die Lippen. Also “mein Ex”, frei aus dem Englischen.
“Die Ex”, das hatte ich bis dahin noch nie gehört. Das Interessante an dem Wort ist, dass es nicht “moviert” wird, also mit einem angehängten “-in” aus “der Ex” abgeleitet: der Ex, die Exin, wie es sonst im Deutschen üblich ist.
In der 20. Auflage des Duden von 1992 kommt das Substantiv Ex noch nicht vor, es gibt da nur die Vorsilbe: “Ex… = ehemalig, z.B. Exminister”. 12 Jahre später meldet die 23. Auflage von 2004: “Ex, der und die; umgangssprachlich kurz für Exfreund[in], Exehemann bzw. Exehefrau.”
Ja, warum sagt das Volk hier plötzlich nicht “der Ex / die Exin”?
Vielleicht, weil es im Englischen “the ex” heißt und das schlicht übernommen wurde, für beide Geschlechter? Glaube ich nicht, wenn ich z.B. an “manager” denke, das als “der Manager” und schließlich auch “die Managerin” ins Deutsche kam. Oder nehmen wir ein neueres, schickeres Wort, “art director”. Der Duden von 2006 sagt dazu: “Artdirector, der (engl.) (künstlerischer Leiter des Layouts in einer Werbeabteilung).” Eine Artdirector ist nicht vorgesehen. Und eine Boss natürlich schon gar nicht, obwohl das Wort im Englischen geschlechtsneutral ist.
Ich erkläre mir diese Ausnahme folgendermaßen:
Wenn ich bei Google “mein Ex” eingebe, werde ich als erstes gefragt: “Did you mean meine Ex”? Geboten werden dann 138.000 Vorkommnisse von “mein Ex”. Suche ich hingegen nach “meine Ex”, werde ich nicht gefragt “Did you mean mein Ex”? Und ich bekomme fast dreimal so viele Fundstellen geliefert: 335.000 für “meine Ex”.
Die vielen Seiten über “meine Ex” sind überwiegend von Hass geprägt. Typisch sind Texte wie “Meine Ex - Hier rächen sich Boys an Ihrer Ex Freundin indem Sie Nacktbilder von den Mädels veröffentlichen - Jede Menge Erotik für wenig Geld · Bereits Mitglied? Dann logge dich Hier ein.”
Wie das Internet belegt, wird “meine Ex” weit häufiger gebraucht als “mein Ex”. “Die Ex” scheint das Original zu sein, nicht “der Ex”.
Und somit gehört diese Ausnahme des deutschen Wortschatzes wohl in die Nähe der Gruppe Witwe, Witwer und Hexe, Hexer; Ente, Enterich; Gans, Gänserich, bei denen das Maskulinum aus dem Femininum abgeleitet wird. Witwen sind seit jeher die “Normalform”, denn ein Witwer blieb nicht lange Witwer, sondern heiratete die nächste, und wenn er die zu Tode geschwängert hatte, kam wieder die nächste dran. Die Kunst der Hexerey wurde mit Vorliebe Frauen nachgesagt - zur Zeit des Hexenwahns eine beliebte Methode, aufmüpfige Frauen loszuwerden und sich ihr Hab und Gut unter den Nagel zu reißen. Beim Geflügel (Gans, Ente) ist das Weibchen die Normalform, weil es Eier legt und damit das nützlichere Nutztier ist.
Was lernen wir aus dem Befund?
A) Es gibt weit mehr Exfreundinnen als Exfreunde, mehr weibliche als männliche “Exe”. In Katrin Rothes Film, der mich überhaupt auf dieses Thema brachte, haben drei Frauen je einen Ex, und zwar denselben Bert, dieser eine Ex aber hatte sie alle drei.
B) Wenn Frauen einen Freund verlieren oder ihm den Laufpass geben (müssen), stellen sie ihn normalerweise nicht im Internet bloß, sind sie eher traurig als rachedurstig. Wenn Männer eine Frau verlassen und erst recht, wenn sie verlassen werden, rächen sie sich oft. Nacktfotos von der Ex im Netz sind noch die mildere Variante, die extreme Variante ist Mord.
Einen Superhit landete die Gruppe Die Ärzte mit “Meine Ex(plodierte) Freundin”. Der Leadsänger brüstet sich, dass er für seine Freundinnen gefährlich ist: Sie sterben alle. Einen Link zu diesem scheußlichen Produkt des ungefilterten Frauenhasses lege ich hier nicht.
Merke: Werde besser keine Ex. Wie das anzustellen ist? Ganz einfach: Werde nicht seine Freundin, dann wirst du auch nicht seine Ex, und die Explosionsgefahr verringert sich dramatisch.
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Nachtrag: Ganz anders und auf jeden Fall weniger gefährlich lebt anscheinend die Ex einer Frau, nachzulesen bei Silke Buttgereit, „Auf ewig war ich Dein – Lesben und ihre Ex-Geliebten“. (Dank an Doris Hermanns für den Hinweis).
17.10.2009
“Herta hat gewonnen”, verkündete der Sprecher am 8. Oktober in den TV-Nachrichten. “Nicht Hertha BSC, aber Herta Müller, auch aus Berlin. Sie bekommt den Literatur-Nobelpreis.”
Und dann wurde weiter geflapst in den Medien. Elke Heidenreich (stern.de) rühmte die Autorin vorbehaltlos, empfahl ihr aber nachdrücklich eine andere Frisur, etwa in der Art wie ihre eigene. Ob das nun wieder so günstig wäre? Ich erinnere mich nicht, anlässlich des Nobelpreises für Günter Grass gelesen zu haben, er solle sich nun aber gefälligst von seinem missfarbenen Schnauzbart trennen.
Harald Schmidt hatte es auch mit Herta Müllers derzeitiger Frisur, ließ ihr letztes Buch Atemschaukel zersägen und erklärte, die Schriftstellerin erinnere ihn auffällig an Max Schreck, den Titelhelden aus Murnaus Vampir-Film Nosferatu. Und Bild titelte dazu: “Harald Schmidt zersägt Herta Müller (ihr Buch)”. Die Präzisierung scheint tatsächlich notwendig.
Ja, die scheue Nobelpreisträgerin ist endgültig in den Medien angekommen. Früher gab es wunderschöne Lieder auf “Die schöne Müllerin”. Diese Zeiten sind vorbei. Als Kathrin Schmidt am vergangenen Montag den Deutschen Buchpreis bekam, sah Bild das wie folgt: “Kathrin Schmidt schlägt Nobelpreisträgerin Herta Müller”.
Am Freitag schauten wir zum Spätstück mal auf das “Blaue Sofa” zur Frankfurter Buchmesse (ZDF-Dokukanal). Rüdiger Safranski verbreitete sich über Schiller und Goethe. Das Publikum war mehr als zahlreich, es quetschte sich bis in die hintersten Ecken. “Der hat aber viel Publikum!” wunderte sich Joey. Des Rätsels Lösung kam bald: Nach Safranskis Abgang nahm Herta Müller auf dem Sofa Platz, die Leute waren ihretwegen gekommen und hatten, um sich einen guten Platz zu ersitzen, Safranski in Kauf genommen.
Den Nobelpreis ließen Herta Müller und ihre Interviewerin links liegen und kamen gleich zur Sache, ihrem neuen Roman Atemschaukel über das Schicksal rumäniendeutscher ZwangsarbeiterInnen in sowjetischen Lagern nach dem zweiten Weltkrieg. Müller zog das zunächst noch unruhige Publikum mühelos in ihren Bann, gerade weil das nicht ihre Absicht schien. Sie hatte eben etwas zu sagen, und das Publikum dankte es ihr. In all dem Messetrubel brachte Herta Müller uns in Erinnerung, was die Aufgabe der Literatur eigentlich ist.
Der Spiegel betitelte seine Übersicht über Kommentare der Internationalen Presse mit “Die Feministinnen freuen sich”. Ich denke, jede Frau, die sich über die unsinnige Verteilung der Ressourcen und Preise auch nur ein wenig Gedanken macht, freut sich über die Entscheidung des Nobel-Komitees. Mit dem Reizwort “Feministinnen” soll diese Freude gedämpft werden - denn “richtige Frauen” sehen das nicht so verbissen, sondern wollen nur, dass die oder der Beste den Preis bekommt. Nur die Feministinnen sind so engstirnig, dass sie den Männern den Preis nicht gönnen. Dabei hätte doch Philip Roth den Preis nun wirklich endlich mal verdient.
Aber nicht nur die Feministinnen sind begeistert. Es freuen sich außerdem
- die Deutschen: “Zum ersten Mal seit 1999 (Grass) geht der Preis wieder nach Deutschland” lesen wir überall.
- die Vertriebenen
- die Menschen, die in einer Diktatur leben
- ganz Berlin (laut Wowi)
- die Rumäniendeutschen und die RumänInnen
- die EinwohnerInnen von Nitzkydorf im Banat, Herta Müllers Geburtsort
Und die Frauen wie gesagt, die dies Jahr überhaupt satt abgeräumt haben: Von den 6 Nobelpreisen gingen vier an Frauen: ⅔ des Medizinpreises (Greider und Blackburn), ⅓ des Chemiepreises (Yonath), 1/2 des Wirtschaftspreises (Ostrom) und der Literaturpreis.
Wahrscheinlich freut sich auch Hertha BSC nicht schlecht. Und bestimmt auch alle anderen, die Herta heißen. Insofern ist es schon recht, dass weder Joeys Favoritin (Christa Wolf) noch meine (Swetlana Alexijewitsch) diesmal den Preis bekommen hat. Denn so ist die Fräude schließlich viel größer, können sich doch auch alle freuen, die Müller heißen.
03.10.2009
Der kürzlich verstorbene Michael Jackson hat ihn berühmt gemacht, den Crotch Grab, zu deutsch: Griff in den Schritt. Oder war es nicht vielleicht umgekehrt?
Egal, ein Jahr später tat Madonna es ihm nach, wie ich aus dem Internet erfahre, wo die Frage “Who did it first?” heiß diskutiert und zugunsten von Michael entschieden wurde. Inzwischen hat der lukrative Kunstgriff viele NachahmerInnen gefunden, die Technik wird kennerisch begutachtet, wobei besonders weiße Männer schlechte Noten bekommen. Früher schon habe ich gelesen, der Crotch Grab sei überhaupt eine Erfindung schwarzer Männer, die die verklemmten Weißen damit gezielt schockieren wollten, wie auch mit ihrem langsamen wiegenden Gang, der Lässigkeit und Verachtung signalisieren solle.
Michael Jackson selbst gestand bei Oprah schelmisch, der Crotch Grab habe mit seiner Musik zu tun, es habe ihn irgendwie übermannt, hinterher hätte er sich selbst gefragt: Habe ich das wirklich getan?
Diese Erklärungen sind ja gut und schön, aber sie gehen doch am Kern der Sache komplett vorbei. Der Griff in den Schritt hat mit Harndrang zu tun, jedes Kind weiß das. Da haben also Michael Jackson und Madonna aus einer lästigen Blasenschwäche im Handumdrehen (sozusagen) ein Vermögen gemacht - Respekt!
“Blasen-Management”, eine umfangreiche Broschüre der Bayer HealthCare (klingt ihnen wohl schicker als Gesundheitsfürsorge), empfiehlt den Griff jedenfalls dringend für Erwachsene mit dem Jacko-Madonna-Syndrom:
Wie Sie den Blasendrang überlisten:
• Drücken Sie als Frau auf die Klitoris und als Mann auf die Penisspitze, wenn Sie die Möglichkeit dazu haben. Sie lösen damit einen Reflex aus, der den Harnröhrenverschluß positiv beeinflusst.
Nicht genau verraten wird, auf wessen Klitoris beziehungsweise Penisspitze da gedrückt werden soll, ich vermute jedoch, es ist die eigene gemeint. Andererseits, vielleicht auch nicht - warum sollte ich dazu nicht die Möglichkeit haben? Seit Michael und Madonna uns vorgemacht haben, wie es geht, sollten doch alle, denen der Kampf gegen die Blasenschwäche ernst ist, auch jederzeit und überall eine handliche Möglichkeit zum Crotch Grab finden. Schwierig könnte höchstens das Drücken auf eine andere als die eigene Klitoris bzw. Penisspitze sein - die Möglichkeiten dazu ergeben sich nicht so ohne weiteres.
Bei dieser Interpretation des Textes erhebt sich allerdings sofort die Frage: Warum darf nur “die Frau auf die Klitoris” und nur “der Mann auf die Penisspitze” drücken? Das klingt ja nun fast, als wolle Bayer Geschlechtertrennung oder gar lesbische und schwule Intimitäten propagieren. Wir sind leicht irritiert, besonders heute am Tag der Deutschen Einheit - aber ok, wenn’s der Gesundheit dient….
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