19.06.2010

Der geschlechtsneutrale Schweizer

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Siebenundundvierzigste Lektion.

[Dieser Text erschien am 13. Juni 2010 in der NZZ am Sonntag, Rubrik “Der Externe Standpunkt”. Er wurde von der Redaktion der NZZ leicht verändert. Hier lesen Sie das Original.]

Was stellen Sie sich vor, wenn Sie Wörter wie ‚Schauspieler’, ‚Dichter’, Fußgänger’, ‚Leser’, ‚Schweizer’ hören oder lesen? Diese Wörter, so versichert uns die patriarchale Grammatik, sind geschlechtsneutral. Stellen Sie sich also einen geschlechtsneutralen Schweizer vor? Versuchen Sie es doch einmal. Sie sehen, es geht nicht - allerdings versichern mir manche Frauen, bei Schweizern ginge es vielleicht noch am ehesten.

Wenn ich diesen Text von 1995 vorlese, lacht das Publikum herzlich über “die eher geschlechtsneutralen Schweizer”. Die Debatte über (geschlechter)gerechten Sprachgebrauch war damals schon fast 30 Jahre im Gange. Inzwischen sind weitere 15 Jahre ins Land gegangen, der faire Sprachgebrauch hat sich weiter ausgebreitet, das Maskulinum steht beschämt in der Ecke und beweint den Verlust seiner Fähigkeit, selbstverständlich für beide Geschlechter zu stehen. Bis heute reizt das die Konservativen zu wütenden Attacken. Der rechte Schweizer will offenbar lieber geschlechtsneutral bleiben - selbst wenn er dafür ausgelacht wird.

Der jüngste Erfolg der feministischen Sprachpolitik ist der Leitfaden der Stadt Bern, über den sich derzeit im Internet zahlreiche Schweizer und ein paar Schweizerinnen in ausufernden Kommentaren ereifern. Dazu angestiftet werden sie von hämischen Zeitungsartikeln, die die lobenswerte Berner Initiative als typisch rotgrüne Hirnrissigkeit hinstellen. Sie werden der hechelnden Jagdmeute hingeworfen, und schon hetzt sie los.

Das Thema sprachliche Gerechtigkeit - auch noch für Frauen! - war schon immer ein Garant für massive Proteste von Männern, heute bevorzugt im Internet - somit Garant für erhöhte Besucherzahlen und mehr Profit durch Anzeigen. Vor einem Jahr generierte ein Interview mit mir - “Längerfristig bin ich für die Abschaffung des ‘in’” - über 700 gehässige Kommentare bei der österreichischen “dieStandard”, der feministischen Ablegerin von “Der Standard”. Die normale Anzahl der Kommentare dort ist 10-20. Beim Tagesanzeiger bekam der Artikel “Keine Fussgängerstreifen mehr in Bern” bisher 428 Kommentare, und “Blick” mit seinem irreführend betitelten “Weder Vater noch Mutter - Beamte sollen künftig ‘das Elter’ sagen” 250 Kommentare. Die Blätter frohlocken: “So viele Kommentare hatten wir selten / noch nie!”

Um das Sommerloch vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft (das Maskulinim “Meister” passt) zu stopfen, kam den Schweizer Medien die Berner Initiative anscheinend wie gerufen.

Der Berner Leitfaden ist in freundlichem Ton abgefaßt und macht sehr vernünftige Vorschläge. Wiederholungen treten nicht auf.

Die Kommentare bei “Blick” und “Tagesanzeiger” sind dagegen extrem aggressiv und wiederholen sich gebetsmühlenartig. Kein Kommentator scheint auch nur die letzten drei Kommentare vor ihm - geschweige denn den Leitfaden selbst, der auch nicht verlinkt wird - gelesen zu haben. Die Anwürfe sind vorhersagbar; Marlis Hellinger hat sie schon vor Jahrzehnten analysiert und den Begriff “Diskurs der Verzerrung” dafür geprägt:

• Haben die nichts Wichtigeres zu tun?
• Sinnlose Verschwendung unserer Steuergelder
• Typische Beamten-Pedanterie
• Als Mann fühle ich mich diskriminiert, weil es “DIE Schweiz” und “DIE Schweizer” heißt (und anderes in dieser Art von Scherzbolden)
• Ich bin eine Frau und habe mich noch nie durch Sprache diskriminiert gefühlt.

Das letzte Argument erinnert an die Raucher, die behaupten, Rauchen schade ihnen nicht. Wenn sie den Schaden ignorieren, bedeutet das ja nicht, dass sie verschont bleiben. Die Raucher dienen den Interessen anderer (Tabakkonzerne). Genau das tun auch diese Streiterinnen für das mannhafte Deutsch. Sie dienen den Interessen der Männer.

Denn das mannhafte Deutsch - das ist wissenschaftlich einwandfrei bewiesen - ist eine gigantische und völlig kostenlose Werbemaschinerie für den Mann. Mit fast jedem Satz, in dem von Personen die Rede ist, erzeugt sie die Vorstellung einer männlichen Person. Wenn Sie es nicht glauben, fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

Warum aber beteiligen sich die Frauen nicht an der Debatte und verteidigen das faire Deutsch gegen die Ignoranten? Nun, wir wissen eben seit Zsa Zsa Gabor: “Any publicity is good publicity” - die Jungs erledigen das hervorragend für uns, und wir können Energie sparen. Zudem haben wir ja bereits gesiegt. Der Leitfaden ist beschlossene Sache. In den Verlautbarungen der Stadt Bern wird es demnächst “Zebrastreifen” statt “Fußgängerstreifen”, “Team” statt “Mannschaft”, “Fahrausweis” statt “Führerausweis” und “lesefreundlich” statt “leserfreudlich” heißen. Sehr elegante Lösungen allesamt - alle vorgeschlagenen Wörter sind kürzer als die zu ersetzenden. Mir gefällt besonders der “Fahrausweis” - als Deutsche kann ich das Wort “Führer” einfach nicht mehr hören.

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# | Luise F. Pusch am 19.06.2010 um 10:34 AM | Druckversion

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13.06.2010

Lichtgestalt Franz Beckenbauer in ihrem Element

“König Fußball”, “Kaiser Franz” - diese majestätischen Titel reichen anscheinend immer noch nicht, um auszudrücken, was die Fußballfans empfinden sollen.
Da derzeit keine an dem Thema vorbeikommt, stieß ich in der letzten Woche zweimal mit dem Wort “Lichtgestalt” zusammen, beide Male war Franz Beckenbauer der Leuchter.

“Lichtgestalt” - das ist nicht mehr zu überbieten! Früher wurde er wohl auch “Fußballgott” genannt, aber da gibt es ja noch viele andere Götter neben ihm, Pelé, Maradona, Beckham, Ballack und wie sie alle heißen. “Lichtgestalt” hingegen scheint Franz Beckenbauer ganz für sich gepachtet zu haben.

Mir soll es recht sein - “Lichtgestalt” ist immerhin ein Femininum und lässt sich, wenn eine es nur richtig anfängt, sehr hübsch einsetzen:

• Unsere Lichtgestalt kümmert sich rührend um ihre Schäfchen, die natürlich vor dem Spiel gegen Australien sehr aufgeregt sind.
• Lichtgestalt Beckenbauer weiß zwar auch nicht, wie das Spiel ausgehen wird, aber ihrer Meinung nach wird es schon klappen.
• Schaun mer mal, sagte unsere Lichtgestalt. Ja, sie bleibt immer total cool.
• Der Lichtgestalt gefiel das Spiel nicht, aber sie ließ sich nichts anmerken. Schließlich ist ihr auch nicht immer alles gelungen.
• Unsere Lichtgestalt, die sensibler ist als sie aussieht, musste wegen der Tinnitusgefahr dem ohrenbetäubenden Spiel fernbleiben.

Nun sind Sie dran. Und übrigens: Auch “Koryphäe” oder “Leuchte der Wissenschaft” eignen sich prächtig zum Aufhübschen langweilig-männlicher Idole.

# | Luise F. Pusch am 13.06.2010 um 07:03 PM | Druckversion

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05.06.2010

Ganz oder gar nicht: Über das “Amt der First Lady”

Nachdem Hannover letzten November mit Robert Enkes Selbstmord sehr negativ in die Schlagzeilen gekommen war, hat sich das letzte Woche mit Lena Meyer-Landrut, Ursula von der Leyen und Christian Wulff schlagartig gebessert. Menschen aus Hannover waren die strahlenden Themen der Woche. Weniger schön ist, dass sie sich gegenseitig Konkurrenz machten:

Unsere Freude über von der Leyens mögliche Kandidatur währte nur kurz. Schwupps machte Christian Wulff - aus Hannover! - ihr den Rang streitig und siegte auch noch. Er hätte sich an Lena, die er nach ihrem Sieg so artig begrüßte, ein Beispiel nehmen sollen. Nicht im Traum fiel es Lena ein, sich auch noch um das Amt der Bundespräsidentin zu bewerben!

Die Presse hatte auch schon heftig mitgearbeitet an der Demontage der “Zensursula” bzw. des “Röschens”. Gegen Christian Wulff kam kein hämischer oder verniedlichender Spitzname zum Einsatz.

Meine Freundinnen und Verwandten schrieben mir Trostbriefe, sie fühlten mit mir und litten selbst darunter, dass wir nun doch keine weibliche Doppelspitze bekommen. Ich schrieb jeweils zurück, ich sähe das nicht so tragisch, das Bundespräsidialamt sei doch eher ein Abstellgleis für vielleicht verdiente, auf jeden Fall aber ausgediente Politiker. Während doch uns Ursula sich als Ministerin auf jedem Posten im Handumdrehen als unverzichtbar erweist. Ich sehe sie eher als Nachfolgerin von Merkel, die zwar keinerlei Ermüdungserscheinungen zeigt und im Volk weiterhin sehr beliebt ist, aber irgendwann möchte vielleicht auch sie sich wieder mehr der Oper und dem Gatten widmen. Und dann hätten sie Ursula von der Leyen als prima Ersatz in der Hinterhand. Das wäre dann mal eine wirkliche Doppelspitze, allerdings nicht im Quer-, sondern im Längsschnitt.

Trotzdem - eine Weile fand ich auch die Idee einer Bundespräsidentin von der Leyen schick. Der klangvolle Adelsname, wiewohl nur angeheiratet, passt doch auch viel besser zum Schloss Bellevue als “Köhler”. Und erst die gewaltige Kinderschar, fast wie bei Maria-Theresia! Das im Volk noch immer beliebte dynastische Prinzip Landesmutter verkörpert die Tochter des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht sehr eindrucksvoll!

Betrübte Gedanken machte ich mir über Eva Luise Köhler, die nun mit dem Gatten von der Bildfläche verschwindet. Sicher hätte sie noch gerne weiter mit präsidiert und repräsentiert, aber der Gatte ist eben recht empfindlich und musste nicht nur sich selbst, sondern auch die Frau an seiner Seite seinem verletzten Stolz opfern.

Wo bleibt da die Nachhaltigkeit? Für Eva Luise hätte es doch noch vielfältige Verwendung gegeben, denn bekanntlich lehnen die Gatten unserer Spitzenpolitikerinnen die Rolle des “Mannes an ihrer Seite” strikt ab, Kanzleringatte Sauer genauso wie Ministeringatte von der Leyen.

Da wäre doch Ex-First-Lady Eva Luise für eine Bundespräsidentin von der Leyen eine schon bestens eingearbeitete Stütze gewesen. Überhaupt sollten wir überlegen, ob wir als Mittel gegen den vorzeitigen Verschleiß unserer weiblichen Spitzenkräfte zusammen mit dem Schloss Bellevue nicht auch gleich eine standesgemäße Begleitung mitliefern sollten.

Über Indien lesen wir mit Schaudern von den Witwenverbrennungen: Stirbt der Gatte, hat auch die Gattin ihr Recht auf Leben verwirkt. Haben wir da nicht soeben etwas ähnlich Unerträgliches mit ansehen müssen? Tritt der Bundespräsi zurück, hat es mit der First Lady auch ein Ende, die sich aber auch rein gar nichts hat zuschulden kommen lassen. Ich finde, so geht das nicht.

Die Schirmherrschaft, besser gesagt das Matronat, des Müttergenesungswerks wurde ihr entzogen; die Unicef entschied sich weniger rückständig und lässt sie weiter matronieren. Die Bundesrepublik sollte sich ein Beispiel nehmen und Eva Luise als First Lady weiter ihres Amtes walten lassen, wenn sie noch Lust dazu hat. Die Ehefrauen von Wulff oder Gauck können zu Hause bleiben und sich ihren eigenen beruflichen Interessen widmen, wie es sich heute für eine emanzipierte Frau gehört.
Und wenn Eva Luise irgendwann auch mal die Nase voll hat und abdankt, ist eben mit ihr dieser peinliche Anachronismus “First Lady” endgültig ausgestanden.

# | Luise F. Pusch am 05.06.2010 um 03:19 PM | Druckversion

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23.05.2010

Mädchen und Bübchen

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Sechsundvierzigste Lektion.

Vor ein paar Tagen schrieb mir eine Bekannte:

Liebe Luise, heute hat mir jemand eine Frage gestellt, die ich nicht beantworten konnte: „Warum und seit wann heißt es DAS MÄDCHEN, was einem Neutrum gleichkommt, einer Sache? Und ist der Begriff/diese Bezeichnung ursprünglich abgeleitet von DIE MAID oder DIE MAGD?“

Ich antwortete:

“Die Maid” geht auf “die Magd” zurück (mehr dazu im Grimmschen Wörterbuch). Ich habe das Thema in einer alten Glosse behandelt, “Die Plage mit der Blage”, abgedruckt  in Die Frau ist nicht der Rede wert (1999).
Und es heißt DAS Mädchen, weil alle Diminutiva als Neutra klassifiziert werden. So wird sogar aus dem allmächtigen Vater DAS Väterchen.”

Der letzte Satz hat mich beschwingt und inspiriert - ein einfacher sprachlicher Trick, mit dem wir die Autoritäten auf den Topf bzw. gleich aufs Töpfchen setzen können. Ist doch für feministische Zwecke wie geschaffen, zumal abgeleitete Feminina die Verkleinerung nicht dulden! Wohl können wir einen Bauern verkleinern, diminuieren zu Bäuerchen und Bäuerlein, aber die Bäuerin widersetzt sich strikt: “Bäuerinchen”, “Bäuerinlein” geht nicht, gibt’s nicht.

Erinnern wir uns an das Hauptziel feministischer Sprachpolitik: Herstellung sprachlicher Symmetrie. Bezogen etwa auf ein Wort wie Fräulein argumentierten wir vor seiner Abschaffung:
Das Fräulein kann bleiben, wenn für unverheiratete Männer die Anrede “Herrlein” eingeführt wird, denn damit würde sprachliche Symmetrie hergestellt. Andernfals: Abschaffen!
Wie wir wissen, konnten die Herrlein sich für das Herrlein nicht erwärmen, folglich wurde das Fräulein (übrigens auch ein Diminutivum, eine Verkleinerungsform) abgeschafft.

Das Mädchen werden wir nicht los - deshalb sagen viele Frauen “das Bübchen”, oder “das Jungchen” oder “Jüngelchen” und sorgen so für Symmetrie.

Aber was machen wir mit dem Heer der Maskulina, aus denen die Feminina mittels Anhängung der Silbe -in abgeleitet werden? Da herrscht keinerlei Symmetrie.
Ich habe deshalb schon vor dreißig Jahren dafür plädiert, das -in abzuschaffen und einfach die Student und der Student zu sagen, wie die und der Angestellte. Alles hübsch symmetrisch.

Es gab auch andere Vorschläge, z. B. die Anhängung von -er und -in direkt an den Verbalstamm:

Arbeit-en führt nach diesem Vorschlag zu Arbeit-er und Arbeit-in,
lehr-en zu Lehr-er und Lehr-in.

Hat sich nicht durchsetzen können, wahrscheinlich, weil viele Maskulina gar nicht von Verben abgeleitet sind, z.B. Arzt, Anwalt, Apotheker, Student, Assistent.

Ja, was machen wir also? Wie stellen wir Symmetrie her? Ich hab mal vorgeschlagen, die Student und der Studenterich (wie die Ente und der Enterich) zu sagen - das freut und stärkt die Frau, hat sich aber auch nicht durchgesetzt. Ist auch strenggenommen keine Symmetrie, sondern Wurst wider Wurst (deswegen auch stärkend).

Mache ich also heute einen neuen Anlauf und schlage folgendes zur Herstellung der Symmetrie vor:

Statt der Student und die Studentin sagen wir:

das Student-chen, die Student-in
das Banker-chen, die Banker-in
das Anwältchen, die Anwältin
das Ärztlein, die Ärztin

Auch das wird sich wohl nicht durchsetzen, aber ist es nicht eine hübsche Lösung? Anwältchen und Ärztlein treten jetzt auch mit Umlaut auf, nicht nur die Anwältin und die Ärztin! Wenigstens gelegentlich sollten wir uns damit erfreuen. Und dann immer öfter …

# | Luise F. Pusch am 23.05.2010 um 11:35 AM | Druckversion

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16.05.2010

mannofrau

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Fünfundvierzigste Lektion.

Gestern Abend sah ich mir den Tatortkrimi “Schatten der Angst” mit Ulrike Folkerts alias Lena Odenthal an, den ich kürzlich aufgenommen hatte. Natürlich sind wir treue Fans von Ulrike Folkerts, obwohl sie öfter in sehr mittelmäßigen Tatorten rumrennen muss. Dieser aber war gut, er behandelte ein wichtiges Thema (Schwesternmord, auch “Ehrenmord” genannt), und der Balance-Akt zwischen feministischer Empörung und Vermeidung fremdenfeindlicher Klischees gelang überzeugend.

Aber ich wollte hier keine Filmkritik abliefern, sondern nur erzählen, was mir sprachlich auffiel. Wurden da doch die Frauen immer wieder mit “Mann” angeredet bzw. angeherrscht, nicht nur die herbe, wenn auch seit einiger Zeit lockige Lena Odenthal, sondern auch die liebreizende junge Türkin Derya. Etwa so:

“Das weiß ich doch nicht, Mann!”
“Was stellst du dich so an, Mann!”

Den genauen Wortlaut habe ich mir nicht gemerkt, aber die Sprüche waren emotional von dieser Art.

Früher sagten wir stattdessen:

“Das weiß ich doch nicht, Mensch!”
“Was stellst du dich so an, Mensch!”

Ausrufe wie “Mensch Meier” und “Menschenskind!” ergänzten die Palette menschlicher Möglichkeiten.
•••••
Und nun das Neueste zum Thema Frau als Mann:
Meine Freundin Gertrud schickte mir folgende Nachricht:

Hallo, Luise - Du wirst diese Einladung sicher auch bekommen haben… Dazu die Frage: sollte es nicht heißen “jedefrau” statt “jederfrau”? Dir werden als linguistische Päpstin stets so delikate Fragen vorgelegt, so wie ich das einschätze… also pack ich auch mal eine obendrauf!
Ganz liebe Grüße,
Gertrud

Beigefügt war folgender Flyer (hier zur Ansicht):

AUF Ein Fest - Frauen Feiern
35-jähriges Jubiläum von AUF-Eine Frauenzeitschrift … mit …einem großen Frauenfest im Wienerinnen Rathaus!

Buffet der Biobäuerinnen …
DJ Sweet Susie …

Die Ausstellung „AUFührung durch 35 Jahre AUF-Eine Frauenzeitschrift“  ist anschließend ab 31. Mai 2010 bis 9. Juli 2010 als Bildschirmpräsentation im WienerInnen Rathaus zu besichtigen. Dazu ist jedermann und jederfrau eingeladen!

Päpstin Luise fackelte nicht lange und schickte folgende Bulle:

liebe Gertrud, 
du hast völlig recht: “jederfrau” im Nominativ ist eine Schande! 
Das missfällt jederfrau!! (Im Dativ hingegen ok)
Herzlich, Luise

Bald darauf schrieb Gertrud zurück:

Hallo, Luise - zum voraufgegangenen “Casus” hat sich offenbar auch die Anna Gedanken gemacht.  “Jedemann und jederfrau” ist doch “irgendwie” nett, meine ich. Allerdings eher für Fortgeschrittene… Oder?
G.

Und dies hatte Anna geschrieben:

Die AUF und du habt mir die Einladung zum Fest im Rathaus geschickt. Das heißt “ein Fest für jederfrau”. Ist das nichts für eine Glosse für Luise? Heißt das nicht “für jedermann und jedefrau”? Sind da die Transgendermenschen gemeint? Wäre doch nett: jedemann und jederfrau. Da hört sich dann endlich die Genderei auf …

Wieso Anna meint, dass sich so die Genderei aufhört, verstehe ich noch nicht.
Das wäre wohl erst gelungen, wenn wir wieder öfter “Mensch” statt “Mann” sagen würden. Und immer hübsch feminisieren! 
Dazu ist jedemensch eingeladen!

# | Luise F. Pusch am 16.05.2010 um 02:49 PM | Druckversion

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09.05.2010

Faire Mütter, fiese Väter

Mütter und Väter sind dieser Tage wieder das Top-Thema - Mütter wegen dem Muttertagsgeschäft, Väter wegen ihrer sexuellen Geschäftigkeit: 

Pater/Bischof Mixa wurde beschuldigt, minderjährige Schutzbefohlene nicht nur geschlagen, sondern auch sexuell “missbraucht” zu haben, und sein Chef, der Heilige Vater, hat ihn endlich abgesägt.

Vater Klaus Rainer Röhl, in den 60er Jahren mit Ulrike Meinhof verheiratet und Vater ihrer Zwillinge Bettina und Regine Röhl, wird von Anja Röhl, seiner Tochter aus erster Ehe, in einem ausführlichen Stern-Artikel beschuldigt, sie jahrelang sexuell belästigt zu haben. (Der Artikel ist jetzt online, auf Anja Röhls Webseite; außerdem hat sie dort kurz vorher noch einen theoretischen Artikel zum sexuellen Machtmissbrauch veröffentlicht.)

Vater Röhl bestreitet das als “absurd”: “Da war nichts.” Die beigefügten Belege aus seinem Sex-Blatt Konkret sprechen allerdings deutlich eine ganz andere Sprache.

Pater Mixa hat seine Vergehen auch lange bestritten. Insofern liegt die Vermutung nahe, dass der alte Vater Röhl dieser bewährten Taktik folgt. Beweisen lässt sich die Untat nach 42 Jahren nicht mehr - die Väter sind fein raus. Zumal die Opfer auch meist schweigen, weil sie sich an den Verbrechen, die gegen sie begangen werden, typischerweise mitschuldig fühlen: “Irgendetwas muss an mir schlecht sein, sonst würde Papa mich doch nicht so behandeln.”

Soweit die Väter, nun zu den Müttern.

Es muss am Muttertag doch einmal lobend hervorgehoben werden: Von sexuellen Übergriffen der Mütter gegen ihre Kinder hören wir kaum etwas. Dabei wird doch immer erzählt, die Täter seien zu 30-50 Prozent selber Opfer sexuellen Machtmißbrauchs. Was schützt die überwiegend weiblichen Opfer davor, sich ihrerseits in Sexualmonster zu verwandeln?? Diese Fragen werden nicht einmal gestellt.

Was immer man Ulrike Meinhof vorwerfen mag - sexuell belästigt oder vergewaltigt hat sie weder ihre Töchter noch ihre Stieftochter Anja.
Im Gegenteil:  Laut Jutta Ditfurth tat “Rabenmutter” Ulrike Meinhof alles, was sie unter den gegebenen Umständen vermochte, um ihre Zwillingsmädchen vor dem Vater in Sicherheit zu bringen. Aber er bekam das Sorgerecht.

Ein arte Themenabend beschäftigte sich vor kurzem ausführlich mit dem Thema des sexuellen Machtmissbrauchs. Vier Frauen und ein Mann - das entspricht etwa der Verteilung der Opfer auf die Geschlechter, jedes fünfte Missbrauchs-Opfer ein Junge - erzählten erschütternde Geschichten von Ängsten und Qualen, die sie als Kinder über Jahre durch männliche Verwandte, meistens Väter, erlitten.

Die Täter wurden in folgende Gruppen eingeteilt:
• unreife Neurotiker (80%)
• perverse Intellektuelle (15%) - dazu wäre dann wohl Klaus Rainer Röhl zu rechnen. Selbst wenn er nicht getan hat, was seine Tochter ihm vorwirft (aber warum sollte sie das erfinden?) hat er doch durch seine pädophilen Pornozeitschriften bewiesen, dass er diese Bezeichnung verdient. Auch die Missbrauchs-Priester wie Mixa gehören wohl in diese Gruppe.
• sadistische Ausbeuter (5% - wie Fritzl aus Amstetten)

Am meisten enttäuscht zeigten sich die Opfer nicht von ihren Peinigern, sondern von ihren Müttern, die den Tätern über Jahre nicht das Handwerk legten.

Eigentlich ist das doch widersinnig. Unser Strafrecht urteilt anders: Der Täter wird natürlich härter bestraft als die Personen, die zugesehen haben, statt ihm Einhalt zu gebieten. Der Papst ist noch nicht zurückgetreten, stattdessen legte Mixa seine Ämter nieder.

Ich kann mir diese größere Enttäuschung durch die Mütter nur dadurch erklären, dass den Vätern eh alles mögliche zugetraut wird. Sie haben schon ein mieses Image, das sie durch solche Taten nur bestätigen. Die Mutter aber - von ihr erwarten wir alle viel zu viel, um nicht zu sagen Übermenschliches. Vor allem soll sie uns beschützen vor dem ganzen Unheil in der Welt. Das Unheil wird in aller Regel von den Männern angerichtet - damit haben wir uns schon abgefunden.

Die Mutter, die dem Ideal nicht entspricht, wird schnell als “Rabenmutter” verunglimpft - das männliche Pendant ist anscheinend die Norm, deshalb gibt es die Ableitung “Rabenvater” erst seit kurzem. Ebenso ist die “böse Stiefmutter” sprichwörtlich; später wird sie von der bösen Schwiegermutter, dem “Schwiegermonster”, abgelöst. Böse Stiefväter und Schwiegerväter - gibt es anscheinend nicht.

Zu der fatalen Idealisierung der Mutter trägt auch der Muttertagsrummel bei. Wir sollten die Erwartungen etwas niedriger hängen und den Muttertag umwidmen zu einem Dankestag für diejenigen, die ihre Kinder fair behandeln und nicht missbrauchen. Darunter können ja auch ein paar Väter sein, die verdienen dann auch besonderes Lob und ein Sträußchen Männertreu. Am “Fairziehungstag” bekommen “faire” Erziehungspersonen eine Anerkennung in Anlehnung an das Siegel “fair trade”. Von den damit Zertifizierten erwarten wir auch nicht, dass sie ihre ArbeiterInnen auf Händen tragen und lieben bis in den Tod. Wir erwarten nur, dass sie sie fair behandeln statt der üblichen kapitalistischen Praxis, sie auszubeuten.

Während ich dies schreibe, ist das Ergebnis der Wahlen in NRW noch unentschieden. Mit etwas Glück bekommen wir dort ein weibliche Doppelspitze, zwei neue Landesmütter, Kraft und Löhrmann. Dazu unsere Landesmutti in Berlin - es geht auf- bzw. mütterwärts! Also fairwärts.

# | Luise F. Pusch am 09.05.2010 um 09:39 PM | Druckversion

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02.05.2010

Jedem seine Schamlippenkorrektur!

Neulich erschien auf einer Mail (mein Mailservice ist Google) rechts am Rand das Wort Schamlippenkorrektur mit einem Link zu mirzuliebe.com.
Mir zuliebe soll ich eine Schamlippenkorrektur vornehmen lassen? Immerhin wird mir diesmal keine Penisverlängerung angeboten, aber es kam trotzdem keine Freude auf.

Ich ging der Sache nach und fand Infos, die mich weiter irritierten,  wie:

Die Finanzierung einer Schamlippenverkleinerung obliegt dem Patienten.

Vor dem Eingriff werden die Proportionen der Schamlippen ausgemessen und das genaue Vorgehen zwischen Arzt und Patient abgestimmt.

Nach dem Eingriff [Schamlippenverkleinerung] müssen Patienten im Zuge der Wundheilung für etwa 4 Wochen mit Sport sowie dem Geschlechtsverkehr pausieren.

Mit dem Sport pausieren wäre ja ok, aber “mir zuliebe” auch noch mit unseren wonnigen Leibesübungen? Das geht zu weit.

Aber was rege ich mich auf - wir Frauen sind ja sowieso nicht gemeint, denn wir haben keine Scham und keine Schamlippen, sondern höchstens Venuslippen.

Anscheinend haben aber Männer jetzt Schamlippen. Wenn das wirklich so ist, gibt es vielleicht tatsächlich was zu korrigieren. Aber bestimmt nicht mir zuliebe, denn mir ist das doch sowas von egal!

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# | Luise F. Pusch am 02.05.2010 um 08:43 PM | Druckversion

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24.04.2010

Goethe und sein lesbisches Veilchen

Letzte Woche unterhielt ich mich mit Berit und Angelika über Pascals Pensées, die ich gerade lese. In der handlichen Reclam-Ausgabe passen sie gut in jede Hand- und sogar Jackentasche und sind so immer zur Hand, ob in der Warteschlange, im Zug oder im Wartezimmer. Da sie ein relativ ungeordneter Haufen kurzer Gedanken sind, kann frau überall einsteigen und sich en passant geniale Einsichten zu Gemüte führen.

Pensées heißen im Französischen auch die Stiefmütterchen”, erzählte Angelika, ihrerzeit Französischlehrerin. “Oh”, sagte ich, “daher kommt dann wohl das englische pansy ‘Stiefmütterchen’, das wusste ich gar nicht.”

Über den lateinischen Namen des Stiefmütterchens, “Viola Tricolor”, landeten wir bei Storm und schließlich bei Goethes Veilchen, bestrickend vertont von Mozart, wie Sie hier bei YouTube nachprüfen können. Über diese kühne Eingebung Goethes, das lesbische Veilchen und seinen Liebeswahn, wollte ich doch schon immer mal eine Glosse schreiben:

Ein Veilchen auf der Wiese stand,
Gebückt in sich und unbekannt;
Es war ein herzig’s Veilchen.
Da kam eine junge Schäferin
Mit leichtem Schritt und munterm Sinn
Daher, daher,
Die Wiese her, und sang.

Ach! denkt das Veilchen, wär‘ ich nur
Die schönste Blume der Natur,
Ach, nur ein kleines Weilchen,
Bis mich das Liebchen abgepflückt
Und an dem Busen matt gedrückt!
Ach nur, ach nur
Ein Viertelstündchen lang!

Ach! aber ach! das Mädchen kam
Und nicht in Acht das Veilchen nahm,
Ertrat das arme Veilchen.
Es sank und starb und freut‘ sich noch:
Und sterb‘ ich denn, so sterb‘ ich doch
Durch sie, durch sie,
Zu ihren Füssen doch!
[Und der weichherzige Mozart fügte noch hinzu:]
Das arme Veilchen! Es war ein herzig’s Vei-eilchen.

Hans Schill, Lehrer für Literatur- und Kulturkunde, schreibt über Goethes Veilchen im Pegasus 92 von 2008/9 (hier als Pdf zum Runterladen)

Ein traditionelles Frauenschicksal in eine Blumenmetapher gekleidet, ein Frauenschicksal also, wie man es in der Literatur zuhauf findet? Ein Frauenschicksal, wie es jahrhundertelang Realität war, einmal mehr literarisch verbrämt und überhöht? Mitnichten! Der Clou dieser Ballade ist natürlich, dass das Veilchen ein Mann ist – schliesslich ist es «eine junge Schäferin», die mit «leichtem Schritt und munterm Sinn» daherkommt und vom Veilchen als «Liebchen» benannt wird, der «Busen» hat hier also eindeutig weibliche Qualität. Goethe stellt sämtliche Erwartungen auf den Kopf: Nicht nur, dass hinter Blümchenmetaphorik Begehren und Tod lauern, auch das übliche Geschlechterverhältnis ist ins Gegenteil verkehrt.

Natürlich sahen wir das völlig anders. Der schönen Erkenntnis, dass “der Busen eindeutig weibliche Qualität hat”, stimmten wir fräudig zu, aber dass ausgerechnet das “herzige Veilchen” ein Mann sein soll, nur weil es die junge Schäferin anhimmelt, ist doch wohl mehr als verschroben.

Hier nun die korrekte Interpretation des Gedichts, abgesegnet von drei Lehrerinnen, Berit, Angelika und mir (interessante Gedanken hatte nicht nur Pascal): Das Veilchen ist ein Mädchen, das für die junge Schäferin schwärmt und von ihr abgepflückt werden möchte, damit es an ihrem Busen ruhen und matt gedrückt, um nicht zu sagen plattgedrückt werden kann - eine todessüchtige, rührende und ziemlich pubertäre Vorstellung. Zwar glaubt es durch den “Tritt” (die Nichtbeachtung) der Schäferin zu sterben, aber davon wird es sich erholen, schließlich ging diese “mit leichtem Schritt”. Richtig tödlich wäre es geworden, wenn die Schäferin den schwärmerischen Wunsch des Veilchens erfüllt und es abgepflückt hätte - wie einst der wilde Knabe das arme Heideröslein.

Lehrer Schill aber macht lieber ein Veilchen zum Manne, als die Liebe eines Mädchens zu einer Frau oder einem Mädchen (“das Mädchen kam”) in Betracht zu ziehen. Dabei kommt sie doch an Schulen dauernd vor: Schülerinnen schwärmen für ihre Lehrerinnen und Mitschülerinnen und würden nur zu gerne “an ihrem Busen matt gedrückt”. Wir drei Lehrerinnen und ehemaligen Schülerinnen können ein Lied davon singen!

Bei Lehrer Schill haben solche Mädchen keine Chance zu einer Spiegelung ihrer Gefühle durch unseren Dichterfürsten und im Unterrichtsgespräch. Er bleibt lieber bei seinem heteronormativen Modell, das doch an unseren Schulen nun allmählich genug Schaden angerichtet hat.

Wir hoffen, ihm mit Goethes Hilfe einen möglichen Ausweg aus der schulischen und sonstigen Misere aufgezeigt zu haben.

# | Luise F. Pusch am 24.04.2010 um 06:19 PM | Druckversion

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18.04.2010

Herr im Haus ist die Natur

“Das war endlich mal ein strahlend schöner Frühlingstag über fast ganz Deutschland, kaum eine Wolke am Himmel - und doch hat uns die Natur heute gezeigt, wer auf unserem Planeten der Herr im Hause ist - nämlich sie.”

Also sprach Klaus Kleber im heute-Journal am Freitag, 16. April 2010, einen Tag nach dem Ausbruch des Eyjafjallajökull auf Island.

FrauenbildEr kniff dabei das linke Auge zu. Ob er einen Scherz darüber machen wollte, dass Mutter Natur, gar nicht ladylike, mal so richtig furchtbar Gewalt ausübte, wie es eigentlich nur dem Herrn im Hause zukommt? Dabei - furchtbar hat sie eigentlich nicht gehandelt, noch ist niemand gestorben. Da schwebt nur diese Wolke über ganz Europa, mit bloßem Auge nicht erkennbar, und beschert uns wunderbare Stille, sonniges Wetter und bildschöne Sonnenuntergänge (heißt es, ich habe noch keinen gesehen).

Ob die Natur weiblich ist, wissen wir nicht. Aber der Kleber-Ausspruch macht uns wieder deutlich, dass uns weibliche Bilder und Vergleiche für absolute Macht fehlen.

In meinen Seminaren versuche ich diesem Mangel abzuhelfen und übe bspw. mit den Teilnehmerinnen, neue Bilder und Begriffe für die Vagina und die Vulva zu finden. Zur Einstimmung lesen wir aus Eve Enslers starken Vagina-Monologen vor. Trotzdem kommen die Frauen immer wieder mit ihren sanften Blumenbildern à la Rose, Blüte, Knospe, etc.

Wenn ich dann vorschlage, statt Vulva / Vagina doch lieber Vulkan (aber bitte die Vulkan) zu sagen, ist frau erstaunt, ja fast erschreckt. Die Verbindung von Weiblichkeit mit Vulkanausbrüchen ist uns fremd.

Aber schließlich kommen doch aus diesem Schlund nicht nur gewaltige Lavaströme, sondern kommt überhaupt Gewaltiges hervor. Courbet sah in der Vulva zu Recht den “Ursprung der Welt”, wie er sein Gemälde nannte. Sogar der “Herr der Schöpfung” flutscht daraus hervor.

Frauenbild
Frauenbild
Ich schließe meine Betrachtung über Naturgewalten mit einem weiteren Beispiel für krude Vermännlichung weiblicher Größe und Übermacht. “Mount Everest eine Frau” - so betitelte ein befreundeter Psychotherapeut und Feminist seine Email an mich:

Mehr durch Zufall und weil ich mich für die Geschichte der Alpinistik ein wenig interessiere, stöberte ich im Netz über den höchsten Berg der Welt, den Mount Everest (8842m). Ich wollte wissen, wie er zu seinem heutigen Namen kam usw.
Überall auf der Welt haben die verschiedenen Kulturen auf den Bergen um sie herum den Sitz ihrer Götter ( ! ) vermutet, sie gleichsam dort oben hingesetzt, damit sie auf die Erdenbewohner besser aufpassen sollten und auch, um von da oben den Kontakt zwischen Erde und Himmel herzustellen, zu pflegen etc. Wir könnten nun, um das gute alte männerschematische Denkmuster wissend, annehmen, dass die höchsten Berge der Welt so zum Sitz und Zuhause der mächtigsten und großartigsten Göttern geworden seien. Aber gefehlt !

Zu meiner Überraschung nämlich teilen nach alter tibetanischer Überzeugung fünf Frauen diese höchsten Gipfel als Paläste unter sich auf, die “Feen des langen Lebens”. Der ursprüngliche Name des Mt. Everest z.B. ist in tibetischer Sprache “Chomo Lungma”, was so viel wie “Mutter des Universums” bedeutet oder einen ähnlich gewichtigen Sinn hat. Das könnte Dich doch sicher freuen, hab ich mir gedacht.

Der Geodät Sir George Everest hatte um die Mitte des 19. Jh. für die englische Krone Landvermessung in der indischen Kolonie betrieben und 1848 auch diesen Berg vermessen. Nach seinem Tod benannten die neuen Landesherren ( ! ) den bisherigen Sitz einer Göttin im Jahre 1865 schlicht nach diesem sicher ehrenwerten Mann.
All das ist nachzulesen in Wikipedia unter “Everest”, und über die Gipfelfeen in http://www.emmet.de, heilige Berge.

Danke, Wolfgang - und Dank auch an Susanne Bauer für den Hinweis auf den Kleber-Spruch.

# | Luise F. Pusch am 18.04.2010 um 06:00 PM | Druckversion

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11.04.2010

Seinerzeit: Die zeitlose Frau

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Vierundvierzigste Lektion.

Am 30. März haben wir unser neues Buch Frauengeschichten im Frauencafé “endlich” in Hamburg vorgestellt (hier gibt’s schöne Bilder von dem Ereignis).

In der Woche danach hatte ich mit Birgit Kiupel, unserer Mitautorin und Moderatorin des Abends, einen nostalgischen Email-Austausch über das Verschwinden literarischer Salons aus der Kulturszene, speziell lesbischer Salons.

Ich schrieb, einer plötzlichen Eingebung folgend, an Birgit: “In Sachen Salon ist uns noch aufgefallen, dass wir in der Rue Jacob wohnen wie einst Natalie Barney. Das verpflichtet doch eigentlich ...Wir denken drüber nach.” [Genau genommen wohnen wir in der Jakobistraße.]

Zuerst hatte ich schreiben wollen “… wie seinerzeit Natalie Barney”, konnte mich aber noch rechtzeitig bremsen und wählte das “einst”.

Eigentlich hätte ich gleich “ihrerzeit” schreiben sollen, aber ich war an dem Tag etwas unausgeschlafen. Es reichte grade zur Vermeidung der Männersprache, nicht mehr zu ihrer feministischen Überwindung.

Das Wort “seinerzeit” ist mir schon lange ein Dorn im Auge, aber da die Reparatur mit “einst” oder “damals” einfach ist, habe ich mich nie besonders darum gekümmert. Aber warum nur reparieren, wenn wir richtig Terrain erobern können?

Etliche der der vielen Lücken in unserem Männerwortschatz haben wir ja schon erfolgreich behandelt, z.B.

Namensschwester ergänzt den Namensvetter
jedefrau ergänzt jedermann
frau ersetzt man
Schirmfrau neben Schirmherr, Ratsfrau neben Ratsherr, Amtfrau neben Amtmann, Hausmann neben Hausfrau, etc.

Entsprechend fügen wir dem seinerzeit nun ein ihrerzeit hinzu und passen es damit den anderen veränderlichen Wörtern an:

meinetwegen, ihretwegen und seinetwegen
ihrerseits und seinerseits
ihresgleichen und seinesgleichen
ihretwegen und seinetwegen
um ihretwillen und um seinetwillen

Denn wir Frauen mögen zwar zeitlos sein, vor allem zeitlos schön, und Zeit haben wir auch nie - das wir aber deswegen auf ein Wort für “zu ihrer Zeit” verzichten sollen, ist eine männliche Zumutung, die wir nicht hinnehmen sollten. Die Abwehrstrategie ist zum Glück sehr einfach, die Männersprache liefert reizende Vorlagen:

Sensation erregt der rätselhafte Tod der Senatorin Stanford, - die seinerzeit zum Andenken ihres verstorbenen einzigen Sohnes die Stanford-Universität mit 20, 000, 000 Dollars stiftete. Dieses Institut erbt jetzt das Riesenvermögen der pacifischen - Minenmagnatin. (Berliner Tageblatt, 3.3.1905)

Die Gräfin wurde seinerzeit freigesprochen -, und die Zukunft des jungen Grafen schien gesichert. (Berliner Tageblatt, 4.3.1905)
Die Belege stammen von hier - dort finden Sie hunderte für seinerzeit und keinen für ihrerzeit.

Diese anregenden Beispiele zeigen, wie wir vorgehen sollten. Kein einfühlsames Anpassen mehr wie bei seinetwegen und ihretwegen, seinerseits und ihrerseits.

Einfach immer feste druff mit ihrerzeit, das Geschlecht spielt dabei gar keine Rolle:

Im Verlauf seines Schreibens bekennt Herr Casimir-Périer, er habe ihrerzeit abgedankt, weil er seine Ohnmacht erkannt habe.

Sein Schwager Nardenkötter habe ihrerzeit das Krankenhaus betrieben.

Wie ein Blick ins Internet verrät, gibt es inzwischen viele Etablissements, die sich “Seinerzeit” nennen, typischerweise Cafés und Restaurants mit nostalgischem Touch, die “Oldies aus den siebziger und achtziger Jahren” spielen. Diese Restaurants sollten wir auffordern, zeitnah (am besten ihrerzeitnah) ihren abtörnenden Namen abzulegen - sonst müssten wir sie leider girlkottieren.

# | Luise F. Pusch am 11.04.2010 um 05:21 PM | Druckversion

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Hedwig Dohm