»Laut & Luise«
01.03.2008
Am 22. Februar, dem Vorabend des Erscheinens der Wohlgesinnten, brachte “3sat Kulturzeit” einen längeren Beitrag über den Schocker von John Littell. Ich hatte von dem Buch bis dahin nichts gehört, erfuhr nun aber, daß das französische Original ein rasender Bestseller sei und zudem den Prix Goncourt bekommen hätte.
Den Titel fand ich für die fiktiven Bekenntnisse eines Nazischergen etwas verschroben, dachte aber nicht weiter darüber nach. Es ging in dem Bericht auch hauptsächlich um die literarische Kontroverse, die das Buch in Deutschland schon vor seinem Erscheinen ausgelöst hatte: Haben wir es mit einem genialen Jahrhundertwerk oder mit einem mönströs mißlungenen Machwerk zu tun? Interessanterweise vertreten Männer überwiegend die These vom Geniestreich (Cohn-Bendit, Schirrmacher, Lanzmann, Semprun), Frauen wie z.B. Deutschlands bekannteste Literaturkritikerinnen Sigrid Löffler und Iris Radisch hingegen finden das Buch total mißlungen.
Ich kann zu der Debatte nichts beitragen, denn ich habe das Buch nicht gelesen, und wie ich mich kenne, werde ich es auch nicht lesen (wollen). Da vertraue ich gern dem Urteil der Expertinnen (“Landser-Kitsch”, “häufig ekelerregende, noch häufiger einfach langweilige Lektüre”). Und überhaupt: Es gibt so viele Bücher von Frauen, die ich noch nicht gelesen habe, Hedwig Dohm, Annette Pehnt, Julia Franck, Naomi Klein, Alice Rühle-Gerstel, Judith Thurman, Doris Lessing, Shere Hite - um nur acht von hunderten zu nennen.
Mir geht es heute um meine Erlebnisse mit dem seltsamen Titel des Littell-Buchs. Die Wohlgesinnten, dachte ich zunächst, das ist eine bitter ironische Bezeichnung für die Nazimörder, die den “deutschen Volkskörper” wohlmeinend oder eben “wohlgesinnt” vom “jüdischen Ungeziefer” ein für alle Mal “befreien wollten”. Vage erinnerte mich der Titel auch an Goldhagens Buch Hitlers willige Vollstrecker (Hitler’s Willing Executioners).
Im Original hieße das Buch Les Bienveillantes, erfuhr ich dann und mußte meine Assoziationen revidieren, denn Bienveillantes ist ein Femininum. Ein weiblicher Titel für diese Nazi-Männer-Saga? Was mochte das bedeuten?
Ich las mich durch die entsprechenden Internetseiten und erfuhr, daß Die Wohlgesinnten auf den dritten Teil der Orestie des Aischylos anspielt, der bei uns Die Eumeniden heißt, auf Französisch Les Euménides, auf Englisch The Eumenides.
Warum also John Littell sein Buch Les Bienveillantes statt Les Euménides genannt hat, bleibt sein Geheimnis. Ich habe Latein und Griechisch studiert - mit Die Eumeniden hätte ich etwas anfangen können, Die Wohlgesinnten aber führte mich erstmal gründlich in die Irre. Vielleicht war das Absicht.
Littell gibt seinen ÜbersetzerInnen Ratschläge, wie sie den Titel am besten in all die Sprachen übersetzen sollten, in die sein Werk voraussichtlich übersetzt werden wird, wenn sich der Hype fortsetzt: Direkt aus dem Griechischen.
Die Eumeniden, zu deutsch “Die Wohlmeinenden, Wohlgesinnten, Gnädiggestimmten” sind in der griechischen Mythologie ursprünglich Rachegöttinnen, Erinnyen oder Erinyen. Auf Lateinisch furiae, die Furien.
Im dritten Teil der Orestie werden die Erinnyen, die zuvor Orest wegen des Mordes an seiner Mutter Klytaimestra bis zum Wahnsinn verfolgten, von Göttin Athene umgestimmt; sie werden quasi domestiziert (hier könnten sich lange feministische Auslegungen der Mythologie anschließen). Die Umgestimmten und Umgepolten heißen nunmehr “Eumeniden” - aber wir durchschauen solche Augenwischerei und verstehen gemeinhin unter “Eumeniden” - Erinnyen, Rachegöttinnen, Furien.
In ihrem Verriß in der Zeit findet Iris Radisch kraftvolle Worte für die antike Verbrämung des Littell-Wälzers:
Veredelt wird der Edelnazi auch durch das intertextuelle Spiel des Romans mit der Orestie des Aischylos, das noch viele Doktorarbeiten alimentieren wird. Aue [so heißt der “Held” des Romans] als Orest, die beiden Polizisten, die Aue als Muttermörder überführen, in der Rolle der Erinnyen (auf Deutsch der “Wohlgesinnten”) … all dies sind hochkulturelle Köder, nach denen die Interpreten schnappen wie der Fisch nach dem Wurm an der Angel.
… Den Täter … intellektuell und mythologisch aufzurüschen und gleichzeitig für unschuldig - im antiken Sinn schuldunfähig - zu erklären, das ist Legendenbildung.
An dieser Legendenbildung will ich mich nun nicht länger beteiligen, auch nicht länger nach den “hochkulturellen Ködern schnappen”.
Kommen wir zu ganz was Anderem und doch Einschlägigem. Ich dachte noch intensiv über französische Feminina nach, die grammatisch neutral ins Deutsche kommen und als männlich verstanden werden - da las ich über den Film Die Ausgebufften von Bertrand Blier aus dem Jahre 1974, mit Gérard Dépardieu, Patrick Dewaere, Miou-Miou und Jeanne Moreau - ein Roadmovie über zwei Gammler, die sich klauend herumtreiben und dabei möglichst viele Frauen “aufreißen”.
Im Original heißt der Film “Les valseuses” - wieder eindeutig ein Femininum, zu Deutsch “Die Walzertänzerinnen”. Ist es möglich, fragte ich mich, daß eigentlich die beiden Frauen die Hauptfiguren des Films sind - zwei Frauen auf der Walz, sozusagen?
Wieder ging ich der Sache im Internet nach und erfuhr schließlich: ”les valseuses (the waltz dancers) ... is slang and a metaphor for the movement of the testicles...“
Das bringt mich zu einer Ankündigung in eigener Sache: In den nächsten Tagen erscheint meine neue Sammlung mit Glossen aus den Jahren 1999 bis 2007, Titel: Die Eier des Staatsoberhaupts (Wallstein Verlag, 9,90 EUR).
Auch dieser Titel bedeutet ganz was anderes als Sie sich vielleicht gedacht haben ...
23.02.2008
Gestern wurde die Impressionistinnen-Ausstellung der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt eröffnet. Ihr braucht jetzt nicht gleich alle hinzurennen, sie läuft noch bis Anfang Juni.
Wenn frau nach “Impressionistinnen” googelt, fragt Google vorsichtshalber: “Did you mean: Impressionisten” - zeigt dann aber doch das Gewünschte.
In der Hannoverschen Zeitung (HAZ) von heute berichtet Johanna di Blasi in dem Artikel “Der Impressionismus ist feminin” über die “große und großartige Ausstellung”. “Ohne feministisches Eiferertum” werde da das gängige Impressionismusbild “anhand von rund 150 hochkarätigen Ölbildern und Pastellen aus bedeutenden Museen” korrigiert und ergänzt.
Ich frage mich, während ich den Artikel lese, was die Autorin wohl mit dem “feministischen Eiferertum” meint. Vielleicht Äußerungen wie diese: »Ich glaube nicht, dass es jemals einen Mann gegeben hat, der eine Frau als absolut gleichgestellt behandelt hat und das war alles, was ich je verlangt habe – denn ich weiß, ich bin genauso gut wie die Männer.«
1890, als die Impressionistin Berthe Morisot sich dergestalt erdreistete und ereiferte, gab es den Feminismus noch gar nicht richtig. Und wenn doch - Feministin war sie bestimmt keine, und Eiferertum kommt ja auch in der Ausstellung nicht vor.
Dergleichen kann also nicht gemeint sein.
Auf die Frage, wieso Morisot “später derart in Vergessenheit” geriet, antwortet die Kuratorin Ingrid Pfeiffer, “die nachfolgende Kritikergeneration sei schuld daran… Gestalten wie der ‘Kunsthistorikerpapst’ Julius Meier-Graefe hätten einen von Frauen bereinigten Kanon aufgestellt, der das Bild des Impressionismus bis heute bestimme.” Und di Blasi fährt fort: “Die in den USA heute als Star angesehene Mary Cassatt (1844–1926), eine von etwa tausend damals in Paris malenden Amerikanerinnen, hat Meier-Graefe in seinen Überblicksdarstellungen ebenfalls unterschlagen.”
Auch diese für das männliche Kultur-Establishment doch peinlichen Enthüllungen über fiese Unterschlagungen und bedenkliche “Bereinigungen” sind wohl kein “feministisches Eiferertum”, denn die Impressionistinnen-Ausstellung und di Blasi sind ja lobenswerterweise frei davon.
Über Marie Bracquemond, eine der vier ausgestellten Impressionistinnen, erfahre ich auf der Webseite der Ausstellung: “Marie hört auf Drängen ihres Ehemannes Felix Bracquemond nach und nach auf, zu malen. 1916 stirbt Marie zurückgezogen am 17. Januar in Sèvres.” Mit anderen Worten: Das letzte Drittel ihres Lebens durfte die einst so erfolgreiche Malerin nicht mehr malen, weil ihr Mann es so wollte.
Also das ist doch wohl das Allerletzte, so möchte frau sich echauffieren angesichts all dieser Zumutungen, mit denen die Impressionistinnen zu kämpfen hatten und mit denen die Ausstellung uns konfrontiert. Und angesichts der Zumutung für uns Kunstfreundinnen, denen ein Verdikt von Papst Julius (Meier-Graefe) eine frohgemute Identifikation mit den großen Impressionistinnen bis heute versaut, pardon: verebert hat.
Hat sich da in den letzten Absatz vielleicht feministischen Eiferertum eingeschlichen? Kann nicht sein, ich bin doch kein Eiferer. Eiferin? - schon eher. Was bleibt uns auch übrig angesichts all der päpstlichen Unfehlbarkeit.
(Dank an Anne Beck und Cornelia Heuer für die Infos über die Impressionistinnen-Ausstellung)
Nachtrag: Marianne Krüll schickte den Hinweis auf einen erfreulichen Artikel von Julia Voss zu der Impressionistinnen-Ausstellung, im FAZ.Net.
17.02.2008
Dieses Wochenende beglückte uns das Hoch Friedrich mit heftiger Kälte und strahlender Sonne.
Viele Frauen ärgern sich darüber, daß die Hochs bei uns männliche Vornamen bekommen, die Tiefs dagegen weibliche. Die Taufpraxis soll auf die Meteorologin Dr. Karla Wege zurückgehen, die sich als Studentin in den 50er Jahren an dem US-amerikanischen Brauch orientierte, den Hurrikanes weibliche Vornamen zu geben.
In den 70er Jahren sorgte die amerikanische Frauenbewegung für Gerechtigkeit. Seitdem wechseln sich die Geschlechter ab: neben der verheerenden Katrina gab es die kaum weniger schrecklichen Hurrikanes Mitch und Andrew.
Damit bei uns die wetterwirksamen Tiefdruckgebiete von den Hochdruckgebieten besser unterschieden werden können, schlug Karla Wege für Hochdruckgebiete männliche Namen vor. Alles hier schön nachzulesen.
Mir gefällt diese Unterscheidung. Was ist schon ein Hoch Friedrich gegen die Urgewalt der Tiefs Wiebke oder Vivian (manche mögen sich noch an diese Rackerinnen erinnern).
Die meisten Frauen sehen das allerdings anders und fragen in meinen Vorträgen oft empört, warum nur die Hochs männliche Vornamen hätten. Dann flapse ich: “Vielleicht weil die Männer sonst kein Hoch kriegen?”
Diese Männer heißen jetzt “Helden der Liebe”. Den Hinweis auf sie schickte mir Brigitta Huhnke.
“Helden der Liebe” ist eine poesievolle Anzeige zum Frühling und zum Valentinstag betitelt, mit Anleitung zum Basteln einer Origami-Rose für die Liebste (die immer “der Partner” genannt wird - dabei ist alles strikt hetero) und Link auf eine Webseite mit Gedichten (“Frauen mögen Gedichte!”). Origami klingt schon fast so gut wie Orgasmus, und darum geht es auch bei den “Helden der Liebe”. Es ist eine Anzeige des Pharmakonzerns Lilly, und was sie an den Mann bzw. Liebeshelden bringen wollen, ist ihr Mittel gegen ED (erektile Dysfunktion; zu deutsch: wenn er kein Hoch kriegt). Die soften Blümchen und Gedichte waren nur Außendekoration, um von den knallharten Geschäftsinteressen abzulenken.
Jetzt weiß ich endlich, warum der angeblich schönste Tag im Leben “Hochzeit” genannt wird. Je länger das Paar verheiratet ist, umso härter werden die Namen für die Jubelhochzeit: Silberne, Goldene, Diamantene, Eiserne, Steinerne Hochzeit.
Vor diesen Helden der Liebe und ihren furchterregenden Hoch-Zeiten muß nachdrücklich gewarnt werden. Denn Gnade gibt es erst zur Gnadenhochzeit, nach 70 Jahren! Und wenn der Lilly-Konzern sich durchsetzt, nicht einmal dann.
10.02.2008
Zum hundertsten Geburtstag Simone de Beauvoirs habe ich einige Sendungen über sie gehört und gesehen, auch die französische Filmbiographie Der Liebespakt: Simone de Beauvoir und Sartre von Ilan Duran Cohen.
Zum Wahlkampf Hillary Clintons lese ich derzeit Carl Bernsteins Biographie A Woman in Charge: The Life of Hillary Rodham Clinton (deutsch: Hillary Clinton - Die Macht einer Frau, rund 1000 Seiten).
Die Gemeinsamkeiten dieser für die Geschichte der Frauen vielleicht wichtigsten Frauen der letzten 60 Jahre sind verblüffend, wären mir aber wohl nie aufgegangen, wenn der Hundertste und die heiße Phase des US-Wahlkampfs Beauvoir und Clinton nicht gleichzeitig in mein Blickfeld gerückt hätten.
Hier nun die Parallelen, die mir auffielen. Sie betreffen zur Hälfte den egoistischen “Liebespakt”, der den Frauen aufgenötigt wurde:
• der unnahbare, ablehnende, gleichwohl fordernde Vater
• die intellektuelle und philosophische bzw. politische Hochbegabung
• die für eine Frau ganz unglaubliche Karriere, ermöglicht auch durch ein unglaubliches Maß an Mut, Arbeit und Eigensinn
• stoisches Ertragen endloser öffentlicher Schmähungen
• permanenter geistiger Austausch mit einem brillanten und als Mann berühmteren Gefährten, der seine Partnerin bewundert und unterstützt - und umgekehrt. Ohne Hillarys solidarisches TV-Interview zur Gennifer-Flowers-Affäre wäre Bill nicht Präsident geworden. Ohne Simone war Jean-Paul hilflos.
• derselbe Mann ist ein zwanghafter Schürzenjäger, der die Partnerin permanent verletzt und demütigt
• statt den Mann zu verlassen, erträgt die Frau die Seitensprünge. Hillary verteidigt ihn auch noch, wieder und wieder, und rettet ihn vor dem politischen Aus.
Warum haben Simone und Hillary sich das gefallen lassen? Daß Jackie sich nach dem womanizer Kennedy auch noch Onassis antun mußte, war schon schwer nachvollziehbar - aber diese beiden hochemanzipierten Frauen? Was ist los mit ihnen?
Es verstört, wenn Frauen, die wir uns zum Vorbild nehmen und gern rückhaltlos bewundern wollen, emanzipatorische Schwachstellen aufweisen - und auch noch beide dieselbe! Wie hieß doch gleich Robin Norwoods Bestsellerin: Wenn Frauen zu sehr lieben… Auf unsereine mag das ja zutreffen, aber auch auf diese beiden Ikonen der Frauen-Emanzipation, ausgerechnet?
Beim Nachdenken über die Gründe kam ich auf folgende Möglichkeiten:
Mütterliches Mitgefühl? Immerhin kam Bill aus einer sehr kaputten Familie und Jean-Paul war ein Ausbund von Häßlichkeit. Vielleicht nahmen diese Frauen die sexuelle Inkontinenz ihrer Partner hin als männlichkeitsbedingte Hormonstörung, etwa so wie altersbedingten Gelenkverschleiß.
Pragmatismus? Wie bei den Königinnen, die die vielen Mätressen dulden mußten und sich durch ihren Status als Hauptfrau entschädigt fühlen sollten. Teilhabe am Glanz, der anders für Frauen in der männerdominierten Gesellschaft nicht zu haben ist, nicht einmal für Frauen vom Format einer Simone de Beauvoir oder Hillary Clinton.
Härtetest, Überlebenstraining? Nach dem Motto “Was mich nicht umbringt, macht mich stärker” erkannten sie vielleicht in dem aufgenötigten “Liebespakt” eine hervorragende Trainingsmöglichkeit für das Ertragen der unvermeidlichen Kränkungen in der weiteren Männerwelt - zumal ihr personal trainer sie nicht nur verletzte, sondern auch unterstützte. Diese Sicht würde erklären, warum gerade diese beiden dauergekränkten Frauen so stark wurden.
Und die Männer? Die sehen/sahen ihre Partnerinnen wahrscheinlich als echte Partner, Kumpel, beste Freunde. Dem Freund steht mann bei in jeder Lebenslage - aber sexuelle Treue ist mann ihm nicht schuldig, wäre ja direkt pervers.
Bedeutende Männer, die brillante Frauen auch nur neben sich dulden, sind selten. Solche, die sie auch noch fördern und bewundern, sind an einer Hand abzuzählen. Clinton fällt mir ein, oder Sartre.
Daneben vielleicht noch Rodin und Brecht, und deren brillante Partnerinnen zahlten dafür denselben Preis wie Beauvoir und Clinton.
Zum Schluß noch eine weitere mögliche Parallele zwischen Simone und Hillary:
Sartre galt als der große Philosoph, Beauvoir als die bessere Schriftstellerin - entsprechend dem Gefälle zwischen diesen beiden Berufen. Die Forschung sieht es inzwischen eher umgekehrt: Den größeren und bleibenden Beitrag zur Philosophie hat sie geleistet, er war als Schriftsteller begabter.
Vielleicht ist Hillary auch die bedeutendere Politikerin? Wir werden es nur erfahren, wenn das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und seine gehässigen Männermedien ihr eine Chance lassen.
Nachtrag: Eine messerscharfe Analyse der frauenfeindlichen Praktiken der Männermedien veröffentlichte Robin Morgan, Feministin der ersten Stunde, im Women’s Media Center. Lesen, studieren, einprägen, rumschicken - die nächste Auseinandersetzung mit Obama-Fans und Hillary-MuffelInnen kommt bestimmt.
03.02.2008
Es geht um kultige kleine Eisbärinnen und Eisbären, Tierpflegerinnen und -pfleger und einen Vizedirektor. Vor allem aber geht es um Namen.
“Knut” war eine rundum gelungene Namensgebung. Erstmal schön nordisch, wie es sich für ein Tier vom Nordpol gehört. Und alle fanden Knut zum Knuddeln und zum Knutschen. Auch international war “cute Knut” ein Hit.
Nun ist er nicht mehr zum Knuddeln, aber “Knut” paßt bestens auch für das mittlerweile ausgewachsene und hochgefährliche Raubtier.
Knuts “Ziehvater” Thomas Dörflein hatte nicht nur einen zu Klein Knuti passenden, niedlichen Namen, sondern auch eine interessante Tätigkeitsbezeichnung. Das Wort “Ziehvater” hatten doch die meisten von uns noch nie gehört.
Jetzt hat Nürnberg also eine “Knutine”, wie es neulich in der Zeitung hieß. Knut das Original, Knutine die Kopie?
Nein! - Aber auch der Nürnberger Tiergarten will natürlich mit dem kleinen Knuddeltier groß Kasse machen und startete eine publikumswirksame Tauf-Aktion, als die kleine “Weißwurst” (so Pflegerin Petra) noch winzig war wie ein Meerschweinchen. Zehntausende machten mit, auch ich. Meine Vorschläge: “Pippi”, “Ronja” und “Astrid”, zu Ehren von Astrid Lindgren, deren 100. Geburtstag wir letztes Jahr gefeiert haben - garantiert nordische und obendrein kinderfreundliche Anmutung!
Pflegerin Petra (ihr Nachname wurde nicht verraten) erzählte in einer TV-Reportage, jede Stunde erfände sie mindestens fünf Namen für die Kleine. Außer “Weißwurst” gestand sie auch noch “Stinkbombe” - offenbar läßt sie sich von dem Rummel nicht beeindrucken und sieht die Sache sehr nüchtern.
Nun hat aber, unter zigtausenden von Vorschlägen, “Flocke” gesiegt. Ich vermute, der Vorschlag stammt von einer Marketingfirma, die der Tiergarten dafür bezahlt hat. Wir anderen Vorschlagenden wurden manipuliert zur Verstärkung des Eisbärmädchen-Hypes. Aus werbetechnischen und -rechtlichen Gründen brauchte der Tiergarten einen unverbrauchten Namen, der sich von daher zur Marke eignet, Stichwort “Branding”. Dafür ist Flocke sehr geeignet, niemand heißt so. Solche geschäftlichen Erwägungen waren wohl den meisten fremd, die da mitgemacht haben.
Flocke ist kein Mädchenname - könnte aber bald einer werden. Vorerst erlauben deutsche Standesämter allerdings nicht, Kindern Phantasienamen wie Vanille, Flocke, Dollar oder Souvenir zu geben, wie das z.B. in den USA gang und gäbe ist. Hier muß alles seine namentliche und geschlechtsmäßige Ordnung haben.
Wenigstens heißt die Kleine nicht “Flöckchen” wie in “Schneeflöckchen, Weißröckchen”.
Bei Knut hatte alles seine Richtigkeit. Er hatte einen Jungennamen, war erst der Eisbärjunge Knut, jetzt ist er der Eisbär Knut. Alles durch und durch maskulin, genau wie die BärInnen für die Kinderstube, vom Teddybär (benannt nach Teddy Roosevelt) bis zu Pu der Bär.
Flocke dagegen hat keinen richtigen Mädchennnamen, und nichtmal das Wort “Eisbärmädchen”, das für sie am häufigsten verwendet wird, hat irgendeine Richtigkeit. Es setzt sich zusammen aus der Eisbär und das Mädchen - kein Femininum weit und breit. Die Bezeichnungen für Flocke sind Patchwork, wie das eben für Frauen üblich ist. Die Pfleger nennen sie auch gerne “kleiner Kerl”.
Von Flocke hörte ich zum ersten Mal durch Silke Gyadu geb. Hoffmann, die mir folgende Email schrieb: “Bei dem derzeitigen Medienrummel um die süße Baby-Eisbärin im Nürnberger Tiergarten fällt der ungewöhnliche Name des Vizedirektors auf: Der Mann heißt mit Nachnamen Mägdefrau - vielleicht ein kleiner Trost für die weiblichen Bach-, Berg-, Heine-, Neu- und sonstigen -männer.”
Wir leben in einer Kultur, in der Frauen nicht nur Bachmann etc. heißen, sondern sogar Larsson (= Sohn des Lars) oder Angelou. Maya Angelou, die große amerikanische Dichterin, wörtlich “die Maya des Angelos”, heißt so nach einem Herrn Angelos, mit dem sie mal eine Weile verheiratet war.
Kein Wunder, daß wir uns da freuen, wenn wir mal auf einen Helmut Mägdefrau (Vizedirektor des Nürnberger Tiergartens), Karl-Heinz Jungfer (Froschzüchter) oder Horst Sitta (Sprachwissenschaftler) treffen. Vielleicht kennen Sie noch mehr solcher Raritäten, dann können Sie uns unten im Kommentarfeld davon erzählen.
“Ursula” wäre auch noch ein hübscher Name für Flocke gewesen, es bedeutet schließlich “kleine Bärin”.
Das Sternbild der Großen Bärin (Ursa Maior) wurde zum Großen Bären vermännlicht, obwohl nach der griechischen Sage diese Bärin ursprünglich eine arkadische Göttin oder die Nymphe Kallisto war und zu den Gefährtinnen der Artemis gehörte. Göttervater Zeus vergewaltigte und schwängerte sie, daraufhin wurde sie von seiner Gattin Hera oder von Artemis zur Strafe in eine Bärin verwandelt und von Zeus als Sternbild an den Himmel versetzt, als ihr gemeinsamer Sohn, inzwischen zum Jäger herangewachsen, seine Mutter unwissentlich erlegen wollte.
Merke: Ob am Himmel oder auf Erden, in der Wildnis, im Zoo oder im Kinderzimmer, als Göttin, Nymphe, Tier oder Spielzeug, die Bärin muß weg, schon rein sprachlich ist sie mühsam, als Bär kommt sie einfach besser an: Flocke hat schon ihre eigene Webseite; sie heißt www.flocke-eisbaer.de.
Und so leuchtet sie am Himmel als Großer Bär, wird geknuddelt und geliebt als Teddybär und als Eisbär Flocke, der kleine Kerl, oder gefürchtet als Eisbär, König der Arktis. Arktis bedeutet “Land unter dem Sternbild der Großen Bärin”, von griech. Arkte “Bärin”. Ist auch bald weg, die Arktis. Und damit auch der Eisbär. Aber uns bleibt ja noch der Zoo. Und der Teddybär.
29.01.2008
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Dreizehnte Lektion
Vor hundert Jahren, am 9. Januar, wurde Simone de Beauvoir geboren. Am selben Tag starb Wilhelm Busch. Beauvoir gilt als Begründerin des modernen Feminismus, Busch als der Erfinder der Comics. Jede von ihnen schuf ein Werk, das weltbekannt wurde, Das andere Geschlecht bzw. Max und Moritz.
Ich kam zufällig auf diese Koinzidenz und diese Parallelen, als ich über das Wort Jugendgewalt nachdachte, passend zu den Wahlen in Hessen und der von Roland Koch hochgekochten öffentlichen Diskussion darüber.
Frauen kritisieren die Begriffe “Jugendgewalt” und “Jugendkriminalität” seit langem. “Jugendgewalt” wird - wie Gewalt überhaupt - zu rund 85 Prozent männlichen Tatverdächtigen zugeschrieben (Polizeiliche Kriminalstatistik 2006). Es müßte deshalb Jungengewalt und Jungmännergewalt heißen.
Früher war die Sprache genauer und entschiedener. Sie kennt viele Ausdrücke, die “Jugendstraftaten” unmißverständlich bösen Buben zuordnen: Dummejungenstreiche, Spitzbube, Lausbube, Lausebengel, Lausejunge, Lausekerl, Lauselümmel, Rotzbengel, Rotzjunge, Rotzlöffel. Weibliche Pendants für diese ein- und ausdruckvolle Reihe scheint es nicht zu geben. Hier brave Mädchen, dort böse Buben und schwere Jungs. Die Ausdrücke zeigen aber auch, daß die verlausten “Lausejungen” und die “Rotzjungen”, die kein Taschentuch für ihren Rotz haben, verwahrloste, im Stich gelassene Kinder sind. Wo sind die Eltern von Max und Moritz? Anscheinend haben sie keine.
“Max und Moritz” ist “eine Bubengeschichte in Sieben Streichen”. Keine Mädchengeschichte. Manche Streiche waren eher harmlos (Maikäfer im Bett), andere lebensgefährlich (angesägte Brücke, Schießpulver in der Pfeife). Typisch für die Streiche ist ihre Mutwilligkeit, oft erfüllen sie keinen anderen Zweck als den, Schaden anzurichten und Schrecken auszulösen. Meist legen Max und Moritz nicht selbst Hand an, sondern lassen ihre Opfer in Fallen tappen, so daß sie deren Unglück in aller Ruhe und schadenfreudig als Voyeure genießen können. Schadenfreude gilt als typisch deutsches Hobby: Andere Sprachen kennen den Begriff gar nicht und haben ihn aus der deutschen Sprache übernommen. Buschs Bildergeschichten verkauften sich umso besser, je grausamer sie waren, und so lieferte er Grausames, was das Zeug hielt.
Ob “Streiche”, “Jugendgewalt” oder “Jungengewalt” - am Ende ereilt die beiden Buben die “gerechte Strafe”: Erst werden sie im Ofen gebacken - das überleben sie noch. Danach werden sie von Bauer Mecke in der Mühle zu Schrot gemahlen: „Gott sei Dank! Nun ist’s vorbei mit der Übeltäterei!“ Bauer Mecke wird nicht bestraft.
Todesstrafe für Jungengewalt? Ist das vielleicht die Lösung? Offenbar nicht. Keineswegs ist’s vorbei mit der Übeltäterei. Die haben wir immer noch. Manche meinen, gewalttätiger denn je.
Und was hat das alles mit Beauvoir zu tun? - Von ihr stammt der berühmte Satz: Wir werden nicht als Frauen geboren, wir werden dazu gemacht.
Der Satz gilt natürlich auch für Männer, und auch für “Lausbuben” bzw. jugendliche Gewalttäter. Aber wenn wir die bösen Buben weiter mit den braven Mädchen in einen Topf werfen und das Problem als “Jugendgewalt” verunklaren, bekommen wir es nicht in den Griff.
Nachtrag: Anne Beck schickte den Link zu Jürgen Neffes Artikel “Risikofaktor Mann” (taz, 2003) mit Kernsätzen wie diesen:
“Wer der Gewalt Einhalt gebieten will, muss ran an den Mann. Und zwar möglichst früh. - Als Kriminologe wird man zum Feministen.” (Christian Pfeiffer, Prof. für Kriminologie, Ex-Justizminister Niedersachsen)
“Verbrechen ist männlich. Nicht Gewalt und Kriminalität bedrohen unsere Gesellschaftsordnung, sondern Männer.” (Dieter Otten, Prof für Soziologie).
19.01.2008
Zum 40jährigen Jubiläum der 68er machte Nadja Encke für das Goethe-Institut eine Umfrage unter „68ern“, d.h. Leuten meiner Generation. Hier ihre Fragen und meine Antworten, die ich inzwischen noch etwas ausgebaut habe:
Sie studierten damals an der Universität Hamburg – wie bzw. als was haben Sie die „68er“ empfunden?
Die berühmte Aktion mit dem Transparent „Unter den Talaren - Muff von tausend Jahren“ fand ich sehr gut. Der frische Gegenwind für die starren patriarchalen Strukturen der Universität war überfällig. Ich wollte damals gern wissenschaftliche Assistentin an der Uni werden, aber Bewerbung auf diese begehrten Posten war nicht vorgesehen. Frau mußte es stattdessen irgendwie hinkriegen, daß sie dem Herrn Professor angenehm auffiel. Also rein feudale Verhältnisse, der Professor verschenkte oder entzog wie der König seine Gunst, und von seiner Gunst hingen Karrieren und Lebenschancen ab. Diese höfischen Strukturen wurden durch die 68er abgeschafft, und das war gut so.
Was war Ihrer Meinung nach die wichtigste Veränderung in der deutschen Gesellschaft, zu der die „68er“ beigetragen haben?
Die 68er studentischen Patriarchen haben durch ihr Macho-Verhalten dazu beigetragen, daß die Frauen sich abspalteten und endlich anfingen, ihr eigenes Süppchen zu kochen, nachdem sie den Herren noch die berühmte Tomate geopfert hatten. Also: Die wichtigste Veränderung war der Beginn der zweiten Frauenbewegung in Deutschland und anderswo. Wie diese ersten Ansätze wiederum von den 68er Patriarchen behindert, usurpiert und umfunktioniert wurden, hat Helke Sander in ihrem Bericht über die Entstehung der Kinderläden gerade sehr anschaulich beschrieben. (links auf “MitDenkFiliale” klicken)
Woraus bestand Ihr persönlich wichtigster Beitrag zu den Umwälzungen der „68er“?
Ich war 1968 mit der Wohnungssuche für mich und meine Partnerin beschäftigt, die querschnittgelähmt und Rollstuhlfahrerin war. Die Wohnungssuche für eine Frau mit Behinderung war zu der Zeit dermaßen anstrengend, daß für irgendwelches politisches Engagement einfach keine Kraft blieb - und das soll durchaus eine politische Aussage sein.
Ich hatte außerdem immer das Gefühl, was die Männer da veranstalten, hat mit meinen Sorgen überhaupt nichts zu tun. Ich engagierte mich erst ab Mitte der siebziger Jahre politisch, und zwar in der Frauenbewegung.
Wie sehen Sie die „68er“ heute – etwa im Hinblick darauf, dass sie in manchen Publikationen zu einem Mythos stilisiert werden?
Ich sehe die 68er Bewegung im wesentlichen als eine jugendliche Männerbewegung, die den alten etablierten Männern die Macht entreißen wollte. Als das einigermaßen gelungen war, waren die 68er zufrieden und wurden genau wie diejenigen, die sie zuvor bekämpft hatten. Frauen kamen in dem ganzen Theater eigentlich kaum vor, deshalb hat mich die Bewegung damals und bis heute nur wenig interessiert.
Die angeblich ebenfalls von den 68ern initiierte sexuelle Befreiung diente auch vorwiegend männlich-heterosexuellen Interessen und machte weibliche sexuelle Verfügbarkeit möglichst schon ab dem Kindesalter zur Norm - alles andere galt als “verklemmt”. Der berühmte Spruch “Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment” macht ja auch sehr deutlich, daß die Frau von dem Penner eher wie Klopapier angesehen wurde, das man ja auch nicht zweimal benutzen sollte. Pennerinnen, die nicht zweimal mit demselben pennen sollten, waren nicht vorgesehen. Und eine lesbische Lesart für “mit derselben pennen” dürfen wir wohl ausschließen.
Die sexuelle Befreiung der Frauen (ob hetero oder lesbisch) wie auch der schwulen Männer kam erst sehr viel später und in Abgrenzung von den 68ern in Gang.
Der akademische Flügel der Frauenbewegung mußte noch bis in die neunziger Jahre warten, bis er, stark gebändigt, mit “Genderforschung” zum Zuge kam. Die erste Generation feministischer Universitätslehrerinnen wurde von den Ende der siebziger Jahre schön etablierten 68ern erfolgreich aus der Uni hinausgedrängt.
Inzwischen hat sich, glaube ich, der Frauenanteil bei den Professuren verdoppelt oder sogar verdreifacht: Von zwei bis vier auf satte acht Prozent! Ausführlich nachzulesen bei Ruth Großmaß. Wenn die untersten Ränge der Professuren mitgezählt werden, sind es sogar 12 Prozent. Entzückend.
Luise F. Pusch
12.01.2008
Vor knapp einem Jahr schrieb ich meine erste Glosse über Hillary und Barack und die Schein-Alternative zwischen “Change” (Barack) und “Experience” (Hillary). Hillary steht sicher für beides - bei Obama bin ich mir weniger sicher.
Obama wird - besonders von den Weißen - gefeiert als einer, der den Rassenkonflikt durch Verhalten und Herkunft transzendieren kann: Seine Mutter eine weiße Amerikanerin, sein Vater ein Schwarzer aus Kenia.
Wie aber sollte Hillary den Geschlechterkonflikt transzendieren? Sie versucht es, indem sie ihn so selten wie möglich erwähnt (und dadurch enttäuscht sie viele Frauen) - aber “personifizieren” kann sie Transzendenz schlechterdings nicht: Die Biologie vermischt beim Nachwuchs nur die Hautfarbe von Mutter und Vater, nicht aber das Geschlecht.
Hillary hätte als Transgender-Person keine Chance. “Männliche Härte” wird ihr vorgeworfen und nicht etwa als transzendent zugutegehalten.
Viele Frauen haben inzwischen darauf hingewiesen, daß es in den USA leichter ist, als schwarzer Mann an die Macht zu kommen denn als Frau, sei es weiß, schwarz, gelb oder rot.
Dazu die schwarze Kongressabgeordnete Shirley Chisholm (1924-2005): “Von den zwei Handikaps, die meine politische Karriere behinderten, war Weiblichkeit sicher schwerwiegender als das Schwarzsein.”
So viel zum Thema “Change”. Kommen wir nun zum eigentlichen Drama des vergangenen Vorwahl-Dienstags in New Hampshire.
Die Umfragen haben für die Republikaner alles richtig vorhergesagt, aber für Hillary lagen sie um 11-16 (!!) Prozentpunkte daneben. Sie bekam 39, Obama nur 36 Prozent - vorausgesagt worden war für ihn ein zweistelliger Vorsprung. So etwas hat es seit der falschen Prognose einer Wahlniederlage für Truman 1948 nicht mehr gegeben. Die Zunft der Meinungsforscher ist beschämt und mit ihnen die Journalisten, die ihnen geglaubt und die Nachricht von Obamas Triumph über Hillary begeistert wieder- und wiedergekäut haben.
Ich allein bestand, als ich die niederschmetternden Zahlen hörte, tapfer auf folgender Sicht der Dinge: “Ist doch klar, was hier abgeht. Sie haben wieder die Frauen übersehen, nicht einkalkuliert, nicht befragt und falsch gewichtet, ganz besonders die älteren Frauen, Hillarys eigene Generation. Und die “Baby-Boomers” sind ganz schön zahlreich… Ihr werdet schon sehen, sie kommen raus und wählen Hillary, denn das Wetter ist schön, die Straßen sind eisfrei und die Frauen brauchen keine Angst vor einem Sturz mit Oberschenkelhalsbruch zu haben.” - Soweit die gewiefte Autorin der Bestsellerin “Die Frau ist nicht der Rede wert” über die wahre Tragweite des Omi-Faktors!
Was ich bis dahin nicht wußte: Die demokratische Partei besteht sowieso zu 60 Prozent aus Frauen (in der Führungsspitze schlägt sich das allerdings - noch - nicht nieder). Und die Demokratinnen sind überwiegend für Hillary, besonders die armen und die alten Frauen - Gruppen also, von denen wir seit jeher wissen, daß sie kaum mal ins Blickfeld geraten. Unter den Frauen über 65 wählten 65 Prozent Hillary und nur 35 Prozent Obama oder Edwards. Sie hatten ihre Entscheidung schon lange zuvor getroffen und handelten vor allem auch danach, während die von der Meinungsforschung mit Vorliebe befragte Jugend, die von Obamas Auftritten restlos begeistert schien, sich das lästige Wählen bei dem schönen Wetter dann doch lieber ersparte.
***
Manchmal habe ich den Eindruck, daß ich mich, obwohl Ausländerin, viel mehr für den Wahlkampf interessiere als die Amerikanerinnen in meiner Umgebung selbst.
Vielleicht liegt es daran, daß ich als Deutsche erleben konnte, daß eine Frau tatsächlich Staatschefin wurde und es den Jungs mal so richtig gezeigt hat, besonders Schröder, der frech behauptete, “Die kann das doch gar nicht.”
Auch habe ich noch nicht vergessen, wie nach der Debatte zwischen Merkel und Schröder die Medien verbreiteten, Schröder sei souverän und staatsmännisch und Merkel hölzern und langweilig gewesen. “Charisma” attestierten sie Schröder zwar nicht so oft wie jetzt Obama, aber die Reaktion war ganz ähnlich wie die auf Obama vs Hillary: Hier der strahlende junge Held, dort die bedauernswerte Alte.
Ich war schon bei Merkel ganz anderer Ansicht, und inzwischen hat auch der Rest der Welt gesehen, daß sie viel mehr kann (und viel besser aussieht), als die verzerrten Darstellungen in den Männermedien erahnen ließen.
Es war uns schließlich ein Reality Check vergönnt, genau so einer, wie ihn jetzt die Weisen Frauen von New Hampshire den Meinungsforschern und den Medien verpaßt haben.
Für die Frauen in aller Welt ist es vielleicht noch wichtiger als für das US-amerikanische Volk, daß die Männerherrschaft im Weißen Haus aufhört. So wie ein Cowboy von dort die ganze Welt in die Irak-, die Klima- und andere Katastrophen gestürzt hat, so könnte eine fähige Frau an der Spitze der mächtigsten Nation der Welt viel Unheil verhindern und weltweit einen wunderbaren Wandel (Change!) in Gang setzen:
Wenn Frauen keine oder unzureichende medizinische Versorgung oder Bildung erhalten, ist das eine Verletzung von Menschenrechten. Wenn die Teilnahme der Frauen an Wirtschaft, Politik und Gesellschaft eingeschränkt wird, ist das eine Verletzung von Menschenrechten. Zu lange wurde die Stimme der Hälfte aller Menschen auf dieser Welt von ihren Regierungen nicht gehört. (Hillary Clinton, Gelebte Geschichte, S. 345 der Ullstein-TB-Ausgabe)
“Hope” ist neben “Change” der zweite Kampfbegriff der Obama-Kampagne. Meine Hoffnung für die Frauen der Welt ruht auf den Weisen Frauen und auf Hillary.
06.01.2008
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Zwölfte Lektion
Wir haben die Ehrenbürgerin, das Ehrenamt, die Ehrensache, den Ehrendoktor - lauter höchst ehrenwerte und ehrenhafte Dinge. Was hat das furchtbare Verbrechen “Ehrenmord” in dieser ehrenwerten Versammlung zu suchen? - Das mögen sich schon viele gefragt haben.
Wenn wir von der Tat einmal absehen und uns nur dem Wort zuwenden, müssen wir natürlich feststellen, daß es viele Wörter gibt, die ähnlich locker gestrickt sind und deshalb Betroffene wütend machen.
Nehmen wir das Wort “Kunstfehler”. Was hat ein Kunstfehler noch mit Kunst zu tun, werden sich die Opfer einer verpfuschten Operation verzweifelt fragen.
Die Sprachgemeinschaft bleibt ungerührt und redet weiter von “Kunstfehlern”. Im Englischen heißt das malpractice - und die Prozesse dagegen scheinen aussichtsreicher als die gegen “Kunstfehler”.
Oder nehmen wir Manfred Hausmanns Geschichte über Kunst. Der kleine Martin fragt den Vater, “Was ist Kunst?” Der gibt ihm eine lange, kindgerechte Erklärung. Danach fragt Martin: “Und was ist Kunsthonig?”
Mag die Beziehung zwischen “Kunst” und “Kunsthonig” belustigend sein und die zwischen “Kunst” und “Kunstfehler” bedenklich - die Verkopplung von “Ehre” und “Mord” zu “Ehrenmord” ist schlicht unerträglich.
In ihrem hervorragenden Film “betrifft: ‘Ehrenmorde’: Verfolgte Töchter, verlorene Söhne” benutzt Susanne Babila nahezu ausschließlich den Ausdruck “Mord im Namen der Ehre”, sicher um abwegige Assoziationen an “Ehrenamt” etc. zu meiden.
Aber, so gibt Rolf Löchel in seiner lesenswerten Rezension von von Seyran Ates’ “Der Multikulti-Irrtum” zu bedenken:
Tat und Motive sind gerade nicht ehrenhaft, sondern im Gegenteil ganz und gar verächtlich. Der zweite Teil des Begriffs Ehrenmord bringt nun zwar Niederträchtigkeit und Verwerflichkeit der Tat angemessen zum Ausdruck, doch legt sein erster Teil (Ehre) das Missverständnis nahe, die Motive der Mörder seien immerhin ehrenhaft und daher irgendwie, wenn schon nicht legitim, so doch irgendwie verständlich.
Um nun deutlich herauszuarbeiten, dass das Konzept des namus [der türk. Begriff ‚namus’ wird mit Ehre übersetzt, unterscheidet sich aber wesentlich vom dt. Begriff ‚Ehre’- LFP] kein akzeptables Ehrkonzept ist, sondern dass im Gegenteil die denkbar niedrigsten aus Tradition und Religion gespeisten Beweggründe hinter den Morden stehen, ist es sinnvoll, den ersten Teil des Begriffs in Anführungszeichen zu setzen, und zwar nicht in doppelte, die den Wortteil “Ehre” nur als Zitat beziehungsweise dem Selbstverständnis der Mörder entsprechende Begrifflichkeit kennzeichnen würden, sondern in einfache, welche die Ablehnung des mörderischen Ehrkonzeptes signalisieren. Darum ist es - wie in diesem Text - vorzuziehen, von ‘Ehren’mord zu schreiben.
Nur - wer kennt sich schon aus mit diesen Feinheiten bis hinein in die einfachen oder doppelten Anführungsstriche? Auch für die gesprochene Sprache helfen Anführungszeichen nicht weiter.
Kurz, wir brauchen ein anderes Wort für diese Verbrechen.
Ich fragte Joey: “Was könnten wir denn sagen anstelle von ‘Ehrenmord’?”
“Schwestermord”, sagte sie ohne zu zögern.
Manchmal ist es auch ein Tochtermord. Manchmal wird auch der Freund der Tochter oder Schwester umgebracht, oder beide. Aber das Wort trifft - “Schwester” wird einfach im umfassenden Sinn gebraucht, so wie “Bruder” in “Alle Menschen werden Brüder”.
Brudermord und Vatermord gelten in unserer Kultur als Inbegriff der ruchlosen Tat. Fremde Männer umzubringen mag nach dieser Mordslogik noch angehen, aber den eigenen Bruder, den eigenen Erzeuger? Auch Muttermord kommt hin und wieder vor, z.B. soll Nero seine eigene Mutter umgebracht haben und gilt bis heute als widerwärtiges Monstrum.
Das Wort “Schwestermord” ist seltsamerweise noch nicht “besetzt” - wohl weil stattdessen “Ehrenmord” gesagt wird. Das sollte aufhören. Wir sagen „Schwestermord“, bis die Schwestermorde aufhören.
28.12.2007
Aus: Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Elfte Lektion
Der weibliche Partner einer Konkubinatsbeziehung heißt Konkubine; eine männliche Form dieses Wortes existiert nicht. (Wikipedia, 27.12.07)
Heute früh hörte ich eine PodCast der BBC-Serie Woman’s Hour über Mätressen (engl. mistresses). Anlaß war die Zeit zwischen den Jahren, eine Zeit, in der wohl niemand so einsam sei wie die Mätresse bzw. die Geliebte: “Die Familie versammelt sich, sie bleibt außen vor.”
Die Moderatorin fragte, weshalb es für die männliche Mätresse eigentlich keinen Ausdruck gäbe. Z.B. Elizabeth I., wenn sie denn mit Leicester oder Essex was gehabt und sie standesgemäß “ausgehalten” hätte, gäbe es da keinen anderen Ausdruck als das farblose und unspezifische favorite “Günstling, Favorit”? Oder Lady Hamilton, üblicherweise gehandelt als Nelsons Geliebte - war nicht er eigentlich ihr, ja wie soll man ihn nur nennen? Etwa Master?
Ich fände ja den Ausdruck “der Mätress” bzw. “he-mistress” nicht schlecht. Oder Zweitmann. Auch Nebenmann wäre passend. Konkubino mit dem Anklang an Cherubino wäre hübsch für wesentlich jüngere Zweitmänner.
Anscheinend besteht aber wenig Bedarf für diese Wörter und die Männer, für die sie gedacht sind. Frau hat mit einem schon genug, mehr braucht sie wirklich nicht. Hat der Ehemann eine Mätresse, ist sie ein wenig entlastet - geteiltes Leid ist halbes Leid!
Die Moderatorin stellte ebenfalls fest, daß der Mann mit Mätresse, der untreue Ehemann, im Leben zwar die Norm, in der Literatur aber gar kein Thema sei (in der Politik heißen solche Verdrehungen heute “Spinning”): Zuständig für eheliche Untreue sei dort vielmehr die Frau: Anna Karenina, Emma Bovary, Molly Bloom. Effie Briest fiel ihr nicht ein.
Die Tatsachen werden einfach auf den Kopf gestellt. Mary Daly bemerkte zu der Technik schon vor Jahrzehnten: “In the land of the Fathers, the more blatant the lie the greater its credibility” (Gyn/ecology, 1978, S. 19). Je dicker die Lüge, umso besser füge sie sich ein in die GANZ DICKE LÜGE namens Patriarchat, gemäß der z.B. die Sünde mit Eva in die Welt kam und die Frau für den Mann geschaffen wurde.
Heute nachmittag erreichte mich passend zum Thema folgende Anfrage per Email:
Ich plane einen Kurs über “Frauen, die sich rächen”. Ich habe schon ein paar Texte zusammen zum Thema, habe aber nirgends eine Anthologie gefunden, was mich erstaunt hat - die rächende Frau ist ja immerhin ein Topos der Kunst. Habe ich da etwas übersehen oder gibt es in dieser Hinsicht gar nichts?
Mir fiel erst nur Euripides’ Medea ein und die vielen Bearbeitungen des Stoffs durch die Jahrhunderte. Medea tötet ihre Kinder, um ihren untreuen Ehemann Jason zu bestrafen. Keine gute Idee - sieht eher nach Männerphantasie aus, was es ja auch ist.
Zweitens fiel mir der Film „Der Club der Teufelinnen“ ein, nach dem Bestseller von Olivia Goldsmith.
Im Original heißen Buch und Film übrigens „The First Wives’ Club“ zu deutsch etwa „Club der Ex-Frauen“. Noch so eine dicke Lüge. Teuflisch sind die Frauen nämlich höchstens aus der Sicht ihrer teuflischen Männer, die sie wegen jüngerer Frauen sitzengelassen haben - und nun ihren Zorn zu spüren kriegen. Unvergeßlich Goldie Hawn mit den aufgespritzten Schlabberlippen als Ex-Frau Elise, die ihren Mann trotz dauernder Schönheits-Operationen nicht halten konnte und sich nun schwungvoll rächt zur Freude der Zuschauerinnen.
Den Zuschauern gefiel der Film weniger. Roger Ebert, der bekannteste Filmkritiker der USA, mit dem ich sonst im Urteil oft übereinstimme, gab dieser Perle der Filmkunst nur zwei von vier Sternen.
Dabei muß er sich doch gar nicht ängstigen, denn Film und Buch sind reine Frauen-Phantasie. Die Wirklichkeit sieht so aus: Olivia Goldsmith, die Autorin der First-Wives’-Club-Story und anderer weiblicher Rachephantasien starb 2004 mit 54 Jahren an den Folgen einer - Schönheitsoperation.
Mary Daly hingegen, mit dem klaren Blick für Realitäten und viel Sinn für unbemannte Lebensfreude, wird nächstes Jahr 80.
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