»Laut & Luise«
15.04.2007
Brauchen wir Hähne?
Gästinglosse von Andrea Schweers
Als wir – meine Lebensgefährtin und ich – vor drei Jahren unseren heranwachsenden Töchtern die geplante Auswanderung nach Mayotte (eine zu Frankreich gehörende kleine Tropeninsel im Indischen Ozean) verkündeten, konnten wir die Proteste der Älteren nur mit dem Versprechen besänftigen, sie dürfe dann auch endlich Haustiere halten (sie, unsere Tochter, hat einen ausgeprägten Hang zur Landwirtschaft, den sie in unserer Bremer Stadtwohnung nie ausleben konnte). Die Wahl fiel – nach einigen Debatten – auf Hühner, und wir fanden bald auch eine nette alte Dame im Nachbardorf, die bereit war, uns zwei erfahrene Legehennen zu verkaufen. Ein Hahn kam uns natürlich nicht in den Stall (wir hielten ihn schlichtweg für überflüssig, da wir ja keine Zucht aufbauen wollten), ausserdem fürchtete meine Gefährtin um ihre Nachtruhe – die Hähne auf Mayotte krähen schon vor dem Muezzin, d.h. so gegen 3 Uhr!
Anfangs ging auch alles gut – die Hühner waren gesund und glücklich, und stolz präsentierte uns die angehende Jungbäuerin jeden Morgen ein selbst produziertes, garantiert biologisches Frühstücksei. Nach einigen Wochen allerdings wurde das Legeergebnis immer magerer, bis die Produktion dann ganz zum Erliegen kam. Unsere Nachbarin, die – obwohl selber Grundschullehrerin – wie alle Menschen auf Mayotte noch was von der Landwirtschaft versteht, klärte uns lachend auf: Ohne Hahn liefe eben gar nichts. Das wollten wir als feministisch indoktrinierte Nordeuropäerinnen natürlich so nicht stehen lassen, aber – wenn wir es auch biologisch nicht verstanden – die Erfahrung gab ihr Recht.
Zurückgekehrt in die norddeutsche Tiefebene, erzählten wir oft und gerne von unseren Hühnererlebnissen, was unsere Freundinnen dazu anregte, ihrerseits Geschichten von Huhn und Hahn zum Besten zu geben. Die tollste Geschichte war diese: C. und ihr damaliger Ehemann hatten auf ihrem Hof in Niedersachsen einen ganzen Stall voll Hühner und den dazugehörigen Hahn, der alles tat, was ein Hahn eben so tun muss, bis er verstarb. Noch bevor ein Nachfolger angeschafft werden konnte, geschahen merkwürdige Dinge: Eines der Hühner hörte auf mit dem Eierlegen, hockte stattdessen jeden Morgen auf dem Misthaufen, krähte, wenn auch etwas mühevoll, aus vollem Halse, und scheuchte – wie ein echter Gockel – die Kolleginnen über den Hof. Als ihm dann auch noch, unverkennbar, der Kamm wuchs, bis er eine hahnenmässige Grösse erreicht hatte, war die spontane Geschlechtsumwandlung perfekt und die Hennen waren es offensichtlich zufrieden.
Sollen wir daraus nun lernen, dass es ohne Hähne nicht geht? Oder dann doch lieber: Mit dem nötigen Willen kann ein Huhn alles erreichen, was es will. Und wenn wir unbedingt einen Hahn brauchen, werden wir eben selber einer….
Nachricht am 25.5.07 von Anne Beck:
“Schwarz auf Weiss - es gibt sie, die natürl. Geschlechtsumwandlung von der Henne zum Hahn” - mehr ist hier nachzulesen.
# | Luise F. Pusch am 15.04.2007 um 12:36 PM •
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31.03.2007
Gästinglosse von Andrea Schweers
Nach längerem Aufenthalt im kühl-grauen Norddeutschland bin ich in dieser Woche mal wieder auf Mayotte zu Besuch, wo die eine Hälfte unserer Frauenfamilie zur Zeit lebt und arbeitet. Wie es sich für eine richtige Tropeninsel im Indischen Ozean mitten in der Regenzeit gehört, ist es höllisch heiß, 35 Grad im Schatten bei fast 100prozentiger Luftfeuchtigkeit, aber ansonsten wunderbar: ein strahlend blauer Himmel über dichter grüner Tropenvegetation, ein ebenso strahlend blaues Meer, aus dem alle paar Minuten der dinosaurierartige Kopf einer Meeresschildkröte zum Luftholen auftaucht – eine immer wieder reizende Begegnung der ganz besonderen Art.
Meeresschildkröten gehören ja zu den nettesten Tieren überhaupt – absolut friedfertig, geräuschlos (wenn sie nicht gerade unter der Anstrengung ins Schnaufen geraten, die es bedeutet, mit dicken, etwas steifen und eigentlich zum Schwimmen gemachten Flossen einen breiten Strand hinauf zu kriechen, um dort dann an einem möglichst geschützten Ort ein Loch für die Ablage von etwa 100 Eiern zu graben). Und Meeresschildkröten sind so schön feministisch –
uralt, weise, mit einem phantastischen Gedächtnis ausgestattet (zur Eiablage kehren sie regelmäßig an den Strand ihrer Geburt zurück), und von einem Schildkröterich hat auch noch nie jemand was gehört. Es muß sie aber geben, denn wenn man großes Glück hat, kann man ab und an im warmen ufernahen Wasser ein Schildkrötenpaar in stundenlangem Liebesspiel beobachten – und dabei ist dann vermutlich eine der beiden Kröten ein Kröterich. Nachgeprüft haben wir es allerdings nicht.
Außer den Freuden solcher Naturbegegnungen hat das französische Überseeterritorium Mayotte auch sonst einiges zu bieten, die allabendlichen lokalen Fernsehnachrichten zum Beispiel: Da mischen sich auf unnachahmliche Weise die großen Weltereignisse (im Moment v.a. die bevorstehenden französischen Präsidentschaftswahlen, bei denen mit Ségolène Royal zum ersten Mal eine Frau auf aussichtsreichem Platz kandidiert), mit ebenso aufregenden örtlichen Angelegenheiten, wie der Beseitigung von Schlaglöchern in einer vom Regen ausgewaschenen Dorfstraße, oder, so wie heute Abend, eine Vorschau auf ein Ereignis, das offensichtlich besonders die Frauen betrifft, jedenfalls werden nur sie dazu interviewt – es geht um die Vorbereitung der Beschneidungsfeierlichkeiten, von denen in den nächsten Wochen (es ist der Geburtsmonat des Propheten Mohammed) besonders viele stattfinden werden.
Gruppen zumeist ziemlich voluminöser, in die ortsüblichen farbenfrohen Salouvas gehüllter Frauen versammeln sich zum Tanzen und Singen vor den Hauseingängen der Festfamilien. Doch was und v.a. wer wird da eigentlich so fröhlich gefeiert? Dies sei ein großer Tag im Leben jedes Kindes, betont der Nachrichtensprecher eingangs, es – das Kind – würde auf die Erwachsenenwelt vorbereitet. Nur so könne es seine Sexualität entwickeln, fügt eine der interviewten Frauen aus der Gruppe der Tänzerinnen, verschmitzt lächelnd, hinzu. Und als Geschenk wären Gold und Silber besonders beliebt.
Mehrere bange Fernsehminuten lang bleiben wir im Ungewissen über das Geschlecht der gefeierten Kinder. Erst der letzte Satz des Beitrags läßt uns aufatmen: Nur beschnitten könne sich das Kind in seinem zukünftigen Erwachsenenleben den Mädchen nähern. Da wir mit ziemlicher Sicherheit annehmen dürfen, daß auch auf dieser für ihren toleranten Islam bekannten Insel nicht öffentlich über lesbische Liebe gesprochen wird, stellen wir – in diesem Fall erleichtert – fest: Ein Kind ist ein Junge, solange das Gegenteil nicht ausdrücklich erwähnt wird.
# | Luise F. Pusch am 31.03.2007 um 02:34 PM •
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23.08.2006
1) Gesucht: der jugendliche Naive und der komische Alte …
Daß es für die “Wöchnerin” im deutschen Wortschatz kein männliches Pendant gibt, ist verständlich, denn bisher hat die moderne Medizin es noch nicht geschafft, daß auch der Mann mal Pause macht und in die Wochen kommt. Daß aber auch die “jugendliche Naive” und die “komische Alte” auf der deutschen Bühne und in der deutschen Sprache keine adäquaten Partner finden, bleibt erstaunlich. Denn in der kruden Wirklichkeit treffen wir doch dauernd auf den jugendlich naiven Radaubruder und die komischen alten Politiker.
Die Reihe wird unbeirrt fortgesetzt.
18.06.2006
Ich sehe sonntagmorgens gern die halbstündige Sendung LeseZeichen vom Bayr. Fernsehen - frau erfährt auf unterhaltsame Weise, was die Konkurrenz gerade so (um)treibt.
Heute kam ein schönes Porträt des liebenswerten Max Kruse, Sohn von Käthe Kruse, der auf seiner Homepage im zweiten Absatz mitteilt: “Aufgewachsen bin ich bei meiner Mutter, der Schöpferin der Käthe Kruse Puppen.”
Ich wußte bis dahin nicht, daß dieser Max Kruse Käthe Kruses Sohn ist. Ich hatte ihre Autobiographie vor 25 Jahren gelesen und von daher nur behalten, daß sie einen Sohn namens Max hatte. Aber es gibt ja Kruses wie Sand am Meer, und viele von ihnen werden Max heißen.
Die Sendung LeseZeichen jedenfalls verriet mit keiner Silbe, daß dieser Max genau der Sohn von Käthe ist. Ich mußte das erst googeln.
Hat mann oder frau jemals einen Bericht über Jane Fonda gelesen, in dem nicht im ersten Satz darauf hingewiesen wird, daß sie die Tochter des berühmten Henry ist? Falls Sie es nicht glauben, hier ein aktuelles Beispiel über eine andere berühmte Tochter eines berühmten Mannes: “Anjelica Huston, Tochter des legendären John Huston (‚Der Malteserfalke’, 1941), ist eine der angesehensten Schauspielerinnen Hollywoods.” Es geht um ihren großartigen Film Ein Bastard aus Carolina, mit dem Vater John und Der Malteserfalke nun wirklich nichts zu tun haben.
Noch etwas hat mich sehr gewundert. Auf Wikipedia gibt es ein ausführliches Porträt zu Käthe Kruse. Als Literatur werden diverse autobiographische Werke ihres Sohnes Max angeführt. Ihre Autobiographie hingegen - doch wohl die Hauptquelle - fehlt. Um das da nachzutragen, werde ich mich nun endlich mit der Ergänzungstechnik auf Wikipedia vertraut machen!
3 Minuten später: Schon geschehen. Die Käthe-Kruse-Wiki-Seite ohne ihre Autobiographie ist history!
# | Luise F. Pusch am 18.06.2006 um 12:14 PM •
mannhaft •
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20.05.2006
In diesem Monat wird allenthalben des 150. Geburtstages von Sigmund Freud am 6. Mai gedacht. So wollen denn auch wir nicht zurückstehen und an zwei besonders merk-würdige Freudsche Fehlleistungen erinnern. Folgende Erkenntnis überkam den Jahrhundertdenker im Jahre 1933:
Man meint, daß die Frauen zu den Entdeckungen und Erfindungen wenig Beiträge geleistet haben, aber vielleicht haben sie doch eine Technik erfunden, die des Flechtens und Webens. Wenn dem so ist, so wäre man versucht, das unbewußte Motiv dieser Leistung zu erraten. Die Natur selbst hätte das Vorbild für diese Nachahmung gegeben, indem sie mit der Geschlechtsreife die Genitalbehaarung wachsen ließ, die das Genitale verhüllt. Der Schritt, der dann noch zu tun war, bestand darin, die Fasern aneinander haften zu machen, die am Körper in der Haut staken und nur miteinander verfilzt waren.
(aus “Die Weiblichkeit”, zitiert nach Freud-Studienausgabe Bd. 1: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse und Neue Folge. Frankfurt/M. Fischer, 3. Aufl. 1978, S. 562)
Damit nicht genug, mußte er auch noch folgende Altersweisheit zum besten geben (ebd., S. 565):
Vergessen Sie aber nicht, daß wir das Weib nur insofern beschrieben haben, als sein Wesen durch seine Sexualfunktion bestimmt wird. Dieser Einfluß geht freilich sehr weit, aber wir behalten im Auge, daß die einzelne Frau auch sonst ein menschliches Wesen sein mag.
Das ist doch sehr beruhigend! - Den Hinweis auf diese Schwachstellen verdanke ich Sibylle Duda.
# | Luise F. Pusch am 20.05.2006 um 10:21 PM •
mannhaft •
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19.05.2006
In der Mai-Nummer des Magazins der Deutschen Bahn, genannt mobil, erfahren wir auf S. 33, daß Berliner Männer sind und eine kleine Frau haben: großbusig, barbusig und geschmückt mit einer langen blonden Mähne. Die Frau des Berliners ist noch kleiner als seine beiden Kinder. Klicken Sie auf das Bild, dann erscheint der Berliner à la DB in seiner ganzen Schönheit, inklusive Winzfrauchen auf dem Arm.
Der Begleittext verrät auch keinerlei Einsicht darüber, daß “die Berliner” zu 52 Prozent weiblich sind (jedenfalls sagt mann uns das doch immer, wenn wir verlangen, daß die Doppelform “Berlinerinnen und Berliner” benutzt werden soll). “Der Berliner”, wie die Deutsche Bahn ihn sieht, wird den Bahnreisenden nähergebracht auf “Kanal 4 - Literatur im Zug”. An Literaturschaffenden fanden die Bahn, der Hörverlag und die Kulturwelle des Hessischen Rundfunks, die für das Programm verantwortlich sind, ebenfalls nur Männer. Ihre Namen will ich hier nicht nennen, dies ist ja kein Reklame-Blog für Männer.
15.05.2006
Hier werden Fundstücke des alltäglichen Sexismus zu einer ständigen Ausstellung versammelt. Bedienen Sie sich mit Beispielen und Argumentationshilfen, für den Deutschunterricht, Sozialkundeunterricht, usw. Auch für die ständige Auseinandersetzung mit ahnungslosen Freundinnen und verstockten Männern, die uns mit ihrem “Habt euch doch nicht so!” nerven.
# | Luise F. Pusch am 15.05.2006 um 11:59 AM •
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07.05.2006
Heute war Anatol Gotfryd zu Gast in der schönen Sendereihe Zwischentöne des Deutschlandfunks (sonntags 13:30-15 Uhr). Gotfryd hat im letzten Herbst seine Erinnerungen veröffentlicht unter dem Titel Der Himmel in den Pfützen. Ein Leben zwischen Galizien und dem Kurfürstendamm. Leider habe ich sie noch nicht gelesen. Nach dem, was ich in dem Interview über den Autor erfahren habe, muß es ein sehr lesenswertes Buch sein. Gotfryd, ca. Jahrgang 1930, wurde als Kind zusammen mit seiner Mutter in einen Viehwaggon gestopft, Richtung Auschwitz. Nachdem viele schon erstickt waren, gelang es einem Ingenieur, die Luftluke zu öffnen und Anatol aus dem fahrenden Zug zu werfen und so zu befreien. Anatol landete in einem Tümpel, konnte sich herausarbeiten und irrte dann bis Kriegsende durch Polen. Er erlebte viel Gemeinheit, aber auch viel Hilfsbereitschaft.
Der Interviewer, Joachim Scholl, fragte Gotfryd, der am Kurfürstendamm mit seiner Frau eine Zahnarztpraxis hatte, auch nach seiner Meinung zum Holocaust-Denkmal.
Darauf Gotfryd: “Wenn man das selbst erlebt hat und diesen Stelenwald da sieht, frage ich mich oft, wo ist die Frau, der man ins Gesicht geschlagen hat, wo ist der Verlust ihrer Würde oder sowas? Diese Denkmäler sind für mich so, als ob Gefühle irgendwie im rechten Winkel abgebildet werden, also damit kann ich verdammt wenig anfangen. Ich finde es toll, daß man im Zentrum der Hauptstadt ein Areal zur Verfügung gestellt hat als Art von Denkmal für das, was sich ereignet hat, aber ich hätte das nicht formal noch ausgeschmückt. Also es würde vollkommen reichen, wenn da kniehoch Gras wachsen würde, und man wüßte, weswegen.”
Joachim Scholl: “Das sagt auch ein Kunstkenner, Anatol Gotfryd - ein Kommentar in diese Richtung.”
Es war aber nicht nur ein Kommentar des Kunstkenners Anatol Gotfryd “in Richtung Kunst”, sondern auch der Kommentar eines Mannes, der schon mal über Gewalt gegen Frauen nachgedacht hat.
# | Luise F. Pusch am 07.05.2006 um 07:16 PM •
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05.09.2002
Der 11. September und das Definitionsmonopol
Kaum hatte George W. Bush im fernen Florida, wo er gerade einen Besuch in einer Schulklasse machte, von den Anschlägen auf die Türme des World Trade Center und auf das Pentagon gehört, da wußte er nach eigenem Bekunden, daß Amerika sich im Krieg befand und mit geballter Kraft zurückschlagen müßte und würde. Nur – gegen wen?? Den Schuldigen hatte er auch schon bald im Visier, ohne eine nähere Untersuchung der Umstände: Osama Bin Laden und sein Al-Qaeda-Netzwerk. Und Osama wollte er in die Hände kriegen, “tot oder lebendig”, wie einst im Wilden Westen.
Beim nächsten Anschlag war die Bush-Administration sich nicht mehr so sicher. Die auf dem Postwege strategisch an die Machtzentralen von Politik und Medien verschickten Milzbrand-Erreger, die knapp drei Wochen nach dem 11. September eine neue Panik auslösten, wurden nicht sogleich Osama bin Laden zur Last gelegt. Zu peinlich war die Erinnerung an den Bombenanschlag in Oklahoma City, der sich, nachdem zuerst arabische Terroristen verdächtigt worden waren, als “hausgemacht” erwies.
Die Terror-Anschläge der 90er Jahre lösten keinen “Krieg gegen den Terror” aus – die Nation lebte damals auch noch in vergleichsweise friedlich-vernünftigen Clinton-Zeiten, deren auffälligste Erregungen sexueller und börsenfiebriger Art waren.
Der Anschlag auf die Twin Towers und das Pentagon forderte um 3000 Todesopfer, also etwa 17 mal so viele Opfer wie der “hausgemachte” Terror von Oklahoma City. Es wird vermutet, daß die Täter des 11. September von dem schrecklichen “Erfolg” ihres Anschlags selbst überrascht waren – mit anderen Worten, daß sie (wie übrigens auch die New Yorker Feuerwehr) nicht damit gerechnet hatten, daß die tragende Stahlkonstruktion der Türme schmelzen und alles unter sich begraben würde.
Bushs Definition der Lage als “Krieg” hat sich sofort durchgesetzt, wahrscheinlich weil die Nation und die Welt unter Schock standen und er der mächtigste Mann der Welt an der Spitze der mächtigsten Nation der Welt ist. Denn natürlich haben Definitionen mit Macht zu tun. In der Regel hat der Stärkere (das Maskulinum ist beabsichtigt) das Definitionsmonopol. Deswegen gelten Frauen zum Beispiel als humorlos, weil wir die Witze, die Männer über uns machen, nicht komisch finden.
Früher waren die Aufständischen in Tschetschenien für den Westen “Rebellen”, wenn nicht gar “Freiheitskämpfer”. Inzwischen wurden sie zu “Terroristen” degradiert, weil die Bush-Regierung Putins Beistand im Kampf gegen die Taliban brauchte und sich deshalb höflich seiner Definition anschloß. Putin und Bush haben jetzt ein gemeinsames Problem: Den Krieg gegen den Terror.
Aber befanden sich die USA wirklich in einem Krieg mit einem Gegner, der tückisch aus dem Hinterhalt operierte und das Territorium der USA ohne Kriegserklärung angegriffen hatte? Waren die Terroranschläge des 11. September nicht eher als als Verbrechen einzustufen?
Die Antwort auf die Frage geht die Verbündeten der USA ganz direkt an. Haben wir es mit einem Verbrechen zu tun, kümmern sich die für Kapitalverbrechen zuständigen US-Behörden um den Fall, wie etwa geschehen beim ersten Anschlag auf das World Trade Center im Jahre 1993. Wurden hingegen die USA von einem Gegner kriegerisch angegriffen, sind die Nato-Verbündeten zur Hilfeleistung verpflichtet und befinden sich ebenfalls im Krieg.
Während die islamische Welt, besonders Pakistan und Afghanistan, noch von einem Verbrechen ausgingen und Beweise forderten, bevor losgebombt würde, begann der “Krieg gegen den Terror” mit allen Konsequenzen, die eine Regierung, die sich im Krieg befindet, dem Volk abverlangen und von den Verbündeten erwarten kann. Justizminister Ashcroft schränkte sofort die Bürgerrechte ein; Verdächtige können jetzt ohne Verhandlung monatelang in Gewahrsam gehalten werden. Und verdächtig war so gut wie jeder arabisch aussehende Mann, verdächtig waren Menschen, die mit den Terrorpiloten Kontakt gehabt hatten, wie zufällig auch immer. Der Krieg in Afghanistan und die Sicherheitsmaßnahmen für die “Homeland Security” kosten Unsummen; für die Alters- und Gesundheitsversicherung der Bevölkerung bleibt wenig übrig.
Bundeskanzler Schröder versicherte die Bush-Regierung der “uneingeschränkten” Solidarität Deutschlands – welche Zusicherung über die Köpfe der Betroffenen hinweg nicht nur die Regisseurin Helke Sander verfassungswidrig fand. Inzwischen ist Schröder von bedingungsloser Gefolgschaft auch wieder so weit wie möglich abgerückt und erklärt, für “militärische Abenteuer” (Bushs geplanter Angriff gegen den Irak) sei er nicht zu haben.
Nach einem Jahr Krieg ist Osama Bin Laden noch immer nicht gefaßt, weder tot noch lebendig. Jetzt soll dafür Saddam Hussein dran glauben. Es wirkt fast wie eine Ersatzbefriedigung.
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Ich verbringe etwa die Hälfte des Jahres in den USA, und zwar in Boston, Massachusetts. Meine Amerikanisierung geht so weit, daß sich mir für den Notruf eher die – jetzt so unheimliche – Nummer 911 als die 110 eingeprägt hat, und ich hoffe, daß sich das nicht einmal fatal auswirkt.
In Boston verkehre ich fast ausschließlich in feministischen Universitätskreisen (ja, sowas gibt es da). Keine meiner amerikanischen Freundinnen (die paar Freunde sind herzlich mitgemeint) hat George W. Bush und die Republikaner gewählt. Die meisten schütteln sich in ohnmächtigem Zorn, in Scham und Ekel, wenn sie in den Nachrichten hören, was sich die Bush-Administration – auch in ihrem Namen – alles leistet, von der peinlichen und gefährlichen Schwarzweißmalerei seit “9-11” über die Verstrickung in die Bilanzfälschungsskandale, die Mißachtung des Internationalen Strafgerichtshofs und des UN-Umweltgipfels bis hin zu dem Plan, den Irak ohne UN-Mandat anzugreifen, sozusagen als erste Etappe im Kampf gegen die “Achse des Bösen” Nordkorea, Iran und Irak.
Mit Clintons Oral-Office-Geschichten hatten meine Freundinnen auch ihre Mühe, aber bei Bush hört für sie der Spaß auf. Einige politisch besonders Versierte finden ihn allerdings harmlos im Vergleich zu Cheney, den sie für die eigentliche Gefahr halten.
Das amerikanische Volk hat ja seinen obersten Kriegsherrn Bush gar nicht gewählt. Bush hat Gore, der die Stimmenmehrheit (die sog. “popular vote”) bekam, aufgrund eines in Europa kaum verständlichen Wahlsystems und unglaublicher Pannen mit veralteten Wahlmaschinen zwar um ein paar Stimmen überrundet, aber die ganze Geschichte riecht insgesamt weniger nach Pannen als vielmehr nach einem Schurkenstück. Ich konnte mich nie des Eindrucks erwehren, daß Bush an die Macht kam durch Betrug, Verrat und Intrigen – mit Hilfe des Bruders Jeb Bush, der in Florida an der Macht ist und viele Gore-Stimmen der schwarzen und der jüdischen Bevölkerung schon im Vorfeld auszuschalten verstand. Als das noch nicht reichte, half der von Vater Bush und Vorgänger Reagan schön rechtslastig besetzte oberste Gerichtshof und sprach ein Machtwort. Und Gore ließ die Nation, die ihn gewählt hatte, im Stich und riet ihr, sich dem Spruch des Obersten Gerichtshofes zu beugen, damit wieder Ruhe und Ordnung einkehre.
Bush machte als Präsident keine gute Figur – bis zum 11. September. Seitdem hat er seine “Mission Impossible” gefunden, und die geschockte Nation versammelt sich fahnenschwingend hinter ihm, wie es halt so geht in Krisenzeiten. Von der Opposition hören wir hier wenig, aber es gibt sie. Wenn Sie sich über das “andere Amerika” - FeministInnen und PazifistInnen - informieren wollen, besuchen Sie folgende Seiten im Internet:
http://www.unitedforpeace.org (hier werden die alternativen Gedenkveranstaltungen zum 11. September koordiniert)
http://www.feminist.org – immer eine nützliche Adresse!
http://www.wellesley.edu/WomensReview/printpet.html (der Artikel von Rosalind P. Petchesky ist das Beste, was ich bisher zum Thema 11. September gelesen habe)
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In Deutschland kämpfen wir auch gerade gegen die Folgen einer nationalen Katastrophe, die Hochwasserkatastrophe. Beispiellos war und ist die Hilfsbereitschaft und Einsatzfreude der Bevölkerung. “Der Feind” war sichtbar und die nächstliegende Aufgabe so einfach wie ermüdend: Sandsäcke füllen, schleppen, anhäufen und wieder abräumen.
Der Kanzler und die Koalition, vorher auf dem absteigenden Ast, ergriffen die Chance und sind im Aufwärtstrend.
Merke: Eine nationale Krise versammelt das verängstigte Volk hinter der Regierung. Es möchte unbedingt helfen – wo es keine Sandsäcke schleppen kann, läßt es sich leicht zu “patriotischen” Taten aller Art verführen, vom Fahnenschwingen bis zum Bombenwerfen.
Bush hat seine Chance klar erkannt. Nach seiner Definition befinden sich die USA in einem Krieg wie es noch keinen gab und dessen Ende nicht abzusehen ist.
Bush hat von seinem Vater gelernt. Der führte einen relativ kurzen Krieg in Absprache mit seinen Verbündeten, siegte und verlor die nächste Wahl.
Bush junior wird sich dies Schicksal ersparen wollen.
© 2002 Luise F. Pusch
29.03.2002
... Preises der Stadt Schorndorf an Terre des Femmes und ihre Gründerin Ingrid Staehle am 10. März 2002 in der Barbara-Künkelin-Halle in Schorndorf
Liebe Festversammlung, liebe Familie Abele, liebe Freundinnen und Freunde von Terre des Femmes,
Heute ist der 351. Geburtstag von Anna Barbara Künkelin. Da der nach ihr benannte Preis nur alle zwei Jahre vergeben wird, konnte voriges Jahr ihr runder 350. Geburtstag nicht mit der Preisverleihung gefeiert werden. Heute können wir das nachholen. Also: Happy birthday, Anna Barbara!! Wie klug war es auch von deiner Mutter, dich zwei Tage nach dem Internationalen Tag der Frau zu gebären, so daß das eine Frauenfest das andere bestätigt und verstärkt. Am Vorabend des 8. März eröffneten die preisgekrönten Frauen von Terre des Femmes ihre Ausstellung “Leben statt Krieg – Afghanische Mädchen zeichnen ihren Alltag” im Stuttgarter Rathaus. Heute nehmen sie hier den Barbara-Künkelin-Preis entgegen – publicitymäßig ein richtiger Double-Whammy, und damit ganz im Sinne von Terre des Femmes, deren zentrales Anliegen es ist, durch Öffentlichkeitsarbeit das Unrechtsbewußtsein gegenüber Gewalt und Diskriminierungen an Frauen zu schärfen.
Ich möchte meine Laudatio auf Terre des Femmes und ihre Gründerin Ingrid Staehle mit einer Anekdote beginnen. Es folgt dann eine feministisch-linguistische Betrachtung zum Untertitel von Terre des Femmes: “Menschenrechte für die Frau” und zu der ähnlich lautenden Forderung “Frauenrechte sind Menschenrechte”. Denn schließlich haben Sie sich ja eine Sprachwissenschaftlerin für die Laudatio eingeladen und sich vielleicht schon öfter gefragt, was es mit diesen merkwürdigen Formulierungen eigentlich auf sich hat.
Danach werde ich Terre des Femmes und ihre Gründerin Ingrid Staehle loben, indem ich einfach erzähle, was sie tun und getan haben – ihre Werke sprechen für sich selbst.
Und schließlich möchte ich auch noch die Geschichte von Barbara Künkelin und ihren Mitstreiterinnen erzählen und zeigen, daß Ingrid Staehle und Terre des Femmes sozusagen direkte Nachfahrinnen dieser großen Schorndorferinnen sind.
Nun also die Anekdote: Vor zwei Jahren interviewte ich die Journalistin Carola Stern zu ihrem bevorstehenden 75. Geburtstag. Carola Stern war in den Jahren davor besonders durch ihre Biographien berühmter Frauen bekannt geworden. In den 60er Jahren hat die engagierte Journalistin die deutsche Sektion von amnesty international mitgegründet.
Ich fragte sie also, diese beiden Tätigkeitsschwerpunkte miteinander verknüpfend: “Frau Stern, was halten Sie als Mitbegründerin von amnesty Deutschland von Organisationen wie Amnesty for Women oder Terre des Femmes neben Terre des Hommes?”
Sie reagierte schnell, lebhaft und sehr entschieden: “Davon halte ich überhaupt nichts. Das ist eine ganz unnötige, ja dumme und ärgerliche Zersplitterung!” Amnesty habe sich immer für Menschen eingesetzt, ohne Rücksicht auf das Geschlecht.
Ich wandte ein, es gebe aber doch, wie etwa die katastrophale Lage der Frauen unter den Taliban zeige oder die systematischen Vergewaltigungen im Balkankrieg, eine ganz spezifische, systematische Gewalt von Männern gegen Frauen, die auch spezifische Gegenmaßnahmen verlange.
Nein, dem konnte sie gar nicht zustimmen.
Umso mehr hat es mich erstaunt und erfreut zu hören, daß eine kleine Stadt in Württemberg, deren Namen ich bis vor kurzem nicht kannte, sich zu der tapferen Tat entschlossen hat, heute die Organisation Terre des Femmes und ihre Gründerin Ingrid Staehle mit dem Barbara-Künkelin-Preis zu ehren.
Warum “tapfer”?
Da sind vor allem zwei Gründe:
Einmal hat Terre des Femmes sich den Kampf gegen Greueltaten zum Ziel gesetzt, die so blutig, eklig und schrecklich sind, daß die meisten schon den Gedanken daran nicht aushalten können. Potentielle Sponsoren möchten zum Beispiel mit Genitalverstümmelung an Frauen auf keinen Fall assoziiert werden, nicht einmal im positiven Sinne durch Unterstützung des Kampfes gegen diese scheußlichen Verbrechen.
Zweitens ist es gängige Denkweise, eine Organisation, die sich “nur” um Frauen kümmert, wenn nicht wie Carola Stern für im Ansatz verfehlt, so doch für überflüssig zu halten. Es sind dieselben Argumente, die gegen die Quote angeführt werden, gegen die affirmative action in den USA, kurz gegen alles, was der Tatsache Rechnung tragen will, daß wir hier noch mitten im Patriarchat leben, wo alle Machtzentren fest in Männerhand sind und Männer gegen Frauen und Mädchen täglich unfaßbar grausame Verbrechen begehen.
Menschenrechtsorganisationen setzen sich für die Grundrechte von Menschen ein, für die Menschenrechte. Daneben noch spezielle Frauenrechte einzuklagen, halten viele Menschen, vielleicht die meisten Menschen, für ein Zeichen von Denkschwäche. Denn die Frauen sind doch in dem Begriff “Menschen” auf alle Fälle schon erfaßt.
“Menschenrechte für die Frau” – so der Untertitel von Terre des Femmes – diese Forderung ist doch tautologisch, etwa so absurd wie “Hundefutter für die Hündin” oder “Katzenstreu für den Kater”. Meine Schwester schenkte mir vor Jahren ein Glas “Senf für Frauen” – wir lachen heute noch über diesen Gag!
Ich habe ziemlich lange nachdenken müssen, um herauszubekommen, wie in dieser alten Streitfrage zu entscheiden ist. Haben Leute wie Carola Stern recht – oder Leute wie Ingrid Staehle, die den Namen “Terre des Femmes” mit dem Untertitel “Menschenrechte für die Frau” geprägt hat?
Der Begriff “Menschenrechte” geht zurück auf die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 und die Déclaration des droits de l’homme et du citoyen der französischen Revolution, die dreizehn Jahre später ihren Anfang nahm. In beiden Dokumenten, auf die sich die Idee der Menschenrechte stützt, war nicht daran gedacht, Frauen ebenfalls zu den Menschen zu zählen. Die Brüder redeten von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – und meinten es auch genau so.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, genehmigt und verkündet von der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948, die ich mir etwa als heute verbindliches, aktuelles Dokument von der Webseite von amnesty international herunterladen kann, verkündet in Artikel eins: “Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.”
Kommentar überflüssig!
Olympe de Gouges verfaßte angesichts des Widerspruchs zwischen den vollmundigen Erklärungen der Brüder und der tatsächlichen Situation der Frau die Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne, ein kühnes feministisches Manifest, in dem sie nicht von Menschen spricht, sondern von Frauen und Männern und betont, daß die Frauen die gleichen Rechte wie die Männer haben. Dafür haben die ersten Menschenrechtler sie aufs Schafott geschickt.
Der Begriff der heute so hochgehaltenen Menschenrechte ist also an der Wurzel verfault und unglaubwürdig durch den Ausschluß der Hälfte der Menschheit bei seiner Entstehung und durch die anhaltende Weigerung, eben diese Menschenrechte ohne Abstriche auch den Frauen zuzugestehen. Daß zu den Menschen auch nicht die schwarzen SklavInnen Amerikas gezählt wurden, genau so wenig wie die unterjochte, zur Ausrottung bestimmte indianische Urbevölkerung, macht die “Menschenrechte” auch nicht überzeugender.
Die Sitte, der Frau das Menschsein abzusprechen, hat bekanntlich altehrwürdige Tradition und ist schon in der Bibel verankert, wo es in den Zehn Geboten heißt: “Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib”. Wir dürfen getrost davon ausgehen, daß hier nicht an Lesben gedacht wurde, die die Frau des Nachbarn nicht begehren sollen. Das “du” der Zehn Gebote richtet sich an Männer, wir Frauen sind gar nicht gemeint. Wir gehören nämlich – auf einer Stufe mit Haus, Acker, Vieh und allem was sein ist – zum Besitz des “Menschen”.
Aus dieser schon im Ansatz fatal verfehlten Erklärung der Menschenrechte folgen nun alle weiteren Aporien.
Was machen wir z.B. wenn es zu den Menschenrechten gehört, daß des Menschen Ehre nicht angegriffen werden darf, und die Frau durch Fremdgehen die Ehre des Menschen beschmutzt hat? (Artikel 12 der Menschenrechtserklärung von 1948: “Niemand darf …Angriffen auf seine Ehre und seinen Ruf ausgesetzt werden.”)
Was machen wir, wenn der Mensch ein Recht auf Bildung hat – aber Bildung teuer ist? Ist es da nicht ganz selbstverständlich, daß nur die vollgültigen Menschen in den Genuß der Bildung kommen können, die weniger wertvollen aber häufig leer ausgehen müssen?
Was machen wir, wenn der Mensch ein recht auf freie Meinungsäußerung hat und er seine Meinung über Frauen in Form von Gewaltpornos im Internet verbreitet?
Was ich mit all dem sagen will, ist: Die scheinbar unsinnigen Formeln “Menschenrechte für die Frau” und “Frauenrechte sind Menschenrechte” sind die einzig angemessene sprachliche Reaktion auf einen männlichen Denkfehler, der zum Dogma wurde – auf die in alle Kulturen mehr oder weniger tief eingegrabene, schwer ausrottbare Überzeugung der Männer, daß Frauen entweder überhaupt nicht zu den Menschen zählen (sondern zum Besitz des Mannes) oder daß sie Menschen zweiter Klasse sind.
In der Tat ist es so, daß in den meisten europäischen Sprachen die Wörter für Mann und Mensch identisch sind: Im Französischen homme, im Englischen man, im Italienischen uomo, im Spanischen hombre, undsoweiter. Mir ist hingegen keine Sprache bekannt, in der die Bezeichnung für “Mensch” mit der Bezeichnung für “Frau” übereinstimmt.
Sie kennen vielleicht den Witz von den beiden Schneidern, die am selben Platz wohnten. Der eine hängte ein Schild auf: “Hier wohnt der beste Schneider der Welt.” Der andere Schneider hängte auch ein Schild auf: “Hier wohnt der beste Schneider am Platze.”
Der Kleine hat den Gernegroß mit einem Satz entlarvt.
Eine ähnliche Glanzleistung war der Spruch “Wir sind das Volk”, mit dem die angeblichen Vertreter ebendieses Volkes schließlich in die Knie gezwungen wurden.
Sie erkennen das Muster: Der eine bläht sich auf mit einem universellen (An)Spruch: “Wir kämpfen für Menschenrechte!” Die andere kontert bescheiden: “Und wir für Frauenrechte!” – und untergräbt damit den universellen Anspruch des anderen, entlarvt ihn als hohl.
Kein Wunder, daß Carola Stern nicht begeistert war.
Terre des Femmes und ihre Gründerin, Ingrid Staehle
Angesichts der Berührungsängste potenter Sponsoren sind wir Frauen beim Kampf um Frauenrechte im wesentlichen auf uns selbst angewiesen, auf unsere eigenen Ressourcen. Reich sind wir an Idealismus und Einsatzfreude, doch arm an Geld (umso willkommener ist daher der Künkelin-Preis). Terre des Femmes finanziert sich überwiegend aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden. Besonders die Mitgliedsbeiträge bringen erkleckliche Summen, denn Terre des Femmes ist seit 1991 von 100 auf jetzt rund 2500 Mitglieder angewachsen. Ja Terre des Femmes ist einer der wenigen Verbände in Deutschland, die noch wachsen – und dabei engagieren sich sogar besonders die jungen Frauen! Auch Männer können Mitglied werden. Ich richte daher einen dringenden Appell an alle Anwesenden: Werden Sie hier und heute Mitglied von Terre des Femmes – etwas Besseres können Sie mit Ihrer Zeit, ihrem Geld und ihren sonstigen Ressourcen kaum anstellen. Seit der Frauenkonferenz in Peking 1995 spricht es sich mehr und mehr herum: Frauen fördern hilft allen, Männer fördern hilft dagegen oft nicht einmal den Männern.
Terre des Femmes ist eine moderne Organisation, die ihr Ziel, das Thema Gewalt gegen Frauen allgemein und überall bewußt zu machen, mit modernen, professionellen Mitteln verfolgt. In der 1990 eingerichteten Bundesgeschäftsstelle in Tübingen arbeiten derzeit dort 13 Frauen – Praktikantinnen und Ehrenamtliche nicht mitgerechnet. Auf Medienanfragen kann sofort reagiert werden. Professionelle Öffentlichkeitsarbeit ist das Herzstück der Arbeit von Terre des Femmes. Auch hierin zeigt sich die Modernität des Verbandes. Die enorme Hebelwirkung der öffentlichen Meinungsbildung wird gezielt und gekonnt eingesetzt.
Es bedurfte beispielsweise jahrelanger massiver Bearbeitung des öffentlichen Bewußtseins, bis 1993 Sexualverbrechen an Kindern, die deutsche Männer im Ausland verüben, und 1997 Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland strafbar wurden.
Ulrike Mann, die Vorstandsvorsitzende von Terre des Femmes teilt mit: “Nach Angaben der Vereinten Nationen werden schätzungsweise vier Millionen Frauen und Mädchen pro Jahr verkauft – als Ehefrauen, Prostituierte oder Sklavinnen. Bis zu 5.000 junge Frauen fallen jährlich sogenannten Ehrenmorden zum Opfer. 78.000 Frauen sterben auf grund unsachgemäß durchgeführter Schwangerschaftsabbrüche. ... Dabei umfaßt das bloße Zusammenzählen der Gewaltakte noch lange nicht die Atmosphäre des Schreckens und der Angst, der lebenslangen Einschränkungen, der nicht gelebten Träume und Möglichkeiten.
Terror hat im allgemeinen genau dies Ziel: die Terrorisierten zu ängstigen und damit in Schach zu halten. Jedes Terrorregime greift sich willkürlich einige Opfer heraus, demonstriert, welche Gefahren bei Aufmüpfigkeit drohen, und die Bevölkerung kuscht. Die feministische Analyse hat längst erkannt, daß der Terror von Männern gegen Frauen einfach dem Machterhalt dient, Punkt.
In der Tübinger Geschäftstelle arbeiten außer der Geschäftsführerin Christa Stolle auch Gritt Richter, die Referentin für Genitalverstümmelung und Sabine Hensel als Referentin für Frauenrechte in islamischen Gesellschaften. Die Stelle der Referentin für Frauenhandel ist zur zeit nicht besetzt. Ute Kreckel ist die Referentin für Eilaktionen. Eine der aktuellen Eilaktionen betrifft folgenden Fall:
Safya Husseini Tungar-Tudu, eine junge Nigerianerin, wurde zum Tode verurteilt, weil sie ein uneheliches Kind bekam.
In Nigeria gilt das als schweres Vergehen gegen das islamische fundamentalistische Recht. Wenn nicht starker internationaler Druck ausgeübt wird, wird man in etwa einem Monat Safya in einen Graben stellen, dann bis zur Mitte eingraben und sie schließlich von den Einwohnern ihres Dorfes zu Tode steinigen lassen.
Zur Zeit ist sie in ihrem Haus eingesperrt, wo sie ihr Kind stillt. Der Vater des Kindes wurde aus Mangel an Beweisen freigesprochen.
Im vergangenen Jahr feierte Terre des Femmes ihr 20jähriges Bestehen mit einem Kongreß in Berlin unter dem Motto “Widerstand ist ein Geheimnis des Glücks”. Ich verstehe dieses schöne Motto als Aufforderung an uns alle, angesichts der Übermacht des Bösen in der Welt schon aus psychohygienischen Gründen nicht zu resignieren – wobei ich unter “das Böse” durchaus etwas völlig anderes verstehe als George W. Bush. Das Böse liegt in der ungerechten Verteilung der Ressourcen und der Macht. 99 Prozent der Ressourcen und der Macht auf unserem Planeten sind in der Hand von Männern.
Darüber könnte frau total resignieren. Was können wir schon ausrichten gegen solche Übermacht? Der Versuch aber, etwas auszurichten, würde sich auch dann lohnen, wenn das Scheitern von vornherein feststünde (was in der Regel nicht der Fall ist). Denn “Widerstand ist ein Geheimnis des Glücks”. Wer nicht resigniert, sondern sich aufrafft und Widerstand leistet, fühlt sich schon dadurch besser, lebendiger. Widerständige können sich im Widerstand verbünden mit anderen – es gibt kaum eine wirkungsvollere Depressionsbremse.
Dies hat Ingrid Staehle, die Gründerin von Terre des Femmes früh erkannt und in die Tat umgesetzt. Der Impuls kam von einem Buch, nämlich Benoîte Groults Ainsi soit-elle, auf Deutsch Ödipus’ Schwester, aus dem Jahr 1975. Die französische Feministin und spätere Bestseller-Autorin Groult war eine der ersten, die die Greuel der Genitalverstümmelung kleiner Mädchen in Afrika und manchen islamischen Ländern öffentlich machte. Ingrid Staehle sagt, daß die Erkenntnis, daß es so etwas gibt, sie zutiefst erschüttert hat – “das war wie ein Schnitt ins eigene Fleisch”. Das kann wohl jede Frau verstehen, die erfährt, was sonst geheimgehalten wird, auch von den Opfern selbst aus Scham, oder verharmlost wird mit der völlig irreführenden Bezeichnung “Beschneidung”.
Ich zitiere Fran Hosken nach Mary Daly: “Ausschneidung und Infibulation: Hier wird die gesamte Klitoris, die kleinen Schamlippen und Teile der großen Schamlippen entfernt. Beide Seiten der Scheide werden dann irgendwie zusammengefügt, entweder durch Dornen oder ... zusammengenäht. Oder die Schamlippen werden bis zum rohen Fleisch abgeschabt und die Beine des Kindes auf die Dauer von mehreren Wochen zusammengebunden, bis die Wunde heilt (oder das Mädchen stirbt). Der Zweck ist, die Scheidenöffnung zu verschließen. Nur eine kleine Öffnung wird gelassen (im allgemeinen wird ein Stück Holz eingeführt), damit der Urin oder später das Menstruationsblut austreten kann.” Mary Daly ergänzt: “Frauen, die infibuliert sind, müssen aufgeschnitten werden, entweder vom Ehemann oder einer anderen Frau – damit der Geschlechtsverkehr möglich ist. Sie müssen bei der Geburt eines Kindes weiter aufgeschnitten werden. Häufig werden sie nach der Entbindung wieder zusammengenäht, das hängt von der Entscheidung des Ehemannes ab ...”
Undsoweiter, es ist wirklich nicht zu ertragen. Schon das Darüber-Reden nicht ... Zwei Millionen Mädchen werden in Afrika jährlich an den Genitalien verstümmelt.
Ich verstehe Ingrid Staehle sehr gut, daß diese Lektüre sie nicht mehr ruhen ließ und zum Handeln trieb. Ich las 1978, drei Jahre später, Mary Dalys Klassikerin Gyn/Ökologie, das ein fünfteiliges Kapitel über die weltweite systematische Folterung von Frauen in Geschichte und Gegenwart enthält. U.a. geht es da um die Genitalverstümmelung in Afrika, um Witwenverbrennung und Mitgiftmorde in Indien, Fußverkrüppelung in China, den Hexenwahn in Europa und Gynäkologie in den USA. Die Lektüre hat mich so aufgewühlt und radikalisiert, daß es bis heute ausgereicht hat, mich im permanenten Widerstand zu halten. Auch Dr. Herta Haas, Gründungsfrau und ältestes Mitglied bei Terre des Femmes, berichtet, daß es die Genitalverstümmelung war, die sie in den Widerstand trieb. Sie ist wahrscheinlich die bedeutendste Expertin zu diesem Thema, hat auch ein Buch darüber geschrieben, das dann nicht gedruckt wurde, weil die Leitung des Verlags wechselte. Es müßte endlich auf den heutigen Stand gebracht und veröffentlicht werden.
1981 gründete Ingrid Staehle in ihrem Wohnzimmer in Hamburg Terre des Femmes mit etwa zehn anderen Frauen, darunter auch Herta Haas. In den ersten Jahren hatte die Organisation zwei Schwerpunkte: Konkrete Hilfe für islamische Frauen, denen ein sogenannter “Ehrenmord” drohte und Aufklärung in Deutschland und Afrika über Genitalverstümmelung.
Für die von Mord bedrohten Frauen galt es, die Genfer Flüchtlingskonvention so umformulieren zu lassen, daß nicht nur Verfolgung aufgrund der Rasse, der Religion oder der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe einen Schutzgrund darstellt, sondern auch Verfolgung aufgrund des (weiblichen) Geschlechts. Bis dahin waren Frauen als Flüchtlinge nur schutzwürdig insofern ihnen Gefahren drohten, die auch Männern drohen. Die große Gefahr, die Männer für Frauen darstellen, blieb den Menschenrechtlern ohne weibliche Nachhilfe verborgen. Für die Hamburger Gruppe war es sehr motivierend, eine gesetzliche Regelung zu erwirken, die vielen helfen würde.
Unerwartete Schwierigkeiten gab es dann aber bei der Aufklärung über Genitalverstümmelung. Ich zitiere Ingrid Staehles Überlegungen zu dem bis heute schmerzlichen Konflikt, den die afroamerikanische Dichterin Alice Walker in folgendes verstörende Bild faßte, das sie ihrem Roman über Genitalverstümmelung als Motto voranstellte:
“Als die Axt in den Wald kam, sagten die Bäume: Aber der Stiel der Axt stammt von uns!”
Ingrid Stahle schreibt: “Die Solidarität war [den Betroffenen] oft nur willkommen, solange es um die persönlichen Tragödien bei der Beschneidung, den Mitgift-Morden in Indien oder den ‘Morden aus Familienehre’ im Islam ging. Ging es dagegen im eigentlich politischen Sinn um die Unterdrückung der Frau, dann wurde gern die koloniale Kultur allein verantwortlich gemacht. Die Diskriminierung von Frauen in der eigenen Religion und ihren Bräuchen wurde kaum als solche gesehen. Immer wieder bekamen wir zu hören: Wir haben eine eigene kulturelle Tradition, euer Menschenrechtsansatz greift da nicht. Dieser Grundkonflikt hat ja auch die großen Frauenkonferenzen der UNO von Mexiko (1975) über Nairobi (1985) bis Peking (1995) beherrscht.”
Nachdem Sie nun einiges über die Geschichte und derzeitigen Aktivitäten von Terre des Femmes gehört haben, sind Sie sicher noch neugierig auf die Geschichte und derzeitigen Aktivitäten ihrer Gründerin:
Ingrid Staehle wurde 1945 in Calw geboren, besuchte die Schule in Esslingen und studierte in Tübingen und Hamburg Philosophie, Geschichte und Politische Wissenschaften. Dort mögen wir uns sogar in den Philosophie-Seminaren Carl-Friedrich von Weizsäckers begegnet sein, ohne uns kennenzulernen ... 1969 ging Ingrid Staehle in die französische Schweiz nach Fribourg zu den Dominikanern, die dort bekanntlich auch aus Mary Daly eine Radikalfeministin erster Güte mit einer seltsamen Vorliebe für Thomas von Aquin machten ...
In den siebziger Jahren kehrte Ingrid Staehle mit einer sozialphilosophischen Dissertation über John Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit nach Hamburg zurück und arbeitet seither als Journalistin bei der Deutschen Presseagentur, zunächst im Ressort Internationale Politik, später im Bereich Modernes Leben/Kultur. Dabei – ich zitiere aus ihrem Lebenslauf – “der ständige Balance-Akt ... zwischen professioneller, mediengerechter Aufarbeitung der Aktualität und substantiellem Anspruch beim Schreiben über selbstgewählte Sujets aus dem Kulturleben, Zeitgeschichte, Psychologie und Philosophie. Als Thema dabei immer wieder auch der – damals im katholischen Fribourg wie unter Feministinnen gleichermaßen geächtete – Friedrich Nietzsche.”
Wie Nietzsche liebt Ingrid Staehle das Gebirge und Sils-Maria. “Ansonsten” – ich zitiere weiter – “wird in der nordischen Exil-Heimat tüchtig Rad gefahren, sommers in allen erreichbaren Seen geschwommen, winters gelesen und Musik gehört und im Übrigen herzhaft gelebt.”
Eben: Widerstand ist ein Geheimnis des Glücks!
Ein weiteres Beispiel für die Wahrheit dieses Satzes ist Barbara Künkelin.
Die Geschichte der bekanntesten Persönlichkeit dieser Stadt, die dieser Stadthalle den Namen gab und auch dem Preis, der heute hier verliehen wird, kennen sicher die meisten von Ihnen. Einige der angereisten Gäste aber werden sie doch noch nicht kennen, und für die will ich sie noch einmal kurz erzählen. Sie ist ja auch so schön, daß sie nicht oft genug erzählt werden kann.
Anna Barbara Künkelin war die Frau des Bürgermeisters der Stadt Schorndorf. Geboren kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg im Jahre 1651, war sie zur Zeit ihrer Heldinnentat 37 Jahre alt. Im Herbst des Jahres hatte Ludwig XIV. von Frankreich den Pfälzischen Erbfolgekrieg vom Zaun gebrochen. Unter dem Vorwand, Erbrechte seiner Schwägerin Liselotte von der Pfalz zu sichern, überzog er die rheinische Pfalz mit einem Eroberungskrieg und hatte dabei auch Appetit auf Württemberg bekommen. Anfang Dezember 1688 hatte sich fast ganz Württemberg bereits kampflos ergeben, nur Schorndorf, Neuffen und der Hohentwiel hielten sich noch. Der Kommandant von Schorndorf widersetzte sich den Franzosen, da wandten diese sich unter Drohungen an die Regierung in Stuttgart und erreichten, daß ein Gesandter losgeschickt wurde, der den Schorndorfern die kampflose Kapitulation befehlen sollte, sonst drohe von den Franzosen Böses. Der Kommandant widersetzte sich wieder, da wandten sich die Abgesandten aus Stuttgart an den Rat der Stadt, der alsbald die Kapitulation beschloß, um schlimmeren Schaden abzuwenden. Als das die Frau des Bürgermeisters hörte, eben Barbara Künkelin (damals hieß sie noch Walch), faßte sie den Plan, die Kapitulation nicht zuzulassen. Sie rief die Frauen der Stadt zusammen, und mit “Waffen” als da sind Kochlöffel, Mistgabeln, langstielige Hacken und dergleichen, marschierte frau zum Rathaus. Dort sollen sie die versammelten Ratsmänner zur Rede gestellt und sie mit “Waffengewalt” gezwungen haben, nicht für die Übergabe der Stadt zu stimmen. Barbara soll ihrem eigenen Mann, dem Herrn Bürgermeister, sogar gedroht haben, ihn als Verräter eigenhändig umzubringen, wenn er für die Übergabe stimmte.
Wichtig ist dabei zu wissen, daß das Weibervolk der Regierung in Stuttgart nicht durch Amtseide oder Treuegelöbnisse verpflichtet war wie die Männer. Sie waren eben auch damals Menschen zweiter Klasse, besaßen gewissermaßen Närrinnenfreiheit und konnten also den Männern die Ausrede verschaffen, daß sie nur “gezwungenermaßen” dem Regierungsbefehl nicht gehorchten. Offenbar war der Mut der Weiber von Schorndorf ansteckend, es ermannten sich nun auch die Männer, leisteten Widerstand und hielten dem Feind stand, bis endlich die Entsatztruppen die Stadt erreichten.
So soll Württemberg es letztlich dem Mut der Weiber von Schorndorf mit Barbara Künkelin an der Spitze verdanken, daß ihm das schreckliche Schicksal der Pfalz erspart blieb – das übrigens die Pfälzerin Liselotte ihrem habgierigen Schwager Ludwig XIV. ihr ganzes langes Leben lang nicht verzieh. Wir sollten nachher unser Glas auch auf sie erheben, denn dies Jahr ist ihr 350. Geburtstag.
Ist da nicht eine schöne Parallele zu sehen? Es gibt eine Initiatorin, die die Ungerechtigkeit nicht mehr ertragen kann und etwas dagegen unternehmen will – Barbara Künkelin damals und Ingrid Staehle heute. Und es gibt Scharen von Frauen, die den Impuls aufgreifen und hinaustragen und daraus eine erfolgreiche, mitreißende, unwiderstehliche Bewegung gegen die Ungerechtigkeit machen – die Weiber von Schorndorf damals und Terre des Femmes heute.
© Luise F. Pusch, März 2002
Literatur:
Daly, Mary. 1981 [1978]. Gyn/ökologie: Eine Meta-Ethik des radikalen Feminismus [= Gyn/ecology: The meta-ethics of radical feminism]. Aus dem amerikanischen Englisch von Erika Wisselinck. München. Frauenoffensive.
Walker, Alice. 1993. Sie hüten das Geheimnis des Glücks [=Possessing The Secret of Joy]. Reinbek bei Hamburg. Rowohlt.
Widerstand ist ein Geheimnis des Glücks: 20 Jahre Terre des Femmes. Hg. von Terre des Femmes e.V., Konrad-Adenauer-Str. 40, D-72072 Tübingen (www.terre-des-femmes.de). Redaktion Christa Stolle, Sylvia Rizvi & Britta Hübener. Tübingen 2001.
© 2002 Luise F. Pusch
# | Luise F. Pusch am 29.03.2002 um 11:48 PM •
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