03.05.2009

Auf den Spuren Fontanes und Tucholskys im Ruppiner Land

Vom 24. bis 28. April verbrachten wir ein verlängertes Wochenende im Ruppiner Land und in Berlin. Freitag bis Sonntag wohnten wir in einem Hotel am Beetzer See in der Nähe von Kremmen. Kremmen erinnerte mich an Hohen Kremmen aus Fontanes “Effi Briest”, auch sah ich auf der Karte, dass es nicht weit von Fontanes Geburtsort Neuruppin entfernt liegt. Also packte ich eine handliche Auswahl von Fontanes “Wanderungen durch die Mark Brandenburg” ein. Darin fand ich folgende Ausführungen über Mathilde von Rohrs literarischen Salon:

So waren die Abende bei Fräulein von Rohr, deren ich … zahllose verlebte. Der Charakter war immer derselbe, immer sechs, acht Personen, immer Mustertee, immer “Götterspeise”, immer Dichtungen vor einem Publikum, das durch deren Vortrag grenzenlos gelangweilt wurde. Nur Fräulein von Rohr strahlte.

Nach diesem liebevollen Spott kommt aber des Dichters echte Begeisterung für das adelige “Fräulein” (sie ist 9 Jahre älter als er) zum Ausdruck:

Sie war … ein wahres Anekdotenbuch und eine brillante Erzählerin alter Geschichten aus Mark Brandenburg, besonders in Bezug auf adlige Familien aus Havelland, Prignitz und Ruppin. Den Stoff zu meinem kleinen Roman “Schach von Wuthenow” habe ich mit allen Details von ihr erhalten.
Die mit ihr … verplauderten Stunden zählen zu meinen glücklichsten.

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Auch Rheinsberg war ganz in der Nähe. Auf diesen geschichts- und literaturträchtigen Ort hatten wir uns mit Hilfe des gleichnamigen Films von Kurt Hoffmann aus den 60er Jahren einstimmen wollen, in den Hauptrollen Cornelia Froboess und Christian Wolff.

Der Film war so unsäglich, dass Joey vorzeitig entfloh. Ich entschuldigte mich: “Kurt Hoffmann hat sonst ganz nette Filme gemacht, er galt als einer der besten deutschen Lustspielregisseure, armes Deutschland. Naja - Lubitsch haben die Nazis eben aus dem Land geekelt.”

Ebenfalls aus dem Land geekelt, und in den Tod getrieben, haben sie Tucholsky. Sicher war doch seine Erzählung besser als der Film? Leider fast gar nicht, musste ich nachts im Hotel feststellen, als ich sie wegen Schlaflosigkeit komplett per Ipod hörte, schön gelesen von Helene Grass, aber das machte das angestrengt humorvolle Buch nicht besser. Es handelt von einem verliebten Pärchen aus Berlin, sie studiert Medizin, er arbeitet in einem Verlag oder bei einer Zeitung. Sie blödeln die ganze Zeit herum - nein, die Claire blödelt, und Wolf oder Wölfchen, wie sie ihn nennt, macht brav alle ihre Eskapaden mit, um sie baldmöglichst ins Bett zu kriegen. Kapriziös und kess sei sie, voller Übermut und Esprit, heißt es. Bei Wikipedia lese ich dazu: 

Mit “Rheinsberg – ein Bilderbuch für Verliebte” veröffentlichte Tucholsky 1912 eine Erzählung, in der er einen für die damalige Zeit ungewohnt frischen, verspielt-erotischen Ton anschlug.

Die frische Verspieltheit hört sich ungefähr so an:

»Wölfchen, eß man Suppens mitm Messer?«
»Wa –?«
»Na, ich hab mal einen gesehen, der hat mitm Messer geessen.«
»Suppe?«
»Neieinn ... « Aber da kam eine alte Dame an ihrem Tisch vorübergeschlurcht, schielte krumm und murmelte etwas von »unerhört« und »Person« und so.
»Wölfchen, die meint mir. Konnste ihr nicht gefordert gehabt habs? – Söh mal, ich bin doch ‘ne Feine, nich wahr? oder glaubsu, ich bin eine Prostitierte? Nei–n. Ich ja nich. Ich nich. Hä?«

Für eine heutige Leserin ist das alles unerträglich maniriert und verstaubt. Die “verspielte” Claire ist einfach eine alberne Turteltaube.

Und der junge Tucholsky, der dieses Zerrbild holder Weiblichkeit in die Welt gesetzt hat, nervt uns obendrein mit folgender Erkenntnis über den Zusammenhang zwischen Dichtung und Liebe:

Was war, von oben betrachtet, ein Liebender? – Ein Narr. Wenn sich ihm das geliebte Herz eröffnete, schwieg er, satt und zufrieden. Ganze Literaturen wären nicht, riegelten die Mädchen ihre Türen auf ... Ein Amoroso war zu befriedigen, gebt ihm das Weib, das er begehrt, und der tönende Mund schweigt.

Wir lernen nebenbei, dass “ganze Literaturen” nur von (brünftigen) Heteromännern produziert werden, denn es ist ja nicht anzunehmen, dass Tucho auch an Lesben gedacht hat, die sich frustriert in Literatur ergießen, wann immer “die Mädchen ihnen ihre Türen” nicht aufriegeln.

Da war der alte Fontane mit seinem Loblied auf Mathilde von Rohr schon ein gutes Stück weiter als Tucholsky. Wir ließen Rheinsberg links liegen und fuhren stattdessen nach Neuruppin…

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Unser Mietauto war am Berliner Hauptbahnhof wieder abzuliefern, und wir hatten große Mühe, den Eingang zur Tiefgarage zu finden. Die nervenzerrende Suche wurde aber gemildert durch die schönen Namen der Straßen, durch die wir kurvten: “Ella-Trebe-Straße, Rahel-Hirsch-Straße, Clara-Jaschke-Straße” las ich Joey begeistert vor, die davon im Verkehrsgetümmel durchaus nichts hören wollte.

Zu Hause studierten wir dann in Ruhe die Straßennamen der wundersamen Gegend um den Berliner Hauptbahnhof und konnten es nicht glauben: 
Adele Schreiber-Krieger-Straße
Alice-Berend-Straße
Berta Benz-Straße
Clara Jaschke-Straße
Claire-Waldoff-Promenade
Ella Trebe-Straße
Elisabeth-Abegg-Straße
Emma-Herwegh-Straße
Ingeborg-Drewitz-Allee
Käthe-Paulus-Straße
Margarete Steffin-Straße
Marie-Elisabeth-Lüders-Steg
Minna-Cauer-Straße
Rahel Hirsch-Straße

Die Geschichte und auch diese kleine Geschichte bewegt sich in Wellen. Erst der nette Fontane, dann abwärts mit Tucholsky, dann wieder aufwärts mit - dem Berliner Hauptbahnhof, wer hätte das gedacht.


# | Luise F. Pusch am 03.05.2009 um 04:27 PM • 2 Kommentare0 TrackbacksPermalink

19.04.2009

Der Mann als Sicherheitsrisiko, Teil 3

[Für die, die Teil 1 und 2 dieser Abhandlung nicht gelesen haben: Es geht - ausgelöst durch den Frauen- und Mädchenmord in Winnenden - um Antworten auf häufige Fragen und Vorwürfe in der Debatte um die epidemische Gewalt von Männern gegen Frauen, die immer brutaler wird. Wer oder was ist schuld? Was können wir tun?
Das sind natürlich Fragen gewaltigen Ausmaßes; ihre Erörterung bedarf vieler DenkerInnen und könnte Bände füllen. Dennoch brauchen wir für Argumentationszwecke oft schnell eine kurze, überzeugende Antwort. Dafür sind diese Vorschläge gedacht. (Zum schnellen Auffinden: Die Kurzfassung der Antworten ist jeweils fettgedruckt.)]

4. “Es gibt doch so viele Männer, die jede Gewalt ablehnen. Die stoßt Ihr mit eurer ungerechten, pauschalen Anklage nur vor den Kopf. Das Problem der Männergewalt können Frauen nur mit Männern gemeinsam lösen. Versöhnen statt spalten!”

Ein Plädoyer für mehr Ausgewogenheit!

Talkshows lieben Ausgewogenheit: Wird die evangelische Kirche eingeladen, so auch die katholische, gerne auch ein Jude, neuerdings immer öfter auch ein Muslim. Wird die CDU eingeladen, so auch Vertreter der anderen Parteien. Frauen? Fehlanzeige. Dass Frauen meist fehlen, von Ausgewogenheit also keine Rede sein kann, fällt den Organisatoren und den meisten ZuschauerInnen in unserer ausgewogenen Herrenkultur oft nicht einmal auf.

Dieser Punkt ist entscheidend für die zwei Ansichten unseres Problems. Die einen sehen da etwas, was für die anderen so normal ist, dass es ihnen nicht auffällt. Werden sie darauf hingewiesen, sagen sie gern: “Nun sei doch nicht so verbissen!” Oder: “Versöhnen statt spalten!”

Nicht so üblich ist es, wegen der Ausgewogenheit zusammen mit Schwulen auch Neonazis zur Talkshow einzuladen. Dass Schwule nicht mit Neonazis über ihr Existenzrecht diskutieren wollen, können wir ihnen kaum verdenken. Die Aufforderung “Versöhnen statt spalten!” ist hier unangebracht. Mit einem Gegner, der meine Vernichtung propagiert, gibt es keine Versöhnung.

Wir sehen, “Ausgewogenheit” gilt nur unter der Annahme eines übergeordneten verbindenden Wertekonsenses. Die Vertreter der Kirchen und Parteien, so hoffen wir, treten nicht nur alle tapfer für die Menschenrechte ein, sondern bestellen sich nach der Talkshow auch keine Zwangsprostituierte ins Hotel…

Diejenigen, die in der Debatte um die Männergewalt gegen Frauen für mehr Ausgewogenheit plädieren, sehen beide Parteien unter demselben Wertekonsens. Für sie sind die Täter immer “die anderen”, irgendwelche wildgewordenen Elemente, die gemeinsam in Schach gehalten werden müssen. Diejenigen, die die Diskussion aufkündigen bzw. ablehnen, sehen keine gemeinsame Basis mehr, sie denken z.B. eher an die täglich 1,2 Millionen Bordellbesuche “stinknormaler” deutscher Männer. Für sie sind zudem alle Männer, ob sie es wollen oder nicht, Teil des verantwortlichen Tätersystems. Ähnlich wie der gesamte Adel in der französischen Revolution als Unterdrücker angeklagt war, obwohl er für seine adlige Geburt nichts konnte und die einzelne Adlige vielleicht sogar zeitlebens segensreich gewirkt hatte.

Für beide Positionen gibt es gute Gründe, und ich denke, wir brauchen auch beide, um voranzukommen. Ein Politiker wie Obama braucht die zornige und kompromisslose Basis, um in der Rassenpolitik voranzukommen und wichtige Forderungen mit ihrer Rückendeckung durchsetzen zu können. Wäre Obama aber von vornherein zornig und kompromisslos, “spaltend statt versöhnlich” aufgetreten, wäre er nicht Präsident geworden. Auch Hillary Clinton hat während des Wahlkampfs selten über Frauenrechte geredet, um für Männer wählbar zu bleiben.

**********

Während der Nazizeit gab es nur im Ausland Konsens über die Naziverbrechen. In Nazideutschland wurden diejenigen, die die Verbrechen der Nazis als solche bezeichneten, geköpft.

Was nun die Männerherrschaft betrifft, so gibt es leider kein “Ausland”. Es gibt nur “inländische” Widerstandskämpferinnen, wenige - und noch viel weniger Widerstandskämpfer. Sie leben gefährlich. Daher ist die Forderung an Männer nach Widerstand gegen die Gewaltverbrechen ihrer Geschlechtsgenossen nicht einmal unter Frauen weit verbreitet.

Es stimmt - es gibt Männer, die jede Gewalt ablehnen. Dabei ist allerdings fraglich, ob sie einen “harmlosen Bordellbesuch” überhaupt als Gewalt einordnen. Und wenn sie angesichts der Klagen von Frauen beleidigt reagieren, haben sie noch nicht viel begriffen. Denn, wie die große Schweizer feministische Theoretikerin Iris von Roten schon 1958 (sinngemäß) feststellte: “Jeder Mann ist Mitglied des herrschenden Kollektivs - ob er will oder nicht.”

Mit anderen Worten: Es herrscht hier strukturelle Männergewalt, und sie wird von vielen Männern als Aufforderung gesehen, ihr Herrenrecht auszuüben, sei es zu Hause, im Bordell oder im Beruf.

Was ich von einem “gewaltfreien” Mann erwarte, ist aktives Engagement gegen Männergewalt, also Widerstand. Männer, die sich “nur” passiv verhalten oder gar auf Proteste der Frauen beleidigt reagieren, sind bestenfalls “Mitläufer”. Mit so einem würde ich zwar (ungern) auf einer Talkshow oder in meinem Blog reden, aber privat nur, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt.


# | Luise F. Pusch am 19.04.2009 um 04:41 PM • Permalink

11.04.2009

Der Mann als Sicherheitsrisiko, Teil 2

Für die, die den ersten Teil dieser Abhandlung nicht gelesen haben: Es geht - ausgelöst durch den Frauen- und Mädchenmord in Winnenden - um Antworten auf häufige Fragen und Vorwürfe in der Debatte um die epidemische Gewalt von Männern gegen Frauen, die immer brutaler wird. Wer oder was ist schuld? Was können wir tun?

Das sind natürlich Fragen gewaltigen Ausmaßes; ihre Erörterung bedarf vieler DenkerInnen und könnte Bände füllen. Dennoch brauchen wir für Argumentationszwecke oft schnell eine kurze, überzeugende Antwort. Dafür sind diese Vorschläge gedacht. (Zum schnellen Auffinden: Die Kurzfassung der Antworten ist jeweils fettgedruckt.)

3. “Wer erzieht denn die kleinen Sprößlinge, na? Wer verstümmelt denn den kleinen Mädchen die Genitalien? Frauen!”

Diese Fragen suggerieren, dass Frauen
a) den Weiblichkeits- und den Männlichkeitswahn wenn nicht gar selbst produzieren, so doch alleinverantwortlich an die nächste Generation vermitteln.
b) selbst schuld sind an der Genitalverstümmelung von Frauen (und ähnlichen Gräueltaten, wie den Mitgiftmorden und der Witwenverbrennung in Indien, der selektiven Abtreibung weiblicher Föten in China und Indien, (früher) dem Füßeeinbinden in China).

Einen Hinweis auf die Antwort finden wir in dem FAQ-File zur Pornographiedebatte: Einer der Vorwürfe lautete “Wenn die Pornodarstellerinnen nicht mitmachen würden, gäbe es das ganze Problem nicht.” Die Antwort darauf: “Es stimmt, manche Frauen verdienen ein wenig in der Pornoindustrie. Aber wir wollen doch nicht vergessen, dass der Profit in der Pornoindustrie überwiegend an die Produzenten und die Verteiler geht. Wenn wir unseren Ärger auf die Darstellerinnen lenken, ist das so, wie wenn wir die MindestlohnempfängerInnen bei McDonald für die Schäden verantwortlich machen, die die Fast-Food-Industrie verursacht.”

Hier half also die alte Frage “Cui bono?” (Wem nützt es? Wer profitiert davon?), um die eigentlich Schuldigen, die Drahtzieher hinter den Kulissen, zu identifizieren.

Nützt der Weiblichkeitswahn, wonach die Frau passiv ist und der Mann aktiv, die Frau für den “Innendienst”, die Pflege des Haushalts, des Mannes und der Kinder zuständig ist und der Mann für den “Außendienst”, den Broterwerb und den Schutz seiner Angehörigen bis hin zur Verteidigung mit der Waffe oder im Krieg - nützt diese Lehre den Frauen?

Wohl kaum, denn seit die Frauen überhaupt die Wahl haben, stimmen sie massenhaft dagegen: Sie wählen die Berufstätigkeit und lassen sich scheiden in einem bis vor kurzem ungekannten Ausmaß (zwei Drittel der Scheidungen werden von Frauen eingereicht), und sie bekommen umso weniger Kinder, je besser sie ausgebildet sind. Die Männer hingegen bleiben dem Männlichkeitswahn weitgehend verhaftet: Sie reißen sich keineswegs um Hausarbeit und Kindererziehung, und die Jungmänner markieren weiterhin den starken Mann und versuchen, ihre Probleme durch Gewalt zu lösen.

Die Geschlechterhierarchie und die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, kurz Weiblichkeits- und Männlichkeitswahn, nützen eher den Männern, und dementsprechend ist eher der Mann dafür verantwortlich.

Zugleich bin ich mit Margaret Mead (Sex and temperament in three primitive societies, 1935) und Simone de Beauvoir (Le deuxième sexe, 1949) davon überzeugt, dass wir nicht als Frauen und Männer geboren, sondern dazu gemacht werden. Nur: Wer oder was macht uns dazu?

Meads Antwort: Die Kultur, in der wir aufwachsen. Wir übernehmen ihre Regeln genau so “bewußtlos” wie die Sprache unserer Umgebung - und werden diese Prägung nicht mehr los. Frauen und Männer versuchen das zu werden, was ihre Kultur, die Gesellschaft, in der sie aufwachsen, von ihnen erwartet.

Was Mead über den Einfluss des Geschlechts auf das menschliche Verhalten herausfand, sagt sie am besten selbst:

Wir haben ... die jeweils typischen Männer und Frauen bei drei primitiven Völkern untersucht. Wir haben festgestellt, dass bei den Arapesh Männer und Frauen eine Persönlichkeit entwickeln, die wir ... unter dem Elternaspekt mütterlich und unter dem Aspekt der Sexualität weiblich nennen würden. Männer und Frauen werden dazu erzogen, hilfreich, friedfertig und verständnisvoll gegenüber den Bedürfnissen anderer Menschen zu sein. Die Sexualität ist weder für Männer noch für Frauen eine treibende Kraft. In deutlichem Gegensatz hierzu haben wir bei den Mundugumor den Typus rücksichtsloser, aggressiver, stark sexueller Männer und Frauen vorgefunden, bei dem mütterliche Neigungen kaum vorhanden sind. Männer wie Frauen näherten sich einem Persönlichkeitstyp, der in unserer Kultur nur von undisziplinierten, äusserst gewalttätigen Männern verkörpert wird. (...) Bei den Tchambuli fanden wir die Haltung der Geschlechter in unserer eigenen Kultur geradezu auf den Kopf gestellt, da die Frau der herrschende, sachliche und lenkende, der Mann der weniger verantwortliche und gefühlsmässig abhängige Teil ist. (...) (Es besteht also) überhaupt kein Grund mehr, derartige Verhaltensweisen für geschlechtsbedingt zu halten. (...) Die Formung so gegensätzlicher Typen ist nur durch die Wirkung einer Fleisch und Blut gewordenen Kultur zu erklären…
Mead schließt ihr Fazit mit dem berühmten, immer wieder zitierten Satz: “Wir werden zu der Folgerung gezwungen, dass die menschliche Natur ausserordentlich formbar ist…” (Mead, “Leben in der Südsee” 1965: 533f)

Die Kultur wird von vielen Kräften geformt, weiblichen wie männlichen. Aber es ist klar, dass diejenigen, die in einer Kultur das Sagen haben, die Kultur maßgeblich formen und für sie in erster Linie verantwortlich sind. In unserer Kultur sind das die Politik, die Kirchen, die Wirtschaft, die Justiz, das Militär, die Wissenschaft, nicht zuletzt das Kapital. Vielleicht habe ich die eine oder andere Institution vergessen, das macht nichts. Auffällig ist vor allem eins: In all diesen Machteliten unserer Kultur kommen Frauen fast gar nicht vor.

Frauenbild

Obwohl Frauen also in unserer Männerkultur nur wenig Einfluss haben, versuchen doch viele, ihre Kinder demokratisch und partnerschaftlich zu erziehen und müssen ohnmächtig erleben, wie sie trotzdem zu kleinen Machos oder Modepuppen werden, um den Erwartungen unserer Kultur zu entsprechen. Oder, wie Undine im FemBio-Blog es so anschaulich schildert:

Die Mütter erziehen also die Kleinen? Kann ich nicht bestätigen. Die Väter, auch wenn sie sich beim Windelwechseln selten blicken lassen, tun doch ziemlich viel für ihre und anderer Leute Kinder: dümmliche Kinderfilme produzieren zum Beispiel, dümmliches Kinderspielzeug, dümmliche ‘Erwachsenen’-Filme, ständiges Wiederkäuen von einfach lächerlichen Klischees, bis die lieben kleinen es schließlich glauben und für gegeben hinnehmen ... Es gibt kaum ein Entkommen, Fernsehen abschaffen ist da nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Bitte, nicht die erzieht das Kind, die ihm das Essen mit Messer und Gabel beibringt. Der erzieht das Kind, der die Umwelt formt, in der dieses Kind dann groß wird. Mütter können da im besten Falle Schadensbegrenzung erreichen - dass das liebe Kleine nämlich trotz der geballten Ladung Gewalt und Kriminalität, die es täglich bereits schon auf dem Spielplatz serviert bekommt, eben kein durchgeknallter Erwachsener wird. Dass soviele Mütter bei dieser Schadensbegrenzung scheitern, sollte ihnen nicht zum Vorwurf gemacht werden…

Ich fasse zusammen: Frauen und Männer werden zu dem, was ihre Kultur von ihnen erwartet. Die Kultur bestimmen und formen weitgehend diejenigen, die die Macht haben. Bei uns sind das zu 95 Prozent Männer. Mütter können höchstens versuchen gegenzusteuern.

Kommen wir nun zum zweiten Teil der Eingangsfrage: “Wer verstümmelt denn den kleinen Mädchen die Genitalien? Frauen!”

Obwohl die Antwort sich aus dem eben Gesagten herleiten lässt, möchte ich doch gesondert auf diese entsetzliche, oft lebenslange Folter eingehen, der Millionen von Frauen in Afrika unterworfen sind.

Zu den unaussprechlichen Gräueln im Krieg im Kongo gehören die Vergewaltigungen, zu denen Soldaten männliche Verwandte von Frauen mit Waffengewalt zwingen. Weigert sich der Bruder, wird er erschossen. Manche lassen sich erschießen, manche folgen dem sadistischen Befehl und vergewaltigen ihre Schwester, Tochter oder Mutter - und werden danach zusammen mit ihrem Opfer ermordet.

Solche “Alibi-Folterer” (Mary Daly) würde wohl niemand schuldig sprechen. Schuld sind vielmehr diejenigen, die die Verbrechen mit vorgehaltener Waffe erzwungen haben.

Zur Genitalverstümmelung stellt Mary Daly in Gyn/Ökologie* fest: “Der Gedanke, daß solche Prozeduren oder auch nur Teile davon von Frauen erdacht sein könnten, ist nur denkbar in der Vorstellungswelt der Phallokratie, denn in Wirklichkeit ist es undenkbar.” (S. 186).

Diese Einschätzung leuchtet sofort ein, wenn wir folgendes erfahren:

Ein Teil der Prozedur besteht darin, dass eine der Frauen, die die Infibulation durchführen, den Bräutigam vor der Heirat besucht. Zweck dieses Besuches ist es, die genauen Maße seines ‘Gliedes’ zu bekommen. Danach geschieht folgendes: ‘Nach den Maßen macht sie eine Art Phallus aus Ton oder Holz, und mit dessen Hilfe schneidet sie die Narbe bis zu einer gewissen Länge auf und lässt das in einen Lumpen gewickelte Instrument in der Wunde, um zu verhindern, dass die Ränder wieder zusammenwachsen.” (Daly S. 186; sie zitiert Montagu). Daly kommentiert: “So bekommt der Herr seine Braut maßgeschneidert, damit sie zu seinem ‘Glied’ paßt. … Das ganze Ritual ist auf den Mann bezogen. Die Männer sind es, die diese weibliche Kastration verlangen, und in ihrer Gesellschaft ist für eine Frau Voraussetzung zum Überleben, dass sie eheliches Besitztum ist. Die scheinbar aktive Rolle der Frauen, die selbst verstümmelt sind, ist in Wirklichkeit rein passiv und instrumental. … Diese weiblichen Alibi-Folterknechte werden von den Männern benutzt, um die (männliche) treibende Kraft hinter der Genitalverstümmelung zu verschleiern.

Dass den Männern die Verschleierung gelingt, sehen wir an der Frage, die zum Ausgangspunkt dieser Überlegungen wurde: “Wer verstümmelt denn den kleinen Mädchen die Genitalien? Frauen!”

Und nicht nur das “Dem-Opfer-die-Schuld-geben” (Blaming the victim) gelingt den Männern. Sie erzeugen gemäß dem Prinzip “Teile und herrsche” mit dieser Qual, deren wahre Verursacher den Mädchen verborgen bleiben, auch einen elementaren Hass der Mädchen auf Frauen, also letztlich auf sich selbst:
“Diese Verwendung von Frauen schwächt die Schwesterlichkeit, nachdem sie bereits die Macht des Selbst blockiert hat.” (Daly 186-7)

**********
Ich schreibe dies am Karfreitag 2009. Der Leidensweg Christi wird beweint und besungen auf allen Kanälen. Eine urige Arie aus der Matthäuspassion will mir nicht aus dem Sinn:

Buß und Reu, Buß und Reu
Knirscht das Sünderherz entzwei.

Von Sünderinnen ist da keine Rede. Immerhin wird dem Sünder ein Herz attestiert. Aber von Buße, Reue und Zerknirschung über uns zugefügte Leiden hören wir Frauen fast nie etwas.

Diese enttäuschende Bilanz führt uns direkt zum dritten Teil. Darin geht es nächste Woche um folgenden Vorwurf:

4. Es gibt doch so viele Männer, die jede Gewalt ablehnen. Die stoßt Ihr mit eurer ungerechten, pauschalen Anklage nur vor den Kopf. Das Problem der Männergewalt können Frauen nur mit Männern gemeinsam lösen. Versöhnen statt spalten!

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*Daly, Mary. 1981 [1978]. Gyn/ökologie: Eine Meta-Ethik des radikalen Feminismus [= Gyn/ecology: The Meta-Ethics of Radical Feminism]. Aus dem am. Englisch von Erika Wisselinck. München. Frauenoffensive.

Mead, Margaret. 1965. Leben in der Südsee: Jugend u. Sexualität in primitiven Gesellschaften [=From the South Seas]. Aus d. am. Englisch v. Gitta Carnegie. Enthält die dt. Übers. folgender Werke: Coming of age in Samoa (1928); Growing up in New Guinea (1930); Sex and temperament in three primitive societies (1935). München. Szczesny.

Montagu, M.F. Ashley. 1945. “Infibulation and Defibulation in the Old and New Worlds”, in American Anthropologist, n.S. 47, 1945, S. 465F. Zitiert nach Daly S. 186.


# | Luise F. Pusch am 11.04.2009 um 03:11 PM • Permalink

05.04.2009

Der Mann als Sicherheitsrisiko, Teil 1

img src=“http://vg02.met.vgwort.de/na/4f2dce0895a6455fbe69c00ded5cadee” width=“1” height=“1” alt=”“>Seit ich vor drei Wochen meine und Brigitta Huhnkes Kommentare zum Frauenmord in Winnenden veröffentlichte, tobt auf femBio.org ein heftiger Streit zwischen Frauen und Männern.** Einige wenige Frauen unterstützen die Männer und werfen den anderen Frauen u.a. “Männerhass” und “Steinzeitfeminismus” vor. Leider kann die Steinzeit sich nicht mehr beschweren, dass sie immer für Schimpfworte herhalten muss.

Ich stehe natürlich auf Seiten der weiblichen Mehrheit, die sich aus Feministinnen und anderen nachdenklichen Frauen zusammensetzt. In dem Konflikt habe ich mich allerdings nicht oft geäußert, aus Zeitmangel und weil ich in 30 Jahren feministischer Auseinandersetzung mit Männern gelernt habe, dass feindselige Männer nur stören und nichts dazulernen wollen. Ich achte also, bevor ich reagiere, sehr genau auf den Ton der Kommentare. Gleich der erste Kommentator fand meine Ausführungen “zum Kotzen” und bescheinigte mir Bild-Niveau. Grund genug, nicht zu reagieren. Ich halte mich da strikt an mein ehrwürdiges Vorbild Dorothea Christina Erxleben, Deutschlands erste promovierte Ärztin, die schon vor über 250 Jahren die Richtlinie für den Umgang mit antifeministischen Rüpeln verfasste:

[Der Widersacher] Gewäsche wird mich niemals verleiten…, ihnen zu antworten und dadurch die edle Zeit zu verderben, mich selbst aber in Gefahr zu setzen, ihnen gleich zu werden. (Dorothea Christina Erxleben, Lebenslauf, 1755).

Wenn ich mich mal zu dem “Gewäsche” mancher “Widersacher” geäußert habe, dann mehr, um mich mit den Frauen zu solidarisieren und Literatur zu empfehlen. In meinen Vorträgen bekommen solche Widersacher routinemäßig den Rat, sie möchten sich doch erstmal sachkundig machen.

Da aber so viele Frauen sich ins Zeug gelegt und versucht haben, den Widersachern noch etwas beizubringen, möchte ich im folgenden einige Antworten auflisten, die sich bewährt haben oder die mir kürzlich zu dem ewigen Streit eingefallen sind.

Mein Vorbild dabei ist die hier verlinkte hilfreiche Sammlung von Antworten auf typische Fragen in der Debatte um die Pornographie (englisch). Sie wurde überwiegend für PädagogInnen ausgearbeitet und ist für den Einsatz in pädagogischen Zusammenhängen gedacht. Ich selbst bevorzuge, wie gesagt, die Methode Erxleben, komme aber in Diskussionen oft auch nicht darum herum, mich mit Widersachern auseinanderzusetzen.

Hier nun zwei der stereotyp vorgebrachten Fragen bzw. Vorwürfe und meine Antworten:

1. “Ihr verallgemeinert doch total, wenn ihr behauptet, alle Männer sind Killer und Frauenhasser. Das ist doch total bescheuert. Die meisten Männer tun keiner Fliege was zuleide.”

Meine Antwort: Das mag schon sein, aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Die Fluggesellschaften glauben sicher auch nicht, dass alle Fluggäste Terroristen sind, von den Fluggästinnen ganz zu schweigen. Trotzdem werden wir seit dem 11. September 2001 immer rigoroseren Vorsichtsmaßnahmen unterworfen. Neulich war sogar der “Nacktscanner” im Gespräch. Würden Sie den Fluggesellschaften unzulässige Verallgemeinerung vorwerfen, oder sind Sie mit der Behandlung einverstanden, weil sie auch Ihrer Sicherheit dient?

In Ägypten und anderen islamischen Ländern werden immer wieder westliche TouristInnen überfallen und als Geiseln genommen oder im Reisebus in die Luft gesprengt. Nach dem zweiten Attentat gibt das Auswärtige Amt eine Warnung heraus und rät vom Urlaub in diesen Gegenden ab - genau, was die Terroranschläge bezweckt haben. Eine unverantwortliche Verallgemeinerung des Auswärtigen Amtes?
Schließlich verbringen ja die meisten TouristInnen, die es dennoch wagen, wunderbare Wochen in Ägypten, vielleicht sogar in Palästina, im Irak und in anderen Krisengebieten.

Kurz: Beim Umgang mit Gefahrenquellen ist Verallgemeinerung die Methode der Wahl. Es genügt ein Todesfall durch Vogelgrippe, ein wahnsinniges Rind, eine Pille mit unerwarteter Todesfolge, ein fehlerhafter Autoreifen, um Millionen gänzlich “unschuldiger” Tiere zu töten oder Autoreifen zurückzurufen, Milliarden von Pillen aus dem Verkehr zu ziehen. Es wird verallgemeinert in unglaublichem Ausmaß, und das ist wahrscheinlich gut so (bei den massenhaft abgeschlachteten Tieren bin ich nicht sicher; ich finde es entsetzlich). Es dient - so die Intention - dem Überleben. Dass der Mann für die Frau eine enorme Gefahrenquelle ist, möchte der einzelne Mann natürlich nicht wahrhaben oder gelten lassen, aber seine Geschlechtsgenossen widerlegen ihn tagtäglich mit Gusto.

Für menschliche Gefahrenquellen gelten andere Gesetze als für infizierte Tiere oder defekte Autoreifen. Sie werden nicht massenhaft gekeult, höchstens mal in Quarantäne verbracht. Sie werden “gescreent” (Flugverkehr) oder weiträumig gemieden (Krisengebiete).  Frau mag daraus ihre eigenen Schlüsse für ihr Privatleben und das Navigieren im öffentlichen Raum und im Internet ziehen. Manche leben gern gefährlich, andere nicht. Die meisten stecken verängstigt den Kopf in den Sand, sonst hätten wir laufend Proteste gegen Männergewalt weltweit.

Positive Verallgemeinerungen werden auch von den Widersachern nicht beanstandet, vermute ich mal: “Die Deutschen sind Exportweltmeister”, hören wir immer und protestieren nicht. Ich persönlich habe noch nie etwas exportiert.

Vielleicht würden die Widersacher lieber hören: Die Männer sind “Gewaltweltmeister” oder “Mordweltmeister”. Soll mir recht sein. Außerdem ist diese Aussage auch unter streng logischen Gesichtspunkten korrekt. Niemand leugnet, dass die meisten Straftaten, die meisten Morde von Männern begangen werden. Wahre Weltmeister.

2. “Es gibt auch gewalttätige Frauen. Ich persönlich kenne mehr unerträgliche Frauen als Männer. Ich bin bisher nur von einer Frau geschlagen worden, meiner Mutter.”

Meine Antwort: Die Gefahr in dieser Gesellschaft (auch für männliche Opfer) geht von den Männern aus, das ist eine unbestrittene Tatsache. Es gibt auch gewalttätige Frauen, aber ihre Anzahl im Vergleich zu der gewalttätiger Männer können wir vernachlässigen.

Der gern vorgebrachte Hinweis auf die gewalttätigen Frauen soll die Aufmerksamkeit ablenken von dem Elefanten im Raum auf die kleine Maus in der Ecke.

Ich meine, Männer haben Grund zu kollektiver Scham - ähnlich wie wir Deutschen Grund zu kollektiver Scham haben wegen unserer schändlichen Verbrechen in der Nazizeit. Kollektive Schuld - nein. Oder höchstens insofern sie nicht gegen die Männergewalt protestieren. Ähnlich wie in der Nazizeit die “MitläuferInnen” sich schuldig machten, weil sie nicht protestierten.
Ich bin 1944 geboren und sehe mich eher als ein Opfer der Nazis, habe keine Schuld-, aber tiefe Schamgefühle, die sich umsetzen in den Wunsch, alles zu tun, damit solche Untaten nicht wieder geschehen. Wenn ich von AusländerInnen, z.B. US-amerikanischen Jüdinnen, Sätze höre wie “Ihr Deutschen habt 6 Millionen Juden umgebracht”, rede ich nicht reflexartig von “unzulässiger Verallgemeinerung”, weise ich nicht darauf hin, dass ich persönlich damit nichts zu tun habe, dass die meisten heute lebenden Deutschen damit nichts zu tun haben, dass auch andere Länder beteiligt waren, schon gar nicht lenke ich den Schuldvorwurf ab auf Juden oder Israelis. Solche Reaktionen fände ich allesamt völlig unakzeptabel. Ich höre erstmal zu und erlebe ein Gefühl ohnmächtiger Trauer, Wut und Scham über das endlose Leid, das wir verursacht haben. Differenzierungen können vielleicht später erörtert werden.

Mit Männern, die sich nicht schämen angesichts der Verbrechen ihrer Geschlechtsgenossen und die nicht den Wunsch zeigen, aktiv etwas dagegen zu unternehmen, rede ich nach Möglichkeit nicht mehr. Es ist zu anstrengend. Sie gehören in dieselbe Sparte wie Neonazis, die die Verbrechen der Nazis leugnen oder schönreden: Verstockt, uneinsichtig, gewaltbereit. Kurz: gefährlich. Ihre Zivilisierung überlasse ich gern einsichtigen Männern.

Fortsetzung folgt, dann geht es um den stereotypen Vorwurf:

3. Wer erzieht denn die kleinen Sprößlinge, na? Wer verstümmelt denn den kleinen Mädchen die Genitalien? Frauen!

••••••••
** Die Debatten sind hier nachzulesen:

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/glossen

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/comments/herr-koma-kommt-der-frauenmord-in-winnenden/

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/comments/winnenden-berichterstattung-foerdert-zukuenftige-gewalttaten/


# | Luise F. Pusch am 05.04.2009 um 02:18 PM • Permalink

22.03.2009

Winnenden-Berichterstattung fördert zukünftige Gewalttaten

“Offener Brief der Opferfamilien aus Winnenden”. Auch die TV-Nachrichten berichteten darüber ausführlich.

Im Vorspann zu dem Brief heißt es: “Die Familien von fünf beim Amoklauf getöteten Schülern (m.H) haben in einem offenen Brief Konsequenzen gefordert. Die Familien schreiben an Bundespräsident Köhler, Kanzlerin Merkel und Baden-Württembergs Ministerpräsident Oettinger.“

Wahr ist, dass die Familien von fünf ermordeten Schülerinnen den Brief verfaßt haben: Die Schülerinnen heißen: Steffie Kleisch, Selina Marx, Viktorija Minasenko, Nicole Nalepa und Jana Schober.

Die Familien fordern viele wichtige und überfällige Maßnahmen: bessere Waffengesetze, weniger Gewalt im Fernsehen, Verbot der Killerspiele, besseren Jugendschutz im Internet. Hoffentlich finden sie Gehör.

Neu im Katalog ist das, was die Familien unter der Überschrift “Berichte über Gewalttaten” fordern:

Wir wollen, dass der Name des Amokläufers nicht mehr genannt und seine Bilder nicht mehr gezeigt werden. Am aktuellen Beispiel von Winnenden zeigt sich, dass die derzeitige Berichterstattung durch unsere Medien nicht dazu geeignet ist, zukünftige Gewalttaten zu verhindern. Auf nahezu jeder Titelseite finden wir Namen und Bild des Attentäters. Diese werden Einzug finden in unzählige Chatrooms und Internet-Foren. Eine Heroisierung des Täters ist die Folge.
Bei Gewaltexzessen wie in Winnenden müssen die Medien dazu verpflichtet werden, den Täter zu anonymisieren. Dies ist eine zentrale Komponente zur Verhinderung von Nachahmungstaten.

Genau dies folgt auch aus Dr. Brigitta Huhnkes Medienanalyse zur Bericherstattung über den Frauenmord in Winnenden.

In der letzten Woche ist die neue Studie über die sogenannte “Jugendgewalt” erschienen. Frohe Botschaft und Balsam für das verschreckte Volk: Die Gewalt habe abgenommen. Alle möglichen Faktoren wurden untersucht, Herkunft, Wohnort, Migrationshintergrund usf. Den Faktor Geschlecht konnte ich lange nicht finden. Ganz zufällig stieß ich schließlich auf den Satz: “Jungen begehen 7,3 mal so viele Straftaten wie Mädchen.” Sie begehen also 86% der Straftaten. Aber das ist weiter kein Thema. Ist ja alles Jugend, so oder so.

Wir können mit den Familien der ermordeten Schülerinnen nur betonen, “dass die derzeitige Berichterstattung durch unsere Medien nicht dazu geeignet ist, zukünftige Gewalttaten zu verhindern.” Die Medien vermehren die Gefahr allerdings nicht nur durch die Heroisierung des Täters, sondern auch durch die Leugnung des Geschlechterkonflikts: Der Täter ist männlich, die planmäßig ermordeten oder verletzten Opfer in der Schule zu 95 Prozent weiblich. Wieso da weiter über das Motiv angestrengt gerätselt wird, statt den Frauenhaß beim Namen zu nennen und endlich Maßnahmen dagegen zu ergreifen, wird Frauen immer unheimlicher.

In seiner Trauerrede hat Horst Köhler immerhin die Opfer korrekt benannt: “Wir trauern um acht Schülerinnen, einen Schüler und drei Lehrerinnen der Albertville-Realschule in Winnenden. Wir trauern um drei Männer, die der Täter auf seiner Flucht wahllos tötete, ehe er sich selbst das Leben nahm.”

Von Frauenhaß spricht aber immer noch niemand außer ein paar Feministinnen und tapferen Männerforschern. Warum nicht? Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen:

A) Korruption und Kollusion: Die Täter liegen mit den Ermittlern, der Politik und den Medien im Bett, sie sind Komplizen, ähnlich wie wenn die Mafia die Machteliten infiltriert hat. Dann erfährt das Volk auch nichts mehr über wahre Beweggründe von Verbrechen, sondern nur noch gezielte Desinformation. Was hier abgeht, habe ich schon vor 20 Jahren in meinem Aufsatz: “Wie mann aus seiner Mördergrube ein Herz macht: Strategien männlicher Imagepolitik”* analysiert. Die Strategien sind: Ignorieren, Leugnen - und wenn das nicht mehr geht: Verschleiern bis hin zur Verkehrung ins Gegenteil, heute auch gern “Spinning” genannt. Das erledigen gewiefte “spin doctors”. Zur Zeit spinnen sie aus einem Massenmord an Frauen eine Benachteiligung junger Männer, der “Bildungsverlierer”.

B) Genau wie es eine gute Idee ist, den Täter zu anonymisieren, könnte die Anonymisierung der Opfer dem Schutz von Mädchen und Frauen dienen, damit nicht die gezielte Auslöschung des weiblichen Geschlechts zum neuen Schießsport wird.

Die Erklärung (B) halte ich für eher unwahrscheinlich. Falls sie doch zutrifft, wäre außerdem abzuwägen, ob das, was durch die Verschleierung der Stoßrichtung des Massenmords gewonnen wird, nicht mit fortgesetzter Desorientiertheit und Zahnlosigkeit bei der Verbrechensverhütung zu teuer erkauft ist.

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Hier noch ein wichtiges Interview mit Douglas Kellner, dem Autor von Guys and Guns Amok, zum Thema Waffen, Männlichkeiten und School Shootings.

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*Pusch, Luise F. 1990. “Wie mann aus seiner Mördergrube ein Herz macht: Strategien männlicher Imagepolitik”, in: Pusch, Luise F.1990.  Alle Menschen werden Schwestern: Feministische Sprachkritik. Frankfurt/M. edition suhrkamp 1565. S. 112-120.


# | Luise F. Pusch am 22.03.2009 um 11:01 AM • Permalink

13.03.2009

Herr Koma kommt: Der Frauenmord in Winnenden

Stellen Sie sich vor, ein junger Deutscher erschießt an einer deutschen Schule elf Menschen, zehn davon “mit Migrationshintergrund”, sieben weitere MigrantInnen schießt er krankenhausreif.

Oder: In den USA stürmt ein Weißer in die Schule und erschießt zehn Schwarze und einen Weißen. Weitere sieben Schwarze schießt er krankenhausreif.

Glauben Sie, über das Motiv der Taten hätten Deutschland oder die USA auch nur eine Minute lang gerätselt?

Nein - zu Recht wäre extremer Fremden- bzw. Rassenhass vermutet worden, von den Medien, den Behörden, der Bevölkerung und der Polizei.

Der Massenmörder von Winnenden hat an der Schule acht Schülerinnen und einen Schüler erschossen, sieben weitere Schülerinnen hat er krankenhausreif geschossen. Aber alle reden nur von den getöteten oder verletzten Schülern. Tim Kretschmer hat auch drei Lehrerinnen ermordet. Die wurden auch immer korrekt als Lehrerinnen bezeichnet. Wäre ein Lehrer dabei gewesen, hätten wir gehört, der Täter habe neun Schüler und drei Lehrer getötet.

Streng eingehalten werden die Regeln der deutschen Männersprache: Ein einziges männliches Wesen macht jede noch so große Gruppe von Frauen und Mädchen zu einer männlichen Gruppe. Acht Schülerinnen und ein Schüler sind zusammen neun Schüler. (Die Schülerinnen wurden auch nicht ermordet, sondern nur getötet.) Über den Massenmord in Erfurt heißt es in Wikipedia (16.3.2009): “...erschoss der 19-jährige Robert Steinhäuser zwölf Lehrer, eine Sekretärin, zwei Schüler und einen Polizisten.” Tatsächlich erschoss Steinhäuser nicht nur eine Frau: Zehn seiner sechzehn Opfer waren Frauen: acht Lehrerinnen, eine Schülerin, eine Sekretärin.

Die Sprachregelung hilft mit, das Offenkundige nicht wahrzunehmen zu müssen: Alle sind vollkommen ratlos und fassungslos, es fehlen ihnen die Worte. Die Frage nach dem Warum treibt alle um, auch heute noch, zwei Tage nach dem Frauenmord. Und da werden besonders gern Johannes Raus Worte zum Massenmord in Erfurt zitiert: “Wir sollten uns eingestehen: Wir verstehen diese Tat nicht. Wir werden sie - letzten Endes - auch nie völlig erklären können.”

Was ist denn daran so schwer zu verstehen? Ist nicht Gewalt von Männern gegen Frauen, bis hin zum Mord, alltäglich bei uns und weltweit?

Manche, aber viel zu wenige Männer, ein paar Sozialpsychologen und Männerforscher, haben schon etwas begriffen von dem, was Feministinnen seit Jahrzehnten umtreibt: Es gehört zur männlichen Identität, Frauen zu dominieren, sich ihnen überlegen zu fühlen. Frauen, die Männern die Stirn bieten (z.B. Feministinnen), Mädchen, die Jungen zurückweisen und/oder überflügeln (z.B. in der Schule), Frauen und Mädchen also, die die männliche Hegemonie in Frage stellen und das zarte männliche Ego verletzen, gehören bestraft. Nur so kann die Geschlechterhierarchie wiederhergestellt und die beschädigte männliche Identität repariert werden - im Extremfall durch den Tod.

Der Frauen- und Mädchenhass des Tim Kretschmer drückt sich deutlich in seiner Tat aus. Er hat nicht “wild um sich geschossen”, wie die Medien immer wieder berichteten, er hat seine weiblichen Opfer gezielt mit Kopfschuss ermordet.

Für mich fast noch erschütternder als der Massenmord ist die völlige Blindheit all derjenigen, die über ihn berichten und über die Natur dieser Tat und ihr Motiv rätseln. Als läge das Motiv nicht klar auf der Hand: Frauenhass, Männlichkeitswahn.

Erschütternd deshalb, weil damit die nächsten Massenmorde programmiert sind, denn eine vernünftige Prävention setzt zuallererst eine korrekte Analyse des Tatmotivs voraus. Eine solche Analyse findet nicht statt, es wird rumgenebelt in einem unfassbaren Ausmaß.

Oder eben auch wieder nicht unfassbar, sondern vorhersagbar. Aber ich hätte doch gedacht, nach über 40 Jahren Frauenbewegung wären die Zuständigen und die Öffentlichkeit schon etwas weiter, aufgeklärter.

Aber in den Medien war wieder mal Alice Schwarzer die einzige, die den Mord und sein Motiv auf den Punkt brachte - auf einen Punkt übrigens, den sie seit dem Mord an Angelika B. in Köln 1991 immer wieder betont: Frauenhass ist ein Politikum wie Fremdenhass und gehört genau so streng geahndet, ja strenger, ist Frauenhass doch viel weiter verbreitet. Er ist, wie gesagt, völlig alltäglich. Hier geht’s zum Schwarzer-Artikel.

Eines wird durchaus zugegeben, es lässt sich ja auch nicht verheimlichen: Dass die Amokläufer alle männlich sind. Und mit diesem widerwilligen Eingeständnis hat es sich dann aber auch schon. Da wird nie weitergefragt: Wieso denn nur Jungen und Männer? Was machen wir falsch bei der Erziehung von Jungen, was uns bei Mädchen anscheinend mühelos gelingt? Was können Jungen von Mädchen lernen?

Eben. Das ist der Punkt. Jungen sollen und wollen von Mädchen nichts lernen. Das wäre nämlich unter ihrer Würde. Sie würden dadurch ja - zu Mädchen, es bestünde jedenfalls die Gefahr. Und nichts ist in unserer Herrenkultur schrecklicher für einen Jungen.

Aus den so abgerichteten Jungen werden unsere Männer - die, die wir zu Hause haben und die in Politik, Medien und Wirtschaft. Sie haben kein Interesse und wohl auch nur selten das Rüstzeug, dem wahren Motiv dieses Verbrechens und all der anderen alltäglichen Männerverbrechen an Frauen auf den Grund zu gehen. Hier kommt ein wenig Nachhilfe von Rolf Pohl, Sozialpsychologe an der Uni Hannover:

Zur männlichen Identität gehört das unbewusste Bedürfnis, sich aufzuwerten, indem Frauen abgewertet werden. Sich als einzelner Mann von dieser Konstruktion abzugrenzen ist sehr schwer. Die Ambivalenz gegenüber Frauen prägt sich dem kleinen Jungen ein - und erfährt immer wieder Nachprägungen.
Interviewer: Die Abwertung von Frauen gehört fest zur männlichen Identität?
Wenn man sich anschaut, was in unserer Gesellschaft als männlich gilt, dann finden sich immer wieder zwei dominante Merkmale: zum einen eine Hierarchie innerhalb der Männergruppe - Status- und Rangkämpfe sind für eine männliche Identität sehr wichtig. Und zum anderen die Abgrenzung zur Weiblichkeit, die alle Männer in ihrer Überlegenheit miteinander vereint.

Hier mehr…

Auf RTL gab der Psychologe Gebert heute früh zum besten, was er für den Grund hält, dass Tim Kretschmer gezielt Frauen und Mädchen ermordet und angeschossen hat: Nein, sagte er, das sei wohl nicht gezielt gewesen. “Jungs werfen sich blitzschnell untern Tisch, während Frauen zur Salzsäule erstarren und nicht wissen, was sie machen sollen.” Selber schuld, die dummen Frauen. 

So lange die Mehrheit auf diesem Niveau der Reflexion verharrt, werden Männer weiter Gewalt ausüben, gegeneinander, vor allem aber gegen Frauen.

Aber schuld daran ist niemand, es ist und bleibt ein Rätsel, und wir sind alle fassungs-, rat- und sprachlos.

Oder noch besser, wie oben: Die Frauen sind schuld. Wie hieß doch der vereinbarte Code-Spruch zur Ankündigung des Grauens: “Frau Koma kommt!”

(Dank an Brigitta Huhnke für einen hilfreichen Email-Austausch und die Hinweise auf den Pohl-Artikel und das RTL-Interview mit Gebert. Dank an Evelyn Thriene für den Hinweis auf den Artikel von Alice Schwarzer.)

Über das Thema Jungengewalt und ihre gängige sprachliche Verunklarung als “Jugendgewalt” habe ich schon vor einem Jahr eine Glosse geschrieben: “Busch, Beauvoir und böse Buben”. Sie finden sie hier.

Inzwischen (16.3.09) hat die Medienwissenschaftlerin Dr. Brigitta Huhnke die ersten fünf Tage der Berichterstattung zum Mädchen- und Frauenmord in Winnenden analysiert: Ihren Artikel “Fünf Tage MedienGAU: Der Mädchen- und Frauenmord in Winnenden” finden Sie hier. 

Der zweite Teil ihrer Untersuchung ist nun auch online: Ein Interview mit dem Pornografieforscher und Kommunikationswissenschaftler Robert Jensen, betitelt: “Am Ende angekommen: Pornografie und männliche Normalität”. Jensen appelliert an seine Geschlechtsgenossen, angesichts zunehmender profitgetriebener und verrohender Pornografisierung der Kultur ihre Humanität einzuklagen und zu verteidigen.


# | Luise F. Pusch am 13.03.2009 um 04:32 PM • Permalink

07.03.2009

GM Große Mutter

Vorbemerkung: Immer wieder wurde ich in den letzten Tagen und Wochen gefragt, wie es zu Ausdrücken wie “Mutterkonzern” und “Tochtergesellschaft” komme. Meinem Unmut über diese sprachlichen Missbildungen habe ich schon vor Jahrzehnten in einer Glosse Luft gemacht. Sie trug den Titel “Wir leben im Matriarchat” (1983). Für den heutigen Gebrauch habe ich - aus gegebenem Anlass - nur einige Akteure, ach was: Akteurinnen ausgetauscht.

In den Industrienationen hat die Gebärfräudigkeit der Frauen letzthin erschreckend nachgelassen. Während noch bei unseren Groß- und Urgroßmüttern 10-20 Kinder keine Seltenheit waren, ziehen die meisten von uns die Null-Lösung vor. Wo aber nichts hervorgebracht wird, kann auch nichts wachsen. Und vom Wachstum hängt schließlich unser aller Wohlergehen ab.

Da also die Frauen sich so schnöde ihrer Gebärpflicht entziehen, hat die Industrie selbst diese Aufgabe übernommen. Die Industrie ist, anders als unsere wahllos drauflosgebärenden Großmütter, auf Effektivität bedacht. Sie produziert grundsätzlich nichts Unrentables - also keine Söhne, denn die können nunmal nichts aus sich selbst hervorbringen, diese Wachstums-Flops. Die Industrie gebiert nur Töchter, streng parthenogenetisch, denn diese Methode verursacht den geringsten Aufwand. Die Töchter heißen Tochtergesellschaften. Wenn eine Firma oder Gesellschaft oder ein Konzern eine solche Tochter geboren hat, darf sie sich Mutterfirma, Muttergesellschaft oder Mutterkonzern nennen. Bringt die Tochtergesellschaft wieder eine Tochtergesellschaft hervor, wird die Tochtertochter auch wohl Enkelin genannt. Die Firma Saab ist z.B. eine Opel-Tochter und damit Enkelin der Großen Mutter GM, General Motors. Nun mag die GM zwar zahllose Enkelinnen haben, deshalb ist sie aber noch lange keine Oma-Gesellschaft. Bis vor kurzem jedenfalls produzierte sie noch laufend eigene Töchter - Urbild einer vitalen Mutter in den allerbesten Jahren und Umständen. Wir müssen also unterscheiden zwischen altmodischen Müttern, die noch Töchter und Söhne gebären und Gefahr laufen, irgendwann auch mal Oma zu werden, und jenen ewigjungen Müttern, denen die Zukunft gehört, weil sie sich auf das Wesentliche konzentrieren.

Da suchen wir immer nach Spuren des Matriarchats in der grauen Vorzeit - und haben es direkt vor unserer Nase! Ein Matriarchat von geradezu utopischer Kühnheit und Konsequenz! Kein männliches Wesen ward jemals gesehen in diesem vor Gebärlust vibrierenden Mütter-Töchter-Clan. Nicht mal bei Hochzeiten (auch Fusionen genannt) - und was sind das doch für gewaltige Mammutti-Hochzeiten!

Ja die Industrie, diese hocheffiziente Supermutter, ist mindestens so schlau wie eine Krebsgeschwulst. Die bringt nämlich auch nur Tochtergeschwülste hervor, denn nur die garantieren weiteres Wachstum. Von einer Sohngeschwulst ist mir noch nie etwas zu Ohren gekommen.


# | Luise F. Pusch am 07.03.2009 um 02:37 PM • Permalink

01.03.2009

Wir sind schwanger?

Wenn frau sich das Zeit-Magazin Nr. 8 vom 12.2.2009 zur Brust nimmt, kann sie was erleben. Da ich normalerweise weder die Zeit noch das Zeit-Magazin lese, blieb ich verschont, bis meine Freundin Gertrud es mir mit wütenden Kommentaren schickte.

Das Titelbild ist eine Reproduktion der berühmten Kampagne “Wir haben abgetrieben” im Stern, 1971. Beim Umblättern des Titelbilds sehen wir neun Männerporträts, darüber ein schräges Banner: “Wir auch!” Innendrin ein langer Artikel (der inzwischen auch online nachzulesen ist) über die Leiden der Männer von Frauen, die abgetrieben haben.

Gertrud schreibt dazu:
So eine heimtückische Manipulation! Ich bin sauer und wütend. Von Jugend an kenne ich viele “Fälle”, da es die Männer waren (im besonderen Professoren und Chefs aller Arten), die auf einer Abtreibung bestanden, wohingegen die Frauen/Mädchen nichts gegen ein Kind gehabt hätten.- Hier in der “Zeit” leiden und schluchzen die verhinderten Väter ein Leben lang und die Frauen sind eine herzlose Meute, die ohne Skrupel einen Mord begeht…

Ich kann ihr nur zustimmen, und die inzwischen 236 Kommentare, die zu dem Artikel eingegangen sind, zeigen, dass die meisten Gertruds Meinung teilen und einfach sauer und wütend sind.

Mich interessiert an der Geschichte auch ein verräterischer sprachlicher Aspekt. “Wir haben abgetrieben”, sagen diese Männer. Ja können sie das denn überhaupt? Müssten sie dazu nicht erstmal schwanger sein? (Ich lasse das medizinische Personal, das Abtreibungen vornimmt, hier mal außer acht. Darunter sind natürlich auch Männer, die dann rechtens von sich sagen können “Wir haben abgetrieben.”)

Die neue männliche Redeweise “Wir haben abgetrieben” ist die logische Fortführung jener anderen neuen Redeweise “Wir sind schwanger”, die inzwischen sogar Titel einer Doku-Soap und einer Online-Schwangerschaftsratgeberin wurde. Zuerst hörte ich das in den USA. Ein junger Mann erzählte stolz von sich und seiner Partnerin: “We are pregnant”. Und sie redete auch so.

Damals fand ich das zwar seltsam, aber sympathisch, ja richtungweisend und feministisch. Die neuen Väter kümmern sich liebevoll, dachte ich, sie übernehmen Verantwortung, auch sprachlich.

Inzwischen bin ich nicht mehr so naiv, und dazu hat der larmoyante Zeit-Artikel entscheidend beigetragen. Der rote Faden, der sich durch den Artikel zieht, ist nämlich das Gefühl männlicher OHNMACHT. Ohnmacht gegenüber einer Frau? Das erträgt er nicht gut, und folglich findet er, er müsse an der Abtreibungsentscheidung beteiligt werden, möglichst mit Rechtsanspruch.

Das fehlte uns gerade noch, dass sie nur abtreiben darf, wenn es auch ihm passt.

Auffällig ist, dass die Wir-Formeln sich nur auf die Schwangerschaft bzw. ihren Abbruch beziehen. Kein Mann hat je gesagt “Wir haben unsere Tage”, “Wir sind in der Menopause”. Auch “Wir haben Gebärmutterhalskrebs” wird er kaum sagen, obwohl er doch durch seine Papilloma-Viren dafür weit mehr Verantwortung trägt als für eine Schwangerschaft.

Aber - wenn Frau und Mann “gemeinsam schwanger” sind, dann muss die Entscheidung über die Abtreibung auch von beiden gefällt werden.

Und so kommt die Kontrolle der Männer über den Bauch der Frau durch die Hintertür der “neuen Väterlichkeit” und scheinbar liebevoller männlicher Empathie wieder ins Spiel und bedroht wichtige Rechte und Freiheiten, die Frauen sich mühsam erkämpft haben.

FrauenbildMänner haben immer versucht, die Sexualität der Frau zu kontrollieren, durch männliche Gesetzgebung, Vergewaltigung in und außerhalb der patriarchalen Familie, durch Frauen- und Mädchenhandel, Pornographie und männliche Gynäkologie. Derzeit schreiben die Männer der katholischen Kirche Millionen von Frauen die Zwangerschaft vor, die fundamentalistischen “Lebensschützer” anderer Religionen eifern ihnen nach und gewinnen rapide an Boden.

“Wir sind schwanger?” Komm zu dir, Mann! Das finden auch die Bloggerin Crabmommy und viele ihrer Leserinnen: “Sie ist schwanger, nicht du”, erklärt Crabmommy dem werdenden Vater streng, “es sei denn, du bist ein Seepferdchen.” 


# | Luise F. Pusch am 01.03.2009 um 04:33 PM • Permalink

21.02.2009

Oscar 2009: Über Filmtitel und Ordensnamen

Bevor morgen die Oscars verliehen werden, möchte ich hier auflisten, wie ich die Preise gerne verteilt sähe:

Bester Film: Milk
Beste Hauptdarstellerin: Meryl Streep (Glaubensfrage)
Bester Hauptdarsteller: Sean Penn (Milk)
Beste Nebendarstellerin: Viola Davis (Glaubensfrage)
Bester Nebendarsteller: Philip Seymour Hoffman (Glaubensfrage)

Eigentlich kann ich gar nicht mitreden, denn von den oscarnominierten Filmen habe ich nur zwei gesehen (Milk und Glaubensfrage), den Vorleser habe ich immerhin gelesen.

Beim Februar-Treffen der Bostoner Wiggies (Women in German) diskutierten wir heftig über den Vorleser, zumal Bernhard Schlink gerade an diversen Universitäten im Raum Boston riesige Besuchsströme angelockt hatte. Verharmlost Schlink die Schuld einer KZ-Aufseherin? Handelt das Stück von Liebe? Kann man sowas Liebe nennen?

Wie es bei Linguistinnen öfter vorkommt, interessierte mich ein scheinbar entlegener Aspekt des Films, nämlich die Tatsache, dass ”Der Vorleser” unübersetzbar ist. Aus “The Reader” läßt sich weder entnehmen, dass es sich um einen Jungen handelt, noch dass das “Lesen” ein “Vorlesen” ist (was im übrigen für die Handlung zentral ist).

Als deutsche feministische Sprachkritikerinnen loben wir seit vier Jahrzehnten die Geschlechtsneutralität der englischen Personenbezeichnungen - aber bei diesem Filmtitel erweist sich die Geschlechts- und sonstige Spezifik des “Vorlesers” und damit des Deutschen auch mal als Vorteil.

Kommen wir vom “Vorleser” zu “Milk”. Ein fabelhafter Film, über den schwulen Politiker und Märtyrer Harvey Milk aus San Francisco. Joey und ich fanden, nachdem wir ihn gesehen hatten, es sollte in den USA einen Harvey-Milk-Tag geben, so wie es auch einen Martin-Luther-King-Tag gibt. Aber es wird wohl noch dauern, bis die Rechte von Lesben und Schwulen genau so ernstgenommen werden wie die Rechte der Schwarzen.

Und wieder beschäftigte die Linguistin sich über Gebühr mit einem “Nebenaspekt”: Dieser Name “Milk” - ist doch wie geschaffen zur Diskriminierung eines Schwulen. Was hat schließlich ein “richtiger Mann” mit Milch zu tun - immerhin ein rein weibliches Nebenprodukt der immensen weiblichen Produktivität. Aber nein - davon kam in dem Film nichts vor. Ob in Harvey Milks schwerem Leben davon auch nichts vorkam? Ich habe es nicht untersucht.

Zu übersetzen hinwiederum ist “Milk” ganz einfach: Milch! Und doch geht das nicht, der Film heißt auch auf Deutsch “Milk”. Eigennamen werden schließlich nicht übersetzt.

Oder doch? Harvey Milk entstammt einer aus Litauen eingewanderten jüdischen Familie namens - Milch. Der Name wurde amerikanisiert wie so viele Namen von EinwanderInnen. Im Zeitalter des Humanismus wurden die Namen gern latinisiert oder gräzisiert, zum Bsp. wurde aus Philipp Schwarzerd Philipp Melanchthon - was für ein edler und wohlklingender Name!

Viele Gründe gibt es, einen anderen Namen anzunehmen - oder verpaßt zu bekommen. Womit ich schließlich bei dem “abgelegenen” Thema angekommen wäre, das mich bei den oscarnominierten Filmen am meisten beschäftigt hat: Diese eigenartigen Männernamen der Ordensfrauen, “Sister Aloysius” und “Sister James”, in dem Film “Glaubensfrage” (übrigens m.E. eine geniale Übersetzung von “Doubt”, ein besserer Titel als das Original). In den USA wunderte sich niemand darüber - hier sind sie ja alle möglichen Namen gewöhnt. Höchstens beschwerte man sich, dass der Name Aloysius zu kompliziert sei: Ein Blogger stöhnt: “Why, oh why… such a difficult name to spell!?”

Die Internetrecherche erbrachte dann, dass das lebende Vorbild von Sister James sich seit 1968 Sister Margaret nennt; sie ist inzwischen 69. Die Umbenennung sei möglich geworden durch die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils, erzählte sie.

Bis dahin war es anscheinend üblich, die Nonnen mit männlichen Ordensnamen zu behelligen, wenn es den Vätern gefiel. Vom umgekehrten Fall, dass ein Bruder Martin nach der Heiligen Katharina “Bruder Katharina” genannt worden wäre, hat frau dagegen nie etwas gehört.

Wie nett wäre es gewesen, hätte sich Papst Benedikt (eigentlich Joseph Ratzinger) nach der größten Heiligenpersönlichkeit des deutschsprachigen Raums benannt: Papst Hildegard.

In den 60er Jahren gab es ein skandalumwittertes Theaterstück, das dann auch verfilmt wurde. Es hieß: The Killing of Sister George (Sister George muß sterben). Ich hatte auch damals keine Ahnung von dem katholischen Brauch, die Nonnen brutal nach männlichen Heiligen umzubenennen und hielt den Filmtitel für eine der vielen Arten, “männliche/dominante” Lesben als verkappte Männer zu brandmarken.

Das sollte der Titel wohl nebenbei auch leisten, solche Assoziationen sollte er durchaus auslösen - aber eigentlich war es eben nur ein männlicher Ordensname für eine Ordensfrau, ganz normal.

Im Sinne des bekannten Slogans “Lieber Meryl Streep als Merrill Lynch!” hoffe ich nun, dass die heilige Meryl für die Rolle der Sister Aloysius ihre dritte Osca bekommt.


# | Luise F. Pusch am 21.02.2009 um 08:05 PM • Permalink

15.02.2009

„Andrea Ypsilanti tritt zurück!“

Gästinglosse von Ursula Müller

„Andrea Ypsilanti tritt zurück!“ - Wie gerne hätte ich diese Schlagzeile gelesen! So viele Tritte, so viele davon unter die Gürtellinie, hat Frau Ypsilanti einstecken müssen. Meine Wut darüber schwoll täglich an und ist noch lange nicht verebbt. Natürlich ist es sehr ehrenwert, dass Andrea Ypsilanti nicht Gleiches mit Gleichem vergilt und nun ihrerseits zum Tritt ausholt. Und klug ist es vielleicht auch, so kann sie eventuell noch eine andere Karriere machen. Das halten Sie für ausgeschlossen? Kann sein. Ich setze aber durchaus Hoffnung darauf, dass Andrea Ypsilantis Partei, die sich ja dem Gender Mainstreaming verschrieben hat, die Parteipolitik des letzten Jahres in Hessen unter geschlechtsspezifischen Gesichtspunkten aufarbeiten wird.

Das möchte ich aber nicht einfach dem Lauf der Geschichte überlassen, sondern biete hier meine Hilfe an.

Vor Jahren haben Feministinnen einmal durchgespielt, wie es einer Schwester von William Shakespeare ergangen wäre. - Sie wäre in der Gosse gelandet. Ich möchte nun den Spieß umdrehen und phantasieren, wie es einem Andreas Ypsilanti ergangen wäre:

• Zuerst wäre man und frau innerhalb der SPD des Lobes über ihn voll gewesen, war es ihm doch – wider alle Erwartungen – gelungen, für seine Partei so viele Stimmen zu holen, dass erstmals nach Jahren eine SPD-geführte hessische Landesregierung möglich erschien. Jubel allerorten! Glückwünsche aus der Parteispitze. Man drängt sich danach, neben Andreas Ypsilanti abgelichtet zu werden und in die Presse zu kommen. „Der Sieger von Hessen!“ verkünden die Medien.

• Seine Bemühungen um eine Ampelkoalition wären sehr gewürdigt worden. Dagegen hätte man die FDP dafür gescholten, dass sie nicht bereit war, ihr Wahlversprechen zu brechen und mit SPD und Grünen zu koalieren. Vasallen von Roland Koch hätte man die Liberalen genannt, ihnen Nibelungentreue vorgeworfen, bis diese keine Schnitte mehr hätten machen können. Guido Westerwelle wäre angesichts von so viel Empörung kleinlaut geworden.

• Wenn das alles nichts genutzt hätte und die FDP bei ihrem Nein geblieben wäre, hätte die Partei umgesteuert. Klaus Wowereit hätte man nach vorne geschickt. Er hätte seine Erfahrungen mit den Linken positiv dargestellt, andere Genossinnen und Genossen aus dem Osten wären gefolgt. Man hätte groß in der Presse zusammengetragen, wo die CDU (!) im Osten mit der Linkspartei koaliert. Kurz, man hätte die Linken hoffähig geredet.

• Daneben hätte man lautstark betont, dass es schließlich um die Sache ginge und darum, den Wählerwillen umzusetzen. „Die Wählerinnen und Wähler haben Roland Koch abgewählt!“ hätte es geheißen. „Wir hören die Signale. Uns geht es um die Sache. Wir werden prüfen, welche Schnittmengen es für eine Rot-Rot-Grüne Koalition geben könnte.“

• Begleitet hätte man diese Kehrtwendung mit einer Unterstützung des Kandidaten Andreas Ypsilanti. „Vorwärts, Andreas!“ hätte es geheißen. „AY, AY, AY“-Rufe wären ertönt. Lauthals hätte man die Schandtaten und Lügen von Roland Koch in den Vordergrund gestellt, hätte den brutalstmöglichen Aufklärer an die Parteispendenaffäre erinnert, an das „jüdische Erbe“. Hätte sich der so Angegriffene dann doch noch getraut, den Schritt von Andreas Ypsilanti hin zur Linkspartei als Wortbruch zu kritisieren, hätte es geheißen: „Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen!“

• Und falls sich auch gegen Herrn Ypsilanti vier Abtrünnige gefunden hätten, hätte die Partei dem Genossen Andreas einen Sitz im Bundestag in Aussicht gestellt, wenn nicht gar eine noch höhere Position in der Partei: „Andreas hat uns gezeigt, in welche Richtung wir gehen müssen! Männer wie ihn braucht die SPD.“

Aber so? Ich muss an Al Gore denken, den Beinahe-US-Präsidenten, der seine Anliegen so konsequent in die Öffentlichkeit trägt und nun sogar einen Oscar in seinem Regal stehen hat. Andrea Ypsilanti, die Beinahe-Ministerpräsidentin von Hessen, als mutige Kämpferin für eine alternative Wirtschaft, so wie sie sie in Hessen hat realisieren wollen? Nicht nur, dass ihr dafür sicher das Geld fehlt. Auch als Umweltkämpferin und ökologische Wirtschaftstheoretikerin hat sie das falsche Geschlecht. Ich überlasse es Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser, durchzuspielen, wie es einer Schwester von Al Gore, Ann Gore, ergangen wäre.

7.2.09
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FrauenbildDr. Ursula G.T. Müller, Jahrgang 44, Soziologin und Frauenpolitikerin, kam Ende der 1960er/Anfang der 1970er in die US-amerikanische Frauenbewegung und hörte mit Feminismus nicht mehr auf. Von 1986 bis 1996 war sie Frauenbeauftragte der Stadt Hannover, von 1996 bis 1998 Staatssekretärin im Frauen-, Jugend-, Wohnungs- und Städtebauministerium von Schleswig-Holstein. Ihre Erfahrungen hat sie aufgezeichnet in dem Buch “Die Wahrheit über die Lila Latzhosen: Höhen und Tiefen in 15 Jahren Frauenbewegung”, Gießen: Psychosozial-Verlag 2004, 390 S.


# | Luise F. Pusch am 15.02.2009 um 05:11 PM • Permalink

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Hedwig Dohm