15.02.2009

Hilfe - wo sind die Glossen von Luise F. Pusch?

Frauenbild
Keine Panik - es gibt sie noch, aber nicht mehr online:

Soeben erschien der Band Der Kaiser sagt Ja, und andere Glossen im Wallstein Verlag. Darin findet ihr die folgenden Glossen, die Mitte Februar 2009 aus dem Netz genommen wurden:

Alles so konfus hier
Auf dem Weihnachtsmarkt
Commencement
Das Hohelied der Liebe von Edeka
Der amerikanische Traum
Der Bikinibereich
Der Kaiser sagt Ja
Die Frau als Nacktschnecke
Die kleine Bärjungfrau
Die mannhaften 68er
Die Mutter aller Geiger
Die reine Jungfrau zart
Der Deutsche Buchpreis oder Die einzige Dame unter den sechs Herren
Die Wohlgesinnten, die Ausgebufften und andere seltsame Titel
Edo und seine männliche Endung
Ein liebendes Pferd
FC Köln in der Aufzugin
Großmama packt aus, Großpapa kann einpacken
Helden der Liebe und Gnadenhochzeit
Herrenausstatter
Hillary und die Weisen Frauen von New Hampshire
Hurrikan Hillary
Inniger
Iris von Roten, ihrer Zeit Jahrzehnte voraus
Jürgen Flimm über erwachsene Knaben, die Leute und ihre Mädels
Knut, Flocke, Mägdefreu
Krake im Bauch
Kultur am Sonntagmorgen
Landsfrau Maxima
Lessings Neffe
Lili Marleen oder Dürfen Frauen Männerlieder singen?
Little Women
Mac-TV für Macker
Männer mit Damenbart und fläumige Frauen
Männlichkeiten
Mehr Stolz, ihr Frauen! (Hedwig Dohm)
Mutter Schimanskis Sohn
Muttersprache oder Herkunftslandssprache?
Oh du fröhliche, oh du lesbische…
Oscar 2007
Papst sind wir nicht - wir sind Impressionistin
Pippi Langstrumpf, Harry Potter und Co.
Sag mir, wo die Frauen sind - wo sind sie geblieben?
Schluß mit der Duldungsstarre
Simone, Hillary und die Schürzenjäger
The L-Word / Das L-Wort
Weihnachtsgeschenke
Wer donnert denn da?

Frauenbild
Schon im letzten Frühjahr wurden viele Glossen aus dem Netz genommen, die aber alle im ersten Glossenband von Luise F. Pusch - Die Eier des Staatsoberhaupts, und andere Glossen -  greifbar sind. Immer wieder wurde z.B. gefragt, wo die beiden Rackerinnen Heidi und Klara sich herumtreiben - hier sind sie:

Ärztinhelfer und Garderobenmann
Bitch und Bastard
Damen auf der Documenta
Das Geheimnis der positiven Ausstrahlung
Der Duft von Männern - nicht gefragt
Der Stall der Nonnen
Deutschlands beliebtester Politiker
Die Eier des Staatsoberhaupts
Die Familien-Managerin 2007
Die Männer der Brentanos
Die Mark und der Euro
Die Rote Falke und die Bundesadlerin
Die schönsten Jahre
Doch nicht so alternativ?
Ein Kind ist ein Junge, es sei denn…
Eva Herman oder Wie frau einen Bestseller landet
Figaros Hochzeit und der Tristan-Akkord
Gedanken zum Karfreitag
Gender – wer braucht es und wozu?
Glenn Gould als Jesus Christ Superstar
Globale Entmannung
Goethes Christiane & Luthers Käthe
Hausfrau und Haustier
Heidi und Klara im Heu
Herrkömmliche und feministische Dissidenz
Hillary und Barack
Im Fitness-Studio
In alter Frische
Integration, Macht und Schluckbeschwerden
Ist die Frauenbewegung tot?
Jeder, der selbst ein Kind bekommen hat
Jüngere Geliebte
Katharina die Große und ihre Verehrerin
Kinder und Hunde die Hälfte
Klaus-Mannhaft
Kopftuchverbot für Referendare
Männlicher Kulturbetrieb
Menschenrechte für die Frau
Merklich besser
Sancta Propecia oder Ein Mann muß nicht immer schön sein…
Schuld und Söhne
Warum ich nicht autofahre
Zeugungsmaschinen - Gedanken zum Muttertag
Zufallsgrößen


# | Luise F. Pusch am 15.02.2009 um 12:10 AM • Permalink

07.02.2009

Islands Regierungschefin - unbeschreiblich lesbisch

Während und nach der Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten waren die Medien erfüllt von der historischen Bedeutung der Stunde. Sie zeigten weinende Schwarze auf der Mall, und immer wieder wurde ein Satz zitiert, in vielen Variationen: “Ich hätte nie gedacht, dass ich das noch erleben würde. Nicht zu meinen Lebzeiten!” Auch hieß es: “Erst jetzt fühle ich mich wirklich als Amerikanerin (Amerikaner), fühle, dass dies Land auch mein Land ist.”

FrauenbildImmer wenn ich dies hörte, war ich bewegt und freute mich mit über den längst fälligen Fortschritt. Gleichzeitig war ich mächtig sauer. Niemandem fiel es ein, die offenkundige Parallele zu sehen und zu thematisieren: US-amerikanische Frauen (die Mehrheit der Bevölkerung!), ob schwarz, braun, weiß oder gelb, haben bis heute keine der Ihren in diesem Amt gesehen, und entsprechend müssen sie sich fühlen - so, als ob dies nicht ihr Land ist und als ob sie nicht dazugehören. Dies Gefühl bleibt allerdings unklar, weil die Medien ihm wie gesagt keinen Ausdruck erlauben. Und wir fühlen eben oft nur das, was in der Öffentlichkeit zugelassen ist und diskutiert wird.

Kurze Zeit nach der Premiere “Erster Schwarzer wird US-Präsident” gab es die nächste Weltpremiere: “Erste Lesbe wird Regierungschefin”. Aber solche und ähnliche Schlagzeilen über Johanna Sigurdardottir, die neue Ministerpräsidentin Islands, sahen wir in Deutschland nur in der lesbischwulen Presse, z.B. bei queer.de.

Über eine derartig unfeine Behandlung der neuen isländischen Ministerpräsidentin ließ die Welt-online folgendes verlauten:

Liebe Leser (sic!),
wir haben uns nach Ihren zahlreichen Hinweisen dafür entschieden, die Überschrift zu ändern. Sie lautete zuvor “Weltpremiere - Lesbe wird Regierungschefin in Island.” In der Tat geht es in diesem Text nicht um die sexuelle Orientierung von Frau Sigurdardottir. Daher sollte sich auch die Überschrift nicht darauf beziehen.
Vielen Dank für Ihre Anregungen.

Offenbar fanden die “lieben Leser” die Bezeichnung einer Ministerpräsidentin als “Lesbe” etwa so ungehörig, wie wenn man den geliebten Obama “Nigger” genannt hätte. Von diesem Dilemma sichtlich überfordert, führte die deutschsprachige Presse einen sprachlichen Eiertanz auf. Die Weltpremiere brachten sie nicht etwa in der Schlagzeile wie die englischsprachige Presse durchweg, sondern sie versteckten sie (meist) im dritten Absatz, etwa so wie der Spiegel am 1.2.:

Sigurdardottir erste Regierungschefin Islands
(Folgen 3 Absätze, und dann):
Die neue Regierungschefin … ist seit 2002 mit der 54-jährigen Autorin Jonina Ledsdottir verheiratet.

Typisch für die Berührungsängste der deutschen Medien ist der Text der Tagesschau. Der Makel wird umschrieben und in einem Nebensatz versteckt:

Die 66-Jährige, die seit 2002 mit einer Frau verheiratet ist, hat aus einer früheren Ehe zwei Söhne und ist sechsfache Großmutter.

Dito die NZZ:

Die 66-Jährige ist seit 2002 mit einer Frau verheiratet. Sie ist wohl weltweit die erste offen in einer homosexuellen Ehe lebende Chefin einer Regierung. Sie hat aus einer früheren Ehe zwei Söhne und ist sechsfache Grossmutter.

Die Tatsache, dass Sigurdardottir zwei Söhne hat und sechsfache Großmutter ist, finden die führenden englischsprachigen Medien nicht so wichtig, dafür titeln sie aber alle mit dem Wort gay:

Johanna Sigurdardottir, world’s first openly gay leader, to take power in Iceland (timesonline, 29.1.)

World gets its first gay leader (The Independent, UK, 29.1.)

Johanna Sigurdardottir - Veteran MP set to become the first female leader of Iceland, and first openly gay prime minister in the world (The Guardian, UK, 30.1.)

Iceland’s PM marks gay milestone (BBC, 1.2.)

Iceland Picks the World’s First Openly Gay PM (time, 30.1.)

First gay premier takes helm in Iceland (CNN, 1.2.)

Wie kommt es, dass die Deutschen sich mit der frohen Botschaft so schwertun und dafür nicht den richtigen Ort (Schlagzeile) und nicht die passenden Worte finden?

Nun, einmal haben wir da unsere Nazivergangenheit, die nachwirkt und uns ja auch in Sachen Frauenemanzipation bis heute weit hinter anderen Staaten zurückhinken lässt.

Zweitens ist gay ein selbstgewähltes, “fröhliches” und obendrein geschlechtsneutrales Wort mit positiven Assoziationen, das Männern und Frauen gleich gut steht. Hingegen haben schwul, homosexuell, Lesbe und lesbisch für viele Deutsche einen äußerst negativen Beigeschmack. Auch die “Betroffenen” selbst brauchen sehr viel sprachpolitische Unterstützung und Therapie, bis sie diese einstigen Schimpfwörter stolz als Selbstbezeichnungen akzeptieren und tragen können.

Fortschrittlichen Organen wie queer.de bleibt gar keine andere Wahl als mit “Lesbe” zu titeln. Würden sie Sigurdardottirs Lesbischsein im dritten Absatz verstecken, schamhaft mit “ist mit einer Frau verheiratet” umschreiben und mit der Hervorhebung der zwei Söhne und sechs Enkel quasi entschuldigen wollen - dann widersprächen sie ja ihrer eigenen Botschaft, dass nämlich Lesbischsein kein Makel ist.

Die konservative Presse aber findet durchaus, dass Lesbischsein ein Makel ist, der sich mit dem höchsten Regierungsamt nicht gut verträgt, allerdings durch die vorherige Produktion von zwei Söhnen verzeihlicher wird. Auch weiß sie natürlich, dass es politisch nicht korrekt und neuerdings sogar außenpolitisch unangebracht ist, so rückständige Meinungen zu pflegen. Von dieser Seite hören wir daher üblicherweise das Argument, das wir auch im Falle Sigurdardottir dauernd vernehmen - dass es doch nun wirklich überhaupt nicht darauf ankomme, was die Politikerin zu Hause, im Privatleben, im Bett so treibe.

Und ob es darauf ankommt. Vergessen wir nicht, dass Islands Wirtschaft vollständig zusammengebrochen ist. Wenn ein Karren aus dem Dreck zu ziehen ist, darf auch mal eine Frau (Merkel), ein Schwarzer (Obama) oder sogar eine Lesbe (Sigurdardottir) an die Regierung. Wenn sie dann ihre Sache gut machen, werden die nächsten Frauen, Schwarzen, Schwulen, Lesben es leichter haben, gewiss.*

Aber bis dahin ist es schon empfehlenswert, die richtige Hautfarbe, das richtige Geschlecht und die richtige sexuelle Orientierung zu haben.

 

•••••••••••••••••••••••
*Lesben sind Frauen, und die Hälfte der Schwarzen sind Frauen, und unter diesen sind viele Lesben. Meine Ausdrucksweise ist also missverständlich. Ich habe diese Gruppen hier nur der Einfachheit halber jeweils nach ihrem spezifischen “Makel” zusammengefaßt und benannt.

Zum Weiterlesen:
Ich habe mich mit dem Thema “Sprache und Homophobie” schon öfter befaßt. Hier eine Auswahl meiner Texte dazu:

Glosse “O du fröhliche, o du lesbische”

“Ein Streit um Worte? Eine Lesbe macht Skandal im Deutschen Bundestag”, in: Pusch, Luise F. 1999. Die Frau ist nicht der Rede wert: Aufsätze, Reden und Glossen. Frankfurt/M. Suhrkamp TB 2921. S. 37-67.

“‘Eine gewisse Wehmut’: Homophobie und Sexismus im neuen Litearaturbrockhaus”, in: Pusch, Luise F. 1999. Die Frau ist nicht der Rede wert: Aufsätze, Reden und Glossen. Frankfurt/M. Suhrkamp TB 2921. S. 68-86

 


# | Luise F. Pusch am 07.02.2009 um 11:04 PM • Permalink

also available in English

24.01.2009

Ann Dunham, Anthropologin - Barack Obamas Mutter

Bei unserem Weihnachtstreffen fragte ich meinen Bruder und meine Schwägerin: “Und, was wißt Ihr über Obamas Mutter?” “Sein Vater war schwarz und kam aus Kenya, und sie war weiß und starb an Krebs”, sagten sie, sinngemäß. “Warum fragst du?”

“Obamas Mutter, Stanley Ann Dunham Soetoro, war Anthropologin und hat eine 800 Seiten starke Dissertation verfaßt. Außerdem war sie eine der ganz frühen Kämpferinnen für Mikrokredite für Frauen.” Davon hatten sie bis dahin nichts gehört, immer nur die traurige Geschichte von ihrem Kampf gegen amerikanische Krankenversicherungen vor ihrem frühen Krebstod - und wie das Obama motivierte, sich für die Reform des Gesundheitswesens stark zu machen.

Ich hatte es auch nur zufällig erfahren von einem befreundeten Professor der Anthropologie, der sich im Wahlkampf intensiv für Obama eingesetzt hatte, während Joey und ich natürlich für Hillary waren. Um uns darüber hinwegzutrösten, daß sie nicht nominiert worden war und zugleich um für sein Fach Reklame zu machen, schickte er uns einen Aufsatz seiner Kollegin Behar über die anthropologischen Ursprünge der Lichtgestalt Obama -  angelegt von seiner Mutter, der Anthropologin.

Obama über seine Mutter: “Sie war der wichtigste Mensch in meinen Entwicklungsjahren. Die Werte, die sie mir beibrachte, sind für mich noch immer der Prüfstein, wenn es um politisches Handeln geht.”

Im vergangenen Jahr habe ich mich intensiv mit den Anfängen der Anthropologie beschäftigt, insbesondere mit dem Liebespaar Ruth Benedict (1887-1948) und Margaret Mead (1901-1978). Ihre fruchtbare Zusammenarbeit bescherte uns in den 30er und 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts nichts Geringeres als die theoretischen Grundlagen für die Überwindung von Rassismus, Homophobie (Benedict) und Sexismus (Mead).

Ganz im Geiste dieser schönen Überzeugungen tat Obamas Mutter in den 60er Jahren etwas für die damalige Zeit und die US-amerikanische Mittelschichtskultur Ungeheuerliches: Sie heiratete einen Schwarzafrikaner, und nachdem der die kleine Familie verlassen hatte, einen Indonesier, den Vater von Obamas Halbschwester Maya Soetoro-Ng.

Der akademische Lehrer und Mentor von Benedict und Mead war Franz Boas, der Vater der modernen Anthropologie. Der deutsche Jude Boas (1858-1942) kehrte schon in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts dem Antisemitismus im deutschen Kaiserreich angewidert den Rücken, und als Hitler an die Macht kam, setzte der 75jährige alles daran, um die Welt über Hitlers mörderische Absichten aufzuklären und seinen verfolgten jüdischen Landsleuten beizustehen.

Ich fasse zusammen: Boas, Benedict und Mead begründeten die moderne Kultur-Anthropologie, Obamas Mutter erzog ihren Sohn im Geiste dieser Kultur-Anthropologie: Sie lehrte ihn Respekt vor anderen Kulturen, Einsatzbereitschaft für die Schwachen, Empathie, Zuhörenkönnen, Neugier, Offenheit für das Fremde und das - für Obama so typische - Bemühen, Gegensätze zu transzendieren statt zu zementieren. Somit geht also das weltumarmende und völkerverbindende Charisma Obamas letztlich auf einen deutschen Juden im Exil und seine genialen Schülerinnen Benedict und Mead zurück, zwei amerikanische Lesben.

Jüdisch, schwarz, weiblich, lesbisch - alle Makel der Welt stehen Pate an der Wiege des Hoffnungsträgers Obama. Friedlich vereint und stolz liefern sie sein geistig-moralisches Fundament.

Wie alle Welt sehen konnte, hat Amerika soeben einen Riesenschritt zur Überwindung des Rassismus geschafft. Bleibt noch die Überwindung von Homophobie und Sexismus, damit das Vermächtnis von Boas, Benedict und Mead, zugleich das Vermächtnis der Mutter Obamas, ganz erfüllt werde. Da ist noch einiges zu tun: Zum Kabinett Obama gehören 4 Frauen und 20 Männer (16 Prozent); im Kabinett Merkel sind es immerhin 7 Frauen und 10 Männer (41 Prozent). Offene Lesben oder Schwule gibt’s weder in Obamas noch in Merkels Kabinett.


# | Luise F. Pusch am 24.01.2009 um 03:05 AM • Permalink

10.01.2009

Ist Michelle Obama ein Mann?

Anfang der Woche bekam ich zwei empörte Zuschriften zum Spiegel-Titel dieser Woche. Zuerst schrieb meine Freundin Evelyn Thriene:

Hast Du das Titelblatt des neuen Spiegel schon gesehen?
Da ist Obama mit seiner Frau Michelle drauf zu sehen, als Paar, und darüber prangen die Lettern: “Obamas bester Mann”.
Offenbar soll der “beste Mann” Michelle sein, das legt jedenfalls das Titelblatt nahe. Und das im Jahr 2009!

Einen Tag später schrieb meine Schwester, Mechthild Winkler-Jordan:

Der neueste Spiegeltitel: Ehepaar Obama, mit der Titelzeile:“Obamas bester Mann”. Da kam mir doch glatt und immer noch die Galle hoch.

FrauenbildEine Schlagzeile soll Aufmerksamkeit erregen. Dafür nimmt der Spiegel offenbar immer noch gern in Kauf, daß den Leserinnen, und vielleicht auch sensibleren Lesern “die Galle hochkommt”.

Manche werden sich fragen: Worüber regen die sich denn auf? Der Spiegel sagt damit doch etwas sehr Nettes über Michelle Obama. Sie ist sein bester Mann, also besser als alle Männer in seinem Kabinett/Team und sogar besser als sein Vize Joe Biden. Aber nicht besser als Hillary und die anderen Frauen in seinem Kabinett/Team. Ist doch richtig frauenfreundlich vom Spiegel!

Uns Frauen wird “männliche Qualität” bescheinigt, wenn wir etwas besonders gut machen - paradoxerweise besonders gern dann, wenn wir etwas besser als die zuständigen Männer machen. Beliebt ist die Floskel vom “einzigen Mann im Kabinett” - dieses fragwürdige Kompliment mußte sich zuletzt Condoleezza Rice gefallen lassen, vor ihr schon Thatcher, Indira Gandhi, Golda Meir und viele andere. Und der Spiegel serviert uns dieses “Kompliment” noch heute, nachdem Männer Wirtschaft und Finanzen gerade weltweit komplett in den Sand gesetzt haben!

Stellen Sie sich einmal vor, Hillary hätte den Wahlkampf gewonnen und würde US-Präsidentin. Wäre ein Spiegeltitel mit dem Paar Hillary und Bill Clinton denkbar, betitelt ”Hillarys beste Frau”? Niemals.

Und warum nicht? Weil in unserer Kultur das Weibliche zweitrangig ist und als zweitrangig gilt. Wird einer Frau Männlichkeit bescheinigt, soll sie stolz sein, sie ist (fast) in die erste Liga aufgestiegen. Wird einem Mann Weiblichkeit bescheinigt, ist er nicht nur in die zweite Liga abgestiegen. Er hat sich vielmehr unmöglich gemacht.

Die pauschale Abwertung der Frau ist also der semantische Rahmen, den wir abrufen müssen, wenn wir die Titelschlagzeile des Spiegels, “Obamas bester Mann”, auch nur verstehen wollen.

Das Pendant “Hillarys beste Frau” bleibt in unserer Kultur unverständlich; es gibt dafür keinen semantischen Rahmen, den wir zur Interpretation heranziehen könnten.

Was hätte der Spiegel als Titel wählen können - ohne die Frauen in ihrer Gesamtheit zu beleidigen?

Obamas rechte Hand
Obamas Trumpfkarte
Obamas Geheimwaffe

Ist Obamas Geheimwaffe schon problematisch, wäre “Obamas Wunderwaffe” unmöglich wegen des Bezugs auf “Hitlers Wunderwaffe”.

Unakzeptabel wäre auch jegliche Anspielung auf die Hautfarbe (“Obamas braune/schwarze Eminenz”) oder gar die Sklaverei (“Obamas Mastermind”).
Hätte sich der Spiegel derartiges erlaubt, wäre ein Aufschrei durchs Land gegangen. Nicht aber bei “Obamas bester Mann”. Das ist nur Sexismus, und darüber regen sich nur ein paar Feministinnen auf. Den andern fällt es gar nicht auf, da die pauschale Abwertung der Frau die Grundlage unserer Kultur ist. Und noch anderen gefällt es, z.B. den Spiegelmännern, die sich den Titel ausgedacht haben.

Aber Obama und seine rechte Hand und Hillary und die demokratische Partei - alle haben ja “Change” auf ihre Fahnen geschrieben. Noch vor dem Amtsantritt Obamas war davon nachhaltig etwas zu spüren: Dem Sexismus in der Sprache des Kongresses wurde einfach der Garaus gemacht: “Chairman” wird zu “chair”, statt “he”, “him” und “his” sind geschlechtsneutrale Formen zu verwenden. Nachzulesen hier.

Vielleicht greift dieser Wandel irgendwann auch mal auf den Spiegel über.
Bis dahin gilt für mich weiter: Den Spiegel lese ich höchstens im Wartezimmer.


# | Luise F. Pusch am 10.01.2009 um 12:06 AM • Permalink

04.01.2009

Auf Frauen rumtrampeln

Doodah, eine Schweizer Ladenkette, die auf Skateboards spezialisiert ist, hat jetzt ganz was Neues zu bieten: Nackte Frauen zum Draufrumtrampeln. Sie bewerben es folgendermaßen:

Supermodel Skateboard
Frauenbild...eine Skateboardserie, welche nicht nur Männern den Atem verschlagen wird.
Das Fotografen-Duo Claudia Knoepfel und Stefan Indlekofer scheuten keine Mühe, die schönsten Frauen der Welt stilgerecht auf die Skateboards zu bannen …. darunter Isabeli Fontana, Lara Stone, Toni Garrn und Edita.
Die daraus resultierenden Bilder sind nun als eine limitierte Skateboardserie im doodah erhältlich. Wer würde sich nicht gerne mit einer dieser Schönheiten auf der Strasse sehen lassen?

Das Schlüsselwort ist “sich-sehen-lassen”.  Denkbar wären ja auch Bilder nackter Frauen auf Einlegesohlen - könnte mann mit den Schweißfüßen auch schön drauf rumtrampeln. Aber da das niemand sieht, kann mann sich damit auch nicht sehen lassen.

Auf dem Skateboard hingegen trägt der sportliche Jüngling seine nackte Schöne lässig und gut sichtbar unterm Arm, dann lässt er sie auf die Straße fallen und bespringt sie wild, dass es anderen Männern (eher wohl: Jungs) den Atem verschlägt.

Ohne Zuschauer macht das keinen Spaß. Nackte Frauen auf den Bizeps tätowiert, deren Busen und Po mann an- und abschwellen lassen kann, sind ohne Zuschauer auch nur halb so lustig, zumal ja das Tätowieren langwierig, gefährlich und schmerzhaft ist.

Wo trägt mann sonst noch nackte Frauen zur Schau? Manchmal auf der Krawatte, oder auf dem Zifferblatt der Uhr. Zum Brüllen.

Es macht nur Spaß, wenn mann sich damit sehen lassen kann, aber das kann mann nicht überall, im Gegenteil. Die nackte Frau als Accessoire wirkt einfach nur geschmacklos und prollig; sie lässt sich nur der unreifen männlichen Jugend und unbedarften männlichen Erwachsenen aufschwatzen. Wer nicht zu diesen Gruppen gezählt werden möchte, lässt besser die Finger davon. Mit nackter Frau auf der Krawatte oder der Uhr ins Büro oder ins Amt? Keine gute Idee. Der Vorgesetzten würde es tatsächlich den Atem verschlagen, mit absehbaren Konsequenzen.

Da bleiben wohl nur die Einlegesohlen …

[Dass zu dem “Fotografen”-Duo auch eine Fotografin gehört, übergehe ich hier mal missmutig, nachdem ich mich neulich schon über Annie Leibovitz’ stilsichere Lavazza-Serie ausgelassen habe.]

(Dank an Swantje Koch-Kanz für den Hinweis auf die Doodah-Skateboards.)


# | Luise F. Pusch am 04.01.2009 um 12:31 AM • Permalink

28.12.2008

Reife Haut

“Alle Jahre wieder / kommt das Christuskind”. Es müßte also schon uralt sein, aber es wird wohl nie erwachsen. Wir aber werden alle Jahre wieder ein ganzes Jahr älter. Oder reifer?

Nicht unbedingt. Nur unsere Haut wird immer reifer. Ich war kurz vor Weihnachten in der Apotheke, und an einer Säule prangten gut sichtbar ein paar Flyer, die Auskunft gaben über allerlei Krankheiten und andere Heimsuchungen: “Blasenschwäche” zum Beispiel, “Reife Haut” und “Kopfläuse”.

FrauenbildFrauenbildFrauenbild

Meine schöne reife Haut auf einer Stufe mit “Kopfläusen”? Ich war beleidigt.

“Haben Sie was gegen reife Haut?” fragte ich die Apothekerin verstimmt.

“Ja”, sagte die Apothekerin, “aber wo genau liegt denn das Problem? Gegen Altersflecken haben wir grade was Schönes reingekriegt. Und dann haben wir ja hier unsere Broschüre, da finden Sie viele Tipps.” Sie zeigte auf die Säule mit der Blasenschwäche und den Kopfläusen.

Ich hatte keine Lust, das Missverständnis aufzuklären. Stattdessen fragte ich: “Und wie ist es mit unreifer Haut? Ich denke da an meine Enkelkinder, die sind erst sechs.”

“Unreife Haut?” Sie überlegte und fragte dann nach: “Meinen Sie Akne?  Aber die kriegt man doch erst in der Pubertät.”

“Ja die Kleinen sind etwas frühreif. Frühreife Haut haben sie!” rief ich triumphierend. “Gibt’s da auch was gegen?”

Die Apothekerin schüttelte mitleidig den Kopf. Sie konnte ersichtlich mit meinen Späßchen nicht viel anfangen.

“Dann wird es aber Zeit, daß Sie dagegen mal was entwickeln”, sagte ich. “Ich muß weiter, die Weihnachtseinkäufe. Der Weihnachtsmann läßt sich ja nicht mehr blicken. Liegt auf der faulen Haut, der reife Alte. Oder umgekehrt. Alles muß frau selber machen.”


# | Luise F. Pusch am 28.12.2008 um 09:34 PM • Permalink

23.11.2008

La pazza e Lavazza

Gestern mußte ich am Hauptbahnhof Hannover vier Minuten auf meine U-Bahn warten. Direkt vor uns Wartenden hatte sich zwischen den Gleisen unentrinnbar ein riesiges Reklameschild von Lavazza aufgepflanzt:

Frauenbild


Offenbar eine Anspielung auf Romulus und Remus und die römische Wölfin: Gezeigt wird eine wild blickende Frau, unter ihrem Gesäuge sitzen zwei herzige Kindlein unklaren Geschlechts. Der Rücken der schönen Wilden ist mit einem knappen Fell bedeckt, das aber - Gott bewahre - nicht etwa den Blick auf die superlangen Beine verdeckt.

Was das Bild mit Lavazza Espresso zu tun hat, konnte ich nicht so schnell erkennen, nur die Anspielung auf Rom -> Italien -> Espresso. Ecco!

Vierzig Jahre Protest der Frau gegen ihren Missbrauch als Blickfang haben also nichts genutzt, dachte ich missmutig. Trotzdem beschloss ich, mich beim Deutschem Frauenrat und Deutschen Werberat über diese Umweltverschmutzung und gezielte Entgleisung zu beschweren.

Bevor ich das tat, recherchierte ich im Internet über das Lavazza-Plakat und fand zu meiner Verblüffung heraus, dass es Teil einer Photo-Serie ist, die keine Geringere als Annie Leibovitz für den Lavazza-Kalender 2009 inszeniert hat.

Also werde ich die Beschwerde erstmal sein lassen, habe ich doch Annie Leibovitz gerade erst in meinem eigenen Kalender Berühmte Frauen 2009 zum 60. Geburtstag für ein Wochenporträt ausgewählt, nachdem im Jahr zuvor ihre verstorbene Lebensgefährtin Susan Sontag sogar das Titelbild zierte.

Macht es aber einen Unterschied, ob ein sexistisches Plakat von einem Mann oder einer Frau stammt? Wohl nicht - das Problem mit Annie Leibovitz ist, dass sie eine Feministin ist. Jedenfalls habe ich sie immer für eine gehalten. Die “bedeutendste Ikonographin der amerikanischen Popkultur” (FAZ) “hat das kollektive Bildgedächtnis seit den 70-er Jahren maßgeblich mitbestimmt. Zu ihren bekanntesten Bildern zählen: John Lennon, der sich nackt und in embryonaler Haltung an Yoko Ono schmiegt, ... oder Demi Moore, hochschwanger als Akt auf dem Titelcover von Vanity Fair.” (Linda Marie Schulhof in ihrem Leibovitz-Porträt im Kalender 2009).

Vielleicht sieht Annie Leibovitz das aber alles nicht so verkniffen und verbissen wie ich. Warum soll eine Feministin nicht auch mal mit einer nackten Frau, lecker und al dente auf einem Teller Spaghetti serviert, für Lavazza Reklame machen und so ihr Geschäft ankurbeln? Vielleicht hat Annie ihr Vermögen durch Lehman Brothers verloren und muß dringend Knete ranschaffen.

Frauenbild

Den Titel des Lavazza-Leibovitz-Kalenders ziert ein Venedig-Motiv. Venedig, die Stadt der Maskenbälle, wird symbolisiert durch eine Frau in weißer Unterwäsche mit einer weißen Halbmaske in Form einer Espressotasse. Hintergrund ist der photogene Markusplatz.

Frauenbild

Und wie wäre es, wenn da stattdessen ein cooler Schwarzer nackt als Othello posiert hätte? Oder wenn Annie Leibovitz einen leckeren nackten Kerl in die parmesan-verschmierten Nudeln gesteckt hätte? Bezüge zwischen männlicher Nacktheit und Nudeln gibt es ja genug. Auch der Kaufmann von Venedig wäre nackt sicher ein echter Hingucker.

Leider musste ich jeglichem Espresso schon vor Jahrzehnten entsagen, denn ich bekomme davon Durchfall. Aber ich fürchte, ich muss trotzdem mal bei Lavazza vorsprechen und mich als Ideenlieferantin empfehlen, um die arme Annie etwas zu entlasten. - Einen Titel für mein Projekt habe ich auch schon: La pazza e Lavazza (die Verrückte und Lavazza).


# | Luise F. Pusch am 23.11.2008 um 09:14 PM • Permalink

16.11.2008

Hadrian ist besser als Baldrian: Bücher zum Einschlafen

Nichts gegen Bücher zum Einschlafen! Für Menschen mit Schlafstörungen sind sie ein Segen. Und da wir immer älter werden und somit immer schlechter schlafen, brauchen wir ein wirksames Mittel gegen Schlafstörungen. Ich habe eins gefunden.

Schon vor Jahren wollte ich eine Glosse über Bücher zum Einschlafen schreiben, aber meine Recherchen und mein Selbstversuch sind erst jetzt zur Reife gelangt, dank einer bösen Schlafkrise im Sommer. Das Ratgeberbuch Say Good Night to Insomnia hatte leider bei mir den gegenteiligen Effekt, genau wie die Werke von unserem Schlafpapst Zulley: Die Sorge, ob ich auch alle Ratschläge der Experten befolgt hatte, machte mich jeweils so nervös, dass an Schlaf nicht mehr zu denken war.

FrauenbildIch besann mich auf gute Erfahrungen, die ich mit Christa Wolfs dröger Stimme beim Einschlafen gemacht hatte: Während ich normalerweise ein Hörbuch zügig durchhöre, dauerte es mit Christa ewig, weil ich jeweils nach zehn Minuten sanft entschlummert war. Es war das Buch Ein Tag im Jahr, und es lieferte mir die erste wichtige Regel:

Ein Buch zum Einschlafen sollte interessant sein, aber nicht aufregend. Für mich jedenfalls sind Thriller nichts zum Einschlafen: Entweder interessieren sie mich nicht, oder sie halten mich wach.

Im August, auf dem Höhepunkt meiner Schlaflosigkeit, die mich mehr und mehr entmutigte und besorgt machte, weil ich tagsüber nur noch herumschlich und jeglichen Elan verloren hatte - im August entdeckte ich mit Kaiser Hadrian die ultimative Schlaftablette oder besser Einschlafhilfe. Tabletten wollen wir ja gerade vermeiden.

FrauenbildMarguerite Yourcenars berühmtes Buch Ich zähmte die Wölfin: Die Memoiren des Kaisers Hadrian stand schon lange vorwurfsvoll und ungelesen in meinem Regal; eigentlich sollte Frau das Hauptwerk der ersten Frau in der Académie Française doch mal gelesen haben. Aber ich brachte es nicht über mich. Das Buch ist intelligent und kenntnisreich und voller Weisheit, aber nur leidlich interessant.

Als Buch zum Einschlafen aber ist es unübertroffen. Seit drei Monaten höre ich es jede Nacht, und nie verfehlt es seine Wirkung! Jetzt habe ich es einmal durch und fange damit wieder von vorne an, denn große Teile habe ich verschlafen. Trotz ständiger Wiederholungen einzelner Kapitel habe ich nur einen verschwommenen Eindruck von dem Werk.

Besonders zu loben ist auch die angenehme Stimme von Johannes Steck, sanft modulierend, aber nicht zu sehr.

Und so wird es gemacht: Am besten kaufen Sie sich eine Ipod oder eine sonstige MP3-Player mit Einschlaf-Timer-Funktion. Sie stellen das Gerät so ein, dass es nach 30 Minuten mit dem Abspielen aufhört. Schließen Sie es an irgendeine Lautsprecheranlage an, ein kleiner Computen-Lautsprecher für 10 Euro reicht völlig. Die Lautstärke sollte so sein, dass Sie es grade noch verstehen können, und ab geht die Post.

Früher las uns die Mutter etwas vor, damit wir besser einschliefen. Älteren Menschen sind die Eltern meist schon weggestorben, oder sie wohnen ganz woanders, außerdem würden sie uns was husten.

Die Ipod oder etwas Ähnliches ist ein vorzüglicher Ersatz. Früher las ich immer was im Bett, das mache ich jetzt nicht mehr, das Licht und das krampfhafte Halten des Buchs helfen nicht beim Einschlafen. Mein Hörbuch wird mir im Dunkeln vorgelesen, und das ist optimal für das Hinübersinken in den Schlaf.

Und warum hilft es beim Einschlafen, wenn wir etwas vorgelesen bekommen? Ablenkung ist das Zauberwort - wie bei kleinen Kindern. Deswegen darf das Buch auch nicht langweilig sein! Ich brauche Ablenkung von Alltagssorgen, aber auch von Ängsten der Marke “Alle Menschen müssen sterben, vielleicht auch ich?”, die nachts viel nagender und unangenehmer sind als tagsüber - eine Folge der Melatonin-Ausschüttung: Wenn das Melatonin uns nicht zum Schlafen bringt, wie es geplant ist, verstärkt es schwarze Gedanken.

FrauenbildWas mache ich, wenn Hadrian mal nicht mehr wirkt? Das nächste Buch zum Einschlafen wartet schon: Orhan Pamuks Der Blick aus meinem Fenster machte beim Reinhören einen vielversprechenden Eindruck.

Einen wichtigen Rat noch aus dem Artikel über “Schlafräuber” in der letzten HörZu (Nr. 45/2008, S. 18): “Ohne Mann schlummern Frauen besser, ergab eine Untersuchung der Universität Wien. Studienleiter John Dittami: ‘Sie reagieren auf Männer, als ob diese Babys wären, und registrieren empfindlich jede Bewegung.’ Dreht er sich um, wird sie wach.”

Auf die spannende Frage, ob frau mit einer Frau besser schläft, ist der Studienleiter wohl gar nicht erst gekommen.


# | Luise F. Pusch am 16.11.2008 um 02:14 PM • Permalink

09.11.2008

Von Männern, die auch Frauen sein können

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar: Fünfundzwanzigste Lektion.

“Der amerikanische Präsident wird nicht vom Volk, sondern von Wahlmännern gewählt” - hörten wir in der vergangenen Woche wieder und wieder in den Medien. Nur ganz wenige sprachen von Wahlmännern und -frauen - oder gar Wahlfrauen und -männern.

Auf Englisch heißen die Wahlfrauen und -männer electors (geschlechtsneutral); sie bilden das electoral college, das Wahlkollegium. Weitere technische Einzelheiten zum Wahlsystem der USA erfahren Sie hier.

Solange in den USA nur Männer wählen durften (bis 1920), war die Übersetzung “Wahlmänner” korrekt. Seither aber hätte mann die obsolete Bezeichnung gern schon mal korrigieren dürfen, aber diese Mühe macht mann sich hier nicht, geht es doch nur um die Interessen von Frauen. Und so fragt das Volk ein übers andere Mal verwundert nach: “Wahlmänner - sind das wirklich nur Männer?” Und wird mit flapsigen bis übel frauenfeindlichen Antworten abgefertigt:

Diese Menschen heißen Wahlmänner. Früher waren das wirklich nur Männer. Heute sind es auch Frauen.

Jeder Bundesstaat bekommt eine gewisse Anzahl von Wahlmännern - (Bevor ein Emma-Einsatzkommando hier die Tür eintritt: Natürlich können das inzwischen auch Frauen sein. Der englische Begriff elector ist geschlechtsneutral, aber anscheinend hat man sich im Deutschen auf “Wahlmänner” festgelegt, warum auch immer. Wer will, kann das Wort im Geiste durch etwas politisch korrektes wie “Wahlmännerinnen” ersetzen.) (Scot W. Stevenson in seinem Blog “Usa erklärt”)

Für solche mannhafte Rede gibt es im Englischen eine treffende Bezeichnung, nämlich “to add insult to injury”: Es genügt nicht, die Wahlfrauen zu übergehen und so zu schädigen. Bevor wir Frauen uns auch nur beschweren, werden wir für eine solche Unverschämtheit schon mal vorsorglich als brutales türeintretendes “Emma-Einsatzkommando” verunglimpft, und mann stellt uns frei, uns mit der Ekelbezeichnung “Wahlmännerinnen” zu “trösten”.

Putzmänner und Hausmänner gibt es noch nicht lange - aber seit es sie gibt, werden diese Männer korrekt bezeichnet und nicht als “Putzfrauen” und “Hausfrauen” lächerlich gemacht. Denn Feminisierung ist in unserer Herrenkultur für einen Mann unzumutbar, die letzte Erniedrigung. Die Liste der Neuschöpfungen speziell für den Mann, der in weibliche Berufsfelder eindringt, ist lang und wohlbekannt:
Krankenschwester > Krankenpfleger; Hebamme > Geburtspfleger; Stewardess > Flugbegleiter; Kindergärtnerin > Erzieher. Usw. usf.

Maskulinisierung der Frau ist im Deutschen hingegen die Norm: Nicht nur sind 99 Sängerinnen und 1 Sänger auf Deutsch zusammen 100 Sänger - auch Wahlfrauen kann mann ruhig 90 Jahre lang unter “Wahlmänner” subsumieren, kräht doch kein Hahn danach.

Die “Wahlmänner” erinnern an die “Buschmänner” aus Afrika. Auch die Buschmänner sind eine typisch männerdeutsche Fehlübersetzung aus dem Englischen, wo sie bushmen heißen, also Buschmenschen oder Buschleute. In ihrer eigenen Sprache heißen sie San oder Khoi.

Auch das Volk der Buschleute oder San besteht mehrheitlich aus Frauen - das ist aber kein Grund, auf die schöne Bezeichnung Buschmänner zu verzichten. Und wenn mann schon von den Frauen reden muß, ja dann heißen sie eben - nein, nicht Buschmännerinnen, aber so ähnlich: Buschmannfrauen.

Ich schlage vor, statt “Mann” demnächst “Weibling” zu sagen, also “Wahlweiblinge”, “Buschweiblinge”, “Feuerwehrweiblinge” undsofort. Das Wort erinnert bildhaft an ihren Ursprung und hilft vielleicht dem verkümmerten männlichen Einfühlungsvermögen ein wenig auf die Sprünge.


# | Luise F. Pusch am 09.11.2008 um 02:29 PM • Permalink

24.08.2008

Komische Heiliginnen

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Einundzwanzigste Lektion.

Neulich bekam ich folgende Email von Brigitte Menne aus Österreich:

Betreff: “Ein schönes Wort aus dem Museum”

Liebe Frau Pusch!
Am Himmelfahrtstag besuchten wir die Landesausstellung “Heimat - Himmel & Hölle” in Ebensee (Salzkammergut).
Bei den Tondokumenten fand sich eine Erzählung aus Sprachinseln der “Volksdeutschen” in Rumänien, wo ich ein Märchen hörte, daraus ungefähr folgender Satz: “...Die alten Leute warnten aber die Jungen: Geht nicht hinaus, es sind nicht eure Geliebtinnen, die ihr hört, sondern das Waldweibel, das euch anlockt um euch zu verderben…”

Mir gefiel die Bezeichnung “Geliebtinnen”, weil diese Mehrzahlform, anders als die üblichen “Geliebten”, zu verstehen gibt, welches Geschlecht gemeint ist. Als Mehrzahl von “die Geliebte” wäre also “die Geliebtinnen” möglich.

Nur ungern antwortete ich ihr, ich fände “die Geliebtinnen” nicht so gut. Der Grund: Wieder ist die Bezeichnung für die Frau eine Ableitung aus einer Grundform (Geliebte), die dann logischerweise für die Männer reserviert ist. Eine Wiederbelebung des Zustands, den wir doch beenden wollen. Außerdem sind diese Formen ungrammatisch (s.u. den Kasten) - aber das ist nicht entscheidend; es macht uns ja sonst durchaus Spass, die Regeln der Männersprache zu ignorieren.

####

Sie kennen sicher auch die beliebte Anrede: “Liebe Genossen und Genossen” - gemeint sind zwar die lieben “Genossinnen und Genossen”, aber es hört sich, schnell gesprochen, oft wie eine Verdoppelung der “Genossen” an. Ich vermute, die lieben Genossen machen das extra, um den blöden Feministinnen die unbeliebten Doppelformen mit Unschuldsmiene um die Ohren zu hauen. Für diesen Trick eignen sich viele Mehrzahlformen auf -en: Absolventen, Kandidaten, Kontrahenten, Passanten, Lieferanten

Gegen “Liebe Studenten und Studenten” wird schon seit geraumer Zeit erfolgreich die neue neutrale Kurzform “Liebe Studierende” eingesetzt.
“Liebe Studierendinnen” - das wurde noch nicht vorgeschlagen. Auch nicht Krankinnen, Gesundinnen, Schuldiginnen, Arbeitlosinnen, Auszubildendinnen oder Teilzeitbeschäftigtinnen.

Die “Studierenden” und “Auszubildenden” etc. wurden ja deshalb erfunden und propagiert, weil sie - zumindest grammatisch - garantiert geschlechtsneutral sind. Diese erwünschte und bei deutschen Personenbezeichnungen relativ seltene Eigenschaft würde durch Formen wie “Studierendinnen” oder “Geliebtinnen” widersinniger- und unnötigerweise wieder aufgegeben.

Neutrale Bezeichnungen haben sicher ihre Nachteile - eben dass sie nicht mehr erkennen lassen “welches Geschlecht gemeint ist”. Wegen dieses Nachteils greift “der Volksmund” nicht selten zur Selbsthilfe und kreiert Mischformen wie

die Heiliginnen (statt “die weiblichen Heiligen”)
die Delegiertinnen
die Abgeordnetinnen
die Erstsemesterinnen
Und natürlich die altbekannten Mitgliederinnen, geboren im ersten Feminisierungsüberschwang der siebziger Jahre.

FrauenbildÄrgerlich ist dabei, daß keine männlichen Mischformen kreiert werden, “Heiliglinge” und “Geliebteriche” usw. könnten doch ebenfalls die Frage klären, “welches Geschlecht gemeint ist”, und “die Heiligen” / “die Geliebten” wären dann die weiblichen Heiligen/Geliebten. Aber Bezeichnungen für Männer werden in unserer Männersprache nicht aus Bezeichnungen für Frauen abgeleitet, basta.

Das Englische - eine Sprache, die wir wegen ihrer schön neutralen Personenbezeichnungen oft beneiden - hat unter den neutralen Formen oft auch zu leiden:

• Erstens sind die Formen oft nur “theoretisch-grammatisch” neutral, gemeint sind und verstanden werden häufig doch nur “Männer”, besonders wenn es um traditionell männliche Berufe geht wie “doctors”, “lawyers”, “pastors”, “executives”. Und gegen dieses automatische Missverstehen läßt sich nur schwer etwas ausrichten. Die deutschen abgeleiteten Feminina und Doppelformen sind umständlich, machen dafür aber Frauen gut sichtbar.
• Zweitens gibt es oft keine elegante, selbstverständliche Art, von Frauen zu sprechen. Auf Deutsch können wir beispielsweise sagen:

“Wir brachten ihn in die Notaufnahme. Die diensthabende Ärztin beruhigte uns, Fred würde schon durchkommen.”
Auf Englisch: “We took him to the ER. The doctor on duty reassured us Fred would make it” - ja wo sollen wir da noch die Info ankleben, daß “the doctor” eine Frau war???

Wie im Englischen mit dem Wort “doctors”, das auch heute noch eher männliche Vorstellungsbilder erzeugt, ergeht es uns im Deutschen mit den Heiligen, Abgeordneten, Geistlichen, Delegierten, usw.
Geliebten? Nicht unbedingt.
Anyway - es ist nicht verwunderlich, dass da etliche zur Selbsthilfe greifen, um die erwünschte Deutlichkeit zu gewährleisten.

Seid also doch umschlungen, ihr komischen Heiliginnen, Delegiertinnen, Abgeordnetinnen und meinetwegen auch Geliebtinnen. “Es gibt keine richtige Sprache in der falschen.” (Thea W. Adorna)

Nur für linguistisch Interessierte (Interessiertinnen??), LinguistikFreaks und ExtremsportlerInnen:

• Substantive, die aus Adjektiven (gesund, heilig, etc.) oder Partizipien (geliebt, delegiert, studierend, etc.) abgeleitet sind, unterscheiden die Geschlechter elegant mittels Differentialgenus wie die/der Heilige, die/der Delegierte, die/der Abgeordnete. Sie brauchen kein -in, “die Heilige” reicht schon. Deshalb gibt’s auch keine Heiligin und daher auch keine Heiliginnen.
• Von Neutra wie “das Kind”, “das Erstsemester” oder “das Mitglied” werden keine Feminina gebildet (die Kindin?, die Erstsemesterin? die Mitgliedin?), und schon gar keine Feminina aus der Pluralform: Kinderinnen? Mitgliederinnen?)

(Dank an Anne Beck für das Heiliginnenbildchen!)

 

 


# | Luise F. Pusch am 24.08.2008 um 04:49 PM • Permalink

Seite 18 von 20 « Erste  <  16 17 18 19 20 >

Seitenanfang

Hedwig Dohm