23.12.2007

Oh du fröhliche, oh du lesbische…

“Fröhlich” heißt auf Englisch “gay” und “gay” heißt - “lesbisch” oder “schwul”. Also frei heraus damit. Es wird Zeit, daß auch unser braves altes Weihnachtslied mal sein Coming Out macht.

Fröhliches Thema heute: Der Freudentanz in der Community nach dem Coming Out von Anne Will und Miriam Meckel vor einem Monat.

Begeistert schlug der Lesben-und-Schwulen-Verband in Deutschland (LSVD) vor, den denkwürdigen Tag ihres Coming Out (17. November) zum Lesben-Feiertag zu erklären. Gute Idee, finde ich. Früher haben wir bei den Schwulen am CSD (Christopher-Street-Day) mitgefeiert, jetzt können wir sie zum AMCOT (Anne-&-Miriam-Coming-Out-Tag) einladen.

Am Ausmaß des Jubels läßt sich das Ausmaß der Unterdrückung ziemlich direkt ablesen. Endlich können alle sehen: Auch wir sind wer, und was für welche! Mit Anne Will und Miriam Meckel sind “zwei von uns” ganz da oben, sie sind bekannt, erfolgreich, jung, schön, sympathisch, brillant und anscheinend auch glücklich. An ihrem strahlenden Glanz können wir uns alle erbauen, das offen Lesbische zieht uns hinan, sozusagen. Das Paar besteht nicht nur aus einer Promi und einer Super-Promi, sondern ist auch noch mehr als fesch - und widerlegt damit das Klischee, alle Lesben sähen aus wie die gewaltige Gertrude Stein mit 60.

Überall war zu lesen, die beiden hätten sich zu “ihrer Liebe” oder “ihrer Homosexualität” bekannt, gerne wurden sie auch “bekennende Lesben” genannt. Haben wir schon mal irgendwo gelesen, zwei Menschen hätten sich “zu ihrer Verlobung” bekannt, oder sie hätten “bekannt”, daß sie verheiratet sind? “Ich bekenne, daß ich zwei Kinder habe” - ist so ein Satz vorstellbar? Ob Anne und Miriam in die Rubrik “relig. Bekenntnis” lesbisch eintragen?

“Bekennen” sollen wir unsere Sünden oder was die Gesellschaft sonst gerade nicht mag, zur Zeit der MärtyrerInnen beispielsweise den christlichen Glauben. Die Wortwahl verrät ziemlich deutlich, daß Liebe zwischen Frauen und Liebe zwischen Männern erst seit kurzem und bei weitem nicht überall geduldet wird. Als ich so alt war wie das holde Paar jetzt, wurde Günter Kießling, ein Vier-Sterne-General der Bundeswehr, von dem gemunkelt wurde, er sei schwul (er war es nicht), von seinem Dienstherrn Manfred Wörner (von dem das ebenfalls gemunkelt wurde) als “Sicherheitsrisiko” des Dienstes enthoben. Es war die Zeit vor der Aids-Katastrophe, die Botschaft wurde verstanden, und alles wurde nach dem fröhlichen Aufbruch der siebziger Jahre erstmal wieder mucksmäuschenstill.

Sprachsensiblere Zeitungen schrieben, Meckel und Will hätten “bekanntgegeben”, sie seien ein Paar. Eine schrieb, sie hätten es “enthüllt”.

Es ist Weihnachtszeit, da hätte vielleicht auch das “Auspacken” nahegelegen: Sie haben endlich mal so richtig ausgepackt, die beiden Glücklichen.

Haben sie aber nicht, vielmehr soll es bei dem einen, strategisch plazierten Satz bleiben “Wir sind ein Paar.”
Ein schöner und stolzer Satz zwar, aber hat die darbende lesbische Community nicht vielleicht mehr verdient? Nein, heißt es, alles weitere sei privat und solle es auch bleiben. Anne Wills Chef, die Medien und die Blogosphäre akzeptierten die Erklärung, denn natürlich: Die Privatsphäre ist uns allen heilig. 

Aber haben wir nicht gelernt, das Private sei politisch? Das Privatleben von Will und Meckel ist sogar derart hochpolitisch, daß sie andernorts deswegen hingerichtet oder gesteinigt würden.
Überhaupt sind hier erstmal ein paar Begriffe zu klären, bevor wir verstehen, was los ist. Nehmen wir Helmut Kohls Privatleben. Er hatte, wie so viele Männer in öffentlicher Stellung, deren zwei: ein offizielles zum Vorzeigen (mit Hannelore Kohl) und ein weiteres mit Juliane Weber, das “privat” bleiben mußte. Anne Will und Miriam Meckel hatten nicht das gesellschaftlich vorgeschriebene heterosexuelle Privatleben zum Vorzeigen. Sie traten die Flucht nach vorn an, um eine gewisse Kontrolle über das Outing zu behalten. Die zivilisierte Gesellschaft gestattet ihnen nun, nach dem “Bekenntnis”, auch dieses eigentlich unerwünschte Privatleben öffentlich vorzuführen.

Mit anderen Worten: Das heterosexuelle Privatleben ist zu großen Teilen öffentlich, insofern die Gesellschaft es vorschreibt. Das lesbische Privatleben ist dagegen notgedrungen wirklich privat, weil es öffentlich überhaupt nicht zugelassen ist. (Hier und im folgenden benutze ich lesbisch statt des häßlichen Wortes homosexuell; Schwule sind natürlich immer herzlich mitgemeint!)
Erst nach dem Kraftakt des Coming Out, dessen Ausgang oft ungewiß ist, darf das lesbische Privatleben sich an die frische Luft wagen. Üblicherweise aber schmusen Schwule und Lesben nicht hemmungslos in der Öffentlichkeit herum, wie Heterosexuelle das gewohnt sind. Tun sie es doch, so auf eigene Gefahr. Oft genug werden sie dafür angepöbelt oder Schlimmeres.

Der Status des heterosexuellen Privatlebens unterscheidet sich von dem des lesbischen wie der Tag von der Nacht. Je mehr Will und Meckel die Erlaubnis zum Öffentlichsein klug nutzen, umso besser für sie selbst und für andere Lesben, besonders da sie als öffentliche Figuren und Sympathieträgerinnen fabelhafte Multiplikatorinnen lesbischer Normalität sein könnten. Ziel ist natürlich eine emanzipierte Gesellschaft, in der das lesbische Privatleben öffentlich genau so frei dargestellt werden darf wie das heterosexuelle. Erreicht wird das Ziel mit Hilfe der Normativität des Faktischen, durch selbstbewußte öffentliche Darstellung des lesbischen Privatlebens nach dem schönen Motto: We’re queer, we’re here, get used to it!

Deshalb ist die Mitteilung, mit dem “Bekenntnis” Wir sind ein Paar habe sich die Sache und der Rest sei privat, so enttäuschend und auch ein wenig kurzschlüssig. Mühsam erkämpftes Terrain wird ohne Not aufgegeben, statt nun zügig weiter ausgebaut zu werden. Da ist Wowi doch schon ein gutes Stück weiter.

Sicher haben die Polit-Talkerin Will und die Kommunikationswissenschaftlerin Meckel über all dies auch schon viel nachgedacht. Ich bin gespannt auf ihren nächsten kühnen Schritt.
Bis dahin freuen wir uns einfach an dem schönen Geschenk, das da endlich ausgepackt wurde und führen weitere Freudentänze auf zu Carolina Brauckmanns wunderbarem Song “Sie sind ein Paar!”, der hier runtergeladen werden kann.

# | Luise F. Pusch am 23.12.2007 um 02:48 AM | Druckversion

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14.12.2007

Weihnachtsgeschenke

Gestern abend sahen wir zwei Folgen der Serien CSI (Crime Scene Investigation) und Without a Trace. In den Werbepausen wurden wir unablässig behämmert mit letzten Geschenktips für sie, für ihn und die lieben Kleinen. Weil CSI diesmal noch blutverkrusteter und leichenstarrer war als üblich, empfand ich die Anzeigen direkt als erholsam.

Im Gedächtnis geblieben ist mir besonders die Großartigkeit der Geschenke des Herrn für die Dame. Meist drückt er seine Liebe mit Schmuck aus, vorzugsweise aus Diamanten. Während er ihr das Geschmeide anlegt, blickt er zärtlich zu ihr hinunter und sie hinauf zu ihm. Und sie schmilzt und vergeht förmlich vor Freude und dankbarer Hingabe. Und ab in die Heia, seine Rechnung wird schon aufgehen.

Manchmal bekommt sie auch einen Rennschlitten von ihm, und das haut sie dermaßen um, daß sie in Ohnmacht fällt. Er steht lässig daneben, schaut zufrieden auf sie hinunter und murmelt “priceless”, im Hintergrund funkelt triumphierend seine Mastercard.

Und die Frau, was schenkt sie ihm, außer dieser reizenden Hingabe? Nun, viel Geld hat sie ja nicht, aber immerhin hat sie ihm, als Folge des Getümmels in der Heia, all diese Kinder geschenkt, die nun auch beschenkt werden müssen. Bei dieser schwierigen Aufgabe stehen ihr viele Firmen zur Seite. Für die “kleine Hausfrau von morgen” hat z.B. die Firma Interspar folgendes parat: „Staubsauger mit realen Funktionen und abnehmbarem Staubbehälter, inkl. Pellets zum Aufsaugen. Putzwagen mit reichhaltigem Zubehör wie z.B. Eimer, Besen, Wischmop, Schwamm, Staubtuch, Schaufel, uvm.“ Preis 29,90 EUR
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Für den Knaben schlägt dieselbe Firma das Lego-Duplo Bauernhof-Set vor, das überwiegend aus Maschinen besteht (Mähdrescher, Traktor) und 59,90 EUR kostet.. (Dank an Claudia Beyer für den Hinweis auf diese Anzeige!)

Auch die Firma Tchibo läßt uns nicht im Stich: Für ihren neusten Newsletter haben sie sich wieder etwas Schönes ausgedacht:

Liebe Frau Pusch,
Dieser vorweihnachtliche Höhepunkt ist das glanzvollste Ereignis des Jahres: die Wahl der neuen Miss Christmas. Deshalb werfen wir einen Blick vor und hinter die Kulissen, wenn sich die Schönsten der Schönen besonders feminin in glamouröser Mode und sinnlichen Dessous präsentieren.

Frauenbild

Das glanzvollste Ereignis des Jahres ist nichts als heiße Luft. Eine Misswahl findet nicht statt, „Miss Christmas“ dient nur als Vorwand, die sinnlichen Dessous zu präsentieren.

Die Abteilung für ihn heißt bei Tchibo „Stille Pracht“, ist in Grau, Braun und Schwarz gehalten und besteht hauptsächlich aus Hemden, Krawatten, Socken und Lederjacken. Wohl damit die Pracht angesichts dieser Tristesse nicht gänzlich stilliegt, sollen sich die Schönsten der Schönen besonders feminin in glamouröser Mode und sinnlichen Dessous präsentieren. Und da sie ja auch ihre Diamanten schon bekommen haben, werden sich die Schönen bestimmt nicht lumpen lassen. Immerhin ist Weihnachten das Fest der Liebe.

# | Luise F. Pusch am 14.12.2007 um 05:42 PM | Druckversion

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08.12.2007

Die reine Jungfrau zart

(Ein Beitrag zur Weihnachtszeit und zum Internationalen Tag gegen Männergewalt an Frauen am 25. November)

Jungfrauen gibt es viele, von dem gewaltigen Bergmassiv in den Berner Alpen über die Heilige Jungfrau und Muttergottes bis hin zum Sternzeichen Jungfrau. Reinhold Messner ist eine Jungfrau, und bestiegen hat er die Jungfrau bestimmt auch schon. Oskar Lafontaine, Admiral Dönitz, Alexander von Humboldt, Theodor Storm, Richelieu, Tolstoi, Cesare Borgia - alles Jungfrauen. Männer halten Jungfernreden (maiden speeches), Schiffe machen Jungfernfahrten (maiden voyages) - über Jungfrauen ließen sich Bände füllen.

Für Henriette Davidis war Jungfrau sogar ein Beruf: In ihrer Ratgeberin Der Beruf der Jungfrau: Eine Mitgabe für Töchter gebildeter Stände (1857) teilt sie der lernbegierigen Jungfrau u.a. mit, daß es drei Arten der Liebe gebe: Die Mutterliebe, die Kindesliebe und die Nächstenliebe. Von der Liebe zum Manne hielt sie wohl nichts; sie selbst blieb auch lieber Jungfrau.

Diese bewegenden Tatsachen will ich heute aber außer Acht lassen. Es geht mir um die Reinheit der Jungfrau. Ihre Reinheit besteht offenbar in ihrer “Unberührtheit”, die dann auf andere unberührte Schönheiten übertragen wird, wie den jungfräulichen Schnee und den jungfräulichen Boden (virgin soil).

Rein ist das junge Mädchen nach dieser Auffassung auch dann, wenn sie noch nicht menstruiert hat. Die Menstruation gilt in vielen patriarchalen “Kulturen” als etwas ganz und gar Unreines. Nachzulesen z.B. in Shuttle & Redgroves Die weise Wunde Menstruation.

Wie schon Mary Daly festgestellt hat, sind Patriarchen von der Idee der Reinheit besessen. Eine Jungfrau, gerne auch “reine Jungfrau”, ist eine Frau, die noch “von keinem Manne erkannt”, d.h. penetriert wurde. Daß die Frau bei dem Vorgang möglicherweise auch aktiv beteiligt war und sich sein bestes Stück “einverleibt hat” statt bloß “penetriert zu werden”, kommt gewöhnlich nicht zur Sprache. Noch weniger, daß der erste Geschlechtsverkehr mit einer Frau den “Jungmann” zum Manne machen könnte.

Die obsessive Beachtung der Reinheit führt direkt zur sexuellen Gewalt gegen Mädchen, denn der Mann will eine reine Braut, eine die vor ihm noch niemand benutzt hat. Und je jünger sie ist, umso größer ist naturgemäß die Wahrscheinlichkeit der Unbenutztheit. In Südafrika wurden weibliche Babys vergewaltigt, weil die Männer glaubten, die Penetration eines “unschuldigen” weiblichen Wesens könne sie von Aids heilen.

Was selten diskutiert wird, ist die Frage, warum die Frau durch den Verkehr mit einem Mann nicht nur “zur Frau” wird, sondern “ihre Reinheit” und “Unschuld” verliert. Der Mann hat sie mithin besudelt. Offenbar hat er keine besonders schmeichelhafte Auffassung von sich selbst oder seinem Sperma.

Es sähe ihm doch eher ähnlich, sein Sperma genau wie den Phallus zu vergöttern und die Frau, die er damit beglückt hat, als veredelt zu preisen.

Der Widerspruch hängt vermutlich mit dem Konkurrenzkampf unter Männern zusammen. Das eigene Sperma mag wundervoll sein, aber das Sperma der anderen verunreinigt die Braut, sie ist dann nichts mehr wert.

Und wie geht die moderne Frau mit diesem Schwachsinn um? Ein alter feministischer Witz gibt für den Anfang einen guten Rat:

Wenn er dich fragt, ob er der Erste ist, schenkst du ihm einen prüfenden Blick und teilst ihm mit: “Schon möglich. Du kommst mir irgendwie bekannt vor.”

Weitere Aspekte des bis heute (Stichwort “Ehrenmorde”) tödlich gewaltbesetzten Themas würden wie gesagt Bände füllen.

# | Luise F. Pusch am 08.12.2007 um 09:14 PM | Druckversion

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02.12.2007

Ihr Matenkind und sein Patenkind

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Zehnte Lektion

Heidi aus Bozen wurde neulich Patentante der kleinen Anna Sofie, und wie wir diese Wortklauberin kennen (so nennt sie sich selbst), ist sie mit den Bezeichnungen “Patin”, “Patentante” und “Patenkind” gar nicht einverstanden. Riecht alles zu streng nach “Pater”, “Patriarchat” und Mafia - und was hätten wir Frauen damit zu schaffen?

Abgesehen von den Mafia-Assoziationen ist die “spirituelle Elternschaft” aber in Italien sprachlich sehr hübsch geregelt, neben dem Padrino (Patenonkel) haben wir die Madrina (Patentante). So auch im Spanischen. Auch im Englischen herrscht oder frauscht Symmetrie: godfather, godmother und godchild, dito im Schweizerdeutschen: der Götti steht neben der Gotte oder Gotti.

FrauenbildDer altmodische Gevatter ist wohl kein brauchbarer Ausgangspunkt für eine passende Bezeichnung, erstens wg Gevatter Tod, zweitens Gemutter?? Nein, das paßt nicht, schon gar nicht für Heidi.

Meine Mitschwestern von Safia e.V - Lesben gestalten ihr Alter haben ja das Problem schon lange für sich gelöst. Als ich ihrer Schwesternschaft beitrat, wurde ich von Anke Schäfer herzlich begrüßt: “Ich bin deine Mate”. In den offizielleren Verlautbarungen heißt es noch “Patin”, aber die Safias haben das untereinander und informell schon bestens geregelt. Sehr empfehlenswert auch anstelle von “Mentorin” und “Mentee”: Mate und Mati!

Mate erinnert an den südamerikanischen Mate-Tee und an das englische Wort “mate”, das wir bald wieder viel hören werden, wenn Hillary sich ihre oder ihren “running mate” für ihr Präsidentschaftsticket auswählt.

Ja, Mate gefällt mir, es hat so vielfältige und überwiegend positive Anklänge und Verwandtschaften, dagegen sind die Assoziationen für den “Paten” dürftig bis finster.

Ob wir allerdings die oder den P-Mate unbedingt brauchen, um wie die Paten und ihre Geschlechtsgenossen im Stehen pinkeln zu können, weiß ich nicht so recht.

# | Luise F. Pusch am 02.12.2007 um 04:29 PM | Druckversion

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25.11.2007

Übung macht die Maestra

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Neunte Lektion

Nach dem Feminar zur Sprachkritik in Bozen luden meine Freundinnen Heidi und Ingrid mich zum Abendessen ein. Beim Nachtisch (Eis mit selbstgemachtem Holunda-Likör) diskutierten wir das Problem von Ingrids “master’s thesis”, die sie in Kürze abgeben muß. Sie macht damit, nach vier Semestern Studium, ihren “Master of Advanced Studies in Palliative Care” am IFF, dem Institut für Fortbildung und Forschung der Uni Klagenfurt. Die Arbeit muß in geschlechtergerechtem Deutsch abgefaßt sein, sonst wird sie nicht angenommen.

Diese Vorschrift ist einerseits sehr erfreulich, andererseits kann Ingrid ihr ja nicht gut nachkommen, wenn sie die Arbeit mit “Master-Arbeit von Doktorin Ingrid W.” untertitelt. Was tun?

“Ich spreche in letzter Zeit öfter von meiner Webmeisterin, schlug ich vor. Webmaster steht einer Frau nicht, webmistress geht höchstens als Witz und ist für seriöse Geschäftskorrespondenz nicht geeignet.

Aber Meisterinnenarbeit gefiel uns auch nicht. Zu lang und zu plump.

Bis zur europaweiten Einführung des Master-Studiengangs sprachen wir ja von der Magistra-Arbeit. Die Durchsetzung dieses Worts hat viel Einsatz gefordert - nun ist es schon wieder überholt.

Maastricht? Maastrix? - wir drifteten ab ins Absurde, was bei solchen Diskussionen immer schnell passiert.

Maestra - kam mir plötzlich die Erleuchtung. Sie gefiel uns allen auf Anhieb.

Maestro ist international die ehrfürchtige Anrede für Dirigenten; für Dirigentinnen hat sich Maestra durchgesetzt. Eine schöne Assoziation, viel schöner als die an “master and slave”.
Und für eine Südtirolerin, die als Kind ihre Grundschullehrerin als “Maestra” ansprach, eine sehr naheliegende und vertraute Lösung. Nun ist Ingrid bald selber eine Maestra.

Die Leute an der Uni Klagenfurt, die über die geschlechtergerechte Sprache zu wachen haben, werden von Ingrid und ihrer Maestra-Arbeit entzückt sein.
Und ich spreche ab sofort nur noch von meiner Webmaestra.
Sind sonst noch Master-Ektomien fällig? (Variation des berühmten Wortspiels von Mary Daly: Lieber MisterEctomy als HysterEctomy).
Die Master-Card und die Maestro-Card können so bleiben - oder?

# | Luise F. Pusch am 25.11.2007 um 11:56 PM | Druckversion

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17.11.2007

Bürgerkommune im Direktsaft

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Achte Lektion

Bei Aldi in der Schlange. Mein Vordermann hat einen Block mit Saftkartons auf das Band gehievt. “Direktsaft” lese ich und frage ihn, “Was ist das denn? Das Wort habe ich noch nie gehört.”
“Weiß ich auch nicht”, meint er. “Soll aber sehr gut sein.” “Hauptsache!” sage ich, und wir lachen beide.

Vom Direktsaft direkt zur Direktkommune. Ja, das war’s doch! Schon seit Wochen suche ich nach einem brauchbaren Ersatz für das Wort Bürgerkommune; eine Bürgerin der Stadt Herford hatte mir nämlich geschrieben:

„Herford will eine “Bürgerkommune” werden. Der Begriff stört mich; ich weiß aber keine knappe, ebenso einprägsame sprachliche Alternative, die Frauen und Männer gleichzeitig anspricht.
Bürgerinnen- und Bürgerkommune ist halt gleich sperriger. Wüssten Sie vielleicht ein richtig gutes, geschlechtergerechtes Wort? Viele Grüße aus Herford!“

Ich denke, es gibt - wie so oft - zwei Möglichkeiten: Wir können das Symptom kurieren - oder die Krankheit. Mit anderen Worten: Wir können einen hübschen Ersatz nur für „Bürgerkommune“ suchen, oder eine Lösung für alle Fälle entwickeln, die wie die „Bürgerkommune“ funktionieren, z.B. Bürgerzentrum, Bürgersteig, Pendlerpauschale, Mitfahrerzentrale, Lehrerzimmer, Fußgängerzone, Wählerinitiative, Mieterverein, Kanzleramt, Führerschein, Staatsbürgerschaft, Weltmeisterschaft, etc. pp.

Erstens - Therapie für das Symptom

Was ist überhaupt eine Bürgerkommune, werden die meisten fragen. Im wesentlichen geht es, wie Wikipedia mitteilt, um “BürgerInnennähe” und Mitwirkung der BürgerInnen an der Gestaltung der Kommune.
Als Alternativen zu Bürgerkommune sind mir dementsprechend bisher folgende Wörter eingefallen:
• Graswurzelkommune
• Mitmachkommune
• Zivilkommune (wie Zivilgesellschaft und Zivilcourage, von lat. civis “BürgerIn”)
• Eigenkommune, wie Eigenheim.

Am besten aber gefällt mir im Moment “Direktkommune”, wie Direktverbindung, Direktzugang oder “Die Kanzlerin direkt”, Angela Merkels Video-Podcast. Abkürzbar zu D-Kommune, was auch noch schön nach Deutschland klingt. Die BürgerInnen werden vielleicht nicht wissen, was Direktkommune bedeuten soll, aber erstens gilt das genau so für “Bürgerkommune”, und zweitens ist das ja, wie das Beispiel Direktsaft zeigt, auch gar nicht nötig. Hauptsache, sie wissen, daß es was Gutes ist. Und dafür steht schon das D wie Deutschland, oder erhebt da etwa eine Einspruch?

Zweitens - Umfassende Therapie

In einer früheren Lektion hatten wir gelernt, daß sich die Endung -a für diverse Reparaturmaßnahmen an der deutschen Männersprache vorzüglich eignet.
Inzwischen finde ich dieses -a besonders hilfreich für Fälle wie “Bürgerkommune”. Wir machen daraus einfach eine

Frauenbild

und entsprechend: Pendlapauschale, Fußgängazone, Lehrazimmer, etc.

Diese Wörter klingen wie die alten, schreiben sich aber fortschrittlicher. Das -a zeigt an, daß beide Geschlechter gemeint sind. Bei den alten Wörtern auf -er haben wir Bürgerinnen diesbezüglich unsere berechtigten Zweifel.

Auf unser aller Wohlsein in der D-Kommune, Direktkommune oder Bürgakommune trinke ich nun einen herzhaften Schluck Direktsaft.
Und wenn demnächst eine andere Herforderin statt Herford lieber Frauford sagen möchte, werde ich abraten. Herr fort? Ausgezeichnet!

PS: Weitere Reparaturvorschläge sind herzlich willkommen. Einfach unten auf “comments” klicken und ins Kommentarfeld eintragen

# | Luise F. Pusch am 17.11.2007 um 10:02 PM | Druckversion

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09.11.2007

Pippi Langstrumpf, Harry Potter und Co.

In diesem Monat (November 2007) würdigt FemBio ungewöhnlich viele Kinderbuchautorinnen: In der ersten Woche Else Ury zum 130. Geburtstag, in der zweiten Elise Averdieck zum 100. Todestag, in der letzten Louisa May Alcott zum 175. Geburtstag. Und jetzt in der dritten Woche Astrid Lindgren die Große zum 100. Geburtstag. Ihre Verlage und alle anderen Lindgren-Fans kommen schon das ganze Jahr aus dem Feiern nicht mehr heraus.

Eine Leserin schrieb mir neulich, ob ich nicht mal was zu dem eklatanten Sexismus in den Harry-Potter-Büchern sagen wolle. Ich muß zugeben, ich kenne mich mit Harry Potter kaum aus, habe mich nur immer gefreut, daß mit J.K. Rowling mal eine Frau das richtig große Geld abräumt.

Ich habe nur den ersten Potter-Band gelesen und den ersten Potter-Film gesehen, mehr mußte es nicht sein, schließlich bin ich kein Kind mehr, sondern eine Matrone. Rowlings übersprudelnder Einfallsreichtum gefiel mir sehr, aber ihre Charaktere fand ich zu flach. Und natürlich zu männlich insgesamt, da halfen auch Hermione/Hermine und die paar Lehrerinnen nicht, deren Namen ich vergessen habe. Männerhorden reichen mir schon in der Wirklichkeit. Bei meiner Lektüre bevorzuge ich eine schöne weibliche Mehrheit als Gegengewicht - oder mindestens Ausgewogenheit.

Ich bin mit den ausgewogenen Kinderbüchern von Elise Averdieck aufgewachsen, die meine Großmutter durch den Krieg gerettet hatte und die damals schon hundert Jahre alt waren. Sie hießen Karl und Marie und Roland und Elisabeth - die Reihenfolge zwar wie gewöhnlich, aber es kommt doch wenigstens ein Mädchen im Titel vor. Bei Heidi und Alice im Wunderland wurde es dann noch besser.

Aber als ich acht war, brachte mein Bruder Karl-May-Bände mit nach Hause, die Schulfreunde ihm geliehen hatten. Ich durfte sie nach ihm lesen - noch mit zwölf schwärmte ich für den edlen mädchenhaften Winnetou.

Mein Bruder war es auch, der mich mit Mickymaus- und anderen Comic-Heften bekanntmachte, wie Prinz Eisenherz, Tarzan und Fix und Foxi. Die Erwachsenen sahen unsere Begeisterung für die Comics nicht gern, sie fanden die Bildchen wohl nicht so bildend. Wirklich fatal ist natürlich, daß keine Frauen vorkommen, wenn doch mal, sind sie dumm und/oder hysterisch wie Daisy Duck oder später Miss Piggy.

In der Sexta lieh mir eine Mitschülerin den ersten Pippi-Langstrumpf-Band, 1954 war das, ein kleines festes blaues Buch. “Pippi” erinnerte mich an Pipimachen, das war mir peinlich. Aber im übrigen fand ich Pippi toll und verschlang alle drei Bände.

Nesthäkchen, Trotzkopf und Pucki las ich nur selten, ab 13 dann sowieso lieber Dostojewsky und Thomas Wolfe; Der Idiot und Schau heimwärts, Engel haben mich tief erschüttert. Erst mit 15 entdeckte ich die wunderbare Welt der Literatur von Frauen und bin seither darin verblieben: Jane Austen, Katherine Mansfield, Virginia Woolf und Carson McCullers liebte ich so sehr, daß ich beschloß, Englisch zu studieren, was ich dann auch tat.

In den sechziger Jahren las ich gerne die Peanuts, und noch immer fiel mir zum Personal nichts auf, dabei gibt es bei den Peanuts an weiblichen Gestalten nur die Furie Lucy.

Fazit: Es gibt Mädchenbücher (Heidi, Nesthäkchen, Trotzkopf, Pucki), die kein Junge anrührt. Dann gibt es “Kinderbücher”, die meistens Jungenbücher sind, aber nicht so heißen. Sie werden Mädchen und Jungen angedient und von beiden konsumiert. Die Mädchen - und ihre Eltern! - merken in der Regel (so wie ich früher) gar nicht mal, daß sie im Dschungelbuch, bei Tom Sawyer und Huckleberry Finn, in Entenhausen, bei Winnie Puuh, den Peanuts, dem Herrn der Ringe, Asterix und Obelix, in der Muppet-Show, der Sesamstaße und jetzt in der Harry-Potter-Serie kaum vorkommen.

Und dann gibt es noch das Wunder Pippi Langstrumpf, ein Mädchen mit den Insignien der Männerherrschaft: Kraft, Reichtum, Unabhängigkeit. Sie hebt spielend ihr Pferd von der Veranda, bedient sich und andere reichlich aus ihrem Vorrat an Goldstücken, Eltern zum Dreinreden sind nicht vorhanden.

Die Kinderbuchautorinnen haben meist eine gemischte Kinderschar im Auge. Daß es auch Mädchen gibt, ist ihnen nicht entgangen, und sie versuchen dieser Tatsache gerecht zu werden, manchmal gar, dem Männlichkeitsdrall bewußt entgegenzusteuern und die hingebungsvollsten unter ihren LeserInnen mit einer weiblichen Heldin ganz gezielt aufzubauen, ihnen Identifikationsfiguren anzubieten, wie es heute heißt.

Bis auf die Ausnahmeerscheinung des mädchenliebenden Mathematikprofessors Dodgson alias Lewis Carroll (Alice im Wunderland) scheren sich männliche Autoren, angefangen bei Karl May, über A. A. Milne, Tolkien, Disney und Charles M. Schulz bis hin zu den Franzosen Goscinny und Uderzo den Teufel um Mädchen; sie basteln unbeirrt an ihren männlichen Universen, in denen weibliche Menschen nichts zu suchen haben.

Daß auch J.K. Rowling mitbastelt, ist verdammt schade. Und daß Astrid Lindgren nicht mehr ist, ist ein ewiger Jammer. Aber wir haben ihre Werke. Und auch den Nils Holgersson ihrer großen Landsfrau Selma Lagerlöf (deren 150. Geburtstag wir nächstes Jahr um diese Zeit feiern). Was wäre der kleine Däumling ohne seine weise Beschützerin Akka von Kebnekajse, die Anführerin der Wildgänse?

Nachtrag: Meine Nichte, inzwischen 15, war verrückt nach Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg von Elfie Donnelly und den Wilden Hühnern von Cornelia Funke, bevor sie Harry Potter verfiel. Matrone hin oder her, ich muß jetzt endlich auch Donnelly und Funke hören, lesen und sehen! Sie scheinen würdige Nachfolgerinnen Astrid Lindgrens zu sein.

# | Luise F. Pusch am 09.11.2007 um 10:17 PM | Druckversion

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02.11.2007

Männlichkeiten

In den 90er Jahren war der Dekonstruktivismus im Volk angekommen; wir lernten, daß es nicht nur DIE Literatur gibt, sondern VIELE Literaturen. Die Feministinnen sprachen nicht mehr nur von Männlichkeit, sondern von verschiedenen Männlichkeiten, “masculinities”. Die Männlichkeit von Hooligans unterscheidet sich z.B. erheblich von derjenigen buddhistischer Mönche.

Ich hatte in den letzten Tagen reichlich Gelegenheit, zwei sehr unterschiedliche Männlichkeiten zu studieren.

Zum einen gab es in Boston, wo ich mich gerade aufhalte, massives Getöse wegen der sogenannten World Series (was trotz des weltumspannenden Namens nur “(nord)amerikanische Baseball-Meisterschaft” bedeutet): Die Boston Red Sox hatten es wieder bis in die Endspiel-Serie gebracht.

Baseball hat mich nie interessiert; ohne Kenntnis der Regeln ist das Zuschauen langweilig bis eklig, und zum Erlernen der Regeln habe ich mir nie die Zeit genommen.

Diesmal aber hatte ich Zeit, denn meine amerikanische Familie wollte die Spiele sehen und beantwortete geduldig alle meine Fragen, auch die dümmsten.

Es gefiel mir, daß der Jugendwahn sich beim Baseball in Grenzen hält; die Spieler waren gestandene Männer. Spannend auch, daß fast alle Spieler mehrere Funktionen haben und entsprechende Fertigkeiten pflegen müssen, als Schläger, Fänger, Läufer, Mittelfeldspieler usw..

Eigentlich ein schönes Spiel - wenn die Männer nur nicht spucken würden wie die Lamas, andauernd und in Großaufnahme. Entweder mahlten sie den Kautabak stoischen Blicks zwischen ihren gewaltigen Kinnladen hin und her, oder sie spuckten um sich, und die Kamera folgte der Spucke, als wäre sie ein besonders geschickt geworfener Baseball. Fußballspieler sind ja auch berüchtigt für ihre Spuckerei, aber im Vergleich zu dem, was die Baseballspieler aus sich herausholen, ist das nur ein sanftes Nieseln.

Übrigens ist mir kein Sport bekannt, bei dem Frauen wild um sich spucken. Vielleicht kommt der Frauen-Baseball nicht recht voran, weil die Frauen das baseballgerechte Spucken nicht über sich bringen.

Schon Charles Dickens hat auf seiner Amerikareise 1842 mit Ausdauer und Abscheu darüber Buch geführt, wie die amerikanischen Männer alles mit schwarzer Kautabak-Soße überziehen. Einmal erzählt er von einem “perfect storm”, einem Spuck-Hurrikan, dem sein Mantel zum Opfer fiel. In geschlossenen Räumen müsse man durch einen schwarzen Schleim waten, in dem man leicht ausrutsche…

Die Amerikaner finden, Dickens habe mächtig übertrieben, aber wenn ich die eklige Spuckerei der Baseball-Helden der Nation sehe, kommen mir seine Schilderungen irgendwie plausibel vor, denn das Publikum scheint mit diesem Benehmen einverstanden zu sein.

Die Red Sox gewannen in Denver, und Boston bereitete ihnen zur Heimkehr einen tosenden Empfang. Es gab eine Parade, Ansprachen des Bürgermeisters, undsoweiter.

Während des Begrüßungsrummels waren Joey und ich gerade in der Orthopädie des Brigham & Women’s Hospital zwecks Nachsorge für ihr gebrochenes Handgelenk. Wir wurden in den Cast Room geschickt, wo die Verbände von zwei behutsamen Krankenpflegern angelegt oder abgenommen werden, dann in die Röntgenabteilung, und zum Schluß hatten wir eine Audienz bei der Chirurgin. In den diversen Warteräumen lief leise der Fernseher und zeigte die triumphale Rückkehr der millionenschweren Baseball-Helden - aber niemand kümmerte sich darum. Die Leute hier hatten andere Sorgen. Ich aber schaute hin und wieder hin - das Spucken hatte aufgehört, und einen der Spieler sah ich sogar lächeln; er war kaum wiederzuerkennen.

Mir gefiel die Atmosphäre im Krankenhaus, besonders die ganz andere Männlichkeit, die dort zu erleben war. Die Männer kamen hereingehumpelt und ließen sich lammfromm von den Krankenschwestern hin und herschicken, ganz wie Joey und ich. Als hilfreiche Begleiter warteten sie geduldig mit ihren alten Müttern, frisch operierten Partnerinnen oder kleinen Kindern, bis auch deren Zeit mit der Chirurgin gekommen war. Diese war tüchtig und freundlich, aber bestimmt. Ihre Sprechstundenhilfe war ein etwas ungeschickter junger Mann.

Diese Männlichkeit unterschied sich kaum von Weiblichkeit. Kein Mann spuckte schwarze Soße in den Raum.

Es heißt, daß über kurz oder lang jeder Baseballspieler in der Orthopädie landet. DIE Gelegenheit, eine andere Männlichkeit zu praktizieren.

# | Luise F. Pusch am 02.11.2007 um 02:58 PM | Druckversion

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27.10.2007

“Mehr Stolz, ihr Frauen!” (Hedwig Dohm)

Neulich schlenderte ich durch die Lister Meile, Hannovers Fußgängerinnenzone hinter dem Bahnhof. Im Vorbeigehen las ich die Titel zweier großer Bücher im Schaukasten einer Buchhandlung: 50 Klassiker: Film und 50 Klassiker: Frauen.

Ich ging weiter, blieb aber dann abrupt stehen. Hatte ich richtig gelesen?

Ich kehrte zurück. Ja tatsächlich. Es handelte sich anscheinend um eine ganze Serie mit dem Titel 50 Klassiker. Untertitel nannten die jeweiligen Gebiete: Film, Oper, Skulptur, Architektur, Romane. Es gab auch Photographen, Philosophen, Deutsche Schriftsteller, Heilige und Naturwissenschaftler. Künstlerinnen gab es auch. Und - Frauen.

“Die Frau ist ein Gegenstand unter anderen in seinem Kulturbeutel”, schrieb ich schon vor 20 Jahren zu solchen Arrangements.

Als ich einer Freundin von meiner Beobachtung erzählte, fragte sie mich, weshalb ich mich denn eigentlich aufregte. Die Leistungen von Frauen bekannt zu machen und zu würdigen, sei doch sehr löblich. Ich selbst täte doch seit Jahrzehnten nichts anderes.

“Genau”, sagte ich. “Aber was der Gerstenberg-Verlag da macht, diese massive Reihe 50 Klassiker, und irgendwann am Schluß werden dann noch die Frauen nachgereicht, unmöglich!”

“Offenbar ist es doch möglich und verkauft sich bestimmt auch noch bestens”, sagte meine Freundin trocken.

Das Problem der “Frauen-Ecke” beschäftigt uns ja seit Beginn der Neuen Frauenbewegung. Brauchen Frauen eine Spezialbehandlung oder wäre konsequentes “Gender-Mainstreaming” wie jüngst auf der Documenta die richtige Lösung? Ich neige zu letzterem, aber die Verhältnisse, sie sind nicht so. Als Vorstufe brauchen wir schon die Frauen-Ecke - aber nicht jede!

Vor zwei Wochen schrieb mir meine Freundin Eva Rieger: „Ich bin gebeten worden, ein Komponistinnenlexikon herauszugeben, nun frage ich herum und höre von einigen Komponistinnen, daß sie gar nicht mehr getrennt aufgeführt werden wollen. Wie siehst Du das? Sie sind mit einer getrennten Aufführung natürlich immer wieder das Andere, das nicht-zum-Eigentlichen-Zugehörige, sonst wäre es ja nicht nötig, sie aufzuführen, und gerade diejenigen, die Karriere gemacht haben, möchten das nicht sein. Es ist schon verzwickt derzeit.“

Ich schrieb Eva dazu: „Ich würde sagen, die Komponistinnen gehören in beide Lexika, das allgemeine und das spezielle. Schließlich haben Frauen Jahrhunderte an Vernachlässigung aufzuholen und können gar nicht präsent genug sein.“

So dachten wohl auch die Verantwortlichen des Harenberg- und des Beck-Verlags. Sie brachten je einen Band über berühmte Persönlichkeiten und einen über berühmte Frauen heraus. So ist’s recht!

Es kommt immer auf den Kontext an, wie bei dem Scherflein der armen Witwe. Wenn ein Billionär für Hilfsbedürftige nur ein Scherflein übrighat, ist das eine Beleidigung und sollte zurückgewiesen werden. Wenn eine arme Witwe dieselbe Summe opfert, ist es eine gute Tat.

Die Benachteiligten selber werden meist sagen, ist mir doch egal, woher das Geld kommt, ich kann es auf jeden Fall gebrauchen und werde auch das Scherflein des Billionärs nicht ablehnen. Stolz kann ich mir einfach nicht leisten.

Wir Frauen entscheiden derzeit, während alles noch so “verzwickt” - d.h. von gerechten Zuständen Lichtjahre entfernt - ist, am besten von Fall zu Fall, ob wir uns Stolz leisten wollen oder nicht. Gerstenbergs 50 Klassiker: Frauen jedenfalls werde ich mir erst dann anschauen, wenn sie mit dem Pendant - 50 Klassikerinnen: Männer - herausgerückt sind. Den Platz in unserem Kulturbeutel haben Männer sich doch redlich verdient. Gute Vorbilder sind die alten Bände aus den zwanziger Jahren, die von verschiedenen Verlagen (Lux, Löwith, Kaiser) seit den fünfziger Jahren nachgedruckt und billigst angeboten werden: Grosse Frauen/Männer der Weltgeschichte: Tausend Biographien in Wort und Bild oder die Reihe aus dem Tauchaer Verlag: Von Thüringens / Sachsen-Anhalts berühmte Frauen/Männer bis zu Sachsen-Anhalts böse Weiber / Kerle.

# | Luise F. Pusch am 27.10.2007 um 01:16 PM | Druckversion

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21.10.2007

Lessings Neffe

Seit gut 200 Jahren kennen wir „Rameaus Neffe“ von Diderot in Goethes Übersetzung - war das klassische Werk des großen Aufklärers nur das Prequel zu „Lessings Neffe“??

Aber der Reihe nach: Vor einer Woche hatte ich einen Workshop zur feministischen Sprachkritik in Graz. Getreu dem Titel der Veranstaltung schickte ich die TeilnehmerInnen an die Arbeit und ließ sie u.a. den lehrreichen Zeitungsartikel „Der Kaiser sagt Ja“ analysieren. Sie identifizierten im Handumdrehen sämtliche Sexismen und brachten mir sogar noch was bei. Unsere Kultur kenne nicht nur die Vorschrift „Mann vor Frau“, sondern auch „Celebrity vor Nobody“, erklärten die GrazerInnen. Neben „Kaiser Franz heiratet seine Heidi“ sei deshalb auch „Madonna heiratet ihren Guy“ durchaus gängig.

Einer der Kommentatoren zu meinem Blog hatte mich auch schon darauf hingewiesen: “Kinderkriegen können auch Kühe aber gut Fußballspielen können nur Götter!”

Falsch - möchten wir diesem rüden Herrn zurufen. Die Frauen unserer National-Elf können beides.

Aber die Regeln „Mann vor Frau“ und „Celebrity vor Nobody“ erklären noch nicht alles. Es gibt auch noch die Meta-Regel “wir vor den anderen” ("Mann vor Frau” ist nur die patriarchale Ausprägung dieser Regel). Die beiden deutschen Nobelpreisträger für Chemie und Physik, Ertl und Grünberg, wurden bei uns endlos gefeiert; in den USA blieben sie Nobodys. Es war nur zu lesen, daß der Physikpreis an Leute gegangen war, ohne die es den Ipod nicht gäbe (das klang doch wenigstens nach amerikanischer Mitwirkung). Auch von dem Preis an Doris Lessing war wegen der Turbulenz um den Friedenspreis an Gore nocht nicht viel durchgedrungen, als ich eine Woche später in Boston ankam.

FemBio-Autorin Cristina Fischer, die regelmäßig die Ostsee-Zeitung liest, berichtet mir hin und wieder von merkwürdigen Lesefrüchten. Zum Nobelpreis an Doris Lessing titelte die OZ: “Nobelpreis für Gysis Tante”.

Ob die Ostsee-Zeitung ihre LeserInnen nicht ein wenig unterschätzt? Glauben sie wirklich, daß MeckPomm so provinziell ist, daß mann Doris Lessing nicht kennt, sondern nur ihren angeheirateten Neffen Gregor Gysi?

Wir sollten die Anregung der OZ sofort aufnehmen und hinfort statt „Gregor Gysi“ nur noch „Lessings Neffe“ sagen. Es wird ihn sicher freuen.

Die Kommentare zu Lessings Nobelpreis waren überhaupt sehr aufschlußreich. Unser Literaturpapst fand die Wahl bedauerlich, auch Denis Scheck hätte lieber Philip Roth oder John Updike gesehen. Ich muß zugeben, daß ich mit Lessing auch ein wenig enttäuscht war. Ich warte nämlich jedes Jahr darauf, daß Swetlana Alexijewitsch den Preis bekommt, nachdem Galina Starowojtowa und Anna Politkowskaja ermordet wurden, bevor sie mit dem Friedens-Nobelpreis geehrt werden konnten.

Übrigens fand keiner unserer Literaturversteher, die jemand anders für den Preis vorgesehen hatten, daß der Preis an eine andere Frau hätte gehen sollen. Sie fürchten wohl, daß der Preis dann an Prestige verliert. Aber zum Glück werden die Preise in Skandinavien vergeben, wo in letzter Zeit das Prinzip „Mann vor Frau“ sogar für die Thronfolge abgeschafft wurde.

Umberto Eco fand die Wahl in Ordnung, wunderte sich nur, daß der Preis schon wieder nach England geht. Italien wäre ihm da wohl lieber gewesen. Elfriede Jelinek fand den Preis an Lessing überfällig, genau wie die Preisträgerin selber. Sehr sympathisch auch die Reaktion von Julia Franck, die ein paar Tage zuvor den deutschen Buchpreis bekommen hatte: Natürlich stünde der Preis Lessing schon lange zu, er komme viel zu spät. „Hoffentlich hat sie noch genug Zeit, das Geld auch auszugeben“, meinte sie nachdenklich. Sie spricht die wirklich wichtigen Dinge des Lebens unverblümt an, ganz wie Doris Lessing. Möge sie selbst den Preis zeitig genug bekommen - aber erst nach Swetlana Alexijewitsch!

# | Luise F. Pusch am 21.10.2007 um 01:29 PM | Druckversion

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Hedwig Dohm