28.05.2011

Der Büchnerpreis der Deutschen Akademie für Männersprache und Männerdichtung

Schreiben Männer hierzulande wirklich neunmal besser als Frauen? In England samt ehemaligen Kolonien schreiben sie anscheinend nur doppelt so gut wie Frauen: Sie bekamen seit 1969 “nur” doppelt so häufig den Man Booker Preis (15:30). In den USA schreiben Männer seit Bestehen des Pulitzerpreises für Fiction (1948) nur knapp zweieinhalbmal besser als Frauen (17:41). In Frankreich seit Bestehen des Prix Goncourt (1903) dafür sogar elfmal besser (9:99). Ob das an der Gleichsetzung von “égalité” mit “fraternité” liegt? Wie auch immer, Französinnen haben es in Sachen männlicher Anmaßung nicht nur mit DSK zu tun.

Dieser Tage lasen wir in der Presse, dass der Büchnerpreis - wichtigster Preis für deutschsprachige Literatur - an F. C. Delius geht. Freut mich für ihn, ich mag ihn schon seines Namens wegen, war meine ehrwürdige Urgroßmutter doch eine Delius aus Bielefeld. Aber eigentlich war ja Ilse Aichinger endlich mal dran, schließlich wird sie im November 90, allzu viel Zeit bleibt da nicht mehr. Ihr Mann, Günter Eich, bekam den Preis schon vor 52 Jahren, 1959, mit 52 Jahren. Also nun mal los, meine Herren, worauf warten Sie denn noch? Delius ist erst 68, er schätzt Aichingers Werk und hätte ihr bestimmt gern den Vortritt gelassen.

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, die den Preis jährlich vergibt, lässt in den Jurys kaum mal eine Frau zu (überzeugen Sie sich selbst) und hat infolgedessen in den vergangenen 60 Jahren kaum mal eine Frau ausgezeichnet. Nur sieben an der Zahl fand sie des Büchnerpreises würdig:

1955 Marie Luise Kaschnitz mit 54

folgen 9 Jahre Männerpreise

1964 Ingeborg Bachmann mit 38

folgen 16 Jahre Männerpreise

1980 Christa Wolf mit 51

folgen 16 Jahre Männerpreise

Mitte der neunziger Jahre scheint die Frauenbewegung auch in der Darmstadter Akademie angekommen zu sein (ähnlich wie seit 1991 in der Stockholmer Nobel-Akademie, die zwischen 1991 und 2009 genau so viele Frauen auszeichnete wie in den 90 Jahren davor, nämlich sechs, macht zusammen zwölf). 1996 erhält Sarah Kirsch den Büchnerpreis mit 61 Jahren, und von da an werden die Pausen kürzer:

1998 Elfriede Jelinek mit 52
2001 Friederike Mayröcker mit 77; ihr Gefährte Ernst Jandl bekam den Preis schon 17 Jahre vor ihr mit 59 Jahren.
2005 Brigitte Kronauer mit 65.

Aber nun scheint es nach dem kurzen Frauenfrühling schon wieder männlich-herbstlich zu werden. Seit 2005 kein einziger Büchnerpreis mehr für eine Frau, nichtmal an Nobelpreisträgerin Herta Müller! Böswillig verpasst hat die Akademie auch Hilde Domin; sie starb 2006 mit 96 Jahren, da wäre vorher ja wohl genug Zeit gewesen.
Die beiden neben Kafka berühmtesten deutschsprachigen Schriftsteller, Thomas Mann und Bert Brecht, bekamen den Büchnerpreis nicht. Sie starben vielleicht zu früh; die „geistige Führungsschicht“ Deutschlands schmollte in den fünfziger Jahren noch gegen die Emigranten. Aber die drei männlichen deutschsprachigen Nachkriegs-Nobelpreisträger für Literatur, Böll, Canetti und Grass, sind selbstverständlich auch Büchnerpreisträger. Von den drei Nobelpreisträgerinnen, Nelly Sachs, Elfriede Jelinek und Herta Müller, bekam nur Jelinek den Büchnerpreis.

Drewitz und (unverzeihlich!) Haushofer haben sie verpasst, desgleichen Fleißer und Reinig. Das ist nicht schön von ihnen. Sie könnten einen Teil der Schande abwaschen, indem sie Ilse Aichinger und Gabriele Wohmann ehren, solange sie noch unter uns sind. Wohmann wird nächstes Jahr 80 und hätte den Preis längst bekommen müssen. Gebürtige Darmstädterin, Mitglied der Akademie und wohnhaft in Darmstadt, muss sie Jahr um Jahr erdulden, dass der Preis vor ihren Augen an andere verliehen wird. Frau darf gespannt sein und sollte die Akademie schon mal vorsorglich mit Pro-Wohmann- und Pro-Aichinger-Emails eindecken (.(Javascript muss aktiviert sein, um diese Mail-Adresse zu sehen)), mit Spruchbändern vor der Akademie aufmarschieren und in Sprechchören skandieren: „Wir wollen Aichinger, wir wollen Wohmann, wir wollen Frauen!”

Der Büchnerpreis ist die Eintrittskarte für ein besseres Schriftstellerleben: Weitere lukrative Preise, höhere Auflagen, mehr Einladungen zu Lesungen mit höheren Honoraren, Gastprofessuren, Auslandsstipendien, undsoweiter. Schriftstellerinnen gebührt auch ein Stück von diesem Kuchen, und zwar genau jene Hälfte, die die Männer bisher brüderlich unter sich aufteilten. Leserinnen und Leser würden auch profitieren von einer weniger männerlastigen Literaturlandschaft.

Da unser angesehenster und höchstdotierter Literaturpreis ein Männerpreis ist, obwohl er zur Hälfte von weiblichen Steuergeldern finanziert wird, sollten wir nicht nur eine geschlechtergerechte Besetzung der Jury, sondern überdies die Preisvergabe nach dem Reißverschlussprinzip fordern. Rückwirkend! Bei insgesamt bisher 60 verliehenen Preisen hätten 30 an Frauen gehen müssen, es waren aber nur 7, die restlichen 53 gingen an Männer. Fehlen also noch 46 Frauen, bevor wieder ein Mann dran ist. Zunächst mal kommen Ilse Aichinger, Ruth Rehmann, Angelika Schrobsdorff und Gabriele Wohmann, dann Herta Müller, Monika Maron, Ulla Hahn, Marlene Streeruwitz, Julia Franck, Waltraud Anna Mitgutsch, Kathrin Schmidt, Terézia Mora, Katja Lange-Müller, Birgit Vanderbeke, Sigrid Damm. Postume Preise sollten gehen an die ErbInnen von Nelly Sachs, Irmgard Keun, Marieluise Fleißer, Ingeborg Drewitz, Brigitte Reimann, Maxie Wander, Irmtraud Morgner, Anja Lundholm, Caroline Muhr, Christa Reinig, Marlen Haushofer, Christine Lavant, Christine Busta, Angelika Mechtel, Libuse Monikova. Undsoweiter, wir kriegen die Liste im Handumdrehen voll.


# | Luise F. Pusch am 28.05.2011 um 07:27 PM • 10 Kommentare0 TrackbacksPermalink

20.05.2011

Meiler und Keiler abschalten: Fukushima, DSK und was zu tun ist

Es hört und hört nicht auf. Zuerst kam Osama Bin Pornoladen, dann der Fall DSK und die Hotelangestellte, dann Schwarzenegger und die Hausangestellte. Die „großen Männer“ dieser Welt, ob islamisch, jüdisch oder christlich, ob aus der Welt des Terrors, der Politik, der Finanzen oder des Show-Biz - leiden offenbar an derselben Störung wie der sprichwörtliche kleine Mann: Penile Inkontinenz. Mann kann das Sperma nicht halten und das Ding nicht in der Hose lassen.

In den USA beschäftigt Arnies Ehebruch die Gemüter und behindert sein neues Filmprojekt, Frankreich ist in Schockstarre angesichts der Vorwürfe gegen den großen DSK, die Hoffnung der Sozialisten für die nächste Präsidentschaft. Noch zu Ostern beklagte sich meine französische Schwägerin über Ségolène Royal, die ihren Anspruch auf die Präsi-Kandidatur einfach nicht aufgeben wolle, obwohl sie gegenüber DSK chancenlos sei und ihm nur die nötigen Stimmen stehle.

Und nun hat er sich und seine Partei und deren Präsi-Hoffnungen anscheinend ganz ohne fremde Hilfe in die Pfanne gehauen. Und der IWF muss sich eine neue Chefin suchen (bitte nicht wieder einen Chef!)

Es ist zwar nicht bewiesen, dass er getan hat, was die New Yorker Hotelangestellte (infamerweise wird die 32-Jährige fast immer als „Zimmermädchen“ bezeichnet) und mit ihr die Staatsanwaltschaft und die Grand Jury ihm vorwerfen. Aber zuzutrauen ist es ihm offenbar, dafür gibt es immer mehr Anzeichen.

Kleine Ursachen, große Wirkungen. Die kleine Ursache ist das, was man auch den kleinen Unterschied nennt. A bas la petite différence!

Wenn DSK einer der mächtigsten Männer der Welt war, wie die Medien jetzt gern tönen - warum hatte er dann keine Sicherheitskräfte um sich rum, die ihn und die Hotelangestellte vor seinem kleinen Unterschied hätten beschützen können? Jetzt hat er eine Fußfessel - aber sein Fuß war doch wohl unschuldig! Was not tut, ist eher eine elektronische Penisfessel, die Frauen vor Männern und Männer vor sich selber schützt.

Mit Fukushima ist das Zeitalter der Atomenergie am Ende. Nicht sofort, aber das Umdenken hat weltweit begonnen.

Diese Woche des Triumvirats Pornoladen, DSK und Sperminator könnte und sollte das Ende der männlichen Hegemonie einläuten. Wir brauchen Stresstests nicht nur für die Meiler, sondern auch für die Keiler. Aber da gibt es ein Problem, ähnlich wie bei den Meilern: Eigentlich taugen sie alle nichts, denn sie sind eben so, gefährlich von Natur. Wie eine vor 5 Jahren von der katholischen Kirche in Auftrag gegebene 2-Millionen-Dollar-Studie soeben herausgefunden hat, lassen sich bspw. pädokriminelle Priester nicht von harmlosen Priestern unterscheiden:

Die Forscher befanden, dass es für die Kirche, oder für sonst irgendjemand, nicht möglich war, Missbrauchspriester im Voraus zu identifizieren. Missbrauchspriester haben keine besonderen „psychologischen Eigenschaften“, „Entwicklungsgeschichten“ oder Gemütskrankheiten, die sie von Priestern, die keine Kinder missbrauchten, unterschieden.
Quelle: New York Times, 18.5.2011

Mit anderen Worten: Es waren einfach „ganz normale Männer“.

Na gut. Aber wie schützen wir uns und unsere Kinder vor ihnen?

In den Medien lesen wir sensible Analysen über die Gefühlskälte und den Stress in Spitzenjobs, da könne einer schon mal ausrasten. Oder über den Narzissmus und Größenwahn, den Leute an der Spitze entwickeln, weil sie nur Speichellecker um sich haben. All diese Faktoren scheinen einen verheerenden Einfluss auf den kleinen Unterschied zu haben und nur auf ihn, denn von Frauen in Spitzenpositionen sind solche Entgleisungen nicht bekannt, die eine ganze Nation beschämen wie jetzt Frankreich oder wie damals die USA, als Bill Clinton „did not have sex with that woman!“ Ich habe Clinton nie verziehen, weil ich überzeugt bin, dass wir seinem Oral Office letztlich die acht furchtbaren Bush-Jahre verdanken. Der Jesusanhänger und „wiedergeborene“ Bush kam den US-Amerikanern damals gerade recht als totales Gegenteil von Clinton.

Kurz und gut, männliche Heterosexualität an der Spitze ist heutzutage für einen Staat ein untragbares Sicherheitsrisiko, siehe auch Berlusconi oder Israels wegen Vergewaltigung verurteilter Ex-Präsi Katzav. Galten früher Schwule als erpressbar und somit als Sicherheitsrisiko (man erinnere sich an den Fall des Generals Kiessling), so gilt dies inzwischen offenbar in weit größerem Ausmaß für männliche Heterosexuelle.

Fazit: Wir können uns Männer in verantwortungsvollen (Priester!) oder gar Spitzenpositionen einfach nicht mehr leisten. Die Gefahren, die sie mit ihrem kleinen Unterschied heraufbeschwören, sind unkalkulierbar. Wenn wir sie vom Netz nehmen, ist außerdem gewährleistet, dass nach zigtausend Jahren Männerherrschaft ausgleichende Gerechtigkeit einkehrt. Wenn die Männer von ihren Spitzenjobs entlastet sind, finden sie sicher die Zeit, eine funktionstüchtige kleine Penisfessel, elektronische Triebkontrolle oder dergleichen zu basteln.

Wenn es ihnen dann gelungen ist, ihren kleinen Unterschied zu bändigen, reden wir weiter.

(Herzlichen Dank an Joey Horsley, Helke Sander, Anne Beck, Barbara Rudolf, Karin Becker und Lila Hess für wichtige Anregungen, Diskussionen und/oder Links zu Artikeln)

 


# | Luise F. Pusch am 20.05.2011 um 04:23 PM • 44 Kommentare0 TrackbacksPermalink

14.05.2011

Die Hebamme - der Film und das Wort

FrauenbildAm vergangenen Montag zeigte das ZDF den Film „Die Hebamme - Auf Leben und Tod“ von Dagmar Hirtz. Dass das deutsche Fernsehen überhaupt imstande ist, einen so radikal feministischen und künstlerisch so hinreißenden Film hervorzubringen, hätte ich nie für möglich gehalten. Regie, Fotografie, Drehbuch, alles stimmte. Und die SchauspielerInnen! Allen voran Brigitte Hobmeier in der Titelrolle - eine Offenbarung. Wie überhaupt dieser ganze, unglaubliche Film.

FrauenbildDagmar Hirtz wird Ende Mai 70 Jahre alt -  möge sie jetzt schnell viele Preise einheimsen und noch viele großartige Filme wie ihren jüngsten finanziert bekommen. Denn die Finanzierung ist, wie wir wissen, wie eh und je das Haupthindernis für anspruchsvolle Projekte guter Regisseurinnen (vgl. hierzu die Biografische Zwiesprache der Regisseurinnen Iris Gusner & Helke Sander, 2009).

Der Film beschreibt eine dramatische Zeit (vor zweihundert Jahren) im Leben der Tiroler Hebamme Rosa Koelbl (Brigitte Hobmeier), die mit Talent, Erfahrung, Intelligenz und Mut versucht, “ihre” Schwangeren vor den unermüdlichen Anfeindungen der Kirche, der Medizin und der Gockelgesellschaft zu retten.

In einer Zeit, in der Ärzte das Kindbettfieber von der Pathologie in die Kreißsäle schleppten, in der die Kirche bei Gefahr für das Kind auf einer „Nottaufe“ im Mutterleib mittels der sogenannten Taufspritze und (meist verkeimtem) Weihwasser bestand und in der die Männer Gehorsam bis in den Tod von den Frauen verlangten, war das keine leichte Aufgabe.
(So urteilt eine Rezensentin namens Jury bei Amazon - mit Ergänzungen und Korrekturen von mir)

Kaufen Sie sich die DVD oder sehen Sie sich den Film an, wenn er in Ihrer Stadt oder im Fernsehen gezeigt wird. Er hat sämtliche Oscars verdient und alle Grimme-Preise sowieso.

Die Hebammen (Englisch midwives) und „weisen Frauen“ wussten viel von alters her. Wie an den sehr alten Bezeichnungen ablesbar, sind das sehr alte Berufe, sicher viel älter als das sogenannte „älteste Gewerbe“. „Hebamme“ hat nichts mit „Amme“ zu tun, sondern geht zurück auf das althochdeutsche hev(i)anna (Hebe-Ahnin): ältere, erfahrene Verwandte, die das Kind auffängt oder greift. „Midwife“ hat nichts mit „wife“ (Ehefrau) oder mit „mid“ wie in „midnight“ zu tun. Die midwife ist eine Frau, die der Gebärenden beisteht (she is with (mid) her). Das lateinische Wort für Hebamme bzw. midwife ist obstetrix. Dazu meldet etymonline.com:

obstetrics
1819, from obstetric (adj.), 1742, from Mod.L. obstetricus “pertaining to a midwife,” from obstetrix (gen. obstetricis) “midwife,” lit. “one who stands opposite (the woman giving birth),” from obstare “stand opposite to” (see obstacle). The true adjective would be obstetricic, “but only pedantry would take exception to obstetric at this stage of its career.” [Fowler]

Wie so oft, ist auch hier die Sprache ein getreues Abbild der Machtverhältnisse. Das Wort obstetrics “Geburtshilfe als Fachdisziplin der Medizin” ist seit 1819 belegt; der Film spielt um 1813 und zeigt genau die Übergangszeit, als die Männer sich der Hebammenkunst bemächtigten: Ein Medicus führt ohne Not einen Kaiserschnitt durch, nur zum Ruhme der Wissenschaft bzw. zu seinem eigenen Ruhm. Die Hebamme versucht verzweifelt, es zu verhindern, denn sie weiß: noch jede Frau, die einen Kaiserschnitt durchlitt, ist daran gestorben. So auch diese. Mengele lässt grüßen.

Als die Männer die Hebammenkunst besetzten, übernahmen sie nicht die weibliche Bezeichnung. Eine männliche Hebamme ist auf Deutsch weder Hebamme noch Hebammer noch Hebammerich, sondern Geburtshelfer, auf Englisch ist die männliche Hebamme keine midwife, erst recht kein midman, natürlich auch keine obstetrix, sondern ein obstetrician. Die lateinische weibliche Endung -trix ist nur noch für Eingeweihte erkennbar. Sie wurde für den Mann tragbar gemacht durch die Anhängung von -ian.

In ihrem berühmten Buch Gyn/Ökologie behandelt Mary Daly die US-amerikanische Gynäkologie als einen Teil des „Sado-Rituellen Syndroms“ und als nahtlose Fortsetzung der Nazimedizin und wirft ihr „Frauenmord durch die heiligen Geister der Medizin und Therapie vor“. Wer ihrer radikalen Analyse nicht folgen mag, braucht sich nur den Film „Die Hebamme“ anzusehen. Dort werden Folter und Frauenmord im Dienste des „Heiligen Geists der Medizin“ vorgeführt, wie sie schon 120 Jahre vor den Nazis stattfanden.

Was neu ist, ist die Tatsache, dass diese grauenvolle Wahrheit inzwischen in einem Mainstream-Medium wie dem ZDF zur besten Sendezeit verkündet, dokumentiert und millionenfach verbreitet wird. Das lässt wirklich hoffen.

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Schönes Interview mit Dagmar Hirtz über ihren Film, die histor. Vorlage, die Drehorte, die SchauspielerInnen, den Kameramann… Mit vielen weiteren Links zu Gesprächen mit Brigitte Hobmeier, anderen SchauspielerInnen, einer Medizinhistorikerin, dem Drehbuchautor ...


# | Luise F. Pusch am 14.05.2011 um 09:08 PM • Filmkritik11 Kommentare1 TrackbacksPermalink

08.05.2011

Inspektion der Herrenkultur. Teil 1: Dresden

Am vergangenen Wochenende trafen sich sechs Feministinnen in Dresden. Drei von uns langjährigen Freundinnen, die Ende der achtziger Jahre noch alle in Hannover wohnten und von dort etliche feministische Projekte gestartet hatten, u.a. den Kalender Berühmte Frauen (1987ff) und die Trilogie Wahnsinnsfrauen (1992-99), waren im vergangenen Jahr 70 geworden, und das wollten wir gebührend feiern. Wir residierten fürstinnenlich im nach der Wende wieder aufgebauten Taschenberg-Palais und gingen zweimal in die Semper-Oper: zunächst in Verdis Otello (nach Shakespeare); auch das Libretto ist von einem Mann (Boito). Der Inhalt ist für jede Feministin eine Zumutung (aber welche Oper wäre das nicht?): Ein Mann glaubt lieber einem tückischen Untergebenen als seiner eigenen Frau und ermordet sie schließlich im Eifersuchtswahn.

Am 1. Mai besuchten wir die Konzertmatinee in der Semperoper. Christoph Eschenbach leitete die Sächsische Staatskapelle. Es wurden Stücke von drei Männern gespielt, Schumann, Staud und Brahms. Der Solist in Schumanns Cellokonzert war Leonard Elschenbroich.

Das männerlastige kulturelle Angebot der Stadt verdross uns zwar, aber wir nahmen es gutwillig hin, da alle ihre Sache hervorragend machten und wir in Feierlaune waren. Aber das feministische Herz darbte, obwohl in der Sächsischen Staatskapelle erfräulich viele Frauen mitspielen dürfen.

War nun vielleicht die weltberühmte Frauenkirche ein Ausgleich? Nicht wirklich: anders als in einem Frauenkloster trieben sich dort auch reichlich Männer herum.

Vor dem Rathaus, immerhin ein exponierter Platz, steht ein Denkmal für die Trümmerfrau. Dafür steht oben auf dem Rathausdach, der Trümmerfrau sozusagen haushoch überlegen, der Rathausmann in Gold; die Hand hat er wie zum Hitlergruß erhoben. Was er da soll, konnte uns der Mann von der Stadtrundfahrt nicht erklären.

Ebenfalls weltberühmt ist Dresdens „Gläserner Mensch“, von dem ich im Vorfeld immer wieder gelesen hatte - unbedingt müsste man sich den ansehen. Der Mann von der Stadtrundfahrt verkündete uns im Vorbeifahren: „Im Hygienemuseum befindet sich die berühmte Gläserne Frau - wohl die einzige Frau, die man völlig durchschauen kann.“ Das Publikum lachte höflich. Ich war völlig platt - dass dieser „Gläserne Mensch“ eine Frau war, hörte ich da zum ersten Mal. Der Stadtrundfahrtsmann hatte es auch wohl nur verraten, um seinen durchschaubaren „Witz“ anzubringen.

Dresden steht natürlich ganz im Zeichen Augusts des Starken, frau begegnet ihm auf Schritt und Tritt. Die Stadt, das Schloss, der Zwinger und zahlreiche andere Gebäude und Schlösser in der Umgebung sind voll von den Schätzen, die er ansammelte oder in Auftrag gab. Wir nahmen an einer Führung durch das Schloss teil und erfuhren dabei allerlei über die Mätressenwirtschaft Augusts, über hochhackige Schuhe (eine Erfindung der Männer, um ihre Waden kräftiger erscheinen zu lassen), breite Reifröcke (praktisch, um die Notdurft in den Schlossecken unter sich zu lassen, denn Toiletten gab es nicht. Die hätten wir in der Semperoper gebraucht, denn dort gab es auch (fast) keine Toiletten). Vor allem aber zeigte sich unser Museumsführer angetan von Augusts Hofjuwelier Johann Melchior Dinglinger, der für teures Geld einzigartige Kunstwerke geschaffen habe. Tatsächlich beeindruckten sie uns sehr. Was ich während der launigen Führung nicht erfuhr, wurde ein paar Tage später in einer nächtlichen MDR-TV-Sendung über Dinglinger en passant nachgeliefert: Der Mann zeugte (mindestens) 26 Kinder, viele von ihnen starben schon im Kindesalter. Damit überrundet er sogar seinen Zeitgenossen Johann Sebastian Bach, der es auf 20 Kinder brachte, von denen 11 früh verstarben. 1728 heiratete Dinglinger zum fünften Mal, alle vier Ehefrauen davor waren im Kindbett gestorben - der geniale Juwelier hatte neben seiner „besessenen Arbeit“ noch die Zeit gefunden, sie allesamt zu Tode zu schwängern. Wie es der fünften erging, verriet der Film nicht.

Das Taschenbergpalais wurde laut Wikipedia ursprünglich als Liebesgabe von August dem Starken für seine Mätresse Constantia von Cosel erbaut. Von dieser Mätresse, die 1713 in Ungnade fiel und verbannt wurde, wusste ich vor der Anreise nicht viel, und vor Ort hörte ich auch nichts über sie. Wieder in Hannover, holte ich Gabriele Hoffmanns Constantia von Cosel und August der Starke von 1984 aus dem Regal und erfuhr erst jetzt ihre haarsträubende Geschichte:

Neun Jahre umgab der König die Mätresse mit Pracht und Glanz, und sie war die mächtigste Frau in Sachsen. Dann stürzte sie, und er sperrte sie in eine Festung ein. Neunundvierzig Jahre lang lebte sie als Gefangene, von sechsundvierzig Soldaten bewacht, die Hälfte dieser Zeit in strenger Isolationshaft. Es gab keine Anklage, keinen Prozess, kein Urteil. […] Dreißig Jahre nach seinem Tod saß sie noch immer im Turm der Festung.

Ziemlich genau zweihundert Jahre zuvor war Johanna die Wahnsinnige etwa genau so lange eingesperrt worden. Peter der Große, Zeitgenosse des starken August, hatte sich auf dieselbe Weise seiner älteren Schwester Sofia Alexejewna entledigt und sie bis zu ihrem Tod eingesperrt. Der Prinzessin von Ahlden ging es ähnlich, nachdem sie es gewagt hatte, ihren Gatten durch einen Liebhaber zu kompromittieren. Von Fürsten wurde geradezu erwartet, dass sie sich Mätressen hielten. Tröstete sich die Fürstin mit einem Geliebten, kam sie auf Lebenszeit in den Turm.

Und was hatte die Cosel verbrochen? Das muss ich erst noch genauer erforschen. Wikipedia meint: „Die Vorhersage des politischen Scheiterns des sächsischen Kurfürsten durch Anna Constantia kränkte diesen Mann in seiner Ehre, erst recht, als ihre Warnungen sich bewahrheiteten.“

Gar nicht schön, was wir da über den starken August und seinen Hofjuwelier hören müssen. Selber schuld, wenn wir fragen: „Und was war mit den Frauen? Was haben wir Frauen von dem ganzen Zirkus?“ Ohne diese penetrante Frage wäre uns Dresden so heiter, strahlend und glanzvoll erschienen, wie es das Städtemarketing uns einreden will.

Trotzdem wollen wir uns nächstes Jahr wieder in Dresden treffen. Wir werden dann auf den Spuren der Cosel sowie Heinrich Schützens und seiner Ehefrau wandeln und die gläserne Frau durchschauen gehen. Über sie gibt es Erstaunliches zu lesen:

Ein Besuch im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden bedeutet vor allem eines: Spiel, Spaß und Spannung für Jung und Alt. Die gläserne Frau ist die wichtigste Bewohnerin dieser Ausstellung, denn diese zeigt uns, wie unser Körper innen aufgebaut ist.

Schön wär’s ja, wenn der menschliche Körper innen so aufgebaut wäre wie der einer Frau. Mutter Natur hätte sich eine andere Fortpflanzungsmethode ausgedacht. Frauen wären nicht im Kindbett gestorben. Johanna Dinglinger hätte nicht eine einzige Frau zu Tode gebracht. Auguste die Starke und Constantia von Cosel wären das Traumpaar ihres Jahrhunderts gewesen.

Die Reihe wird fortgesetzt.

Zum Thema Gräfin Cosel empfehlen Freundinnen auch:

Viola Roggenkamp. Die Frau im Turm. S. Fischer. 2009


# | Luise F. Pusch am 08.05.2011 um 04:29 PM • 4 Kommentare0 TrackbacksPermalink

24.04.2011

Sie singt Tenor im Kirchenchor, oder Das Frauenstimmrecht

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Vierundfünfzigste Lektion.

Unsere Freundin Berit „ist ein Alt“, wie es hierzulande ungalant heißt, aber sie kann auch gerne ein bisschen tiefer, und so singt sie denn Tenor in ihrem Kirchenchor, denn männliche Tenöre sind rar. Männer beherrschen die Rap- und die Rockmusik, aber gepflegten Chorgesang schätzen sie weniger, wahrscheinlich weil Ruhm und Ehre dort nur kollektiv zu haben sind. Und so gibt es denn in fast allen Chören viel mehr Frauen als Männer, und Frauen helfen sogar im Tenorfach aus.

In Berits Chor wird die Frage diskutiert, wie eine Frau, die Tenor singt, denn zu bezeichnen wäre. Ist sie eine Tenorin? Oder eher eine Tenörin? Oder gar eine Teneuse? Letztere erinnert an die Kommisseuse und die Regisseuse, frühe Spottbezeichnungen für Kommissarinnen und Regisseurinnen, die den so Benannten schon mal klarmachen sollten, dass sie in ihrem Beruf nichts zu suchen hätten.

Betrachten wir das Problem mal grundsätzlicher, so ist die eigentliche Frage ja, weshalb sämtliche Stimmlagen Maskulina sind. „Der Bass“ und „der Tenor“ ist ja einleuchtend - aber warum heißt es „der Alt“ und „der Sopran“, obwohl das ja weibliche Stimmlagen sind? Was ist denn überhaupt seltsam an dem Satz „Sie ist (ein) Tenor“, wenn wir auch sonst zu Sätzen wie „Sie ist ein Sopran“ und „Sie ist ein Alt“ gezwungen werden?

Das ganze Dilemma verdanken wir der herrischen Anweisung des Apostels Paulus: Mulier taceat in ecclesia, “Das Weib schweige in der Gemeinde”. Das Weib sollte nicht mitreden, keine Stimme haben, den Mund halten. Das eigentlich machtpolitisch gemeinte Verbot hatte Auswirkungen bis in die Musik, und so mussten denn in der Kirchenmusik hohe Knabenstimmen den dumpfen Männergesang aufhellen und -hübschen. Da die Frau auch nicht auf der Opernbühne singen durfte, ihre Rollen aber von Knaben nicht überzeugend dargestellt werden konnten, schnitt mann sich sogar ins eigene Fleisch und kastrierte wehrlose Jungen in der Hoffnung, dass sie einmal hochbezahlte Kastraten werden könnten. Die meisten “Entmannten” schafften es nicht.

Da nun also offiziell und professionell nur Männer und Knaben sangen, passte mann die femininen Bezeichnungen für ihre Stimmlagen ihrem Geschlecht an: Aus vox/voce bassa “tiefe Stimme” wurde il basso “der Bass”, aus vox/voce alta “hohe Stimme” wurde l’alto und aus vox/voce soprana “höchste Stimme” wurde il soprano. Auf Deutsch: der Sopran, der Alt, undsoweiter. Mit der Stimmlage, die Tenor (haltende Stimme) genannt wird, hat es seine eigene, musikhistorisch komplexe Bewandtnis, die zu erörtern hier zu weit führen würde.

Durch die Aufklärung verloren die kirchlichen Wahnideen an Einfluss, und Frauenstimmen eroberten sich die Öffentlichkeit mehr und mehr, die weltliche alsbald, die kirchliche erst später: Reine Knabenchöre halten sich immer noch (als Hannoveranerin bin ich stolz auf unseren weltberühmten Mädchenchor - einen der wenigen seiner Art).

Wurde nun aber die Sprache der fraulichen Erweiterung angepasst, gab es ein Zurück zu den Ursprüngen? Mitnichten! Ein männlicher Alt wird gerne Altus genannt, damit auch ja keine Verwechslung mit einer Frau aufkommt, die ja ebenfalls „der Alt“ heißt. Während die Sprache den Identitäts-Bedürfnissen des Mannes üblicherweise umgehend angepasst wird, war solcher sprachlicher Aufwand für die Frau noch niemals Usus. Die Frau hat sich der Sprache anzupassen - nicht umgekehrt. Alles andere wäre nämlich Sprachverhunzung bzw. sprachliche Willkür! Die Frau macht eine kaufmännische Lehre, wird Amtmann, oder Ratsherr. Dass die Sprache nicht passt, macht doch nix. Die Frau ist ein Sopran oder ein Alt, keine Soprana oder Alta, noch nicht einmal eine Sopran oder eine Alt.

Das muss aber natürlich nicht so bleiben, wie wir in den letzten 35 Jahren gezeigt haben. Und nun wird es Zeit, dass wir auch musikalisch unser Stimmrecht bekommen. Die Sopran und die Alt sind Frauenstimmen. Die Alt kann auch von besonders dazu trainierten Männern gesungen werden, genau wie der Tenor oder die Tenor bei Bedarf ohne weiteres von Frauen gesungen wird. Eine Alt (oder Alta), die auch Tenor singen kann, könnte sich Altenor oder Altanor nennen - ganz was Feines!


# | Luise F. Pusch am 24.04.2011 um 09:54 AM • 12 Kommentare0 TrackbacksPermalink

17.04.2011

Hera und ihre neuen Verwandten

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Dreiundfünfzigste Lektion.

Für Donnerstag war ich wieder mal von den Frauen der feministisch-matriarchalen Akademie Alma Mater zu einer Lesung eingeladen. Die anschließende Diskussion war lebhaft wie immer mit diesen leidenschaftlichen Wortschöpferinnen. Nehmen wir gleich das Wort Schöpferin. Gertrudis gefiel es nicht; sie bestand darauf, sie habe ihre Kinder nicht geschöpft, sondern geboren.

„Schöpferin“ gehört aber zu „schaffen“, nicht zu „schöpfen“. Zwar sagen viele, sie hätten ein Werk geschöpft - es sollte aber heißen, sie hätten es geschaffen. Das Duden Herkunftswörterbuch klärt uns knapp und kategorisch auf:

schöpfen

„Flüssigkeit entnehmen“: Das schwache Verb mhd. schepfen, scheffen, ahd. scephen ist kaum mit dem ehemals gleich lautenden starken Verb für „erschaffen“ (schaffen) identisch, sondern gehört wohl als alte Ableitung zu Schaff in seiner Bedeutung „Schöpfgefäß“. Dazu das nur übertragen gebrauchte erschöpfen „vollständig verbrauchen, aufbrauchen; ermatten, völlig ermüden (mhd. erschepfen „ausschöpfen, leeren“) mit dem 2. Partizip erschöpft „verbraucht, ermattet“ und dem Substantiv Erschöpfung „das Erschöpfen; völlige Ermüdung“ sowie dem Adjektiv unerschöpflich „nicht versiegend, nicht aufbrauchbar“ (16. Jh.).

Die in unserem Wortschatz fehlenden Bezeichnungen „Erschafferin“ und „Erschaffer“ werden halt vertreten durch „Schöpferin” und “Schöpfer“.

Auf ähnlich gehobener Ebene ging die Diskussion weiter; als Nächstes kam mal wieder die Herrin dran. Eine sehr fragwürdige Gestalt, wie wir wissen: Die „Herrin“ macht aus einem Mann durch Anhängung von -in eine Frau - eine Praxis, der wir gar nichts abgewinnen können, weshalb wir schon zu Beginn der feministischen Sprachkritik aus der Ratsherrin die Ratsfrau gemacht haben.

Aber wie ist es mit der Hausherrin und der Bauherrin? Hausfrau bedeutet ja was anderes, weshalb wir uns stattdessen angewöhnt haben, von der „Dame des Hauses“ zu sprechen.

Und statt Bauherrin sagen wir Baufrau, analog zu Ratsfrau. Ganz klarer Fall.
Oder doch nicht? Die Alma-Mater-Frauen wandten ein, es sei erstens irgendwie schade um die Herrin, zweitens hülfe die Baufrau wenig, weil das heutzutage eher “Bauarbeiterin” bedeute. Also nicht so weit oben wie der Bauherr. Es bräuchte ein weibliches Wort mit hohem Status.
Da hatte eine den rettenden, genialen Einfall: Hera statt Herrin: Die BauHera, RatsHera, HausHera.

Wir adoptierten das Wort sofort; es erfräute sich im weiteren Verlauf der Tagung wachsender Beliebtheit. Der Name der obersten Göttin des Olymp ist verwandt mit dem Wort Heros, dieses soll verwandt sein mit dem Wort Herr (sicher ist es nicht, aber sinnig). Wir hätten damit nicht nur die BauHera und ihre Verwandten gewonnen, sondern auch das lange fehlende Wort für heroische weibliche Taten. Solche Taten heißen ab sofort heraisch

Die englische Wikipedia meldet, Hera sei nach Auffassung etlicher ForscherInnen ursprünglich die Göttin einer matriarchalen Gesellschaft gewesen, die vor den HellenInnen in GriechInnenland lebten. Das wird ja immer besser. Es erklärt auch die vielen Verleumdungen, die Hera in der patriarchalen Kulturgeschichte erdulden musste. Aus einer Alma Mater machten patriarchale Männer eine ewig keifende Gattin, die ihrem ewig untreuen Gatten Zeus durch “kleinliche Eifersucht” das Götterleben schwer machte.

Zeit für Dein Großes Comeback, Hera! Und so schließt sich der Kreis von der matriarchalen Göttin Hera über die Wortschöpferinnen der feministisch-matriarchalen Akademie Alma Mater bis zur BauHera.

Möge die mächtige Hera dafür sorgen, dass ihre Verwandten BauHera, RatsHera, HausHera und alle, die noch kommen mögen, Fuß fassen, sich vermehren und sprunghaft ausbreiten.


10.04.2011

Hilde Domin und ihr Bremsklotz

Frauenbild
In der letzten Woche habe ich Marion Tauschwitzs Hilde-Domin-Biographie gelesen, die den vielsagenden Untertitel trägt: „Dass ich sein kann, wie ich bin“.

Das Buch ist inkl. Anhang über 600 Seiten stark - dass ich es trotzdem fast in einem Zug durchlas, liegt einerseits an der Kunst der Biographin, andererseits an dem aufwühlenden Stoff: dem „Jahrhundertleben“ der Hilde Domin von 1909 bis 2006. Die Langlebigkeit war auch nötig, möchte frau - nur scheinbar unsinnigerweise - hinzufügen, denn Domin wurde von ihrem tyrannischen Gatten, dem Kunsthistoriker und verhinderten Dichter Erwin Walter Palm, dermaßen ausgebeutet und aktiv behindert, dass sie ihren ersten Gedichtband erst 1959, mit fünfzig Jahren, veröffentlichen konnte. In dem Alter hatten andere große deutsche Dichterinnen - Bachmann, Droste, Kolmar - ihr Lebenswerk bereits vollbracht. Sie hatten nicht geheiratet.

Domins Verleger fand, es sei marketingtechnisch ungünstig, ein Erstlingswerk als Fünfzigjährige herauszubringen, deshalb machte mann die Dichterin kurzerhand drei Jahre jünger. Sie wurde dann ja allmählich doch noch berühmt und im Alter immer berühmter, so dass die gewaltigen Ehrungen zu ihren runden Geburtstagen immer einer Frau galten, die in Wirklichkeit schon drei Jahre älter war. Der Irrtum wurde erst zu ihrem 90. Geburtstag aufgeklärt.

Was die Lektüre der Tauschwitz-Biographie so faszinierend, aber auch schwer erträglich macht, ist die Geschichte der 56jährigen Ehe zwischen Hilde Domin und Erwin Walter Palm, der der Meinung war, seine Ehefrau habe nicht zu dichten, sondern ihm zu dienen, nicht nur als Bettgefährtin und Haushälterin, sondern auch als wissenschaftliche Assistentin und Agentin. Zeit seines Lebens setzte sie sich für ihn ein, aber als sie einmal ihn brauchte, nach dem Tod ihrer geliebten Mutter, blieb er lieber auf Reisen. In der Situation, als Jüdin im Exil, vom Mann im Stich gelassen, entdeckte sie endlich ihre wahre Heimat, das Wort.

Als Erwin Walter Palm ihre Gedichte erstmals sah, war er klug genug, deren Rang zu erkennen, auch zu erkennen, dass seine Frau ihm überlegen war - und dafür musste sie bestraft werden.

Der erbitterte Kampf darum, wer in dieser Ehe schöpferisch tätig und erfolgreich sein durfte und wer zu dienen hatte, prägte die Zeit von 1950 bis zu Palms Tod 1988: „Erwin Walter Palm ertrug es nicht, dass seine Frau Gedichte schrieb - ‚als ob die Katze auf einmal Eier legte.‘ Wollte sie schreiben, so sollte sie das in einer ‚Menstruationshütte‘ tun; ihr Wunsch zu schreiben, galt ihm als ‚unrein‘, die Dichtkunst sollte Männerdomäne bleiben.“ (S. 221)

Die Frage, warum Hilde Domin sich das alles und obendrein die zahlreichen Seitensprünge und Bordellbesuche ihres Gatten bieten ließ, beschäftigt die Leserin beständig, wird aber nicht zufriedenstellend beantwortet. Vielleicht kann sie nicht beantwortet werden. Oft genug wollte Erwin Walter Palm aus der Ehe aussteigen, oft genug blieb er monatelang auf sogenannten Forschungsreisen. Aber Hilde Domin ließ ihn nicht los; sie klammerte. Einmal heißt es: „‚Erwin ist einer der zehn gebildetsten Menschen auf der Welt‘, pflegte Hilde Domin zu sagen, ‘das Leben mit ihm war nie langweilig.‘ Und das schätzte sie.“ Ein andermal erfahren wir: „Die Schlüsselerkenntnis hatte sie bereits 1952 formuliert - und sie schien weiterhin Bestand zu haben: ‚Die Crux besteht darin, zum Teil, dass wir aus dem Quälen und Gequältwerden Gefühle beziehen, die zwar terribel, aber erotisch ergiebig sind. Die Angst, die wir voreinander haben, ist eine wahre Plage, aber irgendwo deliziös.‘“ (S. 408)

Hilde Palms Pseudonym Domin wird meist auf ihr Exilland, die Dominikanische Republik, und deren Hauptstadt Santo Domingo zurückgeführt. Tauschwitz vermutet überdies eine Anspielung an den Schauspieler Friedrich Domin, den Hilde Domin in München, wo sie längere Zeit lebte, kennengelernt haben dürfte. Nicht erwähnt wird die in die Augen springende Identität mit dem lateinischen Wortstamm domin-, wie in domina, dominus und dominare (dominieren).

„Pauvre petit [armer Kleiner]“, so beginnt eine der erschütterndsten Notizen Hilde Domins an ihren Mann, „bitte, bitte: Die Frage ist doch verkehrt. Es gibt doch keine Wahl zwischen meinem Werk und Dir. Mein Werk, alles was ich tun muss, das bin doch ich. Du sagst doch auch nicht: ‚Komm zum Frühstück ohne Arme. Entscheide Dich zwischen mir und Deinen Armen.‘ Du weißt doch, dass dies so ist. Sei nicht traurig, es gibt ja keine Wahl. Jeder ist, der er ist. Ein Dichter zu sein ist nichts Schlechtes. Du weißt es doch. H.“ (S. 375f)

Er wird ihr zugestimmt haben, dass ein Dichter zu sein nichts Schlechtes ist. Aber sie ist eine Dichterin! Als sie einmal Lust äußert, ein Theaterstück zu schreiben, sagt er: „Dann werf ich dich endgültig raus.“ Sie hat keins geschrieben.

Die Unterwürfige mag sich unterwerfen so viel sie will, sie ist die Stärkere, sie dominiert trotzdem, nicht nur ihren schwächlichen Tyrannen, sondern am Ende sogar die extrem frauenfeindliche, intrigante bundesdeutsche Literaturszene.

Es sollte einmal eine Geschichte der Ehefrauen im Exil geschrieben werden, die ihre Männer, monströse Bremsklötze, durchfütterten, ja buchstäblich am Leben erhielten und dafür ihre eigenen Projekte aufgaben oder hintanstellten. Sie nahmen jegliche Art von Arbeit an, um dem Göttergatten seine intellektuelle Arbeit weiter zu ermöglichen, da er sich für alles andere zu schade war. Für Erwin Walter Palm waren sogar Umzugsarbeiten unter seiner Würde. Er zog jeweils ins Hotel, bis seine zierliche Frau alles zu seiner Zufriedenheit erledigt hatte!

In so einer Sammlung über Frauen im Exil, die den Laden schmissen, und ihre Männer, die einfach nur schmissen, dürften z.B. die Gatten von Katia Mann, Mascha Kaleko, Helene Weigel und Karola Bloch nicht fehlen. Aber die Palme hat sich eindeutig Erwin Walter Palm verdient.

Marion Tauschwitz. 2010. Hilde Domin. Dass ich sein kann, wie ich bin. Biografie. Mainz. VAT Verlag André Thiele.


# | Luise F. Pusch am 10.04.2011 um 03:02 PM • Laut & LuiseBuchkritikFrauen!Männer!0 TrackbacksPermalink

03.04.2011

Equal Pay Day: 23 oder 30 Prozent Unterschied?

Der März hatte es in sich in Sachen Frauenpolitik. Wir feierten 100 Jahre internationaler Tag der Frau, begingen den „Equal Pay Day “, und zum Schluss gab es noch das Spitzengespräch zur Frauenquote zwischen den Ministerinnen von der Leyen, Schröder und Leutheusser-Schnarrenberger auf der einen und Vertretern der DAX-Unternehmen auf der anderen Seite.

Bei allen drei Events, die uns an und für sich ja hoffen lassen, gab es die üblichen weiblichen Probleme mit der Mathematik - gut, dass wir jetzt die Förderpläne für die MINT-Fächer entwickeln (MINT = Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik).

Hundert Jahre Tag der Frau hatten wir schon letztes Jahr gefeiert - was stimmt denn nun?

Bei der Debatte zur Frauenquote tönte Ministerin Schröder, sie wolle eine Verdreifachung des Frauenanteils in den Führungsgremien bis 2013. Das klingt ja enorm. Was sie in dem Zusammenhang weniger breittrat, war die Tatsache, dass wir nach Erreichung des schwindelerregenden Zuwachses grade mal bei 6 Prozent angekommen sind, denn derzeit gibt es 2 Prozent (in Worten: zwei!) Frauen in den Führungsetagen. Das klingt ja nun echt mickrig. Nennen wir es doch lieber „Verdreifachung!“

Am interessantesten aber ist der Equal Pay Day. Da geht es nämlich um die Frage, ob der Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern nun 23 Prozent oder 30 Prozent beträgt. Ist ja nicht grade unerheblich. Bezogen auf 23 Prozent wären 30 Prozent über ein Drittel mehr Differenz.

Des Rätsels Lösung: Es kommt auf die Bezugsgröße an - welchen Wert setze ich an als 100 Prozent? Den Männerlohn oder den Frauenlohn? In meinen Seminaren behandle ich solche Fragen unter der Überschrift „Frauenzentriertes Denken“. Das fällt uns Frauen noch schwerer als Mathematik ;-). Es ist keine Fertigkeit, sondern eine Kunst, aber sie lässt sich lernen.

Sagen wir mal, die Männer verdienen pro Stunde im Schnitt 20 EUR und die Frauen 15. Dann verdienen die Frauen ein Viertel oder 25 Prozent weniger als die Männer; der Lohnunterschied beträgt 25 Prozent.
Genau so wahr ist aber, dass die Männer ein ganzes Drittel, also 33 Prozent mehr verdienen als die Frauen, der Lohnunterschied beträgt also satte 33 Prozent.
Und damit die Frau dasselbe bekommt wie der Mann in einer Stunde, muss sie nicht nur eine Viertelstunde, sondern 20 Minuten länger arbeiten. Für das Jahr gilt entsprechend: Nicht nur ein Vierteljahr, sondern 4 Monate länger!

Auf der Seite http://www.equalpayday.de der BPW (Business and Professional Women) lese ich:

Nach der Veröffentlichung des Statistischen Bundesamtes (Destatis) vom 12. November 2009 „haben Frauen in Deutschland im Jahr 2008 mit durchschnittlich 14,51 Euro pro Stunde 4,39 Euro weniger als ihre männlichen Kollegen verdient. Damit lag der Gender Pay Gap, das heißt der prozentuale Unterschied im durchschnittlichen Bruttostundenverdienst von Frauen und Männern, wie bereits in den Vorjahren konstant bei 23%.

Ich nehme mal an, dass im Statistischen Bundesamt überwiegend Männer wirken. Sie fanden es sicher optisch hübscher, den Lohnunterschied mit 23 Prozent zu beziffern als mit 30 Prozent. Geschickte Wortkosmetik, wie bei Kristina Schröders “Verdreifachung”.

Ich rechne mal vor, wie die unterschiedlichen Zahlen zustande kommen:
14,51 (Frauenlohn) + 4,39 = 18,90 (Männerlohn)
14,51: 18,9% = 76,77 (14,51 (Frauenlohn) sind 76,77 Prozent von 18,9 (Männerlohn))
100%-76,77% = 23,23% Differenz
•••••••••••••
18,9: 14,51% = 130,25 (18,9 (Männerlohn) sind 130,25 Prozent von 14,51 (Frauenlohn) )
130,25%-100% = 30,25% Differenz

Setzen wir unseren Lohn als Vergleichsgröße von 100 Prozent an (denken wir frauenzentriert!), so ergibt sich der stattliche Lohnunterschied von fast einem Drittel: 30,25 Prozent!

Auf der http://www.equalpayday.de Seite lese ich weiter:

Der Aktionstag „Equal Pay Day“ findet jährlich statt und markiert den Entgeltunterschied zwischen den Geschlechtern in Deutschland als den Zeitraum, den Frauen über den Jahreswechsel hinaus arbeiten müssten, um auf das durchschnittliche Vorjahresgehalt von Männern zu kommen.
Das Datum des Aktionstages „Equal Pay Day“ errechnet sich in Deutschland nach der Formel: 52 Wochen/Jahr x 5 Arbeitstage/Woche = 260 Arbeitstage/Jahr x statistisch aktuell ermittelter Entgeltunterschied in Prozent.

Dies Jahr war der Equal Pay Day am 25. März: 60 Tage länger musste die Frau angeblich arbeiten, um auf den Lohn des Mannes zu kommen.

Tatsächlich muss sie aber 78 Tage länger arbeiten, nämlich bis zum 20. April. Dann hat sie die 30 Prozent aufgeholt, die der Mann im letzten Jahr mehr verdient hat als sie.

Also liebe Frauen, begehen wir auch den Equal Pay Day gleich noch mal. Doppelt hält besser, das sahen wir ja schon bei der der zweiten 100-Jahr-Feier des Internationalen Tags der Frau.

 


27.03.2011

ET, die Äußerst-Irdische: Anmerkungen zu Elizabeth Taylor

ET und ihre wichtigste Rolle

Die Welt trauert um Elizabeth Taylor, obwohl - oder weil? - die Medien in den letzten Jahrzehnten nur noch selten nett zu ihr waren: Etwa seit 1967, ihrem 35. Geburtstag, galt sie als „alternde Diva“ und schließlich als „fette alte Diva“. Über diese Zeit lesen wir auf einer Fotostrecke der ARD:

Seit Anfang der 70er-Jahre blieben die großen Filmerfolge aus, als einer der letzten großen Hollywood-Stars blieb sie jedoch in den Medien präsent.
Für Schlagzeilen sorgte auch ihr exzessiver Lebensstil, ihre Affären, die Alkohol- und Gewichtsprobleme, die Schlankheits- und Entziehungskuren.

George Clooney, Tom Cruise und Brad Pitt gehen auf die 50 zu - ob sie nun wohl bald als “verbrauchte Schönlinge” aufs Altenteil geschickt werden? Nicole Kidman ist 44, also wohl überfällig, und Angelina Jolie im gefährlichen Alter von 35…

Jene andere „Göttliche“, Greta Garbo, zog sich nach ihrem 35. Geburtstag auf Nimmerwiedersehen (50 Jahre!) aus der Öffentlichkeit zurück; die Dietrich hielt es dort noch 40 Jahre länger aus, aber die letzten elf Jahre ihres langen Lebens verbrachte auch sie im Totalversteck. Nicht so ET: Sie hatte im „kritischen Alter“, mit etwa 50 Jahren, ihre Aufgabe gefunden, der sie sich bis zu ihrem Lebensende widmete: Den Kampf gegen AIDS.

Auf die Frage „Was machen Schönheitsgöttinnen, wenn sie nicht mehr schön sind, sondern ‘alt und fett’ (wie Taylor) oder ‘alt und hager’ (wie Garbo und Dietrich)?” fand Liz wohl die beste Antwort: Sie nutzte schon in der extrem schwulenfeindlichen Anfangszeit von AIDS ihren Weltruhm, um die AIDS-Aufklärung und -Forschung voranzubringen und stigmatisierten Todkranken zu einer menschenwürdigen Behandlung zu verhelfen.

Dies, so finden viele, war wohl ihre wichtigste Rolle.

ET und ihr Name

Elizabeth Taylor wurde als Elizabeth Taylor geboren und behielt ihren Namen ein Leben lang. Das ist für eine Schauspielerin eine beachtliche Leistung. Bekamen doch fast alle Schauspielerinnen zwecks besserer Vermarktbarkeit einen neuen Namen verpasst: Greta Lovisa Gustafsson wurde zu Greta Garbo, Norma Jeane Mortenson zu Marilyn Monroe, Doris Kappelhoff zu Doris Day, Sofia Scicolone zu Sophia Loren, Betty Joan Perske zu Lauren Bacall, Margarita Cansino zu Rita Hayworth, Frances Ethel Gumm zu Judy Garland undsoweiter. Nur die beiden Hepburns, Audrey wie Katharine, Grace Kelly, Brigitte Bardot und sogar Gina Lollobrigida behielten ihren eigenen Namen. Und Elizabeth Taylor.

Sie behielt ihren eigenen Namen auch trotz ihrer acht Ehen, denn sie war von der ersten bis zur letzten Ehe immer die berühmtere Hälfte des Paars und hatte einen Namen zu verlieren.

Der Film Cleopatra, Mutter aller Mammutschinken, brachte ihr eine Gage von 1 Million Dollar - die höchste Gage, die bis dahin irgendjemand im Film bekommen hatte. Interessant ist aber auch der Name dieses Films. Shakespeare hatte noch über Antonius und Cleopatra geschrieben, Shaw über Cäsar und Cleopatra - hier aber wird von diesen beiden unerheblichen Herren abgesehen und Cleopatra / Elizabeth Taylor in den Mittelpunkt gestellt. Ihr späterer Ehemann Richard Burton, den sie auf dem Set kennen- und lieben lernte, bekam für seine Rolle des Mark Anton 75.000 Dollar.

Allerdings hatte Elizabeth Taylor eine Namenscousine in der englischen Schriftstellerin gleichen Namens, die nächstes Jahr hundert geworden wäre. Als deren erster Roman 1944 herauskam, erschien auch ETs erster Filmhit National Velvet. Seitdem brauchte es für jegliche Erwähnung der Schriftstellerin den Zusatz, „Elizabeth Taylor, die Schriftstellerin“, was ihrer Karriere nicht eben förderlich war…

ET und die Schwulen

ET war eng befreundet mit ihren schwulen Filmpartnern Montgomery Clift und Rock Hudson; sie wirkte mit in vier Filmen nach Vorlagen des schwulen Dramatikers Tennessee Williams, die die schwule Thematik mehr oder weniger überzeugend ins Heterosexuelle transponierten. Einer ihrer m.E. besten Filme, Spiegelbild im goldenen Auge von John Huston nach Carson McCullers, zeigt sie, wie schon in der Katze auf dem heißen Blechdach als frustrierte Gattin eines Schwulen im Versteck. Und einer ihrer besten Freunde war der feminine Michael Jackson.

Wie kommt es zu dieser Affinität der „schönsten“ und „begehrenswertesten Frau der Welt” mit Schwulen und schwulen Stoffen?

Nach allem, was wir wissen, war ET stockhetero, anders als viele andere Diven (z.B. Marlene und die Garbo). Aber mehr noch als sie Männer begehrte, wurde sie von ihnen begehrt. ET kannte sich gut aus mit Heteromännern - und das erklärt wohl zur Genüge ihre Vorliebe für Schwule.

ET und der Feminismus

Damit wird sie normalerweise nicht in Verbindung gebracht. Aber sehen Sie sich mal den viel geschmähten Film The Sandpiper an, auf Deutsch unsäglich (und irreführend) betitelt mit Die alles begehren. Sie spielt dort im Jahre 1965 eine allein erziehende Künstlerin, die den Vater ihres Kindes nicht heiraten wollte, weil sie ihn nicht liebte und weil sie überhaupt findet, dass die Ehe nichts für eine Frau ist: Sie verliere dadurch nur ihre Freiheit und versauere bei der Hausarbeit. In einer schönen Szene hält die schöne Taylor dem verheirateten Geistlichen (Richard Burton), der in sie verknallt ist, darüber einen schönen Vortrag, als wäre sie Betty Friedan persönlich.

Was dieser Film auch sehr schön zeigt, ist neben der atemberaubenden Schönheit seiner Hauptdarstellerin ihre Wärme, ihre Leidenschaftlichkeit und ihr explosives Temperament.

Nun, das war eine Filmrolle, und wie wir wissen, hat sich nun gerade die Taylor mit ihren 8 Ehen an diese Botschaft ihres Films nicht gehalten. Im Haushalt versauert ist sie trotzdem nicht. Dazu hatte sie zu viel Geld, denn vom Geldverdienen verstand sie was. Nachdem sie in Wer hat Angst vor Virginia Woolf bewiesen hatte, dass sie eine grandiose Schauspielerin war, kümmerte sie sich in der Folge hauptsächlich darum, dass die Kasse stimmte.

Es ist nicht ihre Schuld, dass mann der „fetten alten Diva“ von 35 Jahren keine Rollen mehr angeboten hat, die ihrem schauspielerischen Genie entsprachen - anders als etwa den alten Fettsäcken Marlon Brando und Orson Welles. Und es ist ein ewiger Jammer.

 


# | Luise F. Pusch am 27.03.2011 um 11:21 PM • 12 Kommentare0 TrackbacksPermalink

20.03.2011

Ist Japan eine Frau?

Die JapanerInnen reagieren mit solcher Gefasstheit und Haltung auf die entsetzlichen Schicksalsschläge, die seit dem 11. März erbarmungslos auf sie niederprasseln, dass der Westen sich fragt: Was ist los mit ihnen?

„Sie müssen unter Schock stehen.“ „Sie sind sowieso eher fatalistisch, das liegt an ihrer Religion, dem Buddhismus.“ „Nein, sie wollen das Gesicht wahren, das ist in der japanischen Kultur die Hauptsache.“ „Die Japaner leben auf ihrer Insel so dicht gedrängt, dass sie zwangsläufig ständig unter Beobachtung ihrer Mitmenschen sind, und so wurde denn das Haltung-Bewahren zum obersten Gesetz. Man lässt sich in der Öffentlichkeit nicht gehen.“ „Japan, wie überhaupt der nahe und der ferne Osten, hat eine Schamkultur: der äußere Anschein, die Würde und die Ehre sind entscheidend und dürfen auf keinen Fall Schaden nehmen. Wir im Westen haben dagegen eine Schuldkultur; der äußere Anschein ist uns weniger wichtig als das eigene Gewissen. Verletzte Ehre und Würde können nicht wieder repariert werden; Schuld hingegen kann man büßen; sie kann vergeben werden, und dann kann man fleckenlos wieder neu anfangen.“

Die Begriffe „shame culture“ und „guilt culture“, die nicht nur jetzt zur Erklärung des japanischen Umgangs mit der Katastrophe, sondern auch sonst in jeder Debatte über Unterschiede zwischen Ost und West, z.B. über „Ehrenmorde“ und Selbstmordattentate, zur Erklärung herangezogen werden, hat die US-amerikanische Anthropologin Ruth Benedict (1887-1948) geprägt.

Benedict veröffentlichte 1946, zwei Jahre vor ihrem Tod, ihre Untersuchung zum japanischen Volkscharakter, „The Chrysanthemum and the Sword“ (dt. “Chrysantheme und Schwert”). Die Studie war nach dem Angriff der Japaner auf den amerikanischen Stützpunkt Pearl Harbor von der amerikanischen Regierung in Auftrag gegeben worden, um dieses damals noch “fremdartigere” Volk zu Kriegszwecken besser verstehen zu lernen. Benedicts Buch wurde nach dem Krieg hauptsächlich von JapanerInnen gelesen und hat ihr Selbstverständnis bis heute geprägt…

Übrigens war Benedict lesbisch und sah sich zeitlebens gezwungen, „das Gesicht zu wahren“. Vielleicht hatte sie deshalb ein so klares Verständnis für eine „Schamkultur“. *

Von unterschiedlichen Kulturen - wie sie hier zum Verständnis unterschiedlicher Verhaltensnormen in Japan und im Westen postuliert werden - hören wir nur selten etwas, wenn es darum geht, wie Frauen und Männer typischerweise Schicksalsschläge verarbeiten.

Frau reagiert eher wie die JapanerInnen, still, gottergeben, duldsam. Ja kein Theater machen, wenn die Schläge prasseln - das könnte ihn ja noch mehr reizen.

Der Mann hingegen wird wütend, rasend, er löscht die ganze Familie aus oder ermordet möglichst viele Klassenkameradinnen, wie Tim K., der Amokläufer von Winnenden, vor zwei Jahren, am 11. März 2009. Oder ganze U-Bahnladungen von Menschen im morgendlichen Berufsverkehr, wie die muslimischen Terroristen in Madrid vor sieben Jahren, am 11. März 2004.

Ja, er hat es in sich, der elfte März. Er zeigt, dass es nicht nur große kulturelle Unterschiede zwischen weit entfernten Kulturen gibt, sondern auch mitten unter uns, auf engstem Raum. Die weibliche Kultur des Duldens und Ertragens und die männliche Kultur des Losbrüllens, Losschlagens und Kaputtmachens.** Sie spielt sich tagtäglich vor unseren Augen ab, aber niemand wundert sich darüber und stellt tiefsinnige Vergleiche an wie jetzt die zwischen Japan und „dem Westen“.

Ja, wo nehmen die JapanerInnen die Kraft her, das alles so tapfer und so diszipliniert zu ertragen? Das fragt sich der Westen.

Ja, wie können Frauen das alles überhaupt ertragen? Das fragt sich kaum einmal ein Mann. Denn die Duldsamkeit der Frauen erscheint ihm praktischerweise nicht als kulturell, sondern genetisch bedingt. Das ist halt die Natur der Frau, so sind die eben, von jeher. Und Mann ist Mann.

In Puccinis Oper „Madama Butterfly“ verdichten sich das östliche und das weibliche Dulden in der Titelfigur Cio-Cio-San, genannt Butterfly, und die westliche und männliche Grausamkeit in der Figur des Leutnants Pinkerton von der US-Navy. Die Oper, eine westliche Männerfantasie über den fernen Osten und die Frau, ist in den USA die meistgespielte Oper. Sie spielt Ende des 19. Jahrhunderts. Damals war Japan noch keine Weltmacht und konnte nach westlicher Auffassung gut in toto durch eine tragische Madame Butterfly symbolisiert werden, der überlegene Westen durch einen charmanten, dominanten und gewissenlosen Mann.

Heute würde Madame Butterfly als Symbol für Japan nicht mehr so recht passen, nicht einmal aus westlich beschränkter Sicht.

Die interessante Gruppe sind hier die japanischen Männer. Sie verhalten sich in der Katastrophe nicht anders als die Frauen: Still, diszipliniert und duldsam. Einige werden zum Heldentum verdonnert und versuchen, den Super-GAU in Fukushima zu verhindern oder wenigstens hinauszuzögern unter Einsatz ihres Lebens.

Aber im übrigen sind natürlich japanische Männer nicht besser als westliche Männer. Während des zweiten Weltkriegs hatten sie ihren Kamikaze-Todesmut, und in ihren Bordellen verbrauchten sie Hunderttausende Koreanerinnen und Chinesinnen als „Trostfrauen“. Auch heute brauchen sie viel Trost und suchen ihn, ähnlich wie europäische Männer, z.B. bei armen Thailänderinnen oder Filipinas, gerne auch armen jungen Thailändern oder Filipinos.***

Offenbar verlieren sie dadurch nicht ihr Gesicht, ihre Schamkultur will hier nicht greifen. Und die europäischen Männer haben keine Gewissensbisse, ihre „Schuldkultur“ funktioniert hier auch nicht so recht.

Was lernen wir daraus? Von Japan können wir viel lernen für einen bewundernswert gefassten Umgang sogar mit Mega-Katastrophen. Allerdings reicht es vielleicht, wenn wir uns die Frauen und ihre weibliche „Anstands-Kultur“, wie ich sie mal nennen möchte, zum Vorbild nehmen, in Japan, im Westen und überall. Frauen sind nicht nur bewundernswert gefasst und tapfer. Sie sind auch keine Sextouristen, begehen keine „Ehrenmorde“ oder Sexualverbrechen, und Amokläufe sind ihnen fremd.
•••••••••••••
*Vgl. den Aufsatz über Ruth Benedict und Margaret Mead in Joey Horsley & Luise F. Pusch. Hg. 2010. Frauengeschichten: Berühmte Frauen und ihre Freundinnen. Göttingen. Wallstein.

**Eine US-Studie über den “Punchingball Frau” ergab, dass zehn Mal mehr Notrufe wegen häuslicher Gewalt gegen Frauen bei den lokalen Behörden eingehen, wenn bei Football-Spielen eine Heimmannschaft wider Erwarten verliert. Mehr hier.

*** Vgl. Sheila Jeffreys. 2008. The Industrial Vagina: The political economy of the global sex trade.


# | Luise F. Pusch am 20.03.2011 um 01:11 PM • 20 Kommentare0 TrackbacksPermalink

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Hedwig Dohm