16.05.2006

Knutschfreundinnen

Gestern nacht strahlte MDR den düsteren dänischen Film Schwarze Ernte von Anders Refn nach einer Novelle von Gustav Wied aus. Falls Sie nicht gerade selbst in düsterer Stimmung sind, sollten Sie sich den Film unbedingt ansehen, wenn er mal wiederholt wird.

Ich habe durch den Film nicht nur einen tiefen Einblick in die Abgründe patriarchalen Familienterrors tun können, sondern auch ein neues Wort kennengelernt. Eine der vier Töchter des despotischen Gutsbesitzers Nils Uldahl-Ege (glänzend, widerlich: Ole Ernst) ist lesbisch; sie knutscht manchmal verstohlen mit ihrer Schwester, dann mit einer Freundin. Die Freundin heiratet einen Nachbarn. Das Gesinde zerreißt sich das Maul über die verlassene Anna in ihrem Liebeskummer: “Sie kommt nicht drüber weg, daß ihre Knutschfreundin weggeheiratet hat. - Klar, die beiden waren Knutschfreundinnen, wußtet ihr das nicht? Männer haben da nichts zu melden.”

Ich hatte das Wort Knutschfreundin noch nie gehört und gebe es hiermit weiter, zu gefälligem Gebrauch. Viele Lesben mögen ja das Wort Lesbe nicht, sagen z.B. lieber frauenliebende Frau, was ich ein bißchen langatmig und anämisch finde. Knutschfreundin ist saftig, deftig und lustig. FrauenbildJoey Horsley und ich haben ja letztes Jahr ein Buch über berühmte Knutschfreundinnen veröffentlicht. Leider kannten wir das Wort Knutschfreundin aber noch nicht, als wir nach einem passenden Titel suchten. Deshalb heißt es schlicht Berühmte Frauenpaare. Paßt vielleicht auch besser; nicht alle porträtierten Frauen waren knutschfreudig. Vielleicht nennen wir den zweiten Band Berühmte Knutschfreundinnen. Aber ich fürchte, der Verlag wird das nicht akzeptieren. Deshalb mache ich hier schon mal ein bißchen Reklame für den netten Ausdruck. Merke: Es knutschen nicht nur Elche, sondern auch Elchinnen!

# | Luise F. Pusch am 16.05.2006 um 02:58 PM | Druckversion
Feministische Sprachkritik
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15.05.2006

Was soll das denn hier?

Hier werden Fundstücke des alltäglichen Sexismus zu einer ständigen Ausstellung versammelt. Bedienen Sie sich mit Beispielen und Argumentationshilfen, für den Deutschunterricht, Sozialkundeunterricht, usw. Auch für die ständige Auseinandersetzung mit ahnungslosen Freundinnen und verstockten Männern, die uns mit ihrem “Habt euch doch nicht so!” nerven. 

# | Luise F. Pusch am 15.05.2006 um 10:59 AM | Druckversion

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13.05.2006

Bravo Michael Ostrowski!

Gestern abend brachte 3sat die Eröffnung der Wiener Festwochen, das Große Finale des 13. Eurovisionswettbewerbs für “junge Musiker” (sic). Zehntausende hatten sich auf dem Wiener Rathausplatz versammelt, um dem Mega-Event beizuwohnen. Ihnen und den ZuschauerInnen in aller Welt gab der charmante und witzige Moderator Michael Ostrowski eine gründliche Lektion in frauenfreundlicher Sprache. Konsequent redete er von den sieben Finalistinnen.

“Na sowas”, fragten wir uns, “sind da wirklich nur Frauen ins Finale gekommen?” Wir wissen ja, daß Frauen oft besser sind, aber daß das auch mal erkannt und anerkannt wird, ist doch eher selten. Nach zwei, drei Finalistinnen trat dann aber überraschend ein Finalist auf; er spielte die Oboe. Der unerschrockene Sprachpionier redete weiter nur von Finalistinnen, Musikerinnen und den Zuschauerinnen auf dem Platze, den “lieben Freundinnen hier und an den Bildschirmen in aller Welt”, die er zum Schluß aufforderte, mit ihren Partnerinnen den Abschlußwalzer zu walzen.

Eine Sternstunde des Fernsehens. Wir möchten mehr von Michael Ostrowski sehen und hören!

# | Luise F. Pusch am 13.05.2006 um 09:53 AM | Druckversion
Feministische Sprachkritik
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07.05.2006

Anatol Gotfryd über das Holocaust-Denkmal und Gewalt gegen Frauen

Heute war Anatol Gotfryd zu Gast in der schönen Sendereihe Zwischentöne des Deutschlandfunks (sonntags 13:30-15 Uhr). Gotfryd hat im letzten Herbst seine Erinnerungen veröffentlicht unter dem Titel Der Himmel in den Pfützen. Ein Leben zwischen Galizien und dem Kurfürstendamm. Leider habe ich sie noch nicht gelesen. Nach dem, was ich in dem Interview über den Autor erfahren habe, muß es ein sehr lesenswertes Buch sein. Gotfryd, ca. Jahrgang 1930, wurde als Kind zusammen mit seiner Mutter in einen Viehwaggon gestopft, Richtung Auschwitz. Nachdem viele schon erstickt waren, gelang es einem Ingenieur, die Luftluke zu öffnen und Anatol aus dem fahrenden Zug zu werfen und so zu befreien. Anatol landete in einem Tümpel, konnte sich herausarbeiten und irrte dann bis Kriegsende durch Polen. Er erlebte viel Gemeinheit, aber auch viel Hilfsbereitschaft.

Der Interviewer, Joachim Scholl, fragte Gotfryd, der am Kurfürstendamm mit seiner Frau eine Zahnarztpraxis hatte, auch nach seiner Meinung zum Holocaust-Denkmal.

Darauf Gotfryd: “Wenn man das selbst erlebt hat und diesen Stelenwald da sieht, frage ich mich oft, wo ist die Frau, der man ins Gesicht geschlagen hat, wo ist der Verlust ihrer Würde oder sowas? Diese Denkmäler sind für mich so, als ob Gefühle irgendwie im rechten Winkel abgebildet werden, also damit kann ich verdammt wenig anfangen. Ich finde es toll, daß man im Zentrum der Hauptstadt ein Areal zur Verfügung gestellt hat als Art von Denkmal für das, was sich ereignet hat, aber ich hätte das nicht formal noch ausgeschmückt. Also es würde vollkommen reichen, wenn da kniehoch Gras wachsen würde, und man wüßte, weswegen.”

Joachim Scholl: “Das sagt auch ein Kunstkenner, Anatol Gotfryd - ein Kommentar in diese Richtung.”

Es war aber nicht nur ein Kommentar des Kunstkenners Anatol Gotfryd “in Richtung Kunst”, sondern auch der Kommentar eines Mannes, der schon mal über Gewalt gegen Frauen nachgedacht hat.

# | Luise F. Pusch am 07.05.2006 um 06:16 PM | Druckversion

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06.05.2006

Die seltsame Vormund

Neulich schickte mir eine Beamtin vom Jugendamt eine Anfrage:
“Ich möchte gerne die richtige weibliche, feministische Form von Vormund benutzen, können Sie mir helfen? Lautet sie Vormundin wie im Duden? Und die Pluralform?”
Meine Antwort: “Am besten kreieren Sie sich die richtige feministische Version selber, das mußten wir ja schon öfter tun (vgl. Hausmann, Ratsfrau, die erst belacht wurden und inzwischen gängig sind).

Das Grimmsche Wörterbuch meldet zu Mund (auch oft munt geschrieben):
“MUND, f. schutz, schirm, gewalt, ahd. mhd. munt, ... als einzelnes wort im nhd. nicht mehr lebend, in einigen ...zusammensetzungen der älteren rechtssprache erhalten; vgl. auch mündel, mündig und vormund.”

Mund in diesem Sinne ist also ein Femininum; es heißt die Mund. Entsprechend müßte es korrekterweise auch die Vormund heißen, aber auch diesen Begriff haben die Männer an sich gerissen, wie alles andere. Ich plädiere also für die Vormund neben der Vormund, ähnlich wie bei die/der Angestellte.

Das Grimmsche Wörterbuch meldet des weiteren: “VORMUNDIN, f., in älterer sprache neben dem häufigeren vormünderin

Es gibt auch der Mundherr; die entspr. Mundfrau müßten wir ebenfalls kreieren. - Ich rate Ihnen entschieden zu die Vormund, falls Sie nicht Mundfrau/Mundherr vorziehen, was sich eleganter in den Plural setzen läßt: Mundfrauen und Mundherren (statt fragwürdiger Vormunde oder Vormünder).

Die Beamtin schrieb zurück: “Herzlichen Dank für die Beantwortung meiner Anfrage. Die Vormund klingt etwas seltsam, ich werde aber einen Versuch starten und bin auf die Reaktion gespannt.”

01.05.2006

Inniger

Um Ostern herum hörten wir jede Menge Bachkantaten. Aus der Stadtbibliothek hatte ich mir die CDs der Ton-Koopman-Gesamtaufnahme stapelweise ausgeliehen. Wie üblich hatte ich nicht die Muße, mich in die Musik hineinzuversenken, wie es sich gehört hätte. Ich hörte sie vielmehr immer nur auf dem Sprung, mit halbem Ohr. Trotzdem blieb EIN entscheidender Eindruck hängen: Bei Ton Koopman klingen die Bachchoräle inniger, wärmer, fast würde ich sagen: gläubiger - so, wie Bach sie sich vermutlich gedacht hat.
Bis dahin hatte ich die Bachkantaten überwiegend in der Billigversion von Jan Pieter Leusink eingenommen, mit dem Holland Boys Choir und sehr guten SolistInnen. Eine brauchbare Einspielung zum Kennenlernen.
Boys will be boys…
Innigkeit und Wärme ist wohl nicht ihre große Stärke.
Jedenfalls löste sich das Rätsel meines spontanen Eindrucks, als ich mir mal die Besetzung der Koopman-Aufnahmen ansah: Es singt ein gemischter Chor.
Nichts gegen männliche Altstimmen, Solisten wie Andreas Scholl höre ich sehr gern.
Aber es ist schon erstaunlich, was so ein paar richtige Frauenstimmen in einem Bachchoral für Wunder wirken können, Werktreue hin oder her. 

# | Luise F. Pusch am 01.05.2006 um 04:37 PM | Druckversion
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05.09.2002

Verbrechen oder Kriegshandlung?

Der 11. September und das Definitionsmonopol

Kaum hatte George W. Bush im fernen Florida, wo er gerade einen Besuch in einer Schulklasse machte, von den Anschlägen auf die Türme des World Trade Center und auf das Pentagon gehört, da wußte er nach eigenem Bekunden, daß Amerika sich im Krieg befand und mit geballter Kraft zurückschlagen müßte und würde. Nur – gegen wen?? Den Schuldigen hatte er auch schon bald im Visier, ohne eine nähere Untersuchung der Umstände: Osama Bin Laden und sein Al-Qaeda-Netzwerk. Und Osama wollte er in die Hände kriegen, “tot oder lebendig”, wie einst im Wilden Westen.
Beim nächsten Anschlag war die Bush-Administration sich nicht mehr so sicher. Die auf dem Postwege strategisch an die Machtzentralen von Politik und Medien verschickten Milzbrand-Erreger, die knapp drei Wochen nach dem 11. September eine neue Panik auslösten, wurden nicht sogleich Osama bin Laden zur Last gelegt. Zu peinlich war die Erinnerung an den Bombenanschlag in Oklahoma City, der sich, nachdem zuerst arabische Terroristen verdächtigt worden waren, als “hausgemacht” erwies.
Die Terror-Anschläge der 90er Jahre lösten keinen “Krieg gegen den Terror” aus – die Nation lebte damals auch noch in vergleichsweise friedlich-vernünftigen Clinton-Zeiten, deren auffälligste Erregungen sexueller und börsenfiebriger Art waren.
Der Anschlag auf die Twin Towers und das Pentagon forderte um 3000 Todesopfer, also etwa 17 mal so viele Opfer wie der “hausgemachte” Terror von Oklahoma City. Es wird vermutet, daß die Täter des 11. September von dem schrecklichen “Erfolg” ihres Anschlags selbst überrascht waren – mit anderen Worten, daß sie (wie übrigens auch die New Yorker Feuerwehr) nicht damit gerechnet hatten, daß die tragende Stahlkonstruktion der Türme schmelzen und alles unter sich begraben würde.
Bushs Definition der Lage als “Krieg” hat sich sofort durchgesetzt, wahrscheinlich weil die Nation und die Welt unter Schock standen und er der mächtigste Mann der Welt an der Spitze der mächtigsten Nation der Welt ist. Denn natürlich haben Definitionen mit Macht zu tun. In der Regel hat der Stärkere (das Maskulinum ist beabsichtigt) das Definitionsmonopol. Deswegen gelten Frauen zum Beispiel als humorlos, weil wir die Witze, die Männer über uns machen, nicht komisch finden.
Früher waren die Aufständischen in Tschetschenien für den Westen “Rebellen”, wenn nicht gar “Freiheitskämpfer”. Inzwischen wurden sie zu “Terroristen” degradiert, weil die Bush-Regierung Putins Beistand im Kampf gegen die Taliban brauchte und sich deshalb höflich seiner Definition anschloß. Putin und Bush haben jetzt ein gemeinsames Problem: Den Krieg gegen den Terror.

Aber befanden sich die USA wirklich in einem Krieg mit einem Gegner, der tückisch aus dem Hinterhalt operierte und das Territorium der USA ohne Kriegserklärung angegriffen hatte? Waren die Terroranschläge des 11. September nicht eher als als Verbrechen einzustufen?
Die Antwort auf die Frage geht die Verbündeten der USA ganz direkt an. Haben wir es mit einem Verbrechen zu tun, kümmern sich die für Kapitalverbrechen zuständigen US-Behörden um den Fall, wie etwa geschehen beim ersten Anschlag auf das World Trade Center im Jahre 1993. Wurden hingegen die USA von einem Gegner kriegerisch angegriffen, sind die Nato-Verbündeten zur Hilfeleistung verpflichtet und befinden sich ebenfalls im Krieg.
Während die islamische Welt, besonders Pakistan und Afghanistan, noch von einem Verbrechen ausgingen und Beweise forderten, bevor losgebombt würde, begann der “Krieg gegen den Terror” mit allen Konsequenzen, die eine Regierung, die sich im Krieg befindet, dem Volk abverlangen und von den Verbündeten erwarten kann. Justizminister Ashcroft schränkte sofort die Bürgerrechte ein; Verdächtige können jetzt ohne Verhandlung monatelang in Gewahrsam gehalten werden. Und verdächtig war so gut wie jeder arabisch aussehende Mann, verdächtig waren Menschen, die mit den Terrorpiloten Kontakt gehabt hatten, wie zufällig auch immer. Der Krieg in Afghanistan und die Sicherheitsmaßnahmen für die “Homeland Security” kosten Unsummen; für die Alters- und Gesundheitsversicherung der Bevölkerung bleibt wenig übrig.
Bundeskanzler Schröder versicherte die Bush-Regierung der “uneingeschränkten” Solidarität Deutschlands – welche Zusicherung über die Köpfe der Betroffenen hinweg nicht nur die Regisseurin Helke Sander verfassungswidrig fand. Inzwischen ist Schröder von bedingungsloser Gefolgschaft auch wieder so weit wie möglich abgerückt und erklärt, für “militärische Abenteuer” (Bushs geplanter Angriff gegen den Irak) sei er nicht zu haben.
Nach einem Jahr Krieg ist Osama Bin Laden noch immer nicht gefaßt, weder tot noch lebendig. Jetzt soll dafür Saddam Hussein dran glauben. Es wirkt fast wie eine Ersatzbefriedigung.

•••••••••••

Ich verbringe etwa die Hälfte des Jahres in den USA, und zwar in Boston, Massachusetts. Meine Amerikanisierung geht so weit, daß sich mir für den Notruf eher die – jetzt so unheimliche – Nummer 911 als die 110 eingeprägt hat, und ich hoffe, daß sich das nicht einmal fatal auswirkt.
In Boston verkehre ich fast ausschließlich in feministischen Universitätskreisen (ja, sowas gibt es da). Keine meiner amerikanischen Freundinnen (die paar Freunde sind herzlich mitgemeint) hat George W. Bush und die Republikaner gewählt. Die meisten schütteln sich in ohnmächtigem Zorn, in Scham und Ekel, wenn sie in den Nachrichten hören, was sich die Bush-Administration – auch in ihrem Namen – alles leistet, von der peinlichen und gefährlichen Schwarzweißmalerei seit “9-11” über die Verstrickung in die Bilanzfälschungsskandale, die Mißachtung des Internationalen Strafgerichtshofs und des UN-Umweltgipfels bis hin zu dem Plan, den Irak ohne UN-Mandat anzugreifen, sozusagen als erste Etappe im Kampf gegen die “Achse des Bösen” Nordkorea, Iran und Irak.
Mit Clintons Oral-Office-Geschichten hatten meine Freundinnen auch ihre Mühe, aber bei Bush hört für sie der Spaß auf. Einige politisch besonders Versierte finden ihn allerdings harmlos im Vergleich zu Cheney, den sie für die eigentliche Gefahr halten.
Das amerikanische Volk hat ja seinen obersten Kriegsherrn Bush gar nicht gewählt.  Bush hat Gore, der die Stimmenmehrheit (die sog. “popular vote") bekam, aufgrund eines in Europa kaum verständlichen Wahlsystems und unglaublicher Pannen mit veralteten Wahlmaschinen zwar um ein paar Stimmen überrundet, aber die ganze Geschichte riecht insgesamt weniger nach Pannen als vielmehr nach einem Schurkenstück. Ich konnte mich nie des Eindrucks erwehren, daß Bush an die Macht kam durch Betrug, Verrat und Intrigen – mit Hilfe des Bruders Jeb Bush, der in Florida an der Macht ist und viele Gore-Stimmen der schwarzen und der jüdischen Bevölkerung schon im Vorfeld auszuschalten verstand. Als das noch nicht reichte, half der von Vater Bush und Vorgänger Reagan schön rechtslastig besetzte oberste Gerichtshof und sprach ein Machtwort. Und Gore ließ die Nation, die ihn gewählt hatte, im Stich und riet ihr, sich dem Spruch des Obersten Gerichtshofes zu beugen, damit wieder Ruhe und Ordnung einkehre.
Bush machte als Präsident keine gute Figur – bis zum 11. September. Seitdem hat er seine “Mission Impossible” gefunden, und die geschockte Nation versammelt sich fahnenschwingend hinter ihm, wie es halt so geht in Krisenzeiten. Von der Opposition hören wir hier wenig, aber es gibt sie. Wenn Sie sich über das “andere Amerika” - FeministInnen und PazifistInnen - informieren wollen, besuchen Sie folgende Seiten im Internet:

http://www.unitedforpeace.org (hier werden die alternativen Gedenkveranstaltungen zum 11. September koordiniert)
http://www.feminist.org – immer eine nützliche Adresse!
http://www.wellesley.edu/WomensReview/printpet.html (der Artikel von Rosalind P. Petchesky ist das Beste, was ich bisher zum Thema 11. September gelesen habe)

•••••••••

In Deutschland kämpfen wir auch gerade gegen die Folgen einer nationalen Katastrophe, die Hochwasserkatastrophe. Beispiellos war und ist die Hilfsbereitschaft und Einsatzfreude der Bevölkerung. “Der Feind” war sichtbar und die nächstliegende Aufgabe so einfach wie ermüdend: Sandsäcke füllen, schleppen, anhäufen und wieder abräumen.
Der Kanzler und die Koalition, vorher auf dem absteigenden Ast, ergriffen die Chance und sind im Aufwärtstrend.
Merke: Eine nationale Krise versammelt das verängstigte Volk hinter der Regierung. Es möchte unbedingt helfen – wo es keine Sandsäcke schleppen kann, läßt es sich leicht zu “patriotischen” Taten aller Art verführen, vom Fahnenschwingen bis zum Bombenwerfen.
Bush hat seine Chance klar erkannt. Nach seiner Definition befinden sich die USA in einem Krieg wie es noch keinen gab und dessen Ende nicht abzusehen ist.
Bush hat von seinem Vater gelernt. Der führte einen relativ kurzen Krieg in Absprache mit seinen Verbündeten, siegte und verlor die nächste Wahl.
Bush junior wird sich dies Schicksal ersparen wollen.

© 2002 Luise F. Pusch

# | Luise F. Pusch am 05.09.2002 um 01:58 AM | Druckversion
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29.03.2002

Rede zur Verleihung des Barbara-Künkelin-Preises ….

… Preises der Stadt Schorndorf an Terre des Femmes und ihre Gründerin Ingrid Staehle am 10. März 2002 in der Barbara-Künkelin-Halle in Schorndorf

Liebe Festversammlung, liebe Familie Abele, liebe Freundinnen und Freunde von Terre des Femmes,

Heute ist der 351. Geburtstag von Anna Barbara Künkelin. Da der nach ihr benannte Preis nur alle zwei Jahre vergeben wird, konnte voriges Jahr ihr runder 350. Geburtstag nicht mit der Preisverleihung gefeiert werden. Heute können wir das nachholen. Also: Happy birthday, Anna Barbara!! Wie klug war es auch von deiner Mutter, dich zwei Tage nach dem Internationalen Tag der Frau zu gebären, so daß das eine Frauenfest das andere bestätigt und verstärkt. Am Vorabend des 8. März eröffneten die preisgekrönten Frauen von Terre des Femmes ihre Ausstellung “Leben statt Krieg – Afghanische Mädchen zeichnen ihren Alltag” im Stuttgarter Rathaus. Heute nehmen sie hier den Barbara-Künkelin-Preis entgegen – publicitymäßig ein richtiger Double-Whammy, und damit ganz im Sinne von Terre des Femmes, deren zentrales Anliegen es ist, durch Öffentlichkeitsarbeit das Unrechtsbewußtsein gegenüber Gewalt und Diskriminierungen an Frauen zu schärfen.

Ich möchte meine Laudatio auf Terre des Femmes und ihre Gründerin Ingrid Staehle mit einer Anekdote beginnen. Es folgt dann eine feministisch-linguistische Betrachtung zum Untertitel von Terre des Femmes: “Menschenrechte für die Frau” und zu der ähnlich lautenden Forderung “Frauenrechte sind Menschenrechte”. Denn schließlich haben Sie sich ja eine Sprachwissenschaftlerin für die Laudatio eingeladen und sich vielleicht schon öfter gefragt, was es mit diesen merkwürdigen Formulierungen eigentlich auf sich hat.

Danach werde ich Terre des Femmes und ihre Gründerin Ingrid Staehle loben, indem ich einfach erzähle, was sie tun und getan haben – ihre Werke sprechen für sich selbst.

Und schließlich möchte ich auch noch die Geschichte von Barbara Künkelin und ihren Mitstreiterinnen erzählen und zeigen, daß Ingrid Staehle und Terre des Femmes sozusagen direkte Nachfahrinnen dieser großen Schorndorferinnen sind. 
Nun also die Anekdote: Vor zwei Jahren interviewte ich die Journalistin Carola Stern zu ihrem bevorstehenden 75. Geburtstag. Carola Stern war in den Jahren davor besonders durch ihre Biographien berühmter Frauen bekannt geworden. In den 60er Jahren hat die engagierte Journalistin die deutsche Sektion von amnesty international mitgegründet. 

Ich fragte sie also, diese beiden Tätigkeitsschwerpunkte miteinander verknüpfend: “Frau Stern, was halten Sie als Mitbegründerin von amnesty Deutschland von Organisationen wie Amnesty for Women oder Terre des Femmes neben Terre des Hommes?”

Sie reagierte schnell, lebhaft und sehr entschieden: “Davon halte ich überhaupt nichts. Das ist eine ganz unnötige, ja dumme und ärgerliche Zersplitterung!” Amnesty habe sich immer für Menschen eingesetzt, ohne Rücksicht auf das Geschlecht. 

Ich wandte ein, es gebe aber doch, wie etwa die katastrophale Lage der Frauen unter den Taliban zeige oder die systematischen Vergewaltigungen im Balkankrieg, eine ganz spezifische, systematische Gewalt von Männern gegen Frauen, die auch spezifische Gegenmaßnahmen verlange.

Nein, dem konnte sie gar nicht zustimmen. 

Umso mehr hat es mich erstaunt und erfreut zu hören, daß eine kleine Stadt in Württemberg, deren Namen ich bis vor kurzem nicht kannte, sich zu der tapferen Tat entschlossen hat, heute die Organisation Terre des Femmes und ihre Gründerin Ingrid Staehle mit dem Barbara-Künkelin-Preis zu ehren. 

Warum “tapfer”? 

Da sind vor allem zwei Gründe: 
Einmal hat Terre des Femmes sich den Kampf gegen Greueltaten zum Ziel gesetzt, die so blutig, eklig und schrecklich sind, daß die meisten schon den Gedanken daran nicht aushalten können. Potentielle Sponsoren möchten zum Beispiel mit Genitalverstümmelung an Frauen auf keinen Fall assoziiert werden, nicht einmal im positiven Sinne durch Unterstützung des Kampfes gegen diese scheußlichen Verbrechen. 
Zweitens ist es gängige Denkweise, eine Organisation, die sich “nur” um Frauen kümmert, wenn nicht wie Carola Stern für im Ansatz verfehlt, so doch für überflüssig zu halten. Es sind dieselben Argumente, die gegen die Quote angeführt werden, gegen die affirmative action in den USA, kurz gegen alles, was der Tatsache Rechnung tragen will, daß wir hier noch mitten im Patriarchat leben, wo alle Machtzentren fest in Männerhand sind und Männer gegen Frauen und Mädchen täglich unfaßbar grausame Verbrechen begehen. 

Menschenrechtsorganisationen setzen sich für die Grundrechte von Menschen ein, für die Menschenrechte. Daneben noch spezielle Frauenrechte einzuklagen, halten viele Menschen, vielleicht die meisten Menschen, für ein Zeichen von Denkschwäche. Denn die Frauen sind doch in dem Begriff “Menschen” auf alle Fälle schon erfaßt. 
“Menschenrechte für die Frau” – so der Untertitel von Terre des Femmes – diese Forderung ist doch tautologisch, etwa so absurd wie “Hundefutter für die Hündin” oder “Katzenstreu für den Kater”. Meine Schwester schenkte mir vor Jahren ein Glas “Senf für Frauen” – wir lachen heute noch über diesen Gag!
Ich habe ziemlich lange nachdenken müssen, um herauszubekommen, wie in dieser alten Streitfrage zu entscheiden ist. Haben Leute wie Carola Stern recht – oder Leute wie Ingrid Staehle, die den Namen “Terre des Femmes” mit dem Untertitel “Menschenrechte für die Frau” geprägt hat? 

Der Begriff “Menschenrechte” geht zurück auf die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 und die Déclaration des droits de l’homme et du citoyen der französischen Revolution, die dreizehn Jahre später ihren Anfang nahm. In beiden Dokumenten, auf die sich die Idee der Menschenrechte stützt, war nicht daran gedacht, Frauen ebenfalls zu den Menschen zu zählen. Die Brüder redeten von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – und meinten es auch genau so. 
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, genehmigt und verkündet von der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948, die ich mir etwa als heute verbindliches, aktuelles Dokument von der Webseite von amnesty international herunterladen kann, verkündet in Artikel eins: “Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.”

Kommentar überflüssig!

Olympe de Gouges verfaßte angesichts des Widerspruchs zwischen den vollmundigen Erklärungen der Brüder und der tatsächlichen Situation der Frau die Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne, ein kühnes feministisches Manifest, in dem sie nicht von Menschen spricht, sondern von Frauen und Männern und betont, daß die Frauen die gleichen Rechte wie die Männer haben. Dafür haben die ersten Menschenrechtler sie aufs Schafott geschickt. 
Der Begriff der heute so hochgehaltenen Menschenrechte ist also an der Wurzel verfault und unglaubwürdig durch den Ausschluß der Hälfte der Menschheit bei seiner Entstehung und durch die anhaltende Weigerung, eben diese Menschenrechte ohne Abstriche auch den Frauen zuzugestehen. Daß zu den Menschen auch nicht die schwarzen SklavInnen Amerikas gezählt wurden, genau so wenig wie die unterjochte, zur Ausrottung bestimmte indianische Urbevölkerung, macht die “Menschenrechte” auch nicht überzeugender. 

Die Sitte, der Frau das Menschsein abzusprechen, hat bekanntlich altehrwürdige Tradition und ist schon in der Bibel verankert, wo es in den Zehn Geboten heißt: “Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib”. Wir dürfen getrost davon ausgehen, daß hier nicht an Lesben gedacht wurde, die die Frau des Nachbarn nicht begehren sollen. Das “du” der Zehn Gebote richtet sich an Männer, wir Frauen sind gar nicht gemeint. Wir gehören nämlich – auf einer Stufe mit Haus, Acker, Vieh und allem was sein ist – zum Besitz des “Menschen”. 

Aus dieser schon im Ansatz fatal verfehlten Erklärung der Menschenrechte folgen nun alle weiteren Aporien. 
Was machen wir z.B. wenn es zu den Menschenrechten gehört, daß des Menschen Ehre nicht angegriffen werden darf, und die Frau durch Fremdgehen die Ehre des Menschen beschmutzt hat? (Artikel 12 der Menschenrechtserklärung von 1948: “Niemand darf …Angriffen auf seine Ehre und seinen Ruf ausgesetzt werden.")
Was machen wir, wenn der Mensch ein Recht auf Bildung hat – aber Bildung teuer ist? Ist es da nicht ganz selbstverständlich, daß nur die vollgültigen Menschen in den Genuß der Bildung kommen können, die weniger wertvollen aber häufig leer ausgehen müssen?
Was machen wir, wenn der Mensch ein recht auf freie Meinungsäußerung hat und er seine Meinung über Frauen in Form von Gewaltpornos im Internet verbreitet? 

Was ich mit all dem sagen will, ist: Die scheinbar unsinnigen Formeln “Menschenrechte für die Frau” und “Frauenrechte sind Menschenrechte” sind die einzig angemessene sprachliche Reaktion auf einen männlichen Denkfehler, der zum Dogma wurde – auf die in alle Kulturen mehr oder weniger tief eingegrabene, schwer ausrottbare Überzeugung der Männer, daß Frauen entweder überhaupt nicht zu den Menschen zählen (sondern zum Besitz des Mannes) oder daß sie Menschen zweiter Klasse sind. 
In der Tat ist es so, daß in den meisten europäischen Sprachen die Wörter für Mann und Mensch identisch sind: Im Französischen homme, im Englischen man, im Italienischen uomo, im Spanischen hombre, undsoweiter. Mir ist hingegen keine Sprache bekannt, in der die Bezeichnung für “Mensch” mit der Bezeichnung für “Frau” übereinstimmt. 

Sie kennen vielleicht den Witz von den beiden Schneidern, die am selben Platz wohnten. Der eine hängte ein Schild auf: “Hier wohnt der beste Schneider der Welt.” Der andere Schneider hängte auch ein Schild auf: “Hier wohnt der beste Schneider am Platze.”
Der Kleine hat den Gernegroß mit einem Satz entlarvt. 

Eine ähnliche Glanzleistung war der Spruch “Wir sind das Volk”, mit dem die angeblichen Vertreter ebendieses Volkes schließlich in die Knie gezwungen wurden. 

Sie erkennen das Muster: Der eine bläht sich auf mit einem universellen (An)Spruch: “Wir kämpfen für Menschenrechte!” Die andere kontert bescheiden: “Und wir für Frauenrechte!” – und untergräbt damit den universellen Anspruch des anderen, entlarvt ihn als hohl. 

Kein Wunder, daß Carola Stern nicht begeistert war. 

Terre des Femmes und ihre Gründerin, Ingrid Staehle

Angesichts der Berührungsängste potenter Sponsoren sind wir Frauen beim Kampf um Frauenrechte im wesentlichen auf uns selbst angewiesen, auf unsere eigenen Ressourcen. Reich sind wir an Idealismus und Einsatzfreude, doch arm an Geld (umso willkommener ist daher der Künkelin-Preis). Terre des Femmes finanziert sich überwiegend aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden. Besonders die Mitgliedsbeiträge bringen erkleckliche Summen, denn Terre des Femmes ist seit 1991 von 100 auf jetzt rund 2500 Mitglieder angewachsen. Ja Terre des Femmes ist einer der wenigen Verbände in Deutschland, die noch wachsen – und dabei engagieren sich sogar besonders die jungen Frauen! Auch Männer können Mitglied werden. Ich richte daher einen dringenden Appell an alle Anwesenden: Werden Sie hier und heute Mitglied von Terre des Femmes – etwas Besseres können Sie mit Ihrer Zeit, ihrem Geld und ihren sonstigen Ressourcen kaum anstellen. Seit der Frauenkonferenz in Peking 1995 spricht es sich mehr und mehr herum: Frauen fördern hilft allen, Männer fördern hilft dagegen oft nicht einmal den Männern. 

Terre des Femmes ist eine moderne Organisation, die ihr Ziel, das Thema Gewalt gegen Frauen allgemein und überall bewußt zu machen, mit modernen, professionellen Mitteln verfolgt. In der 1990 eingerichteten Bundesgeschäftsstelle in Tübingen arbeiten derzeit dort 13 Frauen – Praktikantinnen und Ehrenamtliche nicht mitgerechnet. Auf Medienanfragen kann sofort reagiert werden. Professionelle Öffentlichkeitsarbeit ist das Herzstück der Arbeit von Terre des Femmes. Auch hierin zeigt sich die Modernität des Verbandes. Die enorme Hebelwirkung der öffentlichen Meinungsbildung wird gezielt und gekonnt eingesetzt. 
Es bedurfte beispielsweise jahrelanger massiver Bearbeitung des öffentlichen Bewußtseins, bis 1993 Sexualverbrechen an Kindern, die deutsche Männer im Ausland verüben, und 1997 Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland strafbar wurden. 

Ulrike Mann, die Vorstandsvorsitzende von Terre des Femmes teilt mit: “Nach Angaben der Vereinten Nationen werden schätzungsweise vier Millionen Frauen und Mädchen pro Jahr verkauft – als Ehefrauen, Prostituierte oder Sklavinnen. Bis zu 5.000 junge Frauen fallen jährlich sogenannten Ehrenmorden zum Opfer. 78.000 Frauen sterben auf grund unsachgemäß durchgeführter Schwangerschaftsabbrüche. ... Dabei umfaßt das bloße Zusammenzählen der Gewaltakte noch lange nicht die Atmosphäre des Schreckens und der Angst, der lebenslangen Einschränkungen, der nicht gelebten Träume und Möglichkeiten.
Terror hat im allgemeinen genau dies Ziel: die Terrorisierten zu ängstigen und damit in Schach zu halten. Jedes Terrorregime greift sich willkürlich einige Opfer heraus, demonstriert, welche Gefahren bei Aufmüpfigkeit drohen, und die Bevölkerung kuscht. Die feministische Analyse hat längst erkannt, daß der Terror von Männern gegen Frauen einfach dem Machterhalt dient, Punkt. 

In der Tübinger Geschäftstelle arbeiten außer der Geschäftsführerin Christa Stolle auch Gritt Richter, die Referentin für Genitalverstümmelung und Sabine Hensel als Referentin für Frauenrechte in islamischen Gesellschaften. Die Stelle der Referentin für Frauenhandel ist zur zeit nicht besetzt. Ute Kreckel ist die Referentin für Eilaktionen. Eine der aktuellen Eilaktionen betrifft folgenden Fall: 
Safya Husseini Tungar-Tudu, eine junge Nigerianerin, wurde zum Tode verurteilt, weil sie ein uneheliches Kind bekam. 
In Nigeria gilt das als schweres Vergehen gegen das islamische fundamentalistische Recht. Wenn nicht starker internationaler Druck ausgeübt wird, wird man in etwa einem Monat Safya in einen Graben stellen, dann bis zur Mitte eingraben und sie schließlich von den Einwohnern ihres Dorfes zu Tode steinigen lassen. 
Zur Zeit ist sie in ihrem Haus eingesperrt, wo sie ihr Kind stillt. Der Vater des Kindes wurde aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Im vergangenen Jahr feierte Terre des Femmes ihr 20jähriges Bestehen mit einem Kongreß in Berlin unter dem Motto “Widerstand ist ein Geheimnis des Glücks”. Ich verstehe dieses schöne Motto als Aufforderung an uns alle, angesichts der Übermacht des Bösen in der Welt schon aus psychohygienischen Gründen nicht zu resignieren – wobei ich unter “das Böse” durchaus etwas völlig anderes verstehe als George W. Bush. Das Böse liegt in der ungerechten Verteilung der Ressourcen und der Macht. 99 Prozent der Ressourcen und der Macht auf unserem Planeten sind in der Hand von Männern. 
Darüber könnte frau total resignieren. Was können wir schon ausrichten gegen solche Übermacht? Der Versuch aber, etwas auszurichten, würde sich auch dann lohnen, wenn das Scheitern von vornherein feststünde (was in der Regel nicht der Fall ist). Denn “Widerstand ist ein Geheimnis des Glücks”. Wer nicht resigniert, sondern sich aufrafft und Widerstand leistet, fühlt sich schon dadurch besser, lebendiger. Widerständige können sich im Widerstand verbünden mit anderen – es gibt kaum eine wirkungsvollere Depressionsbremse. 

Dies hat Ingrid Staehle, die Gründerin von Terre des Femmes früh erkannt und in die Tat umgesetzt. Der Impuls kam von einem Buch, nämlich Benoîte Groults Ainsi soit-elle, auf Deutsch Ödipus’ Schwester, aus dem Jahr 1975. Die französische Feministin und spätere Bestseller-Autorin Groult war eine der ersten, die die Greuel der Genitalverstümmelung kleiner Mädchen in Afrika und manchen islamischen Ländern öffentlich machte. Ingrid Staehle sagt, daß die Erkenntnis, daß es so etwas gibt, sie zutiefst erschüttert hat – “das war wie ein Schnitt ins eigene Fleisch”. Das kann wohl jede Frau verstehen, die erfährt, was sonst geheimgehalten wird, auch von den Opfern selbst aus Scham, oder verharmlost wird mit der völlig irreführenden Bezeichnung “Beschneidung”. 
Ich zitiere Fran Hosken nach Mary Daly: “Ausschneidung und Infibulation: Hier wird die gesamte Klitoris, die kleinen Schamlippen und Teile der großen Schamlippen entfernt. Beide Seiten der Scheide werden dann irgendwie zusammengefügt, entweder durch Dornen oder ... zusammengenäht. Oder die Schamlippen werden bis zum rohen Fleisch abgeschabt und die Beine des Kindes auf die Dauer von mehreren Wochen zusammengebunden, bis die Wunde heilt (oder das Mädchen stirbt). Der Zweck ist, die Scheidenöffnung zu verschließen. Nur eine kleine Öffnung wird gelassen (im allgemeinen wird ein Stück Holz eingeführt), damit der Urin oder später das Menstruationsblut austreten kann.” Mary Daly ergänzt: “Frauen, die infibuliert sind, müssen aufgeschnitten werden, entweder vom Ehemann oder einer anderen Frau – damit der Geschlechtsverkehr möglich ist. Sie müssen bei der Geburt eines Kindes weiter aufgeschnitten werden. Häufig werden sie nach der Entbindung wieder zusammengenäht, das hängt von der Entscheidung des Ehemannes ab ...”
Undsoweiter, es ist wirklich nicht zu ertragen. Schon das Darüber-Reden nicht ... Zwei Millionen Mädchen werden in Afrika jährlich an den Genitalien verstümmelt. 

Ich verstehe Ingrid Staehle sehr gut, daß diese Lektüre sie nicht mehr ruhen ließ und zum Handeln trieb. Ich las 1978, drei Jahre später, Mary Dalys Klassikerin Gyn/Ökologie, das ein fünfteiliges Kapitel über die weltweite systematische Folterung von Frauen in Geschichte und Gegenwart enthält. U.a. geht es da um die Genitalverstümmelung in Afrika, um Witwenverbrennung und Mitgiftmorde in Indien, Fußverkrüppelung in China, den Hexenwahn in Europa und Gynäkologie in den USA. Die Lektüre hat mich so aufgewühlt und radikalisiert, daß es bis heute ausgereicht hat, mich im permanenten Widerstand zu halten. Auch Dr. Herta Haas, Gründungsfrau und ältestes Mitglied bei Terre des Femmes, berichtet, daß es die Genitalverstümmelung war, die sie in den Widerstand trieb. Sie ist wahrscheinlich die bedeutendste Expertin zu diesem Thema, hat auch ein Buch darüber geschrieben, das dann nicht gedruckt wurde, weil die Leitung des Verlags wechselte. Es müßte endlich auf den heutigen Stand gebracht und veröffentlicht werden. 

1981 gründete Ingrid Staehle in ihrem Wohnzimmer in Hamburg Terre des Femmes mit etwa zehn anderen Frauen, darunter auch Herta Haas. In den ersten Jahren hatte die Organisation zwei Schwerpunkte: Konkrete Hilfe für islamische Frauen, denen ein sogenannter “Ehrenmord” drohte und Aufklärung in Deutschland und Afrika über Genitalverstümmelung. 
Für die von Mord bedrohten Frauen galt es, die Genfer Flüchtlingskonvention so umformulieren zu lassen, daß nicht nur Verfolgung aufgrund der Rasse, der Religion oder der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe einen Schutzgrund darstellt, sondern auch Verfolgung aufgrund des (weiblichen) Geschlechts. Bis dahin waren Frauen als Flüchtlinge nur schutzwürdig insofern ihnen Gefahren drohten, die auch Männern drohen. Die große Gefahr, die Männer für Frauen darstellen, blieb den Menschenrechtlern ohne weibliche Nachhilfe verborgen. Für die Hamburger Gruppe war es sehr motivierend, eine gesetzliche Regelung zu erwirken, die vielen helfen würde. 
Unerwartete Schwierigkeiten gab es dann aber bei der Aufklärung über Genitalverstümmelung. Ich zitiere Ingrid Staehles Überlegungen zu dem bis heute schmerzlichen Konflikt, den die afroamerikanische Dichterin Alice Walker in folgendes verstörende Bild faßte, das sie ihrem Roman über Genitalverstümmelung als Motto voranstellte: 
“Als die Axt in den Wald kam, sagten die Bäume: Aber der Stiel der Axt stammt von uns!”
Ingrid Stahle schreibt: “Die Solidarität war [den Betroffenen] oft nur willkommen, solange es um die persönlichen Tragödien bei der Beschneidung, den Mitgift-Morden in Indien oder den ‘Morden aus Familienehre’ im Islam ging. Ging es dagegen im eigentlich politischen Sinn um die Unterdrückung der Frau, dann wurde gern die koloniale Kultur allein verantwortlich gemacht. Die Diskriminierung von Frauen in der eigenen Religion und ihren Bräuchen wurde kaum als solche gesehen. Immer wieder bekamen wir zu hören: Wir haben eine eigene kulturelle Tradition, euer Menschenrechtsansatz greift da nicht. Dieser Grundkonflikt hat ja auch die großen Frauenkonferenzen der UNO von Mexiko (1975) über Nairobi (1985) bis Peking (1995) beherrscht.”

Nachdem Sie nun einiges über die Geschichte und derzeitigen Aktivitäten von Terre des Femmes gehört haben, sind Sie sicher noch neugierig auf die Geschichte und derzeitigen Aktivitäten ihrer Gründerin: 

Ingrid Staehle wurde 1945 in Calw geboren, besuchte die Schule in Esslingen und studierte in Tübingen und Hamburg Philosophie, Geschichte und Politische Wissenschaften. Dort mögen wir uns sogar in den Philosophie-Seminaren Carl-Friedrich von Weizsäckers begegnet sein, ohne uns kennenzulernen ... 1969 ging Ingrid Staehle in die französische Schweiz nach Fribourg zu den Dominikanern, die dort bekanntlich auch aus Mary Daly eine Radikalfeministin erster Güte mit einer seltsamen Vorliebe für Thomas von Aquin machten ...
In den siebziger Jahren kehrte Ingrid Staehle mit einer sozialphilosophischen Dissertation über John Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit nach Hamburg zurück und arbeitet seither als Journalistin bei der Deutschen Presseagentur, zunächst im Ressort Internationale Politik, später im Bereich Modernes Leben/Kultur. Dabei – ich zitiere aus ihrem Lebenslauf – “der ständige Balance-Akt ... zwischen professioneller, mediengerechter Aufarbeitung der Aktualität und substantiellem Anspruch beim Schreiben über selbstgewählte Sujets aus dem Kulturleben, Zeitgeschichte, Psychologie und Philosophie. Als Thema dabei immer wieder auch der – damals im katholischen Fribourg wie unter Feministinnen gleichermaßen geächtete – Friedrich Nietzsche.”
Wie Nietzsche liebt Ingrid Staehle das Gebirge und Sils-Maria. “Ansonsten” – ich zitiere weiter – “wird in der nordischen Exil-Heimat tüchtig Rad gefahren, sommers in allen erreichbaren Seen geschwommen, winters gelesen und Musik gehört und im Übrigen herzhaft gelebt.”
Eben: Widerstand ist ein Geheimnis des Glücks!

Ein weiteres Beispiel für die Wahrheit dieses Satzes ist Barbara Künkelin. 
Die Geschichte der bekanntesten Persönlichkeit dieser Stadt, die dieser Stadthalle den Namen gab und auch dem Preis, der heute hier verliehen wird, kennen sicher die meisten von Ihnen. Einige der angereisten Gäste aber werden sie doch noch nicht kennen, und für die will ich sie noch einmal kurz erzählen. Sie ist ja auch so schön, daß sie nicht oft genug erzählt werden kann. 
Anna Barbara Künkelin war die Frau des Bürgermeisters der Stadt Schorndorf. Geboren kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg im Jahre 1651, war sie zur Zeit ihrer Heldinnentat 37 Jahre alt. Im Herbst des Jahres hatte Ludwig XIV. von Frankreich den Pfälzischen Erbfolgekrieg vom Zaun gebrochen. Unter dem Vorwand, Erbrechte seiner Schwägerin Liselotte von der Pfalz zu sichern, überzog er die rheinische Pfalz mit einem Eroberungskrieg und hatte dabei auch Appetit auf Württemberg bekommen. Anfang Dezember 1688 hatte sich fast ganz Württemberg bereits kampflos ergeben, nur Schorndorf, Neuffen und der Hohentwiel hielten sich noch. Der Kommandant von Schorndorf widersetzte sich den Franzosen, da wandten diese sich unter Drohungen an die Regierung in Stuttgart und erreichten, daß ein Gesandter losgeschickt wurde, der den Schorndorfern die kampflose Kapitulation befehlen sollte, sonst drohe von den Franzosen Böses. Der Kommandant widersetzte sich wieder, da wandten sich die Abgesandten aus Stuttgart an den Rat der Stadt, der alsbald die Kapitulation beschloß, um schlimmeren Schaden abzuwenden. Als das die Frau des Bürgermeisters hörte, eben Barbara Künkelin (damals hieß sie noch Walch), faßte sie den Plan, die Kapitulation nicht zuzulassen. Sie rief die Frauen der Stadt zusammen, und mit “Waffen” als da sind Kochlöffel, Mistgabeln, langstielige Hacken und dergleichen, marschierte frau zum Rathaus. Dort sollen sie die versammelten Ratsmänner zur Rede gestellt und sie mit “Waffengewalt” gezwungen haben, nicht für die Übergabe der Stadt zu stimmen. Barbara soll ihrem eigenen Mann, dem Herrn Bürgermeister, sogar gedroht haben, ihn als Verräter eigenhändig umzubringen, wenn er für die Übergabe stimmte. 
Wichtig ist dabei zu wissen, daß das Weibervolk der Regierung in Stuttgart nicht durch Amtseide oder Treuegelöbnisse verpflichtet war wie die Männer. Sie waren eben auch damals Menschen zweiter Klasse, besaßen gewissermaßen Närrinnenfreiheit und konnten also den Männern die Ausrede verschaffen, daß sie nur “gezwungenermaßen” dem Regierungsbefehl nicht gehorchten. Offenbar war der Mut der Weiber von Schorndorf ansteckend, es ermannten sich nun auch die Männer, leisteten Widerstand und hielten dem Feind stand, bis endlich die Entsatztruppen die Stadt erreichten. 
So soll Württemberg es letztlich dem Mut der Weiber von Schorndorf mit Barbara Künkelin an der Spitze verdanken, daß ihm das schreckliche Schicksal der Pfalz erspart blieb – das übrigens die Pfälzerin Liselotte ihrem habgierigen Schwager Ludwig XIV. ihr ganzes langes Leben lang nicht verzieh. Wir sollten nachher unser Glas auch auf sie erheben, denn dies Jahr ist ihr 350. Geburtstag. 
Ist da nicht eine schöne Parallele zu sehen? Es gibt eine Initiatorin, die die Ungerechtigkeit nicht mehr ertragen kann und etwas dagegen unternehmen will – Barbara Künkelin damals und Ingrid Staehle heute. Und es gibt Scharen von Frauen, die den Impuls aufgreifen und hinaustragen und daraus eine erfolgreiche, mitreißende, unwiderstehliche Bewegung gegen die Ungerechtigkeit machen – die Weiber von Schorndorf damals und Terre des Femmes heute. 

© Luise F. Pusch, März 2002


Literatur:
Daly, Mary. 1981 [1978]. Gyn/ökologie: Eine Meta-Ethik des radikalen Feminismus [= Gyn/ecology: The meta-ethics of radical feminism]. Aus dem amerikanischen Englisch von Erika Wisselinck. München. Frauenoffensive. 
Walker, Alice. 1993. Sie hüten das Geheimnis des Glücks [=Possessing The Secret of Joy]. Reinbek bei Hamburg. Rowohlt.
Widerstand ist ein Geheimnis des Glücks: 20 Jahre Terre des Femmes. Hg. von Terre des Femmes e.V., Konrad-Adenauer-Str. 40, D-72072 Tübingen (www.terre-des-femmes.de). Redaktion Christa Stolle, Sylvia Rizvi & Britta Hübener. Tübingen 2001.

© 2002 Luise F. Pusch

# | Luise F. Pusch am 29.03.2002 um 10:48 PM | Druckversion
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15.02.1999

Weiter nerven: Luise F. Puschs neues Buch

Die Frau ist nicht der Rede wert?!

(Februar 1999)

Vorschautext:

In Eutin verordnete mann sich jüngst eine radikalfeministische Sprache. Seitdem gibt es dort von Amts wegen nur noch Eutinerinnen, knapp die Hälfte davon sind Männer. Viele männliche Eutinerinnen tragen allerdings schwer an ihrer Feminisierung und kämpfen dafür, die Regelung wieder rückgängig zu machen.

Das Maskulinum ist nicht mehr das, was es einmal war. Mit dazu beigetragen haben Luise F. Puschs sprach- und frauenpolitische Analysen, von denen die neuesten hier versammelt sind.

Aber die Herrensprache, in der der Mann die Norm und die Frau buchstäblich nicht der Rede wert ist, ist noch keineswegs überwunden. Deshalb nervt frau zügig weiter, greift um sich und kennt kein Maß. Mannes Ehre und Ordnung werden unterhöhlt. Es kam soweit, daß sogar schmutzige Wörter wie “Lesben” und “Schwule” in die offizielle Sprache des Bundestags aufgenommen werden mußten.

Unter dem Einfluß der Aids—Katastrophe und des Aids—Aktivismus haben sich allerorten die Queer Studies stürmisch entwickelt, hierzulande jedoch, wie zu erwarten, weniger stürmisch. Luise F. Pusch hat die Diskussion innerhalb der deutschsprachigen Linguistik mit ihren Beiträgen über Sprache und Homophobie eingeleitet und vorangetrieben.

Gute Frauenpolitik erkennt frau am Geschrei der Männer.

Am lautesten war schon immer das Geschrei über feministische Sprachpolitik. Deren bekannteste und radikalste Vertreterin ist Luise F. Pusch. Ihr drittes Buch zum Thema Sprache, Feminismus und Frauenpolitik (nach Das Deutsche als Männersprache, 1984, und Alle Menschen werden Schwestern, 1990) versammelt ihre wichtigsten einschlägigen Aufsätze, Reden und Glossen aus den Jahren 1991-1998.

Aus dem Inhalt:

Feministische Linguistik:

“Etappen auf dem Weg zu einer gerechten Sprache”
“Ladies First: Über das frauenzentrierte Denken”
“Nur für Frauen oder Warum reden wir eigentlich noch mit denen?”

Frauenpolitik

“Na endlich!” (Rede zur Gründung der Feministischen Partei Die Frauen, 1995)
“Zehn Jahre Frauenbeauftragte in Goslar “(Festrede)
“Trümmerfrauen”
“‘I wish she were the President!’ Hillary und der ‘gender gap’

Queer Studies

“Ein Streit um Worte: Eine Lesbe macht Skandal im Bundestag”
“Homophobische Diskurse, Dekonstruktion, Queer Theory: Eine feministisch-linguistische Kritik”
“Eine gewisse Wehmut: Homophobie im neuen Literaturbrockhaus”
“Lesbian Studies an der University of Massachusetts in Boston”
“Marlene Stentens Roman “Großer Gelbkopf” als Parabel schwuler Existenz”

Autobiographisches

“Auskünfte über Einkünfte”
“Vater morgana”
“Busch und Pusch”

Glossen ("Schöner altern”, “Der neue Duden - schon veraltet”, “Böse Mädchen auf Reisen”, “Feminismus in der Oper”, “Viagra: Wer braucht all die Erektionen” u.a.)

# | Luise F. Pusch am 15.02.1999 um 02:04 AM | Druckversion
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30.05.1998

Viagra: Wer braucht all die Erektionen?

Das zweite Jahrtausend neigt sich müde dem Ende zu, die Verweiblichung des Mannes durch östrogenähnliche Chemikalien in der Umwelt schreitet voran - da erlebt die Männlichkeit einen überraschenden Aufschwung. Im Frühling 1998 kam “die Pille für den Mann” auf den Markt, auf daß auch er endlich an der sexuellen Befreiung teilhaben könne, wie die Medien sich ausdrückten. Daß die sogenannte Pille für den Mann verhütungsmäßig das genaue Gegenteil der “Antibabypille” ist, kann mann vernachlässigen. Verhütung ist schließlich Sache der Frau. Und die wird nun mehr zu verhüten haben denn je, nicht nur Schwangerschaften, sondern auch Aids.

Die neue Pille heißt Viagra. Das läßt sich in den meisten Sprachen gut aussprechen - wichtige Voraussetzung für die globale Vermarktung. Allerdings klingt der Name eher weiblich - wäre nicht sowas wie Victor, Maxim oder Collum mannhafter gewesen? Möglicherweise soll der feminine Name die sexmuffelige Ehefrau einlullen und besänftigen, die schließlich den Großteil der zu erwartenden Spermaspringflut zu verkraften hat. Oder soll sie schon mal eingestimmt werden, die Erektionspille selber zu nehmen? Wie wir hören, wird “Viagra für die Frau” derzeit an 400 Europäerinnen getestet. Schließlich leben wir im Zeitalter der Gleichberechtigung. Und die enormen Entwicklungskosten wollen auch wieder reinverdient werden.

Viagra reimt sich im Englischen auf Niagara ["Naiägra" mit Betonung auf dem ä]. Nun haben die Niagarafälle zwar naturgemäß und wie der Name schon sagt eine eher fallende als steigende Tendenz, aber zweifellos sind sie ein gewaltiges Naturschauspiel tosender Fluten, es schäumt und spritzt, daß es eine Freude ist. Außerdem sind die Niagarafälle beliebt für Hochzeitsfeiern, Flitterwochen und ähnlich erektionsfreudige Seifenopern. Das ist es wohl, was die Namengeber im Sinn hatten.

Die Frauen verhielten sich in all dem Jubelgeschrei merkwürdig, ja geradezu unheimlich still. In den vielen Radio-Talkshows, die ich in den USA zum Thema Viagra gehört habe, redeten fast nur männliche Experten, riefen auch fast nur Männer an. Männer schäumten über vor Begeisterung und produzierten täglich neue TV- und Radio-Talkshows, Artikel, Glossen, Kommentare und wissenschaftliche Betrachtungen. Aber die mutmaßlichen Empfängerinnen [um inhumane Wörter wie Auffangbecken oder Samenklo zu umgehen] all der angestauten und nun ungestüm hervordrängenden Samenflüssigkeit schienen wenig interessiert geschweige denn begeistert. Eine Umfrage unter Ehefrauen brachte das ernüchternde Ergebnis, daß sich nur 15 Prozent für einen eventuellen Viagrakonsum ihrer Männer erwärmen konnten. Gründe für die lustlose Reaktion wurden nicht verraten, auch wurde die Nachricht nur ein einziges Mal gesendet.

Es scheint also, daß hier mal wieder ein Produkt - Sperma - kraß an der Hauptzielgruppe vorbeiproduziert wird. Ich finde es ok, daß schwule, bisexuelle und masturbationsfreudige Männer nun so viele Erektionen haben können wie sie wollen und bezahlen können [US-amerikanische Krankenversicherungen sind bereit, sechs Erektionen pro Monat zu finanzieren]. Aber was ist mit der zu erwartenden gewaltigen Restmenge an Erektionen und Samenflüssigkeit, die der Frau zugedacht sind? Wer braucht denn all diese Erektionen?

Bis zum Auftauchen von Viagra war Impotenz kein Thema. Nun es eine Kur gibt, wird ein Theater gemacht, als sei ein Mittel gegen Krebs gefunden worden. Plötzlich scheint es, daß ganze Heerscharen von Männern an Impotenz gelitten haben - ohne daß es weiteren Kreisen aufgefallen wäre. Die betroffenen Männer haben darüber verschämt geschwiegen, und die Frauen haben offenbar nix vermißt, im Gegenteil. Für diese These spricht auch der Verkaufserfolg von Büchern wie “Suche impotenten Mann fürs Leben” und Songs wie “Sperma ist ekelhaft”, mit dem das gemischte Duo “Herrchens Frauchen” vor ein paar Jahren einen Superhit landete.

Viagra muß eine Stunde “vorher” eingenommen werden. In dieser einstündigen Zwangs-Besinnungspause zwischen Planung und Durchführung der Orgie sehe ich den einzigen wirklichen Vorteil für die Frau. Der Mann muß sich in Stimmung bringen, sonst nützt ihm auch Viagra nichts. Es steht zu befürchten, daß er das mittels Pornos tun wird. Aber es besteht ja - mal rein theoretisch gesehen - auch die Möglichkeit, sich der Partnerin (oder dem Partner) liebevoll-erotisch zuzuwenden, eine ganze Stunde lang, WOW! Genau diese liebevolle Zuwendung ist es ja, was Frauen an Sexualität, wie Männer sie verstehen, gewöhnlich vermissen. Die 85% der Ehefrauen, die nichts von Viagra wissen wollen, haben diesbezüglich ihre Gatten vermutlich schon lange aufgegeben. Sex bedeutet für sie Unlust, und mehr Sex bedeutet noch mehr Unlust - weil es nicht ihr Sex ist, sondern seiner: Rein, umrühren, raus, umdrehen, einschlafen.

Ansonsten heißt es wachsam bleiben. Die Erektionen mehren sich, 6 pro Monat sind genehmigt und vorgesehen. Zugleich werden weltweit die Abtreibungsgesetze verschärft. Kein Wunder, daß Frauen keine Lust haben. Aber weil wir keine Spielverderberinnen sein wollen, protestieren wir weder lautstark, noch rufen wir zum Boykott auf. Noch nicht.

# | Luise F. Pusch am 30.05.1998 um 02:02 AM | Druckversion
Laut & Luise
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Hedwig Dohm