»Laut & Luise«
19.12.2010
Neuerdings darf flugpassagierin ja nur noch einen Koffer mit maximal 23 Kilo nach Übersee mitnehmen, also müssen die Weihnachtsgeschenke für meine Familie in Boston leichtgewichtig sein. Schals - das war die Lösung! Ich klickte mich durch das opulente Angebot des Online-Shops „da sempre - Schöne Dinge für Frauen“, der seit kurzem auf fembio.org inseriert und einen geschmackvollen und auch noch kostenlosen Verpackungsservice anbietet. Wie geschaffen für meine Bedürfnisse. Drei Tage lang sondierte ich immer mal wieder und bestellte dann reichlich Schals und ein wenig Schmuck für meine ganze weibliche Verwandtschaft, hier und in Boston. Besonders angetan hatte es mir ein Schal von Wiebke Möller, nämlich dieser:

Aber da gab es ein Problem: Diese herumschwebenden Engelein, waren das nun Weibchen oder Männchen? Ich weiß, dass den Frauen, die ich beschenken wollte, um die Brust schwebende Männchen keine Freude machen würden; sie würden das teure Teil im Schrank vermodern lassen!
Also schrieb ich Sieglinde Graf, der Besitzerin des Shops, und erkundigte mich nach dem Geschlecht der Engelchen auf den Schals von Wiebke Möller. Sie schrieb zurück:
ja mit den Engerln hat sich die Frau Wiebke Möller elegant aus der Affaire gezogen. Es ist nämlich tatsächlich nicht zu erkennen, um welche Art es sich handelt. Eher androgyn also… (obwohl ich fast mehr auf weibliche Engelchen tippen würde). Aber da kann ich Ihnen leider nicht wirklich helfen.
Ich fasste mir ein Herz und bestellte den Schal kurzerhand für mich selber. Gestern kam er an, und heute zu meiner Lesung beim KünstlerInnen-Weihnachtsmarkt werde ich ihn erstmals ausführen.
Die Untersuchung der Engel aus nächster Nähe brachte folgendes Ergebnis: Die Kunstweberin Möller hat sich mit ihnen viel Mühe gegeben, besonders mit den Gesichtern, die alle verschieden lächeln. Brüstlein mit Knospen sind ebenfalls gut ausgearbeitet. Zwischen den Beinen sind die Engel allerdings undifferenziert, da gibt’s nur winzige Quadrate.
Ein Dreieck hätte mir da besser gefallen, meinte Joey dazu. Sie trifft immer den Nagel auf den Kopf.
# | Luise F. Pusch am 19.12.2010 um 04:01 PM •
Permalink
12.12.2010
„Doktor Manfred Lütz, Professor Michael Tsokos, Ralph Morgenstern und zwei Frauen, die sich von Mann und Kindern verabschiedet haben, um fortan mit einer Frau zu leben - jetzt bei uns.“
Mit diesen Worten begann Markus Lanz am späten Mittwochabend seine Talkshow. Die Einleitung verhieß schon nichts Gutes. Hatten die im anonymen Doppelpack vorgestellten Frauen keine Namen und keine Individualität??
Ich sehe selten Talk Shows, und Markus Lanz sah ich zum ersten Mal. Ich wollte gerne hören und sehen, was Yvonne Ford über „Late Bloomers“ (Spätblüherinnen) zu sagen hatte. So nennen sich Frauen, die erst später im Leben „erblühen“, d.h. das Liebesglück mit einer Frau entdecken. Meine Partnerin, Liebes-Migrantin aus den USA wie Yvonne Ford, gehört auch zu dieser spannenden Gruppe.
Trotz der missglückten Eröffnung war ich entschlossen, auszuharren, bis Yvonne zum Zuge gekommen wäre. Darauf musste ich aber verdammt lange warten. Die ersten 20 Minuten durfte sich Gerichtsmediziner Tsokos über sein schauriges Gewerbe ausbreiten. Dazu fuchtelte der Moderator mit dem täuschend echten Modell einer abgehackten und noch dazu schrecklich verstümmelten Hand herum, die uns immer wieder in Großaufnahme gezeigt wurde, buchstäblich bis fast zum Erbrechen.
Herr Tsokos war sympathisch, aber zehn Minuten, ohne abgehackte Hand, hätten mir davon vollkommen gereicht. Immerhin waren da ja noch vier weitere Gäste. Für die gab es, als Tsokos endlich verabschiedet wurde, insgesamt nur noch 37 Minuten. Die Ungerechtigkeit war da schon nicht mehr abzuwenden. Von den nächsten Vier konnte jedeR maximal noch 9 Minuten lang erzählen. Na gut, 9 Minuten Yvonne Ford, dafür lohnte es sich doch noch aufzubleiben bis nach Mitternacht, dachte ich.
Als nächsten bat Markus Lanz wieder einen Mann an seine Seite, den netten Psychiater Manfred Lütz. Er durfte sich 16 Minuten lang verbreiten - blieben also für die nächsten Drei zusammen nur noch 21 Minuten, genau so viel, wie der Moderator mit dem ersten Gast verplempert hatte.
Nach Lütz kam die erste der beiden Frauen zu Wort; sie wurde mit Petra angeredet. Sie hatte ein Buch darüber geschrieben, wie sie sich nach 21jähriger Ehe unsterblich in eine Frau verliebt hatte. Das war alles sehr schön und zu Herzen gehend, die Frau sah auch echt klasse aus, viel besser als die anwesenden Herren - der Moderator räumte ihr dafür die Hälfte der verbleibenden Zeit ein. Blieben für Yvonne Ford gerade mal noch 5 Minuten, rechnete ich aus, so ein Mist! Als sie gerade richtig loslegen wollte und mitteilte, dass nicht wenige Frauen noch als Mittsiebzigerin zur Frauenliebe erblühen, unterbrach der Moderator sie hektisch und nahm den letzten dran, den schwulen Schauspieler Ralph Morgenstern. Der durfte sich dann auch knapp vier Minuten verbreiten. Sogar Yvonne kam noch einmal ganz kurz zu Wort, wurde dabei allerdings zwei Mal unterbrochen. Petra hatte nämlich grade gesagt, sie wünsche sich, dass mehr Frauen „ganz dezent“ auch öffentlich zeigen würden, dass sie sich lieben, z.B. indem sie sich „ganz dezent“ an den Händen hielten. Yvonne Ford nahm darauf Bezug und sagte, zum Glück nicht ganz so dezent, sie wünsche sich, „dass es möglich wäre, zu wissen, dass es sehr viele Frauen wie wir beide gibt in Deutschland“. Darauf konnte Lanz sich nicht mehr bremsen und rief, unter brüllendem Gelächter des Publikums: „Ja ein paar sollten aber auch für uns übrigbleiben, das fänd ich ganz schön für Heterosexuelle so wie Herrn Lütz und mich.“
Dies Gelächter ist für mich der Schlüssel der missglückten Performance des Herrn Lanz. Da machte sich spürbar eine durchaus kollektive Angst Luft. Eine einzelne Lesbe kann man ja noch durchgehen lassen, zumal wenn sie ein zu Herzen gehendes Einzelschicksal nachfühlbar erzählt. Wenn aber eine lesbische Aktivistin auftritt, deren erklärtes Ziel es ist, Lesben zu organisieren und ihnen zu mehr Präsenz und Selbstbewusstsein zu verhelfen - dann hört der Spaß auf, dann muss man die mal mit Nachdruck einschränken. Klug hatte er das eingefädelt mit den superlangen Zeiten für die beiden Eingangshelden, den Herrn Professor und den Herrn Doktor. Wehret den Anfängen, wo kämen wir denn hin, wenn alle Frauen einfach lesbisch würden?!
Dann schon lieber schwule Männer, und so bekam denn Ralph Morgenstern in der Verlängerung, die der Moderator seinetwegen noch anhängte, reichlich Gelegenheit, seiner Vorliebe für Klatsch und Tratsch zu fröhnen.
Ein wichtiges Thema wurde verschenkt und gegen Schluss noch mit unerträglich seichtem Männergeschwätz weggespült.
Wenn Ihr es nicht glauben wollt, könnt Ihr Euch in der ZDF-Mediathek alles selbst anschauen.
Wie Yvonne Ford den Abend erlebt hat, ist hier nachzulesen.
••••••••••••
Zwei Tage nach der Lanz-Pleite war in der WDR-Sendung „Kölner Treff“ von Bettina Böttinger zu sehen, wie es gemacht wird: Mit Charme, großer Wachsamkeit und Schlagfertigkeit achtete sie darauf, dass alle Eingeladenen gleichmäßig zu ihrem Rederecht kamen. Medienprofis wie Jürgen von der Lippe und Marie-Luise Marjan pfiff sie nett zurück, wenn sie ausufern wollten, die Nichtprofis ermutigte sie und brachte sie zum Glänzen - sie gingen aus sich heraus, wie sie es wohl selbst nie von sich erwartet hätten.
Ich werde Bettina Böttinger bitten, Yvonne Ford baldigst zum Kölner Treff einzuladen.
# | Luise F. Pusch am 12.12.2010 um 10:08 AM •
Permalink
07.12.2010
Heute, am 50. Todestag der großen Pianistin Clara Haskil, besuchte ich die Wikipedia-Seite über sie. Die Informationen sind spärlich; über ihren Landsmann, Freund und Kollegen Dinu Lipatti verbreitet sich Wikipedia zweieinhalb mal so lange. Ich verehre Lipatti, meine aber, das Verhältnis hätte ausgeglichen, wenn nicht umgekehrt sein sollen.
Im Lipatti-Artikel heißt es: „Eine tiefe musikalische Freundschaft verband Lipatti mit seiner Landsmännin, der Pianistin Clara Haskil.“ Na immerhin eine Bezugnahme auf Haskil, die im Haskil-Artikel kein Gegenstück hat. Doch „Landsmännin“ ist ein widernatürliches Wort und wurde daher schon vor Jahrzehnten durch „Landsfrau“ ersetzt - aber die Redakteure bei Wikipedia haben es eben nicht so mit der geschlechtergerechten Sprache. Ja sie haben ein echtes, schreckliches und durchgehendes Problem damit, und bis heute ist da keine Besserung in Sicht.
Das Problem sind die Kategorien jeweils am Ende der Artikel. Da lese ich über Clara Haskil:
Kategorien: Klassischer Pianist | Rumänischer Musiker | Schweizer | Geboren 1895 | Gestorben 1960 | Frau
Schön, dass wir am Schluss wenigstens noch erfahren, dass Clara Haskil eine Frau war - durch die anderen Kategorien wäre ja niemand darauf gekommen.
Am Ende des Lipatti-Artikels heißt es:
Kategorien: Rumänischer Komponist | Rumänischer Musiker | Klassischer Pianist | Geboren 1917 | Gestorben 1950 | Mann | Mitglied der Rumänischen Akademie
Dass Lipatti auch unter der Kategorie „Mann“ geführt wird, mutet leicht redundant an - ist aber nur gerecht und muss feministisch als Pluspunkt gewertet werden.
Jetzt war ich neugierig geworden und schaute nach, welche Kategorien für Marilyn Monroe aufgezählt werden:
Kategorien: Schauspieler | Musicaldarsteller | … Playmate | … Person (Los Angeles) | US-Amerikaner | Geboren 1926 | Gestorben 1962 | Frau
Tatsächlich, auch Marilyn war nicht nur ein Schauspieler und US-Amerikaner, sondern auch eine Frau. Und ein Playmate - ohne Sexismen geht es anscheinend nicht bei Wikipedia-Artikeln über Frauen. Welche Ausdrücke außer „Landsmännin“ und welche Kategorien neben „Playmate“ sonst noch gefällig sind, mag ich gar nicht erst untersuchen.
Den Weg aus dem Dilemma der deutschen Männersprache - die Deutsch-Wikipedia zwar nicht gemacht hat, aber doch unnötig eifrig bedient - weist Englisch-Wikipedia.
Zu Marilyn Monroe heißt es auf Englisch:
Categories: American film actors | Converts to Judaism | Former Christian Scientists | Models who committed suicide | People from Los Angeles, California |
Das ist nur eine kleine Auswahl. Der springende Punkt ist, dass die Kategorien im Plural verwendet werden. Der Singular wäre im Englischen auch ok, denn er ist geschlechtsneutral. Aber der Plural gibt die Richtung an, die Deutsch-Wikipedia einschlagen sollte.
Wir hätten dann für Clara Haskil:
Kategorien: Klassische PianistInnen / Rumänische MusikerInnen / SchweizerInnen / Frauen.
Und für ihren Landsmann Lipatti fast dasselbe: Klassische PianistInnen / Rumänische MusikerInnen / Männer.
Und wenn es dereinst mal auf das Geschlecht gar nicht mehr ankommt, können auch „Frau“ und „Mann“ wegfallen und sogar die Kategorie „Intersexuelle“, die bei Wikipedia „Intersexueller“ heißt. Vorläufig hilft die Kategorie Frau allerdings, die paar Frauen-Rosinen im Handumdrehen aus dem Wikipedia-Männerkuchen herauszupicken. Zur Zeit sind es zwischen 16 und 17 Prozent.
Über diese betrübliche Statistik hilft fleißiges Haskil-Hören hinweg. Sie war sicher eine der größten, wenn nicht die größte Pianist des vorigen Jahrhunderts. Zum Einstieg empfehle ich die Clara-Haskil-Edition, die gerade zu ihrem 50. Todestag zusammengestellt wurde, 17 CDs für 49 EUR. Seit Tagen höre ich nichts anderes mehr. 
# | Luise F. Pusch am 07.12.2010 um 09:17 PM •
Permalink
28.11.2010
Zum ersten Advent gab es ein Familientreffen bei meinen Geschwistern in Gütersloh. Außer Joey und mir waren die beiden Töchter meiner Schwester angereist, die eine aus München mit ihrer Tochter Lisa, 12 Jahre, die andere aus Lübeck mit ihrem Sohn Jonathan, 15 Monate. Zuletzt gesehen hatte ich ihn vor über einem halben Jahr; inzwischen toddelte er schon mutig durch die Gegend, setzte sich zwischendurch auf den Hosenboden, rappelte sich hoch und toddelte weiter, breitbeinig und mit seitlich ausgestreckten Armen wegen der Balance.
Ich ertappte mich dabei, dass ich ihn öfter mit „Na, kleiner Mann?“ ansprach, worauf er mich anstrahlte und weitertoddelte.
Wieder zu Hause, machte ich mir Gedanken über diese merkwürdige Anrede, die mir mehrfach rausgerutscht war. Hatte ich nicht in meiner Glosse “Das Hemdchen” vor einiger Zeit gemäkelt:
Ein Hemdchen macht die Frau zum Baby, zur Kindfrau. “Kindmann”? Gibt es nicht. Stattdessen haben wir den Sohnemann. “Tochterfrau?” Gibt es nicht. Die Lücken in unserem Wortschatz zeigen froh die Richtung an: Der Sohnemann soll sich schon als Hemdenmatz stark fühlen wie ein Mann, das Töchterchen aber soll am besten ewig Kind bleiben und noch als erwachsene Frau im “Hemdchen” ihre “atemberaubende Schönheit” zu Markte tragen.
Soweit die gängige feministische Interpretation dieser Lücke in unserem Wortschatz. Es gibt aber auch noch eine andere Sicht der Dinge.
Als Lisa noch klein war, waren wir natürlich hingerissen von ihr, und obwohl sie viel Ernst und Würde ausstrahlte, fiel es mir nicht ein, sie mit „Na, kleine Frau?“ anzureden.
Inzwischen dämmert es mir, weshalb wir da diese Barriere haben. Eine Frau ist einfach etwas völlig anderes als ein noch so würdevolles kleines Mädchen, Stichwort „Echte Frauen haben Kurven“. Ein ausgewachsener, glattrasierter Mann hingegen unterscheidet sich von einem „kleinen Mann“ tatsächlich nur durch die Größe, mal rein optisch-gestaltmäßig gesehen.
Mit der Anrede „kleiner Mann“ habe ich also nur der Ähnlichkeit zwischen erwachsenen Männern und kleinen Jungs Rechnung getragen. Zum Verwechseln ähnlich sind sie, wie auch die Rede vom „Kind im Manne“ bezeugt. Das „Kind in der Frau“ ist von grundsätzlich anderer Art, es flutscht alsbald heraus, während das „Kind im Manne“ verharrt.
Diese feministisch-linguistische Betrachtung hat mich wieder mit mir ausgesöhnt. Oder meinetwegen auch ausgetöchtert.
# | Luise F. Pusch am 28.11.2010 um 08:09 PM •
Permalink
21.11.2010
Was hat das Altenheim mit dem Totensonntag zu tun? Nicht, was viele jetzt vielleicht denken.
Nein, wie üblich geht es mir nur um sprachliche Besonderheiten und Gemeinsamkeiten: Totensonntag und Altenheim sind geschlechtsneutrale Ausdrücke. Anders als etwa im Seniorenstift und mit dem Seniorenteller werden nicht wie üblich die Frauen übersehen oder ungemütlich hinzugequetscht (Seniorinnen- und Seniorenstift).
Also liebe Frauen: Besser ins Altenheim als ins Seniorenstift, ist schon sprachlich schicker. Noch schicker ist natürlich “Aging in Place”, was besser nicht mit “auf der Stelle altern” übersetzt wird, sondern eher mit “zu Hause alt werden”.
Für das nächtliche Fernsehprogramm nach dem Totensonntag wird im WDR eine Sendung aus der Reihe “hier und heute” angekündigt mit dem Titel “Plötzlich ohne sie - Weiterleben wenn der Partner stirbt”. In den Erläuterungen des Senders erfahren wir, dass der Film von einem trauernden Witwer handelt und von einer Frau gedreht wurde:
Siegrid, das war Wolfgang Wenzels große Liebe. Sie war seine zweite Frau. Manchmal denkt er … daran, ob es jemanden gäbe, der diese unendliche Leere wieder füllen kann und wagt einen Blick ins Internet, denn als seine Frau ihre Diagnose erfahren hatte und wusste, dass sie sterben würde, hat sie immer wieder zu ihm gesagt: ‘Wolfgang, bleib nicht lang allein.’ hier und heute-Reporterin Tanja Reinhard hat den Witwer in dieser schweren Zeit über zehn Monate begleitet und traurige, schmerzhafte, aber auch Momente der Lebenslust und Freiheit erlebt. (Senderinfo).
Warum Siegrid im Titel der Sendung “der Partner” genannt wird, weiß niemand. Vielleicht haben die leitenden Herren des Senders das so verfügt. Vielleicht hat die Regisseurin in vorauseilendem Gehorsam und weil unsere Männersprache klares Denken erschwert, sich den seltsamen Titel selbst ausgedacht.
Vielleicht ist “Weiterleben, wenn der Partner stirbt” der Titel einer Serie, die notgedrungen überwiegend von Frauen handelt, weil Frauen länger leben und daher der Verlust des Partners häufiger ist als der Verlust der Partnerin. Da das aber wiederum so alltäglich ist und die meisten Frauen mit dem Verlust auch tapfer zurechtkommen (Stichwort” Momente der Lebenslust und der Freiheit”, wobei zu vermuten ist, dass das bei Frauen mehr als nur Momente sind …), ist ein trauernder Mann schon eher gut für eine aufwühlende, bewegende Story.
So könnten wir lange grübeln über die Gründe eines verpatzten Titels. Immerhin hat er uns wieder darauf aufmerksam gemacht, dass wir nicht der Rede wert sind. Der Witwer hat seinen Partner verloren. Oder seine Partnerin? Ist eh egal. Hin ist hin.
Und jetzt sucht er jemanden, der diese Leere wieder füllen kann. Na, da kann er lange suchen, denn in seinem Alter sind mögliche Partner rar. Eher könnte es klappen mit einer Partnerin. Aber wirklich selig sind erst die Toten, denn sie kennen kein Geschlecht.
In diesem Sinne: Noch einen fröhlichen Totensonntag!
# | Luise F. Pusch am 21.11.2010 um 06:26 PM •
Permalink
15.11.2010
Vom 12. bis zum 14. November trafen wir uns zum vierten “Lesbischen Herbst” für Lesben ab 49. Wir feierten Wiedersehen mit alten Freundinnen, hörten interessante Vorträge über Lesben einst und jetzt und ließen es uns gut gehen.
Eine Gruppe diskutierte über das Wort “Lesbe” - ob wir es denn heute überhaupt noch brauchen, ob wir uns immer noch so nennen wollen, uns überhaupt in eine Schublade stecken lassen wollen. Diese Frage wurde vor kurzem erstmals von Eva Rieger in der Emma aufgeworfen; natürlich ist sie bis heute nicht entschieden.
Mich beschäftigte diesmal weniger der Begriff “Lesbe” als der Begriff “Lesbischer Herbst”. Er ist inzwischen gut eingeführt; diejenigen, die es angeht, wissen, was er bedeutet: Ein Treffen im Herbst für Lesben über 49.
Aber ist der Herbst deswegen schon lesbisch? Das ist wohl eine kleinkarierte Feststellung, ähnlich wie die immer wiederkehrende Kritik an Begriffen wie “lesbische Literatur”. Nicht die Literatur ist lesbisch, wird dann gesagt, sondern die, für die sie in erster Linie gedacht ist.
Also diese Krittelei lassen wir jetzt mal. Eigentlich geht es mir auch mehr um den Herbst. Er ist so männlich, wie alle Jahreszeiten (der Frühling, der Sommer, der Herbst und der Winter) - und passt dass denn etwa zu uns?
Und außerdem: Sind denn Menschen ab fünfzig im Herbst ihres Lebens angekommen? Und die Zeit ab 75 wäre dann der Winter? Wie kalt und schrecklich.
Dabei sind Herbst und Winter ja zyklische Erscheinungen, der kalte Winter geht über in den Frühling, während das für die Lesben wie für alle Menschen, die im “Herbst des Lebens” stehen, ja nicht gilt. Auf den Herbst folgt, wenn alles gut geht, noch der Winter, aber dann ist Schluss. Ein Frühling ist nicht zu erwarten.
Und damit wird dieser “Lesbische Herbst” zu einer Lüge, die nicht einmal besonders freundlich ist. Denn der Herbst, wie golden und farbenprächtig wir ihn uns auch schönreden, steht in unserer Kultur für Abstieg und Verfall.
Als ich dem freundlichen Herrn am Empfang erklären musste, ich gehörte zur Gruppe “Lesbischer Herbst”, hatte ich damit auch so meine Mühe. Wollte ich ihm gegenüber unbedingt mein Coming out machen? Eigentlich nicht.
Müssen wir in unserer Selbstbezeichnung ein Stigma auf das andere häufen? “Lesben” gilt als schlimm, “alte Lesben im Herbst” als noch schlimmer, schlimmer geht’s nimmer. Zumal die meisten von uns nicht einmal Früchte tragen, jedenfalls nicht die, die die angeblich aussterbende deutsche Gesellschaft von uns erwartet.
Und was soll das mit dem “letzten Lebensdrittel”, mit dem wir auch des öfteren erschreckt wurden? Der Herbst ist doch das dritte Lebensviertel! Sollen wir Lesben alle nicht älter als 75 werden?
Die amerikanische lesbische “Alt"philologin Edith Hamilton machte ihrer Berufsbezeichnung alle Ehre: Sie wurde 96 Jahre alt. In ihrem letzten Lebensdrittel, vom 62. Lebensjahr an, wurde sie immer produktiver und schließlich weltberühmt.
Nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen habe, finde ich nun den Namen Florida sehr passend. Warum?
FLA - das ist die frühere Abkürzung für Florida. Florida ist garantiert weiblich, es bedeutet “die blühende (Halbinsel)”. FLA steht aber intern für Feministisch-lesbische Avantgarde.
Avantgarde - das ist ein positiv besetzter Begriff. Wenn ich manchmal gefragt werde, ob mein Beruf mit dem vielen Herumtingeln durch die Städte und über die Dörfer nicht sehr anstrengend sei, pflege ich zu sagen: “Ja, sicher - aber dafür treffe ich auch jeweils die Avantgarde der Stadt.” Die intellektuelle und politische Avantgarde meine ich damit, denn das sind die Feministinnen und die Lesben, meistens treten sie ja in Personalunion auf.
“Avantgarde” ist auch ein sehr viel besseres Bild für “Alter” als “Herbst”: die Älteren sind immer die, die schon ein Stück weiter sind als die, die nach ihnen kommen.
Beim “Lesbischen Herbst” bekamen wir alle einen leuchtenden orangefarbenen Armreifen aus Gummi als Erkennungszeichen, damit wir uns in dem Hotel, in dem auch nicht so lesbisch-herbstliche Gäste übernacheten, gleich erkennen könnten. Aber so ein rätselhaftes Erkennungszeichen zeigt ja vor allem, dass wir etwas verbergen wollen.
Ich erinnere mich an den Film “Manche mögen’s heiß”. Darin tagte die Mafia in einem Hotel, und zwar unter dem Namen “Freunde der italienischen Oper”. Sehr schlau - und witzig. Und so schlau und witzig wie die Mafia sind wir doch wohl allemal.
Beim nächsten Treffen sollten wir alle schöne Namensschilder zum Anheften bekommen mit dem Logo “FLA 2011” drauf. Wenn uns dann Hotelgäste fragen, wofür das denn stehe, sagen wir: “Florida, wie blühend - das ist ein Verein für reiche, unabhängige Frauen, wissen Sie.”
Viele von uns sind nicht reich im herrkömmlichen Sinn, sondern eher reich an Jahren und Erfahrungen. Aber warum sollen wir die nichtlesbische Umwelt immer über alles aufklären?
# | Luise F. Pusch am 15.11.2010 um 09:41 AM •
Permalink
17.10.2010
Frühstück bei Tiffany oder Déjeuner sur l’herbe, das war einmal. Heute träumt die Frau von einem Frühstück bei Tchibo oder mit Tchibo. Das jedenfalls schrieb mir mein Tchibo.de-Team in einer ihrer poetisch abgefassten Newslettas, die gestern kam:
Liebe Frau Pusch,
versüßen Sie sich das Aufstehen und starten Sie genussvoll in den Tag. Bei Tchibo finden Sie jetzt alles für die perfekte Küche: Entdecken Sie hochwertiges Geschirr, stilvolles Zubehör und dekorative Accessoires und freuen Sie sich auf erstklassiges Design zu günstigen Preisen.
Schöner kann ein Tag kaum beginnen.
Ihr Tchibo.de-Team
Neu und liebenswert an der Tchibo-Anzeige ist die Idee, dass zu dem perfekten Morgen und dem genussvollen Start in den Tag nicht nur das hochwertige Geschirr, das stilvolle Zubehör und die dekorativen Accessoires von Tchibo gehören, sondern vor allem eine nette Gefährtin, mit der wir uns lebhaft unterhalten können:

Ein absolutes Novum in der Welt der Frühstücksanzeigen: Das Frühstück, wohl die intimste Mahlzeit, wird hier nicht von einer Frau und einem Mann zelebriert, sondern von zwei Frauen. Vielleicht leben sie zusammen? Vielleicht haben sie sich gerade kennengelernt, und am Vorabend die spannende Frage “Frühstück bei mir oder bei dir?” zufriedenstellend geklärt. Sie haben eine glückliche Nacht verbracht, frau sieht es ihnen an.
Truman Capotes “Frühstück bei Tiffany” transponiert eine schwule Liebesgeschichte ins Heteromilieu - auch in den angeblich “Swinging Sixties” viel akzeptabler. Hundert Jahre früher zeigt uns Manet mit seinem “Dejeuner sur l’herbe” ebenfalls die Welt aus Männersicht: Die Männer diskutieren lässig und genießen warm verpackt den Anblick der nackten Schönen, die sie schon vor dem Frühstück vernascht haben. Die nackte Frau ist preisgegeben, auf dem Präsentierteller, und sie friert vermutlich.

Die Geschichte des Frühstücksmotivs in der Kunst zeigt uns: Ein Frühstück unter Frauen ist einfach gemütlicher.
Und nun hat sich dies uralte Geheimwissen der Frauen so weit herumgesprochen, dass sogar Tchibo es mitbekommen hat. Wie schön.
# | Luise F. Pusch am 17.10.2010 um 10:47 AM •
Permalink
10.10.2010
Am 6. Oktober brachte Kulturzeit einen Beitrag über die Dreier-Shortlist für das geplante Denkmal der deutschen Einheit, kurz Einheitsdenkmal. Wenige Stunden zuvor hatte Zeit online unter der Schlagzeile “Deutschland, knie dich nieder” gemeldet:
Zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung, […], nach einer zweiten Runde mit 386 Bewerbungen, hat sich die Jury nunmehr einstimmig gegen einen ersten Preis, aber für drei preiswürdige Projekte entschieden – und sie zur Überarbeitung zurückgegeben.
“Deutschland, knie dich nieder” bezieht sich auf den Entwurf des Bildhauers Balkenhol, der von den “Kunstexperten” in der Jury (Expertinnen gab’s da anscheinend nicht) favorisiert wurde. Zeit online aber mäkelte:
Stephan Balkenhols fünf Meter großer kniender Mann ist eine unbefriedigende …Lösung, die viele wegen des Warschauer Kniefalls für ein Willy-Brandt-Denkmal halten werden – und um Demut allein kann es jedenfalls bei einem Freiheits- und Einheitsdenkmal nicht gehen.
Kein Kommentar dazu, dass DIE Einheit von einem Mann symbolisiert werden soll. Dass Balkenhol für seine Skulpturen meist nur Männer einfallen, ist ja bekannt - aber warum soll das glücklich vereinte Volk sich ausgerechnet in einem Mann wiedererkennen, der auch kniend noch 5 Meter hoch ist?

Kulturzeit-Moderatorin Andrea Meier zeigte auch keinerlei Missvergnügen, nicht einmal Befremden. Lächelnd erklärte sie uns, er sei “ein abstrakter Jedermann, der seinen Blick nach Osten richtet, aber keinesfalls in Demut, wie der Künstler beteuert.”
Ich bekam sofort nach der Sendung wütende Kommentare von erbosten Leserinnen, die mich baten, doch zu dem Einheitsmann Stellung zu nehmen. Und vor allem auch dazu, dass das, was nicht bewusstlosen Frauen sofort aufstößt, unseren KulturverwalterInnen einfach nicht aufzufallen scheint. Wo lebe ich denn, fragt frau sich in so herben Momenten der Erkenntnis. “Mitten im Malestream” (Helke Sander).
Schon immer waren sämtliche Denkmäler für Herren reserviert - mit einer Ausnahme: Die meist weiblichen Abstrakta, wie DIE Freiheit (Libertas, Liberté, Libertà, Liberty) oder DIE Gerechtigkeit (Justitia) wurden durch weibliche Figuren (Allegorien) symbolisiert. Berühmteste Beispiele: Die New Yorker Freiheitstatue (Lady Liberty) und Delacroix’ Gemälde “Die Freiheit führt das Volk”. Auf Deutsch heißt es zwar der Sieg, aber die Siegesdenkmäler richten sich doch allenthalben nach der femininen griechisch-lateinischen Tradition (griech. nike, lat. victoria), vgl. die Nike von Samothrake im Louvre (damals noch ohne Turnschuh-Connection) oder die Siegessäule (Goldelse) in Berlin.
Nun also sollen die Abstrakta auch noch von den Herren übernommen werden. Den unrühmlichen Anfang macht Balkenhol mit seinem Kniephall. Was mag in ihm vorgegangen sein, als er sich diesen Entwurf ausdachte, und was in der Jury, als sie ihn akzeptierte? Ich denke, folgendes ist abgelaufen:
Schon im Einheitsjahr 1990 wurde die Vereinigung häufig als Hetero-Ehe zwischen Ost und West versinnbildlicht. Immer war der starke Westen der Mann und der arme Osten die Frau, besonders widerwärtig auf einem Spiegeltitel, den ich noch nicht wiedergefunden habe.
Balkenhols Entwurf erinnerte mich an diese Vereinigungs- und Ehe-Symbolik, speziell an den Bibelspruch
Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden zu einem Fleisch werden. (1. Mose 2:24).
Dass dieses eine Fleisch oder diese eine Person, zu der sie werden, nur der Mann sein kann, liegt auf der Hand und wurde offenbar auch von Balkenhol klar erfasst. Im 19. Jahrhundert verlor die Frau bei der Eheschließung nicht nur ihren Namen (wie die DDR), sondern auch sämtliche bürgerlichen Rechte. Der Mann trat buchstäblich “an ihre Stelle”.
Balkenhol ist ein Mann und ein Wessi. Was der Wessimann da in seiner Skulptur mit den realen Frauen und der symbolischen Frau DDR macht, ist eigentlich ganz logisch: Sie wird inkorporiert und geschluckt. Er hat sie sich einverleibt. Herr Wessi geblieben, Frau Ossi geschluckt - das ist die deutsche Einheit.
Irgendwie scheint die Jury das erfasst und richtig gut gefunden zu haben.
Ich hoffe nun mit den erbosten Frauen, die mir geschrieben haben oder auch nicht (frau hat immer so viel zu tun), dass das Parlament in einem Moment der Erleuchtung den besten Entwurf der drei wählt, nicht zufällig wohl der einzige, an dem eine Frau mitgewirkt hat: Die Choreographin Sasha Waltz:
# | Luise F. Pusch am 10.10.2010 um 05:00 PM •
Permalink
02.10.2010
Noch fast drei Monate sind es bis Weihnachten, doch in den Supermärkten sind die Regale schon voll mit Dominosteinen, Marzipankartoffeln und Nürnburger Lebkuchen (die leckeren mit den Oblaten untendrunter). An die musste ich heute denken, als in einer Sendung über Benedikt von Nursia eine Frau von ihrem Leben als “Benediktiner-Oblatin” erzählte. Sie sei verheiratet und habe fünf Kinder, lebe aber nach der Ordensregel des heiligen Benedikt. Gerne wäre sie ins Koster gegangen, aber sie wäre ja nun mal verheiratet. Lachend fügte sie hinzu, irgendjemand hätte mal zu ihr gesagt: “Wenn Sie in einen besonders strengen Orden eintreten wollen, müssen Sie heiraten.”
Wohl wahr. Ob Kloster oder Ehe, die Regeln wurden von Männern aufgestellt.
Das Wort “Oblatin” machte mich neugierig. Ich kannte bis dahin nur “die Oblate” von den Lebkuchen und als jenes geschmackfreie Gebäck, das der Priester oder die Pfarrerin den Gläubigen beim Abendmahl auf die Zunge legt.
Nach katholischem und lutherischem Glauben verwandelt sich die Oblate durch das Sakrament in den Leib Christi, nach protestantisch-reformiertem Glauben symbolisiert sie den Leib Christi bloß. Wie auch immer, das Gebäck ist nicht ohne und löst bis heute heftigste Kirchenkrisen aus.
Da kann also eine schlichte Oblate, ein Gebäck, noch dazu ein feminines, sich in den Leib Christi verwandeln. Aber eine Frau kann nicht “Stellvertreter Christi” sein, das können nach katholischer Auffassung nur Männer. Offenbar ist dieses Denken vom Wurm angefressen, und was der Wurm symbolisiert, wissen wir ja.
Um mehr über die Oblatin herauszufinden, recherchierte ich im Internet und fand neben “die Oblate” (Gebäck) noch “der Oblate” und “die Oblatin”:
Benediktineroblaten gehen diesen Weg der Nachfolge in bewusster Bindung an ein Benediktinerkloster und lassen sich dabei von der Benediktregel führen und prägen. Hier mehr
Lassen wir die Oblaten der Benediktregel folgen und kümmern uns um die Frage, weshalb das Gebäck “die Oblate” heißt, die Light-BenediktinerInnen hingegen “der Oblate” und “die Oblatin”.
Alle drei - “die Oblate”, “der Oblate” und “die Oblatin” - kommen von derselben Wurzel, dem lateinischen “offerre” darbieten, offerieren (offerre, obtuli, oblatum - so die Formen des unregelmäßigen Verbs).
Quelle des Wortes “die Oblate” ist “oblata (hostia)” als Opfer dargebrachtes Abendmahlsbrot. Die Benediktineroblatinnen und -oblaten bringen quasi sich selbst als Opfer dar.
Die Nähe der menschlichen Oblaten zu den Gebäck-Oblaten kommt vor allem in dem -e am Ende zum Ausdruck. Denn ein “Prälat” z.B. denkt nicht daran, sich “Prälate” zu nennen. Und eine Prälatin ist erst recht nicht in Sicht.
Am besten stellen wir unsere eigenen Regeln auf: Wie wär’s mit diesen:
Mag sich die Oblate dem Lebkuchen unterordnen.
Ansonsten aber gilt: Lieber Salate als Oblate. Und das Wort “Oblatin” wollen wir mal überhört haben.
# | Luise F. Pusch am 02.10.2010 um 10:00 PM •
Permalink
26.09.2010
Vorgestern geriet ich zufällig in einen vier Jahre alten Podcast aus der Serie “Feminismus Heute” des Deutschlandradios. Inzwischen war das also Feminismus von gestern geworden.
Zu hören war “Die Musikerin und Performerin Bernadette La Hengst über Lebensentwürfe”. Ich hatte von der “Musikpowerfrau” aus Bad Salzuflen noch nie gehört, was aber gar nichts heißen will, denn ich höre seit dem Aufkommen der Disco Music Ende der 70er Jahre kaum noch Rock- und Popmusik. Irgendwann in den 90ern habe ich noch die Indigo Girls mitbekommen, und das war’s dann auch schon.
Bernadette La Hengst, Jahrgang 1967, faszinierte mich sofort wegen ihres aparten Namens. Die Interviewerin Svenja Flaßpöhler (der Name ist ja auch nicht ohne) befragte sie dazu und erfuhr, dass sie eigentlich Bernadette Hengst hieße und dass alle immer dachten, das sei ihr “Künstlername”. Dadurch angeregt, machte sie dann einen Künstlerinnennamen daraus, indem sie das “La” einfügte. Sie habe dabei an La Garbo gedacht, oder an La Knef.
Aber wer sagt denn “La Garbo” oder “La Knef”? Hier sagen wir doch eher “die Knef” und “die Garbo” und “die Callas”. Höchstens bei Callas auch mal “La Callas”, wie ihre italienischen und französischen Fans.
Warum also nicht Bernadette Die Hengst? Wurde nicht gefragt und daher auch nicht verraten. Über die rasante Mischung aus weiblichem “La” und männlichem “Hengst” wurde auch kein Wort verloren, solche Kombinationen verstehen sich im Zeitalter von Transgender wohl von selbst.
In dem Interview gab die Künstlerin, die sich auch entschieden als solche versteht, viel Kluges zum Feminismus von sich, obwohl sie sich unnötigerweise von meinen geliebten Birkenstockschuhen distanzieren zu müssen glaubte, die nach ihrer Aussage zur Standardausstattung “biederer” und “asexueller” Altfeministinnen gehören. Solche Altfeministinnen wollten sich in ihren “lila betuchten Frauenhäusern” von Männern abgrenzen und dort z.B. bei Konzerten mit ihrer damaligen Band “Die Braut haut ins Auge” keine Männer zulassen - diese Engstirnigkeit sei ihr immer zuwider gewesen.
Bernadette La Hengst hat eine kleine Tochter, die sie sehr liebt - aber natürlich macht La Fohlen ihr Leben nicht einfacher. Sie hat sogar einen Song “Rockerbraut & Mutter” über die Zwiespältigkeit des Mutterglücks geschrieben, den sie auf ihrer CD “La Beat” veröffentlicht hat.
Baby, baby, baby,
wo ist das Vorbild für das Leben
das ich meine?
Wo sind die Role Models,
die mir zeigen, wie es geht,
vielleicht gibt es welche,
ich kenne keine.
Und jetzt bin ich schon mittendrin in diesem Leben,
das ich mir nicht zugetraut hab,
wie solln das zusammen gehen?
Rockerbraut und Mutter.
ich geh wie auf Butter,
ich fühl mich wie die erste Frau auf der Erde,
als wäre da keine Geschichte,
liegt es vielleicht daran,
daß man nicht darüber spricht,
und keine Gedichte schreibt,
keine Bilder malt,
keine Lieder singt?
dieses Lied ist für dich, mein Kind.
Bei den Altfeministinnen hätte La Hengst massenhaft Role Models und Texte über ihr Problem finden können. Sie haben das sofort thematisiert, ja die Frauenbewegung entstand in Deutschland 1968 mit dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen in Berlin, dem es genau um La Hengsts uraltes Problem ging: Wie schaffe ich es, Künstlerin oder sonstwie berufstätige Frau und gleichzeitig Mutter zu sein? Um dies Problem gemeinsam zu lösen, auch gemeinsam mit den Vätern, gründeten die entnervten, aber zielstrebigen Mütter die berühmten Kinderläden in Berlin.
Nachzulesen ist das alles (und nicht nur das!) haarklein in dem wunderbaren Buch von Iris Gusner und Helke Sander, Fantasie und Arbeit: Biografische Zwiesprache. Schüren Verlag 2009. Auch Helke Sanders Film “Mitten im Malestream” (2005) beschäftigt sich ausführlich mit diesem Aspekt der Geschichte der deutschen Frauenbewegung.
Also der “Feminimus heute” à la Bernadette La Hengst ist tatsächlich von gestern und bedarf vor allem der bewussten Aneignung bereits erreichter Problemlösungen und erprobter Strategien der Birkenstockfeministinnen.
Im Gegenzug will ich auch gerne was von La Hengst übernehmen. Das vielseitig einsetzbare “La” ist mir sehr sympathisch. Vielleicht sollte ich mich Luise La Pusch nennen?
Manchmal werde ich nämlich von Veranstaltern als “Luise Puff” oder “Luise Pfusch” vorgestellt. Mit einem schicken “La” dazwischen wäre das vielleicht leichter zu ertragen.
# | Luise F. Pusch am 26.09.2010 um 08:40 PM •
Permalink
Seitenanfang