»Laut & Luise«
11.07.2010
Das Fußballspiel verleitet anscheinend zum Wortspiel. Vor vier Jahren schon wurde aus Heines bitterem Versepos “Deutschland - ein Wintermärchen” über unser “hölzern pedantisches Volk” ein “Sommermärchen” und schließlich Sönke Wortmanns “Deutschland - ein Sommermärchen”. Mit Recht wurde der Kuschelfilm bald umgetauft in “Im Bett mit Ballack” oder “…mit Poldi” - Madonna lässt grüßen.
In diesem Sommer nun kamen wir aus der Wortspielerei gar nicht mehr raus. Es fing an mit der australischen Fußballmannschaft, den “Socceroos”, wie Kangaroos. “Serbien muss sterbien” hieß es vor dem Spiel gegen Serbien, ein böser Spruch aus dem ersten Weltkrieg - und damals wie heute ein Eigentor.
Laut Spiegel werden “wir” nun “Integrationsweltmeister” statt Fußballweltmeister - was auch total daneben ist, denn die Mannschaft aus Schland ist trotz der Spieler mit Migrationshintergrund weder deukisch noch deukanisch.
“Schland”, die Kurzform für “Deutschland”, verbreitet sich derzeit rasant. Die krude Mischung aus “Schlamm” und “Schmand” scheint das deutsche Gemüt zu überzeugen und passt auch zu “Germs” (Keime), der Kurzform für “Germans”. Der Song “Schland o Schland” wurde auf Youtube über eine Million mal angeklickt, und schon gibt es eine Webseite schland.de, die Schland-T-Shirts mit den schländischen Farben Schwarz-Rot-Sonnig verkauft.
Auf die Frage, wie es zu “Schland” kommen konnte, erfährt frau, dass das Wort auf Stefan Raab zurückgeht, der schon 2002 aus dem Gebrüll in den Fußballstadien nur “Schland! Schland!” heraushören konnte.
Plausibler scheint mir die Erklärung dieses bloggenden Sprachbeobachters: “Der durchschnittliche Fußballfan ist stark alkoholisert und benutzt Geheimsprache. “Flur” steht für “Wieviel Uhr ist es?” “Eishockey?” steht für “Alles okay?” und “schland” für “Deutschland”.
Wir sollten die Anregungen der Alkis dankbar aufnehmen und andere lästige, überlange Wörter ebenfalls gesundschrumpfen bzw. gesupfen:
Bereits gut etabliert sind:
AlkoholikerInnen > Alkis
AmerikanerInnen > Amis
Auszubildende > Azubis
Deutsch-Englisch > Denglisch
Deutschtürkisch > deukisch
Hartz-IV-EmpfängerInnen > Hartzis
Öffentliche Verkehrsmittel > Öffis
Ostdeutsche > Ossis
Professionelle > Profis
ProfessorInnen > Profs
Rehabilitation > Reha
Studierende > Studis
Weblog > Blog
Westdeutsche > Wessis
Neuschöpfungen:
Bundespräsident > Bupräsent
BürgerInnensteig > Bürsteig > Bürste
Deutschafrikanisch > deukanisch
Evangelisch > evisch (währt am längsten)
FußballspielerInnen > Fubis
FußgängerInnen > Fugis
FußgängerInnenzone > Fugizone
GästInnenzimmer > Gäzi
Homo-Ehe > Ho-Ehe > Höhe
Katholisch > kalisch
Die überbordende “Vulvazela” fällt dagegen völlig aus dem Rahmen, aber das raumgreifende Pendant zu den verschämten Vagina-Monologen sollte hier nicht übergangen werden.
Eigene Kreationen bzw. Kreonen bitte unten im Kommentarfeld (Komfel) eintragen.
# | Luise F. Pusch am 11.07.2010 um 02:57 PM •
Permalink
04.07.2010
An zwei Tagen im Juni erlebten wir den sprachlichen Ausnahmezustand. Die Medien zeigten, dass sie doch geschlechtergerecht formulieren können.
Nie habe ich so oft das Wort “Staatsoberhaupt” gehört wie an den ersten beiden Junitagen, an denen Ursula von der Leyen als Nachfolgerin von Horst Köhler noch im Gespräch war.
“Suche nach dem Staatsoberhaupt” - so wurde vielfach getitelt. Das “Staatsoberhaupt”, grammatisch neutral, machte sich einfach besser, solange eine Frau, noch dazu eine mächtige, als Favoritin für das Bundespräsidialamt galt - das sonst nur das “Bundespräsidentenamt” oder “Amt des Bundespräsidenten” genannt wird.
Wörter wie “Person” und erst recht “Persönlichkeit” hatten Hochkonjunktur. Auch wurde andauernd gewissenhaft die Doppelform eingesetzt.
Hier ein paar Kostproben:
Für Angela Merkel (CDU) und Guido Westerwelle (FDP) gilt: Anders als Köhler soll der Nachfolger oder die Nachfolgerin parteipolitisch erfahren sein und möglichst auf breite Zustimmung stoßen.
....wollen CDU/CSU und FDP auf jeden Fall einen eigenen Personalvorschlag machen [statt: “Kandidatenvorschlag machen” oder “einen eigenen Kandidaten vorschlagen”].(dpa newsticker 1.6.2010)
“Wir glauben, dass wir jemanden [immerhin besser als “einen Mann”] mit politischer Erfahrung brauchen”, sagte Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU). “Wir werden in den nächsten Tagen eine qualifizierte Persönlichkeit suchen.” Die Koalition stehe nicht unter Zeitdruck, wolle aber “relativ rasch” die Personalfrage [nicht: “die Kandidatenfrage”] klären.”
n-tv konnte sich noch nicht so recht an die neue Wirklichkeit gewöhnen und verhaspelte sich im Dschender-Dschungel:
Die Opposition fordert eine Persönlichkeit, der von allen unterstützt werden könnte.
Wenn ich noch an der Uni feministische Linguistik unterrichten würde, würde ich sofort eine sprachliche Analyse der Zeitungsartikel und TV-Sendungen des 1. und 2. Juni 2010 zum Thema “Neues Staatsoberhaupt gesucht” als Seminar- oder Abschlussarbeit vergeben.
Am 3. Juni war der schöne Spuk vorbei, war das geschlechtsneutrale “Staatsoberhaupt” schon wieder aus dem allgemeinen Diskurs verschwunden. Zwei Männer kämpften nun um das Amt (ab 3. Juni), Luc Jochimsen wurde von der Linken erst eine Woche später als Kandidatin aufgestellt. Und eine chancenlose Frau gegen zwei Männer, da braucht mann nun wirklich keine sprachliche Rücksicht mehr zu nehmen, wie schon ein Jahr zuvor bei der Wahl zwischen Horst Köhler und Gesine Schwan, die in Wahrheit keineswegs chancenlos war; Köhler siegte mit nur einer Stimme Mehrheit. Aber die Kandidatin hatte keine Macht. Wie auch die Sprache dazu beitrug, habe ich in der Glosse “Bundespräsident oder Bundespräsent” analysiert.
So etwas wie sprachliche Gerechtigkeit ergab sich dann erst am 30. Juni wieder, und zwar als Nebenprodukt der Twittersprache, die wie das Simsen von Abkürzungen lebt. Da ich am Wahltag in Boston war, wo sich natürlich kein Aas für die deutsche Staatsoberhaupt-Wahl interessiert, verfolgte ich den Wahl-Dreiteiler per Twitter-Live-Ticker auf Spiegel-Online. Unsäglicher Flachsinn wurde da am laufenden Band dargeboten. Ein interessantes Phänomen konnte ich trotzdem ausmachen:
Aus der “Wahl zum Bundespräsidenten” oder “Bundespräsidentenwahl” wurde die “BP-Wahl”. Ob Bundespräsidentin, Bundespräsident oder Bundespräsent - alles BP, one size fits all, kurz, bündig und garantiert geschlechtsneutral.
Und das, obwohl BP ja weiterhin vor allem für die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko steht. Aber die ölige Assoziation störte niemanden, gefiel vielleicht sogar den meisten. Die Twitternden waren überwiegend Wulff-GegnerInnen.
Was lernen wir daraus?
Erstens: Es geht. Anscheinend sogar mühelos.
Zweitens: Es geht nur, wenn eine real existierende Frau mit erheblichem Einfluss reale Chancen auf ein hohes Amt hat oder es bereits innehat, wie die Bundeskanzlerin, die seit ihrem Amtsantritt sprachlich meistens als Frau behandelt wird und damit unsere Sprache bereits sehr positiv beeinflusst hat.
Die real existierende Ärztin oder Apothekerin, die uns aus dem Blickfeld gerät, weil wir immerfort nur unseren Arzt oder Apotheker fragen sollen - solche Personen werden dagegen weiterhin folgenlos missachtet.
Was folgt daraus? Die bis dato frech ignorierte Ärztin oder Apothekerin muss ein wahrnehmbarer Machtfaktor werden, indem sie sich mit Frauen zusammentut, die gegen ihre sprachliche Ausmerzung protestieren.
# | Luise F. Pusch am 04.07.2010 um 09:32 PM •
Permalink
26.06.2010
In Österreich dürfen Lesben und Schwule sich seit Januar verpartnern, ein gemeinsamer Familienname bleibt ihnen allerdings verwehrt. Der bleibt den “richtigen” Eheleuten vorbehalten, die als Frau und Mann eine herrkömmliche Ehe eingehen.
Der kleine Unterschied ist diesmal wahrhaftig klein: Es geht um einen Bindestrich!
Für Verehelichte gilt:
§ 93 Abs. 2 ABGB:
(2) Derjenige Verlobte, der nach Abs. 1 als Ehegatte den Familiennamen des anderen als gemeinsamen Familiennamen zu führen hat, kann dem Standesbeamten gegenüber vor oder bei der Eheschließung in öffentlicher oder öffentlich beglaubigter Urkunde erklären, bei der Führung des gemeinsamen Familiennamens diesem seinen bisherigen Familiennamen unter Setzung eines Bindestrichs zwischen den beiden Namen voran- oder nachzustellen. [...]
Für bloß Verpartnerte gilt hingegen:
§ 2 Abs. 2 Zif. 7a des Namensänderungsgesetzes:
[Ein Grund für die Änderung des Familiennamens liegt vor, wenn] der Antragsteller einen Nachnamen erhalten will, der gleich lautet wie der seines eingetragenen Partners und dies gemeinsam mit der Begründung der eingetragenen Partnerschaft beantragt; damit kann auch der Antrag verbunden sein, als höchstpersönliches, nicht ableitbares Recht seinen bisherigen Nachnamen voran- oder nachzustellen;
Die maskuline Diktion der Gesetze ist grotesk und genau so hinterwäldlerisch wie ihr Inhalt - aber konzentrieren wir uns hier nun mal auf den erlaubten oder nicht erlaubten Bindestrich.
Mich erinnert die ganze Sache an eine Schlagzeile der TAZ vom 19.7.2001 - das Bundesverfassungsgericht hatte soeben eine Normenkontrollklage aus Bayern und Sachsen gegen die geplante “Lebenspartnerschaft” abgeschmettert - und die Taz titelte frech: “Homos droht der Eheknast”.
War das Lebenspartnerschaftsgesetz, das die Lesben und Schwulen mühsam erstritten hatten, denn gar nichts wert? So weit würde ich nicht gehen - aber auch ich war und bin eher für eine Gleichstellung in umgekehrter Richtung: Abschaffung der Ehe: Auch Heterosexuelle dürfen nicht heiraten.
Und den Bindestrich finde ich auch nicht besonders erstrebenswert, sondern eher provinziell. Lange Zeit war es in Deutschland für Frauen die einzige Möglichkeit, ihren Geburtsnamen beizubehalten - was bis zu dieser halbherzigen Lösung auch undenkbar war. Deshalb nannte sich Thea Nolte nach der Heirat mit Herrn Bähnisch einfach Theanolte Bähnisch - sehr kreative und eigenwillige Lösung!
Auch der Name der Frau kann als “Familienname” gewählt werden, und der Gatte darf seinen Geburtsnamen mit Bindestrich anhängen oder voranstellen. Nur geschieht das natürlich so gut wie nie: Ein Name wie “Fritz Meyer-Mansfeld, geborener Meyer” - das ist doch dem Manne nicht zuzumuten.
Über die Pionierinnen der Namensemanzipation wurde natürlich immerfort gewitzelt, am meisten wohl über Leutheusser-Schnarrenberger und Däubler-Gmelin. An “Hamm-Brücher” hingegen hatten sich die meisten schon seit den Fünfzigern gewöhnt.
Der Bindestrich verbindet die zwei Namen zu einem “Familiennamen” - ohne Bindestrich hingegen kein “Familienname”, sondern nur ein “Nachname”.
Lesben und Schwule sind empört über die Ungleichbehandlung. Aus einem Jörg Kaiser wurde nicht ein Jörg Eipper-Kaiser, sondern nur ein Jörg Eipper Kaiser - Gemeinheit! Persönlich finde ich die Lösung mit dem Mittelnamen ehrlich gesagt eleganter. Und diese ist anscheinend den Heteros und Heteras verwehrt, wenn ich das feingesponnene Kuddelmuddel-Gesetzwerk richtig verstanden habe.
Elizabeth Barrett Browning, Charlotte Perkins Gilman, Jacqueline Bouvier Kennedy Onassis, John Fitzgerald Kennedy - sind das nicht schöne klangvolle Namen? Dasselbe mit Binde- oder Minus-Strich? Nee!
Und so erwarte ich jetzt einen Antrag der Heiratswilligen auf Gleichstellung mit den Verpartnerungswilligen, auch aus ästhetischen Gründen.
(Dank an Karin Schoenpflug für die Infromationen über die Bindestrich-Kontroverse in Österreich)
•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••
Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:


# | Luise F. Pusch am 26.06.2010 um 10:41 PM •
Permalink
19.06.2010
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Siebenundundvierzigste Lektion.
[Dieser Text erschien am 13. Juni 2010 in der NZZ am Sonntag, Rubrik “Der Externe Standpunkt”. Er wurde von der Redaktion der NZZ leicht verändert. Hier lesen Sie das Original.]
Was stellen Sie sich vor, wenn Sie Wörter wie ‚Schauspieler’, ‚Dichter’, Fußgänger’, ‚Leser’, ‚Schweizer’ hören oder lesen? Diese Wörter, so versichert uns die patriarchale Grammatik, sind geschlechtsneutral. Stellen Sie sich also einen geschlechtsneutralen Schweizer vor? Versuchen Sie es doch einmal. Sie sehen, es geht nicht - allerdings versichern mir manche Frauen, bei Schweizern ginge es vielleicht noch am ehesten.
Wenn ich diesen Text von 1995 vorlese, lacht das Publikum herzlich über “die eher geschlechtsneutralen Schweizer”. Die Debatte über (geschlechter)gerechten Sprachgebrauch war damals schon fast 30 Jahre im Gange. Inzwischen sind weitere 15 Jahre ins Land gegangen, der faire Sprachgebrauch hat sich weiter ausgebreitet, das Maskulinum steht beschämt in der Ecke und beweint den Verlust seiner Fähigkeit, selbstverständlich für beide Geschlechter zu stehen. Bis heute reizt das die Konservativen zu wütenden Attacken. Der rechte Schweizer will offenbar lieber geschlechtsneutral bleiben - selbst wenn er dafür ausgelacht wird.
Der jüngste Erfolg der feministischen Sprachpolitik ist der Leitfaden der Stadt Bern, über den sich derzeit im Internet zahlreiche Schweizer und ein paar Schweizerinnen in ausufernden Kommentaren ereifern. Dazu angestiftet werden sie von hämischen Zeitungsartikeln, die die lobenswerte Berner Initiative als typisch rotgrüne Hirnrissigkeit hinstellen. Sie werden der hechelnden Jagdmeute hingeworfen, und schon hetzt sie los.
Das Thema sprachliche Gerechtigkeit - auch noch für Frauen! - war schon immer ein Garant für massive Proteste von Männern, heute bevorzugt im Internet - somit Garant für erhöhte Besucherzahlen und mehr Profit durch Anzeigen. Vor einem Jahr generierte ein Interview mit mir - “Längerfristig bin ich für die Abschaffung des ‘in’” - über 700 gehässige Kommentare bei der österreichischen “dieStandard”, der feministischen Ablegerin von “Der Standard”. Die normale Anzahl der Kommentare dort ist 10-20. Beim Tagesanzeiger bekam der Artikel “Keine Fussgängerstreifen mehr in Bern” bisher 428 Kommentare, und “Blick” mit seinem irreführend betitelten “Weder Vater noch Mutter - Beamte sollen künftig ‘das Elter’ sagen” 250 Kommentare. Die Blätter frohlocken: “So viele Kommentare hatten wir selten / noch nie!”
Um das Sommerloch vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft (das Maskulinim “Meister” passt) zu stopfen, kam den Schweizer Medien die Berner Initiative anscheinend wie gerufen.
Der Berner Leitfaden ist in freundlichem Ton abgefaßt und macht sehr vernünftige Vorschläge. Wiederholungen treten nicht auf.
Die Kommentare bei “Blick” und “Tagesanzeiger” sind dagegen extrem aggressiv und wiederholen sich gebetsmühlenartig. Kein Kommentator scheint auch nur die letzten drei Kommentare vor ihm - geschweige denn den Leitfaden selbst, der auch nicht verlinkt wird - gelesen zu haben. Die Anwürfe sind vorhersagbar; Marlis Hellinger hat sie schon vor Jahrzehnten analysiert und den Begriff “Diskurs der Verzerrung” dafür geprägt:
• Haben die nichts Wichtigeres zu tun?
• Sinnlose Verschwendung unserer Steuergelder
• Typische Beamten-Pedanterie
• Als Mann fühle ich mich diskriminiert, weil es “DIE Schweiz” und “DIE Schweizer” heißt (und anderes in dieser Art von Scherzbolden)
• Ich bin eine Frau und habe mich noch nie durch Sprache diskriminiert gefühlt.
Das letzte Argument erinnert an die Raucher, die behaupten, Rauchen schade ihnen nicht. Wenn sie den Schaden ignorieren, bedeutet das ja nicht, dass sie verschont bleiben. Die Raucher dienen den Interessen anderer (Tabakkonzerne). Genau das tun auch diese Streiterinnen für das mannhafte Deutsch. Sie dienen den Interessen der Männer.
Denn das mannhafte Deutsch - das ist wissenschaftlich einwandfrei bewiesen - ist eine gigantische und völlig kostenlose Werbemaschinerie für den Mann. Mit fast jedem Satz, in dem von Personen die Rede ist, erzeugt sie die Vorstellung einer männlichen Person. Wenn Sie es nicht glauben, fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.
Warum aber beteiligen sich die Frauen nicht an der Debatte und verteidigen das faire Deutsch gegen die Ignoranten? Nun, wir wissen eben seit Zsa Zsa Gabor: “Any publicity is good publicity” - die Jungs erledigen das hervorragend für uns, und wir können Energie sparen. Zudem haben wir ja bereits gesiegt. Der Leitfaden ist beschlossene Sache. In den Verlautbarungen der Stadt Bern wird es demnächst “Zebrastreifen” statt “Fußgängerstreifen”, “Team” statt “Mannschaft”, “Fahrausweis” statt “Führerausweis” und “lesefreundlich” statt “leserfreudlich” heißen. Sehr elegante Lösungen allesamt - alle vorgeschlagenen Wörter sind kürzer als die zu ersetzenden. Mir gefällt besonders der “Fahrausweis” - als Deutsche kann ich das Wort “Führer” einfach nicht mehr hören.
•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••
Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:


# | Luise F. Pusch am 19.06.2010 um 10:34 AM •
Permalink
13.06.2010
“König Fußball”, “Kaiser Franz” - diese majestätischen Titel reichen anscheinend immer noch nicht, um auszudrücken, was die Fußballfans empfinden sollen.
Da derzeit keine an dem Thema vorbeikommt, stieß ich in der letzten Woche zweimal mit dem Wort “Lichtgestalt” zusammen, beide Male war Franz Beckenbauer der Leuchter.
“Lichtgestalt” - das ist nicht mehr zu überbieten! Früher wurde er wohl auch “Fußballgott” genannt, aber da gibt es ja noch viele andere Götter neben ihm, Pelé, Maradona, Beckham, Ballack und wie sie alle heißen. “Lichtgestalt” hingegen scheint Franz Beckenbauer ganz für sich gepachtet zu haben.
Mir soll es recht sein - “Lichtgestalt” ist immerhin ein Femininum und lässt sich, wenn eine es nur richtig anfängt, sehr hübsch einsetzen:
• Unsere Lichtgestalt kümmert sich rührend um ihre Schäfchen, die natürlich vor dem Spiel gegen Australien sehr aufgeregt sind.
• Lichtgestalt Beckenbauer weiß zwar auch nicht, wie das Spiel ausgehen wird, aber ihrer Meinung nach wird es schon klappen.
• Schaun mer mal, sagte unsere Lichtgestalt. Ja, sie bleibt immer total cool.
• Der Lichtgestalt gefiel das Spiel nicht, aber sie ließ sich nichts anmerken. Schließlich ist ihr auch nicht immer alles gelungen.
• Unsere Lichtgestalt, die sensibler ist als sie aussieht, musste wegen der Tinnitusgefahr dem ohrenbetäubenden Spiel fernbleiben.
Nun sind Sie dran. Und übrigens: Auch “Koryphäe” oder “Leuchte der Wissenschaft” eignen sich prächtig zum Aufhübschen langweilig-männlicher Idole.
# | Luise F. Pusch am 13.06.2010 um 07:03 PM •
Permalink
05.06.2010
Nachdem Hannover letzten November mit Robert Enkes Selbstmord sehr negativ in die Schlagzeilen gekommen war, hat sich das letzte Woche mit Lena Meyer-Landrut, Ursula von der Leyen und Christian Wulff schlagartig gebessert. Menschen aus Hannover waren die strahlenden Themen der Woche. Weniger schön ist, dass sie sich gegenseitig Konkurrenz machten:
Unsere Freude über von der Leyens mögliche Kandidatur währte nur kurz. Schwupps machte Christian Wulff - aus Hannover! - ihr den Rang streitig und siegte auch noch. Er hätte sich an Lena, die er nach ihrem Sieg so artig begrüßte, ein Beispiel nehmen sollen. Nicht im Traum fiel es Lena ein, sich auch noch um das Amt der Bundespräsidentin zu bewerben!
Die Presse hatte auch schon heftig mitgearbeitet an der Demontage der “Zensursula” bzw. des “Röschens”. Gegen Christian Wulff kam kein hämischer oder verniedlichender Spitzname zum Einsatz.
Meine Freundinnen und Verwandten schrieben mir Trostbriefe, sie fühlten mit mir und litten selbst darunter, dass wir nun doch keine weibliche Doppelspitze bekommen. Ich schrieb jeweils zurück, ich sähe das nicht so tragisch, das Bundespräsidialamt sei doch eher ein Abstellgleis für vielleicht verdiente, auf jeden Fall aber ausgediente Politiker. Während doch uns Ursula sich als Ministerin auf jedem Posten im Handumdrehen als unverzichtbar erweist. Ich sehe sie eher als Nachfolgerin von Merkel, die zwar keinerlei Ermüdungserscheinungen zeigt und im Volk weiterhin sehr beliebt ist, aber irgendwann möchte vielleicht auch sie sich wieder mehr der Oper und dem Gatten widmen. Und dann hätten sie Ursula von der Leyen als prima Ersatz in der Hinterhand. Das wäre dann mal eine wirkliche Doppelspitze, allerdings nicht im Quer-, sondern im Längsschnitt.
Trotzdem - eine Weile fand ich auch die Idee einer Bundespräsidentin von der Leyen schick. Der klangvolle Adelsname, wiewohl nur angeheiratet, passt doch auch viel besser zum Schloss Bellevue als “Köhler”. Und erst die gewaltige Kinderschar, fast wie bei Maria-Theresia! Das im Volk noch immer beliebte dynastische Prinzip Landesmutter verkörpert die Tochter des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht sehr eindrucksvoll!
Betrübte Gedanken machte ich mir über Eva Luise Köhler, die nun mit dem Gatten von der Bildfläche verschwindet. Sicher hätte sie noch gerne weiter mit präsidiert und repräsentiert, aber der Gatte ist eben recht empfindlich und musste nicht nur sich selbst, sondern auch die Frau an seiner Seite seinem verletzten Stolz opfern.
Wo bleibt da die Nachhaltigkeit? Für Eva Luise hätte es doch noch vielfältige Verwendung gegeben, denn bekanntlich lehnen die Gatten unserer Spitzenpolitikerinnen die Rolle des “Mannes an ihrer Seite” strikt ab, Kanzleringatte Sauer genauso wie Ministeringatte von der Leyen.
Da wäre doch Ex-First-Lady Eva Luise für eine Bundespräsidentin von der Leyen eine schon bestens eingearbeitete Stütze gewesen. Überhaupt sollten wir überlegen, ob wir als Mittel gegen den vorzeitigen Verschleiß unserer weiblichen Spitzenkräfte zusammen mit dem Schloss Bellevue nicht auch gleich eine standesgemäße Begleitung mitliefern sollten.
Über Indien lesen wir mit Schaudern von den Witwenverbrennungen: Stirbt der Gatte, hat auch die Gattin ihr Recht auf Leben verwirkt. Haben wir da nicht soeben etwas ähnlich Unerträgliches mit ansehen müssen? Tritt der Bundespräsi zurück, hat es mit der First Lady auch ein Ende, die sich aber auch rein gar nichts hat zuschulden kommen lassen. Ich finde, so geht das nicht.
Die Schirmherrschaft, besser gesagt das Matronat, des Müttergenesungswerks wurde ihr entzogen; die Unicef entschied sich weniger rückständig und lässt sie weiter matronieren. Die Bundesrepublik sollte sich ein Beispiel nehmen und Eva Luise als First Lady weiter ihres Amtes walten lassen, wenn sie noch Lust dazu hat. Die Ehefrauen von Wulff oder Gauck können zu Hause bleiben und sich ihren eigenen beruflichen Interessen widmen, wie es sich heute für eine emanzipierte Frau gehört.
Und wenn Eva Luise irgendwann auch mal die Nase voll hat und abdankt, ist eben mit ihr dieser peinliche Anachronismus “First Lady” endgültig ausgestanden.
# | Luise F. Pusch am 05.06.2010 um 03:19 PM •
Permalink
09.05.2010
Mütter und Väter sind dieser Tage wieder das Top-Thema - Mütter wegen dem Muttertagsgeschäft, Väter wegen ihrer sexuellen Geschäftigkeit:
Pater/Bischof Mixa wurde beschuldigt, minderjährige Schutzbefohlene nicht nur geschlagen, sondern auch sexuell “missbraucht” zu haben, und sein Chef, der Heilige Vater, hat ihn endlich abgesägt.
Vater Klaus Rainer Röhl, in den 60er Jahren mit Ulrike Meinhof verheiratet und Vater ihrer Zwillinge Bettina und Regine Röhl, wird von Anja Röhl, seiner Tochter aus erster Ehe, in einem ausführlichen Stern-Artikel beschuldigt, sie jahrelang sexuell belästigt zu haben. (Der Artikel ist jetzt online, auf Anja Röhls Webseite; außerdem hat sie dort kurz vorher noch einen theoretischen Artikel zum sexuellen Machtmissbrauch veröffentlicht.)
Vater Röhl bestreitet das als “absurd”: “Da war nichts.” Die beigefügten Belege aus seinem Sex-Blatt Konkret sprechen allerdings deutlich eine ganz andere Sprache.
Pater Mixa hat seine Vergehen auch lange bestritten. Insofern liegt die Vermutung nahe, dass der alte Vater Röhl dieser bewährten Taktik folgt. Beweisen lässt sich die Untat nach 42 Jahren nicht mehr - die Väter sind fein raus. Zumal die Opfer auch meist schweigen, weil sie sich an den Verbrechen, die gegen sie begangen werden, typischerweise mitschuldig fühlen: “Irgendetwas muss an mir schlecht sein, sonst würde Papa mich doch nicht so behandeln.”
Soweit die Väter, nun zu den Müttern.
Es muss am Muttertag doch einmal lobend hervorgehoben werden: Von sexuellen Übergriffen der Mütter gegen ihre Kinder hören wir kaum etwas. Dabei wird doch immer erzählt, die Täter seien zu 30-50 Prozent selber Opfer sexuellen Machtmißbrauchs. Was schützt die überwiegend weiblichen Opfer davor, sich ihrerseits in Sexualmonster zu verwandeln?? Diese Fragen werden nicht einmal gestellt.
Was immer man Ulrike Meinhof vorwerfen mag - sexuell belästigt oder vergewaltigt hat sie weder ihre Töchter noch ihre Stieftochter Anja.
Im Gegenteil: Laut Jutta Ditfurth tat “Rabenmutter” Ulrike Meinhof alles, was sie unter den gegebenen Umständen vermochte, um ihre Zwillingsmädchen vor dem Vater in Sicherheit zu bringen. Aber er bekam das Sorgerecht.
Ein arte Themenabend beschäftigte sich vor kurzem ausführlich mit dem Thema des sexuellen Machtmissbrauchs. Vier Frauen und ein Mann - das entspricht etwa der Verteilung der Opfer auf die Geschlechter, jedes fünfte Missbrauchs-Opfer ein Junge - erzählten erschütternde Geschichten von Ängsten und Qualen, die sie als Kinder über Jahre durch männliche Verwandte, meistens Väter, erlitten.
Die Täter wurden in folgende Gruppen eingeteilt:
• unreife Neurotiker (80%)
• perverse Intellektuelle (15%) - dazu wäre dann wohl Klaus Rainer Röhl zu rechnen. Selbst wenn er nicht getan hat, was seine Tochter ihm vorwirft (aber warum sollte sie das erfinden?) hat er doch durch seine pädophilen Pornozeitschriften bewiesen, dass er diese Bezeichnung verdient. Auch die Missbrauchs-Priester wie Mixa gehören wohl in diese Gruppe.
• sadistische Ausbeuter (5% - wie Fritzl aus Amstetten)
Am meisten enttäuscht zeigten sich die Opfer nicht von ihren Peinigern, sondern von ihren Müttern, die den Tätern über Jahre nicht das Handwerk legten.
Eigentlich ist das doch widersinnig. Unser Strafrecht urteilt anders: Der Täter wird natürlich härter bestraft als die Personen, die zugesehen haben, statt ihm Einhalt zu gebieten. Der Papst ist noch nicht zurückgetreten, stattdessen legte Mixa seine Ämter nieder.
Ich kann mir diese größere Enttäuschung durch die Mütter nur dadurch erklären, dass den Vätern eh alles mögliche zugetraut wird. Sie haben schon ein mieses Image, das sie durch solche Taten nur bestätigen. Die Mutter aber - von ihr erwarten wir alle viel zu viel, um nicht zu sagen Übermenschliches. Vor allem soll sie uns beschützen vor dem ganzen Unheil in der Welt. Das Unheil wird in aller Regel von den Männern angerichtet - damit haben wir uns schon abgefunden.
Die Mutter, die dem Ideal nicht entspricht, wird schnell als “Rabenmutter” verunglimpft - das männliche Pendant ist anscheinend die Norm, deshalb gibt es die Ableitung “Rabenvater” erst seit kurzem. Ebenso ist die “böse Stiefmutter” sprichwörtlich; später wird sie von der bösen Schwiegermutter, dem “Schwiegermonster”, abgelöst. Böse Stiefväter und Schwiegerväter - gibt es anscheinend nicht.
Zu der fatalen Idealisierung der Mutter trägt auch der Muttertagsrummel bei. Wir sollten die Erwartungen etwas niedriger hängen und den Muttertag umwidmen zu einem Dankestag für diejenigen, die ihre Kinder fair behandeln und nicht missbrauchen. Darunter können ja auch ein paar Väter sein, die verdienen dann auch besonderes Lob und ein Sträußchen Männertreu. Am “Fairziehungstag” bekommen “faire” Erziehungspersonen eine Anerkennung in Anlehnung an das Siegel “fair trade”. Von den damit Zertifizierten erwarten wir auch nicht, dass sie ihre ArbeiterInnen auf Händen tragen und lieben bis in den Tod. Wir erwarten nur, dass sie sie fair behandeln statt der üblichen kapitalistischen Praxis, sie auszubeuten.
Während ich dies schreibe, ist das Ergebnis der Wahlen in NRW noch unentschieden. Mit etwas Glück bekommen wir dort ein weibliche Doppelspitze, zwei neue Landesmütter, Kraft und Löhrmann. Dazu unsere Landesmutti in Berlin - es geht auf- bzw. mütterwärts! Also fairwärts.
# | Luise F. Pusch am 09.05.2010 um 09:39 PM •
Permalink
02.05.2010
Neulich erschien auf einer Mail (mein Mailservice ist Google) rechts am Rand das Wort Schamlippenkorrektur mit einem Link zu mirzuliebe.com.
Mir zuliebe soll ich eine Schamlippenkorrektur vornehmen lassen? Immerhin wird mir diesmal keine Penisverlängerung angeboten, aber es kam trotzdem keine Freude auf.
Ich ging der Sache nach und fand Infos, die mich weiter irritierten, wie:
Die Finanzierung einer Schamlippenverkleinerung obliegt dem Patienten.
Vor dem Eingriff werden die Proportionen der Schamlippen ausgemessen und das genaue Vorgehen zwischen Arzt und Patient abgestimmt.
Nach dem Eingriff [Schamlippenverkleinerung] müssen Patienten im Zuge der Wundheilung für etwa 4 Wochen mit Sport sowie dem Geschlechtsverkehr pausieren.
Mit dem Sport pausieren wäre ja ok, aber “mir zuliebe” auch noch mit unseren wonnigen Leibesübungen? Das geht zu weit.
Aber was rege ich mich auf - wir Frauen sind ja sowieso nicht gemeint, denn wir haben keine Scham und keine Schamlippen, sondern höchstens Venuslippen.
Anscheinend haben aber Männer jetzt Schamlippen. Wenn das wirklich so ist, gibt es vielleicht tatsächlich was zu korrigieren. Aber bestimmt nicht mir zuliebe, denn mir ist das doch sowas von egal!
•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••
Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:

# | Luise F. Pusch am 02.05.2010 um 08:43 PM •
Permalink
24.04.2010
Letzte Woche unterhielt ich mich mit Berit und Angelika über Pascals Pensées, die ich gerade lese. In der handlichen Reclam-Ausgabe passen sie gut in jede Hand- und sogar Jackentasche und sind so immer zur Hand, ob in der Warteschlange, im Zug oder im Wartezimmer. Da sie ein relativ ungeordneter Haufen kurzer Gedanken sind, kann frau überall einsteigen und sich en passant geniale Einsichten zu Gemüte führen.
“Pensées heißen im Französischen auch die Stiefmütterchen”, erzählte Angelika, ihrerzeit Französischlehrerin. “Oh”, sagte ich, “daher kommt dann wohl das englische pansy ‘Stiefmütterchen’, das wusste ich gar nicht.”
Über den lateinischen Namen des Stiefmütterchens, “Viola Tricolor”, landeten wir bei Storm und schließlich bei Goethes Veilchen, bestrickend vertont von Mozart, wie Sie hier bei YouTube nachprüfen können. Über diese kühne Eingebung Goethes, das lesbische Veilchen und seinen Liebeswahn, wollte ich doch schon immer mal eine Glosse schreiben:
Ein Veilchen auf der Wiese stand,
Gebückt in sich und unbekannt;
Es war ein herzig’s Veilchen.
Da kam eine junge Schäferin
Mit leichtem Schritt und munterm Sinn
Daher, daher,
Die Wiese her, und sang.
Ach! denkt das Veilchen, wär‘ ich nur
Die schönste Blume der Natur,
Ach, nur ein kleines Weilchen,
Bis mich das Liebchen abgepflückt
Und an dem Busen matt gedrückt!
Ach nur, ach nur
Ein Viertelstündchen lang!
Ach! aber ach! das Mädchen kam
Und nicht in Acht das Veilchen nahm,
Ertrat das arme Veilchen.
Es sank und starb und freut‘ sich noch:
Und sterb‘ ich denn, so sterb‘ ich doch
Durch sie, durch sie,
Zu ihren Füssen doch!
[Und der weichherzige Mozart fügte noch hinzu:]
Das arme Veilchen! Es war ein herzig’s Vei-eilchen.
Hans Schill, Lehrer für Literatur- und Kulturkunde, schreibt über Goethes Veilchen im Pegasus 92 von 2008/9 (hier als Pdf zum Runterladen)
Ein traditionelles Frauenschicksal in eine Blumenmetapher gekleidet, ein Frauenschicksal also, wie man es in der Literatur zuhauf findet? Ein Frauenschicksal, wie es jahrhundertelang Realität war, einmal mehr literarisch verbrämt und überhöht? Mitnichten! Der Clou dieser Ballade ist natürlich, dass das Veilchen ein Mann ist – schliesslich ist es «eine junge Schäferin», die mit «leichtem Schritt und munterm Sinn» daherkommt und vom Veilchen als «Liebchen» benannt wird, der «Busen» hat hier also eindeutig weibliche Qualität. Goethe stellt sämtliche Erwartungen auf den Kopf: Nicht nur, dass hinter Blümchenmetaphorik Begehren und Tod lauern, auch das übliche Geschlechterverhältnis ist ins Gegenteil verkehrt.
Natürlich sahen wir das völlig anders. Der schönen Erkenntnis, dass “der Busen eindeutig weibliche Qualität hat”, stimmten wir fräudig zu, aber dass ausgerechnet das “herzige Veilchen” ein Mann sein soll, nur weil es die junge Schäferin anhimmelt, ist doch wohl mehr als verschroben.
Hier nun die korrekte Interpretation des Gedichts, abgesegnet von drei Lehrerinnen, Berit, Angelika und mir (interessante Gedanken hatte nicht nur Pascal): Das Veilchen ist ein Mädchen, das für die junge Schäferin schwärmt und von ihr abgepflückt werden möchte, damit es an ihrem Busen ruhen und matt gedrückt, um nicht zu sagen plattgedrückt werden kann - eine todessüchtige, rührende und ziemlich pubertäre Vorstellung. Zwar glaubt es durch den “Tritt” (die Nichtbeachtung) der Schäferin zu sterben, aber davon wird es sich erholen, schließlich ging diese “mit leichtem Schritt”. Richtig tödlich wäre es geworden, wenn die Schäferin den schwärmerischen Wunsch des Veilchens erfüllt und es abgepflückt hätte - wie einst der wilde Knabe das arme Heideröslein.
Lehrer Schill aber macht lieber ein Veilchen zum Manne, als die Liebe eines Mädchens zu einer Frau oder einem Mädchen (“das Mädchen kam”) in Betracht zu ziehen. Dabei kommt sie doch an Schulen dauernd vor: Schülerinnen schwärmen für ihre Lehrerinnen und Mitschülerinnen und würden nur zu gerne “an ihrem Busen matt gedrückt”. Wir drei Lehrerinnen und ehemaligen Schülerinnen können ein Lied davon singen!
Bei Lehrer Schill haben solche Mädchen keine Chance zu einer Spiegelung ihrer Gefühle durch unseren Dichterfürsten und im Unterrichtsgespräch. Er bleibt lieber bei seinem heteronormativen Modell, das doch an unseren Schulen nun allmählich genug Schaden angerichtet hat.
Wir hoffen, ihm mit Goethes Hilfe einen möglichen Ausweg aus der schulischen und sonstigen Misere aufgezeigt zu haben.
# | Luise F. Pusch am 24.04.2010 um 06:19 PM •
Permalink
18.04.2010
“Das war endlich mal ein strahlend schöner Frühlingstag über fast ganz Deutschland, kaum eine Wolke am Himmel - und doch hat uns die Natur heute gezeigt, wer auf unserem Planeten der Herr im Hause ist - nämlich sie.”
Also sprach Klaus Kleber im heute-Journal am Freitag, 16. April 2010, einen Tag nach dem Ausbruch des Eyjafjallajökull auf Island.
Er kniff dabei das linke Auge zu. Ob er einen Scherz darüber machen wollte, dass Mutter Natur, gar nicht ladylike, mal so richtig furchtbar Gewalt ausübte, wie es eigentlich nur dem Herrn im Hause zukommt? Dabei - furchtbar hat sie eigentlich nicht gehandelt, noch ist niemand gestorben. Da schwebt nur diese Wolke über ganz Europa, mit bloßem Auge nicht erkennbar, und beschert uns wunderbare Stille, sonniges Wetter und bildschöne Sonnenuntergänge (heißt es, ich habe noch keinen gesehen).
Ob die Natur weiblich ist, wissen wir nicht. Aber der Kleber-Ausspruch macht uns wieder deutlich, dass uns weibliche Bilder und Vergleiche für absolute Macht fehlen.
In meinen Seminaren versuche ich diesem Mangel abzuhelfen und übe bspw. mit den Teilnehmerinnen, neue Bilder und Begriffe für die Vagina und die Vulva zu finden. Zur Einstimmung lesen wir aus Eve Enslers starken Vagina-Monologen vor. Trotzdem kommen die Frauen immer wieder mit ihren sanften Blumenbildern à la Rose, Blüte, Knospe, etc.
Wenn ich dann vorschlage, statt Vulva / Vagina doch lieber Vulkan (aber bitte die Vulkan) zu sagen, ist frau erstaunt, ja fast erschreckt. Die Verbindung von Weiblichkeit mit Vulkanausbrüchen ist uns fremd.
Aber schließlich kommen doch aus diesem Schlund nicht nur gewaltige Lavaströme, sondern kommt überhaupt Gewaltiges hervor. Courbet sah in der Vulva zu Recht den “Ursprung der Welt”, wie er sein Gemälde nannte. Sogar der “Herr der Schöpfung” flutscht daraus hervor.


Ich schließe meine Betrachtung über Naturgewalten mit einem weiteren Beispiel für krude Vermännlichung weiblicher Größe und Übermacht. “Mount Everest eine Frau” - so betitelte ein befreundeter Psychotherapeut und Feminist seine Email an mich:
Mehr durch Zufall und weil ich mich für die Geschichte der Alpinistik ein wenig interessiere, stöberte ich im Netz über den höchsten Berg der Welt, den Mount Everest (8842m). Ich wollte wissen, wie er zu seinem heutigen Namen kam usw.
Überall auf der Welt haben die verschiedenen Kulturen auf den Bergen um sie herum den Sitz ihrer Götter ( ! ) vermutet, sie gleichsam dort oben hingesetzt, damit sie auf die Erdenbewohner besser aufpassen sollten und auch, um von da oben den Kontakt zwischen Erde und Himmel herzustellen, zu pflegen etc. Wir könnten nun, um das gute alte männerschematische Denkmuster wissend, annehmen, dass die höchsten Berge der Welt so zum Sitz und Zuhause der mächtigsten und großartigsten Göttern geworden seien. Aber gefehlt !
Zu meiner Überraschung nämlich teilen nach alter tibetanischer Überzeugung fünf Frauen diese höchsten Gipfel als Paläste unter sich auf, die “Feen des langen Lebens”. Der ursprüngliche Name des Mt. Everest z.B. ist in tibetischer Sprache “Chomo Lungma”, was so viel wie “Mutter des Universums” bedeutet oder einen ähnlich gewichtigen Sinn hat. Das könnte Dich doch sicher freuen, hab ich mir gedacht.
Der Geodät Sir George Everest hatte um die Mitte des 19. Jh. für die englische Krone Landvermessung in der indischen Kolonie betrieben und 1848 auch diesen Berg vermessen. Nach seinem Tod benannten die neuen Landesherren ( ! ) den bisherigen Sitz einer Göttin im Jahre 1865 schlicht nach diesem sicher ehrenwerten Mann.
All das ist nachzulesen in Wikipedia unter “Everest”, und über die Gipfelfeen in http://www.emmet.de, heilige Berge.
Danke, Wolfgang - und Dank auch an Susanne Bauer für den Hinweis auf den Kleber-Spruch.
# | Luise F. Pusch am 18.04.2010 um 06:00 PM •
Permalink
Seitenanfang