02.04.2010

Merkel bekennt Ostereierfarbe und mehr

Vor zwei Wochen saßen wir zu sechst gemütlich beim Wein - und landeten schnell bei der Mutter aller Frauenthemen: dem Outfit.

Mechthild war früher Lehrerin in einer Realschule in Hamburg-Barmbek und unterrichtete in diesem “sozialen Brennpunkt” überwiegend SchülerInnen “mit Migrationshintergrund”. Ihre krankheitsbedingte Frühpensionierung brach ihr fast das Herz. Was sie aber jeden Tag aufs Neue genießt, ist die Freiheit von der Kleiderfrage. Stunden hätte sie während ihrer Berufszeit vor dem Spiegel ihres Kleiderschranks verbracht, um sich für die Schularena und die kritischen Blicke ihrer SchülerInnen angemessen auszustaffieren.

Wir alle nickten voller Einverständnis - wie wir das Elend doch kennen! Ich selbst habe den Kampf schon lange aufgegeben und trage die Sachen, die sich einmal bei öffentlichen Auftritten bewährt haben, wieder und wieder. Die anderen in der Runde sind nicht so faul oder resigniert, aber bis auf Iris, die noch voll im Beruf ist, konzentrieren sie sich in Sachen Kleidung hauptsächlich auf das eigene Vergnügen.

Männer haben ihr Outfit-Problem schon lange gelöst. Der - meist dunkle - Anzug ist ihre Berufsuniform, damit sehen sie immer korrekt aus. Ein paar geschickt ausgewählte Accessoires, vor allem die Krawatte, setzen die Glanzlichter.

Schon lange bewundere ich unsere Kanzlerin dafür, wie sie ihr Klamotten-Problem gelöst hat. Diejenigen Frauen, die ebenfalls an Wichtigeres zu denken haben als an ihr Outfit, sollten es ihr nachmachen - und tun es auch mehr und mehr.

Die Kanzlerin trägt immer dasselbe: einen Hosenanzug, das Jackett geschlossen durch drei bis vier große Knöpfe. Da, wo die Männer ihre Krawatte hängen haben, hat sie ihre drei, vier Knöpfe sitzen.

Vermutlich hat sie von diesem Outfit 50-100 Stück im Schrank, in vielen frohen Farben, wie hier dokumentiert. Sie greift in den Schrank hinein, angelt sich irgendein Teil, und schon ist sie korrekt angezogen für die Gespräche mit den Mächtigen dieser Welt.

Frauenbild

Die frohen Farben unterstreichen dabei ihre Weiblichkeit; nie könnte ein Sarkozy oder Obama sich in sowas Buntem sehen lassen.

Raffiniert schlägt sie zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Uniform, der immergleiche Schnitt, spart Zeit und Energie für die eigentlichen Aufgaben. Die Ostereierfarben künden von ihrer Weiblichkeit, zerstreuen jeglichen Verdacht, dass die mächtigste Frau der Welt ein Kerl ist wie einst Maggie Thatcher.

Für diejenigen, die trotzdem noch skeptisch sind, hat sie zwei weitere Beweise parat. Einmal das große Dekolleté für die große Oper mit dem Gatten. Zum anderen diese subversive Merkelgeste, die Ihnen außer den Ostereierfarben in der obigen Collage bestimmt sofort aufgefallen ist. FrauenbildDie zart einander berührenden Hände suggerieren weibliche Behutsamkeit und Feinsinnigkeit - und noch viel mehr: Frauenkundige erkennen darin das Frauenzeichen, Insiderinnen das Lesbenzeichen, passend zu den Regenbogenfarben der Garderobe.

Frauenbild Die Merkelsche Körpersprache der sanften Macht findet Anklang und wird gern - bewusst oder unbewusst - nachgeahmt. Jüngstes Beispiel: der britische Premier Gordon Brown beim gestrigen deutsch-britischen Gipfeltreffen zur Bankenregulierung.

[Dank an Sabine Pinkepank für die Zusendung der wunderbaren Merkel-Collage].


# | Luise F. Pusch am 02.04.2010 um 03:27 PM • Permalink

27.03.2010

Mein Feuchtgebieter: Über “Arabella” von Strauss und Hofmannsthal

Als deutsche Bildungsbügerin bin ich immer bestrebt, mich fortzubilden, wo ich gehe und stehe. Oder sitze.
Zur Zeit höre ich mich im Badezimmer durch alte Musicassetten. Dabei stieß ich vor kurzem auf Arabella, genauer gesagt auf ein musikalisches Selbstporträt von Lisa della Casa aus dem Jahre 1958. Mitte der 90er Jahre war es mal wieder gesendet worden; aus dieser Zeit stammt meine Aufnahme.

Ich putzte mir versonnen lauschend die Zähne, da hörte ich die della Casa singen:

Du wirst mein Geliebter sein
Und ich dir untertan.

Trotz der betörenden Musik war ich not amused und ging der Sache nach Beendigung der Morgentoilette auf den Grund. Die “Arabella” hatte ich vor rund 40 Jahren zuletzt gesehen; sehr präsent war sie mir nicht mehr. Es ist ein operettenhafter Stoff, “letzte reife Frucht” der überaus fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen dem Komponisten Dr. Richard Strauss (so unterschreibt er immer, und so wird er von seinem Librettisten auch angeredet) und dem Dichter Hugo von Hofmannsthal.
Und was diese reifen Früchtchen ausgebrütet haben, ist folgende Story: Graf Waldner hat sein Vermögen durchgebracht und kann sich nur retten, wenn er seine schöne, vielumschwärmte Tochter Arabella möglichst reich verheiratet. Er schickt seinem alten Regimentskameraden ein Bild der jungen Schönheit. Der Alte ist allerdings schon verblichen; Erbe seiner weitläufigen Ländereien ist der etwas hinterwäldlerische, aber edle und stattliche Mandryka. Der eilt herbei, bezaubert von dem Bildnis Arabellens und möchte sie vom Fleck weg heiraten. Nach ein paar Verwicklungen klappt das auch, und alle sind happy.

Zuvor aber müssen wir uns folgende Entgleisungen anhören:

ARABELLA (zu ihrer Schwester über einen ihrer Anbeter)
Er ist der Richtige nicht für mich!
Er ist kein ganzer Mann. Ich könnt mich halt vor ihm nicht fürchten.
Wer das nicht ist, der hat bei mir verspielt!
[…]
Ich kann ja nicht dafür, dass ich so bin.
Ein Mann wird mir gar schnell recht viel
und wieder schnell ist er schon gar nichts mehr für mich!
[…]
Ganz ohne meinen Willen dreht sich dann mein Herz
und dreht sich los von ihm. Ich kann ja nichts dafür -
aber der Richtige - wenn’s einen gibt für mich auf dieser Welt -
der wird auf einmal dastehen, da vor mir
und wird mich anschaun und ich ihn
und keine Zweifel werden sein und keine Fragen
und selig werd ich sein und ihm gehorsam wie ein Kind.

Eine Ideologie selig-verblendeter Unterwerfungs-Erotik wird da verbreitet - was sage ich - wird besungen und zelebriert mit den schönsten Eingebungen des alten Strauss, dass sich uns der Magen umdreht.
Die Unterwerfungsorgie wurde 1933 in Dresden uraufgeführt: passend zum Führerprinzip die Oper über den edlen starken Mann hinterwäldlerischer Herkunft, der der Richtige ist, weil man bzw. frau sich vor ihm fürchten kann, und von dem sie sich, “gehorsam wie ein Kind”, selig führen lassen kann:

Und du wirst mein Gebieter sein und ich dir untertan
dein Haus wird mein Haus sein, in deinem Grab will ich mit dir begraben sein -
so gebe ich mich dir auf Zeit und Ewigkeit.

Diese schönen Zeilen - Herzstück der Oper und eine der berühmtesten Strauss-Arien - singt Arabella für ihren Führer, nachdem er ihr folgendes versprochen hat:

Darum kann ich erst leben wenn ich etwas Herrliches
erhöhe über mich, und so in dieser Stunde
erhöh ich dich, und wähle dich zu meiner Frau
und wo ich Herr bin, wirst du Herrin sein
und wirst gebieten, wo ich der Gebieter bin!

Unheimlich, diese Parallele zwischen dem führertrunkenen, vom Führer “erhöhten” deutschen Volk, und der unterwerfungssüchtigen Arabella.

Beim Zähneputzen hatte ich die Worte der berühmten Arie nicht richtig verstanden. Arabella singt nicht “Du wirst mein Geliebter sein”, sondern “mein Gebieter”. Nachdem der Führer ihr zuvor die Mitherrschaft über seine Ländereien/Gebiete, über die er gebietet, versprochen hat, “gibt” sie sich ihm “auf Zeit und Ewigkeit”, macht ihn zum Gebieter über ihre Feuchtgebiete, denn andere Gebiete hat sie nicht zu bieten. Das gemeinsame Grab wird auch schon beschworen, ein Feuchtgebiet ganz eigener Art.


# | Luise F. Pusch am 27.03.2010 um 01:37 PM • Permalink

20.03.2010

Man als Lesbe: Lange L-Nacht in Hannover

Gestern gingen wir mit fünf Freundinnen in die “Lange L-Nacht”, zu der die Stiftung “Leben und Umwelt” eingeladen hatte. Was doch so ein kleiner Buchstabe ausmacht: “Leben und Umwelt” wurde nicht zu “L und Umwelt”, nur “Lesbennacht” zur “L-Nacht”.

Es wurde für uns mehr ein überfüllter Abend als eine lange Nacht. Alle großen und kleinen Ls aus Hannover und Umgebung waren herbeigeströmt, besetzten sämtliche der eng gestellten unbequemen Stühle oder ließen sich an der weiträumigen Bar von dem einzigen anwesenden Herrn bedienen; er bediente später auch die widerspenstige Elektrik. Von den dunkel bemalten Wänden sahen überlebensgroße Männergesichter der Rock- und Popwelt auf uns herab.

Zuerst sangen uns die Leineperlen was vor, Hannovers beliebter Lesbenchor, der ersichtlich Freude am Singen und an sich selbst hatte. Was dem nach norddeutscher und nach Lesbenart eher reservierten Chor an Schwung fehlte, glich das Publikum mit seiner Begeisterung wieder aus. Wir waren hergekommen, um uns mitreißen zu lassen.

Nach den Leineperlen trat das hochkarätig besetzte Podium in Aktion, Thema: “Rolemodels in der lesbischen Community”. Ja, auch Lesben können Englisch. Moderatorin war Renate Steinhoff von der Stiftung Leben und Umwelt, die gerade eine Stunde bei den Leineperlen mitgesungen hatte -  sie schien etwas mitgenommen, hielt aber durch bis zum Schluss. Links von ihr in Lesbischwarz die Politlesben Anja Kofbinger, Berliner Landtagsabgeordnete für B90/Die Grünen, und Gabriele Bischoff von der LAG Lesben in Düsseldorf. Rechts von der Moderatorin die Kulturlesben Manuela Kay, Chefredakteurin des L-Mag, Berlin, und Karen-Susan Fessel, Autorin von 27 Büchern für Kinder und Erwachsene, wie sie uns einschärfte, und Mitautorin von “Out”, dem “Who ist Who der Lesben und Schwulenbewegung”. “Stehst du da auch drin?” fragte mich Juanita. “Ja”, sagte ich.

Kay und Fessel vertraten die dritte lesbische Moderichtung an diesem Abend. Die Glamour-Lesben à la L-Word bzw. Will&Meckel waren dem Ereignis ferngeblieben, die Leineperlen waren nach dem Motto “Hauptsache bequem” angetreten, dem auch die Mehrheit des Publikums anhing (ich auch), die Politlesben in elegant-korrektem Lesbischwarz, und Kay und Fessel führten den maskulinen Lesbenschick vor, Kay eher in der Holzfällervariante, Fessel eher wie Mackie Messer. Fessel lächelte meist amüsiert, Kay sah eher missmutig ins erwartungsvolle Publikum und blühte erst auf, wenn sie redete. Die Politlesben dagegen - echte Profis im Umgang mit dem Publikum, durchgehend zugewandt, humorvoll und freundlich, ob sie redeten oder zuhörten.

Die äußere Anmutung der Diskutanten und -onkels auf dem Podium war also schon sehr spannend, vielfältig und aufregend - wie viel mehr erst das, was sie dann so sagten. Hauptthema waren ja die “Rolemodels” und die Frage, warum haben wir so wenige davon, warum kommen die alle nicht raus, verdammt nochmal. Kay äußerte sich dazu am entschiedensten, sie fände es nicht in Ordnung, wenn man als Lesbe im Versteck lebte, wenn man als Lesbe nicht die Zivilcourage zum Coming Out aufbrächte. Sie verwies auf ihre eigene Aufmachung und lachte: “Na seht mich doch an! Manche können halt nicht umhin, wie ein lebendes Klischee auszusehen.” Tatsächlich war schon ihre Kleidung ein unmissverständliches Coming-Out.

Dann ging es neiderfüllt um die offen schwule Politprominenz, von Beust über Wowi bis hin zu Westerwelle. Kofbinger plauderte aus dem Berliner Nähkästchen, natürlich gäbe es in der Regierung auch Lesben. “Doch nicht etwa Merkel höchstpersönlich?”, hörte ich eine erschreckt aufjapsen. “Neinnein”, beruhigte Kofbinger, “aber auch schön blond und bieder, lebt mit Partnerin mitten in Berlin - aber mal ein kleines Coming Out wagen? Ist nicht drin!”

Gut, in der Politik sind wir vielleicht mit Rolemodels nur knapp bestückt, aber dafür haben wir ja in der Sparte Kultur so allerlei, hieß es: Anne Will, Maren Kroymann, Ulrike Folkerts, Hella von Sinnen. Aha - Kultur wird also hier mit Fernsehen gleichgesetzt, dachte ich, ist ja ulkig. Keine offenen Lesben in der Literatur-, Kunst-, Theater- oder Musikszene? Genannt wurden sie jedenfalls nicht. Ein Besuch auf der FemBio-Seite “Frauenbeziehungen” hilft da garantiert weiter. Die meisten der dort mit Links zu ihren FemBiographien aufgeführten Lesben aus Kunst, Literatur, Politik, Musik und Sport sind zwar historisch, aber Lesben werden ja mit zunehmendem Alter nicht schlecht, sondern immer interessanter.

Gut, kommen wir zum Sport. Da ist ja lesbisch mächtig was los, aber alles schön unterm Teppich. Kay von L-Mag berichtete, sie löchere seit Jahren unsere Frauen-National-Elf, ob sie nicht mal im L-Mag ihr Coming-Out machen wollten. Keine wollte jemals. “Ja, wenn man als Lesbe nichtmal dafür den Mumm aufbringt”, sagte Kay…

Bischoff machte einen genialen Vorschlag: “Dann schreib doch einfach über die Heten in der Frauen-Nationalelf. Kay lachte: “Ich fürchte, da finde ich keine.”

“Wenn man als Lesbe derartig feige ist, das ist schon zum Weinen”, hörte ich.

Nach der Diskussion und vor Verabreichung der Häppchen (“in der Nähe der Toiletten”) sprach mich eine ältere Lesbe an: “Wie reden die denn hier? Man als Lesbe - geht’s noch? Da wird einer ja schlecht. Sind die noch zu retten?”

Aber ganz so konservativ waren die hannöverschen L-Mädels auch wieder nicht. Als die Moderatorin scheinbar sagte “Wenn der eine oder der andere…” fielen ihr einige lautstark ins Wort und schrien “die eine oder die andere, bitte!” “Lasst mich ausreden”, sagte die Moderatorin ruhig: “Also wenn der einen oder der anderen noch was dazu einfällt, bitte melden.”

Merke: Der Dativ ist NICHT der Frauensprache ihr Tod. Er klingt nur so.

Also was femilesbe alles so durchmacht … Und erst femilinguistin!


# | Luise F. Pusch am 20.03.2010 um 06:05 PM • Permalink

14.03.2010

Brauchen wir Opfer?

Ostern ist nahe und damit die Zeit des Osterlamms, das manche zur Erinnerung an Christus, das Lamm Gottes, zu Ostern verspeisen. Das Lamm, traditionell ein beliebtes Opfertier der HirtInnenvölker, symbolisiert dabei sowohl die Unschuld Christi (“Unschuldslamm”) als auch seinen Opfertod (“Opferlamm”).

An Opfer denken wir alle angesichts der nicht abreißenden Enthüllungen der Missbrauchs-Opfer mehr als uns lieb ist. - Allerdings ist “Opfer” ein kompliziertes, vieldeutiges Wort, wie der Vergleich mit anderen Sprachen klarmacht:
Das “Musikalische Opfer” von Johann Sebastian Bach heißt auf Englisch “The Musical Offering”, auf Französisch “L’Offrande Musical” und auf Italienisch “L’Offerta Musicale” - nicht etwa “The Musical Victim”, “La victime Musical” oder “La vittima musicale”.

Sicher gibt es zahllose “musikalische Opfer” im Sinne Wilhelm Buschs, der feststellte: “Musik wird störend oft empfunden, dieweil sie mit Geräusch verbunden” -  aber das lassen wir jetzt mal beiseite. Was mich interessiert, ist zum einen die Doppelbödigkeit des Wortes “Opfer”, zum anderen die denkwürdige Tatsache, dass die lateinische Bezeichnung für “unfreiwilliges Opfer” mitsamt ihren romanischen Abkömmlingen ein Femininum ist: victima / la victime / la vittima / la victima / la vítima.

Das Duden-Synonymenwörterbuch gliedert die Bedeutungen von “Opfer” wie folgt:

1. a) Opferung.
    b) Opfergabe.
2. Einsatz, Hingabe, Preisgabe, Verzicht; (gehoben): Aufopferung, Darangabe.
3. Geschädigter, Geschädigte, Leidtragender, Leidtragende, Toter, Tote; (gehoben): Beute.

Als feministische Linguistin stelle ich mit Befriedigung fest, dass neben den Maskulina der Bedeutung (3) (“Geschädigter” usw.) immer auch das Femininum genannt wird, wenngleich an zweiter Stelle, was der alphabetischen Anordnung - und wohl auch der faktischen Besetzung der Opferrolle - widerspricht.

Das Schillern des Opferbegriffs liegt daran, dass auch Menschen zur “Opfergabe” werden können, freiwillig oder gegen ihren Willen.

Wir ehren das freiwillige Opfer: es ist in der christlichen Ethik einer der höchsten Begriffe: Christus, der Schuldlose, opferte sein Leben für uns, die Schuldigen, und wir sind aufgerufen, ihm nachzueifern, so gut es eben geht. Viele Nazi-Opfer opferten ihr Leben im Widerstand, auch im christlichen, und gehören deshalb zu unseren NationalheldInnen, wie etwa die Geschwister Scholl.
Wir trauern um die unfreiwilligen Opfer (victims) - von Erdbeben, Unfällen, von Gewalttaten, um die Opfer von Kriegen, Krankheiten, Todesopfer ganz allgemein. Die meisten Nazi-Opfer wurden einfach kollektiv abgeschlachtet oder vergast, für sie gibt es keine Denkmäler, sondern Mahnmale.
Wir verabscheuen die Opfer, die zugleich Täter sind und als Selbstmordattentäter oder Amokläufer andere mit in den Tod reißen.

Die Frage ist natürlich, weshalb Opfer überhaupt notwendig sind. Am Ursprung der rituellen Opferungen steht ja die archaische Idee zorniger Götter, die durch Opfergaben besänftigt werden müssen, und wenn es der eigene Sohn ist, der dafür herhalten muss. Die Götter sind also sadistisch bis korrupt, der alttestamentarische etwa erfreute sich an der Angst Abrahams und Isaaks, die Götter der Maya verlangten Unmengen grausam gemordeter Menschen als Opfer, andere lassen sich durch Geschenke bestechen wie unsere korrupten Politiker.

Opfer müssen - wie jede Bestechung - kostbar sein, um zu wirken, und am kostbarsten sind Menschenleben. Bei Tieropfern sind natürlich die weiblichen Tiere in der Regel kostbarer als die männlichen:  “Unter zwei huntert kalben soll man nicht uber zwei stierlein behalten”  heißt es im Grimmschen Wörterbuch.
Dieser Sachverhalt erklärt vielleicht die Weiblichkeit von lat. victima. Bevorzugt als Tieropfer - weil eben das größere Opfer - waren die weiblichen Exemplare der Gattung.

Der Opferbegriff spaltet sich auf ins Heroische auf der einen und Schreckliche auf der anderen Seite. Wenn ich mich selbst opfere, bin ich eine Heldin, wenn ich andere gegen ihren Willen opfere, mache ich mich schuldig, mache ich sie zum Opfer, viktimisiere ich sie.

Eine Möglichkeit, das eigene Leben zum Opfer zu bringen ist, es einem “höheren Zweck” zu weihen, z. B. der katholischen Kirche (“Priesterweihe”). Priester und Nonnen weihen ihr Leben der Kirche, sind Opfernde und Opfer zugleich, und während sie als Opfernde heroisch sein mögen, vergehen sie sich an sich selbst, indem sie sich einer überholten und moralisch fragwürdigen Institution “weihen”, d.h. ausliefern.

Die Wörter “Weihe” und “victima” gehen auf dieselbe indogermanische Wurzel *wig zurück. Von hier zu der bekannten verhängnisvollen Karriere des Opfers, das zum Täter wird, ist es nur ein kleiner Schritt. Die männlichen zu Tätern mutierten Opfer vergehen sich eher an anderen, die weiblichen eher an sich selbst. Aber auch Frauen sind zu allem fähig, wie die Geschichte der irischen Magdalen Asylums für “gefallene Mädchen”gezeigt hat, über die Peter Mullan den erschütternden Film “Die unbarmherzigen Schwestern” (2002) gedreht hat.

Aber schuld, so scheint mir, ist die schädliche Idee des Opfers selbst, insbesondere die Idee des heroischen Selbstopfers. Sie bedarf im Zeitalter der Selbstmordattentäter und Missbrauchspriester einer gründlichen Revision.

 


# | Luise F. Pusch am 14.03.2010 um 11:23 PM • Permalink

08.03.2010

Opfer und Täter

Zum Weltfrauentag am 8. März und zur Erinnerung an die Opfer von Tim K., Winnenden (11. März)

In letzter Zeit reden wieder alle vom “sexuellen Missbrauch”. Feministinnen kämpfen seit bald 40 Jahren gegen diese unsägliche Formulierung. Sie impliziert, dass es neben dem sexuellen Missbrauch auch noch einen richtigen/akzeptablen sexuellen Gebrauch von Mädchen und Knaben gebe, so wie es neben dem Alkohol- oder Tablettenmissbrauch auch einen korrekten Gebrauch von Tabletten oder Alkohol gibt. Unerträglich ist auch die Implikation, dass die Missbrauchsopfer ein Genussmittel seien, wie Alkohol oder Nikotin.

Trotzdem handelt es sich bei dem sogenannten sexuellen Missbrauch eindeutig um Missbrauch, und zwar um Macht- oder Amtsmissbrauch - bei den Priestern um beides. Wir sollten ab sofort sagen, die Kinder sind Opfer sexuellen Machtmissbrauchs.

Denn der Machtmissbrauch in unserer Gesellschaft ist ja das zutiefst Alarmierende an all den Missbrauchsfällen, die jetzt ruchbar werden - eine katholische oder sonstige sogenannte Eliteschule oder Elite-Institution nach der anderen. Das Schlimme ist, dass diejenigen, denen wir vertraut und Macht über andere anvertraut haben, diese Macht gegen die Anvertrauten und ihnen Ausgelieferten skrupellos missbrauchen, und das jahre- und jahrzehntelang.

Die Fundamente unserer Gesellschaftsordnung sind bei Machtmissbrauch bedroht. Wenn die Politik, die Polizei, das Heer oder die Justiz vom organisierten Verbrechen unterwandert sind, herrscht höchste Gefahr. Wenn die Familien und die Schulen vom sexuellen Machtmissbrauch der Väter und der Lehrer durchseucht sind, sind die “Keimzellen des Staates” befallen.
•••••••••••••••
In meiner letzten Glosse habe ich die Opfer der Missbrauchs-Priester mit Bedacht als Jugendliche bezeichnet und nicht von Jungen oder Knaben gesprochen. Meine Wortwahl geht zurück auf eine öffentliche Debatte in Boston vor etwa 10 Jahren, als dort die Skandale um die Missbrauchs-Priester und ihre Missbrauchs-Oberen, die sie jahrelang gedeckt hatten, aufbrachen.

Bostoner Feministinnen machten sich Gedanken darüber und beschwerten sich lautstark, dass mit einem Mal das Thema Missbrauch so viel Medien-Aufmerksamkeit bekam, weil jetzt die katholische Kirche involviert war, weil auch oder sogar vorwiegend Knaben die Opfer waren und es somit um das Thema Homosexualität ging - viel geiler als der stinknormale “Missbrauch von Mädchen”, das ist ja bloß zum Gähnen, lockt keinen mehr hinterm Ofen hervor. Aber das brisante Gemisch katholische Kirche, Knaben als Opfer und Schwulitäten war neu und trieb die Auflagenziffern und die Einschaltquoten in die Höhe.

Die Bostoner Feministinnen wehrten sich gegen die Einstellung, dass “Missbrauch von Mädchen” etwas Gewöhnliches und “Missbrauch von Knaben” etwas besonders Schändliches sei - etwas, was für Knaben sozusagen schlimmer ist als für Mädchen, denn Mädchen sind ja irgendwie dafür da, missbraucht zu werden, gell?

Aus diesem Grunde also sprach ich bewusst von Jugendlichen, um nicht die weiblichen Opfer des sexuellen Machtmissbrauchs der Priester als “business as usual, nichts weiter Besonderes” außen vor zu lassen.

Nun ermahnt mich der Leser Oliver:

Eine Frage ist, ob man hier betonen sollte, dass möglicherweise mehr Jungen als Mädchen zu den Opfern gehören. Wir sollten es auch betonen, wenn mehr Mädchen als Jungen missbraucht werden - oder getötet, etwa von einem Attentäter. Allerdings kenne ich keine Zahlen - und wäre an solchen interessiert.

Da klingt der Frauenmord des Tim K. in Winnenden an, dessen Stoßrichtung sprachlich fast überall zu einem Mord an “Schülern” verunklart wurde. Ja, an Zahlen wäre ich auch interessiert - aber da ist bekanntlich die Dunkelziffer. Leserin Anne hat recherchiert, dass von den Opfern sexuellen Machtmissbrauchs zwei Drittel weiblich sind - das wird bei dem von Priestern verübten sexuellen Machtmissbrauch nicht anders sein.

Es ist verständlich, dass Oliver sich als Mann für die Unterscheidung zwischen weiblichen und männlichen Opfern einsetzt. Für Frauen primär interessant ist allerdings nicht so sehr, was Männer Männern und Knaben antun, sondern was sie Frauen und Mädchen antun. Was Männer untereinander an Schandtaten anrichten, sollen sie vielleicht zunächst mal untereinander klären. Wir Frauen haben mehr als genug mit den Verbrechen der Männer gegen Frauen und Mädchen zu tun.

Womit ich bei der Überschrift ”Opfer und Täter” angekommen bin. Die Überschrift ist mehrdeutig - ohne Artikel wissen wir nicht, ob “Die Täter und die Opfer” gemeint sind oder “Das Opfer und der Täter”. Was aber klar ist, ist die Männlichkeit des Täters oder der Täter.

Frauen und Männer gemeinsam müssen sich um die Gewalttätigkeit der Männer und ihren Machtmissbrauch Sorgen machen. Auch und gerade im Gesamtbereich Pädagogik. Etwa so alt wie das Geschrei über den sexuellen Machtmissbrauch in der katholischen Kirche ist das Gewinsel der Männer über die männlichen Bildungsverlierer, die angeblichen Opfer der angeblichen weiblichen Übermacht in den Schulen.

Angesichts des sexuellen Machtmissbrauchs der Männer vor allem in Bildungseinrichtungen, der sich, wie jetzt zur allgemeinen Empörung bekanntgeworden, nicht nur gegen Mädchen richtet, wird das Gewinsel hoffentlich abebben. Die Opfer mögen beiderlei Geschlechts sein - die Täter aber sind männlich, von seltenen Ausnahmen abgesehen.

Frauen haben - ebenfalls schon seit Jahrzehnten - eine Männlichkeitssteuer gefordert, für den Opferschutz und die Prävention, vor allem aber für die Behebung der enormen von Männern angerichteten Schäden. Nun da das Bewusstsein, dass Männer auch Männern schaden, allmählich an Boden gewinnt, ist die Zeit reif, das Thema Männlichkeitssteuer wieder zur Diskussion zu stellen. Eine Kopfpauschale brauchen wir nicht, eine Männerpauschale schon eher.


# | Luise F. Pusch am 08.03.2010 um 09:29 AM • Permalink

28.02.2010

Die Kraft und die Herrlichkeit

img src=“http://vg02.met.vgwort.de/na/725ef1610bac40b2b664e5b3a0ca0e3c” width=“1” height=“1” alt=”“>Nun also soll Hannelore Kraft die Wahlen in NRW für die SPD gewinnen. Ich hoffe, es gelingt ihr. Die Trumpfkarte Frau, obwohl in der Regel von der versammelten Herrlichkeit zu spät aus dem Ärmel gezogen, hat ja schon oft Wunder gewirkt. Nehmen wir z.B. die Olympischen Winterspiele in Vancouver. Weil ich noch in Umzugswirren stecke und mit Hunderten von Bücherkartons jongliere, habe ich diesmal nicht sehr konzentriert hingeschaut, was unsere OlympionikInnen so trieben. Aber abends in den heute- oder ARD-Nachrichten kamen sie doch immer wieder und schließlich immer gewaltiger, die Frauen.

Nur: Es redete niemand über dieses eigentlich alles offizielle Wissen umstürzende Phänomen: das enorme Gefälle zwischen der weiblichen und der männlichen Leistung. Deshalb stelle ich hiermit fest:
Bei der diesjährigen Winter-Olympiade waren die deutschen Frauen viermal besser als die deutschen Männer.

Von Wikipedia erfahre ich: “Deutschland nimmt an den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver mit 153 Athleten, darunter 58 Frauen und 95 Männer, in allen 15 Sportarten teil.”

Und diese doppelt so vielen Männer haben nur etwa halb so viele Medaillen geholt wie die Frauen. Proportional sind die deutschen Athletinnen also, ich wiederhole es gerne, viermal so stark wie die deutschen Athleten.

Über dieses auffällig schwache Abschneiden der Männer - auch das kann nicht oft genug gesagt werden -  wird aber kein Wort verloren. Ich habe in den Quellen, denen ich zugehört oder -geschaut habe (ARD, ZDF, Deutschlandfunk), nichts dazu vernommen, obwohl ich immer ungeduldiger und ungläubiger darauf wartete.

Die logische Konsequenz des männlichen Versagens wäre, demnächst viermal so viele Frauen loszuschicken wie Männer.

Die Platzierung im Medaillenspiegel richtet sich nach der Anzahl der Goldmedaillen. Obwohl die USA derzeit mit insgesamt 36 Medaillen an der Spitze liegen, belegen sie doch im Medaillenspiegel nur den dritten Platz, nach Kanda (Platz 1) und Deutschland (Platz 2), denn sie haben nur 9 Goldmedaillen geholt, die Deutschen dagegen 10 und die KanadierInnen 13, die insgesamt “nur” 25 Medaillen geholt haben.

Goldmedaillen also - sie sind es, die alles entscheiden, ob wir das nun gut finden oder nicht.

Von den 10 deutschen Goldmedaillen stammen acht von Frauen. Mit den zwei Goldmedaillen der Männer läge Deutschland derzeit auf dem 12. Platz.

Dass die Medien weiterhin fest in Männerhand sind, merkt frau u.a. daran, dass die Kraft der Frauen und die Schwäche der Männer nicht benannt, nicht thematisiert, nicht betrommelt wird. Denn das würde unweigerlich zu besseren Bedingungen für Frauen und schlechteren Bedingungen für Männer in der gesamten Sportförderung führen und im Geschäft mit dem Sponsoring und den Werbegeldern.

Um wieder auf Hannelore Kraft zurückzukommen: Ich hoffe, es ergeht ihr nicht wie Andrea Ypsilanti, Hertha Däubler-Gmelin, Rita Süßmuth, Heide Simonis, Heide Pfarr, Ursula Schmidt, Petra Kelly und anderen großen Hoffnungen der Frauen, die gemobbt und/oder gestürzt wurden oder über Kleinigkeiten gestürzt sind, die Männer entweder gar nicht wahrgenommen oder stur ausgesessen hätten, wie Kohl,  Althaus, Möllemann, Rüttgers, Friedman und wie sie alle heißen.

Zweierlei Maß - das konnten wir in dieser Woche wieder deutlich sehen am Verhalten von Margot Käßmann im Vergleich zu männlichen Würdenträgern der katholischen Kirche.

Die Verbrechen katholischer Priester gegen Jugendliche, die ihnen anvertraut waren, stinken zum Himmel, sie sind systemisch. Ich bin jeweils die Hälfte des Jahres in Boston, dort fing es vor rund 10 Jahren an mit der Aufdeckung der Sexualverbrechen der Priester gegen Jugendliche - und hört gar nicht mehr auf. Genau wie in Deutschland wurden auch dort pädophile Priester von ihren Oberen gedeckt, in den Urlaub geschickt und dann an anderer Stelle wieder eingesetzt, wo sie weiter ihren verbrecherischen Neigungen nachgehen konnten und es auch taten. Viele Leben wurden dadurch unheilbar vergiftet, ja zerstört.

Eigentlich müsste der Papst zurücktreten ob der Schandtaten seiner Organisation. Aber er denkt nicht dran. Stattdessen verlangt sein Erzbischof Zollitsch von Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger, die endlich mal Tacheles geredet hat, eine offizielle Entschuldigung.

Ewig schade ist es um Margot Käßmann, die so viel frischen Wind, Hoffnung und weibliche Kompetenz in die evangelische Kirche gebracht hat. Immerhin hat sie durch ihren Rücktritt dem Papst und seinen Bischöfen und Priestern gezeigt, wie sie auf die Verfehlungen reagieren könnten und sollten. Aber das ist nur ein kleiner Trost angesichts des großen Verlusts, der noch ganz besonders schmerzt, weil vier Tage zuvor Johanna Dohnal im Alter von nur 71 Jahren starb, auf die wir auch noch lange nicht verzichten können - obwohl wir es nun müssen.

Hoffen wir also auf die Kraft. Die Herrlichkeit hat versagt, auf der ganzen Linie.


# | Luise F. Pusch am 28.02.2010 um 10:47 AM • Permalink

31.01.2010

Mao wollte zehn Millionen Chinesinnen loswerden

Als wir uns noch richtige Briefe schrieben statt Mails, konnten wir das Briefpapier für allerlei Zusatzbotschaften nutzen. Helke Sander schrieb ihre Briefe manchmal auf der Rückseite der Fotokopie eines Artikels über Mao und Kissinger: Alle sollten wissen, was diese beiden Herren über Frauen dachten, was Politiker über Frauen denken. Beim Aufräumen fiel mir so ein Brief wieder in die Hände.

Heute gibt es andere Methoden zur Verbreitung von Wissen, deshalb schreibe ich diese Glosse. Frau findet die Original-Artikel zwar leicht im Internet - aber welche von uns kommt schon darauf, die drei Suchworte “Mao”, “Kissinger” sowie “Frauen” bzw. “women” zu googeln? Ich tat es nun - und wurde sofort fündig:

Ekkehard Krippendorf beschrieb die unglaubliche Episode in seiner “Kritik der Außenpolitik” (2000), die “Welt” und die “Presse” berichteten acht Jahre später wieder darüber. Und das englischsprachige Internet ist sowieso voll davon. Ich zitiere jetzt aber aus dem Artikel aus der “Süddeutschen”, den Helke mir vor 10 Jahren schickte (das genaue Erscheinungsdatum konnte ich nicht eruieren):

Mao: Sie wissen, dass China ein sehr armes Land ist. Wir haben nicht viel. Was wir im Überfluss haben, sind Frauen. (Gelächter).
Kissinger: Auf die haben wir keine Quoten oder Zölle.
Mao: Also wenn Sie sie haben wollen, dann können wir Ihnen ein paar geben, ein paar Zig-Tausend.  (Gelächter).  […] Laßt sie zu Euch kommen. Sie werden Katastrophen anrichten. So könnt Ihr uns Lasten abnehmen. (Gelächter).
Mao: Wollt Ihr unsere chinesischen Frauen? Wir können Euch zehn Millionen geben.
Kissinger: Der Vorsitzende verbessert sein Angebot.
Mao: Wir können sie Euer Land mit Katastrophen überschwemmen lassen und so Euren Interessen schaden. Bei uns gibt es zu viele Frauen. Sie gebären Kinder, und wir haben doch zu viele Kinder.
Kissinger: Das ist ein neuartiger Vorschlag, und wir müssen ihn prüfen.
Mao: Ihr könntet ein Komitee einrichten, um diese Frage zu untersuchen. So löst Ihr Besuch in China die Bevölkerungsfrage.
Kissinger: Wir sind natürlich bereit, sie anzunehmen.

Mao und Kissinger einigen sich nach dem Gespräch, das Protokoll des Treffens zu veröffentlichen, aber “Das mit den Frauen wird gestrichen”.

Heute, 37 Jahre später, herrscht wegen gezielter Abtreibung weiblicher Föten in China ein verheerender Frauenmangel bzw. Männerüberschuss. Der Frauenhandel blüht, massenweise werden Frauen aus angrenzenden Ländern entführt.

Seit der bis dahin geheimgehaltene Text 1999 veröffentlicht wurde, haben viele Menschen ihn kommentiert. Kein einziges Wort habe ich aber über den auffälligsten Aspekt gelesen: Dass Maos Verachtung der eigenen weiblichen Bevölkerung auf einem fundamentalen Denkfehler beruht. Auch chinesische Frauen würden keine Kinder bekommen, wenn sie nicht zuvor geschwängert würden, von Männern, oft gewaltsam. Ein Mann kann endlos viele Kinder zeugen, eine Frau nur vergleichsweise wenige gebären.

Mao hätte den USA also nahezu die gesamte männliche Bevölkerung andienen müssen, sich selber eingeschlossen. Erst so wäre sichergestellt, dass in China weniger Kinder geboren werden.

Kissinger und Mao mögen entgegengesetzten politischen Systemen angehört haben, hinsichtlich ihrer Frauenverachtung aber unterschieden sie sich nur wenig. Eben waschechte Mitglieder des old boys’ network.

Manche schreiben, Kissinger habe Maos krudem Vorschlag nicht widersprochen, weil er Diplomat war. Ein Diplomat verhält sich diplomatisch und platzt nicht gleich mit der eigenen Meinung heraus.

Rund 40 Jahre vor diesem denkwürdigen Dialog bot ein anderer Diktator den USA Mitglieder einer anderen Bevölkerungsgruppe, darunter auch Heinrich Alfred Kissinger aus Fürth, zur massenweisen Übernahme an, weil er sie zu den Schädlingen zählte. Ob der mit 15 Jahren vor den Nazis geflohene Kissinger nicht doch widersprochen hätte, wenn Mao ihm 10 Millionen Juden angeboten hätte, weil die in seinem Land nur Schaden anrichteten?

Aber soweit wäre es wohl gar nicht erst gekommen, denn Mao hätte selbstverständlich auf die Gefühle seines hohen Gastes Rücksicht genommen. Mann ist ja kein Unmensch.


# | Luise F. Pusch am 31.01.2010 um 11:36 PM • Permalink

16.01.2010

Singles und ihre Artikel

Nicht, was Sie jetzt wieder denken. Hier geht es ganz nüchtern um grammatische Artikel wie der, die, das.

Der, die, das - in dieser Reihenfolge werden bei uns die Artikel aufgezählt. Warum eigentlich? Warum sagen wir nicht die, das, der nach dem Titanic-Prinzip (“Frauen und Kinder zuerst”)? Oder alphabetisch das, der, die?
Wir sagen auch: er, sie, es
Oder: männlich, weiblich, sächlich
Oder: Maskulinum, Femininum, Neutrum

Die Reihenfolge bildet eine Rangfolge ab: Der Mann rangiert höher als die Frau, die Frau höher als ein Tier oder Ding. Unsere Grammatik stuft die Frau vom Rang her als Mittelding zwischen Mensch und Tier/Ding ein.

Immerhin! Wir wollen nicht undankbar sein oder maßlos. Aber das Tier auf derselben Stufe wie das Ding - da müsste doch der Tierschutz einschreiten!

An diese Ordnung der Dinge wurde ich wieder erinnert, als ich neulich eine Sendung mit dem Titel “Die Single” aus der interessanten Reihe über “Die Dinge des Lebens” sah.

Ich schaute übrigens nur aus feministisch-linguistischem Interesse zu, denn ich hatte mich, etwas naiv, gefragt, wieso “die Single” zu den “Dingen” des Lebens zählt. Bei “Single” dachte ich mehr an “alleinstehende Person”, an Sätze wie: “Sie ist eine überzeugte Single; ihr Bruder auch.”

Aber so läuft das ja nicht in der deutschen Männersprache. Im Duden erfahre ich, dass Single zu jenen seltenen Substantiven gehört, die im Deutschen mit allen drei Artikeln (bzw. Genera) verknüpfbar sind:

das Single “Einzelspiel (im Tennis o. ä.)”
die Single “kleine Schallplatte”
der Single ”alleinstehender Mensch”

Die Sendung handelte denn auch von der “kleinen Schallplatte”, einem inzwischen zum Kultobjekt aufgestiegenen “Ding des Lebens” aus den 50er und 60er Jahren, für das ich mich nie besonders interessiert habe.

Nun werdet Ihr sagen, was regt sie sich wieder auf, schließlich heißt es doch
der Mensch - ergo der Single,
die Schallplatte - ergo die Single
das Spiel - ergo das Single.

Es stimmt, die Artikel für aus dem Englischen übernommene Wörter richten sich oft nach dem Artikel sinnverwandter deutscher Wörter, anders wäre die Übernahme von the girl als das Girl statt die Girl kaum zu verstehen.

Aber mit demselben Recht hätte es heißen können:
die Person, ergo die Single: Udo ist eine alleinstehende Person, ergo eine Single.

Schluss jetzt mit dem langweiligen Grammatikunterricht. Was ich eigentlich sagen und hier nur mal wieder mit einem neuen Beispiel illustrieren wollte:
Lassen Sie sich nicht stören, wenn “die Single” schon für was anderes gebraucht und “besetzt” ist.

Es heißt:

Meine Freundin ist eine hochbezahlte Manager und überzeugte Single. Ihre Tochter, eine Teenager, ist eine begeisterte Fan von Dusty Springfield, Aretha Franklin und Melissa Etheridge, von denen sie jede Menge CDs besitzt und auch etliche Original-Singles.


# | Luise F. Pusch am 16.01.2010 um 10:25 PM • Permalink

10.01.2010

Zum Tod von Mary Daly

Das Jahr fing gar nicht gut an. Erst starb Freya von Moltke am 1. Januar, zwei Tage später dann Mary Daly. Die beiden wohnten nicht weit voneinander entfernt, die eine in Vermont, die andere in Massachusetts, Neuengland. Beide waren Widerstandskämpferinnen und hatten komplexe Beziehungen zu Deutschland. Moltke und ihr Mann gehörten zur Verschwörung des 20. Juli; Helmuth Graf von Moltke wurde von den Nazis hingerichtet. Daly widerstand dem Patriarchat in all seinen Erscheinungsformen, ganz besonders seiner Extremform, der katholischen Kirche. Sie hatte in der Schweiz studiert und gelehrt, und ihre treusten Anhängerinnen hatte sie vermutlich in Deutschland, nicht zuletzt dank der Vermittlung ihrer Übersetzerin, der feministischen Philosophin Erika Wisselinck.

Während Freya von Moltkes Tod hier breite Resonanz auslöste und sogar in der Tagesschau gemeldet wurde, hörten wir über Mary Dalys Tod zunächst kein offizielles Wort, es kursierten nur entsetzte Emails unter Feministinnen: “Hast du schon gehört?”, “Kannst du das bestätigen?” Da ich nirgends eine Bestätigung las - etwa eine Meldung im Boston Globe oder in der New York Times, schließlich war Mary Daly eine Denkerin von internationaler Statur - lebte ich noch 2 Tage in der Hoffnung, jemand, ein mieser Patriarch vielleicht, hätte sich einen üblen Scherz erlaubt. Aber dann kamen schließlich doch die Nachrufe, und ihr Tod wurde traurige Gewissheit.

Warum bekommt der Tod der einen Widerstandskämpferin so unmittelbare und große Aufmerksamkeit, der Tod der anderen aber nur so zögerliche und widerwillige?

Da gibt es eine ganz einfache Antwort: Das Regime, dem Daly zeitlebens heroischen Widerstand leistete, ist noch an der Macht. Es mochte und mag diese unbequeme, kämpferische Denkerin nicht und würde sie am liebsten ignorieren, auch die Tote noch totschweigen. Wären die Nazis noch an der Macht, gäbe es auch kein Aufhebens von Freya von Moltkes Tod. Daraus folgt im Umkehrschluss, dass eine Feministin, die von der herrschenden Kultur gefeiert wird, sich fragen muss, ob ihr Widerstand noch Biss hat. Und zweitens folgt daraus, dass die überlebenden Widerständigen im eigenen Interesse die Erinnerung an ihre lieben Verstorbenen wachhalten sollten, bis das Regime überwunden ist. Danach läuft die Sache mit dem gebührenden Gedenken an die einstmals so Unbeliebten ganz natürlich und reibungslos.

Mary Daly wird aber nicht nur in ihren Werken weiterleben, sondern wer weiß wo sonst noch. Vor knapp 5 Jahren erzählte sie fröhlich in einem Interview, sie hätte in letzter Zeit öfter Besuch von Matilda. Damit meinte sie Matilda Joslyn Gage, radikale Feministin und Autorin von Women, Church and State (1893). Wenn Mary Daly uns Matilda nicht 1978 in Gyn/Ecology wieder nahegebracht hätte, wäre sie heute ganz vergessen, denn mit ihr, die übrigens das Wort patriarchy geprägt hat, verfuhr das Patriarchat genau so wie mit Mary Daly. Ich stelle mir vor, dass Mary Matildas freundliche Besuche jetzt erwidert, was sie ja bisher nicht konnte, und dass die zwei gemeinsam Pläne schmieden, wie frau diese Welt endlich auf Vorderfrau bringen könnte. Denn, so Daly: “The world needs to become enGAGEd.”

Genau. Und dazu brauchen wir auch Our Daly Bread.

••••••••••
Zum 80. Geburtstag von Mary Daly am 16. Oktober 2008 habe ich eine FemBiographie geschrieben, in der ich ihr Leben und Werk würdige. Über ihre Wortspiele habe ich 1987 einen Aufsatz aus feministisch-linguistischer Sicht geschrieben (Quelle s. dort). 


# | Luise F. Pusch am 10.01.2010 um 06:07 PM • Permalink

02.01.2010

Alte Männer, neues Jahr: Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker

Jedes Jahr am Neujahrsmorgen spielen die Wiener Philharmoniker im Goldenen Saal des Musikvereins ihr Neujahrskonzert, überwiegend mit Wälzern und Polken der Strauß-Dynastie. Die Eintrittskarten sind sündhaft teuer und obendrein auf Jahre ausverkauft, aber auf dem Bildschirm gibt’s das Ganze kostenlos, und so schauen jedes Mal viele Millionen Menschen “aus aller Herren Ländern” zu, diesmal sollen es 72 Herrenländer gewesen sein.

Das Konzert wird auch überwiegend von Herren bestritten, aber heuer konnte Kulturmoderatorin Barbara Rett vom ORF melden: “Man sieht viele junge Gesichter, ein richtiger Generationswechsel hat da im Orchester stattgefunden. Auch einige Damen sind hinzugekommen, sehr erfreulich.”

Ich habe insgesamt zwei Damen ausgemacht, junge natürlich, vielleicht waren es auch drei.

Ab einem gewissen Alter feiern die Leute ihren Geburtstag nicht mehr so ausgiebig, sie lassen ihn lieber sang- und klanglos verstreichen - schon wieder ein Jahr älter. Nicht so bei Neujahr - das begrüßen wir alle, Alt und Jung, gerne mit Getöse. So auch die Wiener Philharmoniker. Ich ließ mich von der schwungvollen Musik und den schönen Blumen verzaubern, wie Millionen andere auch. In der Pause bekamen wir einen 15-minütigen Film namens “Inside” gezeigt, sozusagen ein “Making of” des Neujahrskonzerts. Da waren dann mehr Frauen zu sehen - wie sie den Musikvereinssaal reinigten, wie sie Tausende von Blumen anschleppten und hübsch arrangierten, und wie sie in den Schneiderinnenateliers nach den Vorgaben des “Modezars” Valentino die Kostüme für die Balletteinlagen fertigten. 250 Frauen-Arbeitsstunden hatte allein das Kostüm der Ballerina in “Valentino-Rot” gefordert! (Valentino, O-Ton: “Valentino is well known for red, of course I put the first ballerina in red.) Für sich selbst bevorzugt der Modezar dagegen klassisch-dezentes Grau, Beige und Weiß. FrauenbildEr und sein Lebensgefährte Giametti traten damit im Partnerlook auf, passend zu den im Privatjet mitgeführten fünf Möpsen und zu Giamettis weißem und Valentinos aschblondem Haar.

Wir bekamen also optisch und musikalisch was geboten, es war ein Fest für Auge und Ohr.

Zum Nachdenken bekamen wir auch was geboten. Warum, fragte ich mich, wird der rüstige Dirigent Prêtre dauernd für seine 85 Jahre gelobt, der ebenso rüstige Modeschöpfer Valentino aber überhaupt nicht? Immerhin wird er auch bald 85, sind nur noch 7 Jahre hin. Auch er macht weiterhin Furore in seinem Beruf, hat sich schön liften und bräunen lassen und schreitet jugendlich federnd dahin. Das wäre doch auch mal ein kleines Lob wert gewesen. Oder wenigstens eine Erwähnung. Aber nichts, rein gar nichts erfuhren wir über Valentinos vorgerücktes Alter.

Altern, so scheint es, ist in Valentinos Branche die Peinlichkeit schlechthin, am besten verliert man darüber kein Wort. Der Chef ist seiner eigenen Botschaft zum Opfer gefallen und macht mit in seinem eigenen Zirkus. Faltige Haut hat er an seine Möpse delegiert.
Frauenbild

Chronologie: Frauen bei den Wiener Philharmonikern 1997-2006 (dank an Anne Beck für den Hinweis)


# | Luise F. Pusch am 02.01.2010 um 09:06 PM • Permalink

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Hedwig Dohm