Alle Menschen sind Lesben?

Am 26. Januar gab es auf arte den französischen Film Neuschnee. Zum Inhalt schrieb save.tv:

Lea und ihre Komplizin wollen in der Weihnachtsnacht ein Kaufhaus ausrauben. Doch Lea gerät in die Fänge eines Nachtwächters. Eigentlich wollte er die Polizei rufen, aber dann verfällt er dem kühlen Charme der Lesbin Lea. …

Das Wort “Lesbin” habe ich zuvor noch nie gehört. Es gehört zu der winzigen Gruppe der abgeleiteten Feminina, denen das männliche Gegenstück fehlt. Zur “Chefin” gibt es den “Chef”, aber wo ist etwa “der Ratte” zu Günter Grassens “Rättin”? Oder “der Wöchner” zur “Wöchnerin”? Nun bringt save.tv das dritte gute Stück in diese Sammlung, die “Lesbin”, welcher “der Lesbe” fehlt.
Oder vielleicht doch nicht so ganz?

Zwei schöne Geschichten aus uralten Zeiten fallen mir dazu ein, Anfang bis Mitte der siebziger Jahren, als es das Wort “Lesbe” noch gar nicht gab, nur “lesbisch” und “Lesbierin”. (Inzwischen steht “Lesbe” sogar im Duden, und das, nachdem noch im Jahr 1988 der Bundestag das Wort für seine offiziellen Verlautbarungen verbieten wollte).

Hier die erste Geschichte, um 1970. Ich liege bei meinem netten Psychoanalytiker auf der Couch und klage darüber, daß meine Mutter es nicht verknusen kann, daß ich mich nur in Frauen verliebe. Da sagt dieser bildschöne Mann ganz ehrlich, fast naiv, einen der wenigen Sätze, die ich in vier Jahren von ihm gehört habe: “ Ja aber – findet denn ihre Mutter Frauen nicht liebenswert?”

(Tatsächlich fand sie Frauen wohl SEHR liebenswert, besonders in ihrer Jugend, aber das durfte sie sich, bibeltreu wie sie war, nicht eingestehen, von ausleben ganz zu schweigen).

Nachträglich kann frau wohl sagen, daß mein Psychoanalytiker ein Lesbe war – einer, der Frauen liebenswert findet.

Ähnlich argumentierte auch der Bruder einer Pastorin, die sich in mich verliebt hatte und mühsam, im Alter von 37 Jahren, ihr Coming-Out im Kreise ihrer Familie machte, allesamt HonoratiorInnen einer kleinen Stadt in Süddeutschland.

Der Bruder beruhigte sie, ganz jovial, sie solle sich darüber nicht so viele Gedanken machen. Er selber sei auch total lesbisch, er fände die Frauen unwiderstehlich.

Unwiderstehlich finde ich die Argumentation dieser beiden Männer – und sehr anmutig.

Kommen wir zurück zu der “Lesbin” aus dem Film Neuschnee. Ich suchte bei Google, ob das Wort sonstwo schon mal vorgekommen ist. Versuchen Sie das lieber nicht: Es eröffnen sich Abgründe von Pornographie – viel mehr, als wenn Sie “Lesbe” eingeben.

“Lesbe” ist also im allgemeinen Sprachgebrauch (wie gesagt: sogar im Duden) als politischer Begriff durchgesetzt, während “Lesbin” wohl eher von solchen Menschen benutzt wird, die sich politisch nicht auskennen.

Aus Konfusion - sei sie bewußt oder unbewußt - kann auch Gutes entstehen. Die Anregung, alle Menschen, die Frauen lieben, als “Lesben” (männlich) bzw. “Lesbinnen” (weiblich) zu bezeichnen, finde ich wegweisend. Dafür nähme ich sogar die “Lesbin” in Kauf.

PS.: Meine Liebste, ebenfalls Lesbin (göttinseidank) ist US-Amerikanerin (derzeit eine eher stressige Identität). Neulich fragte sie mich: Was heißt dieses “lg” am Ende von Emails? Ich erklärte ihr, das käme vom Simsen und stehe für “liebe Grüße”. Schade, sagte sie, ich dachte, es hieße “lesbische Grüße”.
Seitdem unterschreibt sie ihre Mails mit “llg”.

Luise F. Pusch am 02/11 um 02:40 AM | Druckversion

Liebe Luise,

schön, mal wieder von dir zu hören bzw. zu lesen.

Liebe Grüße auch an deine Freundin
Uschi

Uschi Fleischhauer  on  03/15  at  01:29 AM

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