Commencement

(Diese Glosse paßt zum Monat Juni, aber ich schrieb sie drei Monate vor dem 11. September 2001. Die ausgelassene, zukunftsfrohe Stimmung der Commencement-Feier, die auch mich Party-Muffelin ansteckte, ist vielleicht unwiederholbar. Inzwischen haben die Untaten der Bushregierung das Amerikabild radikal verdüstert – nicht nur für den Rest der Welt, sondern vor allem für die meisten US-AmerikanerInnen selber, was der Rest der Welt gern übersieht. Tun wir also einen Blick zurück in ein anderes Zeitalter.)

Im Juni feiern US-amerikanische Universitäten “Commencement” (wörtlich: “Beginn"). Auf Deutsch wäre das eine akademische Abschlußfeier, aber hier betont man - wie wir schon von den “Pro Choice” und “Pro Life” Abtreibungskontrahenten wissen - lieber das Positive: Jeder Abschluß ein Beginn.

Mit dem Commencement werden alle Studierenden eines Jahrgangs, wobei unter “Jahrgang” anders als beim Wein das Jahr des Abschlusses verstanden wird, mit Pomp und hochbezahlten Reden eingeflogener “Celebrities” von ihrer Uni verabschiedet und ins außeruniversitäre Leben entlassen. Jede Uni hat ein großes Interesse daran, daß die Studierenden sie in guter Erinnerung behalten und lebenslang stolz auf ihre Verbindung zu gerade dieser Uni sind: Sie sollen nämlich der zahlreichen Gruppe der Ehemaligen (Alumnae / Alumni) beitreten und ihre Verbundenheit nicht nur durch T-Shirts, Baseball-Mützen und Kaffeebecher mit dem Uni-Logo, sondern vor allem durch kräftige Spenden lebenslang feiern ("celebrate" - eins der Lieblingsworte für das landesübliche tatenfrohe Eintreten für Werte aller Art).

In Deutschland bezahlt der Staat die Universität, und was die Studierenden von ihrer Uni halten, ist dieser gänzlich wurscht. Ein Verbundenheitsgefühl mit meiner Uni? Lächerlich! Mit meinem - Jahrgang? Was soll das denn sein?

Die richtig großen amerikanischen Unis, wie z.B. Stanford in Palo Alto, Kalifornien, brauchen für ihre Commencement-Zeremonie ein Sportstadion. Zum Commencement der Harvard-Universität ist jeweils ganz Boston und Cambridge mit den Autos der aus dem ganzen Land und aus Übersee angereisten Verwandten des Abschlußjahrgangs verstopft.

Meine Lebensgefährtin ist Prof an der auch nicht grade mickrigen University of Massachusetts in Boston, kurz UMass Boston, und waltet dort zur Zeit als Interim Associate Dean of Undergraduate Education. So muß sie sich auf dem Antwortgerät melden und so wird sie bei offiziellen Anlässen auch angeredet. Obwohl die AmerikanerInnen sonst alles abkürzen, sogar das flott auszusprechende “world wide web” zu “doubleyou doubleyou doubleyou” bzw. “dubya dubya dubya”, haben sie es bei diesem Wortungetüm noch nicht geschafft. Joey war als Interim Associate Dean of Undergraduate Education offiziell für die Abwicklung der Commencement-Feier mitverantwortlich, die sie bis dato, wie die meisten, die sich trauen, tunlichst gemieden hat. Diesmal mußte sie hin, und ich durfte mit, bekam sogar einen Platz in der VIP-Lounge, ganz nah am Podium, das für den Lehrkörper, Kanzler, Präsidenten und Ehrengäste vorgesehen war, während sich die Masse im Hintergrund versammelte: 2500 Studierende des Jahrgangs 2001 mit FreundInnen und Anverwandten - insgesamt etwa 8000 (in Worten: achttausend) Personen. Veranstaltungsort war das der Uni nahegelegene Bayside Expo Center, wo sonst große Industriemessen stattfinden.

Als ich meinen Platz in der VIP-Lounge einnahm, waren die Reihen hinter mir noch leer. Die Kapelle begann, vaterländisches Liedgut zu spielen, und zu diesen getragenen Klängen begaben sich Präsident, Kanzler und Ehrengäste auf das Podium. Dann kam Popmusikartiges, und die akademische Jugend spazierte, schlenderte, hüpfte im endlosen Gänsemarsch, angefeuert von ihren Fans, winkend und jubelnd auf ihre Plätze. Die Reihen direkt hinter mir füllten sich überwiegend mit Frauen - Studierende des College of Education. Hinter diesen überwiegend Männer - das College of Management. Der kleine Unterschied war allerdings nur aus der Nähe feststellbar, waren sie doch alle gut versteckt unter ihrer schwarzen akademischen Robe (gown) und dem viereckigen Brett auf dem Kopf mit Troddel dran, dem unsäglichen “mortarboard” (wörtlich: Mörtelbrett). Am Ende der Veranstaltung wurde ihnen durch Verkündigung des Präsidenten offiziell gestattet, den Troddel von links nach rechts (oder umgekehrt) zu schieben als Zeichen ihres neu erworbenen Graduiertenstatus.

In meiner Jugend hatte ich es immer nicht glauben wollen, daß die StudentInnen und ProfessorInnen der USA sich zu hochoffiziellen Anlässen tatsächlich so lächerlich anziehen. Über die stolz herumgezeigten Fotos amerikanischer Freundinnen mit ihrer unmöglichen Kopfbedeckung hatten wir uns immer köstlich amüsiert, was diese gar nicht verstehen konnten. Nun sah ich sie hier alle wie selbstverständlich frei herumlaufen und gewöhnte mich auch allmählich daran.

Zuletzt marschierte zu den Klängen des Triumphmarschs aus “Aida” feierlich der Lehrkörper, begeistert und rührend beklatscht von den StudentInnen, im wallenden akademischen Ornat auf das Podium - direkt mir gegenüber nahmen 18 Frauen und zwei Männer Platz. Ich konnte es nicht fassen, bin ich doch von Deutschland her an die berühmten 5 Prozent Professorinnen gewöhnt. Joey erklärte mir später: Das war das College of Nursing (Krankenpflege-College). Auf der anderen Seite des Podiums, dort wo Joey inmitten ihrer KollegInnen vom College of Arts and Sciences saß, war das Geschlechterverhältnis in etwa ausgeglichen.

Eine stattliche Alumna sang mit Inbrunst die Nationalhymne; sie hatte eine phantastische Stimme, auf die das Mikro gar nicht gefaßt war, jedenfalls klang die Hymne bös verzerrt. Die Sängerin trat einen Schritt zurück, noch einen, aber es half nur wenig. Ohne Mikro hätte sie mühelos auch die letzten Reihen erreicht.

Genau gegenteilig arbeitete das launische Mikro bei der Rede des indischen Agrarwissenschaftlers M.S. Swaminathan, einem der sechs Ehrendoktorierten (5 Männer, eine Frau). Er mußte anreden gegen ein brodelndes Gemurmel, das gut zwei Drittel seiner Rede verschluckte. Niemand unternahm etwas, die Podiumsbesatzung schaute nur sehr unglücklich drein und wurde immer unruhiger, schließlich ist die Rede das Kernstück jeder Commencement-Veranstaltung. Die Unis wetteifern, wer sich den teuersten Redner (seltener: Rednerin) leisten kann. Wenn wir bedenken, daß ein Clinton pro Rede 100.000 Dollar bekommt, können wir die Preis-Dimensionen erahnen). Ich verstand von Swaminathan nur so viel, daß er die Graduierten dringlichst ermahnte, sie sollten dafür sorgen, daß die USA den Entwicklungsländern noch ein wenig Luft, Energie und Rohstoffe übriglasse - wofür er heftig beklatscht wurde. Auch hörte ich ihn zum Schluß zweimal Rilke zitieren - allerdings nannte er ihn Maria Rainier Rilke. Da hat die Ghost-Writerin ihm aber eins ausgewischt! Wer wohl diese Maria war, mit der der feministisch aufgeklärte Inder seine Rede würzte, mögen die andern gedacht haben - falls sie ihn verstanden haben.

Trotz dieser kleinen Pannen blieb die Stimmung der Menge entschlossen und ansteckend enthusiastisch. Diese jungen Leute hatten hart gearbeitet, um ihr Ziel zu erreichen, und nun wurden sie für ihre Anstrengungen öffentlich geehrt, mit Pomp und Circumstance. Die Verwandten und FreundInnen hatten mitgezittert, finanzielle und zeitliche Opfer gebracht und waren gekommen, um mitzufeiern und gefeiert zu werden. Ausgelassene Stimmung, manchmal fast albern, wie beim Karneval. Ja, die ganze Sache erinnerte mich durchaus an eine Karnevalssitzung, die hin und wieder - wenn oben rituelle Handlungen vollzogen oder Predigten gehalten wurden - zu einer Art Zeltgottesdienst mutierte und dann wieder zurück zum Karneval. Die akademischen Gewänder eine Art Standard-Kostümierung. Viele hatten ihr Mortarboard auch verziert, manchmal verunziert - niemand störte sich dran, vielmehr fingen die überall plazierten Videokameras besonders gern diese Veräppelungen auf und projizierten sie auf Riesenleinwände, damit alle was davon hatten (hier funktionierte die Technik prima). Der Lehrkörper Amerikanistik beispielsweise trug unter dem Mortarboard einen Strahlenkranz aus giftgrünem Schaumgummi, sie traten quasi als Freiheitsstatuen auf. Ich wähnte, dies gehöre offiziell zu ihrem akademischen Festgewand, aber es war nur Blödsinn, wurde mir erklärt.

Kurz, die ganze Veranstaltung war feierlich, ehrwürdig, ausgelassen und albern, alles zugleich. Am ehesten tatsächlich vergleichbar einer deutschen Karnevalssitzung, deren einziger Tagungsordnungspunkt - “Frohsinn"- mit deutscher Gründlichkeit abgearbeitet wird, tataaaa!

AmerikanerInnen veralbern ihre Amtsanlässe (das sollte sich bei uns mal jemand erlauben!), wir dagegen veramtlichen unsere Albernheitsanlässe. Armes Deutschland.
Die eigentliche Ehrung der 2500 verlief als kuriose Fließbandabfertigung, die aber sehr ernst genommen wurde, und auch wieder nicht. Man hätte ihnen ja pauschal den akademischen Segen erteilen können, aber dies ist ein Volk von IndividualistInnen. Und so wurde jede und jeder der 2500 Graduierten im Wechselgesang zweier AusruferInnen, die nach etwa 400 Namen erschöpft waren und durch noch unverbrauchte akademische WürdenträgerInnen ersetzt wurden, einzeln von links und rechts wartenden Schlangen auf das Podium gerufen, erhielt das Diplom, ein Händeschütteln der Dekanin oder des Dekans des jeweiligen Colleges (UMass besteht aus fünf verschiedenen Colleges), posierte für das Foto und fiel dann in die Arme der wartenden Verwandtschaft, die vor Stolz und Begeisterung schrie. Ein Höllenspektakel mit Musik, aber phantastisch organisiert, ja choreographiert, in 2 Stunden hatten sie es alle hinter sich.

Ich fragte Joey später, wie haben sie es denn hingekriegt, daß jede auch ihre richtige Urkunde bekam? Traten die Graduierten alphabetisch an - es kam mir nicht so vor, obwohl ich es wegen der vielen sehr fremdländischen Namen nicht beurteilen konnte. Die angloamerikanische Fraktion war hier nur eine von vielen “Minderheiten”, es überwogen asiatische, hispanische und osteuropäische Namen. Sie lächelte verschmitzt: Ja, das ist eins unserer großen organisatorischen Geheimnisse - wir arbeiten monatelang daran, daß das reibungslos klappt. Ich schaute sie erwartungsvoll an. Ach was, lachte sie, die Graduierten bekommen eine leere Diplommappe, da ist gar nix drin. Das Diplom bekommen sie dann in den nächsten Tagen zugeschickt.

WAAS? Dieser ganze Rummel, Aufmarsch, Aufruf, Händedruck, Foto, Abmarsch, Familienumarmung - für eine leere Mappe?! Ich konnte es nicht fassen. Dies Volk hat wirklich einen tiefsitzenden Sinn für Show.

In Deutschland ziehen wir - nach den hypnotisierenden Massenveranstaltungen der Nazizeit - nunmehr offenbar Nüchternheit bis zur Schmerzgrenze vor. Als ich 1972 promoviert wurde, gab es an Festveranstaltung - nichts. Ich durfte mir meine Promotionsurkunde, ausgestellt für “Fräulein Luise F. Pusch”, sieben Monate nach der Tortur in einem muffigen Büro in einer Seitenstraße abholen. Was bedeutet dem deutschen Gemüt schon leeres Gepränge!

Ich weiß nicht. So eine Karnevalsveranstaltung zum Ausgleich für den Horror an der deutschen Männer-Uni hätte ich vielleicht doch ganz nett gefunden. Aber sie bringen’s natürlich nicht, damals nicht und heute auch nicht. Ist einfach nicht drin.

Luise F. Pusch am 06/03 um 02:43 PM | Druckversion

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Hedwig Dohm