Ein liebendes Pferd
Martin Walsers neuer Roman, Ein liebendes Pferd, bildet - nach Ein springender Mann und Ein fliehender Brunnen - den Abschluß seiner Partizipialtrilogie. Möglich, daß ich die Titel nicht ganz genau auf die Reihe gekriegt habe. Vielleicht baut er die Serie noch zu einer Heptalogie aus, um mit Grass’ Tierleben gleichzuziehen (Katz und Maus, Hundejahre, Aus dem Tagebuch einer Schnecke, Der Butt, Die Rättin, Unkenrufe und Im Krebsgang) - aber die Zeit wird knapp.
Es geht in dem Roman um die Liebe des 73jährigen Goethe zu der 19jährigen Ulrike von Levetzow. Sie lehnt seinen Heiratsantrag ab, und er ergießt seinen Schmerz in die Marienbader Elegie, ein Kleinod deutscher Dichtkunst.
Viele Rezensenten und besonders Rezensentinnen fühlen sich von der derzeit grassierenden Thematik “Alter Mann mit junger Frau” zunehmend belästigt und sprechen von Altersgeilheit:
(Georg Patzer in literaturkritik.de)Diese alten Männer. Weit jenseits der siebzig, müssen sie sich wohl alle in junge Mädchen verlieben. Warum muss das sein? Das weiß man nicht. Aber die alten Männer der Literatur schwelgen darin. Nach Martin Walser, dessen Thema ermüdender- und langweiligerweise in den letzten vier Romanen die “Altersgeilheit” ist, hat sich nun auch der 75-jährige Nobelpreiskandidat Philip Roth darauf besonnen. Und leider, wie bei Walsers Romanen, ist auch dieses Werk eher misslungen.
Ich finde, die alten Männer haben schon ein Recht darauf, dem Lesevolk von ihrem Altmännerleid, von Gebrechlichkeit, Impotenz und Inkontinenz zu künden - wir müssen es ja nicht lesen.
Es ist ein ernstes und erzählenswertes Thema, wenn der Körper nicht mehr will. Was mich aber schon immer genervt hat, ist die Selbstverständlichkeit, die die Kombi “Alter Mann, junge Frau” für diese alten Herren hat, die sonst so sensibel alles und jedes problematisieren.
Es fiel mir zuerst an der autobiographischen Erzählung Montauk (1975) von Max Frisch auf. Er ist über 60 und hat eine Affäre mit einer 30jährigen Frau. Über alles mögliche denkt er differenziert nach, aber nicht darüber, daß die umgekehrte Konstellation - alte Frau mit jungem Mann - skandalös und lachhaft wäre. Nein, lachhaft kommt er sich keinen Moment vor.
Es ging mir wohl auch deshalb so auf den Geist, weil ich, als Montauk rauskam und ähnlich wie derzeit Walsers liebender Mann überall diskutiert wurde, von einem 30 Jahre älteren Schriftsteller umworben wurde. Es war mir besonders peinlich, in der Öffentlichkeit von ihm so verliebt umgurrt und gegen meinen Willen als “seine Trophäe” präsentiert zu werden, die ihn wiederum zum “tollen Hecht” machte. Auf die Idee, daß mir das peinlich sein könnte, wäre auch dieser im übrigen hochsensible Mann nie gekommen. Er verschenkte seine Gunst schließlich nicht an jede und gewährte mir damit eine Auszeichnung, auf die ich stolz zu sein hatte. Zartere Zeichen meines Unmuts prallten an seiner Selbstgewißheit ab; schließlich mußte ich richtig grob werden.
Der Rezensent fragt: “Diese alten Männer. ... Warum muss das sein? Das weiß man nicht.”
Mann will es wohl nicht wissen, denn mit nur wenig Nachdenken ließe sich das “Rätsel” schon lösen.
Der Schlüssel liegt genau in der obszönen Asymmetrie:
Alter Mann & junge Frau - ok.
Alte Frau & junger Mann - skandalös.
Auf eine ältere Frau lassen sich nur “sozial benachteiligte” jüngere Männer ein, wie uns Männer mit Filmen wie Angst essen Seele auf (Faßbinder) oder Die Mutter (nach Kureishi) gerne einschärfen. Ein „richtiger“ Mann ist sich dafür nämlich zu schade. Lieben Sie Brahms ist eine absolute Ausnahme, und nicht zufällig stammt der Plot von einer Frau, Françoise Sagan.
Dieselbe Asymmetrie herrscht in der Prostitution. Der Mann kann sich eine Frau kaufen, wenn ihm der Sinn nach Sex steht; die Frau kann das nicht; sie will es wohl auch nicht. - Die Welt durfte es ja gerade wieder mit Eliot Spitzer erleben, dem Governor des Staates New York, der jetzt zurücktreten mußte, nachdem seine Beziehung zu einem Call-Girl-Ring aufgeflogen war. Zwar haben wir immer mehr Frauen auch in höchsten politischen Ämtern - aber die müssen auf andere Weise Entspannung suchen.
Die Chicago Herald Tribune hatte eine bedrückende Fotogalerie der bekanntesten Sexskandale zusammengestellt, in die „liebende Männer“ sich hineingeritten hatten (leider schon wieder aus dem Netz verschwunden). Ihre Ehefrauen sahen arg mitgenommen aus, die “Liebe” ihrer Männer ist ihnen nicht bekommen. Und den Prostituierten auch nicht, wie Melissa Farley uns wütend und glasklar auseinandersetzt.
Wäre Ulrike von Levetzow, nach der sich der alte Goethe so verzehrte, eine Kammerzofe statt einer behüteten jungen Adligen gewesen - Goethe hätte sie sich einfach “genommen” und ihr womöglich trotz Altersschwäche “ein Kind gemacht”, wie es anderen Geistesriesen seiner Zeit beliebte, z.B. Schopenhauer, Hegel, Raimund.
Auch Ulrikes Einwilligung sollte mit Geld gekauft werden: Goethes Freund und Gönner Carl August von Sachsen-Weimar stellte eine großzügige Witwenrente in Aussicht - Ulrike würde nicht unversorgt sein.
Die alten Männer, die sich in junge Frauen vergucken, tun nichts Rätselhaftes. Sie fahren vielmehr einfach fort zu tun, was sie schon immer getan haben: Sie kaufen sich eine Frau, möglichst eine frische bitte, oder sie ködern sich eine mit ihrem Status. Das Alter des Käufers ist irrelevant. Nur wenn die Frau genug eigene Ressourcen hat, wie Ulrike von Levetzow, bekommt der alte Herr ein Problem. Dann reichen nicht mehr sein Ansehen und sein Geld, um ihn attraktiv erscheinen zu lassen.
Meist treten aber solche ungünstigen Umstände nicht ein. Schließlich besitzen Männer die Macht und 99% des Weltvermögens.
Hallo - vieles in dem Artikel stimmt ja irgendwie - aber eben auch nicht total-
Es gibt ja da auch die “Jungen” Frauen, die sich in ältere Männer verlieben.
Einmal abgesehen davon, daß Männer selten älter werden als 5 oder vielleicht 17, gibt es für Frauen vielerlei Gründe unterschiedlichster Art, sich in ältere Männer zu verlieben, sich auf Beziehungen mit ihnen einzulassen. Natürlich gibt es die - von div.Forschern immer wieder angeführten - biologisch begründeten - ältere Männer haben tendenziell mehr Ressourcen zur Jungtieraufzucht zu bieten etc. - aber manchmal sind die älteren vielleicht erfahrener, nicht mehr so ausschließlich auf ihre eigen Lustbefriedigung aus, sondern haben entdeckt, vieciel Lust es machen kann, der Frau Lust zu bereiten -
Es gibt auch einfach Sicherheits- oder tatsächlich LIEBESgefühle!!
Mir fehlt ein bischen auch die Erwähnung der vielen Lesbischen Beziehungen - ich selbst stehe nicht auf Jüngere (in meinem Alter,48, wirds mit älteren langsam schwierig) aber ich sehe doch, wieviele Paare mit erheblichem Altersunterschied hier rumlaufen. Suchen die alle Tochter/Mutter-Ersatz? Kaufen die Älteren sich die Jüngeren? - da würden die meisten wohl schreien.
Abgesehen davon, daß die älteren Männer hoffentlich tatsächlich mehr Geld haben - was spricht dagegen, daß die jüngeren Frauen davon profitieren - oder daß sie vielleicht selbst, gebildet wie die meisten von ihnen sind, ihr eigenes Geld verdienen? Es müssen ja nicht 50 Jahre Unterschied sein! Leider müssen das Millionen von Mädchen in den islamischen Staaten hinnehmen, wenn sie von ihren Eltern an alte Männer verschachert werden - auch nach Deutschland!!
Und zu guter Letzt: Es soll ja schwer in Mode gekommen sein, daß “ältere” HeteraFrauen so ab 40, sich jetzt 20Jahre jüngere Liebhaber nehmen - kenn ich auch einige!! (auch das wäre nicht meines - aber chaqune à sa gout!)
Cora on 03/16 at 11:21 AM
Wunderbare Glosse, liebe Luise!!
Da hatte sich der Herr Geheimrat nebst Brustfreund Carl-August von Sachsen-Weimar als Hochzeiter aber ordentlich überschätzt.Alle Welt spricht nur von dem armen Liebesleid des Herrn Goethe als alternder Werther, aber welches Schicksal die junge Ulrike bei einer evtl. Heirat ereilt hätte, wird kaum mal erwähnt. Das ist halt so, denn das ungleiche Paar hat in der Literatur doch Tradition. Gerade hochgestellte Persönlichkeiten, sprich Männer, legten sich gerne für die letzten Jährchen eine junge Pflegerin zu in der Hoffnung auf temporäre Verjüngung. Er kompensiert seinen zurückgehenden Testo-Spiegel, indem er ihr weltliche Annehmlichkeiten verspricht, wofür sie ihm im Gegenzug ihre Jugend offerieren soll.
Die eigene Zukunft einer jungen, unschuldigen Frau für einen Greis zu opfern, das wäre doch ein Thema gewesen für den Schriftsteller Martin Walser.
Besonders eklig und abstoßend wirken auf mich die vielen `Schmuddeltypen wie z.B. Hugh Hefner u.a.` mit seinem `Bunny-Tick`.
Ja, und die Asymmetrie in der Prostitution - hier wird besonders deutlich, wie `geschäftstüchtig` sich das männliche Geschlecht gibt - käuflicher Sex in
allen Variationen und Demütigungen Frauen gegenüber, während sie zu Hause den `Biedermann` und liebevollen Vater ihren Töchter spielen, siehe Eliot Spitzer, Gov. Und andererseits verachten sie gerade diese Frauen, bei denen sie verschiedene sexuelle Abartigkeiten ausleben können.
Mit welchen Schicksalen und Gewalt viele Frauen als Prostituierte leben müssen (die meisten von ihnen sind in ihrer Kindheit Opfer sexueller Gewalt geworden) interessiert diese Männer-Käuferschicht nicht.
Männer besitzen die Macht und 99 % des Weltvermögens - ob sie sich das jemals aus den Händen nehmen lassen?
Alles Liebe für Dich, Luise - llg v. Anne
Anne on 03/16 at 07:44 PM
Danke, liebe Luise,
das ist wie eine Erlösung:Die Marienbader Elegien las ich vor bald 30 Jahren und fand schon damals die penetrante Selbstbemitleiderei und -weihräucherei des Literaturgiganten gleichzeitig abstossend und lächerlich. Doch ich hätte damals nie gewagt, dies offen zu sagen…
Hingegen habe ich diese Grossväter, die sich noch ums Verrecken mit einer jungen Frau zieren wollen, immer verspottet - auch die, welche hinter mir herkrochen und glaubten, mit dem Geld, Auto und Villa “Gefühle” zu wecken.
Doch wundern wir uns nicht über diese weitverbreitete Prostitution (und diejenige, die nicht so genannt wird), sondern schauen wir uns doch die Basis unserer Wertvorstellungen an: Wir haben einen Gott("-Vater"), der uns nur liebt, wenn wir erst einmal eine Leistung erbringen, nämlich spuren. Die daraus resultierende “Ethik” und (Un-)Moral ist nur die logische Folge. Und da die eine Hälfte der Menschheit gleich auch noch der Ursprung allen Uebels ist, wundert es mich nicht, dass die Herren glauben, wir hätten alleine für jede Gunsterweisung - und entstamme sie auch nur aus dem Trieb - gefälligst dankbarst und erfreut zu sein.
Ja, die Kirchenoberen hätten Gutenberg verbrennen sollen, statt der Hexen, denn heute können Frauen sich mit dem restlichen Ein-Prozent des Weltvermögens so organisieren, dass sie nicht mehr gar alle nur vollkommen ausgliefert sind. Wir waren schon immer die Meisterinnen der bescheidenen Mittel, und drum finden so alte Knacker auch hie und da noch Frauen, die sie mögen....
Duerr on 03/16 at 08:59 PM
Analog dazu wirbt die Partnerschaftsindustrie vor allem in Zeitungen mit fingierten Anzeigen: Die unzähligen männlichen gutsituierten Akademiker, Unternehmer, Handwerksmeister, die jungenhaften 50jährigen, die jünger wirkenden Herren um die 70 auf der einen Seite - auf der anderen die aparten, netten etc. Krankenschwestern und Altenpflegerinnen. Das Potential scheint unerschöpflich. Wieviel Prozent es diese Konstellation in der Realität noch gibt??
Ulrike H. on 03/17 at 02:51 PM
Zur Menschheitsentwicklung:
Es gibt Menschen, die können sich durch ihren Verstand und Charakter positiv weiterentwickeln; die Mehrheit jedoch nur durch die langwierige Evolution.
klaus
Roensch on 03/22 at 11:13 AM
Liebe Luise,
da hast du einen interessanten Gedanken aufgeschrieben: nur ‘sozial benachteiligte Männer’ haben es ‘nötig’ sich eine ältere Frau zu nehmen.
Glasklar.
Es sind die sozial benachteiligten Frauen, die es nötig haben, sich einen älteren Mann zu nehmen.
Woraus man unschwer ableiten kann, warum gerade ältere Männer so ein Interesse daran haben, dass es sozial benachteiligte gibt.
Liebe Grüße
Undine
Undine on 03/31 at 11:13 AM











