Frauinnen, Stierinnen und Patriarchinnen

Früher war ich Steinbock, meine Schwester Wassermann und mein Bruder Jungfrau.

Heute bin ich Steinziege, meine Schwester Wasserfrau und mein Bruder noch immer Jungfrau. Die Männer sind in ihrer maskulistischen Sprachkritik etwas zurückgeblieben.

Eine meiner Freundinnen ist Stier. Kuh - nein, das will sie nicht sein. Lieber Stierin. Jedesmal, wenn sie stolz verkündet, sie sei Stierin, brüllen wir vor Lachen, wie die Stierinnen.

Zum internationalen Tag der Frau war ich zu einer Tagung über Frauen, Sprache und Politik nach Magdeburg eingeladen. Das Ankündigungsplakat zierte ein Cartoon von Hogli (Amelie Glienke), auf dem ein Herr seine Zuhörerinnen anredet mit “Liebe Frauinnen”. Anscheinend braucht er noch etwas Nachhilfe in Sachen Frauensprache.

Aber wie ist es mit Matriarchin - ist das ein sinnvolles Wort oder nicht? So wird meist die Leitkuh einer Elefantinnenherde genannt. Auf Englisch wäre das matriarch, ganz ok. Aber Matriarchin - ist das nicht in etwa so blöd wie Frauin?

Zum Tag der Frau brachte arte das Porträt “Suna - Die türkische Patriarchin” von Kadriye Acar (Wiederholungen am 16. und am 23. März). Der Film über die Politikerin, Clanchefin und Feudalherrin aus Südostanatolien ist sehr sehenswert und aufschlußreich. Suna Kepolu aus der Region Diyarbakar, letzte Überlebende der Herrscherfamilie, übernahm mit 23 Jahren sämtliche Funktionen eines “Aga” (Feudalherren). Würde sie allerdings heiraten, fiele das gesamte von ihr beherrschte Gebiet an den Ehemann.

Der wesentliche Unterschied zwischen einem Patriarchen und einer “Patriarchin” ist also dieser: Ein Patriarch kann keinen Mann heiraten und muß daher auch nicht automatisch sämtliche Rechte an einen Ehemann abtreten.

Dies ist ein Schulbeispiel dafür, inwiefern der Ehemann die Frau “zur Frau macht” (vgl. Beauvoir “wir werden dazu gemacht”): Nur solange sie unverheiratet ist, ist sie “herrenlos” = frei und wird von ihren UntertanInnen als “Patriarch”, quasi als Mann, angesehen und anerkannt.

Mich interessiert hier aber vor allem das Wort Patriarchin. Eigentlich ein Widerspruch in sich, ähnlich wie Stierin und Steinböckin. Oder auch Männin, Herrin und ihre Ableitungen:

Amtmännin
Staatsmännin
Landsmännin
Bauherrin
Hausherrin
Ratsherrin
Schirmherrin
Feudalherrin

Für die meisten dieser lachhaften Ausstülpungen unserer Männersprache Deutsch haben wir inzwischen neue Wörter gefunden und durchgesetzt:

Da ist die Amtfrau, die Staatsfrau, die Landsfrau, die Ratsfrau und die Matrone (früher: Schirmherrin, vgl. meine Glosse über das Matronat von Angela Merkel). Dem Obmann wurde direkt die Obfrau beigesellt, ohne Umweg über eine “Obmännin”. Bei “Baufrau” fremdeln die meisten noch, auch sind Hausfrau und Hausdame keine Pendants für Hausherrin. Das braucht also noch ein wenig Tüftelei am Wortschätzchen.

Und was tun wir nun mit der “Patriarchin”?

Ich schlage vor, daß wir Patriarchin hier als Fehlübersetzung einordnen. Clanchefin, sogar Feudalherrin sind sinnvollere Entsprechungen für das türkische “aga”. 

Suna Kepolu ist schließlich keine Eva Herman, die sich Ehrentitel wie Patriarchin oder auch Mackerin redlich verdient hat. Rein bildlich gesprochen natürlich, wie bei meinem Bruder, der immer noch Jungfrau ist.

Luise F. Pusch am 03/09 um 07:49 PM | Druckversion

Liebe Luise,
ich sehe und lese schon, dass unser gemeinsamer Samstag im “Kreise der Lieben” sehr fruchtbar war.
Ich werde noch eine ganze Weile davon “zehren” und mich weiterhin auf jeden Montag freuen!
Ich bleibe weiter “Dran” und kreativ meine Shero;o)

Jacqueline  on  03/10  at  04:47 PM

Hm, ist ‘Frouwe’ nicht, wie ich mich zu entsinnen glaube, die weibliche Form von “Fro” (Herr? -> Herrin? Noch erhalten in Frondienst und Fronleichnam?)

Irre ich?

Würde das in obigen Erwägungen eine Rolle spielen oder würde argumentiert, dass diese Wurzel nicht mehr erkennbar ist und deswegen nicht sprach-herr-schaftlich relevant?

Jungfer, Wip und Magd taugen da ja auch nicht. Und ‘Herr’ iSv ‘Gebietender’ per se hätte ja eine soziale Komponente gegenüber dem Knecht/der Magd, Bauern/Landfrau etc..

Können wir “Men"schen überhaupt außerhalb sozialer Geflechte und Funktionen ‘benennen’? Biologisch? Philosophisch?

Was folgt daraus für die Sprache? Dass wir noch 100, 200, 500 Jahre zu warten hätten, bis sich das fro-frouwe-Frau Problem anders regelt? Bis die Bedeutungen sich etymologisch so verkapseln, dass Sprache Herrschaft nicht mehr ausdrückt oder zementiert?

Bewusster Spracheinsatz hat sicher politische und praktische Relevanz. Feedbackschleifen kann so etwas sicher auch in Gang bringen.

Kann er (der bewusste Spracheinsatz) Zielvorstellungen von gesellschaftlichen Wandel und Rollenverständnissen ‘schneller’ realisieren oder ‘breiter’ streuen? Oder wir4d sich das ‘andeer reden’ erst in einer ‘anderen Realität’ durchsetzen?

Wie viele ‘Stellschrauben’ hätte diese Realität: soziale, politische, ökonomische, biologische, linguistische, religiöse, ... (Gut, das ist in der Tat kein Grund, anzufangen....)

Anders: “Irgendwie” hat es nicht geholfen, dem Sohn mit 1j6m ne Puppe zu kaufen. Er hat sie, als er vier war und sie schon jahrelang ‘im Eck lag’, der kleinen Schwester geschenkt.

Oliver Gassner  on  04/12  at  09:54 AM

Diese Seite ist saaagenhaft !
Schön, dass man statt gezieltem Kabarett auch praktizierten Feminismus wählen kann.
Hätte noch ein Frage.
Bin ich als Mann eine Person oder ein Person ?

greetings

leonage  on  04/30  at  12:48 AM

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