Lili Marleen oder Dürfen Frauen Männerlieder singen?

Im Tamino-Klassikforum unterhalten sich 13 Männer und eine Frau über das Thema, ob Frauen z.B. Schuberts “Winterreise”, Schumanns “Dichterliebe” oder Mahlers “Lieder eines fahrenden Gesellen” singen dürfen.

Nachdem Männer in der Oper von Monteverdi bis Gluck zahllose Frauenrollen gesungen haben (Sängerinnen und Schauspielerinnen auf öffentlichen Bühnen waren damals verpönt), ohne sich die Frage zu stellen, ob sie das “dürfen”, wirkt diese Frage auf eine Frau schon etwas seltsam - sie wird von den 13 Männern aber sehr ernsthaft erörtert.

Über hundert Jahre lang haben Sängerinnen sich m.W. an das ungeschriebene Gesetz gehalten, daß diese “Männerzyklen” “männliches Eigentum” sind. Die erste, die gegen die Regel verstieß, war Lotte Lehmann, die sich auch sonst allerlei herausnahm und die letzten 37 Jahre ihres Lebens mit einer Frau verbrachte. Auch Christa Ludwig, Brigitte Fassbaender, Janet Baker und Jessye Norman haben die “Männerlieder” einfach gesungen. Sängerinnen der allerersten Garnitur also, die sich nicht mit den “Frauenzyklen” à la “Frauenliebe und -leben” bescheiden mochten.

Was lesen wir nun aber über diese kühnen Taten im Tamino-Klassikforum?

Auch wenn ich die Winterreise einst mit Christa Ludwig im Musikverein hörte, sicher einer der besten Interpretinnen dieses Zyklus - Ich bin der Meinung das sollte nur ein Mann singen.

meinen persönlichen Geschmack trifft es nicht, wenn Schubertlieder ... von den Damen gesungen werden. .... Verbieten kann und darf man es natürlich nicht

Als ich “Trockene Blumen” von Schubert mit einer Frauenstimme gehört habe, fand ich das intuitiv sofort “unpassend”. Das gilt auch für andere Lieder aus “Die schöne Müllerin”.

Da man den Sinn der Texte doch halbwegs beachten sollte, und eine Identifikation der Interpreten mit dem Text selbstverständlich sein sollte, ist das Besingen lesbischer Liebe noch nicht so alltäglich für mich…

Die Dichterliebe von Schumann ist für mein Empfinden ein Zyklus für die hohe oder mittlere Männerstimme,Tenor oder Bariton also. Einzelne Lieder wie “Ich hab im Traum geweinet” sind schon frauentauglich...Doch der komplette Zyklus ist für einen Mann.

Es gibt sicher einige hier sogenannte “Männerlieder” die auch von Frauen sehr schön klingen aber ich muss ganz ehrlich sagen dass es mir gefühlsmässig nichts gibt! Die Winterreise von einer Frau ergreift mich einfach nicht und macht auch keinen Sinn.

vielleicht könnte frau ja singen: das männchen sprach von Liebe…

Und gerade dieses Lied (Erlkönig) finde ich ein Lied, daß nur Männer singen sollen. Ich habs sowohl Männer als Frauen singen hören. Und bei den Frauen vermisse ich etwas. Laßt mich das mal “Tiefe” nennen.

Es sei nicht verschwiegen, daß 5 Männer und auch die einzige Frau der Diskussionsrunde nichts dagegen haben, wenn Frauen „Männerlieder“ singen. „Grimgerdes Schwester“ erinnert an das menschliche Abstraktionsvermögen:

Wenn man sich durchliest, was die meisten Sängerinnen darüber sagen, wird man feststellen, dass sie abstrahieren. Es geht weniger darum, wen man da besingt, sondern darum, was man empfindet.  Aber selbst wenn da nicht abstrahiert würde - ist das ein Problem?

Da wird ihr nun aber ganz energisch widersprochen:

Abstrahieren kann der Künstler. Vielleicht. Aber kann das Publikum es auch? Denn es geht ja um die Interaktion zwischen Sänger(in) und Publikum. Es ist schon öfter in diesem Forum gesagt worden. Hier gibt es nicht den Durchschnittshörer. Was man Taminomitgliedern zumuten kann, darf man nicht Otto Normalverbraucher zumuten.

Otto Normalverbraucher? Das Publikum?
Sie haben diese Scheinfrage schon vor fast 70 Jahren, im Zweiten Weltkrieg, klar entschieden:
Das Lied „Lili Marleen“ von Hans Leip, gesungen von Lale Andersen, war das Lieblingslied der Frontsoldaten. Sie waren so süchtig danach, daß sie massenhaft protestierten, als der Soldatensender Belgrad es nicht mehr regelmäßig zum Abend sendete. Daß es ein „Männerlied“ ist (im Text sehnt sich ein Mann nach seiner Lili Marleen), scherte sie kein bißchen. Die meisten Soldaten werden sich nach einer oder ihrer Frau/Freundin gesehnt haben. Diese Sehnsucht linderte Lale Andersens Stimme.

Können Millionen irren? Noch dazu ausgerechnet Soldaten, in so einer „delikaten“ Frage?

Luise F. Pusch am 07/29 um 12:52 AM | Druckversion

Regen sie sich auch auf wenn Frauen (schöne Altstimmen, wie Kathleen Ferrier z.B.) die Kindertotenlieder von Mahler singen?
Rückert hat eindeutig den männlichen (seinen eigenen) Blick gewählt, der Vater spricht - Mahler hat es 1905 für Alt oder Bariton und Orchester veröffentlicht. Also für den Komponist hat es nichts ausgemacht, und, ich wette, für Schubert damals auch nicht - hauptsache oft gesungen!

Alison  on  07/29  at  12:46 PM

Männer haben die “Homoerotik” für sich immer schon sehr facettenreich über Sprache/Bilder in Anspruch genommen (vgl.Vater-/Sohnliebe)unerträglich ist es dagegen, wenn Frauen den männl. Teil übernehmen, und einen hingebungsvollen Ausdruck für Frauen finden. Eine Mutter-/Tochterliebe bzw. Frauenliebe darf es nicht geben, dies würde der geistigen Zwangsheterogenisierung wiedersprechen,von der manN schließlich lebt.

Ricky  on  07/31  at  11:58 AM

Hallo Ricky,

das würde doch bedeuten, die Zwangsheterogenisierung gilt nur für Frauen - sie sollen sich auf den Mann an sich ausrichten. Umgekehrt gilt für Männer dann aber eine Zwangshomogenisierung (wenn das Wort jetzt passt?), denn sie sollen sich ebenfalls auf den Mann an sich bzw. den (Über)vater im konkreten ausrichten.

Nur, wenn eine Frau von der Liebe singt, ist es wohl um einiges glaubwürdiger für viele - von Frauen haben die meisten in ihrem Leben schon Liebe erfahren, und sei es nur als Kleinkind, von Männern haben die wenigstens schon Liebe erfahren. Ein Mann der von der Liebe singt ist so authentisch wie eine Frau die vom Krieg singt - es gibt sie, aber man glaubt ihnen nicht, und so bestätigen sich wieder die Rollen, dass die Frauen eigentlich für die Liebe zuständig sind - was aber unbesungen bleibt, wie so viele Nebenwidersprüche in unserer Gesellschaft, die aber kaum wer wahrnimmt, weil wir so sozialisiert wurden.

Es grüßt
Undine

Undine  on  08/01  at  12:49 PM

Liebe Undine,

vielen dank für den messerscharfen Beitrag:-) Sie verfügen über eine beneidenswerte Fähigkeit !

with complements

Ricky

Ricky  on  08/01  at  01:16 PM

Liebe Frau Pusch, liebe Forum-LerserInnen,

die Herr- und Damschaften vom Tamino-Klassikforum sind ja zum Piepen. Ob es legitim sei, dass Frauen Maennerlieder singen? Pff, uns doch wurscht, was die Taminen denken! Wir Frauen singen, was wir wollen!
Und ob das ‘Otto Normalverbraucher’ zuzumuten ist? Das lassen wir doch den Otto am besten selbst entscheiden. Ich als Ottilie Normalverbraucherin wenigstens find’s prima, wenn die Frauen Maennerzyklen singen.

Aber wo wir’s gerade von den Soldaten haben: Die deutsche Marine bietet auf ihrer Netzseite Informationen fuer

Journalisten
Wehrdienstleistende
Frauen
Reservisten

Vielleicht solle frau denen mal eine Publikation zum egalitaeren Sprachgebrauch stiften? Oder an den Bundeswehrhochschulen feministische Linguistik zum Pflichtfach machen?

Beste Gruesse von

Corinna Heipcke

Corinna Heipcke  on  08/02  at  01:06 PM

Die Bundeswehr war ja noch nie als feministisch verschrieen, aber diese Liste ist ein echtes Meisterstück. Besonders daß die Männer wieder leer ausgehen!
Dank an alle für die guten Kommentare!
lfp

lfp  on  08/02  at  08:40 PM

Hier bin ich wieder - dies aus den Oberösterreichischen Nachrichten von heute. Anscheinend liesst der Redakteur Michael Wruss auch in Tamino-Klassikforum mit;-)

“Höhepunkt aber Schumanns “Dichterliebe”. Schumann hatte sein Werk zwei Sängerinnen gewidmet, sodass Christine Schäfer die von Anfang bestehende Tradition weiterführte. Und wie! Gemeinsam mit Hélène Grimaud kostete sie jede Note und jede auf den Text bezogene Bedeutung so intensiv aus, als wären beide tief in Heines Traumland versunken.”

Alison  on  08/03  at  02:18 PM

danke, Alison! Wird ja immer besser - Christine Schäfer & Hélène Grimaud mit der “Dichterliebe” - wow! Hoffentlich bald auf CD!
Als nächstes wünschen wir uns Cecilia Bartoli & Maria-Joao Pires mit der Winterreise und Vesselina Kasarova & Martha Argerich mit der Schönen Müllerin.

lfp  on  08/03  at  08:33 PM

@undine
“von Männern haben die wenigstens schon Liebe erfahren” klingt zwar tatsächlich messerscharf, aber doch ein wenig nach der Art von Messer, die aus dem eigenen Herzen gezogen wird, um die böse Welt damit abzuwehren.
“Zwangshomogenisierung” ist allerdings eine echte Blüte, die ich jetzt so auf die Schnelle eher in der Milchwirtschaft untergebracht hätte :-)

@all
Zu dieser merkwürdigen Grunddiskussion: ich bin eher gar nicht im klassischen Musikgeschehen zu finden, aber ganz allgemein kenne ich sowohl männliche wie weibliche Interpreten von Liebesliedern, die mir unter die Haut gehen. Echte Gefühle in der Kunst überleben alle Zwangsmaßnahmen und intellektuelle Interpretationsakrobatik.

Frank Perrey  on  08/09  at  10:03 AM

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Hedwig Dohm