Mädchen und Bübchen
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Sechsundvierzigste Lektion.
Vor ein paar Tagen schrieb mir eine Bekannte:
Liebe Luise, heute hat mir jemand eine Frage gestellt, die ich nicht beantworten konnte: „Warum und seit wann heißt es DAS MÄDCHEN, was einem Neutrum gleichkommt, einer Sache? Und ist der Begriff/diese Bezeichnung ursprünglich abgeleitet von DIE MAID oder DIE MAGD?“
Ich antwortete:
“Die Maid” geht auf “die Magd” zurück (mehr dazu im Grimmschen Wörterbuch). Ich habe das Thema in einer alten Glosse behandelt, “Die Plage mit der Blage”, abgedruckt in Die Frau ist nicht der Rede wert (1999).
Und es heißt DAS Mädchen, weil alle Diminutiva als Neutra klassifiziert werden. So wird sogar aus dem allmächtigen Vater DAS Väterchen.”
Der letzte Satz hat mich beschwingt und inspiriert - ein einfacher sprachlicher Trick, mit dem wir die Autoritäten auf den Topf bzw. gleich aufs Töpfchen setzen können. Ist doch für feministische Zwecke wie geschaffen, zumal abgeleitete Feminina die Verkleinerung nicht dulden! Wohl können wir einen Bauern verkleinern, diminuieren zu Bäuerchen und Bäuerlein, aber die Bäuerin widersetzt sich strikt: “Bäuerinchen”, “Bäuerinlein” geht nicht, gibt’s nicht.
Erinnern wir uns an das Hauptziel feministischer Sprachpolitik: Herstellung sprachlicher Symmetrie. Bezogen etwa auf ein Wort wie Fräulein argumentierten wir vor seiner Abschaffung:
Das Fräulein kann bleiben, wenn für unverheiratete Männer die Anrede “Herrlein” eingeführt wird, denn damit würde sprachliche Symmetrie hergestellt. Andernfals: Abschaffen!
Wie wir wissen, konnten die Herrlein sich für das Herrlein nicht erwärmen, folglich wurde das Fräulein (übrigens auch ein Diminutivum, eine Verkleinerungsform) abgeschafft.
Das Mädchen werden wir nicht los - deshalb sagen viele Frauen “das Bübchen”, oder “das Jungchen” oder “Jüngelchen” und sorgen so für Symmetrie.
Aber was machen wir mit dem Heer der Maskulina, aus denen die Feminina mittels Anhängung der Silbe -in abgeleitet werden? Da herrscht keinerlei Symmetrie.
Ich habe deshalb schon vor dreißig Jahren dafür plädiert, das -in abzuschaffen und einfach die Student und der Student zu sagen, wie die und der Angestellte. Alles hübsch symmetrisch.
Es gab auch andere Vorschläge, z. B. die Anhängung von -er und -in direkt an den Verbalstamm:
Arbeit-en führt nach diesem Vorschlag zu Arbeit-er und Arbeit-in,
lehr-en zu Lehr-er und Lehr-in.
Hat sich nicht durchsetzen können, wahrscheinlich, weil viele Maskulina gar nicht von Verben abgeleitet sind, z.B. Arzt, Anwalt, Apotheker, Student, Assistent.
Ja, was machen wir also? Wie stellen wir Symmetrie her? Ich hab mal vorgeschlagen, die Student und der Studenterich (wie die Ente und der Enterich) zu sagen - das freut und stärkt die Frau, hat sich aber auch nicht durchgesetzt. Ist auch strenggenommen keine Symmetrie, sondern Wurst wider Wurst (deswegen auch stärkend).
Mache ich also heute einen neuen Anlauf und schlage folgendes zur Herstellung der Symmetrie vor:
Statt der Student und die Studentin sagen wir:
das Student-chen, die Student-in
das Banker-chen, die Banker-in
das Anwältchen, die Anwältin
das Ärztlein, die Ärztin
Auch das wird sich wohl nicht durchsetzen, aber ist es nicht eine hübsche Lösung? Anwältchen und Ärztlein treten jetzt auch mit Umlaut auf, nicht nur die Anwältin und die Ärztin! Wenigstens gelegentlich sollten wir uns damit erfreuen. Und dann immer öfter …
diese schöne glosse voller symmetrie ist einfach köstlich. ich erfräue mich augenblicklich an das päpstlein, denn wie ich gelesen habe gibt es eine neue lesart zur päpstin “papissa peperit papellum - die päpstin gebar (hier) ein päpstlein”.
aber auch so manches priesterchen bzw. kirchenfritze könnte heutzutage -salopp gesagt - eine gute anwältin gebrauchen.
http://www.kath.ch/index.php?na=11,0,0,0,d,44593
liebe Luise, danke für all deine guten gaben! llg Anne
Anne on 05/23 at 06:42 PM
Danke, liebe Luise!
Noch bevor ich überhaupt wusste, dass es Feminismus und Feministinnen gibt, habe ich konsequent, jedem Mann, der mir Fräulein sagte, mit “Männlein” geantwortet. Schliesslich heissen die Paare Man und Frau, bzw. Dame und Herr. Und da er mich als Miniatur-Frau hinstellte, wurde er mir eben angepasst, das Männeken. Interessant war, dass mir sehr schnell kaum noch einer Fräulein sagte, dafür aber Emanze, was ich immer als Kompliment und Bestätigung meiner Einstellung gegenüber der anderen Sorte auffasste, nämlich: so unabhängig wie möglich!
Da in der Schweiz Lehrpersonen gehalten sind, sich politisch korrekt zu äussern, habe ich mir angewöhnt, in Vorlesungen grundsätzlich das Femininum zu gebrauchen. Anfängliche Irritationen bei den männlichen Hörern legen sich rasch, schliesslich haben wir Frauen mind. 3’000 Jahre Nachholbedarf!
Liebe Pfingstgrüsse, möge die Geistin über alle Ungeistigen kommen!
Dürr
Dürr on 05/23 at 07:18 PM
das alte `mädchen` hält sich nach wie vor hartnäckig. ich verstehe nicht, wieso inzwischen auch frauen sich mädchen nennen, wie mädchen/mannschaft, mädchenblog etc. pp . im sportlichen bereich gibt es die bezeichnungen juniorin und junior. das finde ich klingt viel besser als mädchen, und den begriff bübchen scheint es nur als baby-pflege-produkt von der firma nestle zu geben.
welcher junior würde sich als bübchen bezeichnen wollen, ist dieser begriff umgangssprachlich sogar für `unreife` besetzt.
beim googeln fallen frau die `mädchen` nur so entgegen, wie dienstmädchen, kindermädchen, leichte mädchen, mädchenhafte frauen, das mädchen Rosemarie und, und, und auf dem erotik/sex-sektor stellt mann sich mit vorliebe das/die `mädchen` als gespielinnen bzw. beute vor.
das `fräulein` scheint im bewusstsein auch nicht ganz verschwunden zu sein: ” 2oo8 befragte das institut für demoskopie Allensbach deutsche zu ihrer akzeptanz von sog. tabu-wörtern, darunter auch fräulein. 47 % der befragten gaben an , fräulein selbst zu verwenden, ca. 44 % sagten aus es nicht zu verwenden, jedoch sich auch nicht daran zu stören ..” (wiki)
nun, solange wir das mädchen, das fräulein nicht loswerden, dürfte also das bübchen, das männlein, das herrlein im tägl. sprachgebrauch auch keine probleme machen. namensträger `herrlein` gibt es zuhauf, prominentester ist ein bedeutender bankenchef, Franz Herrlein - das übt schon mal ;-(
Anne on 05/23 at 11:05 PM
Fräulein kommt von vrouwelin (mhd.) und heißt junge bzw. kleine Herrin. Im Friesischen kennen wir dafür eine Frauke. In unserer Sprache ist mit DAS nicht immer ein Neutrum gemeint. Es wird oft als Hinweis auf eine Gesamtheit benutzt. Einfach zu erkennen bei DAS OBST zu dem u.a. der Apfel und die Birne gehören, auch wenn wir sie nicht miteinander vergleichen sollen. UNIVERSUM und ALL sind DAS, in dem wir u.a. die Erde, viele Sonnen, die Milchstraße, Monde und Galaxien erkennen. Oft schimmert hinter dem DAS die weibliche Art eines Wesens durch, sehr schön zu erkennen bei Schwein, Rind, Pferd. Sie stehen für die Sau, die Kuh und die Stute. Sie sind ganz einfach wichtig, da nur sie Weibliches und Männliches zur Welt bringen. Und diesen Respekt vor der weiblichen Kraft und Befähigung sehe ich auch in dem Wort WEIB. Viele DAS Worte, die in unserer Sprache im Laufe der Zeit überwiegend nur noch negativ genutzt wurden, standen einst für Heiliges und für die Göttin, nicht für ein Neutrum.
Gudrun Nositschka on 05/24 at 04:58 PM
Das Bübchen gibt es nicht nur als Pflegeprodukt. Auch im deutschen Liedgut wird es als “Bübchen/Büblein klein an der Mutterbrust, Hop Heissa bei Regen und Wind, da war der Sekt schon meine Lust ..” verewiglicht. Das müsste doch motivieren?
War die mittelhochdt. Verkleinerungsform “vrouwelin” nicht ausschließlich für das Edelfräulein, das adlige Mädchen, bestimmt? und im althochdt. durfte sich nur das unverheiratete adlige Edelfräulein “junc frouwa”, der junge adlige Mann aber “junc here” nennen. Während neben “Edelfräulein” für das unadlige Mädchen nur die Bedeutung “Geliebte niederen Standes” und allgemein “Mädchen niederen Standes” galt. Aber auch die weibliche Form von “fro” (Herrn) “frowa” (Gebieterin, Herrin) galt ausschl. der Gemahlin des Herrschers?
Wie es mit dem “Fräulein” sozial, umgangssprachlich abwärts ging ,ist ja bekannt. Das berufstätige Fräulein 19./Anf.2o. Jahrhundert musste unverheiratet (keusch) sein (Lehrerinnenzölibat). Weibliche Berufstätigkeit war strikt auf die Zeit vor der Ehe beschränkt.
Manche meinten sogar, die Bezeichnung Fräulein sei eine Ehre, weil frau noch als Jungfrau bzw. als keusch galt.
Unadliges gibt es über das “Fräulein vom Amt” : 1881 nahm das erste “Fräulein vom Amt” in Berlin ihren Dienst auf. Ein Fräulein, das ursprünglich männlich war. Denn bei Frauen glaubte mann das Briefgeheimnis nicht gesichert und zweifelte an ihrer Durchsetzungsfähigkeit. Doch dann kam die Wende, da mann erkannte, daß die `höhere` Stimmlage des weiblichen Organs die Schallwellen leichter verständlich macht und männliche Teilnehmer friedlicher werden, wenn ihnen aus dem Telefon eine Frauenstimme entgegen frauschte.
Von Stund` an durften Frauen diesen nicht fürstinlich entlohnten Dienst versehen - eigentlich Fernsprechgehilfin, wie das Fräulein vom Amt wirklich hiess.
Bei allem Respekt bin ich froh, daß dank der heftigen Kritik der Frauenbewegung die Bezeichnung Fräulein endlich ausgedient hat. Unerträglich wie mann (unverheiratete) Frauen katalogisierte , diskriminierte bzw. häufig negativ stigmatisierte.
Amy on 05/25 at 11:59 AM
Schöne, bezeichnende hinweise macht ihr da. Ich pflichte Gudrun N. bei, dass neutra oft auf eine gesamtheit oder eine fülle und so vielleicht auf die großmächtige, nahrungspendende muttergottheit hinweisen. Ich freu mich über die genannten beispiele. Im tirolischen gibt es neutra mit -ats hinten, die eine gesamtheit meinen, u.a. “das weibats”, womit „das weibervolk“ gemeint ist, oder besser „dies große zusammengesetzte, was eine frau ist“, “weibats” ist also die „frauheit“ - heute etwas verächtlich, aber in wirklichkeit wohl die (überwältigende) gesamtheit, was eine frau ist“ oder „die gesamtheit der weiber“. Es erinnert mich, um auf „das mädchen“ zurück zu kommen, dass es im italienischen die möglichkeit gibt, substantiva zu verkleinern und zu vergrößeren, z.b. la donna – la donnina – la donnona oder (verächtlich) la donnaccia. Auf „mädchen“ mag ich noch nicht verzichten, obwohl ich zu mädchen oft sage „ihr kleinen frauen“, die aber oft protestieren „wir sind keine kleinen frauen, wir sind mädchen!“ Aber im relativpronomen sage ich immer „sie, das mädchen“, und nicht „es“. („Infantin“ wäre eine möglichkeit.) Mädchen waren als mägde im patriarchat auch wie untergebene knechte gehalten, erst aus der mütterlichen obhut entlassen waren sie ausersehen, wurden zu erben, rechtsträgern, patriarchalen männern erzogen… In den romanischen sprachen ist „mädchen“ immer weiblich, also una fanciulla, una bambina, une fille, una cicca… Ich erinnere mich an frühe liebesbriefe, die ich mit „Liebstes Mäderl!“ begann“ und so wurde mir auch geantwortet, es war eine clandestine zärtliche anrede unter uns jungen frauen. In Österreich können wir alles mit –erl verkleinern (und verzärteln). Ich ertappe mich, dass ich zu meiner enkelin sage: „magst noch ein milcherl?“ („Magst du noch ein wenig milch?“) - Im Mühlviertel hingegen fragen die neugieren leute beim blick in den kinderwagen: “Is ´s a bua oder a kii” (Ist es ein bub oder ein kind?”, also das kind ist immer ein mädchen :-( - Die “papissa” würde mich mehr freuen wenn sie “peperit puellAm”, also gleich ein papissamenscherl hervorbrächte.
Brigitte on 05/26 at 11:04 AM
missverständlicher satz - ich wollte sagen: mädchen waren im patriarchat als mägde (ebenso wie knaben als untergebene knechte) leibeigen gehalten,also sklaven…
brigitte on 05/26 at 01:43 PM
aufgrund des mägde-schwunds geht rtl für den bauers-mann in “bauer sucht frau” auf brautschau -hier wird das wort magd/mädchen galant umgangen, müsste es doch eigentlich heissen “bauer/mann sucht magd”? ist die arme frau nicht gleichzeitig ihre eigene knechtschaft ?
lt. wiki ist die magd ein weibl. mitglied des haus-, hof- oder auf dem lande des feld-gesindes .. und in deutschland wird mit der sache auch der begriff ungebräuchlich - das `ungebräuchlich` könnte auch f. das mädchen, teil des gesindes (inzwischen negativ belegt) gelten?
Anne on 05/26 at 04:01 PM
@anne: Apropos “Fräulein vom Amt”: In der Schweiz hat man früher der Serviertochter (weibliche Bedienung - auch so eine entlarvende Bezeichnung!) “Fräulein” gerufen. Und da dies nicht mehr korrekt war, rufen heute die meisten “Hallo”. Ich rufe immer “Frau!” - mit dem entsprechend freundlichen Unterton. Vielfach ernte ich ein dankbares Lächeln, hie und da auch einen Kommentar dahingehend, dass dies einmal eine “anständige” Anrede sei, denn schliesslich “bin ich doch nicht der Hallo”! Das ziehe ich auch in Deutschland durch mit den gleichen positiven Reaktionen.
Die Verniedlichung von Frauen und die damit gemeinte Herabsetzung, bzw. die fehlende Wertschätzung des weiblichen Geschlechts, stimmt vielerorts so gar nicht überein mit der gesellschaftlichen Praxis: Wenn Mädchen/Frauen denn so gar nichts wert sind - warum werden sie denn in den moslemischen Ländern so sorgfältig eingesperrt? Warum drehen Männer reihenweise durch, wenn die Frau sie verlässt? Warum gibt es in China und Indien ein (geheimes Not-)Programm für den Fall, dass die Millionen Männer Amok laufen, weil sie - aufgrund der massenhaften Tötung von Mädchen - keine Frau finden können? Und selbst die gewinnträchtigste Branche der Weltwirtschaft, Pornographie, Prostitution und Frauenhandel beweist eigentlich das Gegenteil.
In jungen Jahren hörte ich das Märchen von der Rationalität und Logik der Männer… (Es ist wohl so wie mit dem Froschkönig!)
lg Dürr
Dürr on 05/26 at 04:49 PM
@ Duerr
das “hallo fräulein” für die weibliche bedienung stand/steht auch in deutschland auf dem knigge-plan.
meistens strecke und recke ich mich , mache mich irgendwie bemerkbar und bitte um die rechnung. wenn in eile , gehe ich auf suche nach meiner servicefrau - auf keinen fall halte ich mich an das `fräulein`, eher entschuldige ich mich für`s bezahlen ;-)
ja, mann macht/e sich schon immer gedanken, wie frauen sich auch durch berufsbezeichnungen `verkleinern` lassen , u.a. als küchenmädchen, dienstmädchen, serviermädchen, barmädchen, fräulein , wo sie u.a. nicht nur in den küchen miserabel und unterbezahlt schuften durften .... zu `mädchenberufe` gibt es bei google eine litanei, `jungenberufe` kennt mann nicht, eher wird an `männerberufe` gedacht ?
Anne on 05/26 at 07:13 PM
Es gibt eine weitere Mädchen-Bezeichnung, und zwar `LauseMädchen`, von dem `LauseJungen` und WetterFrosch Jörg Kachelmann im Liebesrausch benutzt; der sich inzwischen nicht als der erhoffte MärchenPrinz herausgestellt hat. Laut `Bunte` benötigte der Vielfraß während seiner Brunft bis zu 14 Geliebte, alle wurden bestückt mit dem `Kosenamen` Lausemädchen - per Rundbrief/SMS konnten so an alle Frauen gleichzeitig Gute-Nacht-Grüsselis versendet werden - Namensverwechselungen garantiert ausgeschlossen, grummel ...
Komisch, wenn`s lausig wird, scheint die Symmetrie zu stimmen ...
Amy on 05/27 at 01:48 PM












