Meine Schwester heißt Polyester
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Dreißigste Lektion.
Vor einer Woche machte mich Daniele Frijia auf einen Artikel in der Badischen Zeitung aufmerksam. Berichtet wurde von den derzeit beliebtesten Namen in Freiburg, dazu brachte die Zeitung noch “Kuriositäten und Geschichten” rund ums Standesamt.
Los ging’s mit folgender Kuriosität: “Euro wollte ein Freiburger Elternpaar sein neugeborenes Mädchen nennen. Kein Problem, wäre es ein Junge gewesen. Stattdessen einigte sich die zuständige Standesbeamtin mit den Eltern auf die eindeutig weibliche Version …”
Na was glauben Sie wohl??
... Eurone.
Dazu meinte Daniele Frijia trocken: “Ich dachte, es müsse Eura heißen, aber ich bin ja auch kein Standesbeamter, offensichtlich zu Recht.”
Eurora, Eureka wären ja auch noch denkbar gewesen, aber den Eltern kam es wohl mehr aufs Geld an. Wünschen wir also der kleinen Eurone jede Menge Euronen.
Wie im übrigen das Volk auf die Idee gekommen ist, die Euros in Euronen umzutaufen, weiß ich nicht - aber ich finde diese Verweiblichung natürlich sehr angenehm, wohlklingend, und auch noch lustig.
Stellen Sie sich bloß mal vor, die Eltern hätten das Mädchen “Barack” nennen wollen, und nun müsste die Kleine als “Baracke” durch die Gegend laufen. Vielleicht hätten Eltern und Standesbeamtin sich dann auf “Obama” einigen können? Die bekannteste Person namens Obama ist zwar ein Mann, aber es gibt auch eine bekannte Frau und zwei Mädchen, die so heißen. Und mit der Endung -a hat der Name für Deutsche die amtlich geforderte weibliche Anmutung.
Apropos: Der derzeit beliebteste Name für Jungen in Freiburg ist - Luca. Für alle, die nicht wissen, dass es sich dabei um die italienische Form von Lukas handelt, wirkt er weiblich. Das macht aber anscheinend nichts. Ein Fall von Genderblending, der Hoffnung aufkommen lässt - auch angesichts des (weiblichen!) Topmodels Luca Gadjus.
Mögen Andrea (ital. für Andreas) und Gabriele (ital. für Gabriel) in der Hitliste männlicher Vornamen ebenso flott vorankommen wie Luca!.
Daniele, der mir die Nachricht schickte, ist ja auch so ein Fall. Joey meinte, “Ist das nicht eine Frau?” “Nein”, sagte ich, “Daniele ist die italienische Form von Daniel.” Sie mögen halt am Wortende keine Konsonanten, die ItalienerInnen. Musikalisches Volk, sangliche Sprache!
Die Badische Zeitung meldete noch folgende “Kuriositäten”:
Als ungewöhnliche Mädchennamen gingen im vergangenen Jahr auch Chardonnay, Ger sibelle und Shenandoa durch. Exotische Jungennamen waren unter anderem Barnaby, Faustus und Sokrates.
Die Mädchen werden also gerne nach Unpersönlichem benannt, wie Geld (Euro/ne), Traubensorten (Chardonnay), Kunststoffe (Polyester in dem Sketch aus Loriots Ödipussi), Landschaften (Shenandoa) oder Stadtteilen (Chelsea, Tochter von Hillary und Bill Clinton) - die Jungen eher nicht, und das liegt natürlich an ihrem höheren Status. Faustus, Barnaby und Sokrates sind eindeutig Männernamen, wenn auch hierzulande (noch) ungebräuchliche.
Ann Dunham, Barack Obamas Mutter, hieß eigentlich Stanley Ann. Ihr Vater, Stanley Dunham, hatte sich einen Jungen gewünscht und nannte seine Tochter, die ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte, einfach nach sich selbst. Später legte sie dann den peinlichen Männernamen ab und nannte sich nur noch Ann.
So ungewöhnlich das für uns klingt - es entspricht doch exakt den amtlichen Vorschriften für deutsche Vornamen. Dazu meldet Wikipedia:
Es ist nicht ausschlaggebend, ob der gewünschte Vorname ausgefallen ist, vielmehr muss aus ihm das Geschlecht des Kindes eindeutig hervorgehen. Wird ein Vorname in verschiedenen Kulturkreisen einem anderen Geschlecht zugeordnet, so muss zur Klärung ein zweiter, eindeutig geschlechtsspezifischer Vorname gewählt werden. Entscheiden tut das der Standesbeamte. Dagegen könnten die Eltern natürlich dennoch Widerspruch einlegen, üblicherweise wäre das ein Oberlandesgericht.
Gut, dass dem Kind eine Ausweichmöglichkeit gegen elterliche Willkür mit auf den Weg gegeben wird. Aber wie ist es zu erklären, dass das deutsche Namensrecht so streng auf geschlechtliche Eindeutigkeit achtet, wo doch die deutsche Grammatik das genaue Gegenteil verfolgt, nämlich die Vermännlichung aller Deutschen? Wie ja in dem obigen Zitat wieder deutlich zu sehen: Der Standesbeamte - kann auch eine Frau sein, “er” ist heutzutage sogar meistens eine Frau.
Aber muntere Gegenkräfte sind emsig am Werk: Bei der Namensgebung werden die Geschlechtergrenzen aufgeweicht, und in der Grammatik setzen Doppelformen, Neutralisierung, das große I (StudentInnen) und das umfassende Femininum wirksame Akzente gegen die sture Vermännlichung.
Übrigens hätten Eltern und Standesbeamtin/er die kleine Eurone ja auch einfach “Europa” nennen können. Die war schließlich eine Frau und da kommt der Name “Euro” dann auch her. Insofern verstehe ich auch gar nicht, warum es DER Euro heißt und als Jugenname OK ist.
Es gibt ein Lied von Johnny Cash zu diesem Thema: “A boy named Sue”.
Herzliche Grüße, Cleo
Cleo on 01/31 at 04:22 PM
Da der TEuro so eine Segen für uns ist und uns Millionen ins Geldtascherl schaufelt, vermute ich, dass “Euronen” aus Euro und Millionen zusammengesetzt wurde. “Eurone” wird daher wohl eine “Euro-Millione” sein :)
Schubidu on 02/02 at 09:27 AM












