Pfingsten: Ausgießung der heiligen Geistkraft oder Verzückte Zungen

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Zweiunddreißigste Lektion.

Heute meldete die dpa:

Nur etwas mehr als die Hälfte der Deutschen kennt die Bedeutung des Pfingstfestes. Das ist das Ergebnis einer Umfrage für die «Bild am Sonntag». Demnach wissen 49 Prozent nicht, dass an den beiden Feiertagen der «Ausgießung des Heiligen Geistes» und der Gründung der Kirche gedacht wird.

Was hingegen die dpa und “Bild am Sonntag” nicht wissen:  “Der Heilige Geist” ist aus der Mode, heute reden wir stattdessen von der “Heiligen Geistkraft” (Bibel in gerechter Sprache). Andere sagen wohl auch “Heilige Geistin”. Gemeinsam ist den Neufassungen, dass sie die Weiblichkeit des Originals, des hebräischen (ruach) wie des griechischen (sophia), in der deutschen Übersetzung wiedergeben wollen. Schließlich ist eine rein männliche Hl. Dreifaltigkeit nicht mehr zeitgemäß; außerdem wird die Heilige Geistkraft durch eine Taube symbolisiert und nicht durch einen Täuberich!

Das eigentümliche Wort Pfingsten leitet sich von griech. πεντηκοστή [ἡμέρα] (pentekostē [hēmera]) her und bedeutet „der fünfzigste Tag“. Am 50. Tag nach Pessach / Christi Auferstehung waren die Jünger und Jüngerinnen versammelt - und erlebten also die “Ausgießung der heiligen Geistkraft”: Flammen züngelten über ihren Häuptern, und plötzlich konnten sie “in Zungen reden”, so dass auch Anderssprachige sie verstehen konnten. Bei Luther liest sich “das Pfingstwunder” so (Apostelgeschichte 2, 1-6):

Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an “einem” Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen. Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.

Frauen gab es damals anscheinend noch nicht. Und das Wunder hielt auch nicht lange an, sonst bräuchten wir nicht so viele Bibelübersetzungen. Auf bibleserver.com gibt es allein acht (!) verschiedene Bibelübersetzungen in deutscher Sprache, 4 in englischer, außerdem Übersetzungen in 30 andere Sprachen.

All diesen Übersetzungen gemeinsam ist das eifrige Bemühen, die Frauen auszumerzen.

Und so fehlt denn auch bei bibleserver.com die schöne neue Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache, in der der obige Passus wie folgt aussieht:

Als der 50. Tag, der Tag des Wochenfestes, gekommen war, waren sie alle beisammen. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Tosen wie von einem Wind, der heftig daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie sich aufhielten. Es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich zerteilten, und auf jede und jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Da wurden sie alle von heiliger Geistkraft erfüllt und begannen in anderen Sprachen zu reden; wie die Geistkraft es ihnen eingab, redeten sie frei heraus. Unter den Jüdinnen und Juden, die in Jerusalem wohnten, gab es fromme Menschen aus jedem Volk unter dem Himmel. Als nun dieses Geräusch aufkam, lief die Bevölkerung zusammen und geriet in Verwirrung, denn sie alle hörten sie in der eigenen Landessprache reden.

***
Was fällt der frauenbewegten Frau sonst noch zu Pfingsten ein? Das Lesbenpfingsttreffen, eine ehrwürdige Einrichtung, die es schon in den 20er Jahren gab. 1992 wurde sie der nichtchristlichen Mehrheit zuliebe in Lesbenfrühlingstreffen (LFT) umbenannt. Vom Pfingstwunder des Zungenredens können trotzdem die meisten Lesben auch beim LFT schöne gefühlvolle Lieder singen.

Luise F. Pusch am 05/30 um 07:21 PM | Druckversion

Zum Glück gibt es jetzt die “Bibel in gerechter Sprache” - wenn sie auch leider noch nicht als Kulturgut in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Sie wird sicherlich noch lange nicht in den Kirchen vorhanden sein und dort benutzt werden ...
Vor ein paar Jahren kam ich (als typische Nicht-Kirchgängerin) an Pfingsten in einen Gottesdienst der katholischen Kirche. Der Pfarrer sagte sinngemäß: “Es ist gleich, welche Funktion wir im Leben ausüben, es ist allein entscheidend, welch Geistes Kind wir sind, wenn wir die Kirche wieder verlassen!” Für mich heißt das: Der Ausmerzung des weiblichen Geistes und dessen Leistungen in Kultur und Gesellschaft bis zum heutigen Tage entschieden entgegenzutreten, wo immer sie uns auch begegnet und auffällt. Das erfordert Mut, zu diesem kann uns die göttliche Geistkraft verhelfen, wozu sollte sie überhaupt da sein, wenn nicht dazu, Ungerechtigkeiten entgegenzutreten?

Evelyn  on  05/30  at  09:09 PM

Zu Pfingsten faellt mir das Österreichische Frauenforum Feministische Theologie ein, weil sie frueher ihre Jahrestagungen abgehalten haben.

Alison  on  05/30  at  09:33 PM

Die Bibel in gerechter Sprache bringt durch Hinzufügungen z. B. von Frauen Verfälschungen mit sich und verschleiert dadurch, dass monotheistische Religionen nun mal frauennegierend bis - feinlich sind. Da hilft auch keine ruach. Auf der anderen Seite zeigt die Übersetzung aber auch klarer die misogyne Haltung Gottes zu Frauen, wenn er in Genesis 2, 16 zu Eva sagt: ” Ich sorge dafür, dass deine Lasten groß und deine Schwangerschaften häufig sind. Nur unter Mühen wirst du Kinder bekommen. Auf deinen Mann richtet sich dein Verlangen. Doch der wird dich beherrschen.” So klar hatte das Martin Luther nicht sagen wollen, obwohl er nicht dafür bekannt ist, frauenfreundlich gewesen zu sein. Zitat: “Lass sie(die Frauen)sich ruhig zu Tode tragen. Darum sind sie ja da.”
Mir gefällt dennoch die Idee zu Pfingsten, da wir uns gegenseitig Mut machen sollten, Frauen immer wieder anzusprechen und Dinge beim Namen zu nennen. Gudrun Nositschka

Gudrun Nositschka  on  05/31  at  11:10 AM

Heißt das denn nicht auch, dass die Flammenzungen der Heiligen Geistkraft die Sprachverwirrung des Babelturmes wieder aufheben?  Einst waren nämlich alle Menschen vereint und sprachen dieselbe Sprache. Als die Männer dann den phallischen Turm bauten zum Aufzeigen ihrer Macht, wurde die Gottheit zornig und zerstreute die Menschen über die ganze Erde. Sie machte auch ihrer gemeinsamen Sprache ein Ende, damit die Machtgierigen nie wieder eine Chance hätten, sich ihr gegenüber so arrogant zusammenzutun.
Jetzt kommt zu Pfingsten die Heilige Geistkraft und erfüllt die Herzen – sofort verstehen alle die flammenden Zungen, wenn sie auch eine andere Landessprache reden. Schöne Aussicht für die Welt!
Noch was: War die Heilige Geistkraft eine Taube, hätte denn Maria nicht Lesbe sein müssen? Und hätte Jesus nicht 2 X-Chromosomen haben müssen…?

Joey Horsley  on  05/31  at  11:58 AM

“Ausgiessung…” eine merkwürdige formulierung und erinnert mich fast schon an`s blei/giessen. Mit beginn dieser männl. ausgiessung wurde in der über zweitausendjährigen herrkömmlichen und frauenfeindlichen kirchengeschichte den frauen eine enorme last - schwer wie blei - auferlegt.
Frau kann sich nur mit abscheu v.d. frauenfeindl. bibeltexten und zitaten der heute so hochgeschätzten alten kirchenmänner - wie wohl auch M. Luther und apostel Paulus - distanzieren.
Ein geburtstagsfest, auf das ich gut verzichten kann.
Auch in zukunft wird i.d. kath. kirche mit der dreieinigkeit ausschließlich männlich gedacht.
Keine spur von erleuchtung? 

Die amerik. feminist. theologin Jane Schabeberg schrieb i.d. 80er jahren: ” ...bis sie schwanger wurde, war Maria jungfrau, ein junges mädchen von viell. 12 jahren, ledig, unfreiwillig schwanger, erniedrigt, viell. sogar vergewaltigt.” Für ihre theorie bekam sie eine menge hassbriefe,  und aufgebrachte katholiken setzten damals ihr auto in brand.

Welch schreckliche `verbindung` mit dem alten ehemann Josef .... :-( das scheint mann völlig zu ignorieren ! Bedienten sich die alten herren nicht immer schon gerne junger mädchen ?       
 

“Die weiber sollen i.d. gemeinde schweigen, denn es kann ihnen nicht gestattet werden zu reden, sondern sie haben sich unterzuordnen ...”
Apostel Paulus (1. Korinther 7,1)

“..wer mag alle leichtfertigen und abergläubischen dinge erzählen, welche die weiber treiben ... es ist ihnen von der mutter Eva angeboren, dass sie sich äffen und trügen lassen.”
Martin Luther, frauenkenner

Ein merkwürdiger pfingstbrauch existiert in manchen landesteilen m.d. `bosheitsnacht` - hier können die burschen wieder mal so richtig unfug betreiben - ebenso genutzt von chaoten bis hin zu vandalismus/verwüstungen - auch eine art,  mit der gnade des hl. geistes übergossen zu werden.

Llg v. Anne

Anne  on  05/31  at  02:35 PM

Nicht Gott schuf den Menschen (Mann) nach seinem Bild, sondern der Mensch (Mann) schuf Gott nach seinem Bild. Fazit: Sämtliche so genannten Weltreligionen, die monotheistischen wie auch Buddhismus, Hinduismus, Lamaismus usw., sind frauenfeindlich.
Frau sollte sich also fragen, ob sie noch glauben oder nicht lieber zu denken anfangen sollte!

Herzliche Grüße
Silke Gyadu
P.S.: Die kultur- und religionsgeschichtlichen Hintergründe in
http://www.sonnengoettinnen.de

Silke Gyadu  on  06/01  at  12:00 PM

In der Tat wurde die blutjunge Maria nach der biblischen Überlieferung nicht nur ungewollt, sondern unfreiwillig schwanger, indem sie ungefragt geschwängert, also vergewaltigt wurde. Dass einer über sie gekommen war, erfuhr sie erst durch einen Engel. Jane Schaberg - so muss der Name lauten - hat damals den Finger in eine der tiefsten Wunden der christlichen Religion gelegt. Die Umoperation der Rippe von Adam ist harmlos dagegen.

Oliver  on  06/02  at  06:37 PM

Ich habe durch meiner Mutter von der sprachgerechten Bibel gehört. Aber ehrlich, in meinen Augen ist das ein Pflästerchen, das mir den frauenverachten Teil des Bibelinhalts kein bisschen schmackhafter machen kann. Ich bin da raus, Nacheditierungen hin oder her.

@Joey: Falls das eine Frage war, Pfingsten wird tatsächlich als Spiegel des Turmbaus zu Babel gehandelt.

Caroona  on  06/03  at  12:52 PM

Einige theologinnen, wie Lone Fatum von der universität kopenhagen, bezweifeln, daß es überhaupt frauenfreundliche texte in der bibel gibt:
“Es ist eine patriarchalische konstruktion von androzentrischen symbolwerten, es ist eine hierarchische konstruktion, definiert von ehre und scham oder schande. Es ist eine konstruktion, die außerordentlich hierarchisch etabliert ist. Es gibt bibelstellen, die schlechter sind, aber es gibt nicht bibelstellen, die besonders geeignet sind, frauen zu christlicher erbauung zu helfen.”

Die vielen lat. kirchenväter hielten die frauen für schuldig, die erbsünde in die welt gebracht zu haben und eine ständige quelle der verführung zu sein. Die theologen des MA führten diese ansichten über die schuldhaftigkeit der frau weiter. In nachscholastischer zeit findet frau echten frauenhass und -verfolgung. Die story über den sündenfall eine fatale wirkungsgeschichte für frauen - eine anti-frauen-rhetorik, die sich in der christl. theologie doch so vehement halten konnte - und das alles mit bezug auf die bibel.

Inzwischen habe ich mind. 6o frauenfeindliche zitate und aussprüche von `geschätzten` kirchenmännern bis ca. ins 2o. jahrhundert gelesen -  und bin so ziemlich entsetzt und aufgereizt… 
Ich meine, daß zukünftig die vielen historischen belege von `frauenhass` weder verschleiert oder vergessen werden sollten - insbesondere was die über jahrhunderte anhaltende frauenverfolgung betrifft, die mit dem hexenwahn gerechtfertigt wurde:
“Also schlecht ist das weib von natur, da es schneller am glauben zweifelt, auch schneller dem glauben abschwört, was die grundlage von hexerei ist” aus Der Hexenhammer - eine männliche antwort von H. Kramer, dominikaner und inquisitor, hexentheoretiker 15. jahrhundert (einer der vielen wegbereiter der hexenverfolgung der frühen neuzeit) an unbequeme, denkende und nicht ins männliche konzept passende frauen mit verheerenden folgen. Dieses buch ist seite für seite voll des verbissenen frauenhasses und bis ins 17. jahrhundert hinein in 29 auflagen erschienen.
Und wie lange hat es in der geschichte gedauert, bis frauen überhaupt ihre rechte auf freie entfaltung und gleichberechtigung gegen männliche hybris und vorherrschaft durchsetzen konnten.

Unglaublich auch die schönrederei um eine unfreiwillige schwangerschaft der blutjungen `Maria` (nötigung/vergewaltigung). Ein wahres meisterstück patriarchal. geisteskraft - mutter und jungfrau zugleich als gottesgebärerin .... zur belohnung für demut, unterwerfung und opferbereitschaft.  So liebt/e mann die frauen? :-(
Der sohn Jesus schien da eine distanzierte haltung zu seiner mutter gehabt zu haben - nach überlieferten szenen spricht er Maria niemals mit mutter, sondern mit frau an/frau, was habe ich mit dir zu schaffen? Joh. 2,4.

Ist bei der ausgiessung und verbreitung des hl. geistes im christentum nicht eine menge daneben ausgeschüttet worden , wenn im namen des `herrn` grausame kreuzzüge/eroberungskriege, gräueltaten, frauenhass -verfolgung begangen und kirchlich abgesegnet wurden?
Erst vor ein paar jahren rief Rumsfeld noch mit Petrus und Jesaja zum krieg gegen den irak auf, u.a.
- ..deshalb ergreift die waffenrüstung gottes, damit ihr an dem bösen tag widerstand leisten und alles überwinden und das feld behalten könnt (Epheser 6,13)usw.
Lt. magazin GQ habe Rumsfeld seine streng geheimen lageberichte f.d. präsidenten Bush zum verlauf des militäreinsatzes auf den titelseiten mit bibelzitaten versehen.

Nun ja, die bibl. texte sind auf weitesten strecken von ca. 4o männern geschrieben worden, und zwar aus ihrer männl. perspektive - `denn ihr alle seid söhne gottes durch den glauben an christus jesus`, Paulus 3,26 -  es muss Paulus äußerst schwer/gefallen sein,  die den männern `untergeordneten` frauen als töchter gottes direkt zu erwähnen? schliesslich waren sie durch ihn auch i.d. gemeinde zum schweigen verdammt…

Liebe grüsse v. Anne (entschuldigung für mein   abschweifen und den längeren kommentar)

Anne  on  06/05  at  12:43 PM

Tja, da fällt mir doch nur der Spruch von Bert Brecht ein:

“Pfingsten,
sind die Geschenke am geringsten.
Während Ostern, Geburtstag und Weihnachten
immer etwas einbrachten…”

Tante Amalie  on  06/05  at  08:27 PM

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