Übung macht die Maestra

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Neunte Lektion

Nach dem Feminar zur Sprachkritik in Bozen luden meine Freundinnen Heidi und Ingrid mich zum Abendessen ein. Beim Nachtisch (Eis mit selbstgemachtem Holunda-Likör) diskutierten wir das Problem von Ingrids “master’s thesis”, die sie in Kürze abgeben muß. Sie macht damit, nach vier Semestern Studium, ihren “Master of Advanced Studies in Palliative Care” am IFF, dem Institut für Fortbildung und Forschung der Uni Klagenfurt. Die Arbeit muß in geschlechtergerechtem Deutsch abgefaßt sein, sonst wird sie nicht angenommen.

Diese Vorschrift ist einerseits sehr erfreulich, andererseits kann Ingrid ihr ja nicht gut nachkommen, wenn sie die Arbeit mit “Master-Arbeit von Doktorin Ingrid W.” untertitelt. Was tun?

“Ich spreche in letzter Zeit öfter von meiner Webmeisterin, schlug ich vor. Webmaster steht einer Frau nicht, webmistress geht höchstens als Witz und ist für seriöse Geschäftskorrespondenz nicht geeignet.

Aber Meisterinnenarbeit gefiel uns auch nicht. Zu lang und zu plump.

Bis zur europaweiten Einführung des Master-Studiengangs sprachen wir ja von der Magistra-Arbeit. Die Durchsetzung dieses Worts hat viel Einsatz gefordert - nun ist es schon wieder überholt.

Maastricht? Maastrix? - wir drifteten ab ins Absurde, was bei solchen Diskussionen immer schnell passiert.

Maestra - kam mir plötzlich die Erleuchtung. Sie gefiel uns allen auf Anhieb.

Maestro ist international die ehrfürchtige Anrede für Dirigenten; Mary Daly: Lieber MisterEctomy als HysterEctomy).
Die Master-Card und die Maestro-Card können so bleiben - oder?

 

Luise F. Pusch am 11/25 um 11:56 PM | Druckversion

“Maestra” gefällt mir gut! Aber im Englischen ist “webmistress” kein blosser Witz. Die beiden “Webmizzes” von Women in German (US-amerikanischem feminist. Germanistinnenbund) z.B. nehmen ihr Amt (und ihren Titel) gebührend ernst, soviel ich weiss.

joey horsley  on  11/26  at  03:21 PM

Wow! Wie mutig! “Webmistress” oder auch “Mistress” kenne ich aus dem Englischen, allerdings mehr aus ‘m Slang oder Underground-Art. “Maestra” klingt fantastisch und liest sich auch gut im Satzbild. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich gerade meine ersten literarischen Schritte gehe und mich noch nicht über -“Innen” als Endung hinaustraue. Ich möchte das gerne mal später beruflich machen und traue mich einfach momentan noch nicht, weiter zu gehen, aus Sorge darum, die Kerle, auf die ich möglicherweise angewiesen sein werde, gleich zu Beginn zu sehr zu verschrecken. Ich sehe das ja im kleinsten Kreise: Bekam gerade ein Angebot der wohl ersten und einzigen sozialistischen Black Metal Band, dort die Bassgitarre zu spielen. Mal sehen, klingt reizvoll. Linke Socken sind wir alle, aber als ich letztens mal wirklich ernsthaft feministische Themen jenseits von handelsüblicher Gleichberechtigung im Alltag ansprach, herrschte allgemein breites Grinsen im Raum, die vier Männer hielten mich einfach für nett und begabt,aber wie üblich “schräg drauf”. Mmhhh :-(

Kalinka

Kalinka Humperdinck  on  11/26  at  07:45 PM

Liebe Luise Pusch!

Im Rahmen der Forschungen in der damaligen (1991 -2000) feministischen Mädchenschule “Virginia Woolf” führten wir bereits im Jahr 1995 dieses wunderschöne Wort Maestra in die östereichische feministische Diskussion ein. Ich werde die Artikel die es dazu gibt (in “Mädchen bevorzugt” und einem Buch der Frauen der “Frauenhetz” etc.)in Kürze per Mail senden. Ich freue mich jedenfalls sehr dass dieses wunderschöne Wort jetzt wieder zu hören und zu lesen ist.

Herzliche feministische Grüße aus Wien
Ruth Devime

ruth devime  on  12/02  at  04:31 PM

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