Wir sind Weltmeista!

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Siebte Lektion

Heute nachmittag habe ich mir im Fernsehen das Endspiel der Fußballweltmeistaschaft in Shanghai angesehen - wow! Über die brasilianischen und die deutschen Fußballerinas oder -ballerinen ist nicht viel zu sagen, die waren einfach phänomenal, ja geradezu fembional.
Aber die Leistung des Reporters Norbert Galeske möchte ich hier mal fachfraulich bewerten.
Zuerst aber noch ein Wort über das Absingen des Deutschlandlieds. Die Frauen sangen fröhlich mit, stockten nicht mal bei den unhöflichen Wörtern “brüderlich” und “Vaterland”. Na vielleicht dachten sie an einen schnuckeligen kessen Vater.
Nur Birgit Prinz nahm die Lippen nicht auseinander. Recht hat sie. Da muß sich erst noch einiges tun mit diesem Lied für einen Männergesangverein.

Was hat uns nun der Reporter sprachlich geboten?
A Positiva:
• Seine Haltung war im allgemeinen anerkennend und respektvoll - ein wohltuender Unterschied zu herablassenden Kommentatoren der Vergangenheit, die vor gröbsten Sexismen nicht zurückschreckten.*** Nichts dergleichen bei Galeske.
Genau so positive Noten bekommt unser Innen- und Sportminister Schäuble für seine verbale Leistung nach dem Sieg der deutschen Frauen. Er strahlte vor Glück - auch das haben wir gern.
• Dafür, daß er die Brasilianerinnen beim Vornamen nannte, entschuldigte sich Galeske - das sei halt in Brasilien so üblich, auch bei den Männern, z.B. hieße es doch immer nur Ronaldo und Ronaldinho.
Früher hätte der Reporter auch die deutschen Spielerinnen plump vertraulich beim Vornamen genannt und keinerlei Erklärung für nötig gehalten.
• Fast immer wurde von den Spielerinnen, den Brasilianerinnen, den Norwegerinnen usw. gesprochen, nur selten gab es da Ausrutscher ins vertrautere Maskulinum. “Kapitänin Birgit Prinz” und “Torfrau Nadine Angerer” kam dem Reporter schön geläufig von den Lippen.

B Negativa:
• Das Wort Mannschaft gebrauchten sie alle, die Spielerinnen, ihre Trainerin Silvia Neid und auch der Reporter. Das viel passendere Team kam nur selten zum Einsatz, von dem ausdrucksvollen Frauschaft erst gar nicht zu reden.
• Wir sind jetzt “Frauenfußballweltmeister”. Oder einfach “Wir sind Weltmeister”. Aber gegen diese Verunglimpfung der Frau haben wir ja einen akustischen Selbstschutz entwickelt. Wir hören das einfach als “Wir sind Weltmeista”, wie wir es in den vergangenen Lektionen eingeübt haben. “Wir sind Weltmeisterin” - nein, dafür war ich früher mal. Jetzt sind wir was besseres.
• Mann redet von “Fußball” auf der einen und “Frauenfußball” auf der anderen Seite. Im Skisport und in anderen Sportarten, wo Frauen schon früher Fuß gefaßt haben, gibt es Damen und Herren (“Abfahrtslauf der Herren”, “Damentennis”). Im Fußball gibt es dagegen bisher nur Frauen. Der Männerfußball heißt - noch - “Fußball”. Aber das wird sich ändern, genauso wie die “Frauenfußballmannschaft” (klingt fast wie “Frauenmännerklo”).

Ausblick:
Unsere Kanzlerin teilte bei ihrer ersten Neujahrsansprache dem verdutzen Volk mit: “Die Frauen sind ja schon Weltmeista, und das trauen wir den deutschen Männern auch durchaus zu.” Nun, unsere Männer haben’s nicht ganz geschafft, die deutschen Frauen dagegen gleich zweimal hintereinander, das gab’s hier noch nie. Noch dazu ohne ein einziges Gegentor während der gesamten Weltmeistaschaft.
Von daher glaube ich, daß mit “Fußball” bald nur noch “Frauenfußball” gemeint ist. Was die Männer bieten, ist dagegen - naja, eben Männerfußball.

*** Anne Beck schickte uns den Hinweis auf eine instruktive Webseite zur Geschichte der verschreckten bis haßerfüllten Männerreaktionen auf den Frauenfußball in Deutschland. Die sehenswerten! Abbildungen dort stammen aus dem Buch Verlacht, verboten und gefeiert - Zur Geschichte des Frauenfußballs in Deutschland, von Eduard Hoffmann und Jürgen Nendza, Landpresse Verlag,10 Euro.


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Luise F. Pusch am 09/30 um 09:37 PM | Druckversion

Die Berichterstattung ist fortschrittlicher als manche glaubt: heute lief mir ständig ‘Frauenfußball’ und ‘Männerfußball’ über den Bildschirm, und ‘Fußball’ auch, klar, aber ganz im Sinne von: ‘Fußball’ - der Ball, der Fuß.

Allerdings, jetzt komme ich ins Grübeln. Der Fußball, den Männer nutzen zum spielen, und der, den Frauen nutzen zum spielen - sind die etwa unterschiedlich? Ist der Frauenfußball aus Rauleder, etwas leichter und kleiner? Oder wie?

Ich will niemand langweilen, es ist nur so eine Idee aus der Rubrik: Ich steige in den Flieger, ich steige in das Flugzeug. Ich spiele mit dem Fussball, und es ist mir wurst, ob er nun von Frauen oder Männern hergestellt wurde. Früher schauten wir den Fußballspielern zu (resp. den Fußballspielerinnen), die wurden dann amputiert zu Fußballern und Fußballerinnen - die Ballerinas gefallen mir gut. Balletballerina, Fußballballerina - wo da doch soviele Primadonnas (männliche, ohje, wie heisst das korrekt? ;) unterwegs sind. Gut, und heute schauen wir nur noch dem Fußball zu. Vielleicht war das der Grund, warum der DFB sich durchgerungen hatte, Frauen zum Fußballspielen zuzulassen. Immerhin, ‘Blond und heterosexuell ist ein Glücksfall’ (Schlagzeile in Welt-online von heute). Es ist also noch viel zu tun, in Punkto Sexismen und Berichterstattung.

Undine  on  10/01  at  12:41 PM

Die Geschichte des Frauenfußballs zeigt, mit welchen Vorurteilen und Irrtümern (auch von Medizinern) dieser Sport von Männern abgehandelt wurde; Spott, Polemik u. auch tätlichen Angriffen waren Frauen jahrzehntelang ausgesetzt. `Verstoß gegen die Natur und Gefahr f.d. Überleben der menschl. Rasse` war u.a. auch ein Argument der Gegner des organisierten Frauensports; weitere haarsträubende Begründungen mag ich gar nicht weiter anführen. 1955 verbot der DFB den Frauen das Fußballspielen `aus ästhetischen Gründen und grundsätzl. Erwägungen `ganz. Auch durch die Emanzipationsbestrebungen der Frauen wurde i.d. 70er Jahren der Bann gegen Frauenfußball endlich aufgehoben.
Diese Frauenfußballspiele 2oo7 haben mir gezeigt, wie schön, spielerisch klasse und erfolgreich Frauenfußball ist - gegenüber d. hochdotierten Fußballspielern in der `Theater-Treterliga`.
1989 bekamen die Europameista vom DFB tatsächlich ein Kaffee- und Tafelservice geschenkt, etwas manntasielos.
Auch bei der Endspiel-Fernsehübertragung hätte ich mir gerne eine Berichterstatta gewünscht. Negative Stammtischparolen zum Frauenfußball gibt es leider noch genügend. Deshalb - es gibt viel zu tun in punkto Anerkennung, Alltagssexismen, Berichterstattungen.
Danke, liebe Luise, für diese gute Weltmeista-Glosse.

anne beck  on  10/01  at  06:26 PM

Liebe Frau Luisa,

ein kanadischer Radiomoderator bei der CBC, unserem Nationalsender, hat letzten Montag allerlei Leistungen vom vorigen Wochenende aus der internationalen Sportwelt gelobt – ohne die deutschen Fuβballspiela zu erwähnen.  (Übrigens ist der Zweck seiner Sendung klassische Musik zu spielen, aber er führt gerne Selbstgespräche zu Sport, Politik und Kultur – meistens mit einem starken männlichen Hang.) Wir Zuhoera setzten uns sofort per Email ein, was dazu führte, dass der Moderator sich am Dienstag nicht nur entschuldigte, sondern auch diesen Sieg im Detail lobte und zum Schluss ein Lied von einem deutschen Frauenchor spielte. 

Ein Tor für die Frauen!

Ellie Kennedy  on  10/07  at  07:06 PM

...ach Luise,
ich könnte dich küssen für den Artikel!!
Was haben wir gelacht, Gabriele und ich.
Komm doch mal wieder, im Januar haben wir eine kleine Ausstellung zum Thema Sprache und Geschlecht.
Liebste Grüße Jacqueline

Jacqueline aus Magdeburg  on  10/10  at  06:46 PM

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