Zeugemutter und Jungfernzwinger in der Barocke

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Dreiundvierzigste Lektion.

Letzte Woche habe ich während der Hausarbeit und vor dem Einschlafen Egon Friedells Kulturgeschichte der Neuzeit (1927-31) in Auszügen gehört. Faszinierend! Hier gibt es die Hörfassung des kompletten Mammutwerks mitsamt Kommentar zum Runterladen.

Ich will heute nur zwei Dinge herausgreifen, die mich seither beschäftigen. Zum einen schreibt Friedell nicht “der” oder “das Barock”, wie wir das gewöhnt sind, sondern “die Barocke”:

S. 550: … ist die französische Barocke keine reine Barocke
S. 551: Alle dieser Varianten finden sich in der Barocke zu einem gewissen Grade vereinigt.
S. 561: … als ob die Barocke, die in Leibniz kulminiert, einfach die Tendenzen der Renaissance fortsetzen würde*

FrauenbildIch habe bis jetzt nicht herausbekommen, ob das eine Redeweise ist, die mit Nachdruck geächtet wurde, denn schließlich ist sie uns heute völlig ungewohnt - oder ein Austriazismus. Auf letztere Idee brachten mich meine Recherchen im Internet, wo ich einen Artikel von Alfred Polgar fand, der noch im Jahre 1950 folgendes von sich gibt: “Friedell war eine Figur der österreichischen Barocke, verpflanzt ins 20. Jahrhundert.**

Vielleicht können Leserinnen mir Auskunft geben, wie es zu “die Barocke” kommt und ob das irgendwo noch heute gesagt wird. Ich finde natürlich, dass wir den hübschen Ausdruck wiederbeleben sollten. Kann gar nicht genug Feminina geben. Und mit der Barocke werden ja sowieso überwiegend üppige ”barocke” Frauen assoziiert, wie Rubens, jener Inbegriff der Barocke, sie so gern malte.

Mein zweiter Friedell-Fund ist folgende Stelle:

Zur Reinigung der Sprache von den zahlreichen spanischen, italienischen und französischen Brocken wurden zwei große literarische Vereine gegründet: 1617 die Fruchtbringende Gesellschaft oder der Palmenorden, 1644 die Pegnitzschäfer oder der gekrönte Blumenorden […]. Aber der Purismus, den diese Reformer so eifrig betrieben, war nichts als gewendete Kauderwelscherei. Der rabiateste von ihnen, Philipp von Zesen, begnügte sich nicht damit, alle Fremdwörter zu exkommunizieren, sondern wollte auch den griechischen Göttern nicht ihre ehrlichen Namen lassen, indem er Pallas in Kluginne, Venus in Lustinne, Vulkan in Glutfang verdeutschte, und duldete nicht einmal gute deutsche Lehnwörter, indem er Fenster in Tageleuchter, Natur in Zeugemutter und sogar Kloster in Jungfernzwinger übersetzte: eine besonders grausame Maßregel, durch die die ohnehin schon durch ihre Lehnwortbenennung kompromittierten Mönche auf die Straße gesetzt werden. (S. 433f.)

FrauenbildAuch aus dieser Passage können wir einige nette Ausdücke in unsere Sprache übernehmen. Zeugemutter statt oder neben Natur finde ich apart, zumal ja heutzutage das Zeugen irreführenderweise meist dem Manne allein zugerechnet wird.

Von Kluginne und Lustinne können wir das Wortbildungsprinzip übernehmen: Wir hätten dann neben dem Wüstling, Schönling, Lüstling die Wüstinne, Lustinne, Schöninne - ob wir sie so dringend brauchen, ist eine andere Frage. Aber gut sowas für den Bedarfsfall in Reichweite zu halten.

Der eigentliche Grund aber, weshalb ich Friedell so ausführlich zitiert habe, ist sein Tadel für den “Kloster”-Ersatz “Jungfernzwinger”. Nicht dass da Jungfern in einem Zwinger gehalten werden, regt ihn auf, sondern dass die armen Mönche sprachlich übergangen, “auf die Straße gesetzt” wurden.

Werden nicht Frauen durch das sogenannte generische Maskulinum pausenlos auf die Straße gesetzt? Dafür hat natürlich auch ein Friedell keinerlei Bewusstsein, wie denn überhaupt in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit Frauen fast gar nicht vorkommen.

Ein faszinierendes Werk, wie gesagt. Aber nicht nur aus den Gründen, für die es berühmt ist.

Und der “rabiate” Philipp von Zesen? Das scheint ein einfallsreicher Herr gewesen zu sein, mit dem wir Feminaristinnen uns mal etwas gründlicher befassen sollten.

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Nachtrag am 28. Februar 2010:
Eben erhalte ich von Herbert Gnauer, dem Initiator und Leiter des Friedell-Hörprojekts, folgende Nachricht:

“Das Rätsel um ‘die Barocke’ wurde mittlerweile aufgeklärt. Heyse’s Fremdwörterbuch, 10. Aufl. 1872 schreibt unter dem Stichwort
barock:

fr., baroque, schief, schiefrund, unregelmäßig, verzerrt….
Barocke, f., der Barockstil

Es handelt sich also mitnichten um einen Austriazismus. Des weiteren wurden in einer Literaturdatenbank 75 Vorkommen der Wortkombination ‘die Barocke’ bis in die 50er Jahre des XX. Jhdts entdeckt. ‘Die Barocke’ dürfte zu Friedells Zeiten vermutlich etwas exotisch, aber jedenfalls nicht gaenzlich unerhört angemutet haben.”

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*Zitiert nach Friedell, Egon. 1984 [1927-32]. Kulturgeschichte der Neuzeit: Die Krisis der europäischen Seele von der schwarzen Pest bis zum 1. Weltkrieg. Ungekürzte Sonderausgabe in einem Band. München. Beck.
**Aus “Der grosse Dilettant. Egon Friedell und seine Kulturgeschichte der Neuzeit - Der Mann und das Werk.” Der Monat 16/1950, S.410-419)

 

Luise F. Pusch am 02/07 um 03:18 PM | Druckversion

Danke für den Hinweis auf den einfallsreichen Philipp von Zesen. Wie sich sogar Wikipedia entnehmen lässt:
http://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_von_Zesen
hat er ziemlich viele Wörter erfolgreich eingedeutscht, so kam etwa zur “Bibliothek” die “Bücherei”. Außerdem ist der Mann ziemlich rumgekommen in Europa und hat eine berufstätige Frau, eine Leinwandhändlerin, geheiratet.

Judith Rauch  on  02/07  at  05:39 PM

Wie ich gelesen habe - wurde Diana zur Weidin; eine Pomona zur Obstin , Vesta zur Feurin, Juno zur Himmeline ... (u.a. gartengötze, wahrsagegötze, schmiedegötze) 
Waren die Jungfernzwinger zu beginn nicht auch   erziehungs- und einzige -bildungsstätte; sowie die letzte zufluchtstätte vieler frauen vor dem patriarchat - obwohl auch dort nicht immer ausreichend schutz gewährleistet war vor den rabiaten männl. jungfernBezwingER und jung/frauenschändER..

Danke für die vielen interessanten hinweise, auch zur kulturgeschichte der neuzeit…

Anne  on  02/07  at  08:03 PM

In uebertragenen Sinn sind auch die zoelibataere Moenche “Jungfern” - auf alle Faelle, nicht bemannt;-) halt viri verginali….

Alison  on  02/07  at  10:00 PM

... neben `jungfernzwinger`gibt es f.d. kloster-ersatz auch `mannszwinger`- sicherlich hat sich diese gerechte wortschöpfung damals nicht durchsetzen können - sind mönche keine männer oder dachte mann eher erfahrunsgemäss an ein eingegittertes gehege für manche tier- und menschenarten?  ein synonym für klosterfrau ist die `braut christi`- für den klostermann scheint es nichts ähnliches zu geben - hier geht er nun leider auch leer aus… ?

Anne  on  02/07  at  10:58 PM

mich sehr beflügelnde glosse.gegen das monopol der männlichen zeugung bin ich schon lange vehement aufgetreten,es ist auch heute noch im kollektiven unbewussten verbreitet: “der mann zeugt, die frau gebiert”,was suggeriert, dass den ausschlaggebenden teil, die leibesfrucht, er liefert. Dass der mann bloß zeugt, die frau hingegen zeugt, austrägt, gebiert und, wenn sie dies wünscht und physisch auch leisten kann, auch nährt… und verantwortet(!) wird traditionell überbewertet. der zeitaufwand bei der männlichen zeugung gegenüber dem der vielfältigen weiblichen investitionen für das hervorbringen/aufkommen (=generieren von generare=zeugen) der leibesfrucht lässt sich ja auch nicht als erhebliche anstrengung bewerten. “Zeugemutter” für “natur” ist reizend, erinnerte mich daran, wie aufwändig frauen zeugen. Sie sind DIE ERZEUGERINNEN der leibesfrüchte - und nicht nur regenerativ, bloße äcker, in die der same gelegt wird, wie es die monotheistischen religionen erklären. Aus diesem grund gelten z.b. im islam sämtliche nachkommen eines mannes (auch von verschiedenen frauen) als vollgeschwister, während die kinder einer frau mit verschiedenen vätern nur halbgeschwister sind.

brigitte  on  02/12  at  12:19 PM

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