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Amalie Joachim

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geboren am 10. Mai 1839 in Marburg an der Drau
gestorben am 3. Februar 1899 in Berlin

österreichisch-deutsche Altistin


Amalie Joachim geb. Schneeweiß stammte aus Marburg an der Drau, damals Steiermark, heute Slowenien. Der Vater, kaiserlicher Beamter und Amateurgeiger, starb früh. So musste sie schon als Kind mit Näharbeiten und ihrem Gesang die Mutter und eine kranke Schwester ernähren. Mit 14 Jahren stand sie das erste Mal auf der Bühne. Ihre Bühnenlaufbahn unter dem Namen Weiss führte von Troppau über Hermannstadt/Siebenbürgen (heute Rumänien)  an das Wiener Kärtnertortheater (1854-1862). Dort wurde sie in acht langen Jahren nur in kleinen Rollen eingesetzt. Mutter und Schwester erkrankten, sie machte Schulden, um Behandlungs- schließlich die Beerdigungskosten tragen zu können.

Amalie Joachim

Die Chance ihres Lebens bot sich, als Bernhard Scholz, damals Hofkapellmeister in Hannover, nach Wien kam, um sie auf Empfehlung eines Kollegen zu hören. Seine Beschreibung des Erscheinungsbildes, das sie bot, ist sehr aufschlussreich:

»Ich werde es nie vergessen, wie ich in der bescheidenen Wohnung ein junges Mädchen traf, das mit einem zierlichen Häubchen auf dem Kopf, eine blütenweiße Schürze vorgebunden, mir weit eher wie ein bürgerliches Haustöchterchen denn als eine Bühnenkünstlerin erschien.«
(Scholz, Bernhard, Verklungene Weisen, Mainz 1911, S. 156f.)

Scholz engagierte sie vom Fleck weg.

Um 1860 galt die königliche Hofoper in Hannover als eines der führenden deutschen Musiktheater. Generalintendant und Chef des Orchesters war der Graf von Platen-Hallermund, Bernhard Scholz (1835-1917) war Hofkapellmeister und der berühmte Geiger Joseph Joachim Konzertdirektor. Die Unterlagen der Verhandlungen zwischen Platen und Amalie Schneeweiß sind vollständig im Hannoveraner Theatermuseum erhalten. Sie geben einen detaillierten Einblick in den Theateralltag der Zeit. Ein Vergleich der Wiener und der Hannoveraner Verträge zeigt, dass die geschlechtsspezifischen Benachteiligungen in Hannover größer waren als in Wien. Auch die Regelungen im Krankheitsfalle waren nun ungünstiger: Halber Gehaltsabzug wie in Wien, aber bei einer länger als dreimonatigen Krankheitsdauer drohte in Hannover die fristlose Kündigung. Ihrer Bitte, zumindest während der Periode monatlich drei Tage frei zu bekommen, wurde nicht stattgegeben. Jetzt wurde monatlich fünf Prozent der Gage für den Pensionsfonds des Theaters als Alterssicherung abgezogen, während der Wiener Fonds ausschließlich über Einnahmen aus Benefizveranstaltungen finanziert worden war.

Das Engagement in Hannover als 1. Altistin bedeutete den sängerischen Durchbruch für Amalie Schneeweiß. Am 13. Dezember 1862 trat sie das erste Mal gemeinsam mit Joseph Joachim auf. Sie sang die Arie der Leonore aus Beethovens Oper Fidelio, er spielte Beethovens Violinkonzert. Zwei Monate später waren die beiden verlobt. Sie war 24 und er 32 Jahre alt. Die Freunde waren von Joachims Partnerwahl begeistert, allen voran Johannes Brahms. Anders Joachims Verwandtschaft. Sie lief Sturm gegen diese Verbindung. Die Braut war nicht jüdischer Herkunft wie Joachim, der sich allerdings in Hannover hatte taufen lassen,  und dazu noch eine »Bühnenkünstlerin«.

Amalie Joachim

Die Hochzeit in der Schlosskirche am 10. Juni 1863 glich einem Staatsakt. Die Königin von Hannover, Prinzessinnen und Damen der höheren Gesellschaft waren zugegen. Mit der Heirat war der Abschied von der Bühne verbunden. Warum stand Amalie Schneeweiß wie Tausende anderer Sängerinnen vor der Alternative Ehe oder Bühne? Sängerinnen galten als potentielle Prostituiere. Vor diesem Hintergrund konnte Amalie Schneeweiß ihre »Unschuld« und die Tiefe ihrer Liebe einzig durch den Rücktritt von der Bühne unter Beweis stellen. Der Verzicht wog schwer: Sie stand erst am Anfang ihrer Laufbahn.

Aber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eröffnete der Konzert- und Oratoriengesang Frauen neue Berufsmöglichkeiten, die als nicht anrüchig galten. So konnte sie weiter auftreten, soweit die rasch wachsende Familie dies zuließ (sechs Kinder), und erwarb sich einen so großen Ruf als Oratorien- und Liedsängerin, dass z.B. Max Bruch die Altpartien in seinen Oratorien Odysseus und Achilleus für sie konzipierte. Die Scheidung des Künstlerpaares 1884 kam einem Skandal gleich. Sie bildete den Abschluss einer vierjährigen Kampfes, in dem es Joseph Joachim nicht gelang, zu beweisen, dass seine Frau ihn betrogen hatte. Dennoch war Amalie Joachim im Gegensatz zu ihrem Mann öffentlich diskreditiert und hatte größte Schwierigkeiten, Engagements zu finden. Einer der wenigen, der sich für sie einsetzte, war Johannes Brahms.

Nach und nach gelang ihr eine neue Karriere vor allem als Schubert-, Schumann- und Brahmsinterpretin. Abgesehen von den beiden ihr gewidmeten Duetten op. 28 und den beiden Gesängen für Alt, Bratsche und Klavier op. 91 hat sie viele Brahms-Lieder ur- und erstaufgeführt. Sie setzte sich auch für Lieder von Komponistinnen wie Clara Schumann und Clara Faißt ein. Amalie Joachim war bis zu ihrem Tod offen für alle zeitgenössischen Entwicklungen. Sie engagierte sich für Hugo Wolf und Richard Strauss, und brachte die beiden Wunderhornlieder Einsame Schildwacht und Verlorene Müh von Gustav Mahler mit Orchester zur Uraufführung (Berlin, 12. Dezember 1892). Gemeinsam mit Heinrich Reimann entwickelte sie Programme zur Geschichte des deutschen Liedes, mit denen sie ab 1891 auf Konzertreisen ging. Sie führten sie bis in die USA . Außerdem gründete Amalie Joachim in Berlin eine Gesangsschule, in der sie, damals eine Novität, mit den Atemtherapeutinnen Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen zusammenarbeitete.

 

Beatrix Borchard

Borchard 2007 – Stimme und Geige



Borchard, Beatrix (2007): Stimme und Geige. Amalie und Joseph Joachim. Biographie und Interpretationsgeschichte. Mit CD-Rom. Wien. Böhlau (Wiener Veröffentlichungen zur Musikgeschichte, 5). ISBN 978-3-205-77629-1.
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Da der Titel alle relevanten Quellen dokumentiert, sei für weitere Recherchen darauf verwiesen! AN


Bildquellen

Goethe-Universität Frankfurt am Main
Stadtmuseum Bonn
Wikimedia
Digitale Bibliothek, Band 113

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