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Annette Kolb
geboren am 3. Februar 1870 in München
gestorben am 3. Dezember 1967 in München
deutsche Schriftstellerin und Pazifistin
140. Geburtstag am 3. Februar 2010
Annette Kolbs Markenzeichen sind die verspielten, ja teilweise bizarren Hüte, die sie zeitlebens trägt, um ihr schütteres Haar zu verbergen. Diese neckische Marotte und ihr großbürgerliches, gelegentlich aber auch hilflos-naives Auftreten täuschen über den scharfsichtigen, unbeirrbaren Blick hinweg, mit dem sie das Zeitgeschehen beobachtet. In Zeiten des Hasses auf den »Erbfeind« versucht die Deutsch-Französin zu vermitteln – vergeblich. Zweimal – 1916 und 1933 – rettet sie sich ins Exil.
Annette Kolbs Mutter Sophie Danvin entstammt einer französischen Künstlerfamilie und ist eine begabte Pianistin. Ihr Vater Max arbeitet als Gartenarchitekt und Leiter des Botanischen Gartens in München und ist Gerüchten zufolge ein illegitimer Sohn König Maximilians II. Annette ist das drittjüngste von sechs Kindern, die das Säuglingsalter überleben. Sie besucht sechs Jahre lang eine Tiroler Klosterschule, in der sie unter der heuchlerischen Frömmelei und der unmenschlichen Härte und Abgestumpftheit der Nonnen leidet. Daraus entwickelt sich eine lebenslange antiklerikale Haltung, obgleich Annette Kolb überzeugte Katholikin ist. Schließlich nimmt ihre Mutter sie von der Schule und schickt sie auf ein Lehrinstitut in München. Noch in späteren Jahren bedauert Annette Kolb die Halbbildung, die sie aus ihrer Schulzeit mitgenommen hat.
Intime Kontakte zu Männern lehnt sie ab – Schwärmereien für Mitschülerinnen verarbeitet sie später literarisch. Im Salon ihrer Mutter lernt Annette Kolb zahlreiche Künstler, Bohèmiens und Diplomaten kennen, denen sie Einladungen in verschiedene europäische Länder verdankt. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts reist sie unabhängig und ohne männliche Begleitung durch verschiedene Länder.
Ihr erstes Buch – eine Aufsatzsammlung, mit der sie sich zum Gespött des gesamten Bekanntenkreises macht – lässt Annette Kolb auf eigene Kosten drucken. Der Durchbruch als Schriftstellerin gelingt ihr erst 1912 mit dem Roman »Das Exemplar«. Ihr schriftstellerisches Werk umfasst Romane, Biographien (z.B. über Mozart, Schubert und Aristide Briand), Übersetzungen, Reisebeschreibungen und vor allem Artikel und Essays über die politische Situation Europas. Ihr bekanntestes Werk ist der autobiographisch gefärbte Roman »Die Schaukel« (1934).

Annette Kolb wird stark von ihrer deutsch-französischen Herkunft und den Auswirkungen des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 geprägt. Von klein auf hängen für sie Familienharmonie und Politik zusammen; »Völkerverständigung« ist keine Phrase, sondern Alltag. Bereits 1904 bemüht sie sich um Vermittlung zwischen Deutschland und Frankreich und betont, dass die gegenseitige Ablehnung nur auf Unkenntnis beruhe. Darüber hinaus müssten Pazifismus und Patriotismus keine Gegensätze sein. Einen Mitstreiter findet sie in dem elsässischen Schriftsteller René Schickele, mit dem sie bis zu seinem Tod befreundet bleibt.
Bei ihrer ersten pazifistischen Rede 1915 in Dresden wird sie niedergeschrien und die Versammlung geschlossen. Wegen ihrer »Briefe einer Deutsch-Französin« (1916) gilt sie in beiden Ländern als Vaterlandsverräterin. Vom bayerischen Geheimdienst wird sie überwacht und ihre Post ohne ihr Wissen kontrolliert. Schließlich werden ihr seitens des bayerischen Kriegsministeriums Kontakte ins Ausland und jegliche pazifistische Betätigung oder Veröffentlichung untersagt. 1916 emigriert sie mit der Hilfe Walther Rathenaus in die Schweiz, wo sie allerdings weiterhin überwacht wird. Moralisch und materiell unterstützen sie René Schickele und der französische Schriftsteller Romain Rolland. Wiederholt verhilft sie über ihre Bekanntschaft mit dem Diplomaten Harry Graf Kessler französischen Familien aus Elsass-Lothringen, denen die Abschiebung droht, zu Schweizer Pässen.
1922 lässt sich Annette Kolb in Badenweiler in Schickeles Nachbarschaft ein kleines Haus bauen. Zwischen 1919 und 1923 reist sie ständig in Deutschland, Frankreich, Italien und der Schweiz umher – privat und um in Lesungen und Vorträgen für Versöhnung und Pazifismus zu werben. Mit Sorge sieht sie die zunehmende geistige und materielle Verelendung und den weit verbreiteten Hass auf den »Erbfeind« Frankreich ebenso wie auf Jüdinnen und Juden.
Das Jahrzehnt zwischen 1922 und 1933 ist ihr produktivstes. Sie genießt Anerkennung bei Leserschaft, Kritikern und KollegInnen. Sie wird mit Thomas Mann, Hermann Hesse oder Stefan Zweig auf eine Stufe gestellt. In ihrem »Beschwerdebuch« (1932) verurteilt sie sowohl aktive Nazis als auch deren Mitläufer und Opportunisten. Nachdem Annette Kolb im Februar 1933 feststellen muss, dass sie von ihrer Zugehfrau bespitzelt wird, flieht sie mit kleinem Gepäck und einem Taxi über die nahe Schweizer Grenze in ihr zweites Exil. In der folgenden Zeit hält sie sich in der Schweiz, in Luxemburg und Frankreich auf. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Paris flieht sie auf nervenaufreibenden Umwegen nach Lissabon, wo sie sich 1941 nach New York einschifft.

In den USA hat sie keinen beruflichen Erfolg und lebt hauptsächlich von der Großzügigkeit anderer. Daher kehrt sie 1945 zunächst nach Paris zurück und 1961 endgültig nach München. Bis 1964 ist Annette Kolb noch schriftstellerisch tätig, ihre feuilletonistischen Bücher und Aufsätze entsprechen aber nicht mehr dem Zeitgeist. Politisch wird sie Anhängerin Konrad Adenauers. Wieder setzt sie sich für die deutsch-französische Aussöhnung ein, was diesmal auf Widerhall stößt. Sowohl in Deutschland als auch in Frankreich wird sie mit zahllosen Ehrungen und Orden überhäuft, u.a. mit dem Bayerischen Verdienstorden, dem Großen Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland, der Mitgliedschaft in der französischen Ehrenlegion und dem Pour le mérite. Dass sie auf diese Weise für politische Zwecke instrumentalisiert wird, ist ihr bewusst.
Neugierig und unkonventionell ist sie bis an ihr Lebensende. Sie macht noch mit 62 Jahren den Führerschein, und ihre letzte Flugreise führt sie 97jährig nach Israel. 1965, als ihr neunzigster Geburtstag hochoffiziell gefeiert werden soll, bekennt sie, dass sie eigentlich schon 95 ist und seit einem halben Jahrhundert gefälschte Papiere besitzt. 1967 stirbt Annette Kolb in ihrer Wohnung in München-Bogenhausen.
Christine Schmidt
Bauschinger, Sigrid (Hg.) (1993): Ich habe etwas zu sagen. Annette Kolb 1870 - 1967.
AusstellungskatalogMünchner Stadtbibliothek München. Diederichs. ISBN 3-424-01188-6.
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Festner, Katharina; Raabe, Christiane (2008): Spaziergänge durch das München berühmter Frauen. Zürich , Hamburg. Arche-Literatur-Verlag. ISBN 978-3-7160-3604-4.
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Hildebrandt, Irma (1999): Europäerin in München. Annette Kolb (1870–1967). . In: Hildebrandt, Irma: Bin halt ein zähes Luder. 15 Münchner Frauenporträts. 7. Aufl. München. Diederichs. ISBN 3-424-01035-9. S. 90–105.
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Kolb, Annette (1916): Briefe einer Deutsch-Französin. Berlin. Reiss.
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Kolb, Annette (1932): Beschwerdebuch. Köln, Berlin. Kiepenheuer & Witsch. 1953.
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Kolb, Annette (1964): 1907 – 1964. Zeitbilder. Frankfurt am Main. Fischer.
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Kolb, Annette (1995): Die Schaukel. Roman. Frankfurt am Main. S. Fischer. ISBN 3-10-040009-7.
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Schwalm, Jürgen (2006): »Ich mußte es auf meine Weise sagen«. Annette Kolb – Leben und Werk. Bad Schwartau. Literarische Tradition in der WFB-Verlagsgruppe. (Literarische Tradition) ISBN 3-86672-019-X.
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Strohmeyr, Armin (2002): Annette Kolb. Dichterin zwischen den Völkern. München. Deutscher Taschenbuchverlag. (dtv, 30868) ISBN 3-423-30868-0.
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Weitere Werke
Kolb, Annette (1982): Das Exemplar. Roman. Frankfurt am Main. Fischer-Taschenbuch-Verlag. ISBN 3-596-22298-2.
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Kolb, Annette (1983): König Ludwig II. von Bayern und Richard Wagner. Frankfurt am Main. Fischer-Taschenbuch-Verlag. ISBN 3-596-22527-2.
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Kolb, Annette (1983): Wera Njedin. Erzählungen und Skizzen.
Mit einem Nachwort von Hermann Kesten Frankfurt am Main. Fischer-Taschenbuch-Verl. ISBN 3-596-25734-4.
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Kolb, Annette (1984): Spitzbögen. Frankfurt am Main. Fischer. ISBN 3-596-25363-2.
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Kolb, Annette (1987): Franz Schubert. Sein Leben. Frankfurt am Main. Fischer-Taschenbuch-Verlag. ISBN 3-596-25736-0.
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Kolb, Annette (1997): Daphne Herbst. Roman. Frankfurt am Main. Suhrkamp. (Bibliothek Suhrkamp, 1245) ISBN 3-51822245-7.
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Kolb, Annette (1997): Mozart. Frankfurt am Main. Fischer-Taschenbuch-Verlag. ISBN 3-596-25735-2.
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Kolb, Annette (2002): Zarastro – Memento. Texte aus dem Exil.
Mit einem Nachwort von Gabriele Förg München. Allitera. (Edition Monacensia) ISBN 3-935877-47-1.
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Kolb, Annette (2008): Die Schaukel. Roman.
München. Süddeutsche Zeitung. (Süddeutsche Zeitung – Bibliothek, 4) ISBN 978-3-86615-629-6.
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Kolb, Annette; Schickele, René (1987): Briefe im Exil. 1933 – 1940. Herausgegeben von Hans Bender. Mainz. v. Hase & Koehler. ISBN 3-7758-1161-3.
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Weiterführende Literatur
Hinweis: Dies sind keine Literaturempfehlungen, sondern die zum Thema erschienenen Titel – ohne Wertung unsererseits.
Werner, Charlotte Marlo (2000): Annette Kolb. Eine literarische Stimme Europas. Königstein/Taunus. Helmer. ISBN 3-89741-037-0.
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