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Caroline Muhr

geboren am 20. Mai 1925 in Essen
gestorben am 13. Januar 1978 in Bonn-Bad Godesberg

deutsche Schriftstellerin
85. Geburtstag am 20. Mai 2010


Caroline Muhr gehört, mit ihrem schmalen Werk, zu den großen deutschen Schriftstellerinnen. Sie wurde allerdings bisher weder von der etablierten Literaturkritik noch von der Frauenbewegung angemessen gewürdigt - nur der feministischen Literaturkritik beginnt es langsam zu dämmern (vgl. Weigel 1987).  Dabei erfüllt Muhr eine der wichtigsten Voraussetzungen für literarischen Ruhm: Sie ist tot, seit über 30 Jahren.

Bei einer anderen Großen der deutschsprachigen Literatur, Marlen Haushofer, brauchte es 15 Jahre Totsein, bis sie “entdeckt” wurde. Mit ihr hat Muhr überhaupt einiges gemeinsam. Fast Altersgenossinnen, starben beide viel zu früh - Haushofer 1970 im Alter von 49 und Muhr acht Jahre später im Alter von 52 Jahren. Beide setzen sich gründlich mit dem “ganz normalen Elend ganz normaler Frauen”, oft Hausfrauen, auseinander, in einer klaren, scheinbar einfachen Sprache (daher vielleicht auch die lange Verkennung: Zu viele verwechseln Einfachheit mit Kunstlosigkeit). Illusionslose Texte von fast penibler, oft quälender Genauigkeit:

Die ganze Kunst, die Literatur: alles Betrug, alles Scheiße. In der Wirklichkeit ist alles ganz anders. In der Wirklichkeit dauert alles sehr lang, was weh tut. Es ist nicht nach zwanzig Minuten oder zwei Stunden vorbei. Es ist auch nicht wie ein einziger Augenblick, der auf einem Stück Leinwand festgehalten werden kann. Eine schlaflose Nacht dauert sechs oder acht Stunden und nicht so lang, wie ein paar Sätze darüber geschrieben oder gelesen werden. (Freundinnen)

FrauenbildDen Klappentexten ist etwa folgendes zu entnehmen: Muhr (eigtl. Charlotte Puhl) studierte in Marburg und Köln Philosophie, Soziologie und Psychologie und promovierte 1954 über “Nietzsche und die Transzendenz”. Anschließend widmete sie sich der politischen Meinungsforschung und der Synchronisation amerikanischer Dokumentarfilme. Heirat, häufige Studienaufenthalte in England. Hörspiele für den Saarländ. Rundfunk. 1970 erschien ihr erfolgreicher erster Roman Depressionen, der auch verfilmt wurde. 1974 folgte der Roman Freundinnen und 1978 Huberts Reise. Engagiert in der Frauenbewegung, schrieb sie außerdem feministische Lyrik und Liedertexte, u.a. für die Schallplatte Die Bonner Blaustrümpfe singen Protest- und Spottlieder (1977). Lebte als freie Schriftstellerin in Bonn-Bad Godesberg.
Nicht mitgeteilt wird, daß Caroline Muhr sich erhängte. Sie hatte nicht nur immer wieder an quälenden Depressionen gelitten, sondern nach einer Gehirntumorentfernung, bei dem der Gesichtsnerv verletzt wurde, auch an einer Gesichtslähmung. 

“Was, die Muhr ist schon tot?” riefen die meisten betroffen aus, als ich mehr über ihr Leben herauszubekommen versuchte als auf den knappen Begleittexten ihrer drei Taschenbücher zu finden ist. Ja - und anscheinend ist es nur wenigen aufgefallen. Frau kannte wohl ihren Namen, irgendwie, aber vermißt wurde ihre klare Stimme offenbar - noch - nicht.

Ich danke Barbelies Wiegmann, früher bei den Bonner Blaustrümpfen, für ein Gespräch über ihre Freundin. Barbelies: “Sie war ihrer Zeit in der Schärfe ihrer feministischen Analyse immer weit voraus. Aber alle, die sie kannten, Männer und Frauen, liebten sie. Nach ihrem Tod löste unsere Gruppe sich auf. Ihre Gedichte sollten endlich veröffentlicht werden. Eigentlich sind wir Caroline nie gerecht geworden, konnten es wohl auch nicht. Sie war eine große Frau und große Schriftstellerin.”

(Text von 1990, geringfügig aktualisiert).

 

Luise F. Pusch

Muhr, Caroline. 1970. Depressionen: Tagebuch einer Krankheit. Köln, Berlin. Kiepenheuer & Witsch pocket 14.

Muhr, Caroline. 1980 [1978]. Huberts Reise oder Kein Übel ist größer als die Angst davor. Frankfurt/M. Fischer TB 2209.

Muhr, Caroline. 1982 [1974]. Freundinnen: Roman. Frankfurt/M.; Berlin; Wien. Ullstein TB 26006. 

Vogt, Marianne. 1981. Autobiographik bürgerlicher Frauen: Zur Geschichte weiblicher Selbstbewußtwerdung. Würzburg. Vlg. Königshausen & Neumann.

Weigel, Sigrid. 1987. Die Stimme der Medusa: Schreibweisen in der Gegenwartsliteratur von Frauen. Dülmen-Hiddingsel. tende Vlg. S.33-35.